Dschungel der Apokalypse


  • Deutscher Titel: Dschungel der Apokalypse
  • Original-Titel: How Sleep the Brave
  •  
  • Regie: Lindsey Shonteff (als Lyndon James Swift)
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 1982
  • Darsteller:

    Lawrence Day (Lt. Young), Luis Manuel (Stess), Thomas M. Pollard (Flak), Christopher Muncke (Captain Hansen), Daniel Foley (Orvil), Gerramy Quarto (Johnson), George Gabriel (Burns), Steve Ballantine (Peters), Earl Rhodes (Weaver), Edward Wylie (Riley), Tony Hiew (Scott), Bill Fellows (Jamieson), Mel Taylor (Batchelor), Billy Campbell (Strickner), Richard Speight (Parks)


Vorwort:

Vietnam, Ende der 60er Jahre, kurz vor Weihnachten. Ein Trio Frischlinge trifft in Camp Granada ein, einem vorgeschobenen Außenposten der US-Armee tief im Nirgendwo, praktisch direkt an der Front. Das Kommando führt hier Captain Hansen (Christopher Muncke, im originalen KRIEG DER STERNE mal durchs Bild gelaufen und besserer Statist in JAMES BOND 007 – DER SPION, DER MICH LIEBTE), ein 110%-iger Kommunistenfresser, der von der Richtig- und Wichtigkeit des Kriegs voll und ganz überzeugt ist, schon mal einen am Camp vorbeistromernden Elefanten als Vietcong erschießen lässt, sich im ziemlich überschaubaren Camp (besteht aus vielleicht vier Zelten) im Jeep herumgondeln lässt und sich tunlichst nicht selbst in akute Gefahr, erschossen zu werden, bringt. Hansen – ein strikter Anhänger der Terry-Pratchett-zitierten Schule „wenn man die eigenen Verluste von denen des Gegners abzieht und dabei eine positive Zahl übrig bleibt, zählt das als Sieg“ – erläutert den Newbies, dass die einzige Chance, zu überleben und den Krieg zu gewinnen sei, ob der Angewohnheit Charlies, nicht nach den allgemein vereinbarten Spielregeln Krieg zu führen, noch härter und fieser zu sein als der böse Feind.

In der Praxis ist dafür primär Lieutenant Young (Lawrence Day, AMERICAN NIGHTMARE, SEEING THINGS) zuständig. Wie die erfahreneren Kameraden berichten, war Young mal ein idealistischer Jungsoldat, der auch mal einen südvietnamesischen Offizier verprügelte, weil der einen Vietcong-Gefangenen folterte, mittlerweile, geprägt von seinen Einsatzerlebnissen, foltert Young selbst herzlich gern und hat den Ruf als bester Charlie-Killer weit und breit. Und Youngs Zug werden die Rekruten dann auch gleich zugeteilt.

Ihre Aufgabe besteht primär darin, tagtäglich vermeintlich sinnlose Patrouillen durch den Dschungel zu führen, um versteckte Vietcong-Kämpfer aufzuspüren. Gleich beim ersten Marsch latscht einer der Neulinge auf eine Mine und verteilt seine Eingeweide dekorativ im Grünzeug. Zur Strafe – und auch, weil seine Bewohner auf seine Fragen nach VC-Verstecken unkooperativ reagieren, lässt Young das nahegelegene Dorf (naja, sofern man drei Hütten als Dorf bezeichnen will) niederbrennen.

Beim nächsten Patrouillengang gerät Youngs Trupp in einen Hinterhalt und verliert drei Männer, die von den Vietcong brutal getötet werden – ihre Leichen hängen die kommunistischen Unmenschen nackt an die Bäume. Das stimmt Young nicht fröhlicher. Als Hansen ihm befiehlt, noch am gleichen Tag mit einem Trupp Freiwilliger (geködert mit Sonderurlaub plus einem kalten Bier pro getötetem Charlie) nochmal ins niedergebrannte Dorf zu pilgern, um ein dort vermutetes großes Vietcong-Waffenlager auszuheben, ist Young also in bester Massakerlaune. Muss er auch sein, denn Charlie hat natürlich einen nahezu unlimitierten Vorrat an skrupellosen Dschungelkillern, die sich sprichwörtlich hinter jedem Grashalm verbergen und die Amis aufs Korn nehmen können…

Inhalt:

Sehr kurze Inhaltsangabe heute, aber durchaus passend, denn… einen echten Plot hat DSCHUNGEL DER APOKALYPSE (den deutschen Verleihtitel verdankt HOW SLEEP THE BRAVE natürlich dem verzweifelten Versuch, sich wie Antonio Margheritis Gore-Granate JÄGER DER APOKALYPSE an APOCALYPSE NOW anzuhängen).

Aber der Reihe nach. Lindsey Shonteff ist nicht gerade der Name, der einem als potentieller Regisseur für ein knallhartes Vietnam-Drama als erster, zweiter oder zwölfhundertster einfallen würde. Der überwiegend in England tätige kanadische Filmemacher drehte ein paar wenig bemerkenswerte Agentenfilme, dabbelte im Sex-Comedy-Fach (BIG ZAPPER ) und ist retroaktiv vielleicht am „bekanntesten“ für seine 1970er-Sex-Drugs-and-Rock’n’Roll-Groupie-Drama PERMISSIVE (von dem’s rein zufällig ein Review auf dieser Seite gibt) mit der Musik von den legendären Prog-Folkern Comus. Ausgerechnet ihm fiel es bei, 1982 in der südenglischen Grafschaft Berkshire, zweifellos das beste Double für Vietnam, das man für kein Geld kaufen kann, einen Vietnamfilm zu drehen.

Das Drehbuch verfasste ein gewisser Robert Bauer, der zwei Jahre später für Shonteff, der da gerade wohl in einer Phase war, ALLES mal zu probieren, was irgendwie kommerzielles Potential auf dem sich etablierenden Videosektor haben könnte, auch THE KILLING EDGE, einen postapokaylptischen SF-Film, der sich hiermit direkt auf meiner Suchliste verewigt, schrieb.

Was Shonteff – der sich für diesen Film als Lyndon James Swift kreditieren ließ; klingt wohl amerikanischer – nicht hatte, war Geld. Ich schätze, der einzige Vietnam-Film, der weniger Geld gekostet hat als DSCHUNGEL DER APOKALYPSE dürfte DEADLY NAM sein. Was dem Streifen natürlich einen gewissen Charme verleiht; wer mit einer Handvoll selbstgestrickter Uniformen, ein paar Gartenzelten und einem (1) Jeep ein großes Vietnam-Epos im Birkenwald dreht, verdient sich schon aus grundsätzlichen Erwägungen gewissen Respekt, das gilt für norddeutsche Amateure ebenso wie für mittellose britische Profis.

Wie Ihr der kurzen Inhaltsangabe sicher entnommen habt, bemüht sich DSCHUNGEL DER APOKALYPSE nicht wirklich um das Erzählen einer „richtigen“ Geschichte. Man könnte zunächst meinen, die Story würde unsere drei Jungspunde bei der Mannwerdung unter Gefechtsbedingungen begleiten, aber die Jungs, sofern sie überhaupt die erste „Dschungelpatrouille“ (hihi) überleben, sind als Charaktere, als Handlungsträger, genauso wichtig bzw. eher unwichtig wie ihre erfahreneren Kameraden. Shonteff und Bauer geht’s hier weniger um Einzelschicksale. Die jungen Soldaten bleiben austauschbar, erhalten keinen großen Hintergrund. Der eine hat vielleicht ne Freundin daheim, der andere ist schon verheiratet, der dritte hat nur seine Eltern, aber das tut letztlich nicht viel zur Sache. Sie sitzen in einem Boot, insofern ist der Krieg der ultimative Gleichmacher, der auf sozialen oder ethnischen Hintergrund pfeift, solang der Betreffende ein Gewehr halten kann. Ein echter „Charakter“ ist nur Lt. Young, wobei der auch „fertig“ geliefert wird und danach keine wirkliche Entwicklung mehr durchmacht. Zumal mag Young vielleicht die Hauptfigur sein, ist aber nicht der Protagonist, der Film wird nicht aus seiner Perspektive erzählt – die Kamera versucht sich vielmehr daran, quasi „embedded“ zu sein, ein neutraler Beobachter, der einfach aufzeichnet, was sich vor seinem Okular abspielt, ohne dabei eine speziellen Blickwinkel einzunehmen.

Und so spielt sich der Film als eine Abfolge von gewissermaßen stupide gleichförmigen Geländemärschen, bei denen jeder Schritt der letzte sein kann, weil auf jedem Baum, hinter jedem Busch eine Sprengfalle oder ein MG-Nest des Vietcong stecken kann, unterbrochen durch die kurzen Erholungspausen im Camp, wo ein warmes Dosenbier und der Gedanke an eine Saigoner Billignutte so ziemlich die einzigen „Annehmlichkeiten“ sind, an denen die GIs sich moralisch hochziehen können.

Der Vietcong bleibt, wie es gute Sitte in dieser Art Film ist, weitgehend anonym, aber zumindest mehr als eine amorphe Bedrohung aus den Schatten. Wir sehen die VC-Kämpfer bei ihrer Arbeit, wie gnadenlos und brutal sie vorgehen, und wie nicht minder gnadenlos und brutal die Amerikaner, beeindruckt durch die ihnen fremde Art der Guerillakriegsführung, zurückschlagen. Boshaft gesagt ist DSCHUNGEL DER APOKALYPSE eine stetige Abfolge abwechselnder Kriegsverbrechen beider Parteien. Charlie sticht einen Amerikaner ab, die Yankees brennen ein Dorf nieder, der Vietcong hängt die Leichen dreier GIs auf, Young exekutiert einen gefangenen Vietnamesen.

Als Message des Films erschließt sich so zwanglos die Verrohung, die Abstumpfung ganz gewöhnlicher junger Männer, die, wie es auch im Dialog thematisiert wird, vor ihrer tour of duty wahrscheinlich nicht mal aus ihrem Geburtsort rausgekommen sind und nun zigtausend Kilometer von der Heimat entfernt einen dreckigen Krieg, der so gar nicht nach den allgemein vereinbarten Regeln über „ordentliche“ Kriegsführung ablaufen will, der zuhause furchtbar unpopulär ist (und es jedem im Trupp klar ist, dass die großen Reden des Captains, wonach die amerikanische Freiheit am Hinduku-, äh, Mekong verteidigt wird und die Nation wie ein Mann hinter den Soldaten stünde, nur hohle Phrasen sind), in einem fremden Land führen, in dem sie keiner („nicht mal die Nutten“, wie sich einer der Soldaten ausdrückt) haben will. Und wenn dann der Feind wie ein Phantom aus dem Hinterhalt eingreift, ist es nicht so schwer, diesen – und sich selbst – soweit zu entmenschlichen, bis man beim Gedanken ankommt, es wäre vielleicht nicht die schlechteste Idee, jedes vietnamesische Schlitzauge prophylaktisch aufzuschlitzen, bevor man selbst ein Messer ins Kreuz oder von einem Saigoner Straßenkind eine leckere Cola mit Glassplitterbeigabe serviert bekommen. Praktisch parallel dazu entwickelt sich auch die Sprache der Soldaten in eine einzige Aneinanderreihung von Vulgaritäten (lediglich „Feingeist“ Strickner wehrt sich gegen diese sprachliche Verrohung)…

Die eingesetzten filmischen Mittel sind recht schlicht. Klar, der Film hat, wie gesagt, kein Budget, vom dem er wüsste. Problematisch ist ganz einfach, dass der Film deutlich erkennbar in einem englischen Wäldchen und auf der ein oder anderen Blumenwiese gedreht wurde, und das sieht ungefähr so überzeugend nach Vietnam aus wie mein Vorgarten (und ich könnte auf die Idee kommen, dass mein Vorgarten wilder und dschungeliger aussieht), und nur, weil man ein paar Armeezelte und drei Strohhütten aufbaut (nur um letztere wieder abzufackeln), wird aus einem englischen Mischwald keine subtropische Dschungelhölle. Man darf wohl froh sein, dass Shonteff ein Dutzend asiatischstämmiger Statisten gefunden hat, die die Vietnamesen (sicher in double- und triple duty) mimen und nicht auf herkömmliche Angelsachsen im Yellowface zurückgegriffen werden musste.

Die Kamera ist, wahrscheinlich mehr aus der Not geboren denn aus künstlerisch-filmischen Erwägungen, beinahe dokumentarisch-sachlich, der Schnitt gelegentlich wirr mit konfusen Szenenanschlüssen. Nicht lumpen lässt sich DSCHUNGEL DER APOKALYPSE in Sachen Härte – auch hier wird mit einfachen Mitteln gearbeitet, aber das sind nicht unbedingt die schlechtesten, und schließlich soll der Film kein „Funsplatter“ sein, sondern ein raues, ungeschöntes Bild eines schmutzigen Krieges zeichnen, und dafür sind die eingesetzten Methoden allemal tauglich.

Die musikalische Untermalung ist recht spärlich, dafür aber nervig, besteht sie doch primär aus zwei Themen, einem sanften folkigen „Scarborough Fair“-Verschnitt und einem basslastigen, pumpenden Synthstück.

Zu bemängeln ist die stellenweise hundsmiserable Nachvertonung, nicht nur, was die deutsche Synchronfassung angeht, sondern auch und vor allem bezüglich der selten zum Bild synchronen Soundeffekte.

Die schauspielerischen Leistungen sind eher bedenklich, obschon Christopher Muncke heldenhaft an Late-Gary-Busey-Intensität arbeitet und Lawrence Day irgendwie wirkt eine Mischung aus den jungen Kiefer Sutherland und Kevin Bacon. Die meisten Darsteller waren zu diesem Zeitpunkt allenfalls hoffnungsfrohe Halbprofis – aus den meisten wurde nichts, aber ein paar Karrieren sind zumindest einigermaßen interessant. „Stess“ Luis Manuel tauchte zwei Jahre später in Ulli Lommels bizarrem Musical ROCK AMERICA als Tänzer wieder auf, "Weaver" Earl Rhodes hatte sich als Kinderstar in DAS GRAB DER LEBENDEN PUPPEN versucht und tauchte in zwei Folgen von ICH, CLAUDIUS, KAISER UND GOTT auf, sein letzter nennenswerter Auftritt fand dann DAS GEHEIMNIS DES VERBORGENEN TEMPELS statt. Eine richtige Hausnummer wurde aus „Strickner“ Billy Campbell, der hier sein Filmdebüt feierte, 1984 eine Rolle im DENVER-CLAN abstaubte und einen tragenden Part in CRIME STORY ausfüllte. Star-Trek-Fans kennen ihn als den „Outrageous Okona“ aus der gleichnamigen NEXT GENERATION-Folge, Auftritte in ROCKETEER, Coppolas DRACULA und GETTYSBURG schlossen sich an. Nach einem nicht unwesentlichen Stint in 4400 – DIE RÜCKKEHRER und weiteren Serienauftritten in THE KILLING oder HELIX ist der Golden Globe- und Emmy-Nominent mittlerweile Star einer eigenen Serie in Kanada, CARDINAL. Quite a carreer from humble beginnings, respect, man.

Der 2.35:1-Print auf amazon prime ist brauchbar. Gegen manches, was auf dieser Streamingplattform rumschimmelt, ist das schon fast Criterion-verdächtig.

DSCHUNGEL DER APOKALYPSE ist also ein durchaus ernstes und ernstzunehmendes Vietnam-Drama von kompromissloser Härte und schonungsloser Radikalität in seiner nihilistischen Sicht, wird aber bei allem Bemühen von seiner Billigkeit im Stich gelassen. So gut und seriös gemeint der Film auch sein mag, dank seiner deutlich erkennbaren nicht-vietnamesischen (oder auch nur Vietnam-entfernt-ähnlichen) Drehlocation, den nicht vorhandenen production values und dem insgesamt eher amateurhaften Schauspiel kommt er doch nie über den „das sind Leute, die Vietnamkrieg *spielen*“-Eindruck hinaus – dadurch kann der Streifen die Effektivität eines PLATOON, eines DIE VERDAMMTEN DES KRIEGES nicht erreichen. Aber es ist ein hehrer Versuch, weswegen ich den Film dem Freund des (Anti-)Kriegsfilms mit Vietnam-Thematik durchaus für eine Sichtung ans Herz legen möchte. Shonteff wird hier gewiss nicht vom Willen, sondern von den ungünstigen Rahmenbedingungen geschlagen.

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 6


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