Der Student von Prag


  • Deutscher Titel: Der Student von Prag
  • Original-Titel: Der Student von Prag
  •  
  • Regie: Paul Wegener, Stellan Rye
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 1913
  • Darsteller:

    Paul Wegener (Balduin), Grete Berger (Gräfin Margit von Schwarzenberg), Lyda Salmonova (Lyduschka), John Gottowt (Scapinelli), Lothar Körner (Graf von Schwarzenberg), Fritz Weidemann (Baron Waldis-Schwarzenberg)


Vorwort:

Was ich hier habe, ist keine vollständige Fassung, sondern eine 41-Minuten-Version, was ungefähr der halben originalen Laufzeit entspricht, nach Ansicht aber offensichtlich keine schlechte Kondensation des kompletten Films darstellt…

Balduin ist Student in Prag, durchaus beliebt und ein exzellenter Fechter. Allerdings ist er vollkommen, total und endgültig pleite. Ein mysteriöser Fremder namens Scapinelli macht ihm ein Angebot – er könnte ihn von seinen Geldsorgen befreien. Balduin vereinbart ein Treffen mit dem Fremden. Bevor es dazu kommt, rettet er der Gräfin von Schwarzenberg das Leben, als deren durchgehender Gaul sie direkt in die Moldau befördert. Balduin verliebt sich natürlich sofort unsterblich, aber reiche Gräfin und armer Bettelstudent… naja, das wird wohl eher nix. Zumal Balduin, wollte er denn, durchaus eine Flamme hätte, das Zigeunermädchen Lydeschka (und, so rein aus chauvinistischem Attraktivitätsstandpunkt gesehen… ich würd Lydeschka allemal vorziehen). Nun, da gibt’s ja aber noch Scapinelli – der schlägt Balduin einen ungewöhnlichen Handel vor. Der Student bekommt 100.000 Goldstücke im Austausch für einen Gegenstand aus Balduins Besitz nach Scapinellis Wahl. Balduin sieht da keinen rechten Haken dran, da er ja nicht wirklich irgendetwas wertvolles besitzt. Also, eingeschlagen. Scapinelli entscheidet sich zu Balduins Bestürzung für sein Spiegelbild! Das steigt aus dem Spiegel und dampft mit Scapinelli ab. Nachdem er sich von seinem anfänglichen Schock erholt hat, sieht Balduin die Sache relativ locker… scheint doch ein recht vorteilhafter Deal für ihn zu sein.

Mit Kohle kann er sich jetzt zumindest bei der Gräfin sehen lassen, aber da gibt’s zwei Probleme. Die Gräfin ist mit ihrem Cousin verlobt (so ist das bei Adeligens) und Lydeschka ist reichlich eifersüchtig. Nachdem sie die Gräfin und Balduin bei einem heimlichen Date beobachtet, petzt sie beim Cousin. Während Balduin indes von seinem immer zum unpassendsten Moment auftauchenden Spiegelbild ins Bockshorn gejagt wird, tobt der Zorn des Baron Waldis Schwarzenberg (der gehörnte Cousin) – nur ein Duell kann die Schmach, von einem Studenten hintergangen zu werden, tilgen. Balduin ist durchaus reumütig und gelobt, sich nicht mit dem Baron zu duellieren, aber das Spiegelbild hat keine derartigen Skrupel und legt – bester Fechter Prags, newa – den Baron um.

Damit wäre das Problem der Verlobung zwar gelöst und Balduin schleicht sich auch tunlichst wieder heimlich zur Gräfin, doch sein Spiegelbild ist noch lang nicht damit fertig, sein Leben zu ruinieren…

Inhalt:

Manch einer bezeichnet den „Studenten von Prag“ als ersten Horrorfilm der Welt. Nun, das kommt sicherlich darauf an, wie man Horrorfilm definieren will, zumindest schreckt Paul Wegener (nach einer Vorlage von Hanns Heinz Ewers) vor dem Übernatürlichen nicht zurück und bemüht auch kein zensurentschärfendes „war-alles-nur-ein-Traum“-cop-out-Ende. Der Plot entwickelt sich – auch in der 41-Minuten-Rumpffassung – recht schlüssig (wenn man mal davon absieht, dass Lydeschka ungefähr tausendmal hübscher ist als die Gräfin) – freilich passiert nicht viel aus heutiger Sicht „horribles“, aber, meine Güte, der Film hat über 100 Jahre auf dem Buckel. Szenen wie das aus dem Spiegel steigende Spiegelbild und die – für das Alter des Films exzellenten – Szenen, in denen Balduin seinem Spiegel-Self gegenübersteht, dürften dem zeitgenössischen Publikum durchaus Schauer über den Rücken gejagt haben. Wer darauf lauert, ob hier schon Ansätze des späteren „German Expressionism“, dem ja auch Wegener mit seinem „Golem“ frönte, zu sehen sind – eher nicht. Es gibt einige Szenen, in denen Wegener schon etwas mit Kameraeinstellungen, Beleuchtung oder minimalistischen Sets zu experimentieren scheint, aber überwiegend spielt sich der „Student“ noch relativ konventionell, wenn auch mit vielen location shoots vor Ort in Prag, was dem Film, wenn Wegener im Schatten des Hradschin herumturnt oder auf einem offenkundig echten mittelalterlichen Friedhof seine Gräfin trifft, schon ordentlichen scope verleiht. Ein Problem des Films ist sein Hauptdarsteller: Wegener war immerhin schon stolze 39 Jahre alt und wirkt daher für den jung-dynamischen und Frauenherzen stehlenden Studenten dezent fehlbesetzt (aber so ist das halt, wenn du dein eigener Star bist). Rein acting-wise ist das aber nicht so schlecht, Wegener ist nicht dermaßen theatralisch in Gestik und Mimik wie viele seiner Zeitgenossen und dreht dahingehend erst auf, als er, wie das Script es verlangt, von seinem Spiegelbild immer weiter in Panik und Wahn gejagt wird, das hat also dann durchaus auch seine Richtigkeit.

Der Stoff wurde noch zweimal verfilmt (1926 mit Conrad Veidt, die Fassung werde ich mir demnächst auch zu Gemüte führen und 1935 als Tonfilm). Wenn man sich dafür interessiert, wie sich der klassische Horrorfilm entwickelt hat, kommt man aber auch an der 13er-Fassung nicht vorbei.

(c) 2016 Dr. Acula


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