Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1959)


  • Deutscher Titel: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde
  • Original-Titel: Journey to the Center of the Earth
  •  
  • Regie: Henry Levin
  • Land: USA
  • Jahr: 1959
  • Darsteller:

    Pat Boone (Alec McEwan), James Mason (Sir Oliver Lindenbrook), Arlene Dahl (Carla Goteborg), Diane Baker (Jenny Lindenbrook), Thayer David (Graf Saknussem), Peter Ronson (Hans Belker), Robert Adler (Groom), Alan Napier (Dekan), Ivan Triesault (Peter Goteborg), Mary Brady (Kirsty)


Vorwort:

Der schottische Geologe Oliver Lindenbrook ist gerade in den Adelsstand erhoben worden. Klar, dass an der Uni von Edinburgh da erst mal gefeiert wird. Neben dem „offiziellen“ Geschenk seiner Studenten überreicht sein Lieblingsschüler Alec McEwen dem Prof noch eine persönliche Aufmerksamkeit – einen Lavabrocken, der für seinen Fundort, einen erloschenen Vulkan im italienischen Mittelmeergebiet, erstaunlich schwer ist.

Das fasziniert Lindenbrook so sehr, dass er sogar das abendliche Dinner mit Unitätshonoratioren, seiner Nichte Jenny und dem in sie verknallten Alec verpasst. Schießlich hat Lindenbrook entdeckt, dass der italienische Lavastein ein schweres isländisches Vulkangestein umgibt. Selbiges entpuppt sich als Tabakdose des berühmten isländischen Wissenschaftlers Arne Saknussem, der beim Versuch, seine Lieblingstheorie, dem Erreichen des Mittelpunkts der Erde, vor ein paar hundert Jahren spurlos verschwunden ist. Tja, das mit dem „spurlos“ hat sich jetzt ja erledigt und die Tatsache, dass ein isländisches Artefakt in Italien auftaucht, scheint zu belegen, dass an Saknussems These einiges dran ist.

Zur Verifizierung seiner Theorie schreibt Lindenbrook an den schwedischen Obervulkanexperten Professor Goteborg. Der allerdings antwortet nicht, sondern begibt sich umgehend auf eine Expedition, um, da ist Lindenbrook sich felsenfest sicher, Ruhm und Ehre der Entdeckung einer unterirdischen Welt für sich zu beanspruchen. Lindenbrook sattelt sein Huhn und klemmt sich Alec unter den Arm, und ab geht’s nach Island, weiß doch auch Lindenbrook dank Saknussems Hinweisen, wo der Einstieg in die Unterwelt zu finden ist.

Nach ersten Sichtungen am entsprechenden Vulkan bekommen der Wissenschaftler und sein Gehülfe erst mal was auf die Rübe und wachen in einem Lager für Daunenfedern wieder auf. Dessen Besitzer/Bearbeiter, Hans, ein stämmiger Isländer, der schwer in seine Ente Gertrud verliebt ist, staunt nicht schlecht, was da in seinem Federsilo steckt, und wird unbürokratisch von Lindenbrook als neuer ortskundiger Helfer zwangsverpflichtet (dass Hans kein Englisch und weder Lindenbrook noch Alec isländisch parlieren, erschwert die Kommunikation ein wenig). Naheliegender Weise verdächtigt Lindenbrook den Rivalen Goteborg als Auftraggeber des Attentats, doch beim Versuch, den zur Rede zu stellen, finden die tapferen Schotten selbigen nur tot vor – vergiftet. Wie Lindenbrook ernüchtert feststellt, hatte Goteborg was gegen ihn, aber irgendwer noch mehr gegen Goteborg. Als Lindenbrook herausfindet, dass Goteborg sich zuvor mit einem gewissen Graf Saknussem getroffen hat, liegt auf der Hand, dass der Herr Graf augenscheinlich nicht gewillt ist, das Familiengeheimnis irgendwelchen hergelaufenen Fremden zu überlassen.

Lindenbrook plagt das Problem , das Goteborg alle erdenklichen Ausrüstungsgegenstände für eine Expedition aufgekauft hat und er, also Lindenbrook, allenfalls ein moralisches Recht daran hat. Der Versuch, Goteborgs eingetroffener frischgebackener Witwe Carla eine Genehmigung aus dem Kreuz zu leiern, scheitert ob der erhobenen Beschuldigungen gegen den Verblichenen. Erst, als Carla das Tagebuch ihres Ex-Mannes studiert und festgestellt hat, dass der tatsächlich Lindenbrooks Ideen gestohlen hat, willigt sie ein – unter der Bedingung, die Expedition zu begleiten. Für sie spricht, dass sie Isländisch spricht und sich also mit Hans verständigen kann, gegen sie die Tatsache, dass sie eine Vagina besitzt. Weibsvolk auf wissenschaftlicher Expedition – da springt Lindenbrook doch glatt der Draht aus dem Kilt. Letztlich bleibt dem guten Mann aber nichts übrig, als gute Miene zum emanzipatorischen Spiel zu machen – ohne Carla schlicht keine Expedition.

Zunächst gestaltet sich der Abstieg in die tatsächlich erreichbare Unterwelt planmäßig – da Arne Saknussem seinen Weg markiert hat, bereitet es der Expedition keine großen Probleme, seiner Spur zu folgen und die sich offenbarenden Wunder der Natur zu bestaunen.

Als Carla bei einem Nachtlager Schritte zu hören glaubt, hält Lindenbrook das für einen Ausbund weiblicher Hysterie, wie nicht anders zu erwarten bei Wesen, die Eierstöcke besitzen. Aber natürlich hat Carla völlig richtig gehört – Graf Saknussem und sein Bruder haben einen Vorsprung auf die Lindenbrook-Expedition und den gedenkt der Graf auszunutzen. Über eine falsche Markierung gelingt es Saknussem, die schottische Expedition auf einen falschen Weg zu schicken. Zwar erkennen Lindenbrook und die Seinen schnell das fiese Manöver, aber trotzdem wird Alec vom Rest der Gruppe getrennt und irrt allein durch das Höhlengewirr – bis er persönlich auf Saknussem stößt und der hätte gern, dass Alec seinen leider verstorbenen Diener als Träger und allgemeinen Sklaven ersetzt. Und mit seiner Pistole hat er einen erstklassigen Meinungsverstärker…
 

Inhalt:

 
Die großen Jules-Verne-Adaptionen der 50er werden immer einen heimeligen nostalgischen Platz in meinem Herzchen haben – „20.000 Meilen unter dem Meer“ mit dem großartigen Kirk Douglas ebenso wie „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, 20th Century Foxens verspätete Antwort auf das immens erfolgreiche Disney-Spektakel. Fox schnappte sich gleich James Mason, den Captain Nemo Disneys, als Hauptdarsteller, hier aber als eindeutig positiven Protagonisten.

Man muss natürlich festhalten, dass „20.000 Meilen unter dem Meer“ das bessere Verne-Buch ist als „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ – letzteres ist eine reine Expeditionsgeschichte, wohingegen ersteres einen interessanten Antagonisten, seine Philosophie und damit einen echten Konflikt in den Mittelpunkt stellt. Auch in Filmform ist der Nemo-Stoff den Unterweltabenteuern sicherlich überlegen, und auch den Produzenten war völlig klar, dass das Publikum mit Recht mehr erwartete als nur eine 1:1-Umsetzung des Romans.

Charles Brackett, ein ausgezeichneter Drehbuchautor, der oft und gern mit Billy Wilder zusammenarbeitete (bei „Ninotschka“, „The Lost Weekend“ und „Sunset Boulevard“ u.a.), und der jüdisch-österreichische Emigrant Walter Reisch („Flugplattform F.P. 1 antwortet nicht“, „Das Haus der Lady Alquist“, und in seiner Eigenschaft als Schlagertexter auch der Lyriker des Gassenhauers „Flieger, grüß mir die Sonne“) beließen es aber bei einer sanften Überarbeitung der literarischen Vorlage. Naheliegend war es, die Nationalität der Protagonisten von „deutsch“ auf „schottisch“  zu ändern (wogegen Verne sicherlich nichts einzuwenden gehabt hätte, wandelte sich seine durchaus pro-deutsche Einstellung mit dem Krieg von 1871 um 180 Grad), aus Herrn Lindenbrocks Neffen Alex den Studenten Alec zu machen, der statt dessen mit Lindenbrooks Nichte liiert ist, erlaubt es, dem Stoff, der solches eigentlich nicht hergibt, eine zarte Liebesgeschichte hinzuzufügen (die aber zum Glück nie breiten Raum einnehmen kann, weil Jenny schlicht an der Expedition nicht teilnimmt und sich ihre Mitwirkung im Film auf gelegentliche Umschnitte auf das wartende Mädchen beschränkt).
Die wichtigste Änderung ist sicherlich die Einführung einer Schurkenfraktion, zunächst durch Lindenbrooks Rivalen Goteborg, und, nachdem der hin ist, den fiesen Grafen Saknussem (wobei niemand auf den Gedanken verfällt, dass der Graf moralisch gesehen – und Moralität ist Lindenbrook ja durchaus wichtig – einen gewissen Anspruch darauf hat, die Entdeckungen seines Ururgroßvaters für sich zu reklamieren. Da sich der Graf aber auch von Anfang an antagonistisch verhält, hat er’s am Ende wahrscheinlich auch nicht besser verdient). Das bringt natürlich ein wenig Schwung in die Bude und sorgt für Spannung, die über „werden sie auch wieder nen Ausgang finden“ hinausgeht. Außerdem kann durch diesen Kunstgriff Carla Goteborg in die Handlung integriert werden, um eine für 1959 erstaunlich starke Frauenrolle zu spielen (natürlich gibt’s ein paar Situationen, in denen Carla gerettet werden muss, aber es hält sich in Grenzen) und Lindenbrooks traditionellem Machismo prägnant Kontra zu geben (klare Sache – am Ende des Films sind Carla und Lindenbrook ein Paar).

Abgesehen von dieser wichtigen Änderung folgt das Drehbuch von Brackett und Reisch der literarischen Vorlage relativ dicht und behält Schlüsselszenen wie den Pilzwald, die Begegnung mit vorzeitlichen Dinosauriern (darüber wird noch zu sprechen sein), die dramatische Meeresüberfahrt und die Rettung durch den Vulkanschlot des Stromboli bei. Die mögliche Begegnung mit einem prähistorischen Riesenmenschen lässt der Film dankenswerterweise aus und lässt die Forscher stattdessen über das untergegangene Atlantis stolpern. Guter Tausch, finde ich.

Ein bisschen gezwungen wirkt der Humor speziell um die Ente Gertrud – das ist wohl was für die jüngeren Zuschauer (die aber bittere Tränen weinen werden, dass das Federvieh nicht überlebt).
Als ein Produkt der 50er ist der Film natürlich keine Tempogranate, kommt aber durchaus gut über seine 129 Minuten Laufzeit. Vielleicht hätte man im ersten Akt etwas straffen (der Eintritt in die Unterwelt kommt nach ca. 42 Minuten) und auch im Nachgang die Szenen, in der die Forscher ohne größere Ereignisse durch die unterirdischen Kavernen pilgern, etwas kürzer gestalten können, aber, wie gesagt, wir sind im Jahr 1959, da hatten die Menschen noch eine etwas längere Aufmerksamkeitsspanne und brachten auch den „sense of wonder“ mit, um sich an den zwar naiven, aber überwiegend großartigen Sets zu delektieren.

Die Bauten, aber auch die Farbgebung, Beleuchtung, das Framing monumentaler Szenen – das alles macht deutlich, dass Fox nicht nur ordentlich Geld in die Produktion steckte (knapp 4 Millionen Dollar, trotzdem immer noch weniger als die Hälfe der „20.000 Meilen“) und mit Regisseur Henry Levin (einem Routinier, der bereits als Vertragsregisseur für Columbia und Fox gute Arbeit geliefert hatte) und dem Veteranen-Kameramann Leo Tover („Der Tag, an dem die Erde still stand“) keine heurigen Hasen, sondern fähige Leute am Werk waren (auch wenn Tovers größte Taten s/w-Filme, bis zurück in die Stummfilmzeit waren, kommt er mit dem CinemaScope-Format und der Farbe glänzend zurecht).

Die Spezialeffekte… nun, auch hier reden wir von 1959. Die Rückprojektionen sind natürlich heute, speziell in hochauflösender Blu-Ray-Fassung, durchschaubar, aber allemal akzeptabel, die Integration der Schauspieler in Matte-Paintings durchaus gelungen, und auch die optischen Tricks für größere FX-Sequenzen wie den Mahlstrom, der das Floß der Forscher zu versenken, oder den Aufstieg durch den Vulkanschlot, sind aus heutiger Sicht selbstredend simpel, erfüllen aber ihren Zweck klaglos. Die Monstereffekte… naja, es sind halt ganz normale Echsen, auf die man die üblichen Zackenkämme geklebt hat, um sie in Saurier zu verwandeln. Klar, Stop-Motion-FX von Ray Harryhausen wären besser gewesen, aber Levin und Tover fotografieren die Biester wenigstens so, dass ein Hauch von Riesengröße durchschimmert (auch wenn sich die Tiere natürlich viel zu leichtfüßig bewegen). Beim Salamander in der Atlantis-Sequenz, der auch im Filmsinne „nur“ ein riesiger Salamander ohne Spoiler und Zusatzausstattung ist, funktioniert’s besser.

Den Score besorgt mit Bernard Herrmann ein weiterer Meister seines Fachs, und wie man es von Herrmann erwarten kann, ist es kein Klischee-Heidewitzka-Abenteuerfilm-Score, sondern weist für eine Major-Produktion von 1959 einige geradezu experimentielle Momente auf.

Top-Star des Films ist Pop-Idol Pat Boone, der schon zwei Filme mit Levin gedreht hatte, trotzdem anfänglich skeptisch war, in einem SF-Film aufzutreten. Erst nachdem Fox ihm versichert hatte, ein paar Songs einzubauen und ihm eine 15%-ige Profitbeteiligung anboten, sagte Boone nach gutem Zureden seines Managements zu. Und so haben wir halt schon nach zehn Minuten eine Song-Einlage… allerdings blieben die meisten Songs auf dem Schneideraumboden. Drei werden letztlich kreditiert, zwei davon sind aber einfach kurze Weisen, die Boone während der Wanderschaft vor sich hin trällert. Für das zeitgenössische (vor allem weibliche) Publikum dürfte wesentlich anregender gewesen sein, dass Pat fast die Hälfte des Films mit nacktem Oberkörper bestreitet. Sex sells!
James Mason war nur zweite Wahl als Lindenbrook – eigentlich sollte Clifton Webb, der bereits zweimal mit Pat Boone zusammengespielt haben, die Rolle übernehmen, aber kurz vor den Dreharbeiten musste er krankheitsbedingt absagen, und so kam Mason, eigentlich der offensichtliche Kandidat, zum Zug. Masons Attitüde gegenüber Co-Star Arlene Dahl schien sich übrigens ziemlich mit der von Lindenbrook gegneüber Carla zu decken. Jedenfalls war Mason wenig begeistert von Dahls Beschwerden, und als die Klimax mit dem Vulkan-Aufstieg gedreht wurde und die Stars mit Wassermassen überflutet wurden, fuhr er die jammernde Dahl an, dass sie gefälligst die Klappe halten solle, widrigenfalls die Szene zehnmal gedreht werden müsse – dass Dahl bei der Szene das Bewusstsein verlor und erst nach dreißig Minuten wieder zu sich kam, dürfte Mason nicht wesentlich gestört haben.

Arlene Dahl herself war um 1950 rum ein MGM-Starlet, drehte eine Fuhre Abenteuerfilme, u.a. mit Alan Ladd, und war Präsentatorin einer Fernsehshow auf ABC. Außerdem war sie mit Fernando Lamas verheiratet und ist somit Mutti von Lorenzo Lamas. Die Rolle des Hans wurde mit dem Isländer Peter Ronson, quasi Dolph Lundgren, bevor Dolph Lundgren erfunden wurde, besetzt. Ronson war Sportstudent in L.A. und damit die ideale Besetzung für den nordischen Kraftmenschen. Fox bot ihm in der Folge einen Filmvertrag an, aber Ronson schätzte den Starrummel nicht, beließ es bei dem einen Filmauftritt und trat lieber 1960 für Island bei den Olympischen Spielen in Rom im 110-m-Hürdenlauf an. Schurke Thayer David („Dark Shadows“, „Rocky“) müht sich als Saknussem um eine gewisse Peter-Lorre-Vibe, schafft das aber nicht ganz.

Die neue Blu-Ray von Fox ist optisch ein Gedicht – der CinemaScope-Transfer ist reinster Zucker. Klar, er deckt ein paar Schwächen der Effekte auf, aber damit muss man bei HD-Transfers von Klassikern nun mal leben. Nicht gelungen ist die deutsche Tonspur, die ziemlich knarzig und im Bass-Bereich übersteuert ist – der englische Originalton ist dagegen famos, völlig rauschfrei und kristallklar. Untertitel gibt’s in Deutsch und Englisch, Extras leider überhaupt keine, nicht mal einen Trailer. Dafür ist die Scheibe recht günstig zu haben.

Letztlich ist es klar und deutlich – „20.000 Meilen“ ist mit Sicherheit der bessere, spannendere und interessantere Film, aber auch „Die Reise“ ist ein charmanter Nostalgietrip in alte, naive, vielleicht manchmal sogar doch bessere Tage (weil auch wir als Publikum mittlerweile wesentlich zynischer sind als das des Jahres 1959), der immer noch Spaß macht und gut unterhält.
© 2019 Dr. Acula
 

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