Das Teufelsweib


  • Deutscher Titel: Das Teufelsweib
  • Original-Titel: The Gypsy and the Gentleman
  • Alternative Titel: Dämon Weib
  • Regie: Joseph Losey
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 1958
  • Darsteller:

    Melina Mercouri (Belle/Mara), Keith Michell (Sir Paul Deverill), Flora Robson (Mrs. Haggard), Patrick McGoohan (Jess), June Laverick (Sarah/Celia), Lyndon Brook (John Patterson), Helen Haye (Lady Carolyne), Mervyn Johns (Brook), Laurence Naismith (Dr. Forrester), Clare Austin (Vanessa), Catherine Feller (Hattie), Nigel Green (Pup), Newton Blick (Ruddock)


Vorwort:

Britische Melodramen sind nun nicht gerade Brot und Butter dieser Website, aber man kann ja mal eine Ausnahme machen…

Also, beamen wir uns in die englische Provinz so um 1790, 1800 rum. Sir Paul Deverill (Keith Michell, PIRAT DER SIEBEN MEERE, DER ROTE HERZOG) ist der Vorsteher eines ordentlichen Gutsbesitzes, der ihm und seiner jüngeren Schwester Celia (oder Sarah, sofern wir die englischsprachige Tonspur angewählt haben, June Laverick, RENDEZVOUS IN ROM, DER ARZT UND DIE TEUFEL) eigentlich ein geregeltes Aus- und Einkommen bieten sollte. Die Sache hat allerdings einen gravierenden Haken – Paul ist ein rechter Hallodri. Nein, er vögelt nicht sich nicht kreuz und quer durch die Betten der heiratsfähigen Jungmaiden der Gegend, aber er ist ein notorischer Spieler, und als solcher einer, der nicht unbedingt permanent von Fortuna geküsst wird. Als wir ihn kennenlernen, gabelt ihn sein väterlicher Freund Ruddock (Newton Blick, PROTEST, EINE STADT STEHT VOR GERICHT) gerade in einer drittklassigen Spelunke auf, in der er, einer doofen Wette wegen, versucht, ein mit Seife eingeriebenes Ferkel zu fangen. Das Schwein gewinnt. Ruddock, ist einigermaßen verzweifelt ob der Unreife des Freundes, zumal die Spielsucht mittlerweile dazu geführt hat, dass der einst lukrative Deverill-Estate kurz vor der Pleite steht. Das einzige, was die ruinierten Finanzen der Familie retten könnte, wäre eine reiche Heirat. Reeeein zufällig ist Ruddocks selbstpersönliche Tochter Vanessa (Clare Austin, DIE ANGST HAT TAUSEND NAMEN) aus unerfindlichen Gründen schwer verliebt in Paulemann und Ruddock wäre, wider besseres Wissen, auch bereit, Hand und Rest der Tochter nebst sanierender Mitgift an Deverill abzutreten, auch wenn der ausdrücklich darauf hinweist, dass er Vanessa zwar einigermaßen leiden kann, sie aber ganz bestimmt nicht liebt. Da Deverill allerdings kein totaler Idiot ist und das für ihn durchaus günstige Arrangement als solches erkennt, willigt er grundsätzlich in die Eheschließung ein und verspricht dem Schwiegervater in spé, auch ein guter, treusorgender Ehemann zu sein.

Dieweil schlurchen durch die Wälder des weitläufigen Deverill-Besitzes die Zigeuner. D.h. zumindest zwei, und die haben’s nicht so mit dem „fahrender Volk“-Bestandteil der ziganen Kultur, sondern sind auf Schusters Rappen unterwegs. Es handelt sich um Jess (Patrick McGoohan, NUMMER 6, BRAVEHEART) und seine Schnalle Mara (oder Belle im O-Ton, und ich hab nicht die geringste Ahnung, warum die deutsche Fassung hier ein paar Namen geändert hat, Melina Mercouri, TOPKAPI, SONNTAGS… NIE!). Warum sind die beiden als Duo unterwegs und nicht, wie üblich in diesen Kreisen, mit ein paar Wohnwagen und einem ganzen umfänglichen Clan? Nun, zumindest hinsichtlich Maras wird der Film das noch erklären, was allerdings Jesses Grund fürs Alleinreisen ist, bleibt unausgesprochen. Jess und Mara schlagen sich auf die übliche Art und Weise durch – sie versuchen Tinnef zu verkaufen, Mara wird wohl auch mal da und dort aus der Hand lesen, und wenn alle Stricke reißen, kann man immer noch was klauen. So z.B. aus der Deverillschen Küche, als das dortige Personal, angeführt von Butler Duffin (John Salew, ADEL VERPFLICHTET, NICHOLAS NICKLEBY), nicht darauf anspringt, Maras Angebot von vermutlich ehrlich von Deverill-Äckern gerupften Öbsten und Gemüsen durch Kaufabsicht zu würdigen. Mara reißt sich also einen Laib frisch gebackenes Brot unter den Nagel und geht grinsend und feixend stiften, um die Beute dann geschwisterlich mit Jess zu teilen. Lustig ist das Zigeunerleben…

Nicht so lustig ist das Leben als kleine Schwester eines spielsüchtigen Landedelmanns. Zumindest für Celia. Die ist so 20 Jahre jung und sähe sich durchaus gewillt, sich zu verheiraten, und den passenden Kerl hätte sie auch schon greifbar – den jungen Medizinmann John Patterson (Lyndon Brook, EIN GESCHENK FÜR DEN BOSS, MELISSA). Nur spielt da Paul nicht mit. Erstens mal wäre es eh in höchstem Maße unsittlich, wenn Celia unter die Haube käme, bevor er selbst den Deckel gefunden hat, zum anderen, und das ist noch wesentlich wichtiger, kann er John ungefähr so gut leiden wie fortgeschrittene Fußfäule – zur persönlichen Antipathie gesellt sich dann auch noch der Umstand, dass Johnnyboy als standesniedriger Knochenflicker natürlich absolut nicht gut genug ist für eine feine Lady wie Celia. Wenn’s nach Paul geht, kann John sich also gepflegt ins Knie ficken, eine Hochzeit gibt’s nur über seine Leiche. Das können die jungen Turteltauben so natürlich nicht akzeptieren. Eine Verbündete haben sie in der Deverill-Tante Lady Carolyne (Helen Haye, DIE 39 STUFEN, BIS AUFS MESSER), die der Liebschaft aufgeschlossen gegenüber steht und auch bei Paul eifrig dafür trommelt, aber Paul gibt sich nach wie vor stockfischig.

Nachdem Paul Vanessa im Rahmen einer abendlichen Soirée die Sach- und Rechtslage mit dem „ich lieb dich zwar nicht, aber wenn’s unbedingt sein muss, heirate ich dich“ verklickert hat und Vanessa durchblicken ließ, dass ihr das, doof wie sie ist, als Grundlage für eine bis-das-der-Tod-euch-scheidet-Beziehung allemal reicht, wäre eigentlich zumindest in der Hinsicht alles geklärt, aber das Schicksal steckt der Zweckgemeinschaft einen Stock in die Speichen.

Am nächsten Tag nämlich ist eine Art Mini-Jahrmarkt angesagt – das bunte Treiben ringt sich um einen Faustkampf, auf den hohe Wetten abgeschlossen werden, und Paul setzt auf seinen persönlichen Leib- und Magen-Pugilisten, den vormaligen Schmied Pup (Nigel Green, JASON UND DIE ARGONAUTEN, IPCRESS – STRENG GEHEIM). Zunächst sieht’s so aus, als hätte Paul zur Abwechslung mal aufs richtige Pferd gesetzt, aber schon in der nächsten Runde bekommt Pup ordentlich was aufs Maul und geht schließlich k.o. Aber Paul nimmt’s leicht und will Pup seine Kampfbörse auszahlen. Was nicht geht, weil weg. Also geklaut. Und wer betätigt sich schon als diebische Elster zu solchen Anlässen? Richtig, die verdammten Zigeuner. Und tatsächlich schlumpft Mara fröhlich durch die Menschenmenge. Aber die Kunde vom frechen Diebstahl spricht sich schnell rum und der Mob bringt sich in Windeseile in eine amtliche Lynchstimmung. Wobei die Vorschläge durchaus variieren – vom „an den Pranger mit ihr“ über „schneidet ihr die Haare ab“ bis zu „knüpft sie am nächsten Baum auf“ wird die komplette Bandbreite geboten und selbst Mara, normalerweise nicht um einen flotten Spruch oder eine so gemeinte Beleidigung verlegen, wirft sich in höchster Not Sir Paul an den Hals – und steckt ihm dabei den geklauten Geldbeutel wieder zu. Paul ist von dem temperamentvollen Rasseweib eingenommen genug, um ihr den Diebstahl zu verzeihen, sie öffentlich für unschuldig zu erklären und ihr freies Geleit zu garantieren. Die Menge ist minderbegeistert von der Absage punitiven Entertainments, und dass Paule ihr als „Schmerzensgeld“ die Börse wieder zuwirft, lässt mutmaßlich alle Anwesenden an Pauls akuter Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Aber wenn Kerle mit dem Schwanz zu denken beginnen, ist nichts anderes zu erwarten. Mara scharwenzelt feixend von dannen, um die erfolgreiche Tagesausbeute mit Jess zu feiern, dieweil Paul Pup dahingehend vertröstet, sich seine Kampfentlohnung am nächsten Tag in Deverill Manor abholen zu können.

Aber Mara kommt auch ans Grübeln. So ewig nur in der freien Natur unter Bäumen pennen, ist vielleicht eine Weile ganz nett, aber so ein Dach überm Kopf, Dienstboten etc., das wäre auch nicht schlecht. Und Jess denkt ähnlich – momentan besteht der Fuhrpark des dynamischen Duos aus einem (1) Esel, und den würde Jess nur zu gerne durch ein echtes Pferd upgraden. Und so, wie Paul sich gegeben hat, steht aus Zigeunersicht auf dessen Stirn ein dickes fettes „OPFA!“. Wäre doch gelacht, wenn man den feinen Pinkel nicht nach allen Regeln der Kunst ausnehmen könnte. Und wenn man vom Goldesel spricht…

Paul und Celia kutschen bei Nacht und Regen von einem Besuch bei den Ruddocks zurück zum eigenen Manor und Mara springt geistesgegenwärtig in den Pfad des Gefährts. Paul kann sich nicht beherrschen und offeriert der durchnässten Frau eine Gelegenheit zu einem Bad und einer trockenen Nachtstatt. Das Angebot wird selbstverständlich dankend angenommen, und auf dem Weg zum Manor erklärt Mara auch, dass sie technisch gesehen Halb-Zigeunerin ist. Ihr Vater war ein echter englischer Edelmann, der auch seinen kleinen Edelmann in Dinge steckte, die ihn eigentlich nichts angingen, und nach alter Zigeunersitte hätte der Clan ihrer Mutter sie dann als Mischling im Straßengraben ausgesetzt. Sehr tragisch, und möglicherweise sogar wahr. Jedenfalls überrascht es sicher nicht mal Altnonnen mit zugenähter Mumu, dass die gewährte trockene Nachtstatt verdächtige Ähnlichkeit mit Paulis Schlafzimmer aufweist, und wir können auch davon ausgehen, dass Paul eine Nacht erlebt, in der ihm mehrmals Hören + Sehen vergeht…

Am nächsten Morgen wird Paul zu irgendwelchen lordschaftlichen Verrichtungen abberufen. Er lässt daher die Börse für Pup zurück, damit Duffin die dem Boxer aushändigt. Da hat der junge Herr die Rechnung aber ohne Frau Wirtin gemacht, Mara jedenfalls reißt sich die Börse unter den Nagel, als grad niemand hinsieht und hüpft von hinnen, und dabei auch dem gerade eintrudelnden Pup über den Weg. Dem bindet sie den Bären auf, dass Paul die Kohle leider Gottes noch nicht beisammen habe, sie aber in den nächsten Tagen dem Schmied vorbeibringen werde. Der Schmied kennt seine notorisch klammen Pappenheimer und lässt es damit bewenden. Der schnöde Mammon wandert aber zu Jess, der sich geistig als Besitzer diverser edler Rösser sieht.

Anyway, das Ganovenpärchen ist sich jetzt erst recht sicher, dass bei Paul noch mehr abzugreifen ist und so installiert sich Mara ohne weiteres als Paules offizielles neues Gspusi im Deverillschen Haushalt. Das findet nicht unbedingt das absolute Wohlgefallen von Celia und dem nicht minder von Mara genervten Personal, aber was will man machen, Paul ist der Scheff, und wenn Paul auch seine Verlobung mit Vanessa in ebenjenes, nämlich Wohlgefallen auflösen lässt, ist das nun mal sein gutes Recht. Persönlich angefressen ist Celia allerdings davon, dass Paul seine neue Herzdame in die fürnehmen Klamotten der verstorbenen Frau Mama stopft. Aber auch hier: Pauls Wille geschehe, und wenn Paule jetzt seine üblichen Inspektionsritte über Land und Güter absolviert, dann reitet Mara im Prachtgewand nun nebenher. Etwas unpraktisch ist allerdings, dass der Reitweg auch an der Schmiede vorbeiführt und Pup die günstige Gelegenheit nutzt, um Sir Paul vorsichtig an die versprochene Kampfbörse zu erinnern. Ist doch längst bezahlt, wundert sich Paul. Ist nicht, entgegnet Pup, und *die da* kann’s bestätigen. Mara heißt den ehrlichen Schmied einen Lügner, der den armen Paul doppelt abzocken will. Bevor sich Schmied und neuer Betthase handgreiflich in die Haare kommen, zückt Paul seinen Klingelbeutel und wirft Pup die Kohle zu. Soll er doch doppelt Zaster kriegen, davon geht die Welt nicht unter. Das allerdings greift nun empfindlich Berufs- und Boxerethos des Faustkämpfers an, der die Annahme verweigert. Lieber gar kein Geld als Lügner genannt zu werden. Paul ist ein wenig irritiert, aber das simple Landvolk ist eben manchmal etwas seltsam. Zurück auf dem Familiensitz spielt Mara die Berufsempörte, die ob der bloßen Idee, man könnte der aus ihrem Munde sprudelnden reinen Wahrheit nicht vollständig Glauben schenken, einen mittleren hysterischen Anfall erleidet, so dass Paul sich erst mal wieder tüchtig einschleimen muss. Aber Mara stellt klar – solche selbst nur gefühlte Demütigungen wird sie sich nicht bieten lassen, sie will hier die Haus- und Hofherrin werden, verdammich! Paul denkt an den offenbar verdammt guten Sex und knickt ein… schon einen Umschnitt später ist Mara Lady Mara Deverill, Schrecken der Domestiken und persönliche Intimfeindin von Celia.

Mara wähnt sich am Ziel ihrer Träume und direkt am Geldspeicher des Deverill-Vermögens, doch nach erfolgter Verehelichung offenbart sich die grausige Wahrheit – das einzige, was im Hause Deverill im Überfluss vorhanden ist, sind unbezahlte Rechnungen. Pauls laxer Umgang mit den Familienfinanzen hat, uns längst bekannt, das Vermögen weitgehend aufgefressen. Während die kleinste Violine der Welt eine traurige Weise fiedelt, kocht Mara die Gallenflüssigkeit auf hoher Flamme. Da hilft’s nur eingeschränkt, dass Jess sich mittlerweile als Stallbursche hat anstellen lassen und somit keine heimlichen Treffen im Wald, sondern nur noch heimliche Treffen im Stall oder in anderen unbeobachteten Winkeln des Deverill-Anwesens mehr nötig sind. Aber egal, jedenfalls bedeutet das alles, dass die Stimmung im Haus eher so mittelgut ist. Mara ist giftig, Celia poussiert nach wie vor mit John Patterson, und Deverill… nun, dem ist mehr oder minder alles egal. Doch wenn man meint, es geht nichts mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Das hiesige Lichtlein ist ein Winkeladvokat aus London namens Brook (Mervyn Johns, TRAUM OHNE ENDE, DER FREIBEUTER), und der bringt traurige Kunde. Lady Carolyne hat ins Gras gebissen, aber zuvor noch ihr Testament geändert, und dieser neue letzte Wille ist einigermaßen kurios. Normalerweise würde ihr nicht unbeträchtliches Vermögen natürlich Paul als nächstem Verwandten zufallen, aber die raffinierte Alte hat einen Passus in ihr Testament geschmuggelt, wonach die Kohle an Celia geht, sofern sie *vor* ihrem 21. Geburtstag vor den Traualtar tritt. Das soll natürlich quasi als Mitgift dienen, wenn Celia endlich ihren Knochenflicker heiratet, aber so richtig stimmig durchdacht scheint mir der Plan nicht zu sein. Das setzt Celia ja heftig unter Druck und nachdem Paul nach wie vor das Familienoberhaupt ist (so ist’s nun mal in dieser Zeit) und er die Hochzeit schlicht per ordre de familienmufti verhindern kann – was genau soll’s Celia bringen? Hätte sie Celia ganz simpel als Erbin eingesetzt, ohne besondere Bedingungen, hätte Lady Carolyne ihre Nichte ganz unkompliziert besserstellen können als den nichtsnutzigen Paul, aber so hat der jetzt einen erstklassigen incentive, erst recht gegen die Hochzeit zu sein, weil er nach Ablauf der Frist an den Zaster rankommt, ohne rechtliche Klimmzüge machen, z.B. das Testament anfechten zu müssen. Kurz gesagt: Lady Carolyne, you’ve been pretty stupid. Paul allerdings auch, denn der, in einer gediegenen leckt-mich-alle-am-Bürzel-Stimmung angekommen, wäre absolut willens, die Sache auf sich beruhen und die Dinge ihrer Wege gehen zu lassen. Da hat jetzt aber Mara was dagegen, die hochgradig erfreut feststellt, dass es nun doch noch eine Möglichkeit gibt, an großen Reibach zu kommen. Und sie hat sich absolut die gleiche Rechnung aufgemacht wie ich ein paar Zeilen weiter oben – da Celia von dem Testament nichts weiß, und das auch tunlichst so bleiben soll, muss man, wie schon dargestellt, nichts weiter tun als auf Zeit spielen und ihren 21. Geburtstag verstreichen lassen, und presto, alle finanziellen Sorgen lösen sich in Luft auf. Der Logik kann sich nicht mal Paul verschließen.

Allerdings verhält sich Paul Celia gegenüber taktisch unklug und geht ihr mit seinen „nur über meine Leiche heiratest du den“-Tiraden so auf die Eierstöcke (die durch Maras herrische Art – denn die hat sich natürlich in Windeseile in einen amtlichen Drachen und Domestikenschreck transformiert – eh schon kurz vorm Explodieren stehen), dass sie eines schönen Tages ihr Köfferchen packt und beschließt, nach London zu reisen, um dort bei Lady Carolynes alter Freundin, der berühmten Schauspielerin Mrs. Haggard (die für die kleine Rolle hoch, an dritter Stelle, gebillte Flora Robson, STÜRMISCHE HÖHEN, KAMPF DER TITANEN) zu wohnen. Das ist nun ein Problem für unsere Verschwörerbande, besteht doch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Haggard von Carolynes neuem Testament weiß und es in London zu einer Spontanhochzeit kommt, wenn Paul die kleine Schwester nicht unter seiner direkten Fuchtel hat. Nun begibt es sich, dass Celia auf dem Deverill-Anwesen über ein „Sommerhaus“ verfügt – eine kleine Nebenresidenz in Form einer chinesischen Pagode, die ihr Vater ihr zum persönlichen Gebrauch geschenkt hat und von ihr als privates Refugium genutzt wurde. Jess, der in seiner neuen Rolle als Stallknecht auch die des Kutschers übernommen hat und sie zur Postkutsche nach London fahren soll, unterbreitet ihr den Vorschlag, doch ein paar persönliche Gegenstände aus dem Sommerhaus mitzunehmen. Das hält Celia nach kurzer Überlegung für eine gute Idee. Ich nich so. Denn natürlich ist das Sommerhaus, das jenseits eines kleinen Sees liegt und nur über ein Boot zu erreichen ist, das ideale Gefängnis, um Celia für die nächsten paar Monate aus dem Verkehr zu ziehen. So geschieht es.

Dieweil Celia sich verständlicherweise fragt, warum Jess sie in der Pagode einsperrt und nach einer Weile einen Fluchtversuch unternimmt, der allerdings selbstredend zum Scheitern verurteilt ist, wird auch John Patterson nach einiger Zeit misstrauisch, warum er von seinem Augensternchen schon so lange nichts mehr gehört oder gesehen hat, und wird in Deverill Manor vorstellig. Man spielt seitens der Übeltäter freilich Scharade. Ist sie denn nicht angekommen, obwohl sie nach London zu Mrs. Haggard und dem lieben Doktor fahren wollte? Jess schwört jeden Meineid, dass er sie an der Postkutschenstation abgesetzt hat, und Mara ist ebenfalls ganz aufgelöst ob der spurlosen Inluftauflösung der jungen Dame. Und auch Paul ist zu sofortiger Aktion bereit. Man sattle ihm sein bestes Pferd, und er wird höchstpersönlich mit John Patterson jede finstere Taverne, jede Herberge und jeden Grashalm zwischen hier und London absuchen, bis die Vermisste gefunden ist, potztausend nocheins! Paul begibt sich also mit John auf eine wild-goose-chase, um den Knochenflicker beschäftigt zu halten, während die arme Celia in ihrem Sommerhaus (das nicht mal Fenster hat) vor sich hin modert und nur gelegentlich von Jess mit Freßbarem versorgt wird. Sieht also so aus, als hätten die Bösewichter ganz gute Karten, käme ihnen da nicht die Libido anderer Leute ins Gehege.

Ya see, es gibt unter den Dienstboten des Manors ein Mädchen namens Hattie (Catherine Feller, DER FLUCH VON SINIESTRO, WALZER DER TOREROS) und die würde gern mit ihrem Kollegen Walt (David Hart) ungestört rummachen. Küche und Stall sind nach Hatties Erfahrungswerten dafür eher ungeeignet, weil Mara da ungefragt auftauchen könnte, also fällt Walt nach reiflicher Überlegung das nach allgemeiner Kenntnis dank Celias Abwesenheit leerstehende Sommerhaus ein. Gesagt, getan, man bootet zur Pagode, und macht dabei den üblichen Lärm turtelnder Jungverliebter. Was nun wieder Celia auf den Plan ruft, die sich mit Hilferufen bemerkbar zu machen versucht. Das wird vom schreckhaften Frauenzimmer Hattie erst für Spuk und für Will dann jedenfalls für das Zeichen, hier nicht allein zu sein und kaum zum Petting kommen zu können, gehalten und schon droht das Pärchen schleunigst stiften zu gehen, bis Hattie endlich die zarte Stimme Celias (die sich beim Personal im Gegensatz zu Paul oder gar Mara größter Beliebtheit erfreut) erkennt und zur Befreiung der Gefangenen schreitet…

Nun hat Celia aber keine Ahnung, dass ihre Gefangenschaft Bestandteil eines größeren Kompotts ist – sie weiß nur, dass Jess beteiligt ist, und der könnte ja auch versucht haben, Paul zu erpressen oder Celia auf kleiner Flamme köcheln zu lassen, bis sie seine bereitwillige Lustsklavin wird u.ä.. Warten, bis Paul von seinem Ausflug durch die britische Provinz ist, will sie auch nicht… sie zieht nun schleunigst nach London und quartiert sich bei Mrs. Haggard ein. Das würde den Plänen der garstigen Zigeuner nun einen Riegel vorschieben, aber wo sie nun so weit gegangen sind, schrecken Mara und Jess auch vor weiteren Schandtaten nicht zurück. Paul ist als Faktor mittlerweile weitgehend ausgeschaltet – was das Ganovenduo treibt, ist ihm mehr oder minder wurscht, da er sich offensichtlich entschlossen hat, die gewinnbringende Laufzeit eines Vollzeitalkoholikers einzuschlagen und die letzten Reste seiner Zurechnungsfähigkeit in Wein, Bier und Whiskey zu ersäufen gedenkt. Einen willfährigen Komplizen finden die Schlimmfinger in Anwalt Brook, und es ist höchstwahrscheinlich der Rechtsverdreher, der die Idee für den finalen Fieslingsplan ausbrütet.

Mrs. Haggard hat als Schauspielerin gewisse gesellschaftliche Verpflichtungen und natürlich auch einen Job zu erledigen, d.h. sie kann nicht 24 Stunden am Tag, abends mit Beleuchtung, gluckenhaft auf Celia sitzen. Eines Abends also muss sie ihr Haus verlassen und lässt Celia in der Obhut ihres Spielzeugs, des entzückenden kleinen Negerkinds Coco (würg) zurück. Coco ist der personifizierte Sarotti-Mohr mit einem orientalischen Fantasiekostüm und Turban auf der Rübe. Manch einer sammelt Porzellanelefanten, mancher eben Negerkinder. Es waren andere Zeiten… Kaum ist die Haggard vom Hof gekutscht, klopft’s an der Tür und ein unbekannter Mann verkündet, eine Botschaft von John Patterson (den Celia seit ihrem Entkommen aus dem Sommerhaus nicht gesehen hat, weil der mutmaßlich immer noch irgendwo in der Prärie jeden Stein umdreht, um sie zu finden) für Mrs. Haggard zu haben. Da die Haggard ja nicht da ist, bittet Celia darum, die Botschaft zu hören und im Endeffekt lautet die „komm schnell her“. Freude! Himmlische Freude! Celia schmeißt sich dem Boten förmlich an den Hals, dass er doch statt dessen sie zu Patterson karren soll und nach ein wenig vorgeschobenem Zögern willigt der ein. Coco will als Anstandswauwau mit, aber da Celia vermutlich vor hat, mit Johnnyboy höchst unanständige Dinge zu tun, wird er abgeschmettert. Aber der Kleene (einer der wenigen Vertreter des nominell Guten, der mit mehr als zweieinhalb operierenden Gehirnzellen ausgestattet ist), schwingt sich als blinder Passagier auf die abtrabende Kutsche…

Die natürlich mitnichten zu John Patterson droschkt, sondern auf direktem Wege zum Irrenhaus von Dr. Forrester (Laurence Naismith, JAMES BOND 007 – DIAMANTENFIEBER, DIE LETZTE NACHT DER TITANIC). Dr. Forrester ist sich nach kurzer Ansicht der Patientin auch sicher – labert von Entführungen und Gefangenschaft, ergo Verfolgungswahn ergo komplett durchgeknallt. Allerdings leben wir in modernen Zeiten – man kann nicht mehr einfach so Leute in eine Klapsmühle werfen und den Schlüssel in die Themse plumpsen lassen, es braucht schon eine Einweisung. Zwar nicht von irgendwelchen Gutachtern oder Gerichten, aber wenigstens von einem Familienangehörigen, der den Dachschaden der betreffenden Person bescheinigt, und das wäre in diesem Falle als gesetzlicher Vormund Paul. Das sollte sich einrichten lassen.

Paul nämlich hat sich auch irgendwo in London ein Zimmer genommen und ist beherzt dabei, sich totzusaufen. Mara und Jess suchen den im Halbkoma vor sich hin müffelnden Meister auf und halten ihm ein Pergament und eine Schreibfeder unter die Nase. Da sie mit gewisser Berechtigung davon ausgehen, dass Paul sich gedanklich und auch sonst von dem eigentlich ursprünglich mal gemeinsamen Plan, sich Celias Erbschaft unter den Nagel zu reißen, verabschiedet hat, binden sie ihm einen Bären auf. Ein finsterer Strolch habe die verwirrte Celia ins Irrenhaus schaffen lassen und es bedürfte nun Pauls Signatur, um sie dort wieder auszulösen. Geht man nach dem Zustand Pauls, wäre die Geschichte, Rotkäppchen wäre vom Großen Bösen Wolf gefressen worden und Pauls Unterschrift wäre nötig, um den Jäger auf den Wolf loszulassen, vermutlich exakt gleich erfolgversprechend, will sagen, dass irgendeins von Maras Worten tatsächlich die fuselumrankten Gehirnwindungen Pauls erreicht, deucht mir sehr sehr sehr unwahrscheinlich. Aber nach ein wenig gutem Zureden malt Paul seinen Friedrich Wilhelm auf das Schriftstück, mutmaßlich primär deswegen, damit Mara und Jess ihn, seine Pulle Wein und seinen Kater endlich in Ruhe lassen.

Zur gleichen Zeit erreicht Coco die Hütte der wieder heimgekehrten Mrs. Haggard und berichtet. Unglücklicherweise versteht der Junior-Mohr nur ansatzweise, sich in englischer Sprache auszudrücken und wohin genau die Schurken Celia verschleppt haben, kann er mangels eingebautem Stadtplan von London auch nicht sagen – nur, dass das Tor des Anwesens von seltsamen Vogelstatuen geziert wurde. Das reicht der Haggard allerdings, sie weiß, welches Gebäude gemeint ist. Sie will mit Coco und einer Freundin gerade ihrer Kutsche bzw. den vorgespannten Hottehüs die Sporen geben lassen, als John Patterson von seiner Exkursion zurückkehrt und von Mrs. Haggard sofort rekrutiert wird, der Befreiungsaktion beizutreten. Da muss sie nicht lange bitten. Es entbrennt also ein Wettrennen zwischen den Mächten des Lichts und der dunklen Seite des Kekses, den die Fraktion der Gerechten knapp für sich entscheidet. Allerdings gibt’s immer noch ein Problem – weder John noch Mrs. Haggard sind streng genommen mit Celia verwandt, Dr. Forrester dürfte Celia keinem von ihnen übergeben, selbst wenn er es wollen würde. Mrs. Haggard hat eine Idee – zwar ist Lady Carolyne zu ihren Ahnen aufgefahren, aber das sollte der liebe Nervenarzt ja nicht wissen. Und wozu ist la Haggard eine berühmte Schauspielerin? Eine passende Perücke hat die Aktöse von Welt immer in ihrer Handtasche…

Während Haggard also dem lieben Doktor die vermeintliche Tante vorspielt, kommt wider Erwarten Paul zur Besinnung und reimt sich mühselig aus den Bruchstücken der Erinnerung, die ihm sein alktgetränkter Brägen vorspielt, zusammen, dass Celia bitteres Ungemach droht. Und, um George Clooney aus FROM DUSK TILL DAWN zu paraphrasieren – Paul ist ein Arschloch, aber kein TOTALES Arschloch. In Ermangelung anderer Ansatzpunkte für eigene Ermittlungen sucht er die Kanzlei von Brook auf, tankt sich gegen den erklärten Willen dessen Sekretärs zum Advokaten durch und packt diesen am Kragen. Wenn Brook nicht rausrückt, wo Mara und Jess Celia verklappt haben, dann ist aber Kirmes!

Die Haggard macht die unerfreuliche Erfahrung, dass zu viel des Ruhms in gewissen Situationen schädlich sein kann – Dr. Forrester ist nämlich ein großer Fan ihrer Schauspielkunst, kennt sie mithin aus Film, Funk und Fernsehen und hat den Mummenschanz mühelos durchschaut. Mrs. Haggard zieht sich enttäuscht die Perücke vom Dez, gibt aber deswegen noch lange noch nicht auf. Wenn nicht mit List und Tücke, dann vielleicht mit Law and Order – wenn die Polizei Forresters Anstalt einer kleinen peinlichen Untersuchung unterzöge, wäre das doch sicher nicht das, was Forrester sich wünschen würde? Forrester ist zwar der festen Überzeugung, dass ihm rein rechtlich nichts anzulasten ist, weil hier alles mit ordentlichen Dingen zugeht, aber es ergäbe sich doch ein Skandal, und den kann der Doktor nicht brauchen. Er knickt daher ein und übergibt der Haggard die Patientin. Celia besteigt gerade die Haggardliche Kutsche, als Mara und Jess mit ihrem nunmehr wertlosen Wisch antanzen. Game over, realisieren die Zigeuner, jetzt geht’s nur noch darum, den eigenen Pelz zu retten. Also die Peitsche ausgepackt und die Pferde der Kutsche geprügelt…

Auf Kollisionskurs zu den Flüchtenden befindet sich aber Paul und auf einer Brücke über die Themse erfüllt sich das Schicksal. Paul parkt sein Pferd in der Mitte der Straße – Mara reißt die Zügel der Kutsche herum, und der Wagen kracht samt Passagieren in die (nicht sehr reißenden) Fluten. Während Jess des Schwimmens mächtig ist und ans Ufer krault, um in der Folge scot free aus der ganzen Misere herauszukommen, steht Mara mit dem feuchten Element auf Kriegsfuß und droht abzusaufen. Paul jumpt in den Fluss – aber er hat keine Rettung im Sinn. Vielmehr klammert er sich an das Zigeuerweib, um sicherzugehen, dass sie gemeinsam mit ihm ertrinkt…

Inhalt:

Hollaho. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, warum ich mir DAS TEUFELSWEIB auf DVD angeschafft habe und welche Erwartungen ich an den Streifen stellte, aber ich kann recht deutlich sagen, dass ich DAS nicht erwartet habe.

Aber von Anfang an. Zum Verständnis des Films und zur filmhistorischen Einordnung muss ich ein bisschen abschweifen (OH NEIN! – Der Lektor). In der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg waren schwere Melodramen im britischen Kino außerordentlich beliebt – Filme, in denen unschuldige Frauenzimmer von garstig-schuftigen Männern mies behandelt und allgemein ins Unglück gestürzt wurden, spielten Unsummen ein und machten Schauspieler wie James Mason (der, im echten Leben formvollendeter Gentleman ersten Ranges, mit diesen Rollen arg haderte) zu Top-Stars. Nicht gerade der Eskapismus, mit dem ich nach einem furchtbaren Krieg hausieren gegangen wäre, aber das Inselvolk war ja schon immer anders als unsereiner. Der Name des Studios, das auf diesem Gebiet federführend tätig war, entwickelte sich zum Synonym für das Genre – „Gainsborough Melodrama“ war die Vogue der zweiten Hälfte der 40er. Wie jede Modewelle lief sich auch das Gainsborugh-Melodrama als solches nach einigen Jahren tot, aber sein Einfluss blieb natürlich spürbar und vermischte sich mit anderen Genres und deren Elementen.

In DAS TEUFELSWEIB (auch unter dem Titel DÄMON WEIB bekannt) vermengen sich die Gainsborough-Gene mit Film Noir- und „Gaslight“-(das Genre, das wir hier als das beliebte „treib-die-Olle-in-den-Wahnsinn“-Spielchen kennen)-Aspekten. Wir haben zwar eines der bewussten unschuldigen Frauenzimmer mit Celia, aber die große treibende Kraft des Bösen ist eine erstklassige femme fatale mit Mara (ja, es gibt natürlich noch Jess, der einen unguten Einfluss auf sie ausübt, aber es wird klar genug, dass Mara auch *ohne* Jess eine ziemliche Giftspritze ist), und Paul Deverill ist, auch wenn er mit den Schurken gemeinsame Sache macht, nicht nur Täter, sondern auch Opfer, wird manipuliert, ist nicht Herr seiner Sinne und mit einem ganzen Rudel von Abhängigkeiten (Spiel, Suff und Sex) gestraft. Es wäre interessant zu erfahren, wie viel von dieser Gemengelage sich bereits in der literarischen Vorlage, einem ziemlich unbekannten Roman namens „Darkness, I Love You“ der ziemlich unbekannten Autorin Nina Warner Hooks (die man, wenn überhaupt, primär für ihre Kinderbücher wie „Little Dog Lost“ oder „The Snow Kitten“ kennt), findet und wie viel von Drehbuchautorin Janet Green (selbst erfolgreiche Bühnenautorin, die u.a. die Theatervorlage für den Doris-Day-Thriller MITTERNACHTSSPITZEN schrieb) hinzugedichtet wurde.

Jedenfalls ist das Script vielschichtig, vermeidet weitgehend simple Schwarz-Weiß-Malerei (ja, Celia und John Patterson sind blütenreine Gutmenschen, aber die sind auch weniger handelnde Protagonisten als vielmehr von den eigentlichen Hauptfiguren herumschiebbare Schachfiguren bzw. wandelnde Plot Devices). Paul ist ein Hallodri, Zocker und mit einigen heftigen Vorurteilen gesegnet, aber er ist, das zeigt sich auch in einigen Szenen zu Beginn ein relativ warmherziger Genosse, der zu seinen Dienstboten ein gutes Verhältnis pflegt, aufgrund seiner aufgeschlossenen Art beliebt ist und, auch wenn das seinen Untergang bedeutet, tritt auch der Zigeunerbraut Mara auf Augenhöhe entgegen – was man sicher nur von den wenigsten seiner Zeitgenossen behaupten kann. Zwar wird er später von Mara auf die dunkle Seite der Macht gezogen, aber auch dann behält Paul einen „guten Kern“ (ist quasi der Anakin Skywalker des Scripts), der die finstersten Pläne des Zigeunerduos zwar nicht aufhält (zumindest nicht, bis er sich im Finale erfolgreich ausgenüchtert hat), aber sich kaum bis gar nicht aktiv an ihnen beteiligt und so auch im Showdown seine Redemption feiern darf (zuerst hatte ich „erleben“ geschrieben, aber das trifft’s ja nicht ganz, ähem). Und Mara ist natürlich die ränkeschmiedende femme fatale, die nur auf ihren Vorteil bedacht hat, aber natürlich kann man ihre Position auch nachvollziehen – das Leben hat ihr übel mitgespielt und bis dato hat sie ihr Schicksal mit einem kecken Lachen auf den Lippen ertragen, aber irgendwann hat auch sie ihren „breaking point“, an dem sie entscheidet, dass ihr auch ein GROSSER Teil am Kuchen zusteht und da der aus ihrer Situation heraus kaum mit „legalen“ Mitteln erreicht werden kann, muss halt ein Trottel gefunden werden, der wie die Weihnachtsgans ausgenommen werden kann und’s dabei in gewisser Weise auch nicht besser verdient hat, und da kommt ihr Naivling Paul eben grad recht. Jess, ihr Kumpan, ist dabei am Ende sicher nicht mehr als das Teufelchen auf ihrer Schulter, das ihr einflüstert und sie in ihren Ränken bestärkt, aber es kommt klar genug rüber, dass sie ohne ihn – vielleicht nicht so schnell und mit dieser Konsequenz – auch früher oder später „böse“ geworden wäre (wobei es mich nach wie vor schon heftig überrascht, wie ungeschoren Jess aus der ganzen Nummer rauskommt – ein erzwungenes Bad in der Themse, und damit ist er „reingewaschen“. Mit dieser milden Bestrafung kann Mara als Frau, die sich sowohl ihrer geschlechtlichen als auch gesellschaftlichen Position widersetzt, selbstverständlich nicht rechnen. Moral der 50er). Aus dieser eigentlich ganz schlichten Konstellation eskaliert die Lage von vergleichsweise harmlosen Diebereien zu einem Intrigantenstadel, bei dem J.R. Ewing und Alexis Carrington ins Staunen kämen und aus dem Netflix vermutlich fünf Staffeln einer Serie basteln könnte (gut, das ist jetzt bei dem üblichen Erzähltempo einer Netflix-Serie nicht SO sensationell) – und das alles spielt in einer Welt, in der sich Jane-Austen-Figuren pudelwohl fühlen würden. Ein paar vorwitzige Rezensenten versteigen sich sogar zu der Theorie, dass die düsteren Motive von den gerade aufkommenden Hammer-Horrorfilmen inspiriert sein könnten, aber das geht dann vielleicht doch einen Schritt zu weit, das britische Melodram konnte, s.o., auch ohne direkt Beats aus Grusel- und Horrorgeschichten aufzunehmen, ziemlich fies und dunkel werden.

Jedenfalls hat der Film mehr als genug Plot für seine gut 100 Minuten Laufzeit und im Großen und Ganzen entwickelt sich das auch alles sehr flüssig und schlüssig – da und dort gibt’s kleinere Sprünge, die auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar sind (dass wir z.B. die Hochzeit von Mara und Paul aussparen oder wie einfach der korrupte Anwalt Brook zum willfährigen Erfüllungsgehilfen und Komplizen der Schurken wird), aber ich kann auch verstehen, dass Green und Regisseur Joseph Losey hier aus Pacing-Gründen nicht zu sehr ins Detail gehen und sich primär auf die Intrigen Maras konzentrieren wollten, ohne zuviel „außenstehende“ Charaktere einzubeziehen.

Joseph Losey ist dann auch ein interessanter Mann auf dem Regiestuhl. Auch einer der new hopefuls des Hollywoods der späten 40er geriet auch er in den Fokus des berüchtigten Komitees zur Aufdeckung antiamerikanischer Umtriebe. Losey wollte gar nicht erst das Risiko eingehen, sich einer peinlichen Befragung zu unterziehen, ging freiwillig ins britische Exil und drehte eine Weile unter verschiedenen Pseudonymen, schraubte unkreditiert an Hammers XX UNBEKANNT herum und begann 1957 wieder unter seinem richtigen Namen zu arbeiten – nach dem Brit-Noir TEUFLISCHES ALIBI (mit Michael Redgrave und Peter Cushing) war DAS TEUFELSWEIB seine zweite „offizielle“ britische Arbeit. Losey blieb in England und zeichnete für den Hammer-SF-Thriller SIE SIND VERDAMMT oder den kommerziell erfolgreichen, aber kritikerseits verrissenen MODESTY BLAISE – DIE TÖDLICHE LADY, bevor er sich in den 70ern verstärkt arthousigeren Angelegenheiten wie EINE FRAU WIE EIN FISCH oder einer dreistündigen DON GIOVANNI-Adaption (die laut IMDb bei einem 7-Millionen-Dollar-Budget weltweit satte 9.519 Dollar wieder einspielte, aber von Opernfreunden wohl hochgeschätzt wird) widmete. Losey war also zweifelsfrei kein spezifischer Genre-Regisseur, sondern Hansdampf in allen Gassen. Für DAS TEUFELSWEIB erweist er sich durchaus als der richtige Mann am richtigen Ort, der das prächtig ausgestattete Kostümdrama souverän durch alle Plotwindungen und –drehungen steuert, niemals den Faden verliert, und dabei auch auf schöne, farbenprächtige Bilder des renommierten britischen Kameramanns Jack Hildyard (DIE BRÜCKE AM KWAI, 55 TAGE IN PEKING, DIE WILDGÄNSE KOMMEN) zurückgreifen kann. Komponist Hans May, der sein Geschäft noch zu Stummfilmzeiten in Österreich lernte und eigentlich Operettenspezialist war, hatte mit dem Gainsborugh-Melodram auch schon seine Erfahrungen gemacht (DIE FRAU OHNE HERZ) und steuert mit seiner vorletzten Arbeit (er verstarb noch im gleichen Jahr) einen sicherlich relativ altmodischen, aber passenden Score bei.

In erster Linie ist das Melodram aber natürlich ein Genre für die beteiligten Schauspieler, und in diesem Fall nicht zuletzt ein Showcase für die spätere griechische Kulturministerin Melina Mercouri. Die Mercouri drehte nicht sonderlich viele Filme (gerade mal 18 in 23 Jahren), aber wenn sie am Start ist, dann reißt sie den Film an sich. Und hier, gute Güte, spielt sie alles und jeden an die Wand, der sich ihrem erweiterten Dunstkreis aufhält. So viel Feuer, so viel Temperament, so viel Leidenschaft, so viel Ausdruck – da glaubt man unbesehen, wie ein Mann ihr trotz ihres miesen Charakters verfallen kann und auch, wie sie sich von der fröhlichen Tagediebin zur eiskalt berechnenden Überbitch entwickelt. Natürlich hat die Rolle „Fleisch“, in die man sich als Darstellerin verbeißen kann, aber man muss es dann auch erst mal umsetzen und Mercouri spielt hier mühelos Kreise um ihre Kollegen.

Und die sind eigentlich für sich selbst gesehen gar nicht schlecht… Keith Michell ist zwar eher ein Mann aus der zweiten Reihe, der auch überwiegend im britischen Fernsehen, da aber durchaus in wichtigen Rollen (gleich zweimal spielte er Marcus Antonius in britischen TV-Produktionen, und auch den alten Frauenköpfer Henry VIII. gab er zu mehreren Anlässen). Als Paul Deverill wandelt er durchaus erfolgreich auf dem schmalen Grat zwischen sympathischem Nichtsnutz und tragischem „Halbtäter“. Flora Robson hat trotz dritten Billings als Mrs. Haggard nicht sehr viel zu tun, dafür allerdings bietet der spätere PRISONER Patrick McGoohan durchaus eine lebhafte Vorstellung als der böse Jess. June Laverick ist mir etwas zu blah als Celia, und Lyndon Brook hat als Patterson natürlich das Problem, dass seine Figur – wie auch Celia – eher ein Prop denn ein echter Charakter ist. In den Nebenrollen finden sich zahlreiche beliebte und begabte Routiniers wie Mervyn Johns oder Laurence Naismith wie auch talentierte Newcomer a la Nigel Green.

Die Bildqualität der Maritim-Scheibe ist okay, aber nicht herausragend. Die deutsche Synchro ist gut ausgefallen (auch wenn ich, wie gesagt, nicht spekulieren mag, warum ein paar Rollennamen geändert wurden) und gibt Mara den leicht liebenswerten Quirk, dass sie Deverills Namen nicht richtig aussprechen kann. Extras sucht man freilich vergebens.

Insgesamt ist DAS TEUFELSWEIB ein patentes Kostüm-Melodrama, dem die Einspritzungen modernerer Thriller-Motive und die für das Genre eher ungewöhnliche Rollenverteilung der bösen Frau, die den armen Mann ins Unglück stürzt (wie gesagt, in den Gainsborough-Melodramen war es klassisch noch andersrum) ausgesprochen gut tun, und der von Joseph Losey fein inszeniert und von seinem Ensemble ansprechend gespielt wird. Aber auf die nächste Stufe hebt ihn zweifellos die engagierte und leidenschaftliche Vorstellung von Melina Mercouri in der zentralen Rolle der titelgebenden femme fatale.

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 6


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