Die Hochzeit


  • Deutscher Titel: Die Hochzeit
  • Original-Titel: Die Hochzeit
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  • Regie: Til Schweiger
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 2020
  • Darsteller:

    Til Schweiger (Tommy), Samuel Finzi (Nils), Milan Peschel (Andreas), Katharina Schüttler (Jette), Stefanie Stappenbeck (Linda), Lilli Schweiger (Lili), Jeanette Hain (Tanja), Brigitte Zeh (Sylvie), Anna Grisebach (Marlene), Bianca Nawrath (Sarah), Timur Bartels (Lenny), Alessandro Schuster (Oliver) u.a.


Vorwort:

Wer A sagt, muss auch B sagen …

Da ich mich ja auch auf die Gefahr bleibender Hirnschäden hin dazu entschieden hatte, mit einem sehr ausführlichen Review die Welt vor Til Schweigers vorläufigem Tiefpunkt „Klassentreffen 1.0 – Die unglaubliche Reise der Silberrücken“ zu warnen, fürchte ich, dass ich damit auch automatisch die Verpflichtung eingegangen bin, den zweiten Teil der als Trilogie geplanten Reihe zu besprechen – ob ich nun will oder nicht. Ich will nicht, aber ich muss. Daran führt kein Weg vorbei.

Der Titel „Die Hochzeit“ lässt es nicht erahnen, aber es ist tatsächlich so: Unser heutiges Objekt ist eine Fortsetzung des oben genannten hassenswerten Primitiv-Klamauks aus der untersten Schublade. Der Arbeitstitel „Klassentreffen 2.0 – Die Hochzeit“ machte die Verbindung noch wesentlich deutlicher, aber offenbar sah sich Schweiger dazu gezwungen, den Titel so zu verknappen, dass eine Verwandtschaft nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Ob das an den für ihn nur mäßigen Zuschauerzahlen des Vorgängers lag und er sich durch die Umbenennung mehr Chancen auf ein größeres Publikum ausrechnete, kann man letzten Endes nur raten. Fakt aber ist: Die Rechnung ging nicht auf, und „Die Hochzeit“ war sogar weit davon entfernt, auch nur an die Millionenmarke heranzureichen („Klassentreffen 1.0“ hatte wenigstens noch 1,13 Millionen) – eine Nachricht, die ich sehr beruhigend fand und mich in der Hoffnung bestärkte, dass auch die treuesten Schweiger-Fans mittlerweile eingesehen haben, wie wenig der Mann als Regisseur drauf hat.

Das bewahrt mich nun aber leider nicht davor, mir auch diesen Scheiß antun zu müssen, und wie ihr merkt, gehe ich mal wieder total unvoreingenommen an die Sache ran. Allerdings frage ich euch, wie ich denn bitte schön nach dem Vorgänger auch nur ansatzweise optimistisch sein könnte. Wir erinnern uns: In „Klassentreffen 1.0“ hatten sich die drei Freunde Nils, Andreas und Tommy auf den Weg zu einem 30-jährigen Klassentreffen gemacht. Nils hatte dabei schwer mit Hämorrhoiden, geschwollenen Hoden und allgemeiner Kotzbrockeritis zu tun, Andreas bemühte sich um den Titel des weltweit größten Volldepp-Cholerikers – und Tommy war Gott: reich, gut aussehend, geil, lustig, geistreich und [jedes erdenkliche positive Attribut bitte hier einfügen]. Sobald er den Raum betrat, war da dieses himmlische Leuchten, das ihn umgab und dafür sorgte, dass alle ehrfurchtsvoll vor ihm niederknien wollten. Jede Frau hätte ihren Slip für eine Nacht mit ihm gegeben, jeder Mann wollte wie er sein, und auch ich ertappte mich dabei, über mich nachzudenken: Was bin ich kümmerliches Nichts überhaupt wert, dass ich nicht Til Schweiger sein kann?

Im Glanze dieses Mannes fanden am Ende auch Nils und Andreas wieder in die Spur zurück. Vielleicht hatte auch Lili, die als zunächst lästiges Anhängsel auf der Klassenfahrtstour ausgemachte Tochter von Tommys Freundin, ihre Lektion gelernt, nicht mehr Kreditkarten stinkreicher DJs leerzuräumen, zu versöhnlich, zu happy war alles am Ende. Andreas wusste vermutlich selbst am wenigsten, warum seine Noch-Frau Tanja doch wieder bei ihm auf der Matte stand, nachdem er zuvor tausend und eine Anstrengung unternommen hatte, dass sie bloß nicht mehr zu ihm zurückkehrt. Aber so kennen wir Schweiger: Am Ende trägt er immer mit dem ganz dicken Pinselstrich auf, um seine Geschichten zu einem guten Ende zu führen. Ich erinnere mich etwa an „Zweiohrküken“, wo Til Schweiger am Ende wieder mit Nora Tschirner zusammenkam und niemand wusste, warum.

Ich fürchte, ich muss mal langsam mit der Einleitung zu einem Ende kommen und kann mich nicht länger vor dem Unvermeidbaren drücken. Also auf in die zweite Runde. Die einzige Hoffnung, die mir bleibt, ist, dass es irgendwann auch einfach nicht mehr schlimmer geht – und eigentlich kann es nach „Klassentreffen 1.0“ ja nicht mehr tiefer gehen. Oder etwa doch?

Inhalt:

Auch „Die Hochzeit“ hat wieder Förderungen erhalten, und zwar von denselben Leuten wie der Vorgänger. Ich glaube, das ist es, was mich eh am meisten wurmt, diese „Ey, Til, du drehst einen neuen Film? Der letzte wurde durch die Bank als große Scheiße bezeichnet. Hier hast du ein paar weitere Milliarden zum Verballern!“-Haltung. Fuck you!

Dann startet der Schrecken aber auch gleich voll durch: Schweiger-Tommy und seine holde Linda tanzen ausgelassen zu „Baby Love“ durch die Küche. So ein hipper Mittfünfziger wie King Til muss halt zeigen, was er noch so drauf hat. Ich könnte drauf verzichten, und Tochter Lili sieht das haargenau genauso: Sie dreht das Radio leise und beschwert sich nicht nur über die Lautstärke so früh am Morgen um 6, wo sie doch für eine Matheklausur pauken muss, sondern auch allgemein über das lächerliche Teenie-Gehabe von Mama und Quasi-Stiefpapa, die doch bitte schön unter Ausschluss der Öffentlichkeit hampeln und liebevoll an sich herumfummeln sollen. Mein Verständnis könnte größer nicht sein, aber als Linda das Radio wortlos wieder einschaltet, wird Lili von den flotten Beats mitgerissen und tanzt den Ringelreihen freudig mit. Das war die erste Szene, und ich muss schon kotzen. Ich kann noch nicht mal feiern, dass sich Tommy endlich – ENDLICH! – von seinem endbeschissenen Hut getrennt hat.

Andernorts ist die Stimmung nicht so ausgelassen. In Hämorrhoiden-Nils‘ Heimstatt bitcht Mama Jette gerade über die Angewohnheit ihrer zickigen Tochter Sarah rum, die Küche als Garderobe zu missbrauchen. Nils will davon nichts wissen und lieber eine Runde laufen gehen, aber seine Frau fordert ein Machtwort von ihm. Halbherzig wiederholt er noch einmal die Ermahnung seiner Frau und findet dank tatkräftiger Unterstützung seines ebenfalls anwesenden Sohns Oliver den Grund für die miese Stimmung seiner Tochter heraus: Ihr Freund Lenny hat sie per Sprachnachricht abgeschossen. Bevor Nils am Ende noch so etwas wie Trost spenden müsste, muss er aber auch schon los und seine Joggingrunde absolvieren. Beruhigend, dass in dieser Familie alles beim Alten geblieben ist, nur diesmal halt mit bitchiger Tochter statt griesgrämigem Vater, der sich aber mal wieder in ein Wortgefecht mit seinem Sohn verwickeln lässt.

Nils: Wo ist der Pulsmesser?
Oliver: Was willst du denn damit? Dafür braucht man doch einen Puls.

Fehlt noch der Dritte im Bunde – und das ist Choleriker-Andreas. Und ich fühle mich gleich wieder wie zu Hause, denn das Erste, was der tut, ist, laut rumzubrüllen. Anlass ist eine erneute Paartherapie mit seiner Frau, aber diesmal wenigstens bei einer Therapeutin. Man ist nach der Affäre, die sich Tanja seinerzeit mit Therapeut Carsten erlaubte, ja lernfähig. Nur zeigt sich gleichzeitig, dass der zweite Versuch, den Tanja ja für Leute mit gesundem Menschenverstand unverständlicherweise tatsächlich wagte, ganz offensichtlich fehlgeschlagen ist.

Tanja: Du schreist schon wieder.
Andreas: ICH SCHREI‘ NICHT!

So kennen wir ihn. So lieben wir ihn. Auf der Sympathieskala klettert er umgehend noch weiter nach oben, weil er aufreizend auffällig mit offenem Mund auf einem Kaugummi herumkaut. Auch die Therapeutin stört sich daran und bittet ihn, es herauszunehmen, was er dann auch prompt macht. Allerdings zweckentfremdet er die Klangschale auf dem Tisch neben der Therapeutin als Mülleimer. Ich mag den Andy, der sich auch weiterhin nicht im Ton mäßigt und den Sinn dieser Sitzung offen hinterfragt, zumal er doch Tanja gerade erst vor zwei Tagen einen Orgasmus beschert hätte. Das sieht seine Gattin anders: Sie hatte nämlich nur einen Krampf im Rücken. Die Therapeutin sieht ein, dass hier Hopfen und Malz verloren ist und reicht dem Paar die Visitenkarte eines Mediators.

Nun sind wir wieder voll im Film: Andreas‘ Ehe am Ende, Nils‘ Familie ein Nervenbündel und bei Tommy, tja, da läuten bald die Hochzeitsglocken, wie wir in der nächsten Szene erfahren, als das Trio gemeinsam durch Wald und Wiesen joggt. Allerdings muss sich Tommy gleich der Autogrammwünsche eines vorbeikommenden Fußgängerpärchens erwehren. Als weltbekannter DJ hat man schließlich nirgends seine Ruhe. Mit im Gepäck hat King Til, was mir erstmals in dieser Szene so richtig bewusst auffällt, einmal mehr den gewohnt unerfreulichen Schnitt (auch wenn er daran diesmal selbst nicht mitgewerkelt hat), der auch diesmal wieder in so schneller Abfolge Bilder aneinanderfügt, dass man sich am besten kein Blinzeln erlauben sollte, um alle „wichtigen“ Bildelemente erfassen zu können.

Tommys Hochstimmung aufgrund der unmittelbar anstehenden Hochzeit findet ein jähes Ende, als Plattenlabel-Fuzzi Danny durchklingelt, um ihm mitzuteilen, dass sein neues Album gigantisch schlecht gestartet ist („ein Massaker“). Der selbstkritische Tommy macht die Schuld an Danny fest: Er solle sofort seinen Arsch hierher bewegen, denn wenn DJ Tommy ruft, hat das Plattenlabel gefälligst anzutanzen, nicht etwa umgekehrt. Ein echter Macher.

Danach wohnen wir der Brautkleideranprobe von Linda bei. Ihre Mutter ist unzufrieden mit dem aktuell getesteten Kleid, da platzt auch schon die ungeliebte Mutter von Tommy herein und zeigt gleich mal, was sie von ihrer Schwiegertochter in spe hält.

Linda: Ich möchte doch nur einen Tag schön sein.
Mama Schilling: Dafür hätte die Hochzeit zehn Jahre früher stattfinden müssen.

In der Zwischenzeit kommt Danny tatsächlich auf seinem Moped zu den drei Freunden angetuckert. Tommy ist noch permanent am Fluchen und bedenkt jenen Danny mit allerlei Schimpfwörtern. „Warmduscher“, „Flachzange“ und „Pissnelke“ kenne ich ja noch, „Gurkenschäler“ schon nicht mehr, und bei „Busfinca“(?) gehe ich davon aus, dass King Til sich das ausgedacht hat. Der strotzt nur so vor Kreativität, sogar bei der Erfindung neuer Beschimpfungen, dieser ewig Junggebliebene. Den Schuh möchte sich Danny nicht anziehen, Tommy mache halt zu viel gechilltes Zeug. Tommy sieht das ganz anders: „Ich bin Künstler! Ich hab‘ mich weiterentwickelt!“ Und das, meine Damen und Herren, ist er – der vermutlich beste Gag, der je in einem Til-Schweiger-Film zu sichten war. Spricht Tommy da etwa im Namen von King Til? Wenn „weiterentwickeln“ bei ihm „zurückentwickeln“ heißt, dann, ja dann stimme ich ihm natürlich vorbehaltlos zu.

Da kann Tommy aber noch so viel schimpfen und meckern und zetern – mit Touren ist erstmal Essig. Er muss sich erst einmal mit Autogrammstunden in Shoppingcentern begnügen. Tommys Sonnenschein- ist damit einer Dauerregen-Stimmung gewichen. Er springt zu Danny aufs Moped und lässt sich von ihm mitnehmen. Der gemeinsamen Joggingrunde mit seinen ebenfalls betroffen guckenden Kumpels hätte er sich damit erfolgreich entzogen.

Dann springen wir wieder zurück zur Kleideranprobe. Bei aller Abneigung gegen Linda vermacht Tommys Mutter ihr ihr eigenes, damals getragenes Hochzeitskleid. Andererseits schenkt sie ihr das vielleicht auch nur, um ihr eins auszuwischen, denn es stellt sich heraus, dass es der armen Linda nicht unbedingt zum Vorteil gereicht.

Jettes Mutter: Wie eine Militärparade in Nordkorea.
Schwuler Designer: Da ist bestimmt Asbest drin.

Ja klar, den schwulen Designer gibt es auch. Auf gewisse Klischees darf man schließlich nicht verzichten, wenn man schon eine Kleideranprobe in einem Film hat.

Eine Anmerkung: Ich möchte ja eigentlich nichts sagen, zumal King Til schon weiß, was er tut, aber was hat für ihn nun dagegen gesprochen, erst Tommys Waldlauf und dann Lindas Anprobe am Stück zu zeigen, anstatt auf einen so zerschnittenen Rhythmus Waldlauf – Anprobe – Waldlauf – Anprobe zu setzen?

Irgendwo an einem See sitzen Lili und Sarahs frischgebackener Ex Lenny auf einem Steg, und er spielt ihr auf seiner Klampfe ein gar jämmerliches Lied vor. Als Gegenleistung präsentiert sie ihm und uns dafür ihre Beatboxing-Künste. Da dachte sich King Til bestimmt: Mein Schatz Lili kann doch echt gut Beatboxing, das schreibe ich ihr gleich mal ins Skript. Lenny ist so begeistert, dass er ihr im Überschwang einen Kuss gibt. „Hast du einen Vollschatten?“, fragt Lili entgeistert, denn sie und Lenny mögen vielleicht beste Freunde sein, aber mehr nun wirklich nicht. Außerdem ist er der Ex ihrer besten Freundin. Und weil wir in einer schlechten deutschen Komödie sind, kommt Sarah ausgerechnet in dem Moment an ausgerechnet dieser Stelle am See auf ihrem Fahrrad vorbei, als er seine Schnute ein weiteres Mal über Lilis Lippen stülpt. Lili kann ihr nur noch hinterherlaufen.

Als Tommy schwer gefrustet nach Hause kommt, sieht er seine gedankenverlorene Holde im hauseigenen Stall sitzen, die gewaltig Aufregung schiebt wegen der Hochzeit. Tommy hat Trost aber gerade nötiger: Sein geflopptes Album drückt ihm mächtig aufs Gemüt, aber Lindas Beschwichtigungen, es großartig zu finden, sind letztendlich so erfolgreich, dass sie sich ihre Zungen in den jeweils anderen Mund schieben. Lechz.

Wenn man dem Film bislang ein Kompliment machen möchte – er ist bisher vollständig ohne Hämorrhoiden- und sonstige Anal-Gags ausgekommen, die „Klassentreffen 1.0“ ja nur so pflasterten. Das Schlimmste war noch, Tommy beim Tanzen zugucken zu müssen. Aber freuen wir uns bloß nicht zu früh.

Andreas besucht Nils und Jette, um ihnen eine frohe Botschaft zu verkünden: Ein Prinz aus Nigeria hat ihm 62 Millionen Euro vermacht. Sie müssen ihn darüber aufklären, dass er auf den ältesten Trick der Welt reingefallen ist. Das hat keine weiteren Konsequenzen für die Handlung, sollte aber vermutlich lustig sein. Oder so. Weil Andreas ein unterbelichteter Vollpfosten ist und so. Das wussten wir allerdings auch vorher. Wir erfahren von ihm, dass er, obwohl noch nicht geschieden, heute zum Speed-Dating geht. Dafür hat er sich sogar schon einen Spickzettel gemacht. Nils liest ihn und äußert gewisse Zweifel, dass es eine gute Idee ist, der Damenwelt gleich beim ersten Treffen von der Hautkrankheit von Andreas‘ Mutter zu berichten. Ja, wir bewegen uns schon wieder bedenklich nah an der „Soll das ein Gag sein?“-Grenze.

Im nächsten Moment erhalten wir Altbewährtes von King Til, denn gerade als Sohnemann Olivers Freundin ihre Sachen zusammenpacken will, um sich zu verabschieden, rutscht Nils unbemerkt sein ums Gemächt gewickeltes Duschhandtuch vom Körper, und er steht splitternackt da. Erst ein paar Sekunden später fällt Nils sein Malheur auf und er bedeckt hastig seinen Schambereich – allerdings mit dem Schal von Olivers Freundin. Den fordert sie verstört wieder ein. Als schneller Ersatz soll nun Andreas‘ Spickzettel herhalten. Das wiederum findet Andreas nicht so toll, und er reißt Nils empört den Zettel aus der Hand und schnüffelt daran. Bleibt am Ende nur ein gegriffener Hausschuh. Seufz, ich habe es ein paar Absätze vorher ja regelrecht beschrieen.

Und unterhalb der Gürtellinie geht es weiter. Wenn etwas in „Klassentreffen 1.0“ gefehlt hat, dann waren das ja wohl Mösen-Gags. Pimmel, Schamhaare, Kotze, Scheiße – alles dabei, aber nicht eine Vagina. Also leckt Tommy zur abendlichen Gestaltung seine Gattin in spe Linda – sie voll angezogen auf der Couch liegend, er wie ein Hund vor der Couch kniend, mit dem Gesicht in Lindas Schritt. Es ist ein Anblick, der betroffen macht. Dabei wird er von einem lauten Bing auf seinem Handy unterbrochen: eine weitere vernichtende Kritik seines neuen Albums. Kurz jammert er, dann macht er weiter, aber nur bis zur nächsten Nachricht. Derartige Unkonzentriertheiten sind für Linda stimmungstötend genug, um ihm den Orgasmus zu verweigern und abrupt aufzustehen. Frustriert schaut sich Tommy die neueste Ausgabe der „taff“-Sendung an, wo die Moderatoren auch über ihn herziehen.

Was ist hier eigentlich los? King Til als jammernder Versager? Wo ist der Mann geblieben, der mit anderen Frauen flirtet? Der ausgelassen lachend und irre gut gelaunt seine Debilo-Sprüche bringt oder Donald Duck imitiert? Der seinen Freunden für einen guten Gag auch mal in Tüten scheißt?

Weitere humorvolle Highlights sind bei Andreas‘ unbeholfenen Speed-Dating-Versuchen zu erwarten.

Erster Versuch.

Andreas: Du siehst ja ganz schön jung aus. Wie alt bist du?
Sie: 25.
Andreas: 25? Ich auch – sogar zweimal!

Mit der anschließenden Frage „Worauf stehst du so?“ hat er den Bogen überspannt, und sein Date betätigt den Notfallknopf, was deshalb ganz besonders lustig ist, weil die Veranstalterin vor dem Start des Events eben noch sagte, dass der noch nie betätigt wurde.

Beim zweiten Versuch richtet sich ein heißer Feger betont auffällig die Brüste, und Andreas startet gar nicht mal so schlecht, indem er der Frau eine Rose übergibt. Hätte er doch nur den Mund gehalten: „Haben wir uns nicht neulich am Flughafen gesehen? Ich bin Pilot. Ich fliege aber nur auf die ganz großen Dinger.“ Der Druck auf den Notfallknopf ist die einzige Lösung für die arme Frau.

Dritter Versuch. Andreas sitzt ein wahrhaftiges Monstrum von Frau gegenüber, ständig lüstern lächelnd und ganz offensichtlich total durchgeknallt, weil sie sich bei Andreas‘ Anblick sogleich an ihr mies stinkendes Frettchen Elvis erinnert fühlt. Das hält sie aber nicht davon ab, ihn mit einem vorfreudigen Glucksen zu fragen: „Willst ein bisschen ficken?“ Nun drückt lieber Andreas den Notfallknopf. Ja, so langsam kommt King Til in die Spur.

Auch die anderen Speed-Dates sind nicht wie gewünscht verlaufen. Keine einzige Frau möchte Andreas wiedersehen. Das macht ihn traurig, und er hakt bei der Veranstalterin nach.

Andreas: Ich sehe doch gut aus, oder?
Veranstalterin (nach kurzem Zögern): Wahre Schönheit kommt von innen.
Andreas: Bin ich zu alt oder zu klein oder zu langweilig oder unvermittelbar?
Veranstalterin: Wir hoffen, dass Ihnen die Liebe irgendwann die Chance gibt, die Sie verdienen.

Heulend geht unser Hobby-Choleriker davon. Fast könnte man Mitleid mit ihm haben, wenn er denn nicht so viele Arschloch-Tendenzen hätte. Die Musik verrät uns, was wir fühlen sollen, nämlich Kummer und Schmerz. Wie gesagt: King Til muss akustisch immer den Bildschirm so verkleben, dass auch ein Dreijähriger versteht, was da gerade passiert.

Nils erhält einen Anruf: Ein gewisser Thorben möchte zum geplanten Bowling-Nachmittag mit seinen Buddys mitkommen. Da wird Jette hellhörig – und es fällt sogleich auf, dass ihr das so gar nicht recht ist. Nach dem Telefonat verrät Nils ihr, dass jener Thorben wieder Zoff mit seiner Frau Marlene hätte, weil er es mal wieder mit einer frustrierten Hausfrau getrieben hätte. An Jettes unbehaglichem Gesichtsausdruck können wir deutlich erkennen, dass sie etwas weiß, was Nils nicht weiß. Sie möchte ihm etwas anvertrauen, aber Nils ist bereits auf dem Sprung und verabschiedet sich. Oha, ich sehe Konflikte am Horizont erscheinen.

In den folgenden Minuten erinnert sich King Til an einige Schlager, die ihm wohl gut gefallen haben, und so reiht er während des Bowling-Nachmittags einen Hit nach dem anderen als Hintergrundberieselung aneinander. Nino de Angelos „Jenseits von Eden“ macht den Anfang. Danach folgen „Ti amo“ von Howard Carpendale und „Santa Maria“ von Roland Kaiser. In einem weiteren Beispiel konfusester Schnitttechnik zeigt uns der Billy Wilder des deutschen Komödien-Kinos eine Parallelmontage, wie Tommy einerseits einem weiblichen Fan ein Autogramm gibt und wie andererseits Thorben (gespielt von Thomas Heinze) Andreas und Nils begrüßt. Fast verplappert er sich dabei.

Thorben: Mit dir und Jette wieder alles gut?
Nils: Wieso wieder?

Tommy zeigt auf der Bowlingbahn Nerven und landet beim Versuch eines Strikes einen glatten Nuller. Derartige Versagergene ist Thorben gar nicht von ihm gewohnt, und so gibt er ihm einen Tipp: Mach dich an die Musikbloggerin Gitte Hain heran, die ist Single, und wenn die schreibt, dass deine Platte der heißeste Scheiß ist, dann werden alle deine Platten kaufen. Andreas wirft empört ein: „Tommy ist keine Nutte.“ Sein Vorbild und Meister möge nämlich gut verteidigt sein. Tommy lehnt aber auch ohne diesen Einwurf dankend ab. Schließlich will er schon sehr bald heiraten. „Schade um deine Karriere“, meint Thorben einfühlsam. Warum noch mal sind die mit dem befreundet?

In der Zwischenzeit stößt Tanja mit Linda und Jette beim gemeinsamen Kaffeeklatsch auf die Trennung von Andreas an. Ich muss ja sagen, dass ich mich vom Ende von „Klassentreffen 1.0“ nachträglich noch einmal doppelt verarscht fühle: Erst wird auf kaum verständlichen Umwegen ein gigantisches Happy-End selbst für den aussichtslosen Fall Tanja und Andreas aus dem Hut gezaubert, und dann ist schon von der ersten Filmminute an bei den beiden wieder alles beim Alten. Wozu also diese unglaublich dämliche Versöhnung, wenn es im Folgefilm eh keinen mehr interessiert? Jette ist nah am Wasser gebaut, aber das hat einen ganz bestimmten Grund. Sie gesteht ihren Freundinnen das, was der Film seit mehreren Minuten mehr als nur angedeutet hat: Sie hat mit Thorben geschlafen!

Wir gehen in eine Rückblende und somit in „Klassentreffen 1.0“. Muss das wirklich sein? Hatte ich nicht schon genug damit zu tun, den zu verarbeiten? Ach, was soll’s, kopiere ich hier halt meinen damaligen Absatz der Stelle ein, um die es im Folgenden gehen soll:

„Nils […] zieht sich ins Badezimmer zurück und ruft seine Frau an, die mit ihrer schlafenden Tochter vorm Fernseher sitzt. Ein feiner Zug, über den sich Jette sehr freut, und zunächst läuft das Gespräch auch in durchaus zärtlichen Bahnen – zumindest bis er sich Tipps von seiner Frau für die Rede am morgigen Tag erhofft, die er ja halten soll. Ein bisschen übertrieben finde ich es schon, das Jette ausgerechnet das zum Ausgangspunkt nimmt, um Nils rund zu machen und des Egozentrismus zu bezichtigen, aber es gab in der Vergangenheit ja bereits diverse Anlässe, wo er das verdient gehabt hätte. Nils gefällt sich aufgrund dieser Unterstellung einmal mehr in seiner Jammerlappigkeit und verlangt Mitleid von Jette nach diesem beschissenen Tag. Davon will sie nichts hören und legt auf. Ihre Tochter wird wach und fragt, ob sich ihre Mutter und ihr Vater nun scheiden lassen, aber Jette schüttelt den Kopf. Stand by your man, so das Motto, Familie über alles, so unglücklich frau auch sein mag.“

Da Nils seinerzeit nicht zurückgerufen hatte (sondern lieber mit seinen Jungs in die Disse ging, um dort eine junge Frau aufzureißen, mit der er fast geschlafen hätte, wenn er keine geschwollenen Eier gehabt hätte – dank an den Meisterregisseur für das Aufkratzen längst verheilt geglaubter Wunden!), ging sie todtraurig in eine Pizzeria, um sich wie immer, wenn sie bekümmert ist, eine Pizza mit zwei Spiegeleiern zu besorgen. (Nein, ich weiß nicht, ob King Til ob der Idee, eine Frau eine Pizza mit zwei Spiegeleiern bestellen zu lassen, sich vielleicht sogar lachend auf seinem Stuhl lümmelte; es wird hier jedenfalls so hervorgehoben, dass ich nicht ausschließen möchte, dass das glatt als Gag gedacht war, den ich nur wieder nicht verstehe.) Dort traf sie dann zufällig Thorben, der ihren aufgelösten Zustand gleich für seine Zwecke nutzte, um sie in die Kiste zu kriegen – indem er ihre Ausrede, sie hätte nur was im Auge, mit dem klassischen Obermacker-Anmachspruch „Ich habe Augentropfen zu Hause“ konterte. Ja, Thorben ist ein wahrer Freund, der sogar für die Frauen seiner besten Kumpels ganz Ohr (und Schwanz!) ist.

Jette fühlt sich nun folglich als Schlampe, aber für Tanja ist der Fall klar: Sie ist eher das Opfer der Umstände. Auch Linda findet einfühlsame Worte: „Wir sind ja auch nicht mehr im Mittelalter, wo man eine Hure wie dich geteert und gefedert hätte.“ Letztlich sind sie sich aber einig: Jette soll Thorben mit ins Grab nehmen und ihn nie wieder rausholen. Leute, ich will ja nicht vorgreifen, aber der Spruch mit dem Grab, das ist ein höchst ironischer Vorbote für kommende Ereignisse. Ihr werdet SO lachen.

In einer ruhigen Minute nimmt Nils Thorben beiseite, um ihn zur Rede zu stellen. Thorben vermutet nicht zu Unrecht, dass es um die Jette-Sache geht und will schon zur großen Entschuldigung ausholen, als er erfährt, dass Nils nur die Musikbloggerin-Gitte-Flirt-Sache meint: „Es ist echt daneben, Tommy so kurz vor seiner Hochzeit so nervös zu machen.“ Andreas hat andere Sorgen: Auf der Bowlingbahn neben ihm bowlt nämlich die Frettchen-Kandidatin aus seinem Speed-Date. Die streitet seine empörte Anklage, eine Stalkerin zu sein, vehement ab, was auch einen Grund hat: Sie ist nur die Zwillingsschwester der Frettchen-Kandidatin. Die echte nämlich kommt erst jetzt dazu, ist Andreas trotz dessen deutlicher Abfuhr weitaus wohlgesonnener gestimmt und würde ihn glatt immer noch an Ort und Stelle abschleppen. Was diese Angelegenheit noch viel, viel lustiger macht: Der schon reichlich angetrunkene Andreas glaubt, er würde doppelt sehen. In dieser Szene hat sich King Til geradewegs in einen Flow geschrieben.

Nach dieser Aktion legt Andreas Tommy gegenüber ein Gelübde ab: Ab sofort keine Frauen mehr in seinem Leben, nur noch Internetpornos und zwei gesunde Hände. Thorben gesellt sich zu den beiden an den Tisch und haut mal eben locker raus, dass er kurzzeitig geglaubt hätte, der aktuell abwesende Nils wüsste das von ihm und Jette. Für Tommy sind das brandheiße News, die er noch gar nicht kannte, und so fällt er entsetzt fast vom Glauben ab. Ausgerechnet der frühere Kreuz-und-Quer-Ficker Tommy also entpuppt sich hier als großer Moralapostel und sieht sich genötigt, sofort reinen Tisch zu machen. Weil Nils die Wahrheit verdient hat, fällt er sofort mit der Tür ins Haus, sobald er seinen Kumpel zu fassen bekommt, ohne auch nur eine oder zwei Minuten über die möglichen Konsequenzen nachzudenken. Nils reagiert auf diesen Schock zunächst lediglich mit Apathie, doch da, wie wir ja spätestens seit „Klassentreffen 1.0“ wissen, King Til vor allem polterigen Klamauk als Gipfel der Komik betrachtet, tickt Nils Zeter und Mordio schreiend völlig aus und eilt, weil das ja noch lustiger ist, in Zeitlupe auf die Toilette, auf die sich Thorben vor Tommys Petzaktion eigentlich zum gemütlichen Kacken zurückgezogen hat. Hat Tommy gut gemacht. Der hat früher bestimmt auch Mitschüler mit Vorliebe bei den Lehrern angeschwärzt.

Wutentbrannt hämmert Nils im Blutrausch auf die Toilettentür der Kabine ein, in der Thorben sitzt. Der verteidigt sich damit, dass Nils sich mal nicht so haben solle, da ihm ja offenkundig das Klassentreffen seinerzeit wichtiger gewesen sei als seine Familie. Der gehörnte Ehegatte lässt sich dadurch aber nicht besänftigen und schimpft weiter. Allerdings kann er sich seine Energie schnell sparen, denn im nächsten Moment sackt Thorben auf der Kloschlüssel zusammen und stirbt den Sekundentod. So viel zu: Jette soll Thorben mit ins Grab nehmen. Na, habe ich zu viel versprochen? Sie sollte ihn ins Grab nehmen, und nun ist er selbst im Grab. Muaharharhar.

„Ohne dich schlaf‘ ich heut‘ Nacht nicht ein“, plärrt mit der Münchener Freiheit der nächste Song von der Tonspur. Allmählich hat mich King Til wirklich mürbe geklopft mit seiner Dauerbeschallung. Dabei ist der Film noch gar nicht richtig losgegangen. Der Krankenwagen ist schnell herbeigerufen, aber Thorben kann nur noch tot auf die Trage gehievt werden. Der verbitterte Nils erzählt einem Sanitäter frei von der Leber weg, dass der Mann mit seiner Frau geschlafen hätte. „Karma is a bitch“, entgegnet der Sanitäter da nur und bringt somit einen der vielen in diesem Film verwendeten Kalendersprüche im Drehbuch unter. Als die Sanitäter Thorben wegrollen, fahren sie versehentlich über Andreas‘ Fuß, der vor Schmerz aufschreit. Ich staune immer und immer wieder: Wo kriegt King Til nur seine lustigen Einfälle her?

In der Folge hängt bei Jette und Nils der Haussegen schief. Demütig kriecht die untreue Gattin vor ihm zu Kreuze und kann gerade noch verhindern, dass er in einer Kurzschlusshandlung auch noch dem ahnungslosen Sohn von ihrem Seitensprung erzählt. Ich finde ja, Nils soll sich mal nicht so haben, immerhin haben ja zur selben Zeit lediglich seine geschwollenen Hoden den Geschlechtsakt mit einer fremden Frau verhindert. Und ich möchte wetten, davon hat der Schlappschwanz seiner Jette bis heute nichts erzählt. Wir können festhalten: Nils ist wieder auf exakt dem Stinkstiefel-Level, wie er es bereits in der ersten Szene von „Klassentreffen 1.0“ war, und teilt ihr gegenüber Tiefschläge über Tiefschläge aus: Er hätte trotz der damaligen Ehekrise nicht damit angefangen, die ganze Nachbarschaft zu vögeln, und sowieso würde er keinerlei Gefühle mehr für sie hegen. So ist das bekanntermaßen bei King Til: Für die Männerwelt ist etwas Fremdvögelei vernachlässigenswert (siehe Linda, die ihrem Tommy in „Klassentreffen 1.0“ keine zwei Minuten, nachdem sie von dessen Fremdfick mit einem Groupie erfahren hatte, auch schon wieder verziehen hatte), aber die Frauen, die müssen richtig leiden. Man frage auch nach bei Anna Gotzlowski in „Zweiohrküken“.

Bei Linda und Tommy ist es gewohnheitsgemäß harmonischer, selbst einen Tag vor der Hochzeit noch. Ein kleines (aber wirklich nur ein kleines) Problem dabei: Die Trauerfeier des so früh von uns gegangenen Thorben findet einen Tag vorher statt – und für die macht sich Tommy jetzt schick. Da ist es auch egal, dass Thorben kurz vor seinem Ableben noch mit der Frau eines guten Buddys gepoppt hat. Lili findet die Terminlegung suboptimal, aber Tommy will am selben Abend wieder zurück sein. Dann nervt auch Lenny noch etwas rum, weil er unbedingt mit Lili wegen dieser Sache am Steg und allgemein über seine Gefühle sprechen will, aber die blockt vehement ab.

Dass Tommy der Beisetzung beiwohnen möchte, kann ich ja vielleicht noch ein Stück weit verstehen, aber dass auch Nils dem toten Nebenbuhler, der ihm so wehgetan hat, die letzte Ehre (vermutlich eher Unehre) erweisen möchte, ist aus logischen Gesichtspunkten nun so gar nicht mehr nachzuvollziehen. Wenn er den Kopf frei bekommen will, soll er gefälligst ein paar Stunden an die frische Luft und nicht gerade dem Mann entgegentreten, der ihm Hörner aufgesetzt hat, aber ich fürchte, wir brauchen ihn für den weiteren Handlungsverlauf. Noch weniger Lust scheint er aktuell auf seine ganze Familie zu haben, denn auch Sarah keift er an, die immer noch um ihren Lenny trauert: „Zwölfeinhalb Monate Beziehung sind ein Furz in der Geschichte! […] Deine Mutter hat 25 Jahre lang Milch gekauft. Immer dieselbe: halbfett. Und auf einmal aus einer Laune heraus: Vollmilch!“ Muss ich erklären, wofür die Halbfett- und die Vollmilch sinnbildlich stehen? Nein, oder? Geschickt verklausuliert, der olle Griesgram.

Schließlich treffen sich unsere drei Freunde bei Tommy, von wo aus dann mal wieder einer dieser so wunderschönen Roadtrips wie in „Klassentreffen 1.0“ gestartet werden soll. Ich bin schon ganz vorfreudig. Fehlt doch eigentlich nur noch Lili, höre ich euch sagen. Selbstverständlich müssen wir aber nicht lange auf sie verzichten, denn obwohl sie ja eben noch eifrig rumgenörgelt hat, weil ihr baldiger Papi es wagt, einen Tag vor der Hochzeit noch längere Touren zu unternehmen, drängt sie sich kurzerhand als weibliche Begleitung auf. Ihre Begründung ist gleich doppelt stichhaltig: Sie hätte doch gesagt, sie wolle beim nächsten Ausflug wieder mit dabei sein, und schlimmer als das Klassentreffen könne es ja auch nicht werden. Oh ja, weise gesprochen. Noch nie konnte ich einer Figur in einem Schweiger-Film so sehr zustimmen wie dieser.

Lili erklärt sich sogar bereit, selbst zu fahren. Tommy sitzt wie schon im Vorgänger immer auf dem Beifahrersitz, weil er noch der männlichste von den drei Männern ist und am schönsten aussieht. Den kann man nicht einfach auf dem Rücksitz hinter den Vordersitzen halb verstecken. Der bevorstehenden Trauerfeier angemessen ist die Stimmung bei Nils immer noch deutlich im Keller. Er würde zwar nicht so weit gehen zu sagen, dass Thorben den Tod verdient gehabt hätte, aber ein Penisbruch wie bei Dieter Bohlen hätte es schon sein dürfen. Lili ist noch zu jung, um sich an die Story, die seinerzeit sämtliche Boulevardblätter füllte, erinnern zu können.

Wisst ihr noch, wie es bei „Klassentreffen 1.0“ war? Da dauerte die Autofahrt ja auch ziemlich lange, aber sie verging im Flug, weil King Til sich dafür so viele lustige Episödchen ausgedacht hatte. Was gab es da nicht alles Schönes? Die Eiskugeln, die auf die Rücksitze fielen. Lilis kaputtes Handy. Der Nasenhaarschneider. Tommys Anmachsprüche mit dem Abschleppen und dem Hupentesten. Der Zusammenstoß mit Ralf Moeller. Hier wurden Lacher für mindestens drei Filme produziert. Da möchte sich King Til nicht lumpen lassen – und hat auch so einiges für „Die Hochzeit“ parat.

Als vor dem Wagen eine Radfahrerin auftaucht, vergisst Andreas kurzzeitig sein Gelübde, nie wieder was mit einer Frau anfangen zu wollen und bittet Lili, langsamer zu fahren – doch die vermeintliche Radfahrerin entpuppt sich beim Vorbeifahren als bärtiger Mann mit langen Haaren und strahlt ihn an! Volle 10 von 10 Punkten auf der Humorskala.

Dann hat Nils Hunger. Neben geschmierten Stullen wirft Andreas ihm auch eine Schachtel Potenzmittel hin. Die berechtigte Frage, warum er die mitgenommen hat, wo er doch dem Sex für immer abgeschworen hat, bürstet Andreas damit ab, dass so eine Pille ja auch fürs Wichsen super geeignet sei. Er hätte die immer mit dabei, auch auf langen Fahrten. Nils reagiert entgeistert, hat er doch Andreas in der letzten Woche erst seinen Wagen geliehen. „Hast du mit deinen Wichsgriffeln die Stullen geschmiert?“, schimpft er, aber Andreas beruhigt, er hätte erstens Kleenex verwendet und zweitens seine Hände gewaschen.

Aber hallo, Homophobie und Wichs-Gags innerhalb weniger Sekunden. Go, King Til!

Während sich Jette (wegen der Ehekrise) und Sarah (wegen Lenny) daheim in Selbstmitleid ergehen, kommt auch Nils nicht zur Ruhe und rezitiert sein Eheversprechen. Verdammt, Tommy hat selbst noch keins. Das erfordert einen umgehenden Stopp in einem Café, wo sich Tommy gleich mal hektisch an ein paar schönen Sprüchen probiert, die jedoch allesamt sowohl von Lili als auch von Andreas und Nils als unzureichend abgekanzelt werden. Das mangelnde Timing bei den Gags zeigt sich besonders schön in dieser Szene im Café, weil die gleich auf mehrere Minuten aufgeblasen wird, in denen Tommy gleich mehrere Fragmente oberkitschiger Eheversprechen aufzählt. Ich habe schon beim ersten abgeschaltet, da braucht es nicht noch ein zweites, ein drittes, ein viertes oder gar ein fünftes.

Die Fahrt geht weiter, und schon wieder berieselt uns ein neues Musikstück, das gefühlt hundertste in diesem Film. Es stellt sich heraus, dass die Jungs in der Tat einfach sehr schlecht vorbereitet sind: Tommy fällt ein, dass sie noch einen Trauerkranz besorgen müssen. Das führt zu einer ausgesprochen heiteren Szene bei einer Blumenverkäuferin, hauptsächlich deshalb, weil Nils die ganze Zeit so furchtbar schlecht gelaunt ist. Die Blumenverkäuferin kramt einen Kranz hervor.

Nils: Schön! Sieht aus wie ein Riesenarschloch. Perfekt!
Blumenverkäuferin: Soll auch noch ein Spruch drauf?
Nils: Ja. „Danke, dass du meine Frau gebumst hast!“

Der Mann sollte Sidekick von Chris Tall werden.

Linda findet im ganzen Hochzeitsstress – wie gesagt: einen Tag vor der Hochzeit – noch die Zeit für eine launige Frauenrunde mit Jette und Tanja. Das liegt aber an Jette, die nach den harschen Worten ihres Mannes doch sehr mitgenommen ist, und für seine Freunde soll man ja immer da sein. Tanja tröstet sie: Klar, sie hätte einen klitzekleinen Fehler gemacht, aber Nils würde sie dennoch lieben. Dafür müsse er sich nur erst wieder daran erinnern.

Und Nils, der mittlerweile Lili als Fahrer abgelöst hat, versucht sich zu erinnern – allerdings nicht, ob er seine Frau noch liebt, sondern: „Erinnert ihr euch an Thorbens Schwanz?“ Holla, King Til, was für ein eleganter Szenenübergang. Diese doch etwas ungewöhnliche Frage hat einen berechtigten und für jedermann nachvollziehbaren Hintergrund: Nils vermutet nämlich einen gigantischen Pferdeschwanz zwischen den Beinen des Verblichenen, denn warum sonst würden die Hausfrauen alle ständig nach Jamaika zu den Negern fliegen? Gut, „zu den Negern“ hat er nicht gesagt, aber es ist offensichtlich, dass er das impliziert. Wie schon in „Klassentreffen 1.0“ möchte ich dezent anzweifeln, dass die Männer-Gang als Identifikationsfiguren was taugt.

Tommy: Das Wichtigste ist doch, dass der Schwanz mit Thorben begraben wird. End of story.
Nils (zu Andreas): Du hast doch früher in der F-Jugend immer mit ihm geduscht.
Andreas: Ich schaue mir doch keine anderen Schwänze an.
Tommy: Du warst der Einzige, der immer geglotzt hat.
Andreas: Das war rein wissenschaftliches Interesse.

Und eben deshalb bittet Nils Andreas, sich Thorbens Schwanz vor dem geistigen Auge wieder ins Gedächtnis zu rufen. Dafür schließt er sogar selbst die Augen und kollidiert trotz der Aufforderungen der Begleiter, sie endlich wieder zu öffnen, fast mit einem Lastwagen, was Tommy durch beherztes Eingreifen gerade noch verhindern kann.

Hach, langsam fühle ich mich wieder wie bei „Klassentreffen 1.0“. Ich habe nur Liebe für diesen Film übrig.

Nils schiebt die Schuld für den Beinahe-Crash Andreas in die Schuhe, denn er selbst sei 25 Jahre unfallfrei gefahren, aber noch bevor wir uns an die fatale Auseinandersetzung mit Ralf Moeller erinnern können, sagt es auch Andreas: „Dann denk mal an die Bodybuilder letztes Jahr.“ Wobei: DIE Bodybuilder? Da saß doch nur Ralf Moeller im Auto. Kann es sein, dass King Til sich nicht an sein eigenes Skript erinnern kann? Oder war der Schnitt da nur wieder so desaströs, dass eigentlich noch weitere Leute mit im Auto saßen und nur vergessen wurde, das auch mit der Kamera zu filmen? Kann natürlich auch sein.

Diese Schrecksekunde war schrecklich genug, um Lili wieder das Steuer übernehmen zu lassen. Dabei fährt sie auch gleich an dem Plakat einer Versicherung vorbei, für die King Til schon im vorherigen Film eifrig Werbung machte und das auch heute noch außerhalb seiner Filme tut – dort nur echt mit seiner Tochter Emma Tiger. Es gibt wirklich keinen Menschen auf dieser Erdkugel, der Schleichwerbung dezenter in seinen Filmen platziert.

Durch die ganzen Zwischenhalte kommt unser sympathisches Quartett verspätet zur Trauerrede in der Kirche und deponiert noch schnell den Kranz vor dem Sarg. Kaum haben sie sich in das zahlreich vorhandene Publikum gesetzt, stutzen sie: Die Pastorin schwafelt da was von 16 Enkeln und sieben Urenkeln. Sind sie hier etwa falsch? Als der Name „Rita“ fällt, haben sie endgültig die Gewissheit, nur Nils will sich das nicht eingestehen und schimpft: „Wahrscheinlich eine von Thorbens Schlampen!“ Empörtes Aufseufzen im weiten Rund. Andreas stellt mit Blick in die Einladung fest, dass Thorben erst später dran ist. „Gurkenschäler!“, meckert Nils. Schnell springen sie auf. Nur Andreas dreht noch einmal kurz um, um den Trauerkranz zu holen, und richtet dabei ein wahres Chaos mit den anderen aufgereihten Kränzen an.

Dieses sogenannte „Slapstick“ ist schon ein dolles Ding. Warum wurde diese Art von Humor bislang nur so stiefmütterlich in der schon so lange währenden Filmgeschichte behandelt?

Während Lili mal eine Runde Telefonieren geht, nutzen Tommy, Andreas und Nils die bis zur wirklichen Trauerfeier noch reichlich vorhandene Zeit, um schon mal vorab in einem Kirchennebengebäude, wo Thorben aufgebahrt ist, persönlich von ihm Abschied zu nehmen.

Andreas: Der arme Thorben liegt da ganz allein und wird …
Nils: … nie wieder mit meiner Frau schlafen. – Ich muss wissen, wie sein Ding aussieht.
Andreas: Schlaff sehen die sowieso alle gleich aus. Wie irgendwas, was versehentlich ohne Arme und Beine auf die Welt gekommen ist.
Tommy: Linda findet meinen schön.
Andreas: Tommy, keine Frau findet einen Schwanz wirklich schön. Sie wollte nur nett sein. Oder kennst du irgendeine Frau, die einen Pimmel als Bildschirmschoner hat?
Nils: Ob hässlich oder nicht, ich muss wissen, wie groß dieses Teil ist.

In der Zwischenzeit hinterlässt Lenny auf Lilis Handy eine Sprachnachricht nach der anderen. Allmählich nimmt das schon wahnhafte Züge an, was der Typ da veranstaltet. Hat der noch nichts davon gehört, Frauen, die Nein sagen, dann auch einfach mal in Ruhe zu lassen? Das sagt Lili ihm dann auch direkt, indem sie ihn anruft. Sie möchte, dass er gefälligst Sarah zurücknimmt, denn wenn nicht, können sie keine Freunde mehr sein. Aber für Lenny ist die Sache sonnenklar: Er will nur Lili. Traurige Musik deutet darauf hin, dass diese Szene gerade traurig ist. Ich weine gleich – aber nicht ob dieses herzzerreißenden, äußerst tragischen Moments, sondern weil ich den Eindruck habe, dass King Til diesen Film noch penetranter als sonst mit jeder Form von akustischer Beschallung zukleistert. Ständig dröhnt im Hintergrund irgendein Song oder generische Säusel-08/15-Mucke, anstatt sich mal an das Motto „Weniger ist mehr“ zu halten. Stattdessen will er den Zuschauer dauerhaft in eine bestimmte Gefühlsschiene lenken – und scheitert doch daran, weil er einfach nervt.

Vor allem ist uns Lilis Herzschmerz doch eh wumpe, solange wir nicht wissen, wie Thorben bestückt ist. Groß? Klein? Riesig? Winzig? Die Enthüllung steht unmittelbar bevor. Sie heben den Sargdeckel ab, und Nils geht seinem Widersacher an den Hosenschlitz, um ihm das besagte Teil aus der Hose zu holen. Wir dürfen nicht gucken (klar, verbal mag der Film direkt sein, aber visuell ist er – abgesehen von Finzis nacktem Arsch – prüde wie eine Jungfrau mit Keuschheitsgürtel), aber unsere drei Freunde drehen synchron die Köpfe und staunen nicht schlecht.

Tommy: Sieht aus, als hätte die Feuerwehr ihren Schlauch vergessen.
Nils: Vielleicht sind das nur irgendwelche Gase, und das Ding fällt in sich zusammen, sobald man dran fasst.

Nils nimmt etwas von der Sarggarnitur und stupst den Schwanz an. Leider kein Puff. Es tut sich nichts.

Andreas: Ich dachte immer, das wäre eine urbane Legende, aber das ist wirklich ein Fleischpenis.
Tommy: Ist eigentlich viel zu schade, um es zu beerdigen.
Andreas: Ja. So was gehört eigentlich ins Naturkundemuseum.

Plötzlich nähert sich jemand schnellen Schrittes dem Raum. Es ist die Pastorin. Oh Schreck – alles schnell wieder in den Ursprungszustand zurückverwandeln. In Todesangst stürmt Tommy zur Tür, öffnet sie ruckartig – und knallt sie der Pastorin direktemang in die Fresse!

Eine Sekunde später sehen wir die Pastorin in Großaufnahme – das Gesicht fast mumienhaft verbunden, die Nase gebrochen und eine Gehirnerschütterung. Hier geht heute nichts mehr: Die Beerdigung muss verschoben werden. Tommy ist entsetzt: Das geht doch nicht, schließlich muss er morgen um 11 heiraten. Die Pastorin aber entwickelt sich zu meiner alleinigen Sympathiefigur und heimlichen Heldin, indem sie die Beerdigung auf den nächsten Tag um 9 ansetzt. Keine Widerrede. Ja, mach sie fertig! Dann wird sie aber auch schon weggerollt – und die Sanitäter fahren mit der Trage doch glatt wieder über Andreas‘ Fuß. Junge, Junge, was für ein prächtiges Gag-Feuerwerk!

Tommy bleibt nichts anderes übrig, als Linda anzurufen und ihr die unerfreulichen Neuigkeiten mitzuteilen. Auch Lili hält nicht viel von der Verschiebung: „No fucking way, José!“ Das authentische Jugendsprech kennt keiner so gut wie King Til. Linda ist wenig begeistert, dass sich die Rückkehr ihres Zukünftigen wegen dessen eigener Dämlichkeit beträchtlich verzögert und aufgrund der Distanz zwischen ihr und Tommy sogar eine Übernachtung in Betracht gezogen wird. Naja, sooo groß scheint die Distanz ja nun nicht zu sein. Ich fürchte nur, es braucht eine Ausrede, um ein neues Setting für die kommenden Minuten zu etablieren. Lili möchte lieber umgehend fahren und schimpft lautstark für alle anderen umstehenden Trauergäste hörbar: „Aber er war ein Arsch!“ Normalerweise wäre vermutlich spätestens jetzt ein sofortiger Verweis für die drei Übeltäter und die vorlaute Göre angebracht, aber seien wir doch mal ehrlich: Wenn logische Verhaltensweisen in Schweiger-Filmen eine gesetzlich vorgeschriebene Grundvoraussetzung für einen Film wären, hätte der Mann ja noch keinen einzigen inszeniert. Fest steht aber auch: Die Welt wäre dann auch um einiges schöner.

In der nächsten Szene hat sich die gesamte Trauergesellschaft in einem nahegelegenen herrschaftlichen Anwesen versammelt, das offenbar Thorbens Mutter Gesa gehört, denn in die Welt der Reichen kann sich King Til natürlich viel einfacher hereindenken als in so eine stinkende Hartz-IV-Familie. Gesa lädt die anwesenden Gäste dazu ein, in ihrem schlossartigen Anwesen zu übernachten. Währenddessen futtert Nils die ganze Zeit Kekse vom Leichenschmaus und benimmt sich, wie wir es ja aber eigentlich gar nicht anders kennen, wie der letzte Vollarsch. Da die Welt klein ist, gehört zur Trauergemeinde übrigens auch Musikbloggerin Gitte. Ihr erinnert euch? Tommy tut das auf jeden Fall und denkt an die Worte seines toten Buddys, dass ein wenig Flirten Wunder wirken kann für eine positive Rezension des neuen Albums. Er zwinkert ihr zu – und Lili fällt das sofort auf. Och nööö, bitte nicht wieder so ein abgedroschenes Plotelement wie in „Klassentreffen 1.0“, wo Lili ja auch immer argwöhnisch war, dass Tommy ihrer Mutter untreu werden könnte.

Nils möchte der Witwe Marlene – zur Abwechslung mal höflich und nicht ungehobelt – sein Beileid aussprechen, wird aber umgehend von ihr getriggert, als sie ihn nach dem Verbleib der ebenfalls eingeladenen Jette fragt. Jette ist das neue Unwort für unseren possierlichen Schreihals (in der Tat nimmt er seit geraumer Zeit schon die Position des Abonnement-Cholerikers Andreas ein, der sich wiederum angenehm zurückhält). Er zieht gewaltig über die ach so liebe Jette her. Rechtzeitig bevor er der zwar über die diversen Affären ihres toten Mannes, nicht aber über den Seitensprung mit Jette informierten Marlene spoilern kann, dass seine Frau ebenfalls zu den Opfern des notgeilen Riesenschwanzes zählte, hält Tommy ihm den Mund zu und zerrt ihn an die frische Luft, wo er ihm einen kräftigen Schlag in die Fresse androht für den Fall, dass er Marlene davon berichtet. Okay, Tommy. Nils durfte also nicht schnell genug erfahren, mit wem seine Jette da im Bett war, aber Marlene hat kein Anrecht darauf? Das nennt man Doppelmoral. Pfui.

Nach einem vergurkten Flirt von Tommy mit Gitte, nach dem ich mich frage, wie der Super-DJ mit der unbändigen Männlichkeits-Power in „Klassentreffen 1.0“ noch seine ganzen Groupies zu einem Quickie überreden konnte, nimmt Sylvie, eine alte Bekannte von Andreas, Witterung mit eben diesem auf. Aufgrund seines Gelübdes fordert er einen gewissen Sicherheitsabstand ein, greift ihr mit der Hand ins Gesicht und weist sie anschließend wie eine Hündin an, Schritt für Schritt zurückzugehen, bis genügend Meter zwischen ihnen liegen. In Zeiten von Corona wahrlich nicht die schlechteste Idee.

Lili, die Tommy auch bei seinen neuerlichen Schäkereien mit Gitte beobachtet hat, stellt ihn deswegen zur Rede. Seine bevorzugte Masche, solche Bedenken mit einer Notlüge zu kontern („wir haben nur ein bisschen geredet“), nutzt sich aber für Lili langsam ab – und auch für mich, allerdings nicht langsam, sondern es ist längst abgenutzt. Als hätte ich ein ernsthaftes Interesse daran, die immer gleichen seichten Konflikte zwischen Lili und Tommy, die sich am Ende doch eh wieder in Luft auflösen werden, erneut vorgekaut zu bekommen. Abwechslungsreich ist das alles nicht, und ich habe das Gefühl, derartige Konstellationen schon ungefähr mehrere Millionen Male in King Tils Vita gesehen zu haben: „Bäh, du Arsch!“ – „Bin ich nicht.“ – „Doch, bist du.“ – „Ich hab‘ dich aber lieb.“ – „Echt?“ – „Ja.“ – „Du bist so toll!“ So wird das hier doch wieder laufen.

Lass dir doch endlich mal was Neues einfallen! Das ist alles so entsetzlich einfallslos.

Die Mutter des Toten führt die Gäste in ihre jeweiligen Gemächer. Lili erhält ihr eigenes Zimmer, die drei Männer müssen sich eins teilen, und zwar Thorbens. Lili will mit Sarah telefonieren, um sich mit ihr auszusprechen, aber die nimmt nicht ab. Ich vergehe vor Kummer. Und schlafe vor Langeweile.

Andreas nutzt das im Zimmer stehende Trimmrad, um am Leben zu bleiben, wie er sagt. „Damit du dich noch ein bisschen länger nicht verlieben kannst?“, bohrt Tommy sein Finger in die offene Wunde. Ich befürchtete einen slapstickhaften Sturz vom Rad wie in „Klassentreffen 1.0“, aber der Gag ist hier nicht, dass Andreas auf die Fresse fliegt, sondern dass er schon nach 30 Sekunden erschöpft aufhört. Andreas fragt sich, ob Thorben wohl sein Leben in der Sekunde des Todes noch vor dem inneren Auge gesehen hätte. Nils erwidert nüchtern, dass er dann aber viele Frauen gesehen hätte, die nicht seine eigenen waren. Wir könnten ja vergessen haben, dass er ein unerträglicher Miesepeter ist. Tommy und Andreas möchten sich lieber an die Situationen erinnern, in denen Thorben gute Taten vollbracht hat: So hat er Tempo-30-Schilder vor Schulen angebracht und Tommy einmal mitten in der Nacht abgeholt, obwohl er gerade Sex mit zwei Frauen hatte. Nils putzt sich bei dem Gespräch die Zähne. Das war schon in „Klassentreffen 1.0“ keine gute Idee und ist es auch hier nicht. Diesmal ist es aber keine Hämorrhoiden-Creme, mit der er seine Beißer reinigt, sondern er benutzt unwissentlich die gebrauchte Zahnbürste von Thorben. „Ich möchte nicht wissen, wo der überall seine Zunge drin hatte“, lacht Spaßvogel Andreas, und Nils kotzt. Diese liebevollen Zitate aus dem Vorgänger, die deutlich als solche erkennbar sind, gleichzeitig aber doch in eine ganz andere Richtung führen, sind eine Wucht.

Nach diesem ereignisreichen Tag dürstet es Andreas nach einem kühlen Bier. Dafür geht er nach unten, wo eine Menge Flaschen bereitstehen (dank seiner Anwesenheit sogar eine mehr). Obwohl – so viel Buddeln stehen da gar nicht mehr rum, eigentlich sogar nur eine. Das letzte Bier hat Sylvie, die das Etikett so unnatürlich in die Kamera dreht, dass wir die Biermarke (natürlich King Tils eigenes Bier „Tils“) gut erkennen können. Sylvie nimmt Andreas seine Gesichtsgrabbeleien von vorhin nicht weiter krumm und gerät ins Plaudern. Sie reden über die Liebe und die Einsamkeit, aber auch über Andreas‘ selbstauferlegtes Gelübde. Sylvie hält wenig davon und rät ihm vielmehr: „Das Leben ist eh viel zu kurz. Wir sollten Spaß haben ohne Gefühle.“

Auch Nils findet sich unten ein und trifft dort auf Marlene. Er entschuldigt sich für sein unmögliches Benehmen, aber Schwamm drüber. Sie gesteht, sie hätte ihn und Jette immer beneidet, weil die Ehe zwischen den beiden so leicht sei. Jette hätte die Welt erträglicher für Nils gemacht – etwas, das sie sich auch gern von Thorben gewünscht hätte. Schluchz. Rührend.

Äh, sorry. Langweilt ihr euch? Geht mir nicht anders. Ich frage nur ungern, aber wo sind die eingeklemmten Schwänze, tennisballgroße Hoden und Arschhaare, die aus Hosenbeinen hängen?

Schnarch – Tommy muss kurz vor dem Schlafengehen noch einmal bei Lili nach dem Rechten sehen. Das kann nur eins bedeuten: weitere einfühlsame Gespräche und bla und bla und bla. Lili ist traurig, weil ihre beste Freundin Sarah trotz mehrerer Versuche wegen der Lenny-Eifersuchts-Kiste einfach nicht ans Handy geht. Der weise Tommy vertritt die Meinung, dass es nicht Lennys Schuld sei, dass er sich in sie verliebt hätte. Männer seien Feiglinge und suchten sich immer den leichtesten Weg, ergänzt er, und ich frage mich, was er da eigentlich faselt. Inwiefern ist Lenny ein Feigling? Der hat Lili die Liebe gestanden und will sie, obwohl er genau weiß, dass er damit seine Ex verletzt. Außerdem belästigt er sie ständig mit Sprachnachrichten. Ich finde, dazu gehört sehr viel Mut.

Oh Mann, was schreibe ich hier eigentlich? Arbeite ich fürs Dr.-Sommer-Team für die BRAVO, oder was?

Lili möchte wissen, wie der Stand bei Tommys Eheversprechen ist. Er gibt zu, nicht zu wissen, was er schreiben soll, weil alles so kitschig klingt. Doch Lili gibt ihm den Tipp, daran zu denken, wie es war, bevor er und Linda zusammengekommen sind. Findet Tommy gut. Dann klingelt das Handy. Es ist Lenny. Lili geht nicht ran. „Magst du Lenny?“, fragt Tommy. „Nein“, antwortet Lili. „Sicher?“, fragt Tommy. „Ganz sicher“, antwortet Lili. „Dann können wir hier auch einfach etwas sitzen und schweigen. Schweig, schweig, schweig, schweig“, kalauert Tommy und bringt Lili zum Lachen. Schweig selber, Schweiger.

MANN, ich schlafe hier wirklich gleich ein. Wenn ich die Wahl habe, einer zickigen Nervtrulla wie Lili bei ihrem blöden Emo-Gejammer und einem ach so einfühlsamen, fremd flirtenden Millionärs-DJ bei ihren Erste-Welt-Problemen zuzuhören, nehme ich doch lieber wieder platteste Zoten oder die Hochstilisierung des Hauptdarstellers zu einem göttlichen Wesen, das durch Handauflegen Krebs heilen kann. Darüber kann ich mich wenigstens wahlweise aufregen oder amüsieren. Also, amüsieren im Sinne von „mich darüber amüsieren, wie diese uralte Zote ins Drehbuch kommen konnte“ und nicht „mich richtig und ernsthaft amüsieren“. Dass das bloß keiner falsch versteht.

Dann sind wir wieder bei Nils. Der leidet inzwischen allein vor sich hin und guckt sentimental auf sein Handy-Display, auf dem seine Jette als Hintergrundbild erscheint. Er rekapituliert das Gespräch mit Marlene und bedankt sich bei seiner Frau, dass sie ihm das Leben erträglich gemacht hätte. Darauf einen Schluck und viele Tränen. King Til beweist wieder einmal, wie bei ihm größere Konflikte – wie etwa eine ziemlich zerrüttete Ehe – gelöst werden. Einmal kurz mit der Witwe eines ehemaligen Freundes geschnackt – zack, schon ist er wieder mit sich im Reinen. Das haben wir ja schon bei „Klassentreffen 1.0“ bei den nacheinander runtergeratterten Reden gesehen: Tommy muss nur sagen, dass er Lilis Mutter liebt – zack, ist Lili besänftigt. Andreas muss nur sagen, dass er mit Tanja befreundet sein möchte – zack, sitzt Tanja am nächsten Tag reumütig vor seiner Wohnungstür. Nils muss nur erkennen, dass seine Familie und Freunde die einzigen wirklich wichtigen Dinge sind – zack, ist er ein besserer Mensch. So funktioniert Hauruck-Dramatik bei King Til – schön dick aufgetragen, aber ganz weit von der Wirklichkeit entfernt.

Ach ja, und sagte ich schon, dass mich das alles verdammt noch mal NULL interessiert. Mir könnte nichts mehr am Arsch vorbeigehen als eure ewigen selbstmitleidigen Gefühlsduseleien. Habt ihr denn alle kein Stück Würde in euch, dass ihr mir hier schon minutenlang die Ohren vollheult?

Doch dann erschrecke ich regelrecht nach all den Transusigkeiten von eben, denn gerade als Lili ins Bad geht, um sich frisch zu machen, drängt sich die pure Hysterie ins Drehbuch. Andreas stürmt wie ein Corona-Leugner, der ein Mitglied der Lügenpresse erschnüffelt hat, das Zimmer. Er ist auf der Suche nach den Autoschlüsseln und vermutet diese in Lilis Handtasche. Tommy, der auch noch da ist, wundert sich: Warum ist Andreas so aufgebracht? Scheiß aufs Gelübde, Sylvie hat sein Herz mit ihrer Das-Leben-ist-viel-zu-kurz-Ansprache berührt, und er will jetzt mit ihr vögeln. Dafür braucht er aber seine Potenzpillen aus dem Auto, weil er keinen hochkriegt! Na also, King Til, geht doch. So kennen wir dich. So schätzen wir dich nicht.

Nach erfolgloser Suche stürmt Andreas zum Auto und rüttelt verzweifelt an der Tür – abgeschlossen. Not macht erfinderisch, und so greift er sich einen Stein und zerdeppert die Scheibe der Beifahrertür. Zu seinem Entsetzen wird er nicht fündig – was daran liegt, dass er versehentlich den falschen Wagen aufgebrochen hat. Der richtige steht nämlich direkt daneben. Zu seinem Glück muss er dort keine Gewalt anwenden, weil die Tür nicht abgeschlossen ist. Dort findet er auch das ersehnte Päckchen und steckt sich gleich mehrere in den Schlund. „Let’s go, buffalo!“, jauchzt er freudestrahlend.

Tja, und dann geht die Post so richtig ab: Andreas nimmt Sylvie Doggy-Style im Stehen. Weil nichts lustiger ist als überdrehter hemmungsloser Sex (aber natürlich im angezogenen Stadium, weil sich der Film wie gesagt mehr dann doch nicht traut), ziehen beide Schauspieler so richtig vom Leder. „Du bist mein Hengst!“, quiekt Sylvie und beißt in die Bettdecke. Sie treiben es sogar so wild, dass die Wände wackeln, bis der Putz von der Wand fällt. Vor so viel grenzgenialer Originalität muss ich einfach Tommys verschütt gegangenen Idiotenhut ziehen.

Und dann kommen wir zu einem weiteren Erzählelement, das auch in diesem Film auf keinen Fall fehlen darf, weil es so ziemlich das älteste ist, das ich mir vorstellen kann: das große Missverständnis. Das gab es schon in „Klassentreffen 1.0“, als Tommy aus Lilis Perspektive vermeintlich das nächstbeste Groupie vögelte. Also darf es hier auch nicht fehlen, weil King Til für alle seine Werke nur drei bis fünf Versatzstücke kennt, die er dann in seinen Filmen einfach immer wieder anwendet. In diesem Fall verlässt Tommy nämlich höchst geheimnisvoll Lilis Zimmer und wird dabei heimlich von Lili ausspioniert, wie er an der Zimmertür von Gitte klopft und dann eintritt. Anlass genug für Lili, sich den Wagen zu schnappen und heulend auf und davon zu brausen.

Aber – ich hatte es ja bereits angeteasert – es ist einfach nur ein großes Missverständnis. Tommy möchte unter vier Augen mit Gitte sprechen, um für klare Verhältnisse zu sorgen: Der Flirt mit ihr sei lediglich eine Idee von Thorben gewesen, um von ihr eine gute Kritik einzuheimsen, die dann vielleicht doch noch den Plattenverkauf ankurbelt. Zu seiner gesteigerten Überraschung hat sie die Kritik für sein Album längst fertig geschrieben, und das Fazit fällt positiv aus, nach diesem Geständnis gleich noch etwas mehr. Gitte ist also eine der ganz wenigen Personen, die unseren großen Künstler Tommy und seinen Wandel zum Liebesliedermacher richtig versteht. Da verwundert es nicht, dass sie von allen Frauenfiguren glatt die ist, die in diesem Reigen fast am besten wegkommt. Linda ist aber natürlich noch etwas dufter, weil sie Tommy heiratet, keine Frage.

In der Zwischenzeit vögeln Andreas und Sylvie immer noch lautstark vor sich hin, aber auch der schönste Geschlechtsakt findet irgendwann ein Ende. Die drei Minuten Gespräch und geschätzte 30 Minuten Sex haben Gefühle in dem frischgebackenen Pärchen entfacht, auch wenn sie es gegenseitig verbal noch nicht zugeben wollen. Ich sagte ja schon: Bei King Til geht das immer alles ganz schnell. Einmal ficken – zack, Gefühle da. Beim Versuch, sich gemeinschaftlich eine Zigarette anzuzünden, ergibt sich aber urplötzlich ein Problem: Sylvie erleidet einen Scheidenkrampf, der die unangenehme Folge für Andreas hat, dass er seinen Ständer nicht aus ihr herauskriegt – jedenfalls solange nicht, bis die Erektion endlich nachlässt, und das kann nach der Einnahme der Potenzpillen ja leider auch noch etwas dauern.

Und King Til zieht aus dieser höchst delikaten Situation – Scheidenkrampf in Kombination mit Dauerlatte – wirklich alle Register, denn was kann man damit nicht alles für schöne Dinge anstellen? Damit Andreas‘ Pimmel aus ihr herausgleiten kann, schlägt Sylvie vor, unten vom Buffettisch nach etwas Salatöl zu greifen. Dafür müssen sie aber heimlich, gezwungenermaßen eng an eng, aus dem Zimmer huschen – und werden dabei von einem anderen Übernachtungsgast ertappt! Dann gehen sie noch einmal schnell in ihr Zimmer zurück – und stülpen sich einen Zebra-Bettvorleger über die Köpfe, damit sie keiner erkennt! Aber sie können nicht richtig gucken – und purzeln dann die Treppe runter! Unten angekommen begegnen sie einem mitten in der Nacht einfach mal so im Hausflur rumstehenden kleinen Mädchen mit Cowboyhut – und das möchte bei diesem ulkigen Zebra-Spiel, das die beiden da veranstalten, mitspielen! Nachdem sie das Kind abgewimmelt haben, torkeln sie auch durch den Raum, in dem der deprimierte Nils sitzt – und der glaubt, Opfer einer Halluzination zu sein! Als sie endlich den Speisesaal erreicht haben, gehen sie auf die Tische zu – und stolpern unter lautem Scheppern darüber! Ein Gag jagt hier den nächsten, es ist wirklich zum Schreien komisch.

Immerhin: Am Ende dieser ihresgleichen suchenden Situationskomik-Parade ist Andreas beim finalen Sturz auch ohne Hilfsmittel aus seiner Sexpartnerin herausgeglitten. Sein Pech, dass Thorbens Mutter bereits seit mehreren Minuten mit dem Krach im Haus hadert und jetzt auch einmal nach dem Rechten schaut. Dabei entdeckt sie nicht nur ein mächtiges Scherbenchaos, sondern auch einen peinlich berührten Andreas, in dessen Unterhose sich eine deutlich sichtbare Beule abzeichnet. Dafür, dass sein Penis zu kurz sein soll, um runterzuhängen, wie Tanja in „Klassentreffen 1.0“ sagte, ist er aber doch ganz schön lang. „Ich kann das erklären. Es ist nicht so, wie es aussieht“, reagiert der Ertappte verlegen.

Nach so vielen Gags am Stück braucht es dann wieder kurzzeitig was fürs Herz. King Til möchte diesen Film ausgewogen gestalten. Tommy telefoniert mit Linda, die in die typische Torschlusspanik unmittelbar vor einer Hochzeit verfällt, denn sie hat geträumt, dass ihr lieber Schatz kalte Füße bekommt. Tommy möchte diese Bedenken beiseite fegen und erzählt lieber noch von Lili, die seiner Meinung nach in Lenny verliebt sei, sich das aber nicht eingestehen wolle.

Und so tut Tommy, sobald sie das Telefonat beendet haben, genau das, was vermutlich jedes (Stief-)Kind sich von seinem (Stief-)Papa wünschen würde: Er mischt sich in Lilis Privatleben ein und spricht der traurigen Sarah auf die Mailbox. Lili hätte sie mehrfach zu erreichen versucht und würde doch nie etwas mit Lenny anfangen, weil sie ihre Freundin so lieb hätte. Freundschaft sei das Wichtigste, das es gibt, nämlich ein Geschenk, für das es sich zu kämpfen lohne. Mir deucht, Tommy hat während der lustigen Eskapaden unten einen ganzen 365-Tage-Kalender mit „Freundschaft ist…“-Sprüchen gefressen, anders kann man sich doch so viel Weisheit gar nicht erklären. Er spricht die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Gänsehaut noch und nöcher, aus diesem Film nehme ich so viel mit. Ich habe nur noch Liebe übrig. Und Freundschaft, denn Freundschaft ist ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt.

Kurz darauf wird Sarah wach und ist gerade dabei, die Nachricht abzuhören, als es an der Tür klingelt. Nächtliche Besucher scheinen sie nicht sonderlich zu beunruhigen und Jette ganz offensichtlich auch nicht, denn die lässt sich gar nicht blicken, sodass Sarah die Tür öffnet: Es ist die in Tränen aufgelöste Lili, die sich ihren Kummer von der Seele reden muss, weil Tommy wieder wild herumgebumst hätte, und das einen Tag vor der Hochzeit mit ihrer Mama. Das ist nicht unbedingt eine Entschuldigung für die mit Lenny ausgetauschten Küsse, geschweige denn eine Aussprache, aber Sarah ist ab sofort nicht mehr böse und nimmt sie in den Arm. Wie Tommy sagte: Freundschaft ist ein Geschenk. Da nimmt man es zur Not auch in Kauf, dass die beste Freundin mit dem eigenen Ex-Freund anbandelt. Danach hören sie sich noch gemeinsam Tommys Nachricht auf Sarahs Handy zu Ende an. Lili ist gerührt, aber auch sauer: „Wie kann man so was Süßes sagen und dann so was machen?“ Sarah hat es aber längst gecheckt, Tommy ist für einen erneuten Seitensprung doch eigentlich viel zu gut: Wir wissen doch gar nicht, ob Tommy die Gitte wirklich gepoppt hat. Lili muss ihr recht geben.

Tommy feilt an seiner Rede, als sich auch Nils und Dauerlatten-Andy zu ihm ins große Bett legen, um nun endlich schlafen zu gehen. Drei Männer, ein Bett, ein steifes Glied – wenn das nicht weiteres Comedy-Potenzial in sich birgt, und King Til enttäuscht uns selbstverständlich nicht: Andreas stellt fest, dass er nicht so gut auf dem Rücken schlafen kann und will sich gerade umdrehen, da drückt der genervte Nils ihn rabiat auf die Matratze – mit den entsprechenden schmerzhaften Konsequenzen für Andreas und Klein-Andy. Obwohl ein lautes Knacks zu vernehmen war, sind die Schmerzen aber nur von kurzer Dauer, und der mittig liegende Andreas findet seine optimale Schlafposition in der Seitenlage.

Tommy: Kannst du mal dein Knie aus meinem Rücken nehmen?
Andreas: Das ist nicht mein Knie!

Tommy purzelt vor Schreck aus dem Bett. Wenn da bei euch kein lautes und herzhaftes Lachen drin ist, kann ich euch auch nicht helfen. Generell staune ich über die restlos verspielten Variationsmöglichkeiten, die King Til immer noch für Gags rund um die männlichen Geschlechtsteile findet.

Damit wären ja nun wirklich jegliche zwischenmenschliche Konflikte erst einmal aus dem Weg geräumt. Nun müssen die Männer nur noch irgendwie die Trauerfeier schnellstmöglich über die Bühne bringen. Die lädierte Pastorin sorgt mit ihrem dicken Gesichtsverband für Entsetzen, obgleich die Gesellschaft sie doch gestern schon so gesehen hat. Tommy hält eine berührende Rede über den lustigen, wenn auch mit Macken behafteten Thorben und sorgt dabei für das eine oder andere zustimmende Kopfnicken, Lächeln und auch für Tränen. Auch er selbst muss sich arg zusammenreißen. Vermutlich dachte King Til in dieser Szene an all die vernichtenden Kritiken, die sein „Klassentreffen 1.0“ selbst von ihm bis dato noch wohlgesonnenen Kritikern erhalten hatte. Andreas drängt flüsternd zum Aufbruch, und Tommy muss etwas abkürzen: „Thorben ist tot, und wir sind alle traurig und erschüttert, aber wir sind sauspät dran und deswegen glaube ich, es ist endlich an der Zeit, Thorben unter die Erde zu bringen. Also: Wollen wir?“

Weil Tommy, Nils und Andreas auch als Sargträger eingeplant sind, können sie selbst nach dieser Rede immer noch nicht die Biege machen und müssen den Sarg schultern, um ihn behutsam im dafür vorgesehenen gebuddelten Loch zu versenken. Tommy sitzt auf heißen Kohlen und gerät daraufhin in einen Streit mit Nils, der seiner Meinung nach viel zu langsam geht. Nils wiederum stört sich an dem mütterlichen Ton, sodass kommt, was kommen muss: Tommys Schlag auf Nils‘ Hinterkopf bringt alle ins Straucheln, und der Sarg fällt senkrecht statt quer in das freigeschaufelte Grab. Das bringt die beiden Streithähne aber immer noch nicht zur Räson. Schlimmer noch: Nils verrät im Affekt, dass Thorben seine Frau gevögelt hätte. Marlene bricht aufgrund dieser Erkenntnis nicht etwa emotional völlig zusammen, sondern macht Nils zur Sau: „Weißt du eigentlich, wie gut du es hast? Jette hat Thorben gevögelt? Ja und? Du darfst nach Hause fahren und mit ihr streiten. Ich werde das nie wieder können. Thorben war vielleicht ein Arschloch, aber er war mein Arschloch.“ Ich stelle mit jeder Minute mehr fest: Durch diesen Film kann jeder Zuschauer einiges lernen. Er ist nicht zu verkopft, steckt aber voller anspruchsvoller Aussagen und Wahrheiten – und bringt uns überdies noch permanent zum Lachen. Eigentlich ist hier alles drin, was man sich als Fan deutscher Unterhaltungskultur nur wünschen kann.

Damit haben die Jungs jetzt eigentlich ihr Soll erfüllt und können endlich zur titelgebenden Hochzeit fahren. Nun müssen sie nur noch Lili wecken, bei der sie bis eben noch davon ausgingen, dass sie die Trauerfeier aufgrund akuter Müdigkeit verschlafen hat. Die Fehlmenge an Lilis im ihr zugedachten Zimmer zeichnet ein anderes Bild – und noch deutlicher ist die handgeschriebene Nachricht, die Tommy findet: „Ich hoffe du hattest viel Spaß! Arschloch.“ Das ist das eine Problem. Das zweite jedoch hängt unmittelbar mit ihrer Abwesenheit zusammen. Nils stellt nämlich fest, dass ihre Karre nicht mehr da ist – und wie sollen sie ohne fahrbaren Untersatz bitte schön rechzeitig zur Hochzeit kommen? Nils macht sich erst einmal keinen großen Kopf – er ist ja auch nicht derjenige, der heiratet –, da seine Versicherung eine App für den Fall eines abhanden gekommenen Wagens hat. Auf schon gar nicht mehr zu beschreibende peinliche Art und Weise dreht Nils (oder in dem Fall eher Schauspieler Samuel Finzi), während er seinen Spruch mit der App brav aufsagt, das Handy so auffällig ins Bild, dass man auf seinem Display den Namen der Versicherung mitsamt Til Schweigers Konterfei erkennen kann. Ich würde stark bezweifeln, dass ein Mensch eine zu bewerbende Marke jemals so ungeschickt in seinem Film untergebracht hat wie King Til an dieser Stelle. Allein dafür hat er nur den feinsten Hohn und Spott verdient.

Zum Glück fährt in diesem Moment akutester Zeitnot der Chauffeur eines Leichenwagens vor. Der gute Chauffeur ist nicht irgendein Chauffeur – er ist ein schwarzer Chauffeur. Und der einzige Schwarze, den King Til in „Klassentreffen 1.0“ aufgefahren hat, war ja dort schon für einen Gag gut. Wir erinnern uns: Nils log seinerzeit einer hübschen Frau eine Pigmentstörung herbei, weil er seine Stirn mit unlösbarer Druckerfarbe bespritzt hatte, und der zuhörende Schwarze sagte daraufhin: „Not good.“ Darüber hatte ich schon sehr gelacht. Auch der schwarze Chauffeur in diesem Film darf für einen Gag auf seine Kosten herhalten. Tommy geht nämlich gespielt freudig auf ihn zu und umarmt ihn, nur um ihm heimlich die Wagenschlüssel aus der Jackentasche zu entwenden.

Tommy: Hey Bruder, wir haben die ganze Zeit auf dich gewartet! Und jetzt hol dir ein Gläschen Champagner!
Chauffeur: Ich trink‘ keinen Alkohol, Bruder.
Tommy: Wir haben auch Schnittchen.

Womit der Chauffeur mit fragendem Blick aus dem Bild Richtung Schnittchen geht und Tommy den Wagen an sich reißen kann.

Linda wird langsam unruhig – und merklich stinkig. Tommy ist bereits eine halbe Stunde zu spät, und weder er noch seine Freunde sind erreichbar. Im 21. Jahrhundert im Zeitalter des Handys wäre es ja auch zu viel verlangt, dass sich wenigstens einer von den immerhin drei Männern mal zwischenzeitlich meldet und das Dilemma schildert. Generell aber steht die Hochzeit unter keinem guten Stern, weil zwischen den verfeindeten Müttern des Brautpaars ein Zickenkrieg entbrennt. Tommys Mutter behauptet, sicherlich hätte ihr Sohn kalte Füße bekommen. Lindas Mutter wiederum bescheinigt Tommy Empathielosigkeit, immerhin hätte es ja auch 50 Jahre gedauert, bis ihn jemand genommen hätte. So viel Gebitche kann natürlich nur eins zur Folge haben, wenn schon so viele leckere Sachen auf den Tischen herumstehen: Tommys Mutter klatscht Lindas Mutter eine Torte ins Gesicht.

Die Ankunft der Kerle – plus Sylvie übrigens, denn die hat sich auf Wunsch von Andreas den Jungs angeschlossen, nachdem sie sich vorhin in leidenschaftlicher Liebe entflammt bereits bei der Trauerfeier fast gegenseitig aufgefressen hatten – verzögert sich weiter. Vor ihnen tut sich auf einer Landstraße ein neues Hindernis auf: eine Schafsherde auf der Straße, die sich vom Hupen so gar nicht beeindrucken lässt. „In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt auch der ebenfalls anwesende Schafshirte, selbst als Tommy ihm und seinen Tierchen noch ein charmantes „Los, verpisst euch!“ entgegenschleudert. Andreas erzählt einen Witz: „Sagt das eine Schaf zum anderen: Mäh. Sagt das andere Schaf: Mäh selber.“ Den Jungs bleibt nichts anderes übrig, als die Schafe zu umfahren (nicht umzufahren). Dabei landen sie in einer riesigen Schlammpfütze und fahren sich fest. Tommy verzweifelt. Selbst die Thriller-Elemente dieses Plots beherrscht King Til mit leichter Hand.

Dann wieder zurück zur Hochzeitsgesellschaft. In diesem gnadenlosen Nervenkrieg gegen die Zeit brechen jetzt alle Dämme: Die Mütter haben den Anfang gemacht, nun artet die so schön vorbereitete Hochzeit zu einer wahren Tortenschlachtorgie aus. Jeder gegen jeden, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Selbst die Blumenmädchen mischen mit. Tanja und Jette versuchen Linda in ihrem strahlend weißen Hochzeitskleid, das ihr entschieden besser passt als das ursprünglich von Schwiegermama ausgewählte, unbeschadet durch das Kriegsgebiet zu führen. Werden sie es schaffen? Die Antwort ist: leider nein. Nicht nur wird Linda von einem Stück Erdbeertorte getroffen, ein Typ stürzt auch noch auf ihr Brautkleid und reißt dabei einen Teil davon ab.

Dann wieder zurück zum festgefahrenen Wagen. Die Parallelmontage ist schlicht atemberaubend. Tommy und Andreas schieben den Wagen von hinten an, und Nils drückt aufs Gaspedal, doch das bringt es nicht. Im Gegenteil: Nils steigt resigniert aus und lacht lauthals los, weil Tommy und Andreas von oben bis unten mit Schlamm übersät sind. „What the fucking fuck?“, flucht Tommy da laut. Er beherrscht die englische Sprache wirklich aus dem Effeff. Und wie jugendlich frisch er dabei wirkt. Sein Fluchen hat allerdings Erfolg, denn Rettung naht – Lili kurvt mit dem Wagen vorbei und fragt cool: „Taxi gefällig, ihr Strategen?“

Schließlich und endlich erreichen die (zumindest teilweise) dreckigen Halunken die Hochzeit – oder vielmehr das, was noch davon übriggeblieben ist. Linda lässt ordentlich Dampf ab, als ihr Tommy ähnlich besudelt wie sie gegenübertritt. Sie will sich nur noch hinlegen und ins Kissen heulen, aber wir wissen ja: So schnell gibt Tommy nicht auf. Süßholzraspelei ist immerhin sein großes Steckenpferd. Und er raspelt munter drauf los – und zwar mit einer ganz, ganz wunderbaren Melonen-Geschichte. Ja genau, es geht jetzt um Melonen. Fruchtige Melonen, muss ich dazu sagen, denn bei King Til weiß man ja nie.

Er beginnt zu erzählen: Als Tommy Linda das erste Mal gesehen hat, hat sie im Supermarkt Melonen abgeklopft, mindestens ein Dutzend, bis sie endlich die richtige gefunden hat. „Gute Melonen sind schwer zu finden“, hatte sie seinerzeit gesagt. „Gute Melonen sind fast unmöglich zu finden“, hatte daraufhin Tommy gesagt – und jetzt sagt er: „Deswegen möchte ich, dass du meine Melone wirst. Ich habe die perfekte Melone gefunden.“ Linda ist schon leicht eingelullt, aber noch nicht überzeugt, doch Tommy weiß, dass er sie mit seinem King-Til-Charme gleich soweit hat: „Linda Wiechmann, ich hätte nie gedacht, dass ich das mal finde, aber bei dir fühle ich mich zu Hause. Willst du meine Melone sein?“ Wer kann da schon Nein sagen? Linda jedenfalls nicht: Sie will seine Melone sein. Ringtausch, allgemeiner Applaus, und Lili kommentiert: „Sie dürfen Ihr Obst jetzt küssen.“

So hat King Til wieder allenthalben ein dickes wunderschönes Happy-End für seinen Film gefunden. Tommy und Linda heiraten. Andreas hat in Sylvie eine neue Weggefährtin gefunden, an die er gestern noch nicht im Traum gedacht hätte. Tanja hat auch männliche Begleitung mitgebracht, einen Raimund. Sich jeweils in glücklichen Händen befindend kann das Noch-Ehepaar nun auch wieder miteinander befreundet sein. Nils wiederum versöhnt sich mit Jette: „Ich hab‘ was gelernt. Dass du mein Arschloch bist. Liebst du mich?“ Und Lili? Deren Liebesnöte mit Lenny hat das Drehbuch offenbar nach der Versöhnung mit ihrer besten Freundin Sarah einfach mal komplett vergessen, aber dafür hat sie 1.000 Euro von Nils gewonnen, der eben mit ihr gewettet hatte, dass Tommy es nicht schaffen wird, Linda nach diesem Schlamassel noch rumzukriegen, während sie sich natürlich ganz sicher war, dass er mal wieder den Tag retten wird.

Alles endet – mit der Schlussszene aus „Klassentreffen 1.0“, in der Lili ihrem Jetzt-endlich-Stiefpapi mit den Händen ein Herz formt. Oooooh.

Auweia. Die 127 Minuten von „Klassentreffen 1.0“ haben sich ja schon seeehr lang angefühlt, aber die 119 Minuten von „Die Hochzeit“ sind auch nicht von schlechten Eltern. Wenn Til Schweiger in der Form so weitermacht, hat er es in etwa fünf bis sieben Jahren geschafft, eine Komödie zu drehen, die schon einmal mit einer erträglichen Lauflänge auskommt. Wenn er dann noch irgendwann seine Pubertätsphase überwunden hat und der Ischiasnerv sich bei einer falschen Bewegung häufiger bei ihm zu Wort meldet, sodass er gezwungen ist, Großvaterrollen anzunehmen, kriegt er vielleicht auch mal eine qualitativ erträgliche Komödie hin, denn auch wenn er einen entscheidenden Punkt aus dem Vorgänger erfreulicherweise abgestellt hat, ist klar, dass es bis dahin noch ein sehr weiter Weg ist.

Um diesen Punkt gleich mal zu benennen, damit mir am Ende keiner vorwirft, ich wäre von meiner Abneigung gegen Schweiger-Filme so geblendet, dass ich die positiven Aspekte gar nicht mehr wahrnehmen würde: Schweiger ist hier in seiner Rolle als Tommy weit entfernt von dem Super-Stecher, der er in „Klassentreffen 1.0“ noch war. Oft genug, wenn auch immer noch entschieden weniger als seine Trottel-Kollegen Nils und Andreas, tritt er selbst in so manches Fettnäpfchen und macht sich dabei zum Affen, steigt also von seinem selbsterhöhten Podest hinab und kommt allmählich auf dem Boden an, wo alle anderen Männer und Frauen in diesem Film auch stehen: Sein Album floppt (wenn auch eher wegen seiner unfähigen Kritiker, die die Weiterentwicklung des DJ-Künstlers einfach nicht anerkennen wollen, weshalb Musikbloggerin Gitte, die das Licht gesehen hat, am Ende auch die Frau ist, der Schweigers Sympathien gehören); er haut der Pastorin eine schwere Tür ins Gesicht, sodass die Trauerfeier verschoben werden muss; er ist der entscheidende Faktor, dass der Sarg mit dem Thorben-Inhalt den Sargträgern aus den Händen rutscht – ja doch, Schweiger macht sich hier menschlicher. Sympathischer nicht unbedingt, solange er immer noch zu sehr seine bekannte typische Schweiger-Rolle spielt, doch wie gesagt, ich will hier auch mal loben.

Anerkennen möchte ich auch, dass das Drehbuch die Frauenwelt nicht ausschließlich als blasse Hausmütterchen sowie debile Dummbrote und notgeile Schlampen darstellt, wie es noch in „Klassentreffen 1.0“ auf geradezu widerliche Weise geschehen ist. Ganz kann er trotzdem nicht davon lassen: Insbesondere in der Frettchen-Liebhaberin beim Speed-Dating findet man alle nur denkbaren negativen Eigenschaften gebündelt, die soll die Zuschauer einfach nur abstoßen. Andreas‘ Neue Sylvie wiederum ist auch grell überzeichnet und zeichnet sich durch eine gewisse Bräsigkeit aus. Aber immerhin – Linda und vor allem Jette werden ein paar ruhige Momente zugestanden, in denen ihre eigenen Sorgen wie das mögliche Scheitern einer Ehe aufgrund eines Seitensprungs zumindest thematisiert werden. Die im Fernsehen ja durchaus etablierten Schauspielerinnen Stefanie Stappenbeck und Katharina Schüttler gehen also nicht lediglich in den Eskapaden der Kerle unter, sondern bekommen selbst kurze Szenen, in denen sie Emotionen und Tränen zeigen dürfen und ihre Teilnahme auch rechtfertigen, wenn sie natürlich auch nach wie vor nur die zweite Geige spielen und immer noch viel zu schemenhaft angelegt sind, als dass es mich scheren würde, wie es ihnen geht. Jeanette Hain als Tanja fällt da schon wieder deutlich raus, die ja aber schon in „Klassentreffen 1.0“ nicht dem gängigen Typus der braven Familienmutter entsprach.

Kurzum: „Die Hochzeit“ ist auf alle Fälle nicht so aggressiv unsympathisch wie sein Vorgänger, aber – bevor das hier am Ende noch zu versöhnlich klingt und als Empfehlung rüberkommen könnte – immer noch in nahezu allen Belangen beinahe grenzenlos schlecht. Wenn die Messlatte gewesen sein soll, besser als „Klassentreffen 1.0“ zu sein, hätten diese Hürde selbst die meisten schwanzgesteuerten Teenie-Klamotten problemlos gemeistert (höhö, „Messlatte“, „schwanzgesteuert“ – ich bin gut drauf). Die angesprochenen „dramatischen“ Momente nehmen in diesem Film noch eine wesentlich präsentere Rolle ein, sodass sie teilweise fast gleichberechtigt neben den „komischen“ Momenten stehen – und so sehr wie bei Schweiger eine Komödie vor allem Schwänze und hysterische Lautstärke haben muss, so sehr bedeutet Drama bei ihm die volle Dröhnung penetrantes traurig-sentimentales Klaviergeklimpere als musikalische Untermalung, weil es ja sein könnte, dass die Zuschauer am Ende nicht wissen könnten, wie niedergeschlagen die Figuren, die wir gerade auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm flimmern sehen, doch sind. Es gibt nicht einen leisen Moment in diesem Film: Anstatt sich auch mal auf die schauspielerischen Qualitäten der Darsteller zu verlassen, die ja unzweifelhaft da sind, meint Schweiger, dass Musik die ganze Situation gleich noch zwei- oder dreimal besser unterstreicht. Damit unterschätzt er sein Publikum beziehungsweise einen großen Teil davon. Das weiß schon ganz genau, wann es eine Stelle traurig zu finden hat. Und wenn es dann doch wenigstens einprägsame Melodien wären – es ist aber einfach nur seichte Hintergrundberieselung, die sowieso nicht ins Ohr geht. Leider lernt Schweiger in der Hinsicht auch nicht dazu. Schon in seinem Frühwerk „Barfuss“ setzte er auf exakt dieselben Elemente. Ja, das hatte lange Erfolg, aber andere Regisseure sind dennoch bereit, sich weiterzuentwickeln – und das hat Schweiger bis heute nicht, auch wenn er das behaupten würde (mit „Honig im Kopf“ beispielsweise, aber wenn er ehrlich ist, würde er anerkennen, dass selbst seine höchst erfolgreiche Demenz-Tragikomödie im Kern genau dieselbe Schose ist wie seine anderen Filme auch). Er dreht seit 15 Jahren immer die gleiche Sorte Film. Mich würde das ankotzen, wenn ich denn Regisseur wäre.

Tja, und wie an der ausführlichen Inhaltswiedergabe oben ja mehr als deutlich wird, gilt für die komödiantischen Aspekte des Films genau das Gleiche. Humor ist, wenn einer einen langen Schwanz hat. Humor ist, wenn eine Trage über Füße rollt. Humor ist, wenn jemand auf die Fresse fliegt. Humor ist, wenn jemand wütend ist und schreit. Humor ist, wenn eine Frau beim Sex einen Scheidenkrampf bekommt. Da ist nichts mit feiner Klinge. Das muss es ja eigentlich auch nicht unbedingt, Slapstick-Elemente sind bis heute sehr beliebt, und es kann unter Umständen auch nach nunmehr über 120 Jahren Filmgeschichte sogar immer noch lustig sein, wenn der bösen Schwiegermutter eine Sahnetorte ins Gesicht fliegt, aber das hängt dann eben auch mit Timing zusammen, wovon Schweiger aber maximal aus der Ferne etwas gehört hat. „Die Hochzeit“ ist da nicht weniger infantil als „Klassentreffen 1.0“. Zwei, drei Dialoge mögen vielleicht zufällig mal fast ins Schwarze treffen (was zwei, drei Dialoge mehr sind als in „Klassentreffen 1.0“ – wenn man das als Kompliment nehmen will), aber die Komik in Schweiger-Komödien ist und bleibt eine traurige Angelegenheit – viel trauriger als all die dramatischen Elemente, die sich im Drehbuch wiederfinden.

Was haben wir sonst noch? Eigentlich nichts, was ich nicht schon in meinem anderen Review angesprochen hätte. Die Schnittarbeit ist mal wieder ein einziges Wirrwarr, ein Song nach dem anderen wird in gewohnter Manier rücksichtslos in den Film geprügelt (gefühlt ist „Die Hochzeit“ in der Hinsicht noch schlimmer als all seine anderen Werke), die Bilder sehen wieder tipptopp geschniegelt aus. Letzteres könnte man als Stärke bezeichnen, gleichzeitig aber auch als langweilig abtun, weil Schweiger auch hier stets das Erwartbare liefert. Vielleicht sollte sich der Mann mal was anderes einfallen lassen, jetzt, da er den spürbaren Zuschauerschwund seit einigen Jahren Schwarz auf Weiß hat. Ich betone: Nicht mal mehr eine Million wollten diesen Mumpitz hier sehen.

Und da ich eben von „langweilig“ sprach: Das Attribut „langweilig“ trifft auch auf den gesamten Film zu. Während ich bei „Klassentreffen 1.0“ meine Hassgefühle kaum mehr im Zaum habe halten können, ist „Die Hochzeit“ zwar weniger verabscheuungswürdig, aber das dürfte ja wohl nicht mal Schweigers Maßstab sein. Bei einer imposanten Lauflänge von zwei Stunden ist das Ding hier echt zäh wie Leder, über alle Maßen unlustig und hoffnungslos übertrieben in der Darstellung von vermeintlich dramatischen Momenten, unsubtil aufgetragen mit der ganz dicken Kelle. Die regelmäßig wiederverwendete Schablone, die Schweiger seit über einem Jahrzehnt über Drehbuch und Inszenierung legt – streng genommen ist „Die Hochzeit“ wegen unübersehbarer Inhaltsgleichheit gleichzeitig Fortsetzung und Remake –, ist längst abgenutzt, dass eigentlich nur noch ein Druck auf den Reset-Knopf helfen kann. Wäre doch mal angebracht, sich neu zu erfinden. Wie wär’s, Schweiger?


BOMBEN-Skala: 6

BIER-Skala: 2


mm
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