Die Hexe des Grafen Dracula


  • Deutscher Titel: Die Hexe des Grafen Dracula
  • Original-Titel: Curse of the Crimson Altar
  • Alternative Titel: The Crimson Cult
  • Regie: Vernon Sewell
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 1968
  • Darsteller:

    Boris Karloff (Professor John Marsh), Christopher Lee (Morley), Mark Eden (Robert Manning), Barbara Steele (Lavinia), Michael Gough (Elder), Virginia Wetherell (Eve Morley), Rosemarie Reede (Esther), Rupert Davies (Vicar), Michael Warren (Chauffeur), Denys Peek (Peter Manning)


Vorwort:

Die Manning-Brüder betreiben einen Antiquitätenladen in London – strikte Arbeitsteilung ist angesagt. Während Robert (Mark Eden, DOCTOR WHO: MARCO POLO, LONDON BELONGS TO ME) sich primär um das Verscherbeln der Ware im Shop kümmert, gurkt Peter (Denkys Peek, OBJECT Z, THE LIMBO LINE) durch die Prärie und fahndet dort nach potentiell verhökerbarem Stoff. Zur Zeit treibt sich Peter in den alten Familien-Stomping-Grounds von Greymarsh herum. Sollte er wenigstens, denn seit einer Kiste Krams, den Robert verkaufen kann und soll, nebst einem kurzen Brief über seine derzeitigen whereabouts, die vor einer Woche zugestellt wurde, herrscht brüderliche Funkstille. Das beunruhigt Robert genug, um seine Kalesche zu satteln und höchstselbst nach Greymarsh zu düsen.

Sein Weg führt ihn auf den Landsitz der alteingesessenen Familie Morley, von wo aus Peter sich mit dem bewussten Brief gemeldet hat. Dort herrscht gerade Partystimmung – die knusprige Blondine Eve (Virginia Wetherell, DOCTOR WHO, DIE SEXPARTY) bespaßt die Dorfjugend mit einer amtlichen Hippie-Fete mit lauter Musik und recht seltsamen Gesellschaftsspielen wie dem gegenseitigen Anpinseln von Mädchen, die auf den Schultern enthusiatischer Jungs hocken. Grund der Veranlassung ist das alljährliche Fest zum Gedenken an die Verbrennung der fiesen Hexe Lavinia vor stückers 300 Jahren. Es gelingt Robert, sich zum Hausherrn durchzuschlagen – Mr. Morley (Christopher Lee, THE RETURN OF CAPTAIN INVINCIBLE, THE WICKER MAN) ist freundlich genug, hat aber keine Ahnung, wovon bzw. von wem Robert redet. Einen Peter Manning kennt er nicht, ein solcher war auch nie hier, und dass Peter seinen Brief auf dem offiziellen Morley-Briefpapier verfasst hat, kann er sich zwar spontan nicht erklären, aber es ist auch nicht so, als würde Morley seine Briefköpfe in einem Safe mit Selbstschussanlagen bunkern. Also sehr bedauerlich, befindet Morley, dass Robert den weiten Weg umsonst auf sich genommen hat. Als Robert durchblicken lässt, dass er ein paar Tage in der Gegend bleiben wird, um nach seinem Bruder zu fahnden, offeriert Morley großzügigerweise ein Gästezimmer. Dagegen hat Robert gewiss nichts einzuwenden, hat er sich doch bereits erfolgreich auf Eve, die Nichte seines Gastgebers, eingeschossen. Da nimmt man dann auch mal in Kauf, dass der Butler des Hauses, Elder (Michael Gough, HORROR OF THE BLACK MUSEUM, BATMAN) ersichtlich nicht mehr alle Steine auf der Schleuder hat und Robert kryptisch auffordert, sich schleunigst zu verpissen, ehe ein Unglück geschieht.

So kann Robert auch an den Feierlichkeiten des Abends teilnehmen. Das ganze Dorf versammelt sich nämlich zu einem Fackel- und Lichterzug, mit welchem ein blaugeschminktes Mädchen zu einem Scheiterhaufen getragen wird. Dort ersetzt man die Holde dann sicherheitshalber doch durch einen Dummy und verbrennt selbigen unter großem Hallo und Feuerwerken. Morley erläutert, dass es sich bei der Hexe Lavinia um eine Vorfahrin gehandelt habe, und die sei selbstverständlich der Hexerei völlig unschuldig gewesen. Weil aber auch unschuldige Hexen sich ungern verbrennen lassen, habe Lavinia anlässlich ihrer Hinrichtung das Dorf mit dem üblichen Fluch belegt.

Vielleicht hätte Robert auf den alten Elder hören sollen – anstatt gesegnete Nachtruhe in einem mutmaßlich jahrhundertealten Fourposter zu genießen, wird Robert von äußerst realistischer Albträumen geplagt, indem er von einem Zirkel sehr seltsamer Gestalten unter der Führung einer blauhäutigen Hexe (Barbara Steele, NIGHTMARE CASTLE, DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT) unter Folter dazu genötigt werden soll, seinen Namen in ein altes Buch, in dem sich auch der Friedrich Wilhelm seines geliebten Bruders befindet, zu kritzeln. Sehr interessant, finden Morley und sein guter Freund, der örtliche Historiker und Hexen-Experte Professor John Marsh (Boris Karloff, DER MANN, DER SEIN GEHIRN AUSTAUSCHTE, RUHE SANFT GMBH), offenbar ist Roberts Unterbewusstsein leicht zu beeindrucken und hat sich von der symbolischen Hexenverbrennung, Morleys historischen Ausführungen und Peters Verschwinden eine hübsche Schlechte-Nacht-Geschichte ausgedacht. Im Dorf kommt Robert mit seiner Suche kein Iota weiter – niemand hat von Peter gehört, niemand hat ihn gesehen und auch der Dorfwachtmeister ist nicht gerade ein Ausbund an Hilfsbereitschaft. Und beim Herumstrolchen durch die Wälder wird Robert auch noch von Marshs Chaffeur und Faktotum (Michael Warren, THE BODY STEALERS) beschossen. Von Marshs Erklärung, man wäre gerade auf der Entenjagd gewesen, ist Robert nicht hundertprozentig überzeugt.

Erfreulicher hingegen entwickelt sich die Sache Eve. Das junge Ding scheint Roberts vorsichtigen Avancen aufgeschlossen gegenüber zu stehen und interessiert sich auch für seine Suche nach Peter. Als Bob sein Bruderherz mal probehalber beschreibt, wird Eve hellhörig – den Kerl, doch, DEN hat sie gesehen, und der war auch bei den Morleys. Nur unter einem anderen Namen… Robert rieselt langsam der Kalk aus dem morschen Dachgebälk. Natürlich, Peter verwendet gern ein Pseudonym bei seinen Einkaufstouren, um nicht als professioneller Händler aufzufallen (auf DIE Idee hätte er aber auch schon früher kommen können). Damit ist klar – Peter war hier, und irgendetwas MUSS passiert sein, sonst hätte er sich ja irgendwie gemeldet. Auch Morley muss nun zugeben, dass Peter unter seinem Alias bei ihm vorstellig wurde und er ihm sogar ein paar Gegenstände verkauft habe, aber was mit ihm geschehen ist, nachdem er den Morley-Sitz verlassen habe, nun, da zieht auch Morley nur blank.

Die neuen Erkenntnisse wirken sich nicht auf Bobs Alpträume aus – ganz im Gegenteil, jetzt bringen sie ihn sogar dazu, schlafzuwandeln und sich beinahe in den Morleyschen Gartenteich zu stürzen. Robert ist nun fest davon überzeugt, dass hier ganz gewaltig etwas im Busch ist, erst recht, als er in seinem Zimmer eine Geheimtür nebst dazugehörigem Geheimgang entdeckt, die ihn geradewegs in den Raum führt, in dem seine Alpträume stattfinden. Auch Eve kann sich den Tatsachen nicht verschließen. Alles scheint mit Lavinias Hexenprozess zusammenzuhängen – versucht irgendjemand, die Hexe zurückzubringen? Eves Nebenjob als Marshs Assistentin bei der Recherche für sein neues Buch bietet ihr jedenfalls die Möglichkeit, unauffällig beim örtlichen Vikar anzuklopfen und im Kirchenarchiv nach den damaligen Prozessunterlagen zu fahnden…

Inhalt:

Tigon war während der wenigen Jahre seiner Existenz die klar abgehängte Nummer 3 unter den auf Horror spezialisierten britischen Studios. Was absolut nicht heißen soll, dass der schmale Output der Firma in den hektischen Jahren von 1967 bis 1972 nicht bemerkenswert gewesen wäre: WITCHFINDER GENERAL (eine Ko-Produktion mit AIP), IM BANNE DES DR. MONTSERRAT, BLUTBIEST, DER KELLER, IN DEN KRALLEN DES HEXENJÄGERS, DOOMWATCH… viele kurzlebige B-Klitschen hätten für dieses Ouevre (das Tigon auch mit UK-Vertriebsdeals für Jean Rollin oder US-Western ergänzte, und auch die 1971er-Filmversion von BLACK BEAUTY – mit Unterstützung von Atze Brauner – zum Teil stemmte) sämtliche Großmütter aller Angestellten verkauft. Sicher sind die Filme von Michael Reeves und seinem Assi Michael Armstrong die interessantesten Einzelstücke, aber auch was Veteran Vernon Sewell , der sich seine ersten Regiemeriten bereits in den 30ern verdient hatte und von Tigon angeheuert wurde, als er bereits tief genug gesunken war, um Fernsehserien herunterzukurbeln, für Tigon auf die Leinwand klatschte, kann sich allemal sehen lassen. Z.B. eben DIE HEXE DES GRAFEN DRACULA, was natürlich ein komplett sinnfreier Titel ist, damit aber wenigstens absolut in der Tradition seines englischen Originaltitels CURSE OF THE CRIMSON ALTAR steht (und auch der von AIP für den US-Release gewählte Titel THE CRIMSON CULT hat herzlich wenig mit dem Inhalt des Films zu tun).

Ursprünglich gedacht als Auftakt einer neuen 5-Filme-in-5-Jahren-Kooperation mit AIP (zumindest eine etwas realistischere Ansage als Charles Bands mega-optimistisches „2000 FILMS BY THE YEAR 2000!“ für Empire…) blieb die Produktion aufgrund undefinierbarer Streitigkeiten hinter den Kulissen zumindest was die AIP-Connection anging, ein Einzelstück. Das darf man schon ein bisschen schade finden – klar, Tigon blieb auch ohne zusätzliche AIP-Kohle noch ein Weilchen im Geschäft, aber die Verbindung mit einem amerikanischen Partner hätte den Laden womöglich bis weiter Richtung Mitte 70er am Leben halten können und uns noch den ein oder anderen spannenden Film bringen können.

Für CURSE OF THE CRIMSON ALTAR bediente sich das Schreiberlingsduo Mervyn Haisman und Henry Lincoln, die sich offensichtlich mit den DOCTOR-WHO-Serials „The Abominable Snowmen“, „The Web of Fear“ und „The Dominators“ für den Gig qualifizierten, bei unser aller Lieblingsrassisten H.P. Lovecraft. Sehr frei und sehr vage, versteht sich, und auch nicht soweit, als dass Tigon es für nötig befunden hätte, den Namen des amerikanischen Autors irgendwo in den Credits unterzubringen, aber immerhin – Lovecraft war 1968 noch weitgehend unerforschtes Land im Kino. AIP hatte „Den Fall Charles Dexter Ward“ als DIE FOLTERKAMMER DES HEXENJÄGERS unauffällig in ihren Poe-Zyklus geschoben und in England „The Color from Outer Space“ als DAS GRAUEN AUF SCHLOSS WITLEY mit Karloff unter der Regie von Daniel Haller (der 1970 dann auch Lovecraft-mäßig „all-in“ ging und THE DUNWICH HORROR für AIP drehte) drehen lassen, und Warner ging 1967 mit einer Adaption der August-Derleth-Short-Story THE SHUTTERED ROOM (die Derleth anhand von Lovecrafts Notizen verfasste) hausieren. Einigermaßen bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass drei der ersten vier Lovecraft-Adaptionen in Großbritannien entstanden – und das bei einem der ureigenen amerikanischen Horror-Autoren. Der Prophet gilt im eigenen Lande halt gerne mal nix bis wenig. Als Vorlage für CURSE diente die Kurzgeschichte „Dreams in the Witch House“. Wie der Lovecraft-Kenner sicher bemerkt hat, übernimmt der Film nur ein paar sehr vage Motive aus der Geschichte (die deutlich originalgetreuer von Lovecraft-Spezialist Stuart Gordon für MASTERS OF HORROR verfilmt wurde) – die wenigen Elemente, die sich aus der Literatur in den Film retten, sind, wenn man so will, in der Tat nicht dazu angetan, Lovecraft wirklich kreditieren zu wollen. Mehr als ein Haus, in dem der Protagonist obskure Träume hat, in denen es um die Unterzeichnung eines bösen Buchs geht, findet sich in der Filmversion nicht wieder, von ernsthaften Verbindungen zu Lovecraftscher Kosmologie und dem großen Cthulhu-Mythos ganz zu schweigen. Die Produzenten und Autoren nutzten also nur eine ungefähre Idee aus der Geschichte; von den wesentlichen Beteiligten war denn auch niemand sonderlich vom Drehbuch überzeugt, weder Regisseur Sewell (der einen Low-Budget-Horrorfilm wohl als etwas unter seiner Würde nach einer über dreißigjährigen Karriere erachtete) noch das Hauptdarstellerquartett Eden/Weatherell/Lee/Karloff. Christopher Lee bezeichnete den Film in einem Interview später als „quite dreadful“, andererseits hab ich Sir Christopher praktisch nie ein gutes Wort über einen seiner Filme verlieren hören, also bin ich zumindest geneigt, seine wertgeschätzte Meinung getrost zu vernachlässigen. Boris Karloff ging’s hauptamtlich um den Paycheck und war am Set ganz Profi und Gentleman (und setzte sich trotz seiner zahlreichen körperlichen Gebrechen für einen nachlässigen Tonmann ein, der im vermeintlich einzigen Take einer Szene, in der Karloff stehen musste, das Mikro ins Bild hängen ließ. Karloff nahm den Fehler auf sich und absolvierte als guter Soldat einen zweiten Take), auch wenn das nasskalte Wetter sicher seiner Gesundheit schwer abträglich war (und nicht wenige seiner Kollegen davon ausgingen, dass ihn dieser Film und die insgesamt eher kläglichen Umstände seiner Dreharbeiten wenige Monate später ins Grab brachten), und Mark Eden hätte als Karloff-Fan wahrscheinlich auch bei einer Verfilmung des Telefonbuchs zugesagt, nur um mit seinem großen Idol arbeiten zu können.

Andererseits – it was the Sixties, und damit eine Zeit, in der Schauspieler, die sich auf ihre Kunst ernsthaft etwas einbildeten, Low-Budget-Filme im Allgemeinen und Horrorfilme ganz im Besonderen allenfalls der lieben Kohle wegen mitnahmen und gar nicht auf die Idee kamen, an dem Kram, den sie da unter miesen Bedingungen für wenig Zaster abdrehten, könnte auch nur ein entfernter künstlerischer Wert hängen. Solche Qualitäten zu entdecken blieb den Genre-Liebhabern und –kritikern vorbehalten. Und von dieser Warte aus betrachtet, ist CURSE OF THE CRIMSON ALTAR kein herausragend *guter*, aber allemal ein unterhaltsamer und nicht unspannender Film aus der Spätphase des Gothic Horror.

In gewisser Weise ist der Streifen eine „angemessene“ Lovecraft-Adaption, weil er sich nicht wirklich großartig um einen Plot schert. Robert Manning sucht seinen Bruder, träumt schlecht und stellt fest, dass seine Träume tatsächlich real – oder zumindest eine Variante der Realität – sind. Das ist letztlich alles, was der Film an klassischem Narrativ auspackt. Zwischen den Alptraumsequenzen wird viel über Geschichte, soweit sie Hexerei und Hexenverfolgung angeht, Psychologie und ähnliches diskutiert, alternativ versucht Robert Manning (schlussendlich erfolgreich) bei Eve zu landen. Als „große set pieces“ fungieren neben den Alptraumszenen, in denen Robert von Lavinia und ihren Schergen gepiesackt wird, die symbolische Hexenverbrennung im ersten Akt (in der, wie sich die Darsteller erinnern, Vernon Sewell seiner pyromanischen Begeisterung freien Lauf ließ und sie mit Feuerwerkörpern bewarf) und natürlich das obligatorische „das böse Haus brennt ab“-Finale mit einem über das brennende Dach stolpernden Christopher Lee (bzw. seinem Stuntdouble), denn natürlich ist am Ende Morley der Schurke – wozu haben wir Sir Christopher im Cast? Obwohl nun also nicht wahnsinnig viel *passiert*, bleibt der Film ordentlich spannend – da spielt klassische Hitchcock-Suspense eine Rolle, weil wir als Zuschauer von Anfang an wissen, dass der vermeintlich vermisste Peter Manning quasi als erste Amtshandlung des Films das böse Buch unterschrieben hat und sich natürlich die Frage auftut, was genau der finstere Plan ist, den Hexe Lavinia auf diese Weise voranzutreiben gedenkt und auch lange offen bleibt, welche Rolle Professor Marsh spielt und auf welcher Seite er sich in den Konflikt einmischen wird.

Das ist dann auch alles selbstverständlich mit der typischen britischen Professionalität gearbeitet – im UK-Filmbiz dieser Zeit war ein geringes Budget absolut keine Ausrede dafür, schlampige Arbeit abzuliefern. Mit John Coquillon (PAT GARRETT JAGT BILLY THE KID, STEINER – DAS EISERNE KREUZ, WITCHFINDER GENERAL) steht ein Könner hinter Kamera, der gute Bilder garantiert, die Szenen im „Hexenzimmer“ entwickelt eine ganz eigene, eigenwillige, leicht surreale Atmosphäre (was ja durchaus der Intention als „Traumszenen“ entspricht), die symbolische Verbrennung der Hexe bei Volksfestatmosphäre nimmt beinahe schon WICKER-MAN-Stimmung voraus - und die Partyszene erinnert ein wenig daran, dass der britische Genrefilm gerne die Hippie- und Mod-Jugendkulturen für gefährlicher als jeden ausgedachten Horror hielt. Das Tempo ist – auch das bei einer zumindest ansatzweise auf Lovecraft basierenden Angelegenheit angemessen – eher bedächtig; Sewell nimmt sich Zeit, den Mikrokosmos Greymarsh und seine wesentlichen Charaktere behutsam einzuführen und die Situation langsam, aber zwingend eskalieren zu lassen. Dabei verzichtet Sewell auf spekulative Gewaltszenen, sondern bringt das Unheimliche schleichend durch die sich aufbauende, steigernde Atmosphäre des Unbehagens ein. Dass bei einer britischen Produktion auch die Ausstattung stimmt, ist praktisch eine Selbstverständlichkeit.

Schauspielerisch brennt hier natürlich nichts an – Mark Eden ist sicher nicht der größte Thespisjünger der Welt, aber für das, was er hier zu tun hat, absolut adäquat, wir sind es ja gewöhnt, dass die formalen „leads“ im Horrorfilm die langweiligsten Charaktere sind, da muss man also auch keinen Oscar-Gewinner verpflichten, da reicht ein Durchschnitts-Fernsehschauspieler wie Eden alle mal. Christopher Lee könnte man einfach irgendwo ohne Dialog in eine Ecke stellen und er hätte trotzdem diese unvergleichliche Screenpräsenz, und auch Boris Karloff, obwohl praktisch schon mehr tot als lebendig und 98 % seiner Screentime im Rollstuhl sitzend verbringend, nicht, weil die Rolle es gebieten würde, sondern weil’s einfach bei seinem Gesundheitszustand praktisch nicht anders zu realisieren war, ist ganz sein dominierendes Selbst , gegen das sogar Christopher Lee sich schwer tut, im Vordergrund zu bleiben. Wie Eden ist auch Virginia Wetherell, die sich ursprünglich für die kompletten angedachten fünf Filme verpflichtet hatte (und am Ende ganz froh war, dass es nur der eine wurde) keine besondere Leuchte, aber sie ist hübsch, blond, macht im Mini ne gute Figur (weigerte sich aber, eine Nacktszene zu drehen und wurde dafür durch ein Bodydouble ersetzt, sehr zu ihrem Leidwesen, sieht’s doch nun so aus, als hätte sie einen „fetten Arsch“. So schlimm ist’s nun auch nicht) und fällt nicht unangenehm auf. Horror-Queen Barbara Steele ist als die blaue Lavinia nicht mehr als ein „Gaststar“, aber auch sie hat eine fulminante Ausstrahlung in den ihren wenigen Szenen. Rupert Davies (IM TODESGRIFF DER ROTEN MASKE, DRACULAS RÜCKKEHR, DER HEXENJÄGER) absolviert einen Gastauftritt als der von Eve Morley interviewte Vikar der Dorfkirche. Michael Gough macht viel aus seiner kleinen Rolle des vielleicht doch nicht so irren Irren Elder…

Die Blu-Ray von Wicked Vision lässt, labeltypisch, keine Fragen offen. Der Transfer ist ausgezeichnet in Bild und Ton (obwohl sich der Publisher sogar für die den eigenen Qualitätsansprüchen nicht hundertprozentig genügenden deutschen Tonspur entschuldigt), dazu ist die Scheibe vollgepackt mit Trailern, alternativen Vorspannsequenzen, einer 2017 neu gedrehten Featurette, in der viele der noch lebenden Beteiligten (Mark Eden, Virginia Weatherell, Nebendarstellerin Annette Whiteley, Cutter Howard Lanning und Script-Girl Mary Spain) zu Wort kommen, sowie einem 2004er-Video-Interview mit Christopher Lee über seine Freundschaft mit Boris Karloff. Great package!

CURSE OF THE CRIMSON ALTAR mag nicht mit Großen Alten, Cthulhu-Referenzen und dem Necronomicon um sich werfen, vielmehr Lovecraft nur als sanfte Inspiration für eine bis auf die ganz grundlegende Idee der unheimlichen Träume eigenständige Geschichte verwenden, aber das macht der Film exzellent und zu einem Highlight des britischen Spät-60er-Gruselkinos; es ist eben etwas deutlich „anderes“ als Hammers zwar immer wieder gern gesehene, aber letztlich auch immer auf der gleichen Formel herumreitenden Victorian-Horror-Filme, ein ganz anderer Ansatz eher, hm, zerebralen statt viszeralen Horrors mit vergleichsweise abstrakten Bedrohungsszenarien, der so gesehen vielleicht auch ein bisschen besser „altert“ als das Hammer-Format. Aber selbst wenn man diese eher theoretischen Aspekte außen vor lassen will, bekommt man mit Lee und Karloff zwei absolute Horror-Ikonen, die beide sicher nicht mit voller Kraft agieren (Lee aus Desinteresse, Karloff aus gesundheitlichen Gründen), aber eben auch mit angezogener Handbremse 99 % ihrer Genrekollegen vom Platz fegen, in einer ihrer seltenen Kollaborationen. Das allein sollte eigentlich Argument genug sein…

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 7


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