Die Zwillingsbrüder von Bruce Lee

 
  • Deutscher Titel: Die Zwillingsbrüder von Bruce Lee
  • Original-Titel: Nan quan bei tui
  • Alternative Titel: The Secret Rivals | Enter the Silver Fox |
  • Regie: Ng See-Yuen, James Nam
  • Land: Hongkong
  • Jahr: 1976
  • Darsteller:

    John Liu (Shao Yi-Fei/Wo Lei), Don Wong (Shang Ying Wai), James Nam (Lung Lun), Hwang Jang Lee (Silver Fox), Chin Ming, Chuen Hsiao-chien, Huang Tai-chu, Robert Kerver, Kim Gong-il


Vorwort

Anfang des 20. Jahrhunderts im Fernen Osten. Ein chinesischer Prinz hat sich aufgrund innenpolitischer Kalamitäten ins Exil nach Korea zurückgezogen und residiert dort mit Hofstaat und Leibwache in einem Palast. Es könnte ihm also durchaus schlechter gehen und genau das kündigt sich an – General Sun, ein republikanischer „Revolutionär“ (und später erster Präsident der chinesischen Republik, aber das tut hier nix zur Sache), ist mit seiner Armee auf dem Weg zum Prinzen, um die nebensächliche Frage nach einer verschwundenen Million Gold-Tael zu klären. Der Prinz hat offenkundig ein schlechtes Gewissen, doch andererseits ist sein Chefstratege und Meisterkämpfer Silver Fox („Silvery Fox“ in der deutschen Fassung) grad abgängig, denn der Herr kommt und geht, wie’s ihm beliebt. Nach typischer Kung-fu-Film-Logik verfallen der Prinz und sein oberster Leibwächter Lung Lun auf den Gedanken, ein Kampfsportturnier zu veranstalten. Der Sieger soll, sieht’s der Plan vor, dann General Sun abmurksen, ehe er selbst als potentielle Gefahr für den prinzlichen Hintern, seinerseits bevorzugt von Silver Fox abgemurkst wird.

Zu diesem Turnier erscheinen u.a. unabhängig voneinander die Herren Wo Lei und Ying Wai. Das ist insofern doof, weil die Beiden a) Brüder sind, sich b) nicht leiden können und natürlich gleich mal c) sich in die gleiche Frau verkucken. Dabei haben sie grundsätzlich das gleiche Ziel, sie wollen an Silver Fox Rache für den Mord an ihren Eltern üben. Zu Wo Leis Verdruß hat sich Ying Wei für dieses hehre Ziel aber der revolutionären Armee Suns angeschlosse, von der der freiheitsliebende Wo Lei nun wieder gar nichts hält. Was wiederum dazu führt, dass sich die Gebrüder auch mal gegenseitig aufs Haupt schlagen müssen. Dabei wäre es besser, sie würden ihre Kräfte konzentrieren…

Nachdem Ying Wai den uneingeladenen russischen Box-Europameister Gurev (!) aus dem Weg geräumt hat, wird er vom Prinzen unbürokratisch zum Sieger und neuen Chef der Leibgarde ernannt. Der mittlerweile zurückgekehrte Silver Fox findet das gar nicht mal so gut, sieht aber Entscheidungen des Prinzen eh bestenfalls als vernachlässigenswerte Ratschläge, erst recht, weil er schon weiß, was Wo Lei, um für sich bei Silver Fox gutes Wetter (und damit eine günstige Rachegelegenheit) herauszuschlagen, ihm brühwarm erklären will, nämlich dass Ying Wai für Sun arbeitet…


Inhalt

Pffrzmpfh. Für eine, äh, handlungsorientierte Website wie diese (bzw. zumindest für einen Plot- und Drehbuchnerd wie Euren Lieblingsdoc) sind traditionelle Martial-Arts-Filme ’ne dumme Sache, denn ob das, was die diversen Kampfszenen einigermaßen sauber miteinander verbindet, wirklich ’ne plausible Geschichte an und für sich ergibt, war nie eine besonders hohe Priorität bei den Hongkong-Filmemachern, und erst recht bei denen der zweiten Liga, und bestenfalls in dieser Spielklasse halten wir uns mit „Die Zwillingsbrüder vn Bruce Lee“ auf.

Wobei wir gleich mal den deutschen Titel klären sollten – entgegen dessen Krakeelen ist „The Secret Rivals“ (so der gefälligere internationale Titel) kein Brucesploiter. Okay, Don Wong hat man, was seine Frisur angeht, ziemlich auf Bruce Lee gestyled, aber ansonsten pflegt er keine der üblichen Bruce-Lee-Mannerismen und auch nicht ansatzweise Bruces Kampfstil (und John Liu hat nicht mal ’ne ähnliche Frise, so dass der deutschte Titel legalerweise bestenfalsl „EIN Zwillingsbruder von Bruce Lee“ lauten dürfte).

Storytechnisch ist denn auch wenig an dem Streifen bemerkenswert – der historische Backdrop wäre theoretisch nicht uninteressant (ich hab jetzt noch nicht sooo viele Eastern gesehen, die in der Zeit des Niedergangs der Qing-Dynastie, also nach den Boxer-Aufständen, in der Übergangsphase vom Kaiserreich zur Republik, angesiedelt sind), aber abgesehen davon, dass man sich (hat man den Film mal historisch eingeordnet) nur mal wieder über das rückständige China wundert (dafür aber versteht, warum die Qings in so ziemlich jeder militärischen Aktion ab Mitte des 19. Jahrhunderts schwer aufs Maul bekamen), ist’s für den Film bedeutungslos. Letztendlich wird nur wieder die übliche Rache-ist-Blutwurscht-Nummer durchgezogen und zwischendurch sogar die bewährte „Turnierfilm“-Schublade aufgemacht, zu der der bedauernswerte HK-Schreiberling gerne greift, wenn ihm sonst partout nix anderes einfallen will. Dass dieses „Turnier“ dann keinerlei Regeln folgt, die irgendwie nachvollziehbar wären (und auf gar keinen Fall denen, die zu Turnierbeginn verkündet werden), trübt selbst diese eigentlich unkaputtbare Formel merklich – das geht dann soweit, dass das dreitägige Turnier am zweiten Kampftag durch die unbürokratische Erklärung Ying Wais zum Sieger beendet wird. Wäre ich einer der zahlreich von weither angereisten Teilnehmer, I’d be decently pissed off.

Naja, richtig in die Pötte kommt die Plotte eh erst, als sie sich erinnert, mit Silver Fox einen ambitionierten Schurken der klassischen Schule (Eyebrows of Death, meterlange Silberhaarmatte und natürlich böser Bart) zur Verfügung zu haben und den endlich einbaut (einen Story-Grund fürs eine vormalige Abwesenheit gibt’s nicht, aber wäre er von Anfang an da, täte der „Plot“ nicht funktionieren) – auf einmal kommt ein wenig Leben in die Geschichte, als Wo Lei seinen Bruder als Sun-Agenten identifiziert oder mit einem Steppke, dem er eine Kung-fu-Ausbildung versprochen hat, einen Konter gegen Silver Fox‘ Spezialtechnik trainiert (doof nur, dass das wieder im Showdown keine Rolle spielt). Es gibt im Schlussakt noch ein paar Fragwürdigkeiten (der Prinz lässt das Mädel, auf das beide Brüder scharf sind, von seinen Goons entführen, damit sie… ihm Tee kocht?? Bidde wus?), aber spätestens im Showdown, wenn die Brüder sich zuerst gegenseitig, und dann gemeinsam Silver Fox bekämpfen, ist jegliche Storyentwicklung bis dahin eh nebensächlich, dann geht’s nur noch um’s Hauen und Treten.

Selbiges wird von Ng See-Yuen und seinem unkreditierten Co-Director, dem Co-Star James Nam, patent präsentiert. Ng hatte sein Handwerk bei den Shaw Brothers gelernt und gründete mit Seasonal sein eigenes Studio, für das „The Secret Rivals“ die erste Produktion darstellte (Seasonal sollte in der Folge Jackie-Chan-Erfolge wie „Schlange im Schatten des Adlers“ und „Drunken Master“, Tsui Harks ersten Fingerzeig „Wir kommen und werden euch fressen“ oder die „No Retreat, No Surrender“-Reihe verantwortlich zeichnen). Ng war zweifellos jemand, der die Lektionen, die Bruce Lee dem HK-Kino verpasst hatte, verstand und war 1976 schon deutlich weiter als Konkurret Lo Wei, der zu de Zeitpunkt noch verzweifelt versuchte, Jackie Chan in traditionell-altmodischen Heulern zum Star zu machen. Seine ganze Herangehensweise ist deutlich dynamischer als die Lo Weis, die Fights sind ansprechend choreographiert, die Kamera ist nah dran, und es gibt bereits zarte Andeutungen darauf, auch westliche Kampftechniken einzubauen, wo es sich anbietet. Gleichfalls sind Ng und Nam (auch ein Shaw-Veteran) geneigt, die individuellen Stärken ihrer Stars herauszustellen – John Liu, Meister des High Kicks, bekommt daher nicht nur kick-orientierte Kampfszenen, sondern zusätzlich noch eine kick-spezifische Trainingssequenz.

Musik und Production Values sind auf durchschnittlichem Niveau für einen nicht unbedingt hochbudgetierten Eastern (die Musik ab und an für westliche Ohren dezent unpassend), dass man sich für die Szenen am Prinzen-Hof offensichtlich an einem echten Palast einmieten konnte, ist der Schaden des Films nicht. Härtetechnisch gibt’s trotz einiger Leichen keine gravierenden Ruppigkeiten (dafür aber inflationär diesen typisch-drolligen Kung-fu-Film-Tod, bei dem der Geplättete sich noch mal mit einem vorwurfsvollen Blick halb aufrichtet und dann wie vom Blitz getroffen wieder zusammenklappt und abtritt).

Die Stars sind gut aufgelegt – zwar glaube ich selbst als Gelbhäute-kaum-unterscheiden-Könner nie im Leben, dass John Liu und Don Wong Brüder sein könnten, aber selten passte Lius immer irgendwie durchschimmernde Arroganz besser auf eine Heldenrolle, und Wong, der immerhin Co-Star in Chuck Norris‘ erstem „eigenen“ Film, „Der Boss von San Francisco“ war, lässt sich trotz-oder-wegen der in der Tat enormen Ähnnlichkeit zu Bruce Lee auch nicht lumpen (Wong kann übrigens auch in einer Godfrey-Ho-/RIchard-Harrison-Produktion bewundert werden – in „Ninja Thunderbolt“ ist er Star des kannibalisierten Films). Showstealer ist aber der Koreaner Hwang Jang Lee, der später Jackie Chans Kontrahent in „Schlange im Schatten des Adlers“ und „Drunken Master“ sein sollte und als einer der besten Kicker der Martial-Arts-Geschichte gilt – macht daher durchaus Sinn, ihn mit Liu zusammenzusspannen. Abgesehen davon kann Hwang Jang Lee wenigstens behaupten, in echt einen Gegner getötet zu haben. Überliefert ist, dass Lee von einem vietnamesischen Messerexperten zu einem Kampf herausgefordert wurde, um die Überlegenheit des Messerstils zu demonstrieren. Der unbewaffnete Lee lehnte dankend ab, worauf der Messerartist sich auf ihn stürzen wollte. Lee streckte ihn mit einem sofort tödlchen roundhouse kick an die Schläfe nieder. Davon träumt Chuck Norris nachts…

Bildqualität: Auch dieser Film liegt in unterschiedlichen Auflagen vor – wahlweise in der „John Liu Eastern Box Vol. 4“ von MiG oder der „John Liu Superstar Box“ von Intergroove. Mir liegt die MiG-Version vor. Der Film wird in anamorphem 2.35:1-Widescreen präsentiert. Die Bildqualität ist sehr wechselhaft – von überraschend gut, klar und scharf bis zu grieselig und extrem verschmutzt ist alles geboten (eine weitere Auflage von Eyecatcher ist augenscheinlich OOP).

Tonqualität: Deutsche Synchro in Dolby 1.0. Es ist wieder mal eine dieser Synchros, die gelegentlich einen unpassenden flotten Spruch einfiedelt, sich aber nicht traut, voll in die Rainer-Brandt-Richtung abzudampfen. Wie üblich bei Schotterfilmen aus der Epoche professionell und prominent besetzt, heutzutage aber nicht zu mehr geeignet, als das Dolby-Heimkino zu erschrecken…

Extras: Trailer für „The Secret Rivals“ nebst Sequel (hierzulande als „Bruce Lee – Wir rächen dich“ gelaufen) sowie die berüchtigte Erotikfassung von „Fausthieb des Todes“ („Kung Fu Leung Strikes Emmanuelle“), allerdings ausschließlich auf Mandarin/Kantonesisch ohne Untertitel…

Fazit: Passable Eastern-Unterhaltung mit einem verschwendeten historischen Setting und einer lang relativ uninspirierten Story, die durch einige exzellente Fights, insbesondere den sehr sehr sehenswerten 2-gegen-1-Showdown, aufgewertet wird.

3/5
(c) 2013 Dr. Acula


mm
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