Der Autovampir


  • Deutscher Titel: Der Autovampir
  • Original-Titel: Upír z Feratu
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  • Regie: Juraj Herz
  • Land: CSSR
  • Jahr: 1982
  • Darsteller:

    Jiri Menzel (Dr. Marek), Dagmar Havlová (Mima), Jana Brezková (Luise/Clara Tomasová, „Tomasek“ in DF), Peter Cepek (Kriz), Jan Schmid (Dr. Kaplan), Zdenka Proházková (Madame Ferat), Blanka Waleská (Luises Mutter), Michal Pavlata (Dr. Radek)


Vorwort:

Dr. Marek (Jiri Menzel, LERCHEN AM FADEN, LIEBE NACH FAHRPLAN) steht einer Unfallambulanz vor, an deren Steuer die verhinderte Rennfahrerin Mima (Dagmar Havlova, DIE BESUCHER, DAS KRANKENHAUS AM RANDE DER STADT) sitzt und den lieben Doktor öfters mal an den Rand eines Herzinfarkts bringt. Das aggressive Fahren unter Blaulicht und Sirene ist für Mima, die ihre Racer-Karriere mangels finanzieller Mittel an den Nagel hängen musste, die einzige (und dann auch noch bezahlte) Möglichkeit, ihrem Hang zum Bleifuß nachzugeben. Eines schönen Tages wird ihr Wagen zu einem Notfall in der Pampa gerufen – der Weg dorthin gestaltet sich schwierig, weil die Ambulanz von einem mysteriösen schwarzen Sportwagen bedrängt wird (was Mima selbstverständlich als sportliche Herausforderung begreift), der auch einen massiven Lkw-Unfall verursacht. Endlich am Einsatzort angekommen, müssen Marek und die Seinen feststellen, dass sie ordentlich verarscht worden sind, die Adresse, zu der sie bestellt wurden, existiert nicht. Dafür beansprucht überraschend die ausgesprochen attraktive Pilotin des schwarzen Flitzers medizinische Versorgung – Luise Tomasek (Jana Brezkova, HERZLICHE GRÜSSE VOM ERDBALL, FERIEN FÜR DEN HUND), bekannte Star-Rennfahrerin, klagt über Schmerzen im Gasfuß. Mehr als einen harmlosen Bluterguss kann Marek nicht diagnostizieren, Mima vermutet, dass es an einem falsch montierten Gaspedal liegt. Eine nähere technische Untersuchung des Ferat Vampire RSR ist aber nicht möglich, der Motor, berichtet Luise, die für eine große internationale Rallye, bei der der Ferat der Öffentlichkeit präsentiert werden soll, trainiert, sei vom Werk aus plombiert. Luise brettert weiter.

Ein paar Minuten später fährt Mareks Krankenwagen an einer neuen Unfallstelle vor – der Ferat hat sich an einer eigentlich harmlosen Stelle böse überschlagen, die Fahrerin ist schwer verletzt. Wäre nun also eigentlich ein glücklicher Glücksfall der glückseligen Sorte, dass Marek mit seinem Rettungswagen praktisch sofort an Ort und Stelle ist, aber auch das Ferat-Team ist mit Service-Truck, eigenem Fernsehteam und eigener Ambulanz in Sekundenschnelle am Crashort und hindert Marek in Form von Kriz (Peter Cepek, ICH HABE EINSTEIN UMGEBRACHT, DAS GEHEIMNIS DER STÄHLERNEN STADT ), einem Ex-Rennfahrer, den Mima natürlich auch kennt, recht energisch an einer Untersuchung der Verunfallten.

Marek wittert, dass Ferat irgendetwas zu verbergen hat, zumal Kriz in einem Fernsehinterview Konstruktions- oder Materialfehler am Fahrzeug kategorisch ausschließt und die Schuld für den Unfall komplett Luise zuschiebt. Der Arzt versucht Luise im Krankenhaus zu besuchen, doch man teilt ihm mit, die Fahrerin sei bereits verstorben. Marek beamt sich in die Pathologie, wo der dienstschiebende Leichenmetzger zunächst eine profanes Schädel-Hirn-Trauma aufgrund des heftigen Aufpralls zu Protokoll gibt, aber Marek ist skeptisch – es hat ja überhaupt keinen Aufprall gegeben, der Wagen hat sich nur auf freiem Feld ein paar Mal überschlagen. Der Pathologe teilt schulterzuckend mit, dass sich Luise zusätzlich den Gas-Mittelfuß zerdeppert hat und die Sohle praktisch skelettiert war, „wie abgebissen“. Das klingt… komisch.

Komisch ist auch, dass Marek unangemeldeten Besuch bekommt, von einem gewissen Dr. Kaplan (Jan Schmid, HERZLICHE GRÜSSE VOM ERDBALL, EIN MÄDCHEN ZUM ERSCHLAGEN), seines Zeichens kein Medizinmann, sondern Ingenieur und als solcher schon seit einiger Zeit den Machenschaften von Ferat auf der Fährte. Schon seit Monaten häufen sich, so zumindest Kaplans Eindruck, im Umfeld der Ferat-Testfahrten rätselhafte Todesfälle, zudem ist der Wagen allgemein von heftiger Geheimniskrämerei umgeben. Niemand, z.B., hat jemals den Motor der Mühle gesehen, und Kaplan hat eine recht eigenwillige Theorie entwickelt – seiner Meinung nach läuft die Maschine mit menschlichem Blut! Prinzipiell hält Kaplan das sogar für eine gute Idee – Blut ist ein natürlich nachwachsender Rohstoff, der im Überfluss vorhanden ist, und wenn man mindestens acht Leute in ein Fahrzeug setzen würde, das sich bei seinem Fahrgästen bedient, wäre das auch aus gesundheitlicher Sicht überhaupt kein Problem. Der Ferat allerdings, der wird ja nur von einer Person gefahren, und die würde die Belastung, permanent ausgesaugt zu werden, naturgemäß nicht lange aushalten. Marek hält Kaplan, was man ihm nicht verdenken kann, für ziemlich gaga – erst recht, als Kaplan ihm zur Untermauerung seiner These auf seinem heimischen Super-8-Projektor noch ein paar Vampirfilme vorführt und nicht nur erklärt, dass das von einem Vampir gebissene Opfer eine starke Sehnsucht nach weiteren Bissen, ergo eine Abhängigkeit, eine Sucht, entwickelt, und auf die Dauer selbst zu einem blutsaugenden Untoten wird. Selbst wenn wir Kaplans These vom Blut-Motor erst mal glauben, ist es doch noch ein gewisser mentaler Sprung zur direkten Übersetzung in Vampir-Lore. Auch der gemeinsame Besuch in einer Klapsmühle, deren Chef Marek in die hohle Hand versichert, dass Kaplan sich bester geistiger Gesundheit erfreue, überzeugt Marek nicht wirklich. Allerdings kommt es ihm sehr seltsam vor, dass Mima sich von der Arbeit abgemeldet hat und sich offensichtlich mit Kriz trifft. Wie sich herausstellt, braucht Ferat dringend kompetenten Ersatz hinterm Volant für die bewusste Rallye und Kriz hält Mima für geeignet.

Bei einem weiteren Treffen empfiehlt Kaplan, doch mal Luises Leiche zu untersuchen, bevor die unter die Erde gebracht wird. Ein kleiner nächtlicher Einbruch in die Aufbahrungshalle des ausgekuckten Friedhofs macht’s möglich und dort macht Marek gleich zwei schockierende Entdeckungen – zum einen ist Luises Sarg mit brauner Heimaterde, aber keiner Toten gefüllt, und dann steht die vermeintliche Leiche plötzlich quicklebendig hinter ihr! Aber Entwarnung… die Untote entpuppt sich als Luises höchst lebendige Zwillingsschwester Clara (ebenfalls Jana Brezkova), und die hat mit Marek eins gemeinsam – einen nagenden Zweifel daran, dass Luise wirklich aufgrund eines stupiden Fahrfehlers ums Leben gekommen ist. Auch sie ist sicher, dass Ferat etwas zu verbergen hat, aber da sie nichts Konkretes in der Hand hat, hat sie bislang keine Polizei eingeschaltet, sondern ermittelt lieber auf eigene Faust. Das ist Marek schon sympathischer als der Vampirschmarrn Kaplans, und dass Claras alte, sieche Mutter (Blanka Waleska, KINDER EINER GROSSEN LIEBE, MOTIV FÜR EINEN MORD) ihre Tochter konsequent als „Luise“ anspricht, ist ob des vergerückten Alters der Dame, ihrem allgemein eher beklagenswerten Geisteszustand und der traumatischen Geschehnisse sicher verständlich. Weniger verständlich ist Marek, warum Mima ihren Job kündigt, um bei Ferat als neue Profi-Fahrerin einzusteigen, und ausgesprochen unwirsch auf Mareks Versuche einer Aussprache reagiert.

Mareks Herumgestocher in Dingen, die ihn nichts angehen, bleibt aber auch bei Ferat nicht unbemerkt und so karrt Kriz eines Tages den Arzt direkt zu Firmenchefin Madame Ferat (Zdenka Prochazkova, LADY DRACULA, DIE MÄRCHENBRAUT), die ihm ein unmoralisches Angebot unterbreitet. Mareks unqualifizierte Verlautbarungen vor laufender Kamera (seinerzeit bei Luises Unfall) stellten fraglos eine Rufschädigung eines einwandfrei operierenden Unternehmens dar, und wer anders als Marek wäre geeignet, mit einem von Ferat bezahlten Gutachten nachzuweisen, dass bei der Firma alles mit rechten Dingen zugeht und vor allem das Unfallfahrzeug in einem technisch einwandfreien Zustand war. Madame Ferat garantiert freien Zugang zu allen Informationen und auch keinerlei Reinreden in Mareks Arbeit – die einzige Bedingung, die sie stellt, ist, dass Marek die reine Wahrheit schreibt. Im Übrigen solle sich Marek auch keine gesteigerten Sorgen machen, Ferat habe eh nicht vor, die Kalesche auf dem tschechischen Markt zu verhökern. Marek sucht vergeblich nach einem Pferdefuß, findet aber keinen und akzeptiert.

Das sollte eigentlich auch Clara zufriedenstellen, doch die reagiert erstaunlich angepisst – ihrer bescheidenen Ansicht nach geht es Marek weniger um die Wiederherstellung Luises Rennfahrerehre denn darum, Mima zu beschützen, in die er verliebt sei. Das kann Marek zu seinem Leidwesen nicht mal abstreiten. Dennoch landen Clara und Marek nach einem kurzen Streit in Luises Bett für eine heiße Nummer. Es heißt allerdings coitus interruptus, als die Liebenden sich beim Akt buchstäblich in Luises gebunkerten Blutkonserven wälzen, was nun doch von den meisten normalen Menschen als eher abtörnend empfunden wird.

Ein enthusiastischerer Verbündeter ist Dr. Kaplan – gemeinsam stoppen die Beiden den Ferat auf einer Testfahrt und beanspruchen eine sofortige Untersuchung des Motors. Kriz und die gesundheitlich angeschlagen wirkende Mima verweigern allerdings mit Hinweis auf die Plombierung des Motors, die sie nicht einmal selbst aufbrechen dürfen. Aber vielleicht später in dem Hangar, den Ferat als Hauptquartier in Beschlag genommen hat… Mima und Kriz brausen vom Hof, Marek und Kaplan hecheln in des Mediziners Fiat 500 hinterher. Als sie ein paar Minuten nach dem Ferat dort ankommen, lässt sie niemand ein. Es muss eingebrochen werden – die Untersuchung des Wagens bringt aber genau keine Erkenntnisse, denn… der Wagen hat keinen Motor! Als Kriz und die Ferat-Mechaniker die Einbrecher überraschen und die sich auf ihre Bevollmächtigung durch Madame herausreden, gibt Kriz zu, dass dieses Auto ja auch gar nicht das gewesen sei, mit dem er und Mima unterwegs gewesen wären. Das steht längst im Renntransporter…

Bei Ferat kommt Marek also nicht weiter, dafür aber kommt aus anderer Richtung Information und Hilfe. So zum einen von der Zulassungsstelle – auch eine Firma Ferat muss ihr Auto natürlich technisch abnehmen lassen, bevor es auf die Straße darf, und der zuständige Beamte ist ob des ganzen Geweses um den schwarzen Flitzer einigermaßen irritiert. Die Fahrleistungen der Schleuder sind nämlich, wenn’s nach ihm geht, für die Sorte Auto bestenfalls halbwegs annehmbarer Durchschnitt, außer dem flotten Design hat die Kiste seines Erachtens nichts Besonderes zu bieten. Dann wäre da Claras Mum, die, als er sie einmal allein besucht, steif und fest behauptet, Clara sei im zarten Alter von sieben Jahren verstorben. Und dann ist da auch noch Mima, die sich überraschend an ihn wendet und ihm anvertraut, ihm *nach* der Rallye mit allen Mitteln gegen Ferat zu helfen – und sich auch ganz körperlich offeriert (für einen Mann mittleren Alters, der nun nicht gerade Adonis persönlich ist, bekommt Marek ne Menge Pussy ab. Respekt).

Nichtsdestoweniger kann Marek nicht verhindern, dass das Ferat-Team mit Mima am Steuer und Kriz als Co-Piloten zur großen Rallye antritt. Mima scheint aber mit der Höllenmaschine unter ihrem Hintern schwer überfordert zu sein, Fahrfehler reiht sich an Fahrfehler. Doch nach einem weiteren Ausritt ins Gelände stabilisiert sich die Performance auf Höchstniveau – Fans und Fachkommentatoren sind bass erstaunt, als der Ferat die erste Etappe überlegen gewinnt. Doch Mima wirkt dafür, dass sie als Provi-Novizin gerade die Fahrt ihres Lebens hingelegt hat, seltsam angefressen. Marek würde gerne wissen, welche Laus Mima über die Leber gelaufen ist, doch auf einmal heißt es, die Pilotin wäre in die Notaufnahme eingeliefert worden…

Inhalt:

Wer so ungefähr in meinem Alter, plusminus ein paar Lenze, ist, wird sich mit wohligem Schauer an die ZDF-Reihe „Der phantastische Film“ erinnern. Diese exzellent kuratierte Filmreihe brachte auch so manchen wirklich seltsamen Film auf deutsche Fernsehschirme, u.a. auch solche aus dem Ostblock. DER RATTENKÖNIG gehört zu diesen Filmen, die bei denen, die ihn damals gesehen haben, bleibenden Eindruck hinterließen, und auch DER AUTOVAMPIR (der eigentlich technisch korrekter DAS VAMPIRAUTO heißen müsste. Schließlich beißt hier niemand einem Auto in den Tank und schlürft den Sprit raus. Im Original heißt der Film so schlicht wie doppeldeutig „Vampir von Ferat“). Ich muss zu meiner Schande zugeben, dass ich *diesen* Film damals, bei seiner Erstausstrahlung (die so 1983 gewesen sein müsste) nicht gesehen habe, irgendwie war mir das ganze Konzept mit elf oder zwölf Jahren zu gruslig – was mich nicht daran hinderte, mir den Film in aller Ausführlichkeit am nächsten Tag von meiner Mutter nacherzählen zu lassen. Da hätte ich mir das Ding gleich selbst anschauen können…

Das tschecheslowakische Kino ist, wie die meisten Filmwerkstätten von jenseits des Eisernen Vorhangs, nur in Ansätzen mit dem westlichen Kinoapparat zu vergleichen. Das merkt man alleine schon an einem Regisseur wie Juraj Herz, der von Krimikomödien über historische Dramen bis hin zu Märchenfilmen alles herunterkurbelte, was das System verlangte – bei Durchsicht seiner Vita wunderte mich eigentlich nur, dass er nicht auch mindestens eine Folge vom KRANKENHAUS AM RANDE DER STADT inszenierte, wo rein statistisch gesehen so ziemlich jeder CSSR-Film- und TV-Schaffende in irgendeiner Funktion auftauchen musste. Das Drehbuch zum AUTOVAMPIR schreib Herz mit Jan Fleischer (der nach der politischen Wende eine Zeitlang als Story-Editor in Großbritannien tätig war, u.a. für DIE QUEEN) nach einer Kurzgeschichte von Josef Nesvadba, selbst ein Drehbuchautor, der u.a. die SF-Komödie ICH HABE EINSTEIN UMGEBRACHT und die vom WDR koproduzierte Kinderserie DER WUNSCHKINDAUTOMAT schrieb.

Wie so manche Fiktion aus Osteuropa funktioniert DER AUTOVAMPIR auf einer Vielzahl von Ebenen. Natürlich ist der Film zunächst einmal eine ziemlich geradlinig erzählte Horror-Geschichte um das sprichwörtliche Vampirauto, das seine Piloten durchs Gaspedal ihres köstlichen Lebenssafts beraubt (eine Prämisse, die ein paar Jahre später komödiantisch von den Briten als I BOUGHT A VAMPIRE MOTORCYCLE aufgegriffen wurde). Das ist an und für sich schon eine originelle Geschichte, die die Tschechen (man verzeihe mir die Unterschlagung der Slowaken in der Folge) auch auf die irgendwie untypisch-typische osteuropäische Art anpacken. Während die meisten Westeuropäer die Enthüllung, dass die Kiste mit Blut läuft, für den Schlussakt aufgespart hätten, legt DER AUTOVAMPIR seine Karten früh auf den Tisch (verdammt, das Auto HEISST „Ferat Vampir“. Wieviel Mystery will man da noch draus ziehen? – DASS der Wagen mit Blut angetrieben wird, ist relativ schnell allgemein akzeptierter Kenntnisstand, es geht dann primär darum, diesen Umstand hieb- und stichfest gegen die Widerstände der Ferat-Truppen zu beweisen und Mima vor Luises Schicksal zu bewahren. Das rückt DER AUTOVAMPIR formal fast in die Tradition eines „Investigativfilms“, nur dass der Ermittler eben kein Cop, Privatschnüffler oder Reporter ist, sondern der durch schieres persönliches Interesse in die Sache hineingezogene Dr. Marek (der dann aber mit Kaplan wenigstens so etwas wie einen Van Helsing an die Seite gestellt bekommt. Wobei der natürlich schon „far out“ ist, was seine Schlussfolgerung angeht, dass die Opfer des Vampirautos selbst zu Untoten werden. Damit befindet sich der gute Mann dann auch wohl auf einem amtlichen Holzweg. Obwohl… da *ist* die Sache mit dem erdgefüllten Sarg Luises…). Das ist aber nur die oberflächliche Ebene des Scripts – es ist nicht einmal „echter“ Subtext, wird vielmehr von einigen Charakteren explizit so angesprochen, dass es hier nicht nur um ein spezielles Auto, das sich im Wortsinne von Blut ernährt, geht, sondern um das gesamte *Konzept* des Automobilismus und des modernen Straßenverkehrs, das wie ein metaphorischer Vampir über der Gesellschaft liegt, ein Vampir, dem „wir“ uns freiwillig hingegeben und dem wir vieles, wenn nicht alles unterordnen. DER AUTOVAMPIR ist dabei wenig subtil – es wird darüber diskutiert, dass Fußgänger die natürlichen Feinde des Autofahrers sind, die Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr thematisiert (wenn z.B. eine alte Frau beim Versuch, eine Straße zu überqueren, in Panik verfällt – und schlussendlich „aus Angst“ stirbt, ohne dass es einen der sie umwuselnden Autofahrer tangiert), und in manchen Szenen scheinbar direkt aus Godards apokaylptischem Verkehrs-Horror WEEK END zitiert. Das beginnt schon bei der Eröffnungsszene des Sani-Einsatzes, wenn Marek vergeblich versucht, die im Stau an der Unfallstelle stehenden Verkehrsteilnehmer dazu zu bewegen, ihre Blechblasen zurückzusetzen, damit der Krankenwagen im Einsatz durchfahren kann, und später im Finale, als Mareks kleiner Fiat, wieder im Stau stehend, von Lkw-Fahrern ohne ersichtlichen Grund zermanscht wird, nur, weil die drei Meter, die der Kleinwagen in Anspruch nimmt, drei Meter sind, die der hinter ihm stehende Brummifahrer gerne weiter nach vorne fahren würde. Sagen wir’s mal so – der ADAC ist sicher nicht der größte Fan der unzweifelhaften Aussage des Films, dass der Straßenverkehr, sowohl was seine gesellschaftliche Dominanz an und für sich als auch die praktische Umsetzung hinterm Lenkrad angeht, in seine Schranken verwiesen werden muss. Als dritte Ebene bietet DER AUTOVAMPIR, quasi direkt aus seiner ersten und indirekt auch aus seiner zweiten Ebene folgend, sich als Metapher für Abhängigheit und Sucht aus. Der Fahrer des Ferat wird vom Auto, wie wir wissen, ausgesaugt und natürlich macht sich das mit einem gewissen körperlichen Verfall auch bemerkbar, aber – wie Kaplan schon bei Darlegung seiner Vampir-Theorie ausführt -, wie das Opfer des Vampirs fühlt er das Gier, das Verlangen wieder und immer wieder in den Wagen einzusteigen, wohl wissend, dass es letztlich sein Tod sein wird (auch wenn dem Opfer der direkte Zusammenhang nicht klar ist). Und in gewisser Weise folgt aus dieser Attraktivität der Droge, die in diesem Fall zwar Speed heißt, aber heute mal im Wortsinn der Rausch der Geschwindigkeit gemeint ist, die vierte Ebene, und das ist dann diejenige, die ein bisschen verständlich macht, warum sich gerade sozialistisches Kino auf diesen Stoff kaprizierte – es ist natürlich auch eine Watsch’n für den Kapitalismus. Ferat ist unzweifelhaft eine westliche Firma (die auch sinnvollerweise gar nicht vor hat, den Wagen in Osteuropa zu vertreiben, sondern die hiesige Rallye nur als ein praktisches Schaufenster erachtet) und nach allem, was der Film uns verrät, hat dieses Unternehmen keine wirklich „bösen“ Motive – es geht nicht um Erringung der Weltherrschaft, nicht darum, Vampire heranzuzüchten oder dem Satan Seelen zuzuführen, es geht Ferat einzig und allein um Kohle, Zaster, Mäuse, Moneten. Und um ihr neues Modell zu einem Verkaufsschlager zu machen, ist Ferat jedes Mittel Recht. So kann Madame Ferat aus ihrer Sicht guten Gewissens Marek mit der Erstellung seines Gutachtens beauftragen, denn das Ergebnis dieser Untersuchung – die reine Wahrheit, wie sie Marek ja versichert hat, soll er schreiben – ist ihr einerlei. Wenn Mareks Expertise Ferat exkulpiert, wäre eh alles roger, aber würde er tatsächlich verkünden, dass der Ferat Vampir RSR seine Fahrer aussaugt und tötet, wäre das sogar noch besser! Madame Ferat weiß, dass ihr ein Auto, dass seine Fahrer umbringt, wie geschnitten Brot aus den Händen gerissen würde, weil jeder Autonarr es lieben würde, dieses Ding selbst zu fahren (man muss da nicht weit denken, um bei ganz herkömmlichen Sportwagen, die mit 800 PS auf die Straße losgelassen werden und gerne von Leuten gekauft werden, denen absolut die Fähigkeiten, mit einem solchen Fahrzeug sicher umzugehen, als quasi legitim erhältlichen Selbstmordmaschinen zu landen) – unbezahlbare Publicity (wenn man denn davon ausgehen würde, irgendeine Zulassungsbehörde würde den Ferat, einen entsprechenden Bericht Mareks vorausgesetzt, eine Straßenzulassung erteilen. Aber gut, gewisse künstlerische Freiheit sei auch dem Osten zugestanden). Das hat allerdings auch den einzigen Flaw des Scripts zur Folge – wenn es doch eigentlich absolut in Ferets Sinne ist, dass Marek früher oder später (zugegeben, vermutlich eher später in Form von „nach der Rallye“) die Wahrheit enthüllt, warum werden Mareks Versuche auch nach der offiziellen Erlaubnis, die Karre zu untersuchen, vom Team blockiert (der Film versucht sich zwar an einer halbseidenen Erklärung, dass das Rallye-Team über die höchstmadameliche Genehmigung nicht unterrichtet wurde, aber das macht trotzdem nicht wirklich völlig Sinn)? Zu bemerken ist sicher auch, dass die Fetischierung des Autos durch die „Dienstklamotten“, die Ferats Angestellte tragen, noch einmal gesondert unterstrichen wird – damit macht man auch im Dungeon eine gute Figur…

Marek als point-of-view-Charakter funktioniert dabei außerordentlich gut – er ist skeptisch genug, um zu ahnen, dass Ferat irgendetwas zu verbergen hat, nimmt aber auch Kaplans Theorie nicht nur soweit ernst, wie es zu seinen eigenen Beobachtungen und Vermutungen passt, und ist dabei auch ein Protagonist, der nicht dem typischen cookie-cutter-Helden eines westlichen Films entspricht (das ist ja generell ein Vorzug des sozialistischen Kinos, das eben gerne mal „normale“ Menschen in den Mittelpunkt stellt, die nicht den üblichen Klischees entsprechen). Man könnte aus der Sicht des Konsumenten, der mit westlicher Genre-Ware sozialisiert wurde, vielleicht kritteln, dass man da und dort Mima stärker als einen aktiven Charakter in die Handlung einbauen hätte können, zumindest bis zur Rallye, und damit etwas zu verdeutlichen, dass und wie sie in die Sucht nach dem Ferat gezogen wird (und warum sie plötzlich anbietet, Marek *nach* der Rallye zu helfen) – und auch die angedeutete Liebesbeziehung zwischen ihr und Marek stärker zu thematisieren -, aber es ist irgendwie gerade das Angenehme an der Ostblock-Filmschule, dass solche vermeintlich auf der Hand liegenden plot beats nicht auf der Strecke bleiben, aber nur randständig interessieren.

DER AUTOVAMPIR pflegt insgesamt eine sachliche Herangehensweise – es gibt zwar tatsächlich eine ziemliche eklige Gore-Szene, allerdings „nur“ in einer Albtraumsequenz -, gelebter sozialistischer Realismus. Geschickt eingesetzt ist das ein exzellentes Stilmittel, um eine in sich erst mal einigermaßen absurde Geschichte glaubhaft zu machen. Wenn Charaktere, die uns als rationale Menschen vorgestellt werden, die ihren Kopf richtig rum angeschraubt haben, und die mit vernünftigem, gesunden Menschenverstand an die Sache herangehen, anfangen, eine Situation wie die hier geschilderte zu akzeptieren, fällt es auch dem Zuschauer leichter (näheres zu dem Thema findet sich einmal mehr bei Stephen King in DANSE MACABRE, dort in der Abhandlung zu Darren McGavin als Kolchak in THE NIGHT STALKER). DER AUTOVAMPIR kommt daher, mit Ausnahme der erwähnten Traumszene, ohne plakative Effekte aus, selbst die einzige wirklich gravierend blutige Szene resultiert „nur“ daraus, dass Clara und Marek beim Liebesspiel die Blutkonserven zerdeppern. Herz inszeniert den Film vergleichsweise trocken und nüchtern – das mag man als „wenig kinematisch“ einstufen und in der Tat gibt’s keinen echten Grund, warum DER AUTOVAMPIR nicht 1:1 so auch als Fernsehfilm hätte gedreht werden können, aber das macht nichts, das ist tatsächlich die rare Sorte Film, die vielleicht sogar besser funktioniert, weil sie zurückgenommen, in einem bedachten Tempo erzählt wird – Hollywood würde da heute eine Horror-Version von FAST & FURIOUS draus machen, und davor sollte man schon prophylaktisch Angst haben. Es ist keine fehlerlose Inszenierung – an einigen Stellen ist der Schnitt etwas merkwürdig und knarzt und kracht es in der Continuity, und es gibt Szenen, deren Sinn wir im Nachhinein doch arg hinterfragen (z.B. Kaplans Vorführung eines Stummfilm-Vampirfilms oder den Ausflug in die Klapsmühle), aber all in all rollt der Streifen (pun sorta intended) fein vor sich hin. Dass die am Rande der Skoda-Rallye 1981 gedrehten Rennaufnahmen im Schlussakt nicht soooo aufregend sind (und wir z.B. die Unfälle nicht sehen dürfen), ist zu verschmerzen. Beeindruckend ist auch die Konsequenz des Finales, das – auch hier, ohne sich in Oberflächlichkeiten zu ergehen oder einen klassischen Gut-gegen-Böse-Showdown aufzubauen – alles andere als „happy“ ist, aber irgendwie auch nicht anders sein könnte.

Der Film wird von einem ausgezeichneten, nicht aufdringlichen, aber stets die jeweilige Stimmung unterstützenden Score von Petr Hapka (FERIEN IN DER STEINZEIT, HILFE, ICH BIN KEIN MÖRDER) begleitet. Für Freunde der nackten Tatsachen schälen sich sowohl Dagmar Havlova als auch Jana Brezkova aus ihren Klamotten, was ihnen nicht zur Schande gereicht.

Die Schauspielkunst ist über jeden Zweifel erhaben. Jiri Menzel ist als Dr. Marek exzellent, Jana Brezkova als Clara angemessen undurchschaubar und auch wenn Dagmar Havlova als Mima dadurch, dass ihre Figur über weite Strecken außerhalb der sichtbaren Handlung agiert, nicht wahnsinnig viel zu tun hat, macht sie ihre Sache gut. Highlight ist für mich aber Jan Schmid als der überenthusiastische Dr. Kaplan.

Die DVD von Ostalgica bringt den Film in 4:3-Vollbild. Die Bildqualität ist nicht überragend und dürfte in etwa einer zeitgenössischen TV-Ausstrahlung entsprechend. Aber dass ein knapp vierzig Jahre alter tschechischer Film nicht in einem 4K-HD-Transfer vorliegt, sollte auch niemanden gesteigert überraschen. Der Ton ist adäquat, wobei zwei deutsche Synchronfassungen (ich tippe auf DEFA und ZDF) sowie tschechischer O-Ton zur Verfügung stehen (englische Untertitel gibt’s auch), und als kleines Extra gibt’s neben einer Fotogalerie noch eine kurze 2,5-Minuten-Detailbesichtigung des leibhaftigen, offenbar bei Skoda (denn um einen Skoda handelt es sich grundsätzlich) im Museum stehenden Ferat Vampire RSR.

DER AUTOVAMPIR ist vielleicht als Film nicht so rasant wie sein titelgebendes Gefährt, aber ohne Zweifel ein ausgezeichnetes Stück Genre-Kino aus dem Ostblock – spannend und straff inszeniert, ost-erwartungsgemäß gut gespielt und, das ist vielleicht das entscheidende Element, eine wirklich originelle, eigenwillige und auf mehreren Ebenen relevante Horrorvision. Daumen enthusiastisch nach oben!

© 2020 Dr. Acula

Rezensionsexemplar freundlicherweise zur Verfügung gestellt von OSTALGICA


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 7


mm
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Diamond Bentley
Editor
Diamond Bentley
6. April 2020 20:37

Schließlich beißt hier niemand einem Auto in den Tank und schlürft den Sprit raus.

verschenktes Potenzial!