Das Spukschloss im Spessart


  • Deutscher Titel: Das Spukschloss im Spessart
  • Original-Titel: Das Spukschloss im Spessart
  •  
  • Regie: Kurt Hoffmann
  • Land: BR Deutschland
  • Jahr: 1960
  • Darsteller:

    Liselotte Pulver (Charlotte), Heinz Baumann (Martin Hartog), Hanne Wieder (Katrin), Elsa Wagner (Tante Yvonne), Herbert Hübner (Hartog), Ernst Waldow (Onkel Ernst August), Hubert von Meyerinck (von Teckel), Hans Clarin (Prinz Kalaka), Paul Esser (Toni), Hans Richter (Jockel), Curt Bois (Hugo), Georg Thomalla (Onkel Max)


Vorwort:

Endlich hat Oberst von Teckel es geschafft und die berüchtigte Spessart-Räuberbande zur Strecke gebracht. Die echauffierte Bevölkerung hält den angedachten Strick aber für eine viel zu harmlose Bestrafung und entscheidet basisdemokratisch, dass die Bande in ihrem ehemaligen Hauptquartier, dem Wirtshaus im Spessart, eingemauert werden soll. Ein aufrechter Gottesmann packt auf die eh schon unangenehme Strafe noch einen amtlichen Fluch – bis sie ihre Sünden wieder gut gemacht haben, sollen sie als Geister spuken. Was unter den Bedingungen freilich schwierig ist…

Deswegen dauert es auch bis 1960, eh sich die Gelegenheit durch den Abriss des Wirtshauses für die A3 (true story, by the way) bietet. Die Geister ziehen in das nahegelegene Schloss der Grafen von und zu Sandau, wo die gegenwärtige Komtess mit Onkel und Tante lebt und schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Sandaus sind nämlich durch gräfliche Misswirtschaft mit hunderttausend Mark bei dem Unternehmer Hartog in der Kreide und der würde nur zu gern aus dem Schloss ein Hotel machen.

Aus diesem kühnen Grunde schleicht sich Hartogs Sohn Martin unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in den Sandau’schen Haushalt. Gebrauchen kann man ihn, denn der Staat selbst preßt die Sandaus in ihren Dienst. Inspiriert vom Film „Das Wirtshaus im Spessart“ wünscht nämlich der ausländische Prinz Kalaka, mit dem die Bundesrepublik ein milliardenschweres Bauprojekt unter Dach und Fach bringen will, im Sandau-Schloss zu nächtigen – dies just, nachdem Komtesschen herausgefunden hat, dass sie seit neuestem einige hilfreiche Geister hat, die mit diversen guten Taten ihr Sündenregister tilgen wollen. Und was könnte letztlich guter sein, als dafür Sorge zu tragen, dass die Komtess ihr Schloss behalten kann? Der Inhalt der prinzlichen Schmuckschatulle scheint dafür geradezu prädestiniert, doch der Klau, der prompt auffliegt, löst nicht nur eine diplomatische Krise aus, befördert die Komtess direktemang hinter schwedische Gardinen UND enthüllt auch noch Martins wahre Identität, was ihn bei Komtesschen nun endgültig aus dem Buch cooler Leute streicht.

Sieht also so aus, als müssten die Geister Überstunden schieben, um den verursachten Schlamassel wieder grade zu biegen…

Inhalt:

Ich bin heillos voreingenommen – ich halte das „Spukschloss“ für einen der, wenn nicht DEN besten deutschen Nachkriegsfilm. Kurt Hoffmanns „Grusical“ (in dem’s natürlich nicht wirklich was zu Gruseln, dafür um so mehr zu Museln gibt – so sehr, dass manch einer sich zum abstrusen Vergleich „deutsche Rocky Horror Picture Show“ verstieg) ist gewitzt, frech, hochgradig unterhaltsam, trefflich besetzt, lustig, ohrwurmig, satirisch, charmant, süß und, erwähnte ich es, saukomisch.

Natürlich kann man das „Spukschloss“ als stinknormalen Unterhaltungsfilm sehen, der diverse erprobte komödiantische Tropes ausspielt und sie mit lustigen Liedern (von Friedrich Hollaender) garniert, aber damit täte man dem Film Unrecht (alldieweil man ihn natürlich trotzdem so „genießen“ kann). Vom Vorspann ab (der komplett GESUNGEN wird, inklusive der Copyright-Angaben) stellt Hoffmann (dem übrigens von niemand geringerem als Rainer Erler und Eberhard Schroeder assistiert wird) klar, dass das „Spukschloss“ eben kein Film wie jeder anderer sein will und vor allem der Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik charmant, nichtsdestoweniger aber beißend, den Spiegel vorhalten will. Der gesamte Plot entspringt praktisch dem verzweifelten Wunsch der Bundesregierung, auf internationaler Ebene wieder mitspielen zu dürfen, in Dialogen und Liedern wird ganz beiläufig, aber dafür aber treffend, auf die Nazi-Vergangenheit angespielt (und wir halten uns vor Augen – der Film entstand 15 Jahre nach Kriegsende, d.h. ein Großteil des zeitgenössischen Kinopublikums hatte noch frische eigene Erinnerung an die Nazizeit und wurde auf einmal in einer Komödie mit fiesen Anspielungen konfrontiert… als Räuberin Kathrin nach einem leicht fehlgeschlagenen Experiment „farbig“ inkarniert und dem Prinzen schöne Augen macht, wundert sich der: „Gibt es denn braune Deutsche?“ „Na, hast du ’ne Ahnung“, versetzt ihn die Räuberin trocken. Da dürfte manch einem Zuschauer das Lachen im Halse stecken geblieben sein. Von Hoffmanns dezentem Verweis auf Nazi-Juristen, die problemlos im neuen demokratischen Staat Karriere machten, ganz abgesehen…).

Dialoge und Liedtexte sprühen vor Witz und werden auch von einem exzellenten Ensemble dargeboten. Lilo Pulver ist süß wie nie, Heinz Bauman gibt in seiner wichtigsten Filmrolle den idealen „straight man“, die Geisterbrigade um Georg Thomalla und (besonders) Hanne Wieder als stets geiler Kathrin ist bestens aufgelegt, Hubert von Meyerinck transportiert den Oberst von Teckel mühelos in die Rolle eines modernen Bürokraten, und, mann, was kann man über Hans Clarin als orientalischen Prinzen mit kölsche Dialekt sagen, ohne in Superlative zu verfallen? It’s fuckin‘ brilliant, man.

Schade nur, dass das Duo Wolfgang Neuss/Wolfgang Müller, das schon einen Großteil des Witzes des „Wirtshauses“ getragen hatte, entgegen Hoffmans Absicht nicht mit von der Partie sein könnte. Müller war kurz vor Beginn der Dreharbeiten bei einem Sportflugunfall ums Leben gekommen und sein enger Freund Neuss war am Boden zerstört und nicht „filmtauglich“. Gerade Neuss hätte den satirischen Spitzen vielleicht sogar noch etwas mehr Biss verleihen können.

Die Geister-Tricks, von „Raumpatrouille“-SFX-Mann Theo Nischwitz, arrangiert, erfüllen allemal ihren Zweck. Wenn man am Film etwas bekritteln kann, dann, dass er das Tempo der ersten Hälfte im zweiten Part nicht ganz durchhält (dann kommt dem Streifen ein wenig sein Plot in den Weg) und das Ende sehr abrupt kommt (weswegen es auch Gerüchte gibt, dass das ursprüngliche Ende vor dem Kinoeinsatz von der Constantin rausgekürzt wurde).

Die brandneue Blu-Ray bietet den Film wieder in bestmöglicher Qualität – da und dort gibt’s mal ganz kurze Sequenzen, die augenscheinlich auf schlechterem Ausgangsmaterial basieren und wohl Filmrisse überbrücken müssen, aber das stört kaum. Das Bonusmaterial besteht leider nur aus dem Trailer und einem kurzen Wochenschau-Snippet über Lilo Pulver, dafür hat Filmjuwelen wieder ein ausführliches Booklet dazu gepackt.

Es bleibt dabei – das „Spukschloss“ ist ein integraler Bestandteil deutscher Nachkriegsfilmgeschichte. Die Gratwanderung zwischen dem Wunsch, einfach launig zu unterhalten und dabei trotzdem subversive Spitzen zu verteilen, bekam das deutsche Mainstreamkino nie wieder hin. Geht hin und kaufet!

4,5/5
(c) 2017 Dr. Acula


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