District 9


  • Deutscher Titel: District 9
  • Original-Titel: District 9
  •  
  • Regie: Neill Blomkamp
  • Land: USA/Neuseeland
  • Jahr: 2009
  • Darsteller:

    Sharlto Copley (Wikus van de Merwe), Jason Cope (Grey Bradnam), Nathalie Boltt (Sarah Livingston), Sylvaine Strike (Dr. Katrina McKenzie), William Allen Young (Dirk Michaels), Louis Minnaar (Piet Smit), Vanessa Haywood (Tania van de Merwe), Mandla Gaduka (Fundiswa Mhanga), Hlengiwe Madlala (Sangoma)


Vorwort:

Eines Tages erscheint über Johannesburg, Südafrika, ein riesiges Raumschiff und macht – nichts. Nach einiger Zeit wird es den Menschen zu bunt, sie dringen gewaltsam in das Schiff ein und entdecken dort hunderttausende ausgemergelte, vor sich hin vegetierende Aliens. In einer beispiellosen „humanitären“ Aktion werden die Aliens evakuiert und nahe Johannesburg in einem ihnen speziell zugewiesenen Wohndistrikt angesiedelt. 20 Jahre später hat sich erwiesen, dass die „Garnelen“, wie die Außerirdischen ihres Aussehens wegen genannt werden, nicht gerade die hellsten Sterne der Galaxis sind – aus „District 9“ ist nur ein weiterer Slum geworden, in dem Gangs regieren, Schmuggel und Prostitution betrieben wird, nigerianische Gangsterbanden die Aliens mit Katzenfutter (gegen Alien-Technologie) über’s Ohr hauen usw. Selbst die Bewohner der schwarzen Townships schauen verächtlich auf die Alien-Siedlung – immer wieder kommt es zu Ausscheitungen und Gewalttätigkeiten zwischen Mensch und Space-Garnele. Schließlich wird beschlossen, zur Reduzierung von Konflikten die Außerirdischen in eine Zeltstadt 200 Meilen entfernt von Johannesburg umzusiedeln. Schierer Protektionismus bringt den Sesselpupser und Aktenschubser Wikus van de Merwe in die leitende Position für die Umsiedlungsmaßnahme. Beim Versuch, den insgesamt eher renitenten Aliens die Rauswurf-Urkunden zu überreichen (schließlich soll alles schön legal sein), infiziert sich Wikus mit Garnelen-DNA – ehe er sich’s versieht, ist aus seinem linken Arm eine Alien-Klaue geworden. Wodurch Wikus für die Autoritäten plötzlich ausgesprochen interessant wird, ist er doch nun der einzige Mensch, der Alien-Technologie (die auf die DNA der Garnelen abgestimmt ist), insbesondere derern Waffen, bedienen kann. Da Wikus sich nach Meinung der Wissenschaftler einer Total-Transformation in Garnelengestalt unterziehen wird und als Voll-Alien wertlos ist, soll er seziert werden. Wikus gelingt die Flucht – verfolgt von den Sicherheitskräften sucht er Schutz im „District 9“, wo er auf den Alien Christopher Johnson und seinen Sohn trifft. Die beiden wollen eigentlich nur mit dem Mutterschiff nach Hause, doch brauchen sie dafür einen Behälter mit Treibstoff, den Wikus konfisziert hat. Da Christopher behauptet, er könne Wikus‘ Verwandlung rückgängig machen, gehen Mensch und Garnele ein Zweckbündnis ein…

Inhalt:

Manchmal werden sich die FFF-Veranstalter freudig auf die Schulter klopfen – dass aus „District 9“ völlig sensationellerweise unmittelbar vor Festivalbeginn ein veritabler US-Nr.1-Kinohit werden würde, hätte sich sicherlich niemand, inklusive Regisseur Neill Blomkamp und Produzent Peter Jackson, träumen lassen. Zwar sorgte der spektakuläre US-Erfolg dafür, dass auch der deutsche Kinorelease deutlich vorgezogen wurde, ein paar Tage Vorsprung blieben dem Festival dennoch und das word-of-mouth war dann auch ursächlich dafür, dass das Kino rappeldicke gefüllt war, und das nicht nur mit den üblichen 3F-Verdächtigen…

„District 9“ erblickte das Licht der Welt hauptsächlich deswegen, weil Peter Jackson ein Ehrenmann ist. Als eine Filmadaption des Computergames „Halo“, für die Jackson Blomkamp als Regisseur ausgekuckt hatte, zusammenbrach, gab Jackson ihm *einfach so* 30 Millionen Dollar und den Auftrag, einen Film ganz nach Blomkamps Lust und Laune zu drehen. Der Jungregisseur entschied sich spontan dafür, aus seinem Kurzfilm „Alive in Joburg“ ein abendfüllendes Epos zu machen. In nur zwei Wochen spielte „District 9“ allein in den USA über 70 Millionen Dollar ein und wird PJ einen ordentlichen Batzen Profit in die Kassen spülen. Stellt sich nun die Frage, ob der immense Hype (in der IMDb rangiert der Streifen derzeit auf Platz 43 in der Top-250!) nur unkritischen PJ-Fanboys geschuldet ist oder der Film tatsächlich *SO* gut ist.

Auch wenn ich’s mir jetzt möglicherweise mit einem Teil der Leserschaft verscherze – es ist schon ein bissl viel unkritischer Hype. „District 9“ ist gut und speziell natürlich in der Ödnis moderner SciFi eine hochwillkommene Oase, aber ein großer Klassiker… eher nicht. Natürlich ist Blomkamps Film herzensgut gemeint. Der Südafrikaner verarbeitete viele eigene Erlebnisse aus der Zeit der Apartheid und so nimmt’s nicht Wunder, dass „District 9“ in erster Linie ein Anti-Rassismus-Film ist; eine Botschaft, die selbstredend nicht oft genug verkündet werden kann, aber man kann seine Message auch subtiler verpacken als Blomkamp, der schon mit seiner Eröffnungs-Montage, in der wir in ein paar Minuten in die Backstory eingeführt werden und in der wir sehen, wie sich die Siedlung der Aliens über die Jahre hinweg in einen übel verelendeten Slum, der eingezäunt und von bewaffneten Wachttürmen umgeben ist, verwandelt, mit der sanften Zurückhaltung eines ganzen Dampfwalzenbatallions dem Zuschauer ins Hirn prügelt, dass wir nunmehr einem offiziellen Gutmenschen-Film beiwohnen dürfen (auch später legt das Script seinem Helden noch charmante Sätze in den Mund wie den, dass das „neue“ Alienquartier einem Konzentrationslager gleichkomme. Es ist natürlich richtig, dass der Begriff in Südafrika etwas anders konnotiert ist als im überwiegenden Restteil der Welt – weil die Briten zur Zeit der Burenkriege die burische Bevölkerung in solche, nicht Vernichtungszwecken dienende Konzentrationslager steckte -, dennoch bereitet’s mir etwas Bauchschmerzen) – für einen solchen ist es aber ein wenig peinlich, dass er sich für gröbste Schwarz-Weiß-Malereien nicht zu schade ist und speziell in der eindimensionalen Darstellung der Nigerianer (die recht launig damit eingeführt werden, dass sie eben „Nigerian scams“ auf Kosten der Aliens betreiben, ansonsten aber dumpf-primitive Mistkäfer, die nur durch Brutalität und Verschlagenheit auffallen und den primitivsten Aberglauben, wie dem, durch das Essen getöteter Feinde dessen Kräfte aufzunehmen, anhängen) schon selbst verdächtig rassistisch riecht (ich glaube nicht, dass es Absicht ist, weil Blomkamp einfach noch neben den Behörden eine zweite fiese Partei brauchte, zwischen denen Wilkus und sein außerirdischer Freund aufgerieben werden. Trotzdem, für einen Film, dessen Botschaft die Toleranz zwischen verschiedenen Rassen und Völkern ist, ist das zumindest wenig elegant).

Filmisch eher noch schwerer als der „message fail“ wiegt aber die Tatsache, dass „District 9“ ein paar gravierende Logik-, ich will nicht mal „-fehler“ sagen, denn das ist zu sanft ausgedrückt, -katastrophen aufweist, wie schon *beim* Ansehen auffallen und nicht erst, wenn man hinterher drüber nachdenkt (dann aber umso mehr). Zu den wirklich wahnsinnig guten Ideen des Films gehört, dass wir hier mal mit einer Alien-Rasse konfrontiert werden, die uns *nicht* überlegen ist – man kann das schon so interpretieren, als wäre das Mutterschiff das Äquivalent zur Golgafrincham-B-Arche und seine Insassen die von ihrer Rasse aussortierten Friseure, Call-Center-Mitarbeiter und sonstigen eher, naja, „unproduktiven“ Teile der Gesellschaft (mitlesende Friseure und Call-Center-Mitarbeiter mögen sich nicht aufregen, es ist in diesem Fall Douglas Adams Vision und nicht meine), die man per Autopilot irgendwohin geschickt hat, damit sie dem Rest ihrer Spezies nicht weiter auf den Keks gehen, und die ohne fremde Hilfe schlicht nicht überlebensfähig sind. Wenn dem aber so ist, warum gibt es einige von ihnen, die durchaus wissen, wie sie mit ihrer Technologie umzugehen haben (wenn auch nur wenige), und wieso benutzen sie diese Technologie nicht – speziell die im Dutzend billiger rumliegenden verheerenden Alien-Waffen (von denen auch wieder keiner weiß, wie die in den District-9-Slum gekommen sein sollen, wo die Garnelen sie gegen Katzenfutter eintauschen, inklusive voll funktionsfähiger Mech-Robotanzüge – die aus dem Schiff ausgeflogenen Aliens werden die ja nicht unter den Schuppen versteckt haben), sondern verprügeln sich lieber, fressen rohes Fleisch und führen sich allgemein so auf wie Höhlenmenschen, die bei der Evolutionsstufe zum Cro-Magnon nicht mehr ganz mitgekommen sind? Und *wenn* es wirklich „Primitivlinge“ sind, wie kommen sie hierher? Oder sind Christopher und seine Verbündeten etwas wie eine „Elite“, die „Kommandanten“ des Raumschiffs? Aber wenn sie nun wieder über die Technik Bescheid wissen und „nur nach Hause“ wollen, wieso zum Geier sagen sie es keinem Menschen, wo doch das überwältigende Interesse „von uns“ (abgesehen von denen, die die Waffentechnik haben wollen) ebenfalls ist, dass die Garnelen so schnell wie möglich wieder abhauen? Aber okay, never let logic get in the way of a good story… (schließlich erklärt uns auch niemand, wieso genau Wikus sich in eine Garnele verwandelt. Heißt das im Umkehrschluss, viele der Aliens könnten in Wirklichkeit Menschen oder andere außerirdische Rassen, die „assimiliert“ wurden, sein?)

Wie gesagt – diese Überlegungen sollten uns, nach dem Willen von Blomkamp, egal sein, da er die Botschaft von Zusammenarbeit und Toleranz über Spezies-Grenzen hinweg verkündet. Schöner Gedanke, auch wenn ich mich da an einen gewissen Film namens „Enemy Mine“ erinnere, und auch einer, der ein wenig davon konterkariert wird, dass die letzte halbe Stunde von „District 9“ eine Action-/Geballerorgie ersten Ranges ist (sehenswerten ersten Ranges, zweifellos). Der Plot an sich ist eher unoriginell: gegensätzliche Charaktere müssen lernen, sich zu vertrauen, tun’s natürlich nicht, bescheißen sich jeweils, und erkennen erst, als es fast zu spät ist, dass es sich lohnt, die Differenzen zu überwinden und wirklich *gemeinsam* zu arbeiten. Dazu packen wir noch ein Government-(bzw. NGO-)-Conspiracy aus dem Baukasten, packen auf alles eine Fuhre exzellenter CGI und fertig ist die Suppe. Die schmeckt dann auch durchaus, aber es ist dann doch eher fast food denn Gourmet-Kost, trotz aller Bemühungen um Tiefgang und einem bittersüßen Ende.

Von der Inszenierung her habe ich einen wichtigen Kritikpunkt – mir geht nicht ganz auf, warum „District 9“ sich für ein Mischformat aus „mockumentary“ (die erste halbe Stunde verbringen wir mit einer dokumentarischen Schilderung der Geschehnisse inklusive Interview-Snippets und „Archivaufnahmen“) und konventionellem Narrative, entscheidet, wo der echte dramaturgische Gewinn darin liegt; zumal „District 9“ selbst in seinem Doku-Part das Format nicht durchhält und Aufnahmen einstreut, bei denen die „Doku“-Kamera nicht dabei gewesen sein kann (da wir hier schon erste Andeutungen über den Plan der Aliens um Christopher erfahren). Hätte sich Blomkamp für ein Stilmittel entschieden, hätte mir „District 9“ wahrscheinlich besser gefahren (und hätte so auch seine Logiklöcher vielleicht geschickter kaschieren können) – ich denke, hier spielt entscheidend hinein, dass Blomkamp unbedingt vom Ansatz seines Kurzfilms (quasi die Schilderung eines „embedded reporter“-Einsatzes gegen die Aliens) ausgehen wollte, aber irgendwann erkannte, dass das erzähltechnisch eine Sackgasse darstellt und dann eben auf herkömmliche Spielfilmmethodik umschaltete. Dadurch, dass Blomkamp seinen Doku-Ansatz schon relativ früh durch die Spielsequenzen mit den Aliens auflockert, wirkt der Bruch nicht so hart, wie er eigentlich müsste, bleibt aber trotzdem merklich. Keine Vorwürfe kann man Blomkamp in Sachen Tempo und Spannungserzeugung machen – „District 9“ ist ausgesprochen flott auf den Hufen, speziell natürlich in der zweiten Filmhälfte, in der heftig an der Action-Schraube angezogen wird, das „excitement“ stellt sich automatisch ein. Auch ein Verdienst der schlichtweg exzellenten WETA-Effekte (sämtliche Aliens, mit Ausnahme derer, die seziert im Labor der Powers-that-be rumliegen, stammen aus dem Computer); man mag über das Zoidberg-Design der Aliens debattieren können, aber hervorragend, vor allen Dingen in der Masse, sind die FX allemal. Splatterfreunde dürften sich darüber freuen, dass „District 9“ sich in dieser Hinsicht auch keine Scheuklappen aufsetzt, Körperexplosionen und abgetrennte Gliedmaßen en gros serviert (ich gehe davon aus, dass der Streifen, aufgrund Major-Vertriebs und SF-Kontexts, trotz seiner Ruppigkeiten mit ’ner 16 aus dem TÜV kommt).

Schauspielerisch weiß Sharlto Copley, seines Zeichens kein professioneller Schauspieler, aber von Blomkamp schon in „Alive in Joborg“ beschäftigt, durchaus als langweiliger Normale mit Beamten-Mentalität, der zunächst mal in eine Position gehievt wird, in der er schlichtweg kompetenztechnisch nichts verloren hat, und DANN erst richtig in Schwierigkeiten, die weit über seine Auffassungsgabe hinausgehen, zu überzeugen (Copley durfte übrigens seine Lines komplett improvisieren). Wichtige weitere „echte“ Rollen gibt’s kaum, da die meisten anderen Schauspieler nur für kurze Sequenzen oder Interview-Einsprengsel gebraucht werden, überwiegend spielt Copley gegen reine CG an und macht das für einen Amateur echt gut.

Fazit: Ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum das Fandom sich zur Zeit geradezu, ähm, in Ejakulat ersäuft – ja, „District 9“ ist ein gefälliger Streifen, der sehenswerte, perfekt arrangierte Action bietet (und in seinen Actionszenen, merke auf, Mister Bay, auch *nachvollziehbar* bleibt), aber nicht so intelligent ist wie er gerne wäre (und intellektuell, seien wir ehrlich, nicht wirklich so weit über Emmerich-Massenware a la „Independence Day“ thront, wie sich das die Fans gerade kollektiv einreden). Der Film macht Spaß, klar, Copley liefert eine bemerkenswerte schauspielerische Leistung ab, die Effekte sind schlichtweg erstaunlich, speziell für die schiere Menge an FX-Shots und das doch relativ bescheidene Budget, aber wer nicht nur die FX bewundert, sondern auch das Hirn noch beschäftigt, wird schon beim ersten Durchlauf Schwächen bemerken, die nicht wegzudiskutieren sind. Ein technisch beeindruckendes Debütwerk, das unter erzählerischen Mankos und insbesondere dem Umstand, dass die Moral ersichtlich wichtiger war als die Logik, leidet. Unter dieser Maßgabe eine Empfehlung unter Einschränkungen – well worth a look, auch durchaus auf der großen Leinwand, aber sich einzureden, das Ding wäre mindestens das beste an SciFi seit „2001“, geht meilenweit am Ziel vorbei (meine ursprünglich angedachte 4-Rollen-Wertung kann ich, je länger ich über den Streifen nachdenke, nicht aufrechterhalten. Moon spielte, wenn ich so will, intellektuell doch einige Ligen über „District 9“).

3/5
(c) 2009 Dr. Acula


mm
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