Der Umleger

 
  • Deutscher Titel: Der Umleger
  • Original-Titel: The Town That Dreaded Sundown
  • Alternative Titel: Phantom-Killer |
  • Regie: Charles B. Pierce
  • Land: USA
  • Jahr: 1976
  • Darsteller:

    Ben Johnson (Captain J.D. Morales), Andrew Prine (Dept. Norman Ramsey), Dawn Wells (Helen Reed), Jimmy Clem (Sgt. Mal Griffin), Jim Citty (Police Chief R.J. Sullivan), Charles B. Pierce (Patrolman A.C. Benson), Robert Aquino (Sheriff Otis Barker), Cindy Butler (Peggy Loomis)


Vorwort

Texarkana, eine Kleinstadt auf der Grenze zwischen Arkansas und Texas, im Jahr 1946. Langsam normalisiert sich das Leben, die Einschränkungen, die der Zweite Weltkrieg mit sich brachte, sind vorbei, die Soldaten wieder zurück. Doch es stellt sich neuer Schrecken ein…

Ein junges Liebespaar wird beim heimlichen Poussieren in der örtlichen „Lover’s Lane“ von einem maskierten Irren angegriffen. Das Pärchen überlebt mit Müh und Not, vom Täter fehlt jede Spur. Drei Wochen später wird erneut ein Paar angegriffen – dieses Mal endet die Attacke für die Opfer tödlich. Sheriff, Deputy und Polizeichef sind sich einig, dass die Attacken zusammenhängen und das Werk eines Serientäters sind, der wahrscheinlich wieder zuschlagen wird. Der legendäre Texas-Ranger Captain Morales wird hinzugezogen, auch das FBI ermittelt, aber zählbare Fahndungserfolge bleiben aus. Nachdem wieder drei Wochen verstrichen sind, schlägt das „Phantom“ erneut zu – in der schon verunsicherten Stadt bricht endgültig die Panik aus…


Inhalt

„The Town That Dreaded Sundown“, auf Deutsch elegant „Der Umleger“ benannt, ist die filmische Aufarbeitung der „Texarkana Moonlight Murders“, die sich tatsächlich im Jahr 1946 zugetragen haben und seinerzeit für reißerische landesweite Schlagzeilen sorgten. Der Täter wurde nie gefunden, der Fall bleibt bis heute rätselhaft.

Der Mann, der sich berufen fühlte, diese Geschichte auf die große Leinwand zu bringen, hieß Charles B. Pierce. Pierce hatte 1972 mit einem schnell gedrehten Quickie über eine lokale Bigfoot-Legende, „The Legend of Boggy Creek“, einen Drive-in-Kinohit gelandet und dank eines lukrativen Vertriebsdeal mit AIP-Chef Sam Arkoff ordentlich Knete verdient, die es ihm erlaubte, in der Folge einige weitere Filme zu inszenieren, neben einigen Western eben auch diesen. Später zog Pierce nach Kalifornien, wurde in Carmel Freund und Nachbar von Clint Eastwood, schrieb das Drehbuch für den vierten Dirty-Harry-Film „Sudden Impact“ und prägte die ikonische Line „Go ahead, make my day“, die man Clint wohl dereinst unter „Do you feel lucky, punk?“ auf den Grabstein meißeln wird. Will sagen, Pierce mag kein großer Regisseur sein, aber er hat sein kleines Stück Hollywood-Unsterblichkeit zweifellos verdient.

Pierce, aufgewachsen unweit des Schauplatzes in Arkansas und damals ebenfalls nicht weit vom Orte des Geschehens in Louisana lebend, drehte den Film an Originalschauplätzen und hielt sich halbwegs an die bekannten Fakten – einiges ist natürlich frei fabuliert, so z.B. der berühmte „Posaunenmord“ und das komplette Ende, das sich zwar insoweit an die Tatsachen hält, als dass der Killer nicht gefasst wird, jedoch als taugliche Klimax eine Verfolgungsjagd den Film beendet – hätte man sich an die wahre Geschichte gehalten, wäre die Story einfach ausgelaufen, ohne einen echten filmischen Schluss zu haben, insofern ist diese Entscheidung verständlich (Co-Star Andrew Prine behauptet übrigens, er habe den kompletten Schluss geschrieben, weil das Script keinen hatte. Nachdem ich Prine aber erst kürzlich im Making-of von „Grizzly“ darüber reden hörte, er habe auch dort die Backstory geschrieben, nehme ich solche Aussagen mit einer kleinen Tube Salz. Vielleicht will sich da jemand auch nur etwas wichtig machen).

Auch wenn der Film historisch als ein „Proto-Slasher“ eingeordnet wird (er entstand zwei Jahre nach „Black Christmas“, der allgemein als Geburtsstunde des Genres gilt, obwohl der stalk’n’slash-Part dort nur einen verhältnismäßig kleinen Teil des Films einnimmt, und zwei Jahre vor dem offiziell autorisierten Genre-Startschuss, „Halloween“), ist er eigentlich nicht als solcher inszeniert. Pierce legt den Streifen stärker als „true crime“-Geschichte und police procedural an. Weder die Gestalt des Killers noch seine Opfer stehen im Mittelpunkt des Films, sondern die Männer, die ermitteln und versuchen, in der Stadt die Ordnung einigermaßen aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus vermittelt ein Erzähler Daten und Namen und verleiht dem Film damit einen semi-dokumentarischen Anspruch. Es ist retrospektiv eine ungewöhnliche Konstruktion, aber sie einigermaßen funktionieren, litte der Streifen nicht am „Last House on the Left“-Syndrom – ja, it’s the return of the bumblin‘ stupid cop comic relief sidekick, unglücklicherweise auch noch von Charles B. Pierce persönlich gespielt, also kann man ihn schlecht von der Verantwortung freisprechen. Sein Turn als doofer Patrolman Benson ist zwar nicht ganz so furchtbar wie Martin Koves „Last House“-Performance, reißt aber immer wieder aus dem ansonsten sehr ernst und seriös vorgetragenen crime drama.

Die Struktur bedingt zwangsläufig auch, dass es keine echte Hauptfigur gibt – Andrew Prines Deputy Ramsey ist es für ein paar Szenen, Ben Johnsons Captain Morales für ein paar andere, und die Opfer, die sind uns, mit Ausnahme von Dawn Wells als Helen Reed und des Killers letztes Ziel, herzlich egal, da sie stets erst zu ihrer entsprechenden Kill-Sequenz eingeführt werden und gar keine Chance haben, Charaktere zu werden. Die stalk’n’slash-Sequenzen selbst sind pretty damn good (sofern man als Slasherfan damit leben kann, dass der Killer die meisten seiner Opfer schnöde mit seiner schallgedämpften Knarre abknallt), insbesondere die letzte (mit, wie gesagt, Dawn Wells).

Jaime Mendoza-Navas Score ist mir etwas zu fröhlich, dafür, dass der Film ja einen gewissen dokumentarischen Anspruch verfolgt, der Gewaltlevel ist recht niedrig, die Morde sind nicht sonderlich blutig und/oder graphisch. Die FSK 16 ist in Ordnung.

An der Darstellerfront ist Western-Toughguy Ben Johnson eigentlich prima als knurriger Texas Ranger besetzt, aber es beißt sich damit, dass er einige der comedy-Sequenzen mit Pierce zu bestreiten hat und dann wirkt er ein bisschen wie Jackie Gleason in „Das ausgekochte Schlitzohr“… Andrew Prines No-Nonsense-Vorstellung als Deputy Ramsey gefällt, Dawn Wells macht aus ihrer Opfer-Rolle eine memorable, Weltklasse-Stuntman Bud Davis steckt unter dem Killer-Sack und ist zumindest einigermaßen impressiv, auch wenn das „Phantom“ naturgemäß bei dieser Herangehensweise keine „Persönlichkeit“ entwickeln kann.

2014 folgte ein Meta-Sequel/Remake (hierzulande „Warte, bis es dunkel wird“), das durchaus als solches stimmig ist, endet doch auch das Original mit einem Meta-Gag. Als Film ist das Remake, allein schon wegen seines Verzichts auf stupid comedy, besser, einen Hinkucker ist das Original aber schon aus filmhistorischen Gründen wert.

Watch for the mother of all „visible equipment“-goofs in the climactic train scene!

3/5
(c) 2016 Dr. Acula


mm
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