Das Geheimprotokoll


  • Deutscher Titel: Das Geheimprotokoll
  • Original-Titel: Hidden Agenda
  •  
  • Regie: Ken Loach
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 1990
  • Darsteller:

    Brian Cox (Kerrigan), Frances McDormand (Ingrid Jessner), Brad Dourif (Paul Sullivan), Jim Norton (Brodie), John Benfield (Maxwell), Maurice Roeves (Harris)


Vorwort:

Nordirland, in den 80er Jahren – IRA und Unionisten hauen sich fleißig die Schädel ein und die britische Armee verdient sich durch fragwürdige Verhörmethoden und zumindest geduldete Todesschwadrone auch keine Bestnoten. In dieser Atmosphäre versucht eine Bürgerrechtsorganisation einen objektiven Bericht über den Stand der Dinge zu fabrizieren. Eines ihrer Mitglieder, der amerikanische Anwalt Paul Sullivan, wird von einem gewissen Harris kontaktiert und erhält von ihm ein Tonband. Auf dem Weg zu einem Treffen mit Harris werden Sullivan und sein nordirischer Fahrer von einer Todesschwadron exekutiert. Der Fall erregt natürlich internationales Aufsehen, so dass London sich genötigt sieht, einen Sonderermittler einzusetzen. Kerrigan verblüfft seine irischen Polizeikollegen mit der Absicht, die Sache tatsächlich aufklären zu wollen und schließt hierfür ein Zweckbündnis mit Sullivans Freundin Ingrid Jessner. Schon bald stoßen die beiden auf Hinweise, dass hinter dem Mord an Sullivan nicht nur durchgeknallte, auf eigene Faust handelnde Spezialeinheiten stecken, sondern eine großangelegte politische Verschwörung steckt, die, wenn sie aufgedeckt würde, die britische Regierung ins Stolpern bringen könnte…

Inhalt:

Wenn Großbritanniens führerender Sozialkritiker Ken Loach einen Thriller über den Nordirlandkonflikt dreht, ist kein oberflächliches Hochglanzprodukt zu erwarten – der in seiner Heimat aufgrund seines nestbeschmutzerischen Einsatzes für die Unterprivilegierten höchst kontroverse Regisseur, der Anerkennung hauptsächlich im europäischen Ausland fand und findet, ist keiner, der vor heißen Eisen zurückschreckt und auch keiner, der aus seinem Herzen eine Mördergrube machen würde.

Und so dauert’s nicht lange, bis wir das Feindbild erkannt haben, das sich Loach (einmal mehr, wenn man seine Filmographie so durchsieht), ausgesucht hat. Nö, Loach ergreift weniger Partei für die eine oder andere Bürgerkriegsfraktion (auch wenn seine Sympathien sicher eher bei den irischen Seperatisten liegen), der wahre Feind ist für ihn die britische Regierung, und ganz besonders die konservative unter der Eisernen Lady Maggie Thatcher. Diese persönliche „not-so-hidden agenda“ (verzweifelter Versuch eines Gags auf Grundlage des Originaltitels) ist ironischerweise der kleine Schwachpunkt des ansonsten formidablen Films. Denn in der ersten Filmhälfte gelingt dem Film ausgezeichnet die adäquate filmische Umsetzung der ständigen Paranoia, in der man im Belfast der 70er/80er Jahre lebte, besonders, wenn man im Verdacht stand, der IRA nahezustehen. Willkürliche Verhaftungen, Überwachung, Ausübung von Druck, das wird greif- und fühlbar. Zudem vermeidet Loach trotz der erkennbaren Sympathien plumpe Schwarzweiß-Malerei, auch die Terrorakte der IRA finden Erwähnung und werden nicht beschönigt, wenngleich (und da versteigt sich Loach vielleicht zum ersten Mal in diesem Film) der Kampf der IRA in die Tradition des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs u.ä. gestellt wird. Sicher ist der Punkt nicht ganz von der Hand zu weisen, dass auch George Washington dereinst als Terrorist angesehen wurde, aber es gibt wohl doch den ein oder anderen kleinen Unterschied zwischen den Methoden der IRA und der US-Freiheitskämpfer. Das aber nur am Rande.

Die Story selbst, wie gesagt, nutzt den Nordirlandkonflikt (und das ist die zweite und bereits oben angesprochene Schwäche des Films) leider, denn dieser Bürgerkrieg gibt nun wahrlich genug Stoff für dramatische Filme her (vgl. z.B. das auch hier besprochene Drama „Frontline“) nur als Backdrop und Aufhänger, um noch größere Fässer aufzumachen. Ich setze mal eine ganz deutliche SPOILER-Warnung, denn das, was ich jetzt locker ausplaudere (was aber zwingend notwendig ist, um den Film fair zu beurteilen), ist die „große Enthüllung“ des Films. Kerrigan und Ingrid gelingt es, sich mit dem geheimnisvollen Harris zu treffen und der erzählt ihnen eine überraschende Geschichte – eine Verschwörergruppe einflußreicher britischer Persönlichkeiten hat, mit Unterstützung der britischen Geheimdienste und des CIA die Heath-Regierung gestürzt, die nachfolgende Labour-Regierung destabilisiert, um eine extrem rechtslastige konservative Regierung (i.e. Maggie Thatcher) ins Amt zu hieven. Dieser ziemliche Rundumschlag ist, auch wenn einige Argumente, die Loach aufzeigt, nicht ganz von der Hand zu weisen sind, doch ein wenig übertrieben und nimmt dem Film, getreu der Devise „weniger ist manchmal doch mehr“ ein wenig die Durchschlagskraft. Hätte es eine „gewöhnliche“ Vertuschungsaktion nicht auch getan, musste gleich wieder die ganz große Keule rausgeholt werden? Das stört halt vor allem dann, wenn der Streifen aus jeder Pore „Realismus“ schreit, auch wenn es dem Filmfortgang an sich wenig schadet – auch mit diesem übertriebenen Kunstgriff bleibt der Film sehr spannend bis zum konsequenten (halb-offenen) Ende.

Stilistisch kann und will Sozialrealistiker Loach („Carla’s Song“, „Land of Freedom“, „Bread and Roses“) nicht aus seiner Haut – wer dramatische Verfolgungsjagden, spekulative Hochspannungssequenzen und edge-of-the-seat-Thrill der Hollywood-Schule erwartet, der wird schnell unter dem „eingeschlafene-Füße“-Syndrom leiden. Bei Loach ist Realismus oberste Priorität – das macht sich sowohl in den Außenaufnahmen, die den Eindruck erwecken, als wären sie ohne große Vorbereitung mit nichtsahnenden Zufallspassanten ebenso bemerkbar wie bei den „Schauspielerszenen“, speziell, wenn Kerrigan Kollegen und Vorgesetzte verhört. Loach braucht keine raffinierten Kamerafahrten oder sonstige Tricksereien, um solche Verhörszenen spannend zu gestalten – ihm reicht die Kraft seiner Darsteller, der Dialoge und eben der realistische Anspruch; manchmal hat man den Eindruck, man würde sich keinen fiktiven Film ansehen, sondern reale gefilmfte Verhörprotokolle mitansehen. Das ist filmisch nicht sehr spektakulär, aber, wenn man sich darauf einlässt, sehr intensiv und unter die Haut gehend.

Die Kameraführung beteiligt sich ebenfalls am Realismus, beschönigt nichts und legt keinen übertriebenen Wert auf oberflächliche Ästhetik. Musikalisch (sparsam, aber effektiv) untermalt wird der Streifen von Ex-Police-Mitglied Stewart Copeland.

Großes Tennis bieten die Schauspieler. Brian Cox legt als „unbestechlicher“ Ermittler Kerrigan, dem zu spät aufgeht, dass auch er nur eine Marionette der Machthaber ist, eine Glanzvorstellung hin, die sich gewaschen hat. In einem US-Film wäre das eine sichere Oscar-Nominierung geworden. Cox, der in die Ruhmeshalle der Filmschurken als erster Hannibal Lector (in „Manhunter“) eingegangen ist und durch „Rob Roy“ und „Braveheart“ zum vielgebuchten Charakterkopf für Großproduktionen wie „Troja“, „X-Men 2“ oder „Bourne Supremacy“ geworden ist, erweist sich speziell in den direkten Duellen (sprich: den angesprochenen Verhärszenen), und ganz besonders in seinen Konfrontationen mti Jim Norton („Jagd auf einen Unsichtbaren“, „Harry Potter“ – ein ausgezeichneter Gegenspieler für Cox, der fast ein wenig unterrepräsentiert ist) als geradezu überirdisch gut – mitreißend, aufwühlend, glaubhaft. Für Frances McDormand (Coen-Liebling und ein paar Jahre später berechtigt mit dem Oscar für „Fargo“ ausgezeichnet) kommt die Rolle als „schauspielerisches Gegengewicht“ für die überirdische Leistung Cox‘ vielleicht ein wenig zu früh. In ihren emotionalen Szenen scheint sie mir etwas zur Übertreibung zu neigen und auch in den „leiseren“ Passagen schafft sie es nicht, mich vollends von ihrem Charakter zu überzeugen. Der wie stets gute Brad Dourif wird als Paul Sullivan schon nach ’ner guten Viertelstunde erschossen. Den vielbeschäftigten britischen TV-Mimen John Benfield (Kerrigans Assistent) sahen wir zuletzt im schwedischen Action-Thriller „The Third Wave“.

Bildqualität: Sunfilm legt den Streifen in anamorphem 1.85:1-Widescreen vor und offenbart dabei Licht und Schatten. Licht insofern, als die Kompression herausragend arbeitet und Aufzoomen zur wahren Freude wird (wenn man an solchen Spielchen Freude hat), da pixelt nichts, da gibt’s keine Klötzchen. Der Kontrast ist ebenfalls gut, Detail- und Kantenschärfe liegen allerdings eher auf mittelmäßigem Niveau und insgesamt wirkt der Transfer von den Farben her matt, milchig und ein wenig zu hell und zu weich. Außerdem sind einige Artefakte und Laufstreifen zu bemängeln. Insgesamt aber ein solider Transfer.

Tonqualität: Vier Tonspuren liegen zur Auswahl vor – die (leider etwas mißratene, was die Sprecherwahl angeht) deutsche Synchronisation in Dolby 5.1 und Dolby 2.0, außerdem den englischen O-Ton in Dolby 5.1 und 2.0 (letztere Spur aber nicht surround, sondern nur Stereo). Der englische Sprachtrack ist aufgrund der Authenzität sicher vorzuziehen, aufgrund der heftigen irischen Akzente empfiehlt sich aber auch für Sprachgeübte die Zuschaltung der optionalen deutschen Untertitel. Die englische Tonspur selbst ist zwar gut verständlich, weist aber ein dezentes Rauschen auf und speziell die Filmmusik klingt arg verknarzt (das tut sie auch in der deutschen Fassung, die etwas rauschärmer ist, aber dafür eben allein schon durch die fehlenden Akzente an Atmosphäre verliert).

Extras: Nicht die Welt, was an Bonus geboten wird – Biographien für McDormand, Cox, Dourif und Loach, der Originaltrailer und die obligate Trailershow – insgesamt also eher nicht der Rede Wert. Dafür aber kommt der Film im hübschen schlanken Digipak.

Fazit: „Das Geheimprotokoll“ ist kein Film für die Klientel, die nonstop action braucht, um von einem Film gefesselt zu wreden. Ken Loach‘ Anspruch ist weniger der des Unterhaltens, als des Aufklärens (böswilliger könnte man auch „des Belehrens“ sagen), er ist (ähnlich Michael Moore) jemand, den eine eigene politische Agenda treibt, der politisch bilden will. Das kann in furchtbar drägem Betroffenheitskino ausarten, oder aber, wie hier, trotzdem oder gerade deswegen zu einem ausgesprochen spannenden, auf real greifbaren Gegebenheiten aufbauenden (in der Tat orientiert sich die Figur des Kerrigan an einem real existierenden britischen Ermittler, der, kurz bevor er den Abschlußbericht in einer ähnlichen Angelegenheit abgeben konnte, von der Regierung abberufen wurde) Thriller werden. Die trotz einiger Übertreibungen (das hoffe ich zumindest) rundum spannende Handlung, das flotte Tempo und die intensiven darstellerischen Leistungen vor allem von Cox und Nortn machen „Das Geheimprotokoll“ zu einem sehenswerten Film für das anspruchsvollere Publikum. Die DVD von Sunfilm hält bild- und tontechnisch nicht ganz den Standard, den wir von diesem Label mittlerweile gewohnt sind, wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass es sich um einen nicht mehr ganz frischen Film handelt.

3,5/5
(c) 2004 Dr. Acula


mm
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