Dead of Night


  • Deutscher Titel: Traum ohne Ende
  • Original-Titel: Dead of Night
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  • Regie: Alberto Cavalcanti, Charles Crichton, Basil Dearden, Robert Hamer
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 1945
  • Darsteller:

    Mervyn Johns (Walter Craig), Roland Culver (Elliot Foley), Mary Merrall (Mrs. Foley), Googie Withers (Joan Cortland), Frederick Valk (Dr. van Straaten), Anthony Baird (Hugh Grainger), Sally Anne Howes (Sally O'Hara), Judy Kelly (Joyce Grainger), Ralph Michael (Peter Cortland), Basil Radford (George Paratt), Naunton Wayne (Larry Potter), Michael Redgrave (Maxwell Frere), Hartley Power (Sylvester Kee), Elisabeth Welch (Beulah)


Vorwort:

Der Architekt Walter Craig fährt zwecks Erkundung eines potentiellen Umbauauftrags zum Farmhaus von Elliot Foley. Schon auf dem Weg ist Craig ein wenig unspezifisch beunruhigt, aber als er die traute Hütte betritt, trifft ihn beinahe stantepete der Schlag – das Haus, die Zimmer, seine Gastgeber, Foley und seine ältliche Mum, sogar die anderen zufällig anwesenden Gäste, alles kommt Craig verdächtig bekannt vor, und nach ein paar Minuten baffen Staunens fällt beim Architekten auch der Penny. Von der ganzen Baggage und dem Farmhaus hat er schon regelmäßig geträumt, dies aber leider in eher albtraumhaften Zusammenhang. Begreiflicherweise ist Craig ob des deja-vu ordentlich vor den Kopf gestoßen, aber zum Glück ist unter den Gästen auch der professionelle Klatschenkurierer sprich Psychiater Dr. van Straaten, und der versucht Craig zu verklickern, dass es für alles, mithin auch seine vermeintliche Präkognition, höchst wissenschaftliche Erklärungen gäbe. So könnte er z.B. die versammelten Herrschaften von Zeitungsfotos her in seinem Unterbewusstsein abgespeichert haben, und tatsächlich war jeder der Anwesenden tatsächlich schon mal in der Zeitung abgebildet (zum Glück gibt’s in England nur eine Zeitung, ne). Craig ist aber überzeugt davon, dass ihm hier Böses droht, nur leider weiß er nicht was, weil die Erinnerung an seinen Traum ziemlich vage ist. Aber es reicht, um ein paar kleine Vorhersagen zu treffen, von der die erste, das Erscheinen einer bargeldlosen Brünetten, sich prompt einstellt. Alles kein Beweis, blafft van Straaten, kann ja schließlich auch alles ein abgekartetes Spiel sein.

Überraschenderweise schlägt sich die restliche Belegschaft auf Craigs Seite und egal, was bislang als Abendunterhaltung eingeplant war, verlagert sich die Konversation auf das Spezialgebiet „übernatürliche Begegnungen“, und wie sich herausstellt, haben einige der Anwesenden diesbezüglich mehr oder weniger spannende Geschichten beizutragen...

Zum Beispiel der Berufsrennfahrer Hugh Grainger. Der landet nach einem üblen Crash im Krankenhaus und tut sich zunächst recht schwer mit der Rekonvaleszenz, obwohl seine Verletzungen weniger schlimm sind als zunächst befürchtet. Immerhin – es reicht dafür, mit der hübschen Krankenschwester Joyce zu flirten, aber eines schönen Abends bleibt plötzlich seine Uhr stehen, das Radio geht aus und etwas zieht den Patienten zum Fenster. Zu seiner Bestürzung ist draußen nicht etwas die erwartete finstere Nacht, sondern heller Morgen – und vor seinem Fenster steht ein Leichenwagen, dessen Kutscher einladend winkt: „Platz für noch eine Person!“ Kaum ist die Vision vorbei, spielt das Radio wieder und auch die Uhr tickt erneut. Der behandelnde Arzt schiebt die Erscheinung auf das unterbewusst noch nicht vollständig verarbeitete Nahtod-Erlebnis und empfiehlt Hugh, sich keinen gesteigerten Kopf deswegen zu machen. Und schon wenig später wird Hugh als geheilt entlassen. Weil das berufsmäßige im-Kreis-fahren offenbar schlechter bezahlt wird als man denkt, plant Hugh, den Bus zu nehmen, doch als der Schaffner, der dem Leichenkutscher aufs Haar gleicht, Hugh mit „Platz für noch eine Person“ zum Einsteigen bittet, überlegt er es sich rasch anders...

Die Story ist natürlich nicht dazu angetan, van Straaten von der Existenz paranormaler Vorgänge zu überzeugen, vielleicht aber die Geschichte, die Backfisch Sally zum Besten geben kann.

Sie ist zu als älterer Chaperone zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Die versammelten Kids entscheiden sich zum Zeitvertreib für eine Variante des guten alten Versteckspiels, „Sardinen“ genannt, ob des Gimmicks, dass jemand, der die versteckte Person findet, sich zu dieser ins Versteck bequemen muss, bis man eben sprichwörtlich wie die Sardinen in der Dose gestapelt wird. Jimmy, ein weiterer Chaperone, nutzt die Entdeckung der versteckten Sally, um auszuloten, ob er ihr an die Wäsche gehen kann, begnügt sich aber dann damit, dem Mädchen die lokale Spukhauslegende vors Knie zu nageln – 1860 nämlich habe hier ein Mädchen aus unerfindlichen Gründen ihrem kleinen Bruder die Gurgel durchschnitten, was allgemein als eher unhöflich betrachtet wird. Und seitdem soll's hier spuken, auch wenn in letzter Zeit niemand geisterhafte Apparationen gesehen hat. Jimmy geht Sally allerdings rasch auf den Senkel, weswegen sie sich abseilt und eine Geheimtür entdeckt. Hinter jener findet sich ein Kinderzimmer, und sein Bewohner, ein heulender kleiner Junge namens Francis, ist auch da. Sally lässt sich dazu herab, den Kleinen zu trösten, und davon ist Francis ehrlich begeistert, wo doch seine eigene große Schwester immer so böse und gemein zu ihm ist...

Auch das ist nach van Straatens Ansicht nicht gerade ein umwerfender Beweis für die Existenz übernatürlicher Spektren. Aber vielleicht überzeugt ihn ja die Geschichte von Joan Cortland.

Joan beabsichtigt in bäldigster Bälde mit ihrem Herzensschönen Peter Cortland vor den Traualtar zu treten. Wenn's darum geht, die gemeinschaftlich verdienten Pfunde für Geschenke auszugeben, scheint's kein Limit zu geben, denn Joan schleppt für Peter einen fetten antiken Spiegel an. Das Geschenk wird wohlwollend aufgenommen, aber schon nach kurzer Zeit beginnt Peter beunruhigende Beobachtungen zu machen. Wenn er in den Spiegel sieht, sieht er in der Reflektion nicht etwa die heimische Schlafstube, sondern ein altmodisch-viktorianisch eingerichtetes Gemach. That's rather strange, indeed. Anfänglich halten diese Visionen nur für Sekunden an, doch Peter muss rasch feststellen, dass es ihm immer schwerer fällt, sie „auszublenden“ und in die Realität zurückzufinden. Das macht den guten Mann zum Nervenbündel – also, zu einem noch größerem Nervenbündel als ein Bräutigam kurz vor Ultimo von Haus aus ist. Nach einer Weile fällt Peters verändertes Verhalten auch Sally auf, so dass er ihr die unheimlichen Geschehnisse gesteht. Natürlich ist der Spiegel für Joan nichts anderes als ein gewöhnlicher Spiegel, aber auf jeden Fall glaubt sie, dass er Peter auf ungute Weise beeinflusst. Mit vereinten Kräften gelingt es dem Paar, den Fluch vermeintlich zu brechen – der Heirat steht nichts im Wege. Im neuen Heim findet auch der Spiegel wieder seinen Platz; nachdem Peter seine Angst davor verloren hat, scheint es keinen Grund zu geben, das Ding einzumotten. Doch nach einiger Zeit beginnt der Spiegel erneut, Einfluss auf Peter zu nehmen und dieses Mal wird die Verwandlung deutlich drastischer und gefährlicher...

Nach dieser Schauermär sieht sich Elliot Foley gezwungen, die Versammlung durch eine etwas, hihi, heiterere Geschichte aufzulockern. Er kannte nämlich mal einen von einem Geist verfolgten Golfer. Die Golfrivalen Parratt und Potter verkucken sich unglücklicherweise in das gleiche Mädchen, und da die Angebetete Mary ihrerseits auch keinem der Herren den Vorzug geben mag, verfällt man auf den Gedanken, das sportliche Können entscheiden zu lassen. Der Sieger einer 18-Runden-Golfpartie bekommt Mary, der Verlierer verpisst sich. Das hart umkämpfte Match wird erst am letzten Loch entschieden und zwar, indem Parratt beherzt schummelt. Potter vermutet zwar Foulspiel, aber da Parratt auf seine Sportlerehre schwört, trägt's Potter mit Fassung und geht an Ort und Stelle ins Wasser. Blubb. Nun steht einer glücklichen Ehe eigentlich nichts mehr im Wege, doch Potter erscheint seinem Bezwinger nunmehr als Geist, um ihn zu nerven. Da sich das auf Dauer als eher hinderlich im Alltag erweist, lässt der gestresste Parratt sich auf einen Deal ein – Potter wird ins Jenseits verschwinden, wenn Parratt Mary ziehen lässt. Hand drauf, doch ein Haken stellt sich ein: Potter hat die Formel vergessen, mit der er sich dematerialiseren kann und bis sie ihm wieder einfällt, kann er sich nicht weiter als zwei Meter von Parratt entfernen...

Unglückseligerweise lässt die Erzählung dieser Geschichte eine Vorhersage Craigs wahr werden (Elliott würde ihm vom Tod eines Menschen, den Craig nicht kennt, erzählen), was den armen Craig natürlich endgültig davon überzeugt, dass auf ihn ein garstiges Schicksal zukommen wird. Van Straaten versucht Craig vom Gegenteil zu überzeugen, erzählt aber auch die Geschichte vom einzigen Fall, an dem er an der Schulwissenschaft zweifelte...

Van Straaten wird als psychologischer Experte vom Verteidiger des des Mordversuchs angeklagten Bauchredners Maxwell Frere hinzugezogen. Frere erweist sich als harte Nuss und weigert sich, ohne seine Puppe irgendwelche Aussagen zu machen. Mit Hilfe der Aussage des Opfers Sylvester Kee gelingt es van Straaten allerdings, den Fall zu rekonstruieren.
Kee trifft seinen Berufskollegen Frere erstmals in Paris, wo letzterer mit seiner Puppe Hugo Fitch große Erfolge feiert. Wie bei jeder guten Bauchrednernummer scheint Hugo ein gewisses Eigenleben zu haben und Witze zu plappern, die seinem Herrn und Meister eigentlich nicht recht sind, aber bei Hugo geht die Sache deutlich weiter. Als Hugo Kee als Freres Kollegen identifiziert, schlägt die Puppe ihm vor, Maxwell zu ditchen und in Zukunft gemeinsame Sache zu machen. Kee hält das für eine extrem gute Nummer und sucht auf Hugos Einladung nach der Show die Star-Garderobe auf, wo Hugo das Angebot wiederholt. Maxwell ist überhaupt nicht begeistert und schmeißt Kee halbwegs höflich raus.

Einige Zeit später kreuzen sich die Wege der Bauchredner in London erneut – auch dort hat Maxwell zunächst abgeräumt, aber inzwischen seinen Gig geschmissen, weil er Hugo nicht mehr im Griff hat. Als Kee das Duo trifft, ist Maxwell dabei, sich ordentlich einen vor die Lampe zu gießen. Grund genug für Hugo, erneut auf das Angebot zurückzukommen. In der Nacht stürmt Maxwell Kees Zimmer und beschuldigt ihn der Puppen-Entführung. Kee weiß natürlich von nichts, doch was bzw. wen entdeckt Maxwell unter ein paar Laken und Kissen?

Zurück im Farmhaus – dort will van Straaten Craig ernstlich mit einer Impromptu-Analyse-Sitzung helfen. Die führt auch zu einem gewissen Erfolg, nur zu keinem, auf dem sich der Psychofritze sich auch nur kurzfristig etwas einbilden kann...

Inhalt:

„Dead of Night“ gilt im Allgemeinen als einer der großen Gruselklassiker und Großvater des irgendwie typisch britischen Subgenres des Anthologiehorrors, den Amicus in den 70ern zur Meisterschaft entwickeln sollte. Vier Regisseure wurden zusammengespannt, um dem Publikum das Fürchten beizubringen – recht ungewöhnlich für 1945, als der Zweite Weltkrieg mit seinen höchst realen Schrecken gerade erst die Tore geschlossen hatte und man davon ausgehen konnte, dass das breite Publikum noch nicht unbedingt in der Stimmung dafür war, sich nun wieder von der Leinwand aus begruseln zu lassen. Trotzdem wollten es die Ealing Studios, eigentlich bekannt für leichtgewichtige Unterhaltung ohne großen Tiefgang, es wissen; es blieb allerdings die einzige Horror-Produktion des Studios, obwohl der Streifen ein überraschend großer Publikumserfolg war und auch von der Kritik, damals wie heute, wohlwollend aufgenommen wurde (ein Schicksal, das Horrorfilmen ja besonders in dieser Zeit verhältnismäßig selten widerfuhr).

Nun sind mir persönlich Genrefilme, die von der seriösen Filmkritik positiv bewertet werden, grundsätzlich ziemlich suspekt, sind der elitäre Elfenbeinturmbewohner und der Bier-und-Brezel-Horrorfan ja deutlich heterogen, will sagen, was dem einen sein persönlicher Lottogewinn ist des anderen verstopfte Kloschüssel. Grund genug für mich, dem Unternehmen mit 74 Jahren Verspätung doch mal auf den Zahn zu fühlen.

Stellen wir doch zuerst mal das Regiequartett vor. Basil Dearden befand sich noch relativ am Beginn seiner Karriere, er hatte in den frühen 40ern den Sprung vom Theaterregisseur zum Film vollzogen, seine Beteiligung an „Dead of Night“ war seine erste bedeutende Produktion. Nachdem er in den 50er Jahren Spezialist für sozial relevante und „absonderliche“ Themen wie Homosexualität war, erfand er sich in den 60ern als Thriller- und Action-Director neu und inszenierte u.a. „Die Strohpuppe“, „Agenten lassen bitten“ oder „Khartoum - Aufstand im Nil“. Kurz nach Fertigstellung des Roger-Moore-Thrillers „Ein Mann jagt sich selbst“ (und der Regie bei drei Folgen von „Die 2“) kam Dearden 1971 bei einem Autounfall ums Leben.

Robert Hamer feierte hier sein kreditiertes Regiedebüt. 1949 inszenierte er die klassische britische Comedy „Adel verpflichtet“, 1954 feierte er Erfolge mit „Die seltsamen Wege des Pater Brown“, aber auch „Nach Paris, der Liebe wegen“ oder „Der Meisterdieb von Paris“ könnten Freunden des klassischen Kintopps bekannt sein. Er verstarb 1963 im Alter von nur 52 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.

Auch Charles Crichton, der als Editor bei Alexander Korda angefangen hatte, konnte mit „Dead of Night“ zu seinem ersten „großen“ Film beitragen. Sein größter Kino-Coup hätte „Der Gefangene von Alcatraz“ werden können, aber da stieg er nach wenigen Tagen Drehzeit aus und ließ John Frankenheimer übernehmen. Crichton verlegte Mitte der 60er auf Fernseharbeiten, u.a. für „Der Mann mit dem Koffer“, „Mit Schirm, Charme und Melone“, „Black Beauty“, „Spezialauftrag“ oder „Mondbasis Alpha 1“. Eine überraschend und sensationell erfolgreiche Rückkehr ins Kino erlebte er 1988 mit „Ein Fisch namens Wanda“.

Zugpferd unter den Regisseuren war der Brasilianer Alberto Cavalcanti, der seit den 20er Jahren in Frankreich arbeitete und zwischen experimentiellen Dokumentationen und konventionellen Spielfilmen pendelte. 1934 wechselte er zu den Ealing Studios, um deren Dokumentations-Abteilung zu leiten, drehte aber auch Musicals und Thriller wie den Propaganda-Reißer „Went the Day Well?“. Nach „Dead of Night“ hatte er einen großen Erfolg mit der Dickens-Adaption „Nicholas Nickleby“. In den 50ern kehrte er für einige Jahre in seine brasilianische Heimat zurück, ehe das politische Klima für einen liberalen Freigeist ungemütlich wurde und er sich Frankreich umsiedelte, einige Fernsehfilme drehte, aber z.B. auch in Deutschland die Brecht-Adaption „Herr Puntila und sein Knecht Matti“.

Das Drehbuch verfassten Newcomer John Baines (der auch das Original der „blauen Lagune“ schrieb) und Routinier Angus MacPhail („Ich kämpfe um dich“, „The Ghost Train“, „The Frightened Lady“), zum Teil nach literarischen Vorlagen von E.F. Benson und H.G. Wells. Die Qualität der Geschichten ist dabei höchst unterschiedlich...

„Hearse Driver“, die Geschichte vom Rennfahrer und der Todeswarnung, ist, da sind wir uns sicher einig, nicht mehr als ein morbider gespielter Witz – im Endeffekt sieht das auch der Film so und gönnt der Geschichte gerade mal sieben, acht Minuten Spielzeit. Es gibt schließlich auch kein echtes „Drama“ in der Story. Grainger hat seinen Unfall, dann seine Vision im Krankenhaus und sieht dann den ominösen Fahrer wieder als Buskondukteur. Daraus kann man beim besten Willen nicht viel stricken, und so belassen wir es dabei, dass die Geschichte einen überraschend guten Modelltrick aufweist. Mehr aber auch nicht. Regisseur Basis Dearden traut der Story erkennbar auch nicht über den Weg und schneidet mitten in der Geschichte – im Film der einzige Fall – zurück zur Abendgesellschaft, um sie kurz über das bisher Berichtete beraten zu lassen (da Dearden auch das framing device inszenierte, hatte er allerdings auch als einziger Regisseur die dramaturgische Möglichkeit dazu).

„Christmas Story“ von Cavalcanti (Originalstory von MacPhail) ist auch nicht sehr gehaltvoll, fällt aber zumindest formal aus dem Rahmen, da die Geschichte durch das Szenario einer Geburtstagsfeier mit fantasievollen Kostümen für die Kids wuchern kann. Was aber effektiv erzählt wird, ist eine sehr „grundsätzliche“ und durchschaubare Gespenstergeschichte, die mit den besten Vertretern des großen Fundus klassischer britischer Schauer- und Geistergeschichten von Henry James oder M.R. James keine Sekunde lang mithalten kann. Selbst 1945 musste die „Enthüllung“, dass sich Sally mit dem Geist des ermordeten kleinen Jungen unterhalten hat, niemanden überrascht haben.

Etwas substantieller wird’s mit „The Haunted Mirror“, einer Originalgeschichte von John Baines. Natürlich zieht auch die Story um den Spiegel mit der mörderischen Vergangenheit, der Besitz vom armen Mr. Cortland ergreift, die Wurst nicht gerade exzessiv vom Teller, aber Robert Hamer baut die Sache zumindest ordentlich auf, eskaliert das Szenario behutsam, aber stetig und setzt nach der vermeintlichen Lösung „love conquers all“ mit dem zweiten Akt der Geschichte noch mal einen drauf und baut erstmals im Film ein echtes Gefühl von Bedrohung und Gefahr auf. Technisch ist das alles sicher ziemlich simpel gelöst, aber die Idee vom Spiegel, der „in einen anderen Raum blickt“, ist ein (sicher auch nicht hochtrabend innovatives) brauchbares unheimliches Konzept, und Ralph Michael in der Hauptrolle bekommt Cortlands schleichendes Abgleiten in den Wahnsinn auch gut und verhältnismäßig subtil (wir reden hier immer noch von einem Film von 1945) hin.

Mit der „Golfing Story“, basierend auf einer Kurzgeschichte von H.G. Wells, die aber von Baines und/oder MacPhail deutlich ausgebaut wurde - Wells beendet die Geschichte mit dem Ende des verhängnisvollen Golfspiels, der ganze übernatürliche Hokuspokus hat mit Wells, der ja auch eher zu den humorlosen Vertretern seiner Zunft gehörte (mich würde nicht mal wundern, wenn die humoristische Aufarbeitung seiner Story ihn ins Grab gebracht hätte, er verstarb ein knappes Jahr nach dem Erscheinen von „Dead of Night“), nichts zu tun. In erster Linie ist die Story natürlich der „comic relief“ in einer ansonsten todernsten Angelegenheit und eine willkommene Ausrede, mit Basil Radford und Naunton Wayne ein (zugegeben gut aufeinander abgestimmtes) Komikerduo auf die Leinwand zu bringen, das dem Publikum aus Hitchcocks „Eine Dame verschwindet“ bereits gut bekannt war. „Unheimlich“ ist an der Story natürlich nichs, aber der Humor funktioniert immer noch einigermaßen, und die Schlusspointe ist einigermaßen einfallsreich (Charles Crichton hatte, wie sich vier Jahrzehnte später mit „Wanda“ ja noch spät bestätigen sollte, ein gutes Händchen für Comedy).

Wenn man sich heute aber wohlwollend an „Dead of Night“ erinnert, dann sicher wegen der fünften Episode, „The Ventriloquist's Dummy“, die mit einer guten halben Stunde auch den meisten Platz eingeräumt bekommt. Waren bis dahin im Film die meisten Geschichten für ihre magere Substanz eher zu breit ausgewalzt, ist „Dummy“ eine Episode, bei der man sich wünscht, sie würde mehr Zeit erhalten, um ihre Story breiter, epischer erzählen zu können. So springt die Geschichte von der ersten Begegnung der beiden rivalisierenden Bauchredner praktisch direkt zum Showdown, was viele Möglichkeiten, Freres Verfall deutlicher, zwingender herauszuarbeiten, verschenkt (dafür muss man dann wohl doch Anthony Hopkins in „Magic“ ansehen, der über dreißig Jahre später das Konzept der Bauchrednerpuppe, die ihren Herrn und Gebieter „übernimmt“, auf abendfüllendes Format brachte). Nichtsdestotrotz ist „Dummy“ fraglos die beste Episode, mit der Cavalcanti beweist, dass er allemal auch „spannend“ und „unheimlich“ kann, was seiner „Christmas Story“ doch deutlich abging. Der spätere Sir Michael Redgrave und Hartley Power sind exzellent als die beiden Bauchredner, wobei Redgrave natürlich die Hauptlast zu tragen hat, aber trotz der gerafften Laufzeit überzeugend in der Rolle des von seiner Puppe manipulierten Frere ist (und auch das ziemlich subtil hinbekommt, von den leisen Andeutungen der Unzufriedenheit, wenn Hugo mal wieder etwas sagt, was er nicht soll, bis hin zum totalen Wahnsinn). Und es ist nun mal so – Bauchrednerpuppen sind inhärent unheimlich, da macht Hugo keine Ausnahme...

Die Rahmenhandlung selbst ist nicht weiter der Rede wert, die Auflösung von Craigs rätselhaften Vorahnungen keine Offenbarung des kreativen Storytellers, naja, und den Schlusstwist spoilert bereits der deutsche Verleihtitel, dessen Erfinder sich noch postmortal Schimpf und Schande ausgesetzt sehen soll.

Ein ziemlich interessanter Fakt ist, dass „Dead of Night“ sicher einer der ersten Horrorfilme ist, der sich explizit mit den psychologischen bzw. psychoanalytischen Komponenten der Begegnung mit dem vermeintlich „Übernatürlichen“ auseinandersetzt. Personifiziert in Dr. van Straaten wird praktisch alles angerissen, was als psychologische Erklärung für paranormale Phänomene in Frage kommt. Das ist natürlich schon deswegen faszinierend, weil die Psychoanalyse 1945 immer noch eine relativ junge (und nicht unumstrittene) Wissenschaft war und (mit Ausnahme der Golfer-Geschichte, die ja mehr oder minder nur zur Entspannung vor der großen Bauchrednerstoy dient) in der Tat nach dem Stand der Wissenschaft akkurate Antworten liefert. Ich nehme an, dass dieser psychoanalytische Ansatz auf dem Mist von Angus MacPhail gewachsen ist, der ja auch das Script für Hitchcocks unmittelbar nach „Dead of Night“ erschienenen Thriller „Ich kämpfe um Dich“ schrieb, bei dem Psychoanalyse ja ebenfalls der zentrale Aufhänger des Plots war – da hatte jemand wohl ein Steckenpferdthema und ordentlich dazu recherchiert...

Filmisch ist „Dead of Night“ in der Rückschau natürlich ziemlich unspektakulär – immerhin, mit Ausnahme von Cavalcantis „Christmas Story“ ist der Look trotz der vier Regisseure durchaus einheitlich. Die eingesetzten inszenatorischen Mittel sind relativ simpel, die meisten Geschichten kommen ohne Spezialeffekte aus – bis auf den erwähnten kompetenten Modelltrick in der ersten Geschichte und ein paar Zeichentrick-Effekte in der Golf-Geschichte (als Potter seinen Rivalen bei einem Match als Geist foppt) gibt es keine Kabinettstückchen, das ist alles sehr bodenständig und einfach gehalten.

Etwas störend ist die gelegentlich sehr aufdringliche Score von George Auric („Lohn der Angst“, „Der Glöckner von Notre Dame“, „Lieben Sie Brahms?“), der auch öfter als nicht die Stimmung der jeweiligen Szene deutlich verfehlt.

Die schauspielerischen Leistungen sind schwankend – manche Akteure grenzen hart am Chargieren (so Mervyn Johns [„Eine Weihnachtsgechichte“, „Blumen des Schreckens“] als Craig oder Sally Anne Howes ([„Tschitti Tschitti Bäng Bäng“, „Brigadoon“] als Sally), andere durchaus überzeugend (wie Googie Withers [„Eine Dame verschwindet“] und Ralph Michael [„Khartoum – Aufstand am Nil“] als geplagtes Ehepaar in der Spiegel-Episode). Michael Redgrave („Eine Dame verschwindet“, „Trauer muss Elektra tragen“) und Hartley Power („Ein Herz und eine Krone“) tragen gekonnt die Bauchredner-Geschichte. Bemerkenswert ist der Auftritt von Elisabeth Welch („Song of Freedom“) in der Bauchredner-Story – die Darstellung einer Schwarzen als erfolgreicher Geschäftsfrau war für 1945 schon sehr progressiv (man hätte ihr aber nicht unbedingt noch einen Song ins Script schreiben müssen. Nicht, dass sie das nicht kann, aber es reißt aus der Geschichte).

Die mir vorliegende Anchor-Bay-DVD bringt den Film in ansprechender Bild- und Tonqualität für Alter des Films (und mittlerweile auch der Scheibe). Extras finden sich leider nur in Form von Bildergalerien, eine filmhistorische Einordnung in Featurette- oder Audiokommentarform wäre willkommen gewesen.

Letztlich ist „Dead of Night“ (ich weigere mich, den deutschen Titel in die Tastatur zu nehmen) sicher filmhistorisch interessanter und wertvoller als mit über 70 Jahren Genre-Weiterentwicklung im Rücken als reiner „Unterhaltungsfilm“. Es ist durchaus faszinierend zu sehen, wo und wie die Grundlagen des Anthologie-Horrors gelegt wurden, aber weder die adaptierten noch die Original-Geschichten sind wirklich mitreißend, spannend oder gruslig. Die „Ventroliquist's Dummy“-Episode ist das unbestrittene Highlight, aber auch da muss man bedenken, dass diese Story ihr volles Potential aufgrund der auf eine halbe Stunde zusammengestauchten Laufzeit nicht ausschöpfen kann. Erwartet also keinen wirklichen Schrecken, sondern eine unheimlich angehauchte Geschichtsstunde...

© 2019 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 4

BIER-Skala: 4


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