Die Teufelspiraten von Kau-Lun


  • Deutscher Titel: Die Teufelspiraten von Kau-Lun
  • Original-Titel: Da hai dao
  • Alternative Titel: The Pirate
  • Regie: Chang Cheh, Ma Wu, Li Pao Hsueh
  • Land: Hongkong
  • Jahr: 1973
  • Darsteller:

    Ti Lung (Chang Pao), David Chiang (Hu Yi), Tien Cheng (Xiang), Yu Feng (Nai Nai), Fan Mei Sheng (Huang Erh), Yang Mah-Tzu (Hai Tang), Dean Shek (Pai Lun Po, als Shih Tien), Liu Kang (Tseng), Tang Yen Tsan (Ma Ping, als Bruce Tong Yim-Chan), Liang Shang Yun (Chen Hsiang)


Vorwort:

So kurz vor 1800 rum treibt an der chinesischen Küste Piratengesindel sein Unwesen. Obwohl, „Gesindel“ ist immer so eine Frage des Standpunkts. Was für die britischen oder portugiesischen Schiffe, die mit schöner Regelmäßigkeit überfallen werden, natürlich eher unerfreulich ist, ist für die Ausüber des piratesken Handwerks schiere Notwendigkeit. Chang Pao, einer der erfolgreichsten und gefürchtesten Piraten ist sogar ein ausgesprochener Ehrenmann, dessen Männer nach Möglichkeit bei ihren Entereien niemanden töten und schon gar keinen Feind von hinten angreifen sollen. So ist auch das Schlimmste, was der Besatzung der britischen Brigg, die Changs Dschunke aufbringt, passiert, dass sie von den Piraten in Sichtweite der Küste über Bord geworfen werden. Der Raubzug hat sich auch gelohnt, kistenweise schleppen Changs Leute Juwelen, Gold und Silber aufs eigene Schiff. Aber in die schönste Siegesfeier platzen schlechte Neuigkeiten – bei dem dem Entern vorgeschalteten Austausch von Kanonenfeuer hat sich die Dschunke einen schweren Treffer unterhalb der Wasserlinie eingefangen. Eine notdürftige Reparatur wird gerade dazu ausreichen, dass man die Küste erreicht, und an Land sollten sich Piraten eigentlich nicht sehen lassen, weil auf dieses Gewerbe auch bei den chinesischen Herrschern die Todesstrafe steht.

Mit einem Gefährten will Chang Pao in dem kleinen Fischerstädtchen mal die Lage peilen, ob Reparaturmaterial aufzutreiben ist. Der kleine Ort hat seine eigenen Probleme – er steht unter der Fuchtel des Werftbesitzers Xiang (und seiner Frau Nai-Nai, die ihrem Göttergatten an Verderbt- und Verschlagenheit nicht nachsteht und eigentlich sogar das Hirn der Operation ist), der die Behörden in seiner Tasche weiß, und mit Hilfe der lokalen Polizei die verarmte Fischer-Bevölkerung ausbeutet. Xiangs Truppe ist ein unerwarteter Fang geglückt – sie haben den Piraten Huang Erh gefangen. Als kaisertreue Untertanen müssten sie den Knaben nun eigentlich köpfen, aber Nai-Nai hat andere Pläne – die Engländer haben mit Huang Erh ihr eigenes Hühnchen zu rupfen und ein beträchtliches Kopfgeld ausgesetzt, das Nai-Nai nun gern kassieren möchte. Die Polizei ist schnell bestochen, aber beim Versuch, den Gefangenen aus dem Knast zu Nai-Nai zu transferieren, überlistet Huang Erh seine Häscher und entkommt – das gibt Xiang zwar willkommenen Anlass, mal wieder die Fischerboote bei Durchsuchungen zu plündern und renitentes Gesocks einzusperren, ist aber natürlich recht ärgerlich.

Was weder Xiang noch Chang Pao ahnen – mit Hu Yi ist ein kaiserlicher Inspektor eingetroffen, der nicht nur die Piraten ausschalten soll, sondern auch diskret nachprüfen soll und will, ob weit weit weg vom kaiserlichen Hof alles mit rechten Dingen zugeht oder vielleicht doch Korruption herrscht. Deswegen bleibt Yi auch vorsichtshalber inkongnito. Um Unauffälligkeit bemüht ist auch Chang Pao, der sich als Geschäftsmann aus Macao ausgibt und ganz offiziell Holz und Segeltuch zur Reparatur seines Handelsschiffs bei Xiang zu kaufen beabsichtigt. Scheint auch zu funktionieren, aber am Hafen wird Chang Zeuge, wie Xiangs Schergen die Fischer mit Steuerabgaben und überhöhten Preisen für Bootsreparaturen abzocken. Manche der Fischer sehen sich sogar gezwungen, ihre jungen Töchter für einen Spottpreis an Xiangs Bordell zu verscherbeln. Da kann Chang nicht an sich halten und verspricht den armen Fischern, ihre Schulden bei Xiang zu bezahlen. Mit der reichen Beute der englischen Prise sollte das auch kein Problem sein.

Sollte. Allerdings haben sich mittlerweile vier Männer aus Changs Crew unerlaubt in die Stadt geschlichen, um ihren jeweiligen Leidenschaften Sex und Spiel zu fröhnen. Was noch schlimmer ist – Huang Erh hat die günstige Gelegenheit von Changs Abwesenheit genutzt, um das Kommando über sein Schiff zu übernehmen. Zwar haben einige Getreuen Changs versucht, die feindliche Übernahme zu verhindern, wurden aber über Bord geworfen. Und dann hat Chang, dem maroden Zustand des Schiffs zum Trotz, Anker lichten lassen und sich verpisst.

Was in mehrfacher Hinsicht blöd für Chang ist – keine Kohle, um die Fischer auszulösen, und mangels Schiff ist auch die Tarnung als liegengebliebener Geschäftsmann nun arg löchrig. Zudem ist Xiang mittlerweile zu Ohren gekommen, dass ein kaiserlicher Beamter in der Stadt ist – und eben der, Hu Yi, erkennt Chang, als der seine abgängigen Männer aus dem Casino subtrahiert (wo sie gerade dabei waren, wegen der Hongkong-Münzen, die sie als Einsatz auf den Spieltisch gebrettert haben, unangenehm aufzufallen). Chang verfällt auf den Gedanken, sich den Zaster von Xiang zu klauen, und der Vorteil scheint zunächst bei ihm zu liegen, weil Xiang irrtümlich Chang für den kaiserlichen Inspektor hält...

Inhalt:

Die Shaw Brothers mal wieder... über das legendäre, wohl einflussreichste und bedeutendste HK-Filmstudio habe ich an dieser Stelle schon oft genug berichtet. Und auch darüber, dass die Shaws eben trotz ihrer herausragenden Stellung nicht immer die Schnellsten waren, wenn es darum ging, sich an verändernden Publikumsgeschmack anzupassen – es ist keine ganz große Sensation, dass die größten Stars des Hongkong-Kinos, Bruce Lee und Jackie Chan, nie für die Shaws tätig waren und sich das Studio in beiden Fällen schwer tat, die Innovationen, die Lee bzw. Chan in den Martial-Arts-Film einbrachten, erfolgreich zu adaptieren. Denn es wird kaum jemand bestreiten, dass Shaw, wenn eine Formel mal als brauchbar und gewinnbringend beurteilt worden war, diese bis zur Selbstverleugnung weiterbetrieb (und auch, dass das Studio darauf achtete, dass keiner der Darsteller „größer“ als das Studio wurde), weswegen manche Shaw-Produktion aus den frühen 80ern sich kaum merklich von einer solchen aus den späten 60ern unterscheidet.

Um so höher ist es dann zu bewerten, wenn ein Shaw-Film zumindest ansatzweise neue Wege zu beschreiten versucht, und mit „Die Teufelspiraten von Kau Lun“ haben wir einen solchen Film vor uns – er ist SO ungewöhnlich für Shaw, dass es glatt drei Regisseure brauchte, um den Streifen in den Kasten zu bringen: Chang Cheh, der wohl beste und wichtigste Regisseur im Shaw-Stable, Ma Wu, der sich vom Schauspieler in frühen Wang-Yu-Kloppern zu einem produktiven Shaw-Director weiterentwickelte, und der meist im B-Bereich tätige Li Pao Hsueh. Warum Runme Shaw glaubte, drei Regisseure auf den Film anzusetzen, ist nicht überliefert – der Film wirkt etwas aufwendiger als die meisten anderen Shaw-Filme und war womöglich als Prestige-Produktion geplant, aber genauere Informationen sind nicht zu finden, auch nicht darüber, welcher Regisseur welche Teile des Films tatsächlich inszenierte (Chang Cheh erwähnt den Film nicht in seiner Autobiographie, was zumindest die Möglichkeit offen lässt, dass Hsueh und Wu, die da und dort bereits zusammengearbeitet hatten, den Löwenanteil des Films drehten und Cheh mehr als „figurehead“ diente, wie es heute mit „Max Meier presents“-Credits gehandhabt wird).

Offensichtlich war das Bestreben des Studios, sich ein wenig von den eigenen etablierten Tropes zu lösen und einen „großen Abenteuerfilm“ im Hollywood-Stil zu fabrizieren, der weniger durch brutale Kämpfe und Blutverlust, sondern einen etwas leichteren, familienfreundlicheren Stil Geld in die Studiokassen spülen sollte. Es hat vermutlich nicht so wie geplant funktioniert, denn stilistisch und vom gebremsten Gewaltgrad her sollte „Die Teufelspiraten“ (im Original schlicht „The Pirate“ betitelt) eine Ausnahme im Shaw-Kanon bleiben.

Man sollte sich jetzt auch nicht durch den Titel täuschen lassen – trotz des Settings ist „Die Teufelspiraten“ weniger Piraten- denn traditioneller Martial-Arts-Film. Die balkenlosen Gefilde des weiten Ozeans lässt der Streifen schon nach kurzer Zeit (und leider nur einem See-Gefecht) hinter sich und spielt überwiegend an Land, wobei das Szenario des Fischerdorfs immerhin eine gewisse Abwechslung zu den üblichen Shaw-Schauplätzen bietet (und, auch dass ist festzustellen, dem Film einen deutlich größeren Anteil an Location-Shoots verleiht als die meist sehr studiogebundenen Shaw-Filme es üblicherweise taten). Die Story von Ni Kuang, einem von Shaws outputfreudigen Stammschreiberlingen, hat einige interessante Aspekte (und beruht zumindest ansatzweise auf realen Ereignissen und dem Leben des historisch verbürgten Chang Pao, der zunächst als Pirat tätig war, ehe er in den Staatsdienst trat). Er orientiert sich zunächst an dem idealisierten und heroisierten Bild des tapferen, freien und gerechten Piraten, der kein Verbrecher aus Leidenschaft ist, sondern aus der Notwendigkeit des Überlebenskampfes eine Art Robin-Hood-Mentalität entwickelt hat und für die Schwachen und Unterdrückten einsteht und auch gerade deswegen sowohl von seiner Besatzung als auch der einfachen Bevölkerung respektiert und verehrt wird (im Gegensatz zu Huang Erh, dem prototypischen bösen, nur an Selbstbereicherung interessierten Gangster, der sich deshalb auch nicht durch verdienten Respekt, sondern nur mit Drohungen und Gewalt durchsetzen kann). Hu Yi wäre eigentlich sein natürlicher Verbündeter, denn der kaiserliche Beauftragte steht dem Leid der unterdrückten Bevölkerung mit ausgesprochener Sympathie gegenüber und sieht die Piraterie durchaus korrekt als Resultat von behördlicher Misswirtschaft und Korruption – es ist seine Aufgabe, die Beutezüge der Piraten zu unterbinden, aber er erkennt in Chang Pao schnell eine „verwandte Seele“ (das geht soweit, dass er sich – ohne dass Chang Pao ihn bis dahin kennengelernt hätte oder auch nur ahnen würde, dass Hu Yi eigentlich hinter ihm her ist – bei den enttäuschten Fischern, die auf Changs Geld warten [das der, aufgrund Huang Erhs Eroberung seines Schiffs, gar nicht mehr hat], verbürgt, um sie zu beruhigen und von Dummheiten abzuhalten). Eigentlicher Schurke und Gegner beider Protagonisten (obwohl Hu Yi streng genommen mit ihm zusammenarbeiten müsste, dies aber explizit nicht tut) ist der örtliche Großkapitalist Xiang, der mit eiserner Knute die einfache Bevölkerung einschüchtert und die lokalen Behörden in seiner Tasche weiß – aber selbst auch nur die Nummer 2 hinter seiner glatt noch böseren Ehefrau, die die eigentlichen Pläne schmiedet, und auch Xiangs Reichtum verwaltet, ist. Kleiner Stein im Getriebe ist dann auch noch Huang Erh mit seinen eigenen Plänen, der sich aber, kaum hat er Changs Schiff geklaut, bis auf einen kurzen Auftritt im Showdown, wo er unzeremoniell entsorgt wird, aus dem Plot verabschiedet – er ist mehr ein wandelndes Plot Device, das Chang dazu nötigt, seine Pläne zu ändern und proaktiver zu werden als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Die Gemengelage sorgt jedenfalls dafür, dass -. auch wenn der Film nicht unbedingt mit Kampfszenen wuchert – immer etwas handlungsrelevantes los ist, der Plot ständig in Bewegung ist. Eine weitere Konsequenz ist, dass der „Endkampf“ nicht zwischen Gut und Böse, sondern den zwei Vertretern des „Guten“ geführt wird; wobei Chang zu diesem Zeitpunkt praktisch alles bis auf sein eigenes Leben verloren hat (Schiff, Reichtum, Freunde), und sich eigentlich auf einen „fight to the death“ eingestellt hat, Hu Yi daran aber nicht wirklich ein Interesse hat, sondern Chang mit voller Absicht eine Fluchtmöglichkeit gelassen hat. Der Kampf zwischen Hu Yi und Chang wird dann auch von beiden Beteiligten – wie sie auch feststellen – mit bestenfalls halber Kraft geführt; konsequent und schlüssig im Kontext des Films, aber dem Spektakel abträglich (andererseits fällt es schwer, bei der Schlusseinstellung nicht die berühmten Worte „Ihr werdet immer an den Tag denken, an dem ihr den berühmten Piraten Jack Sparrow beinahe gefangen hattet!“ in den eigenen Bart zu murmeln...).

Die Action itself ist insgesamt, gerade für Shaw, eher halbgar – sicher, die Seeschlacht zum Auftakt (geführt von den schlechtesten Kanonieren der maritimen Geschichte) hat ihren Novitätenwert (und ein paar unfreiwillige Lacher ob der Perücken der englischen Offiziere), mit der Verlagerung der Handlung an Land gehen wir dann doch zum „gewöhnlichen“ Martial-Arts-Gekämpfe über, wobei die Fightchoreographie keine Bäume ausreißt und auch das große Action-set-piece des Films, der große Kampf zwischen Xiang nebst seinen Goons und Chang mit seinen verbliebenen Getreuen, zwar ausführlich und mit ordentlicher Leichenzählung vonstatten geht, aber eben auch weitgehend unblutig und unspektakulär.

An den Darstellern liegt's sicherlich nicht – sowohl Ti Lung als Chang wie auch David Chiang als Hu Yi zeigen, dass sie das notwendige Charisma für ihre Rollen haben und warum sie lange und wohlgelittene Karrieren bei Shaw hatten. Tien Ching („Miracles“, „Hard-Boiled 2“, „Die Todeskammern der Shaolin“) und speziell Yu Feng („König der Shaolin“, „Die Eroberer“) sind ein angemessen fieses Schurkenpärchen. Fan Mei Sheng (Huang Erh) kennt der Eastern-Fan aus Krachern wie „Magnificent Butcher“, „Meister aller Klassen“, „Shanghai Police“ und „Story of Ricky“- hätte nix dagegen gehabt, wenn er eine etwas größere Rolle im dritten Akt hätte einnehmen dürfen. Yuan Man-Tzu („Invasion aus dem Innern der Erde“, „King Fu – Seine Fäuste zucken wie der Blick“) hat eine kleine, aber durchaus wichtige Rolle als das arme Fischermädchen, dessen drohender Verkauf ans Bordell Chang auf die Palme bringt (allerdings beschränken sich ihre schauspielerischen Aufgaben auf attraktives Herumheulen). Nicht vergessen wollen wir den vielbeschäftigten Dean Shek („Sie nannten ihn Knochenbrecher“, „Meister aller Klassen 2“, „Die Schlange im Schatten des Adlers“, „Karate Bomber“ - mithin also ein frequenter Sparringspartner von Jackie Chan) als Xiangs Geldeintreiber mit einer herrlichen behaarten Riesenwarze im Gesicht...

Die Blu-Ray von Koch/Black Hill bringt den Film in einem betörend schönen Celestial-Print (2.35:1) mit prächtigen Farben, toller Schärfe und ausgezeichnetem Kontrast. Deutscher und Original-Ton werden mitgeliefert (inkl. Untertitel), und natürlich ist der Streifen in dieser VÖ ungeschnitten (die alte deutsche Fassung entbehrte u.a. konsequent alle Dialoge, in denen sich auf Zwangsprostitution bezogen wird). Da kommen schon einige Minuten zusammen...

Letztendlich hat mir der Streifen trotz seiner Schwächen in ironischerweise ausgerechnet den Kampf- und Actionszenen durchaus Spaß gemacht – auch wenn er sich nicht vollständig von den Shaw-Formeln und -Klischees lösen kann, versucht er doch, einiges durch das Setting und den Verzicht auf übermäßige Gewaltdarstellung anders zu machen und eben mehr das Feeling eines Hollywood-Swashbucklers zu emulieren. Muss man nicht supertoll finden, kann man aber respektieren und eine gute Zeit damit haben!

© 2019 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 4

BIER-Skala: 7


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