Four Lions


  • Deutscher Titel: Four Lions
  • Original-Titel: Four Lions
  •  
  • Regie: Christopher Morris
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 2010
  • Darsteller:

    Riz Ahmed (Omar), Kayvan Novak (Waj), Adeel Akhtar (Fessal), Nigel Lindsay (Barry), Arsher Ali (Hassan), Preeya Kalidas (Sophia), Craig Parkinson (Matt), Benedict Cumberbatch (Ed)


Vorwort:

Für die britischen Muslime Omar und seinen Bruder Waj geht ein Lebenstraum in Erfüllung – endlich können sie nach Pakistan fliegen und dort in einem Terrorcamp die tieferen Feinheiten des Djihad gegen die Ungläubigen erlernen. Barry, der konvertierte Brite, der als radikaler Vorzeige-Fundamentalist gewisse Notoriätät besitzt und so manche Publikumsdebatte als Experte ziert, ist schwer eifersüchtig und rekrutiert ersatzweise während Omars und Wajs Abwesenheit den jungen Rapper Hassan für die Terrorzelle (der auch noch Fessal angehört, dessen wörtliche Koranauslegung – keine bildhafte Darstellung! – es schwierig macht, Droh- und Bekennervideos zu drehen. Karton über’m Kopf untergräbt die Aussage). Da Omar und Waj zwar guten Willens, aber (besonders Waj) nun nicht gerade die hellsten Lichter unter Allahs Sonne ist, müssen sie nach einem peinlichen Vorfall mit einer US-Drohne, einem Raketenwerfer und einem wichtigen Fundi-Emir Hals über Kopf Pakistan verlassen…

Derartige Rückschläge halten aber einen Mujaheddin-aus-tiefstem-Herzen nicht auf. Irgendetwas MUSS in die Luft gejagt werden. Eine Drogerie (die Kondome verkauft) erscheint Omar irgendwie nicht *ganz* symbolträchtig genug, und Barrys Vorschlag, eine Moschee zu sprengen, auf dass die Tat den Christenhunden in die Schuhe geschoben werden kann und sich die moderaten Muslime erheben, wird vom Konvertiten zwar penetrant vorgeschlagen, aber von Omar aus dann doch eher grundsätzlichen Erwägungen strikt abgelehnt. Nichtsdestotrotz beginnt die Zelle in einer konspirativen Wohnung mit den Vorbereitungen für den großen Selbstmordanschlag (auch wenn Hassans spontaner Entschluss, mit der dauerbekifften Nachbarin in eben dieser Wohnung zum Musikhören und Chillen abzuhängen – ohne vorher den Sprengstoff zu verstecken, für Ärger sorgt), das passende Ziel wird sich schon finden…

Inhalt:

SKANDAL! SKANDAL! SKANDAL! Endlich ein Skandalfilm auf dem FFF!!11 Jedenfalls musste sich Christopher Morris, seines Zeichens streitbarer britischer Comedian und Satiriker, der in seinen TV-Shows gerne mal der humorigen Aufarbeitung eher unzuträgliche Themen wie Pädophilie oder Inzest, eh, aufarbeitet (aber inzwischen auch im Mainstream angekommen ist und u.a. in „The IT Crowd“ dabei war) in seinem Heimatland nicht nur einiges anhören, sondern auch gerichtliche Auseinandersetzungen durchkämpfen – „Four Lions“ unterlag auf der anderen Seite des Ärmelkanals tatsächlich für kurze Zeit einem Aufführungsverbot. Und das alles, weil Morris die Antwort (und eigentlich die einzig richtige und denkbare) auf eine wichtige Frage unserer Zeit gefunden hat: Darf man sich über Terroristen und Terrorismus, und noch dazu über islamistischen Terror, lustig machen?

„Four Lions“ (der Titel ist meines Erachtens eine freche Anspielung auf die „Three Lions“, Englands nicht ganz so glorioses Fußballteam) ist eine Djihad-Komödie, und damit setzt man filmemacherseits sich natürlich mit Absicht in die Nesseln – die vorhin angedeutete einstweilige Verfügung erwirkte, wenn ich recht informiert bin, ein Verband der Opfer-/Angehörigen der Londoner Bombenanschläge; man kann schon verstehen, warum diese Gruppe ein Problem damit haben kann, wenn Terrorcamps und Selbstmordattentäter zu Gag-Material werden, aber Morris sieht das meines Erachtens völlig richtig: es *ist* lächerlich, sich (und möglichst viele andere Menschen) seines Glaubens wegen in die Luft zu jagen, und mit dieser Lächerlichkeit darf und muss man sich auf lächerliche Weise auseinandersetzen, ohne sich gleich dem Verdacht ausgesetzt zu sehen, man würde die Opfer verhöhnen (oder die Täter, je nach Glaubensrichtung). Man muss das als Zuschauer nicht anschauen – und schon gar nicht gut finden -, aber es muss möglich sein; das hohe Gut der Meinungsfreiheit, das auch Idioten wie Sarrazin und Terry Jones schützt, muss es aushalten, dass jemand ohne jeden Respekt und fernab jeder Grenze des guten Geschmacks an das Thema herangeht, wie Morris es hier tut.

Denn bei aller Respekt- und Geschmacklosigkeit legen Morris und seine Drehbuchautoren und Gagschreiber den Finger durchaus in die „richtigen“ Wunden, postulieren tatsächlich relevante Fragen (ohne notwendigerweise Antworten liefern zu können oder wollen). Omar z.B. ist ein „Wohlstandsmuslim“ – er ist westlich assimiliert, arbeitet sogar für den Erzfeind (als Wachmann, er starrt ausgerechnet Überwachungsmonitore an…), hat ein hübsches Haus, seine Frau (die seine Selbstmordpläne unterstützt – als er in einer depressiven Phase kurzzeitig die Aktion ab- und selbst Trübsal bläst, sagt sie ihm sogar: „You were more fun when you wanted to blow yourself up.“ Wie so mancher Kritiker anmerkt, ist das einer der wahrhaft erschreckendsten Einblicke des Films) arbeitet in einem Krankenhaus, sein kleiner Sohn sieht Disney-Filme (auch wenn Omar für die Gute-Nacht-Geschichte die Fabel zur Djihad-Metapher umarbeitet), er amüsiert sich über seinen traditionell islamischen (aber absolut Anti-Gewalt-eingestellten) Bruder (und mokiert sich darüber, dass der seine Frau „in einem Wandschrank“ einsperrt), er ist quasi der Prototyp des voll integrierten Muslim, dem der Koran auch nicht näher liegt als dem normalen auf-dem-Papier-Christen die Bibel, und doch ist er sogar der Kopf der Terrorzelle (im Filmkontext auch der einzige, der ein bisschen was in der Birne hat), ihn plagt offensichtlich eine Art nicht faßbarer Unzufriedenheit, die ihn zum Attentäter werden lässt, vielleicht ist es Geltungssucht, weil er das Gefühl hat, sein Leben wäre ohne größere Bedeutung. Barry dagegen ist der Prototyp des Konvertiten, dessen Radikalität jene der „geborenen“ Muslime noch deutlich übersteigt, der nicht nur glaubt, 110 % geben zu müssen, damit er von seinen neuen Glaubensgenossen ernst genommen zu werden, sondern wirklich Djihadist aus Leib und Seele ist (vermutlich, weil er vor Konvertierung ein armes Würstchen war). Dann hätten wir noch Hassan, den Jungspund (und nachträglich Rekrutierten) im Team, Prototyp des eigentlich auch angepassten unpolitischen jungen Muslim, dem eigentlich HipHop und Mädchen wichtiger wären als Koran und MG, aber durch die hetzerische Islamophobie in die Fänge der Radikalen getrieben wird. Cartoon-Charaktere sind eigentlich nur Waj, der wirklich ziemlich beschränkte beste Freund (oder Bruder, so genau nimmt’s der Film da nicht; okay, nach Lesen einiger britischer Reviews – die verstehen die Dialoge besser – bester Freund) Omars, der (und dessen Vertrauensseligkeit) aber entscheidend ins Finale des Films spielen und Fessal, Typ „bumblin‘ sidekick“ (dessen großer Plan ist, abgerichtete Krähen als „Bomber“ einzusetzen), der dafür die Ehre hat, sich als erster versehentlich zu den 72 Jungfrauen ins Paradies zu bomben. Herzstück des Streifens ist aber zweifellos Omar, und über den machen Morris und seine Autoren sich *nicht* lustig, weswegen sein character arc auch blendend funktioniert und man trotz des Umstands, dass er beabsichtigt, möglichst viele Ungläubige mit sich in den Tod zu reißen, mit ihm sympathisieren kann; aber auch die anderen Gesellen sind, vielleicht mit Ausnahme des am ehesten als klassischem „Schurken“ zu sehenden Barry, durchaus liebenswerte Gesellen, denen man beinahe die Daumen drückt, dass ihr Anschlag tatsächlich funktioniert. Der zentrale Punkt des Script scheint mir eben zu sein, dass die tatsächlichen oder auch nur eingebildeten Ungerechtigkeiten gegenüber dem Islam und Muslimen inzwischen wirklich soweit geführt haben, dass sich die moderaten, die integrierten Muslime, die eigentlich kein persönliches Motiv haben, in den Heiligen Krieg einzutreten, diesen jetzt für angebracht und notwendig halten (nicht von Ungefähr ist es Barrys Mantra, man müsse die Moderaten mobilisieren).

Wenn Morris sein Gag-Potential hauptsächlich aus den hochgradig enthusiastischen, dafür aber umso einfältigeren Versuchen der Möchtegern-Terroristen, ihren Anschlag in die Spur zu bringen, schöpft, heißt das noch lang nicht, dass „wir“ nicht auch unser Fett abkriegen; dies in gehässig-treffenden Bemerkungen der Islamisten, Nebenfiguren wie dem völlig ahnungslosen Politiker, mit dem Barry im Rahmen einer öffentlichen Diskussionsrunde debattiert, Omars nicht minder merkbefreitem Kollegen Matt, den unfähigen Ermittlungsorganen (die sich natürlich auf den per se verdächtigen Bruder Omars einschießen, der, wie wir wissen, Gewaltlosigkeit predigt, aber halt im Kaftan und mit Vollbart rumläuft – hat unschöne Folgen für ihn); satirische Spitzen gen Überwachungsstaat und Folterknäste dürfen ebenso wenig fehlen – aber nie ist zu übersehen, dass einige der absurdesten angerissenen Punkte gerade die sind, die real sind (z.B. dass Terrorzellen gerne via Internet-Chaträumen für Kinder kommunizieren). Morris‘ satirische Comedy ist ebenso ätzend wie treffend, aber, dank großartiger, witziger und endlos quotabler Dialoge eben auch hochgradig witzig, doch trotz aller Schenkelklopfer, die Morris abfeuert, schafft er es, dass das (unweigerlich tragische) Finale berührt.

Formal steht „Four Lions“ in der Tradition des neuen britischen Kinos, vor allem eben des neuen britischen Gangsterkinos – der Look ist zweifellos sehr low-budget, speziell bei den location shoots auf den Straßen Londons; dadurch, dass „Four Lions“ sehr dicht an den Figuren inszeniert ist, d.h. die Kamera ihnen also auch mal sehr auf die Pelle rückt, schafft Morris einen sehr interessanten Kontrast zwischen der low-brow-Slapstick-Comedy (für die er sich nicht zu schade ist) und dem beinahe schon dokumentarischen Look auf die Befindlichkeiten britischer Muslime. Das Tempo ist enorm hoch, die 101 Minuten vergehen wie im Flug (und keinesfalls sollte man den Abspann verpassen, der mit „Outtakes“ der diversen Bekenner-Videos, die unsere „Helden“ im Filmverlauf zu drehen versuchen, gespickt ist und einige der größten Lahcher binhaltet), der Soundtrack höchst geschmackvoll-unterhaltsam zusammengestellt. Trotz einiger Explosionen und damit einhergehender vorzeitiger Lebensbeendigungen bleibt „Four Lions“ unblutig (die „heftigste“ Szene beinhaltet eine von Fessals Krähen); das ist auch gut so, „Four Lions“ soll und will kein Film für die Splattercrowd sein.

Die Schauspieler leisten ebenfalls bemerkenswerte Arbeit – Riz Ahmed, der in Centurion noch wenig Möglichkeiten hatte, sich auszuzeichen (und schon in mehreren djihad-orientierten Filmen auftrat: „The Road to Guantanamo“, „The Path to 9/11 – Wege des Terrors“ oder „Dschihad in der City“) ist perfekt als Omar; das Script gibt sich ja schon redlich Mühe, aus Omar einen wirklichen Protagonisten, eine Identifikationsfigur, einen Sympathieträger zu machen, aber ohne Ahmeds nuanciertes Schauspiel, der zwischen ernsthafter Charakterszene und völlig losgelöster Comedy virtuos balanciert, würde „Four Lions“ nicht halb so gut funktionieren. Kayvan Novak (hauptamtlicher Comedian, aber auch in „Syriana“) zu sehen, hat eine nicht ganz so anspruchsvolle Aufgabe zu erfüllen – sein Waj ist eine eindeutige Comedy-Figur, aber gerade dadurch, dass Novak ihn 90 Minuten lang wirklich „broad“ spielt, wirkt der Schlenker ins Melodramatische am Ende um so heftiger. Nigel Lindsay („Rom“, „Scoop“) macht als Konvertit Barry viel viel Spaß, Adeel Akthar als Fessal und Arsher Ali als Hassan komplettieren und komplimentieren das Terror-Quintett einprägsam; während Ali einen eher tragischen Charakter überzeugend verkörpert, sorgt Akthar mit seinen antics für einige der größten Lacher. Preeya Kalidas („EastEnders“, „Kick It Like Beckham“, „Bollywood Queen“) setzt in ihren Szenen Akzente.

Fazit: Ich hab’s schon öfter angemerkt – Filme, die mit viel Vorab-Hype kommen, halten selten den Erwartungen stand (siehe District 9, Monsters), nicht so „Four Lions“, der jedes seiner Ziele genau zwischen die Augen trifft (im Gegensatz zu seinen Helden). Mag sein, dass sich viele Menschen von diesem Film persönlich angegriffen vorkommen, seien es Muslime, seien es Islamophobiker (wagt es „Four Lions“ doch, die Selbstmordattentäter als Menschen darzustellen), seien es Opferangehörige, Politker oder Journalisten – der Punkt ist aber nunmal: wirklich gute Comedy und vor allem wirklich gute, treffende Satire MUSS weh tun, muss Grenzen überschreiten, muss Tabus hinterfragen und sie ggf. brechen. „Four Lions“ tut all dies – und ist nebenher, trotzdem und gerade deswegen einer der lustigsten Filme des Jahres und auch einer der besten. In einer gerechten Welt würde dieser Streifen nicht mit gerichtlichen Verboten kämpfen, sondern mit Preisen nur so beworfen werden… Der völlig verdiente Sieger des FFF-Publikumspreises (zumindest das FFF-Publikum hat also keinen Schiss vor Fatwas oder dem Zorn der anti-muslimischen Hetzer) bekommt auch von mir die glatte Höchstnote (und nein, mir ist der überhaupt nicht symbolhafte Zufall, dass ich diese Zeilen am 11. September schreibe, nicht entgangen).

5/5
(c) 2010 Dr. Acula


mm
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