Das Grauen schleicht durch Tokio


  • Deutscher Titel: Das Grauen schleicht durch Tokio
  • Original-Titel: Bijo to ekitai ningen
  • Alternative Titel: The H-Man Beauty and the Liquidman L'Homme H
  • Regie: Ishirô Honda
  • Land: Japan
  • Jahr: 1958
  • Darsteller:

    Yumi Shirakawa (Chikako Arai)
    Kenji Sahara (Professor Masada)
    Akihiko Hirata (Fahnder Tominaga)
    Koreya Senda (Dr. Maki)
    Makoto Satō (Gangmitglied Uchida)
    Eitarō Ozawa (Leiter der Kriminalabteilung Miyashita)
    Yoshifumi Tajima (Kriminalpolizist Sakata)
    Yoshio Tsuchiya (Kriminalpolizist Taguchi)
    Hisaya Itō (Misaki)


Vorwort:

Eine laute Explosion, irgendwo über dem Pazifischen Ozean erhebt sich in perverser Faszination ein Atompilz. Im Anschluss gerät eine japanische Zeitungsseite ins Bild, die vom Verschwinden der „Ryujinmaru II“ berichtet, deren Spur sich im Südpazifik verloren habe. Ist das Schiff vom Kurs abgekommen und in die Nähe des Nukleartests geraten? Zu schmissigem Soundtrack setzt nun der Vorspann ein, im Anschluss wechselt das Geschehen auf die Straßen von Tokio. Während es in Strömen regnet, wartet der Gangster Uchida (Makoto Satô) in einem Auto auf seinen Spießgesellen Misaki (Hisaya Itô). Der erscheint nach einiger Zeit auf der Bildfläche, gebärdet sich aber merkwürdig. Er scheint in Panik geraten zu sein, zückt sogar seine Waffe und schießt um sich – nach unten, so scheint’s. Uchida flieht mit dem Auto, Misaki rennt wie verzweifelt vor ein Taxi, das ihn anfährt. Doch als der Fahrer und einige Zeugen vor dem Fahrzeug nach dem Verletzten sehen wollen, entdecken sie lediglich dessen Kleidung und Habseligkeiten.

Inspector Tominaga (Akihiko Hirata) nimmt sich auch Misakis Freundin vor, die Nachtclubsängerin Chikako Arai (Yumi Shirakawa), doch ihr Verhör bringt seine Ermittlungen nicht voran. Bald darauf überfällt ein Fremder die junge Frau in ihrer Wohnung, der sie nach Misaki fragt. Er macht sich durchs Fenster auf und davon, beginnt draußen aber plötzlich zu schießen und stößt einen markerschütternden Schrei aus. Auch von ihm bleibt nur die Kleidung zurück. Die Kriminalbeamten erfahren von zwei japanischen Seeleuten, die ins Krankenhaus eingeliefert worden sind. Die beiden berichten von der Begegnung ihres Frachters mit der herrenlosen „Ryujinmaru II“ und dem Grauen, das sie erlebt haben, als sie mit ein paar Kollegen an Bord gingen.

Inhalt:

„Die Schöne und der Flüssigmensch“ – so lautet die deutsche Übersetzung des Originaltitels „Bijo to ekitai ningen“. Im Juni 1958 in den japanischen Kinos gestartet, gelangte der nicht ganz anderthalbstündige SF-Horrorfilm im Mai 1959 als „Das Grauen schleicht durch Tokio“ auch in die bundesdeutschen Lichtspielhäuser, im selben Monat als „The H-Man“ in den USA. Regisseur Ishirô Honda hatte 1954 mit „Godzilla“ eine der langlebigsten Monsterfilmreihen überhaupt begonnen und damit die Produktionsfirma Tōhō Studios auf der filmischen Weltkarte platziert.

„Das Grauen schleicht durch Tokio“ weist trotz farbenfroher Visualisierung einige Elemente des düsteren amerikanischen Film noirs auf, auch wenn die liebreizende Sängerin Chikako Arai nicht gerade als Femme fatale durchgeht. Die Jagd der Kriminalisten auf Gangster weicht aber bald der Science-Fiction, wenn sogar ein Tierversuch mit einer Kröte gezeigt wird. Der Horror hält spätestens dann Einzug, als in einer Rückblende zu sehen ist, wie Seeleute das Geisterschiff „Ryujinmaru II“ entern und dort Entsetzliches erleben. Diese wahrlich gruselige Sequenz hat es in sich und könnte sogar einen gewissen John Carpenter zumindest atmosphärisch zu einer tödlichen Begegnung auf See zu Beginn seines Klassikers „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980) inspiriert haben. Aussagen Carpenters oder sonstige Belege dafür gibt es allerdings nicht. Im selben Jahr wie „Das Grauen schleicht durch Tokio“ gelangte in den USA übrigens „Blob – Schrecken ohne Namen“ mit Steve McQueen in die Kinos. Die Kreaturen beider Filme weisen erstaunliche Ähnlichkeiten auf, was die gallertartige Konsistenz und das Schicksal ihrer Opfer angeht. Dass jedoch die Macher des einen beim anderen abgekupfert haben, erscheint aufgrund der etwa parallelen Entstehungszeit an den beiden Seiten des Pazifiks unwahrscheinlich. Es wird wohl ein Zufall gewesen sein.

Das Finale des japanischen Vertreters führt sogar in die Tokioter Kanalisation, was Erinnerungen an Carol Reeds „Der dritte Mann“ (1949) mit Orson Welles und Joseph Cotten weckt, dessen Showdown allerdings in seiner Intensität unerreicht bleibt. Am hervorragenden Unterhaltungswert des bemerkenswert humorfreien „Das Grauen schleicht durch Tokio“ ändert das nichts.

Der Kernwaffentest-Auftakt von „Das Grauen schleicht durch Tokio“ wurde inspiriert vom Schicksal des japanischen Fischkutters „Glücklicher Drache V“, der im März 1954 vom radioaktiven Niederschlag eines Nukleartests erfasst wurde. Alle Besatzungsmitglieder erlitten die Strahlenkrankheit, der Bordfunker starb noch im selben Jahr, mehrere andere erkrankten später an Krebs. Das japanische Kino greift seit jeher das nukleare Trauma der schrecklichen Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki zum Ende des Zweiten Weltkriegs auf, mal subtil, mal deutlicher – auch die Monsterfilme um Godzilla & Co. tun das bekanntermaßen.

„Das Grauen schleicht durch Tokio“ hat in puncto Bekanntheitsgrad nie zu den Kaijū-Filmen um das Riesenreptil und dessen Genossen respektive Gegner aufgeschlossen. Umso lobenswerter, dass Anolis Entertainment das Werk aufgestöbert und 2017 als sechsten Teil der Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“ veröffentlicht hat – im Übrigen als ersten fernöstlichen Beitrag zur „Galerie des Grauens“ überhaupt, zudem als 2-Disc Edition mit Blu-ray und DVD. Anolis ist es seinerzeit sogar gelungen, nicht nur die internationale Kinofassung zu lizenzieren, sondern auch die knapp sieben Minuten längere japanische Langfassung. Die zusätzlichen Szenen sind im Original mit deutschen Untertiteln eingefügt worden; sie enthalten im Mittelteil einige Dialogsequenzen, die den Film nicht unbedingt voranbringen, später dafür aber den tricktechnisch effektvoll, obgleich nach heutigen Maßstäben veraltet inszenierten Tod einer Nachtclub-Tänzerin etwas länger zeigen. Ganz am Ende darf in der Langfassung sogar als Miniaturmodell gebaut ein Tokioter Bezirk in Flammen aufgehen, was die internationale Fassung ebenfalls aussparte. Zwei kompetente Audiokommentare und ein ebensolches Booklet runden die Anolis-Edition ab. Sie ist im Handel vergriffen, auf dem Sammlermarkt immerhin für unter 50 Euro zu finden. Es lohnt sich!

Diese schöne Rezension kam von Volker Schönenberger vom Filmblog Die Nacht der lebenden Texte, der damit schon seinen zweiten Beitrag unserer Rubrik „Good Friends with Bad Taste“ beisteuert.

Text: © 2021 Volker Schönenberger
Szenenfotos & Covermotiv: © 2016 Anolis Entertainment GmbH

  • Auf der „Ryujinmaru II“ hat sich Grausiges ereignet.

  • Im Nachtclub geht es weniger grausig zu.

  • Weshalb bleibt nur die Kleidung der Verschwundenen zurück?

  • Sängerin Chikako gerät in Lebensgefahr


BOMBEN-Skala: 3

BIER-Skala: 7


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