Edgar Wallace – Whiteface


  • Deutscher Titel: Edgar Wallace - Whiteface
  • Alternative Titel: Whiteface
  • Regie: Wolfgang F. Henschel
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 1998
  • Darsteller:

    Gunter Berger (Chief Inspector Higgins), Mariella Ahrens (Barbara Lane), Eddi Arent (Sir John), Rosalind Baffoe (Miss Pattison), Horst Bollmann (Eddie Shapiro), Bojana Golenac (Jacqueline Griffith), Victor Schefe (Paul Norris), Pello (Clown), Uwe Zerbe (Dearborn), Tyron Ricketts (Homer Jackson)


Vorwort:

In London findet die Welt-Thriller-Convention statt, in deren Verlauf der Derringer-Preis an den besten Kriminalautor vergebe n wird. Wie von seiner Lektorin vorausgesehen, wird John Maloney für seinen Roman „Killer Clown“ ausgezeichnet (entweder hat er bei Stephen King geklaut oder einen Blick in die Zukunft ins Jahr der Horrorclowns getan). Viel hat Maloney von seinem umjubelten Gewinn nicht, da er noch an Ort und Stelle per gezieltem Messerwurf von einem mysteriösen ganz in Weiß gekleideten Mann mit einer weißen Gesichtsmaske getötet wird. Der altersbedingt ins Kulturressort versetzte Polizeireporterveteran Eddie Shapiro (Horst Bollmann, DAS AUSGEFÜLLTE LEBEN DES ALEXANDER DUBRONSKI, DAS MILLIONENDING ) nimmt geistesgegenwärtig die Verfolgung des fliehenden Killers auf, doch mehr als dass der weiße Mörder sich mit einem ebenso weißen Mercedes-Cabrio mit Linkslenkung verzupft, kann der keuchende Reporter nicht mehr feststellen.

Mord wird bekanntlich von Scotland Yard sehr kritisch betrachtet und so setzt Sir John (Eddi Arent) seinen besten Mann, Chefinspektor Higgins (Gunter Berger) und seine Assistöse Barbara Lane (jetzt mal wieder Mariella Ahrens) auf den Fall an, während Shapiro seinem Chef die Genehmigung aus dem Kreuz leiert, ausnahmsweise noch mal in seinem alten Ressort ermitteln zu dürfen. Higgins fühlt sich an einen alten Fall erinnert, den sogenannten „Whiteface“-Mörder, der vor etlichen Jahren sein Unwesen trieb und u.a. seinen Vorgänger als Chefermittler, Inspektor Reeves, gekillt hatte, und nie überführt wurde. Hat Whiteface sich aus dem Ruhestand zurückgemeldet?

Auf der Convention herrscht „show must go on“-Stimmung und wie nicht anders zu erwarten verkauft sich „Killer Clown“ – rein zufälligerweise eine Nacherzählung der damaligen Whiteface-Morde – wie geschnitten Brot, ganz im Gegensatz zu den Hardboiled-Cop-Romanen von Homer Jackson (Tyson Ricketts, SOKO LEIPZIG, DOGS OF BERLIN) aus Detroit, auf die Lane steht. Im Verlagsumfeld kommen aber weder Higgins noch Shapiro auf irgendwelche ermittlungstechnischen grünen Zweige, auch nicht, als Whiteface erneut zuschlägt, einen Antiquitätenhändler mit einem seiner eigenen Ausstellungsstücke erdolcht und nur eine Primaballerina-Porzellanfigur mitgehen lässt.

Vielversprechender ist die Spur des Cabrios, denn so viel links gelenkte Mercedi gibt’s in London auch wieder nicht, und die einzige passende Karre gehört dem Irrenarzt Dr. Marford (Christian Grashof, BESUCH BEI VAN GOGH, INSEL DER SCHWÄNE), der in der Nähe von Tidal Basin – wieder reeein zufällig gleich um die Ecke vom Fleck, wo man einst Reeves tot aus dem Wasser zog – eine gut sortierte Klapsmühle altmodischen Zuschnitts betreibt. Marford hat allerdings ein Alibi. Shapiro verfolgt eine andere Spur – in Tidal Basin gastiert ein Zirkus. Dessen Hauptattraktionen sind die Akrobatin Jacqueline Griffith (Bojana Golenac, UNTER DIE HAUT, DIE RETTUNGSFLIEGER, SK BABIES) und ein trauriger weißer Clown (Pello, im echten Leben exakt das, nämlich ein offensichtlich einigermaßen angesehener Clown). Jacqueline wird von dem jungen Zoo-Tierpfleger Paul Norris (Victor Schefe, BEWEGTE MÄNNER, BORGIA) angehimmelt, was sowohl dem Clown, der ein bis zwei traurig geschminkte Augen auf die Akrobatin geworfen hat, als auch von Pauls Stiefvater Dearborn (Uwe Zerbe ,MENSCH HERMANN, INSPEKTOR ROLLE) mit überschaubarer Begeisterung quittiert wird. Shapiro versucht Dearborn Einzelheiten über die Beziehung Pauls zu Jacqueline aus der Nase zu ziehen, macht aber keine entscheidenden Fortschritte.

Sir John darf ins Theater – mit Lord Oxbridge, dem Vorsteher des magischen Zirkels, dem Sir John bereits seit mehreren Filmen so sehnsüchtig beizutreten wünscht. Beim Verlassen des Theaters wird der Lord von Whiteface aufs Korn genommen! Als Aristokrat alten Schlages hat Oxbridge eine eisenharte Konstitution und überlebt den Anschlag, aber Sir John besteht nun auf sofortige Resultate. Zum Glück gibt’s eine Augenzeugin, die beobachtet hat, wie Whiteface sich in Schale geworfen hat, und die identifiziert Dr. Marford. Bei der Razzia werden Cape und Maske des Killers in der Irrenanstalt gefunden und auch das Alibi des Doktors hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Für Sir John steht fest – schuldig wie die Sünde. Aber sowohl die Instinkte Shapiros als auch Higgins‘ melden sich mit vernehmbaren Bauchgrummeln – irgendwie ist das alles zu einfach, zu eindeutig. Cop und Reporter beschließen eine Zusammenarbeit und Shapiro verrät Higgins sein großes Geheimnis – nicht nur, dass Jacqueline Griffith nebenberuflich in einer Spelunke in Tidal Basin strippt, sie war mit Perücke und Make-up auch die Augenzeugin, die so eindeutig Marford hingehängt hat.

Zudem war auch bei den ersten Whiteface-Morden ein Zirkus in Tidal Basin – und Paul Norris‘ Mutter eine Artistin, die sich in Dearborn verliebt hatte. Alles ein bisschen viel des lieben Zufalls, meint Shapiro, der überzeugt ist, dass der Schlüssel irgendwo in dem Beziehungskonstrukt von Dearborn, Paul und Jacqueline zu finden ist. Aber dann erhält Lane einen anonymen Hinweis, doch mal den Wohnwagen des Clowns zu durchsuchen – und dort findet sich die beim Antiquitätendealer gemopste Primaballerina. War also doch die ganze Zeit der Clown der Mörder? Higgins und Shapiro sind nicht überzeugt…

Inhalt:

Das Angenehme am Besprechen einer Filmreihe innerhalb relativ kurzer Zeit ist, dass man die Sache etwas knapper halten kann – gewisse Aussagen sind einfach für alle Bestandteile der Serie gültig, und RTLs unglückselige Reihe von neuen Edgar-Wallace-Krimis aus dem Jahr 1998 macht da keine Ausnahme. Praktisch alles, was über HAUS DER TOTEN AUGEN, DIE UNHEIMLICHEN BRIEFE oder DIE VIER GERECHTEN gesagt werden kann, ist für WHITEFACE auch nicht verkehrt. Ich bitte also zu allgemeinen Ausführungen über die Reihe in den entsprechenden Reviews nachzuschlagen. Auch wenn mir das keiner glauben wird, ich wiederhole mich nicht gern…

Die weit entfernte „Vorlage“ zu unserem heutigen Rührstück, (der letzte Film der Serie, DAS SCHLOSS DES GRAUENS, wurde schon bei der Erstausstrahlung der Serie 1998 schamhaft ausgelassen und erst 2002 unauffällig versendet, erschien seltsamerweise in der DVD-Box Vol. 9, mit der noch kurzlebigeren 1995er-Fernsehserie), ist ausnahmsweise mal kein Wallace-Roman, sondern eines seiner Theaterstücke, das von Detlef B. Blettenberg (FALLING ROCKS) adaptiert wurde, Blettenbergs einziger Beitrag zur Reihe. Hier wie dort geht es um einen im weißen Clowns-Make-up mordenden Killer, der von einem Reporter verfolgt wird. Womit wir auch die primäre Krux, mit der sich WHITEFACE in seiner TV-Ausprägung herumschlagen muss, schon geklärt haben – seine Scotland-Yard-Ermittler, als zentrale Figuren der Reihe mehr oder weniger unabdingbare Bestandteile der Geschichte, sind streng genommen überflüssig, die für den Plot wichtige Figur ist der altgediente und aufs Abstellgleis geschobene Polizeireporter Eddie Shapiro, der im Wiederauftauchen des Whiteface-Killers die Chance wittert, endlich wieder eine Story aufs Titelblatt bringen zu können. Da aber Higgins (und mit Abstrichen Lane, deren Charkater der Inspektor-Assistentin so austauschbar ist, dass in den fünf Filmen drei Figuren diese Position ausgefüllt haben) die nominelle Hauptfigur ist, kommt es zu dem von mir immer wieder arg gern gesehenen Missverhältnis zwischen Hauptfigur und eigentlichem Protagonisten. Wir hängen primär an Higgins, der ermittlungstechnisch – zwar durchaus vermutend, dass er auf dem falschen Dampfer ist – den Holzweg beschreitet, während die eigentliche wichtige Ermittlungsarbeit, das Herumforschen und Ziehen der richtigen Schlussfolgerungen eindeutig bei Shapiro liegt, den wir aber nur ansatzweise als Zuschauer begleiten und dann natürlich gelegentlich wie der Ochs vorm Berg stehen, weil er offscreen zu einer Erkenntnis gekommen ist, die ihn, im Gegensatz zu Higgins und uns, weiter in Richtung der Lösung des Falls bringt; das ist nicht immer förderlich für den Spannungsfluss.

Was schade ist, weil WHITEFACE von den vier Neo-Wallaces, von denen ich mir nunmehr ein Bild machen konnte, derjenige ist, der als „Thriller“ am besten funktioniert bzw. funktionieren könnte, wenn der Film nicht die inhaltlich-formalen Probleme, die ich gerade angesprochen habe, und die generell auf die Reihe zutreffenden Mankos aufweisen würde. Das zentrale Mystery ist zur Abwechslung wirklich mal ein gutes – wie üblich für die Serie liegt der Schlüssel in längst vergangenem Unrecht bzw. vom Mörder als Unrecht Aufgefasstem (Spoiler: Das Wiederauftauchen des Zirkus lässt bei Paul ein Kindheitstrauma bezüglich seiner Mutter aufbrechen, und ja, mit diesem Trauma hängen auch die ursprünglichen Whiteface-Morde zusammen), es wirkt psychologisch nicht unstimmig und wird von Blettenberg und Regisseur Henschel auch in einer erfreulich unklischeehaften Weise aufgelöst, auch wenn es, auch im Finale hin, eines polizeilichen Eingreifens durch Higgins, nun, nicht „bedarf“ ist das falsche Wort, aber im Endeffekt hat der Chefinspektor auf den Ausgang der Ereignisse nur sehr peripheren Einfluss genommen. Innerhalb der eigentlichen Psycho-Story behandeln Autor und Regisseur die Geschichte auch mit angebrachtem Ernst – das beißt sich halt leider nur sehr markant mit den Comedy-Einlagen um Eddi Arents Sir John, der wieder seiner Amateur-Zauberkunst frönt und von Lane überredet wird, seine eingerosteten Schießkünste auf dem Polizeischießstand zu trainieren. Das ist leider erstaunlich unlustig und ist auch nur sehr bedingt in die Story integriert (DIE VIER GERECHTEN baute Sir John wesentlich sinnvoller in den eigentlichen Narrativ ein).

Ein bisschen skeptisch war ich zunächst wegen der Einbindung der Zirkuswelt als Backdrop – in Sachen Wallace-Verfilmungen kein Novum (DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECKS lässt grüßen), aber bis auf die leider ziemlich ausführlich dargebotenen Nummern des Real-Life-Clowns Pello (der hier Jacquelins unglücklichen Verehrer spielt), und die – was mich als entschiedenen Gegner jeder Art von Clownerie nicht gesondert überrascht –noch wesentlich un-amüsanter als die eh schon vortrefflich missglückten Scherze des Drehbuchs, sind, gestaltet sich das annähernd sozialverträglich und unpeinlich. Was man nicht von den Ausflügen in Marfords Irrenhaus (und da es sich hierbei wirklich um eine Klischee-Film-Klapse handelt, für die sich vermutlich sogar eine Monogram-Produktion mit Bela geschämt hätte, ist „Irrenhaus“ auch die treffende Vokabel. Helsings Sanatorium aus DIE VIER GERECHTEN ist dagegen ein Musterbeispiel moderner Psychoheilkunde) sagen kann, bei deren Anblick man sich nur in aller Form bei allen realen Patienten von Nervenkliniken für die dargebotenen Peinlichkeiten entschuldigen kann, wie auch für den Auftakt bei der „Thriller-Convention“ (immerhin – das prädatiert den Durchbruch solcher Veranstaltungen in Europa doch um so anderthalb Jahrzehnte) – wobei „Thriller“ da sehr weitläufig gefasst wird, weil neben herkömmlichen Krimis auch Freddy Krueger präsentiert wird -, wo wir einige ganz besonders scheußliche Beispiele unangebrachten Overactings begutachten dürfen (insbesondere die Lektorin des Opfers ist ein abschreckendes Beispiel ersten Ranges; aber auch Christian Grashof als Marford spielt bestenfalls die Karikatur eines irren Irrenarztes – das wirkt dann sprichwörtlich wie „aus dem falschen Film“). Dafür erlaubt sich der Film hier tatsächlich ein wenig Meta-Humor – nicht nur, dass in dieser Sequenz ein Verlagsstand, der Edgar Wallaces Werke anpreist, herumsteht, nein, Shapiro sieht sich auch im Convention-Kinosaal einen alten Wallace-Schinken an (passenderweise eine Klaus-Kinski-Szene) – dass Shapiro und Higgins ihre erste Besprechung dann auch im „Edgar Wallace“-Pub abhalten, ist dann schon fast eine Selbstverständlichkeit.

Einigermaßen erstaunlich ist, dass WHITEFACE im Vergleich zu seinen Kollegen aus der gleichen Reihe in Sachen Gewaltdarstellung und Sex deutlich weiter geht – die Morde des Whiteface-Killers mit Messerklinge sorgen automatisch dafür, dass ein wenig Kunstblut vergossen wird (auf Fernsehkriminiveau, versteht sich), und in den Strip-Sequenzen gibt sich Bojana Galenec überraschend freizügig, es gibt BRÜSTE zu sehen! Damit habe ich ehrlich nicht gerechnet… Die etwas alberne weiße Maske des Killers verleiht dem Film sogar so eine ganz leichte Slasher-Abschmeckung.

Ansonsten gilt für die Machart des Films natürlich das, was auch für den Rest der Reihe gilt – es ist eher flache TV-Optik, es gibt nicht wirklich viel an „Action“, dafür viel Dialog (inklusive eines der wohl längsten „Sterbe-Geständnis“-Monologe der Weltgeschichte), und die location-Aufnahmen aus London kollidieren mit den in deutschen Hinterhöfen gedrehten anderweitigen Shots. Auch die Schauspielerei entspricht weitgehend dem niedrigen gesetzten Standard – Horst Bollmann, ein großer TV-Routinier, sticht mit einer engagierten Vorstellung als Eddie Shapiro aus dem Ensemble heraus und Bojena Galenec ist sehr sehr angenehm anzuschauen. Gunter Berger bietet seine übliche zerknittert-zerknautschte Vorstellung eines ü-ber-haupt nicht in den Kontext einer Wallace-Verfilmung passenden Yard-Ermittlers, Mariella Ahrens hat als Lane deutlich weniger zu tun als in DIE UNHEIMLICHEN BRIEFE (und überstrahlt nicht so sehr die fragwürdige Kompetenz ihres Partners), Eddi Arent spielt routiniert seinen shtick, der besser funktionieren würde, hätte er besseres Material. Uwe Zerbe ist als Dearborn okay, auch wenn er seine Figur etwas zu sehr wie den stereotypen Seemann-aus-den-60ern anlegt, Victor Schefe macht einen gelegentlich überforderten Eindruck, und Pello – der Schweizer Clown überzeugt mich tatsächlich in seinen wenigen dramatischen Szenen wesentlich mehr als in der Darbietung seines bread’n’butter-Jobs eines Spaßmachers in der Manege.

Bild- und Tonqualität liegen auf dem bekannten mäßigen Durchschnittsniveau der gesamten Wallace-Edition-Vol. 10-Box.

WHITEFACE hätte als spannender Krimi seine Chance gehabt – das Mystery ist, wie gesagt, das Beste der Reihe, aber die krampfhafte Einbindung des Yard-Ermittlerduos in eine Story, die sie allenfalls als Randfiguren benötigt, und die unsäglichen Tiefschläge in den Convention- und Klapsmühlen-Sequenzen neutralisieren den positiven Eindruck ebenso wie die mauen Eddi-Arent-Antics. Es ist trotzdem der wahrscheinlich spannendste Film der Reihe, was leider im Kontext der übrigen Episoden eine ziemlich mickrige Lobpreisung ist… Aber – wenn Ihr Euch einen Film aus dieser Serie ansehen wollt, sollte es wohl dieser sein.

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 4


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