Firearm


  • Original-Titel: Firearm
  •  
  • Regie: Darren Doane
  • Land: USA
  • Jahr: 1993
  • Darsteller:

    James Jude Courtney (Alec Swan/Firearm), Joe Hulser (Felix/Duet), James Geralden (Ben Travers), Mark Thorne (Rob Lyle), Derek Stewart (Charlie Cant), Thomas Crawford (Ron Blake), George LaPorte (Sam Daily), Kelly Kidleigh (Lydia), Sara Swanson (Rita Clark), Alena Wilson (Vera Watson)


Vorwort:

Gestern wühlte ich mal wieder in meinem guten alten VHS-Schrank, weil ich mir recht sicher war, noch ein paar alte Tapes zu besitzen, die bis heute keinen DVD-Release erlebt haben und daher zumindest mal auf einen „demnächst mal ankucken“-Stapel gehievt werden sollten. Dabei fiel mir u.a. auch die US-Kassette von FIREARM in die Hände, die mir, wenn ich mich recht erinnere, irgendwann mal der Wortvogel in seinem ständigen ekelhaften Bestreben, sich von physischen Besitztümern zu trennen, vor die Tür geworfen hat. Irgendwie konnte ich keine echten Verbindungen zu Filmtitel, Inhalt oder Darstellern ziehen , was dann schon wieder genug war, mich neugierig genug zu machen, die Kassette nach was-weiß-ich-wie-vielen-Jahren vorsichtig in Richtung VHS-Rekorder zu schieben. Wozu hat man ein Gerät, das klaglos NTSC-Tapes abspielt?
 
Nun, im Gegensatz zu mir sollt Ihr nicht völlig unbelastet in das Abenteuer FIREARM gehen. FIREARM, der Film, ist nur 35 Minuten kurz, war dafür aber ein tie-in zu einem Comic. In den 80er Jahren hatte sich der Independent-Publisher Malibu, einer der ersten Verlage, der „creator-owned“-Comics veröffentlichte, langsam, aber stetig einen Namen gemacht, seine Produktpalette stetig erweitert und dabei auch erstaunliche kommerzielle Ergebnisse erzielt. 1992 hatte Malibu einen Marktanteil von über 10 % und lag damit sogar VOR dem Industrie-Giganten DC! Keine ganz große Sensation also, dass die Neugründung Image Comics mit Malibu koooperierte und die Vertriebskanäle des Verlags nutzte, bevor Image groß genug war, um solo gehen zu können.
 
1993 plante Malibu einen groß angelegten Angriff auf die Konkurrenz mit der Etablierung ihres „Ultraverse“, eines shared universe für eine ganze Reihe von Superhelden, mit einer bewussten Schwerpunktsetzung auf Crossover. Im Ultraverse war es absolut üblich, dass eine in Serie X begonnene Storyline im nächsten erscheinenden Heft der Serie Y fortgesetzt wurde. Heutzutage ist das eine sichere Methode zur Kundenvergraulung (auch wenn Marvel und DC diese Lektion immer noch nicht gelernt haben und mit zwei-drei Crossovers pro Jahr die laufenden Storylines der Einzeltitel unterbrechen, ob das für diese Sinn macht oder nicht), damals war’s noch relativ revolutionär, weil die großen Verlage nur relativ selten serienübergreifende Events zelebrierten und wenn, dann meist, um große Retcons und Reboots vorzunehmen. Die diversen Serien begannen jeweils mit einer Nullnummer, und der Nullnummer von FIREARM wurde der VHS-Film mit der werkgetreuen Adaption der entsprechenden Comic-Story als Gutzi beigelegt (daher auch gleich die Warnung – faktisch funktioniert FIREARM, der Film, als „Pilotfilm“ für eine Serie mit einem durchgehenden story arc, nur, dass die Serie dann eben in Comicform fortgesetzt wurde. Eine Auflösung der Geschichte ist also per Definition nicht vorgesehen).
 
Malibu sollte den Launch seiner Ultraverse-Line nicht zu lange überleben – zwar waren die Kritiken durchaus wohlwollend, aber Mitte der 90er brach, wie jeder weiß, die Spekulationsblase auf dem Comicsektor wuchtig zusammen, was sogar Marvel an den Rand des Untergangs brachte. Als Independent-Verlag konnte Malibu den Crash nicht kompensieren. DC zeigte sich daran interessiert, zur Erweiterung seines Marktanteils die Assets von Malibu aufzukaufen, aus schierer Gemeinheit schlug dann aber Marvel zu und integrierte das Ultraverse als eine der zahlreichen Alternativ-Wirklichkeiten in sein Multiverse. Nach einem Crossover-Event namens „Black September“ stellte Marvel dann die Ultraverse-Reihen ein, rebootete einige ausgewählte Titel und begann einige neue Serien, von denen aber keine länger als eineinhalb Jahre überlebte. Joe Quesada ließ zwar zwischendurch verlautbaren, er sei daran interessiert, einige der Charaktere zurückzubringen, faktisch geschah bis heute aber nichts, was, wenn man dem Buschfunk glaubt, an einer komplizierten vertraglichen Situation mit Malibu-Gründer Scott Rosenberg (u.a. auch Rechte-Halter an den MEN IN BLACK oder COWBOYS VS. ALIENS) liegt, der angeblich einen „laufenden Produktions-Deal“ an allen Malibu-Properties hält, der wahrscheinlich so lange das Wiederaufleben von Mailbu-Charakteren blockiert, bis Disneys Auftragskiller den Mann umgelegt haben oder die Maus ihn anderweitig in der Tasche hat…
 
Soviel als Vorgeschichte, nun zu FIREARM.

Inhalt:

Ein paar Texteinblendungen informieren uns über Grundprämissen des Ultraverse. Aus ungeklärten Gründen transformierte ein Teil der Menschheit zu Wesen mit Superkräften, „Ultras“ genannt. Manche sind Helden, manche Verbrecher, „alle sind gefährlich“… Das ist jetzt alles sehr vage, sehr indifferent, aber es muss als mythologischer Background für unser neues shared universe reichen.
 
Dann befinden wir uns im Büro eines Privatdetektivs, und dessen voiceover beginnt uns zuzutexten. Schon klar, wir machen hier einen auf film noir. Naja, warum auch nicht. Unser Erzähler und Privatschnüffler ist Alec Swan (James Jude Courtney, HALLOWEEN [2018], IN EINEM FERNEN LAND, SOCCER DOG – EIN HUND BLEIBt AM BALL) , und auch wenn uns das erst ein paar andere Figuren später beiläufig in ihren Gesprächen erzählen werden, handelt es sich bei ihm um einen amtlichen Inselaffen (gut, dass man uns das sagt, drauf kommen tät man nicht). Als solcher war er dereinst beim Special Boat Service, und das heißt nicht, dass er irgendwo auf der Themse eine Fähre kutschierte, sondern beim Inselaffen-Äquivalent der NavySEALs aktiv war. Dort ist er aber ausgestiegen und hat sich, auf der Suche nach Ruhe + Frieden, als Privatdetektiv in Pasadena niedergelassen (mir scheint die Profession des Private Eye eher mindergeeignet für „Ruhe + Frieden“, aber ich bin halt auch kein rinderwahnverseuchter Brexiteer). Wie üblich beginnt der Ärger mit einer Frau – Vera Watson (Alena Wilson), Moderatorin einer Nachmittags-Fernsehtalkshow, die von einem Kleinganoven namens Charlie Cant (Derek Stewart, MAJOR DAD) mit irgendwelchen Ferkeleien aus ihrer Vergangenheit erpresst wird. Vera würde es nun gerne sehen, wenn Swan die entsprechenden Beweise aus Charlies gierigen Griffeln entfernt.
 
Wie der Zufall es will, hat Charlie sich gerade wegen eines anderweitigen Drogendelikts von der Pasadena Police festnehmen lassen, und noch zufälligererweise ist der zuständige Detective Ben Travers (James Geralden, DIE KAMMER, AKTE X) ein alter Kumpel Swans. So kann Swan im Nebenraum beim Verhör zukucken. Travers und sein Partner Rob Lyle (Mark Thorne, BIKINI HOTEL) nehmen Charlie ordentlich in die Mangel, und der ist auch ein amtliches Halbhemd und Weichei. Mir ist zwar nicht völlig klar, inwieweit die Ankündigung, dass Swan, wenn Charlie die von Travers gewünschten Informationen rausrückt, fünf Minuten mit Charlie allein bekäme, den Ganoven dazu motivieren sollte, seine Kenntnisse auszuspucken, aber meine Güte, ich muss nicht jede Art abstruser Polizeitaktik verstehen. Charlie wäre prinzipiell durchaus gewillt, das auszuplaudern, was Travers wissen will (komischerweise kapriziert sich Travers auf die Erpressungsgeschichte und nicht auf den Drogendeal, der ihn als Cop eigentlich doch mehr interessieren sollte), aber er ist zwar feige, doch nicht blöd – hinter der Sache steckt, so führt Charlie aus, erheblich mehr, als es den Anschein hat, und der, der dahintersteckt, ist ein ungenießbarer Knochen, einflussreicher Produzent seines Zeichens,, der ihn im Plauderfalle mit Freuden filettieren würde, also beansprucht Charlie die verbindliche Zusage von Polizeischutz, bevor er eine Silbe zur Sach- und Rechtslage preisgibt. Travers und Lyle verlassen den Verhörraum, um Charlie noch ein wenig schmoren zu lassen – die Cops sind sich sicher, dass der Warmduscher eher früher als später einknicken wird. Während Lyle die Gelegenheit nutzt, um in der Abteilung für „Ultra-Detention“ die dort wachschiebende Polizistin Lydia (Kelly Kidneigh, STAR TREK: STARFLEET ACADEMY) anzubaggern – was auf überschaubare Gegenliebe stößt, weil Lydia mittlerweile herausgefunden hat, dass Lyle verheiratet ist – schleifen ein paar andere Cops einen Verdächtigen ins Revier, der sich ein kariertes Taschentuch notdürftig über die Rübe gewickelt hat. Lyle berichtet Travers, dass Lydia zweifelsfrei auf ihn steht, und teilt darüber hinaus mit, dass er hinsichtlich Swans Anwesenheit einigermaßen skeptisch ist. Bevor das näher ausdiskutiert wird, steigt der mysteriöse Gefangene über Tisch und Bänke, zieht zwei Wummen und beginnt großkalibrig blaue Bohnen zu verteilen. Der Killer (Joe Hulser, FINAL APPROACH – IM ANGESICHT DES TERRORS, OF LOVE & BETRAYAL) macht wenig Federlesen und erschießt alles und jeden, der ihm vor die Läufe kommt, und erweist sich dabei als, zumindest aus Cop-Innensicht, unerfreulich kugelfest. Lyle fängt sich eine fatale Kugel ein, Travers kommt mit einem Schuss ins Bein vergleichsweise glimpflich davon und macht sich die zutreffende mentale Rechnung auf, dass der Mördersmann nicht aus Jux + Dollerei aus dem Polizeirevier ein Schlachthaus macht, sondern weil er hinter Charlie Cant her ist. Travers schleppt sich in beschützender Absicht ins Verhörzimmer, kann aber nicht verhindern, dass der Killer Charlie mittschiffs ein geräumiges Luftloch in die Anatomie stanzt. JETZT stürmt Alec Swan durch den two-way-mirror des Vehörraums und lässt seine Superspezialwaffe aus SBS-Zeiten (die ihm seinen ungeheuer einfallsreichen Kampfnamen „Firearm“ eingebracht hat) sprechen. Das rettet immerhin Travers das armselige Leben, aber obwohl Swan dem Killer ein ganzes Magazin oder zwei in die Plauze jagt, kann er dessen Flucht nicht verhindern…
 
Nach dem Gemetzel wird Travers von seinem Kollegen Sam Daily (George LePorte, SECOND CHANCE – ALLES AUF ANFANG, THE GOOD HUMOR MAN) zur Rede gestellt. Nach Sams bescheidener Ansicht ist nämlich alles Swans Schuld, und da Travers Swan erlaubt hat, beim Verhör anwesend zu sein, vererbt sich die Schuld quasi direkt auf den Detective. Travers weist darauf hin, dass der Killer ja überhaupt nicht wissen konnte, dass Swan vor Ort sein würde, aber gegen ein gut abgehangenes Vorurteil ist schwer anzuargumentieren. Swan war da, Swan ist erfahrungsgemäß ein Ärger-Magnet, also alles Swans Schuld. Basta.
 
Später trifft Travers Swan in einer finsteren Gasse. Swan erklärt, dass er den Killer erkannt habe. Der habe mal Felix geheißen und wäre ein minderkompetenter Auftragskiller der dritten Liga gewesen, bis er einen Dämon getroffen habe, der von ihn Besitz ergriff. Um dem Zwei-Seelen-in-einem-Körper-Konzept namenstechnisch Rechnung zu tragen, nenne er sich jetzt als Superschurke „Duet“ und ist, solange der Dämon im Fahrersitz ist, wie bei seinem spektakulären Auftritt im Polizeirevier, praktisch unkaputtbar. Aber nicht unbesiegbar, versichert Swan, und schwört, die zahlreichen Gefallenen des heutigen Tages blutig zu rächen. Travers ist nicht sonderlich überzeugt.
 
Aber Swan hat ja auch noch eine Klientin zu befriedigen. Nach Charlies Tod ist zwar die unmittelbare Erpressungssituation etwas entspannt, allerdings sind die belastenden Beweise nach wie vor irgendwo in Umlauf, also Vera Watson noch nicht zufrieden. Auch nicht zufrieden ist sie mit dem vorgeschlagenen Treffen um 10 Uhr vormittags, denn als erfolgreiche TV-Moderatorin ist sie vielbeschäftigt. Man wird sich um 6 Uhr früh treffen, und das ist ein Befehl. Zumindest ist das die recht eindeutige Botschaft, die Swan auf seinem Anrufbeantworter vorfindet.
 
Also macht sich Swan zu früher Morgenstund auf in ein Diner, wo Vera Watson auf ihn wartet. Naja, technisch gesehen. Praktisch ist Vera bereits tot, durch die Augenhöhle erstochen, getarnt durch eine Sonnenbrille. Das ist unschön. Wenigstens hat Vera ihr Handy dabei (this being 1993 hat es noch das Format eines handlichen Ziegelsteins) und per Wahlwiederholung findet Swan heraus, dass das letzte Telefonat, das Vera in ihrem Leben geführt hat, sie mit dem Filmproduzenten Ron Blake (Thomas Crawford, AIR FORCE ONE, DAS NETZ, CATCH ME IF YOU CAN) verband. Und hatte Charlie nicht etwas von einem einflussreichen Produzenten gelabert?
 
Blake treibt sich, wie es sich für einen anständigen Produzenten gehört, auf einem Filmset herum und geht dort jedem auf die Nerven. Zumindest solange, bis Swan ihn am Kragen packt und ANTWORTEN!! verlangt. Blake, in bester Produzentenmanier herrisch und bossy gegenüber denen, die er herumschubsen kann, aber wieselig und feige, sobald man ihm mit grimmiger Entschlossenheit die Kehle zudrückt, gibt zu, dass es kompromittierendes Material von ihm und Vera gäbe, und er deswegen jemanden eingeschaltet habe, um das Beweismaterial zu apportieren. Dafür hätte Swan womöglich ja sogar noch Verständnis, aber einen psychopathischen Ultra anzuheuern, das geht dann doch einigermaßen zu weit. Swan überlässt den weinerlichen Blake seinem Schicksal, doch da bimmelt Veras Handy. Es meldet sich Duet und der ist nach wie vor in bester Spiellaune. Die bewussten Beweise, unterrichtet er Swan, wären bei Charlies Freundin Rita (Sara Swanson), tja, und Rita herself, die wäre nun, eher unfreiwillig, bei ihm. Ob Firearm vielleicht etwas unternehmen möchte, bevor Duet Rita in ihre Einzelteile zerlegt?
 
Natürlich möchte Swan, und er hat auch eine Idee, wie er Duet finden könnte. Denn wenn alle Stricke reißen, ist der Ort, an dem alles angefangen hat, immer eine Überlegung wert, in diesem Falle das verwüstete Polizeirevier. Unser ruhmreicher Held liegt absolut richtig, was aber nichts daran ändert, dass er treudoof in eine Falle läuft, die Duet ausgelegt hat. Der fiese Ultra muss sich nicht mal sonderlich anstrengen, um Swan zu überwältigen…
 
Als der Detektiv wieder zu sich kommt, befindet er sich in einer gewissermaßen unangenehmen Unpässlichkeit. Er steht auf einem Stuhl, das aber auf Zehenspitzen, weil sein Körper von einer Schlinge um seinen Hals auf selbigen gehalten wird. Da braucht man nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, welch garstiges Schicksal Duet für seinen Erzfeind angedacht hat. Rita ist auch da, gefesselt, geknebelt und insgesamt eher panisch, wohingegen Duet in allerbester Stimmung ist.

Swan bleibt erst mal nur eins – Zeit schinden, und Zeit schindet man immer noch am besten, wenn man des Gegenübers Ego kitzelt. Und bei einer gespaltenen Persönlichkeit bietet es sich an, an die Seite zu appellieren, die für kleine Beleidigungen unter Freunden anfällig ist. Während Swan also heimlich versucht, mit seinen gefesselten Händen sein Notfallmesser aus der Tasche zu fummeln und seine Fesseln aufzuschneiden, beklagt er sich bei Duet, dass die ganze Nummer ja fürchterlich unfair sei, weil Duet als Dämon ja schlechterdings unbesiegbar sei, wohingegen er, also Swan, mit Duets menschlicher Form, also Felix, ja ganz unbestreitbar Schlitten fahren würde. Es gelingt Swan, Duet lang genug zu nerven, bis der seiner menschlichen Hälfte die Kontrolle überlässt. Felix geht wütend grummelnd auf Alec zu, um ihn vom Stuhl zu schubsen, aber natürlich hat Swan sich bereits befreit und rammt sein Messer in Felix‘ Hals.
 
Das tut weh, weil Felix momentan nicht die dämonische Unverwundbarkeit besitzt. Freilich ist Duet nicht doof genug, um nicht sofort wieder die dämonische Seite die Überhand gewinnen zu lassen, was bedeutet, dass Swan allenfalls einen Punktsieg errungen hat. Duet flieht verletzt und Swan kann Rita befreien, aber wir können uns ausrechnen, dass der Dämonen-Ultra jetzt erst recht seine Augenmerk auf Swan legen wird…
 
 
Ehre, wem sie gebührt – ich bin positiv überrascht. Was erwartet man von einem Kurzfilm, der als Beigabe zu einem Comic gedacht ist und vom Comic-Verlag, noch dazu einem Independent-Verlag, auch wenn er zu dieser Zeit kommerziell durchaus erfolgreich war, selbst produziert wurde? Sicher nicht sonderlich viel…
 
FIREARM entpuppt sich allerdings als durchaus kompetent gewerkelter kleiner Noir-Action-Krimi mit Superheldeneinschlag (bzw. hauptsächlich „Superschurkeneinschlag“, unser Held selbst ist ja nicht „super“ bzw. „ultra“). Malibu tat sicher gut daran, eine verhältnismäßig „kleine“ Geschichte zu verfilmen, eine ziemlich bodenständige Angelegenheit, die ohne großes Budget, ohne großen FX-Aufwand, zu stemmen war. Aus Sicht des „Neukunden“ könnte man bekritteln, dass FIREARM nicht unbedingt dazu angetan ist, eine umfassende Einführung in das Ultraverse zu liefern. Viel mehr, als dass es Wesen mit Superkräften gibt und manche davon böse sind, liefert der Film nicht an Hintergrundinformationen, doch das ist für den Film selbst ein Plus – er muss nicht mehr liefern, er muss nicht mehr schlucken, als er bei den beschränkten Mitteln (sowohl was die finanziellen Möglichkeiten an und für sich als auch das Format eines 30-Minuten-Kurzfilms im Speziellen) abbeißen kann.
 
Die Geschichte ist einigermaßen simpel, erfüllt aber ihren Zweck, den Helden und mutmaßlich seinen ersten großen Gegner einzuführen. Wir erfahren gerade genug von Alec, um ihn halbwegs einordnen zu können, aber es ist natürlich logisch, dass wir noch nicht alle Informationen bekommen, die im Laufe einer ongoing series enthüllt werden. Gleiches gilt für Duet – wir bekommen Hinweise auf eine gemeinsame Vorgeschichte von Held und Böswatz, lassen aber auch genug Luft, um ihre Beziehung in den Folgeausgaben des Comics noch vertiefen zu können. Es ist wie in einem guten Pilotfilm – er bereitet das Feld für die kommende Serie vor, wirft da und dort einen Brocken hin, dessen Wert sich erst in den kommenden Folgen erschließen wird, und bemüht sich gleichzeitig noch eine abgeschlossene Geschichte zu erzählen. Das führt, gerade bei dem auf 30+ Minuten eingedampften Format, zu ein paar relativ uneleganten exposition dumps sowohl via Alecs noir’schen voiceover als auch in den Dialogen (zwischen Travers und Lyle, Travers und Daily und dann Travers und Swan selbst). Wie gesagt, das könnte man schon weniger auffällig gestalten, aber da bin ich gewillt, FIREARM großmütig entgegenzukommen – es ist kein „vollprofessioneller“, für kommerzielle Auswertung gedachter Spielfilm, sondern die Zugabe zu einem Comicheft, dass man sich da ab und zu einer erzählerischen Krücke, die im Comic selbst auch nicht so herausstechen würde (weil Comics nun mal auch in Sachen Dialoge und Erzählstil anders funktionieren als Filme), ist verständlich.
 
Dramaturgisch sind wir mit dem Problem konfrontiert, dass FIREARM seinen großen Höhepunkt, den shoot-out im Polizeirevier, recht früh, eh, verschießt und danach nichts mehr kommt, was an Action, Power, Wirkung dem nahe oder gar gleich kommt. FIREARM ist ein Serientitel, der schon primär „Action“ verspricht, aber der Comic bzw. der Film versuchen eben gleichzeitig diese Noir-Schiene zu fahren, und das fügt sich nicht hundertprozentig zusammen, gerade weil die große Action-Szene so explosiv, so gewaltig (im Rahmen eines kleinen Low-Budget-Films), so offensichtlich beeinflusst von der New Wave of Hong Kong Cinema, deren herausragende Vertreter wie THE KILLER oder HARDBOILED gerade begannen, sich die Hollywood-Action-Konventionen untertan zu machen (yeah, Regisseur Darren Duane setzt ein bisschen sehr inflationär auf Zeitlupe, aber auch das ist nix, was John Woo nicht auch gemacht hätte. Wenigstens sind nirgendwo Tauben zu sehen….), ist und damit durchaus Hunger auf mehr macht.
 
Was nicht heißt, dass FIREARM dann, wenn er stärker in Richtung Noir geht, nicht auch effektiv sein kann. Die Szene der Entdeckung, dass Vera Watson Swan tot am Diner-Tisch gegenübersitzt,  ist fraglos gelungen, wie auch das Verhör (mit dem zusehenden Swan), auch wenn, wie gesagt, mir nicht ganz klar ist, warum die Androhung, dass Swan Charlie in die Mangel nehmen darf, WENN Charlie aussagt, den zu einer Aussage bewegen soll. Ein Letdown ist die Klimax – auch wenn ich die Idee, dass Swan Duet am Ego kratzt, um an die menschliche, verwundbare Seite des Ultras heranzukommen, für ganz patent halte, ist das eine, die, denke ich, im Comic besser funktioniert als im Film, da sie einfach nicht die erwarteten Schauwerte für den „Showdown“ (auch wenn, es sei noch mal gesagt, eben eine ganze Serie dran hängt und deswegen kein endgültiges Ende geliefert werden kann) bietet, die man gerade anhand der fetzigen Actionszene zuvor erhofft.
 
Technisch ist FIREARM absolut anständig – meiner  relativen Begeisterung über den großen shoot-out (der auch gut blutig ist) habe ich bereits Ausdruck verliehen. Darren Doane (der einige Musikvideos für Blink-182, Jason Mraz und die Deftones gestaltete, und sich auch mal an einem Weihnachtsfilm versuchte, SAVING CHRISTMAS) ist nicht Gottes vergessenes Geschenk an die Regiezunft, aber er weiß, wie man eine Szene solide aufbaut, wie man eine Actioneinlage ordentlich inszeniert und einen kleinen Aha-Effekt wie die oben erwähnte Vera-Watson-Szene hinbekommt, Kameramann Michael A. Broz (der bei Troma gelernt hat und u.a. an TROMA’S WAR oder TOXIC AVENGER II werkelte, aber auch an Vanilla Ices großem Epos COOL AS ICE), weiß, wie man eine Kamera hält, und die nicht sonderlich aufregenden, aber professionellen Make-ups für Duets Dämonen-Selbst besorgt mit Bob Wesson (PHANTOM NIGHTMARE, IM SCHATTEN DES KILIMANDSCHARO, GREEN STREET HOOLIGANS 2) auch jemand aus der soliden zweiten Liga der Effekttüftler.

Dass sich nicht unbedingt die erste Elite Oscar-würdiger Schauspieler umtreibt, verwundert nicht, aber es ist doch noch immerhin akzeptables B-Niveau. Gut, James Jude Courtney bemüht sich nicht eine Sekunde lang, seine Figur „britisch“ erscheinen zu lassen (was ja zumindest in der Theorie ein integraler Teil seines Charakters sein sollte), aber Joe Hulser ist ein ordentlicher Psycho-Schurke und James Geralden der taugliche sympathische Buddy-Cop. Der Rest des Ensembles ist eh Kanonenfutter...

Einen ganz interessanten Einblick bezüglich Malibus sicher angesichts der damaligen Marktstellung nicht unrealistischen Erwartungen an den Erfolg der neuen Line zeigt die „Limitierung“ des Tapes auf satte 30.000 Exemplare. Ich weiß also nicht, ob FIREARM heutzutage tatsächlich „rar“ ist (obwohl sicherlich die meisten verteilten Exemplare den Weg alles Irdischen gegangen sind, das einzige Stück, das ich auf eBay gefunden hab, wird vom Verkäufer mit zivilen 15 Dollar veranschlagt). Heutzutage wären selbst Top-Titel von Marvel und DC froh, wenn sie noch 30.000 Einheiten absetzen. Bild- und Tonqualität des Films selbst genügen üblichen Ansprüchen, und einen lustigen Werbespot auf den Launch der Ultraverse-Line haben die Malibus auch noch aufs Tape gepackt.

Also, letzte Worte – eine authentischere Comic-Verfilmung wird’s kaum geben (es war ja praktisch der Comic von James Robinson direktemang das Drehbuch). Heutzutage sind Malibu, das Ultraverse und damit Firearm eher obskur, aber auch ein nicht ganz unwesentlicher Bestandteil der Comic-Mega-Bubble der 90er, und da ist FIREARM schon eine interessante Zeitkapsel. Als Film selbst ist das Werk überraschend gelungen, auf kompetentem B-Niveau gearbeitet und zumindest auch einigermaßen solide gespielt. Kein Weitwurf, aber sowohl im zeitgenössischen Kontext als Appeitithappen auf die weitere Comic-Serie sicher durchaus gelungen, und auch als kleiner B-Noir-Actionkrimi nicht verkehrt. Wenn Euch das Teil mal vor die Flinte läuft, könntet Ihr schlechtere Einfälle haben als es zu erwerben...

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 4

BIER-Skala: 6


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