Dossier K.


  • Deutscher Titel: Dossier K.
  • Original-Titel: Dossier K.
  •  
  • Regie: Jan Verheyen
  • Land: Belgien
  • Jahr: 2009
  • Darsteller:

    Koen de Bouw (Eric Vincke), Werner de Smedt (Freddy Verstuyft), Blerim Destani (Nazim Tahiri), Hilde de Baerdemaeker (Linda de Leenheer), FIlip Peters (De Keyser), Jappe Claes (Bracke), R. Kan Albay (Shehu), Marieke Dilles (Naomi Waldack), Greg Timmermans (Wim Cassiers)


Vorwort:

Mord im Antwerpener Hafenviertel – das Opfer wurde auf albanische Weise „entehrt“ hingerichtet. Der bei ihm gefundene italienische Pass auf den Namen „Alessandro del Piero“ ist offenkundig eine Fälschung („oder Juventus fehlt am Sonntag ein Mann“, wie Inspektor Verstuyft anmerkt). Die Ermittlungen führen Kommissar Vincke und sein Team in die Abgründe der albanischen Mafia, wo allerdings Shehu, Chef eines der Polizei vergleichsweise wohlgesonnenen Clans, mit Hand und Fuß abstreitet, den komischen Vogel jemals gesehen zu haben… dabei ist Nazim, der Sohn des Opfers, längst auf dem Weg von Albanien nach Belgien, um die vom „Kanun“, dem Ehrenkodex der Albaner, vorgesehene Blutrache zu vollziehen, und Shehu unterstützt dieses Unterfangen voll und ganz. Im Zuge ihrer Recherchen treten Vincke und die Seinen dem rivalisierenden Gaba-Clan auf die Füße – aus unbekannten Gründen reagieren die Gabas auf den Namen Vincke nur geringfügig besser als der Teufel auf Weihwasser, der Kommissar ist sich keiner Schuld bewusst. Dafür bekommt er’s mit Staatsanwalt Bracke zu tun, der ihn vor weiteren eigenmächtigen Ermittlungen warnt: die Gabas stehen im Brennpunkt einer großangelegten Undercover-Operation, die von Vinckes Intimfeind De Keyser geleitet wird, und deren Erfolg darf nicht riskiert werden. Doch inzwischen ist Nazim schon angekommen und meuchelt sich recht effektvoll durch die Reihen der Gabas, nur Pjetr Gaba, Sohn des Chefs und ausführender Killer bei der bewussten Hinrichtung, entkommt nicht nur Nazims Kugeln, sondern auch De Keysers Razzia. Pjetr wird ausgerechnet von Vinckes Kollegin Linda, die auch noch heftig in ihren Chef verliebt ist (und das nicht gerade unwillkommenerweise) gestellt, und noch ausgerechneter grad dann, als Nazim Versäumtes nachzuholen gedenkt. Neben Kollateralschaden Linda beißt auch Pjetr ins Gras, setzt jedoch Nazim den Floh ins Ohr, sein Vater sei als Verräter gestorben. Shehu deklariert diese Aussage als glatte Lüge, aber Nazim weiß, dass Gaba, Fiesmorchel oder nicht, nicht mit einer Lüge auf den Lippen gestorben wäre. Dieweil ist die Angelegenheit durch Lindas Tod für Vincke ausgesprochen persönlich geworden – ein Hinweis auf eine verschwundene Akte, aus der Nazims Fingerabdrücke überliefert sind, bringt ihn auf die Spur einer großangelegten Vertuschungs- und Verschwörungsaktion…

Inhalt:

Wenn man heutzutage auf handfeste, gesellschaftskritische und dabei geradlinig-zupackende Thrillerkost steht, muss man nur über die westliche Bundesgrenze kieken und nach Belgien linsen. The Alzheimer Case und Loft (letzterer natürlich etwas „leichter“ als der heiße und heikle Eisen beherzt anpackende Alzheimer-Fall) waren großartige Beispiele für die Fähigkeiten der Filmindustrie des kleinen, zerstrittenen und skandalerschütterten Landes – schade darum, dass der diesjährige belgische Genrevertreter wieder auf einen undankbaren Nachmittagsplatz im FFF programmiert wurde und dementsprechend vor arg überschaubarem Publikum spielte. Vielleicht sollte man nächstes Jahr (oder wann auch immer sich wieder ein solider Kriminalthriller aus Belgien aufdrängt) mal die Opening Night – oder wenigstens einen Abendspielplatz – ins Auge fassen.

„Dossier K.“ ist jedenfalls schon mal aus einem Grund Pflichtprogramm für alle Fans des „Alzheimer Case“, denn es ist ein Sequel bzw. die Verfilmung eines weiteren Romans der zugrundeliegenden Serie um die schwierigen Fälle von Kommissar Vincke, idealerweise realisiert von und mit dem gleichen Team (eigentlich war der Film schon direkt nach „Alzheimer“ angedacht, aber Verheyen hat’s vergessen… nein, er unterschrieb zwischenzeitlich einen Fernsehvertrag und war daher anderweitig gebunden) und packt wieder ein aktuelles gesellschaftliches Eisen an – eingewanderte organisierte Kriminalität (und gerade von den Albanern können ja die Hamburger auf Reeperbahn ein fröhlich‘ Liedlein pfeifen). Jef Geeraets, Autor der Vincke-Romane, hat hier offenkundig tiefschürfend recherchiert und jede Menge Hintergründe des archaischen Systems von Recht und Ehre, von Kultur und Struktur der Familienclans und ihrer Inkompatibilität zu dem, was man gern als „westliche Werte“ bezeichnet, ans Licht gebracht. Aber wie üblich bei Geeraets (soweit ich das nach zwei Verfilmungen beurteilen kann), belässt er es nicht dabei, nur den Finger auszustrecken und „da, das ist das Problem“ zu rufen, sondern untersucht auch die Verstrickungen der „höheren Kreise“ (und Belgien ist in der Hinsicht bekanntermaßen hochgradig belastet), die sich dem westlichsten aller westlichen Werte, nämlich dem persönlichen Vorteil, verschrieben haben und dann auch mal gern mit dem Beelzebub persönlich paktieren, wenn er sich auf andere Weise nicht aus der Welt schaffen lässt. Dabei macht er deutlich, dass die „wahren Schurken“ für ihn die sind, die diese unheilvollen Allianzen aus persönlichen Motiven eingehen, er verurteilt nicht blindlings mit einem Rundumschlag die albanische Lebensweise (auch wenn klar wird, dass er mit dieser nicht sympathisiert – am Ende gibt’s dann auch in einem insgesamt eher pessimistischen Film eine kleine Szene, die andeutet, dass der Kreislauf der Gewalt durchbrochen werden kann, wenn ich sie richtig interpretiere); es ist also keine xenophobische Geschichte (für die Leinwand adaptiert übrigens u.a. von „Loft“-Regisseur Erik van Looy).

Ich will mich nicht zu sehr über die Story auslassen (ich hab eh das Gefühl, dass ich oben viel zu viel verraten habe, aber andererseits – es ist so ein Film, der vermutlich wieder sang- und klanglos untergehen wird, also versuche ich, die Werbetrommel so laut wie möglich zu rühren) – sie ist auf den ersten Blick verwirrend, aber wie schon bei den zitierten anderen belgischen Thrillern dröselt sich zum Ende hin alles auf, wobei der Winkelzug, der auch schon bei der Alzheimer-Sache durchgezogen wurde, konsequent zwei Handlungsstränge bzw. Perspektiven zu verfolgen (einmal Vinckes Ermittlungen, einmal Nazims Rachefeldzug), dem Zuschauer einen gewissen Wissensvorsprung vor den Charakteren einräumt, aber die Geheimnisse, Drehungen und Wendungen nie antelegrafiert (außer in der Form, dass man als Zuschauer weiß oder wenigstens ahnt, dass da noch was kommen *muss*). Vinckes Charakter erhält durch die persönliche Involvierung mehr Tiefgang (allerdings möge man mir verzeihen, dass ich glatt vergessen habe – ha, nächste Alzheimer-Anspielung -, wie im letzten Film seine Familienverhältnisse aussahen), er steht stärker im Mittelpunkt des Films als noch im Vorgänger, in dem die Hauptfigur klar der Auftragskiller Leda war, aber auch die Hauptfigur auf der Gegenseite, Nazim, bekommt seinen Background (und, wie schon gesagt, „Dossier K.“ verfällt nicht in dumpfe Ausländerfeindlichkeit; das albanische Taufritual zeichnen Geeraets und Verheyen durchaus liebevoll und auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der albanischen Familien wird nicht rein negativ geschildert).

Jan Verheyen ist ein Regisseur, dem es weniger um spekulative Gewaltexzesse und fulminante Actionszenen geht – wer von seiner Thrillerkost also diese eher plakativen Zutaten erwartet, wird enttäuscht sein – Verheyen inszeniert auf zweckdienliche Art und Weise, stellt die Geschichte in den Vordergrund und nicht die visuelle Umsetzung. Was nicht heißt, dass „Dossier K.“ nicht zupackend wird, wenn’s gefragt ist (so schon bei der Exekution „del Pieros“ zu Beginn, gestaltet als Parallelmontage mit dem Erlegen eines Wolfs durch Nazim in Albanien, oder natürlich bei Lindas Tod), aber Verheyen legt es nie auf den bloßen Effekt an, sondern auch auf emotionale Wirkung (gerade natürlich in Sachen Linda, deren Tod Triebfeder für die gesamte zweite Hälfte des Films ist). Trotz der üppigen zweistündigen Laufzeit und dem Umstand, dass „Dossier K.“ eben nicht im Hollywood-Stil auf Rasanz hin getrieben ist, ist der Streifen ausgesprochen dicht inszeniert und hochspannend, keine Szene ist überflüssig, manchmal würde man sich sogar etwas *mehr* wünschen (ich bin ziemlich sicher, dass die Vincke-Romane als Fernseh-Miniserien ausgezeichnet funktionieren würden). Man mag, konditioniert von der üblichen Thrillerkost made in USA bemängeln, dass „Dossier K.“ über seine Laufzeit ein eher gleichbleibendes Tempo ansetzt und nicht wie ein Steigerungslauf auf’s Finale hin immer stärker anzieht, dafür allerdings müssen wir uns auch nicht mit langwierigem set-up befassen, sondern werden mit den opening credits direkt ins Szenario hineingeworfen und alles, was wir an Exposition und Charakterentwicklungen benötigen, packt Verheyen geschickt *in* die Ereignisse, braucht also keine Auszeiten aus der Geschichte, um eine Figur stärker zu beleuchten, alles ist aus einem Guss, in einem Rhythmus und entwickelt daher auch ohne künstliches „Anheizen“ enorme Spannung.

Die technischen Aspeke, Kameraführung, Schnitt, Ausstattung etc., bewegen sich auf absolut international konkurrenzfähigen Niveau, ohne Mätzchen, ohne Gimmicks, wie es sich eben in einem Film, der durch seine Story überzeugen will, nicht verkehrt ist. Hier lenkt keine überkandidelte Inszenierung von der Geschichte und den Figuren ab; der Score von Melcher Meirmans, Merlijn Snitker und Chrisnanne Wiegel ist vielleicht manchmal etwas zu wuchtig.

Die Darsteller sind erstklassig: Koen de Bouw („Loft“) hat den Vincke in seinem zweiten Auftritt absolut drauf, überzeugt auch und vor allem in seinen dramatischen Momenten.; Werner de Smedt (zwischen den Vincke-Filmen im belgischen TV beschäftigt) als sein temperamentvoller, legererer Sidekick Verstuyft gibt den idealen Konterpart zum äußerlich so gefaßten, vorbildlichen de Bouw. Der in Deutschland gebürtige Blerim Destani („Time of the Comet“, „Get Low“) überzeugt als rachehungriger, aber nicht eindimensional dargestellter Albaner, Linda de Leenheer (auch schon im „Alzheimer Case“ dabei) macht aus ihrer drehbuchbedingt limitierten Rollen sehr viel. Auch Filip Peters als schnöseliger, arroganter De Keyser und Jappe Claes als der undurchsichtige Staatsanwalt Bracke greifen ihre Rollen aus dem „Alzheimer Case“ wieder auf, wobei besonders Claes eine hervorragende Leistung abliefert. Newcomerin Marieke Dilles als Nazims belgische Freundin Naomi leistet ebenfalls beachtliches, wie in der Tat das Ensemble bis in die kleinsten Nebenrollen keinerlei Ausfälle zeigt (wenn R. Kan Albay, der den Clanchef Shehu spielt, mich nicht so an Ron Jeremy erinnern würde…)

Fazit: Großartig. Ich bin aufgrund meiner bisherigen positiven Erfahrungen mit belgischen Thrillern mit immens hohen Erwartungen in „Dossier K.“ gegangen und wurde nicht enttäuscht. Ich weiß nicht, ob es an der stets latent angespannten gesellschaftlichen Situation in Belgien liegt, dass Regisseure von Verheyen oder van Looy so ein geschicktes Händchen dafür haben, aus den Befindlichkeiten ihrer Landsleute derart gelungene, spannende Krimis zu stricken (gut, die offensichtlich nicht ganz schlechten literarischen Vorlagen sind bestimmt kein Nachteil), aber wenn man Filme wie „The Alzheimer Case“, „Loft“ oder eben auch „Dossier K.“ sieht, möchte man den Belgiern fast nicht wünschen, Korruptions- und Sexskandale, ethnische Konflikte und ähnliche Kriegsschauplätze zu überwinden – der Rest der Welt bekommt dafür hervorragende Filme. Einmal mehr ein Top-Thriller von unseren Pommesnachbarn, der – ich wiederhole mich – ein größeres Publikum verdient hat, als er es wahrscheinlich bekommen wird. Daher: unbedingt die DVD schon heute vormerken. Die Frage aber bleibt: Warum, zur Hölle, kann beinahe jedes Land auf Gottes Erdboden packende Thriller produzieren (inklusive solcher Exoten wie Venezuela oder Kolumbien), nur wir Deutschen nicht? Himmelarschundzwirn.

4/5
(c) 2010 Dr. Acula


mm
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