Eine handvoll blanker Messer

 
  • Deutscher Titel: Eine handvoll blanker Messer
  • Original-Titel: I coltelli del vendicatore
  • Alternative Titel: Knives of the Avenger | Rurik - Der Wikinger | Rurik - Mein ist die Rache | Bladestorm | Viking Massacre |
  • Regie: Mario Bava
  • Land: Italien
  • Jahr: 1966
  • Darsteller:

    Cameron Mitchell (Rurik/Helmut), Fausto Tozzi (Hagen), Giacomo Rossi-Stuart (Harald), Elissa Pichelli (Karin), Luciano Pollentin (Moki)


Vorwort

„Die nun scheidende Sonne steht auf den Armen des Mannes, während die Sichel des Mondes im Schoße der Fruchtbarkeit ruht. Zwei Sterne, durch Räume getrennt, wenden ihr Licht aneinander zu, Mann und Frau, nach dem Willen der Götter.“
Eine alte Hexe prophezeit Karin und ihrem Sohn Moki die Rückkehr ihres Mannes König Harald. Doch sie sind in Gefahr, Haralds Widersacher Hagen ist auf der Suche nach ihnen, und so empfiehlt sie die Flucht und die eigenen Spuren zu verwischen. Und tatsächlich ist der verstoßene Hagen mit seinen Mannen schon auf dem Weg zurück in die ehemalige Heimat, um Karin plus Sohn zu suchen und sich ihr als neuen Ehemann aufzudrängen, was ihn zum rechtmäßigen König machen würde. Die Hexe prophezeit ihm seinen Tod und zwar gleich nach ihrem eigenen. Und so läßt Hagen die alte Frau am Leben und schickt seine Mannen auf ins Land, um die Königsfrau mit Kind zu finden. Und die Bemühungen scheinen von Erfolg gekrönt, in einer abgelegenen Hütte entdecken drei der Häscher das gesuchte Weib plus Sohn. Doch just als man dabei ist, beide ganz unbürokratisch zu verschleppen, taucht ein Kämpfer auf, sehr geschickt im Umgang mit den Messern. Zwei von ihnen sind schnell erledigt, mit dem letzten liefert er sich einen Kampf in der Hütte, doch der Kerl kann seinen mit der Axt vorgetragenen, erschlagenen Argument letztlich nichts entgegensetzen. Der Retter stellt sich als Helmut vor, und er verspricht das zerdepperte Mobilar in den nächsten Tagen zu reparieren und lädt sich so selbst zum bleiben ein. Aber ein Mann im Haus ist vonnöten, der junge Moki ist in einem Alter, in dem ein männliches Vorbild wichtig ist, um ein richtiger Wikinger zu werden. Und so unterrichtet Helmut den Jungen im Bogenschießen (wo der sich glatt als Naturtalent entpuppt und gleich mit dem ersten Pfeil ins Schwarze, hier schlicht die Mitte, trifft) und anschließend den Umgang mit dem Messer, z.B. zum Fischfang. Der Jungspund ist damit also ausgelastet und so taut Karin, um ein paar Sorgen ärmer, auch allmählich auf. Eines Abends erzählt sie Helmut ihre Geschichte: Am Tage ihrer Hochzeit mit Harald, die zwei Wikinger-Stämme vereinte, machte Hagen, zuständig für die Grenzsicherung des Hoheitsgebietes, seine barbarische Aufwartung mit zwei aufgespießten Köpfen. Er wäre mit seinen Gefolgsleuten in das Dorf des benachbarten Rurik, der sich selbst gerade auf einem Raubzug (ist halt ’n Wikinger) befand, und töteten alle, darunter auch seine Frau und seinen Sohn (ich mutmaße, auch wenn’s nicht explizit gesagt wird, die beiden Köpfe am Spieß). Er rühmt sich damit, so das Grenzgebiet gesichert zu haben (ich töte alle außer den König und seinen Kriegern, weil die ja bestimmt keine Gefahr darstellen, klar). Umso erstaunter ist er, dass Karins Vater, hauptamtlich sein König, gar nicht so erfreut ist, hat er doch erst letztens ein Bündnis mit Rurik geschlossen. Aber irgendwie hat das niemand Hagen gesagt (das ist tatsächlich blöd gelaufen, macht dessen Aktion aber nicht minder dämlich), der jetzt (wie gesagt, nicht zu unrecht) wie ein Trottel dasteht und mit seinen Leuten aus dem Königreich verbannt wird. Also verdünnisieren sich Hagen und seine Mannen, sichtlich angepisst. Es kommt, wie es kommen muss, die befürchtete Rache des Urik folgt, er fällt sogar ziemlich unerwartet in das Stammesdorf ein, denn ohne Hagens Recken an der Grenze funktioniert der Nachrichtendienst irgendwie überhaupt nicht mehr (tja, und nochmal, scheiße gelaufen). Die Armee des Urik richtet dort ein heftiges Blutbad an, dem auch Karins Vater zum Opfer fällt. Da Harald, der ob glücklicher Fügung überlebte, damit automatisch das Königsamt übernimmt, macht er sich gleich zur ersten Amtshandlung auf, die Toten zu rächen (Rache ist schließlich dicker als Blutwurst), stürzt mit seiner Abwesenheit das Reich ins Chaos. Was sie nicht ahnt, Helmut ist in Wirklichkeit Urik (auf dem Schlachtfeld trägt er nämlich immer einen Helm mit Visier), der Sühne für das Blutvergießen und Vergeltung am wahren Mörder seiner Familie sucht…


Inhalt

Wenn der hiesige Genre-Fan an Mario Bava denkt, kommen ihm dabei entweder Gialli oder Gothic-Horrorfilme in den Sinn, in der Tat zwei Genre, in denen der Meister sehr umtriebig war und die er beide nachhaltig geprägt hat. Aber der Mann war, wie jeder gute italienische Regisseur, eigentlich auf allen Hochzeiten zu Gast. Neben den für die Stiefel-Hanseln obligatorischen Western und Sandalenfilmen drehte Bava 1966 mit „I coltelli de vendicatore“ einer seiner Wikingerfilme (richtig, Plural). Allerdings ist das Wikinger-Setting gegen jedes andere historische austauschbar, denn zum einen gibt es keine speziell auf Wikinger gemünzten Rituale, Charaktere oder andere Indegrenzien, selbst das für solche Art von Film so wichtige Wikingerschiff ist genau einmal im Hintergrund einer Szene zu sehen. Zum anderen ist diese melodramatische Geschichte universell in jeder Sparte des Historienfilms einsetzbar, ob es sich nun unter Rittern, Römern, Griechen, Persern oder eben Wikingern zuträgt. Ich vermute einfach mal, dass das Wikinger-Thema erstmal nicht so ausgelutscht war und obendrein noch ziemlich kostengünstig zu produzieren. Kostüme, Waffen und Gebäude konnte man von verschiedenen anderen Sandalenfilmen übernehmen, die Hauptsache war, dass alles ein bisschen nordisch aussieht. Die Rachestory ist hierbei gar nicht mal schlecht angelegt: Rurik will den Kreis der Blutrache, den er selbst gestartet hat, wieder außer Kraft setzen, indem er den wahren Auslöser, Hagen, beseitigt. Das hätte den neckischen Nebeneffekt, dass auch er seine Rachegelüste befriedigen kann und inneren Frieden findet. Hagen indes ist hier noch am ehesten das, worunter man sich einen Wikinger vorstellt; grausam, rigoros und vom Blutdurst beseelt. Und hingegen zu seinen edelmütigen Kontrahenten entpuppt er sich als Opportunist, allerdings erst als er wegen seines Fehlverhaltens ins Exil geschickt wird. Das qualifiziert ihn dann auch als Bösewicht, was durch andere Verhaltensweise, z.B. feige ein Schild unter dem Oberteil zu tragen (am Ende bedient er sich sogar eines menschlichen Schutzschildes) oder den Plan, Karin nicht nur zu ehelichen, sondern auch alsbald, aber ohne Auffälligkeiten mit ihrem Sohn zu beseitigen, noch unterfüttert wird. So ist Hagen der Katalysator des auch durch ihn verschuldeten Konflikts zwischen Rurik und Harald, dessen Beseitigung die Basis für die Wiedererlangung des Friedens ist. Karin ist dabei, ganz Machismo, eigentlich nur eine Art McGuffin, ein Spielball zwischen den drei Männern. Bava versteht es dabei, dass sich Gefühlsduselei, kernige Duelle und Schlachtengetümmel (obwohl das doch recht kurz kommt) die Waage halten. Das Herzstück des Films stellt dabei die lange Rückblende am Ende des zweiten Aktes dar, denn dadurch, dass er dem Zuschauer wichtige Exposition erst vorenthält, hält er die Spannung doch hoch und kann dann viel Geschichte an einem Stück und ohne Beiwerk schnell abhandeln, ohne dass es zu gehetzt wirkt. Im letzten Akt geht es dann nur noch um die Konfrontation, der Film läßt die Rurik und Hagen zweimal aufeinandertreffen, so bleibt die Spannung bestehen, und auch Harald kann für den finalen Showdown wieder in die Story gebracht werden. Auch für die beiden Könige gibt es im Film zwei Treffen, doch in keinem der beiden ist einer wirklich darauf aus, den anderen zu töten, es geht hier nur um die Befreiung von der Gewalt, der Bereitschaft, den Krieg zu beenden, bevor man sich in eine persönliche Vendetta versteigt. Die Action kommt im letzten Akt nicht zu kurz, nur dass das Ende des feigen Hagens folgerichtig nicht im ehrenhaften Kampf erfolgt. Und Bava treibt das ganze über die Laufzeit flott voran, er hält sich mit keiner Szene über Gebühr auf, sodass die knapp 85 Minuten eigentlich recht schnell um sind.

Regisseur Mario Bava beweist hier wieder in vielen Szenen sein gutes Auge für effektive Ausleuchtung, gerade beim Dreh in dunklen Räumen (der erste Kampf Hagen gegen Rurik findet in einer leeren Taverne statt). Mit Kameramann Antonio Rinaldi arbeitete er in dieser Zeit ein paar Mal zusammen (in „Planet der Vampire“ und auch dem tollen „Die toten Augen des Dr. Dracula“), legte aber auch wieder häufiger selbst Hand an, und so überzeugt der Film auch mit abwechslungsreicher Optik. Bei Bavas Filmen merkt man immer, dass er, bevor auf dem Regiestuhl Platz nahm, selber als begnadeter Beleuchter und Kameramann zu Werke war. Und so entstand die phantastische Optik von Filmen wie „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ in schwarz/weiß, das bunte, aber düstere Farbenspiel mit den schrägen Kamerawinkeln bei „Blutige Seide“ oder auch die schwindelerregenden Kamerafahrten im sonst eher bescheidenen „Baron Blood“. Der Mann war ein Ausnahmekünstler und in seinem Fach seinerzeit nahezu unerreicht.
Der Amerikaner Cameron Mitchell ist als Rurik die Seele des Films. Seine Präsenz, sein Charisma lassen tatsächlich darüber hinwegsehen, dass sein Rurik in seinem Zorn ganze Dörfer niedergewalzt und wehrloses Volk abgeschlachtet hat. Man nimmt ihm den Schlachtenführer, der auf der Suche nach Läuterung ist, locker ab. Der emsige Schauspieler (240 Credits in der IMDb) diente im zweiten Weltkrieg als Bomberpilot, schon davor spielte er am Theater und sogar in einer frühen Fernseh-Produktion. Er spielte auch die Hauptrollen in Bavas beiden vorangegangenen Wikingerfilmen sowie dem Giallo-Klassiker „Blutige Seide“. Der Lungenkrebs hat ihn 1994 im Alter von 75 Jahren dahingerafft.
Mit seinen markanten Gesichtszügen gibt Fausto Tozzi einen passablen Bösewicht ab und absolviert auch den anfänglichen Monolog wirklich bravourös. Sein Hagen scheint immer nur aus der Deckung heraus zu agieren, was ihn eher linkisch erscheinen läßt. Der Römer wurde nur 57 Jahre alt und war in Historienschinken („El Cid“) wie Kriegsfilmen („Tobruk“) oder Euro-Crime („The Opium Connection“) zuhause.
Giacomo Rossi-Stuart spielt den jungen Wikingerkönig Harald, dessen Rolle im ganzen etwas klein geraten ist. Der gute Giacomo war ein zuverlässiger Actor und hatte Rollen in jedweder Art italienischen Kintopps der 60er-Jahre, u.a. „Sodom und Gomorrah“, „Die toten Augen des Dr. Dracula“ und den beiden Sci-Fi-Trashern „Orion 3000 – Raumfahrt des Grauens“ und „Dämonen aus dem All“, später war er auch in den Gialli „Die Grotte der vergessenen Leichen“ und „Die Mörderbestien“ zu sehen.
Die einzige nennenswerte Frauenrolle (es gibt eigentlich nur zwei) in dem Film, die Karin, ging an Elissa Pichelli. Um den Anforderungen dieser Rolle zu genügen, muss sie mal ängstlich und mal verschüchtert dreinblicken, eine damsel in distress halt. Über Frau Pichelli konnte ich auf die Schnelle nichts in Erfahrung bringen, den üblichen Quellen nach ist sie nur für diese Rolle in diesem Film bekannt.
Die Musik ist dem Streifen immer angemessen, ohne große Akzente zu setzen. Das ist alles sehr routiniert, und einen Komponisten wie Marcello Giombini war es wohl egal, ob die Streifen „Mondo Nudo“, „Sabata“, „Die Bestie aus dem Weltraum“ oder „Anthrapophagus“ hießen.

Die deutsche DVD kommt von e-m-s, sie ist die No. 2 in der Reihe „The Films of Mario Bava“. Das Bild im 2,35:1-Widescreen (anamorph) bietet kräftige Farben, ist aber nicht frei von Verschmutzungen, was mich persönlich nun nicht übermäßig stört. Der deutsche Ton ist klar und deutlich, die Synchronfassung okay. Ehemals fehlende Textpassagen sind in Englisch mit deutschen Untertiteln eingefügt. Es befinden sich auch noch der englische Ton und der italienische Originalton mit auf dem Silberling. Für eine HD-Premiere ist er wohl selbst für Fans schlicht zu uninteressant.

Dieser Film, da in der erwähnten Reihe nach „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ veröffentlicht, war bestimmt für den ein oder anderen Käufer, der einen Horrorfilm erwartet hatte, sicherlich eine eher negative Überaschung. Und wer mit italienischen Abenteuer-Kintopp dieser Zeit per se nichts anfangen kann, wird durch diesen Bava auch nicht bekehrt werden. Aber der Meister war halt in allen angesagten Genres tätig, man musste ja auch damals Geld verdienen. Und im allgemeinen hat sich Bava immer ins Drehbuch eingebracht (bis auf „Five Dolls for an August Moon“ und den hasst er), was schon eine gewisse Basis-Qualiät des Endprodukts, abseits der technischen Seite, garantiert. Also, wer sich gerne Abenteuerschinken vor die Linsen klatscht, dem sei auch „Eine handvoll blanker Messer“ ans Herz gelegt. Erfindet das Rad nicht neu, unterhält aber prächtig.


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 7


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