Das Dunkel der Nacht


  • Deutscher Titel: Das Dunkel der Nacht
  • Original-Titel: Nothing But the Night
  •  
  • Regie: Peter Sasdy
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 1973
  • Darsteller:

    Christopher Lee (Colonel Bingham), Peter Cushing (Sir Mark Ashley), Diana Dors (Anna Harb), Georgia Brown (Joan Foster), Keith Barron (Dr. Peter Haynes), Gwyneth Strong (Mary Valley), Fulton Mackay (Chief Constable Cameron), John Robinson (Lord Fawnlee), Morris Perry (Dr. Yeats)


Vorwort:

Der Van-Traylen-Fonds, ein elitärer Zirkel reicher Gutmenschen, betreibt ein Waisenhaus in Schottland. Das würde niemand weiter interessieren, würden nicht innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit drei der Fonds-Treuhänder unter mysteriösen Umständen versterben – die Tode müffeln nach Selbstmord, jedoch hat keines der Opfer auch nur im Entferntesten ein Motiv für einen zünftigen Freitod. Da einer der Verblichenen ein persönlicher Freund von Spezialsonderemittler Colonel Bingham war, interessiert der sich für den Fall, der zudem gerade eine interessante Wendung nimmt – ein Bus, der ein Rudel Schützlinge des Waisenhauses (und einige Treuhänder) transportiert, verunglückt. Einziges Todesopfer ist der Fahrer, der rätselhafterweise Verbrennungen davongetragen hat (obwohl der Bus nicht in Flammen aufging). Mary Valley, eins der Waisenkinder, wird vom jungen Seelenklempner Dr. Haynes vorsichtshalber im Hospital behalten, ob ihrer feuer-zentrierten Alpträume wittert er ein Trauma. Seinem Vorgesetzten Sir Mark Ashley, Pathologe und Bekannter von Bingham, für den er Informationen gewinnen soll, gelingt es, entgegen seiner Überzeugung ein wenig Zeit für Haynes‘ Tests herauszuschlagen, denn der Van-Traylen-Fonds hat es ausgesprochen eilig, das fehlende Schäfchen wieder in die Herde zu integrieren. Dieweil nimmt die Journalistin Joan Foster Verbindung mit Marys leiblicher Mutter Anne Harb, einer Ex-Nutte und Mörderin, die auch schon zehn Jahre Zuchthaus abgesessen hat, auf. Anne will ihre Tochter, die ihr von Amts wegen abgeknöpft wurde, wiederhaben und Joan verspricht Unterstützung. Das Treffen mit Mary, das sie arrangiert, endet aber ausgesprochen desaströs – Haynes ist hin und Anne wird als Killerin gesucht…

Ashley und Bingham vermuten, dass Anne aus Rache für den Kindesentzug die Treuhänder abmurkst und nun nach Schottland unterwegs ist, um dort den Job zu vollenden. Vor Ort halten die Waisenhaus-Treuhänder aber absolut nichts von Polizeischutz – um die Kinder nicht zu beunruhigen, nicht mal, als ein Dynamit gestohlen und die private Yacht des Waisenhauses samt fünf Treuhändern in die Luft gesprengt wird und der siebenjährige Sidney Opfer eines Ritualmords wird – schließlich können die Vorbereitungen für das alljährliche Bonfire ja nicht gestört werden…

Inhalt:

Wenn Peter Cushing und Christopher Lee zusammengespannt werden, denkt man als unbefangener Zuschauer natürlich zunächst an plüschigen viktorianischen Hammer-Grusel (oder den irgendwie charmant verunglückten Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse – dabei befindet sich unter den über 20 Kollaborationen der Genre-Ikonen auch noch so manch anderer, weithin unbekannter Stoff, wie z.B. der völlig irreführend „Das Dunkel der Nacht“ betitelte (nicht, dass der Originaltitel „Nothing but the Night“ sonderlich sinnvoller wäre) Mystery-Horror-Grusel-Krimi-Thriller nach einem Roman des britischen Thriller- und Horrorschreiberlings John Blackburn, ein Film, der sich gänzlich un-Hammer-ig gibt; dies ungeachtet der Tatsache, dass Regisseur Peter Sasdy u.a. mit „Wie schmeckt das Blut von Dracula?“ und „Comtesse des Grauens“ durchaus Hammer-Stallgeruch aufweisen konnte. Für Drehbuchautor Brian Hayles, der nach diversen TV-Arbeiten, u.a. für die Anthologie-Serien „Suspense“ und „Out of the Unknown“ sein erstes Kinoscript vorlegte (später schrieb er noch die Kevin-Connor-Heuler „Tauchfahrt des Schreckens“ und „Im Banne des Kalifen“, außerdem war er von 1966 bis 1974 immer wieder für „Doctor Who“ tätig), gilt dies weniger.

Was „Das Dunkel der Nacht“ schon auf den ersten Blick interessant macht, ist seine für die frühen 70er Jahre – wir wissen es, das war im Genre eben die Übergangszeit vom gestelzten Ausstattungs-Gruselfilm zwischen Hammer und Edgar Wallace und dem blanken Terror-Film – ungewöhnliche Struktur, die für meinen Geschmack – ob gewollt oder nicht – einiges den kleinen, billigen Mysteryschinken aus Hollywoods 40er-Jahre-Repertoire verdankt (ob’s nun Universals „Inner Sanctum“-Mysterys mit Lon Chaney jr. oder die Monogram-Chiller mit Bela Lugosi waren) – deren Spezialität war es, kriminellen Delikten (sprich Mord) einen übernatürlichen Mantel umzuhängen, um den dann mit einem überraschenden (sprich „aus dem Anus gezogenen“) Twist wieder wegzureißen, gerne aufgeklärt von einem neugierigen (sprich „doof rumstehenden und nicht wirklich was zur Handlung beitragenden“) Reporter.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob Romancier Blackburn und/oder Screenwriter Hayles Fans dieser horriblen murder mysteries (die ihre zumeist weltliche Auflösung primär dem Umstand verdankten, dass Schreiberlinge und Regisseure sich irgendwie um den Hayes Code, der „richtigen“ Horror praktisch unmöglich machte, herummogeln mussten) waren, die Connection sprang mich allerdings schon mit der Eröffnungssequenz (drei als Selbstmorde getarnte Morde an Treuhändern des Waisenhaus-Fonds) an und ließ mich eigentlich bis zum Ende nicht mehr los…

Liegt schon mal daran, dass „Das Dunkel der Nacht“ wie seine spirituellen Vorläufer jede Menge Plot in die knappen 87 Minuten Laufzeit packt – rätselhafte Serienmorde, ein mysteriöses Waisenhaus, police procedural, okkulte Rituale (impliziert), ein wenig „Wicker Man“-Atmosphäre mit einer Prise „Village of the Damned“-Flair und (SPOILER ALERT) mad scientist-Stuff zur Auflösung – kein Wunder, dass Film und Script wenig davon wirklich aufarbeiten können oder Zeit daran verschwenden dürfen, Charaktere auszuarbeiten; es mangelt dem Film an einer echten Hauptperson (Halsey, der zunächst danach aussieht, als könnte er diesen Posten übernehmen, wird ja pünktlich zum Ende des ersten Akts abserviert; danach teilen sich Foster, Bingham und Ashley die Position) – das macht es zugegeben schwierig, sich emotional auf die Geschichte einzulassen (um’s mal exemplarisch anzugehen – die größte Gefahr im Showdown droht Colonel Bingham, und der, uns ausschließlich als harter Polizeihund, der auf Geheiß der Obrigkeit amtiert, eingeführt, ist nicht gerade eine Figur, die dem Zuschauer sonderlich ans Herz wächst); der Film setzt wohl eher darauf, dass dem Publikum die Aufdeckung des Geheimnisses an sich reicht (was auch weitgehend funktioniert), was beinahe schon ein dokumentarisches Flair (zumindest aber solches einer „Dramatisierung realer Ereignisse“) erzeugt, trotz oder gerade wegen der seltsamen Abzweigungen, die die Geschichte nimmt, und dem ein oder anderen nicht zugeschaufelten Plothole (wie z.B. den mysteriösen Brandverletzungen des Busfahrers, die im Finale mit einem achtlos hingeworfenen Nebensatz – nicht wirklich – erklärt werden. Aber der Film spielt auch in einem Universum, in dem ein Psychiater die Zustimmung eines Pathologen braucht, um Tests durchzuführen).

Aber der Streifen ist ein Mystery-Thriller, der mal tatsächlich als solcher funktioniert, ohne sich in Horror- oder SF-Gefilden zu vertändeln (obwohl die Geschichte sowohl Horror- als auch Science-fiction-Elemente zumindest andeutet). „Das Dunkel der Nacht“ ist nicht wirklich „scary“, es gibt bis auf’s Finale nicht wirklich „intensive“, an die Nieren gehende Szenen (weswegen die FSK-12-Freigabe auch vollkommen in Ordnung ist), statt dessen setzt Sasdy auf die Stimmungslage „unsettling“ (speziell in den Szenen rund um das Waisenhaus, in dem alle Kinder fröhlich und alle Erwachsenen ausgesprochen besorgt um das Wohlbefinden der Zöglinge sind… das Gefühl, dass sich hinter dieser Heile-Welt-Fassade Abgründe auftun, wird stets befeuert, aber – bis zum Finale eben – nicht ausgesprochen. Heutzutage weckt das natürlich „Stepford“-Anklänge [auch wenn Levin seinen Roman gerade erst geschrieben hatte und sich die hiesige Story völlig anders entwickelt] und/oder erinnert, wie schon gesagt, an „Village of the Damned“). Das Script verteilt gibt sich große Mühe, eine Vielzahl von Optionen von schnödem Serienkiller bis hin zum okkulten mumbo-jumbo offen zu halten (wenngleich der Anne-Herb-red-herring ein bisschen sehr dick aufgetragen ist), befleißigt sich einer nahezu stoischen Ernsthaftigkeit, bis hin zum gleichermaßen überraschenden (die Auflösung kommt, auch das in der Tradition der 40er-poverty-row-Thriller, aus einer eher… unerwarteten Ecke) wie grimmigen Ende (ein klassisches Happy End ist das eher nicht. Was mich im Nachhinein nicht wundert, da Blackburns Romane gern mit denen von James Herbert verglichen werden, der vor drastischen Maßnahmen auch nie zurückschreckt).

Die Regie von Sasdy ist ebenfalls seriös, unspekulativ, wie erwähnt nicht auf Schockeffekte, sondern schleichendes Unbehagen hin ausgerichtet. Ihm gelingt das Kunststück, den Streifen ausgesprochen flott voranzutreiben, obgleich im „kinematischen“ Sinn (also bezogen auf „Action“ oder „Suspense“-Sequenzen) nicht viel passiert und sich dialoglastig abspielt (und, wie gesagt, auf eine klassische Heldenfigur verzichtet). Es ist eben gerade diese – irgendwie typisch britische – leichte „Hüftsteife“, die dem Film enorm hilft: er behandelt sein Thema mit Respekt, seine Figuren respektieren das Mystery, und dadurch fällt es dem Zuschauer leichter, auch ohne eine direkte Identifikationsfigur die Story zu akzeptieren (es ist ähnlich wie bei den Kolchak-TV-Filmen – wir haben einen seriösen Pathologen, einen seriösen Sonderermittler und eine zumindest halbwegs seriöse Reporterin, die die Vorfälle – aus unterschiedlicher Warte, fraglos – ernst nehmen, mit der Schlussfolgerung, dass wir idealerweise sagen „wenn solch integre Personen die Geschichte als das, was sie ist, akzeptieren, kann ich es auch“. Stephen King hat das, eben im Zusammenhang mit „The Night Strangler“ in „Danse Macabre“ etwas eloquenter ausgeführt).
Diese Stimmung unterstüzt Sasdy dadurch, dass er den Stoff eben deutlich stärker als realitätsbezogenen „Kriminalfall“ gewichtet, anstatt gleich die Horrorkarte offen auszuspielen – das lässt den Schluss, der dann, auf sehr sachliche Art und Weise, mit Horror-Imagery spielt, als richtigen, unerwarteten Tiefschlag wirken. Nicht zu unterschätzen ist sicherlich auch der Kontrast zwischen der „urbanen“ ersten Hälfte und der zweiten Halbzeit, die in der tiefsten schottischen Provinz (genauer: einer nur per Fähre erreichbaren Insel) spielt (was dann sicher auch die „Wicker Man“-Assoziationen weckt, auch wenn, ich wiederhole mich, die Filme nicht wirklich etwas inhaltliches gemein haben).
Malcolm Williamsons Score ist unaufdringlich, aber effektiv.

Dass es darstellerisch im britischen Kino selten scheitert, ist nichts neues, und für Christopher Lee, dem man ja speziell, was die „Dracula“-Filme angeht, wohl zurecht nachsagt, er hätte sie nur des Geldes wegen gedreht, scheint der Streifen tatsächlich eine Herzensangelegenheit gewesen zu sein – er steckte selbst Kohle in das Projekt (und war wohl auch eine der treibenden Kräfte hinter der speziell für diesen Film gegründeten neuen Produktionsgesellschaft „Charlemagne Films“, die allerdings umgehend wieder pleite ging). Lee, hier mal mit Schnauzbart (auch dies vermutlich, um sich vom „Dracula“-Image zu lösen) legt dann auch eine fast schon im positiven Sinn unterkühlte no-nonsense-Performance hin – wir *glauben* einfach, dass sein Bingham ein nüchterner, seriöser Ermittler ist, dem niemand ein X für ein U vormacht.
Peter Cushings Rolle ist von seinem van-Helsing- und Dr.-Frankenstein-Image nicht ganz so weit entfernt – als Pathologe, der in Leichenüberresten herumpuhlt, ist er fraglos in seinem Element, aber auch er agiert mit großer Ernsthaftigkeit (zudem ist es mal eine nette Abwechslung, Cushing und Lee auf der gleichen Seite agieren zu sehen und nicht die Kontrahenten zu geben).

Diana Dors, einstmals als „britische Monroe“ und Kurvenwunder gehandelt (zu sehen u.a. in „Links und rechts vom Ehebett“, „Keine Schonzeit für Blondinen“ oder „General Pfeifendeckel“) lenkt eifrig Verdacht auf sich, wirkt überzeugend nuttig und wäre in der Tat die letzte Person, der ich ein zehnjähriges Mädchen anvertrauen würde, insofern – alles richtig gemacht.
Georgia Brown („Geschichten, die zum Wahnsinn führen“, „Kein Koks für Sherlock Holmes“) könnte theoretisch – gerade wenn wir uns die ideellen Vorgänger des Films so ansehen – als „ditzy newspaper reporter“ tierisch nerven, aber auch sie bedient sich zurückgenommener, kontrollierter Mittel – wenn sie dann etwas aus sich herausgeht, wie in der Pressekonferenz, in der sie den TV-Veteranen Fulton Mackay (im Kino zu sehen u.a. in „Local Hero“ und „Britannia Hospital“, hier, ohne zum comic relief zu verkommen, für die etwas „leichteren“ Töne zuständig) zur Weissglut treibt, ist das dann, Gebetsmühle anwerf, um so wirkungsvoller.
In einer kleineren Rolle als Polizeiinspektor gibt sich Dumbledore II. Michael Gambon die Ehre.
Durchaus bemerkenswert ist die Leistung der Debütantin Gwyneth Strong (später solide beschäftigte TV-Aktrice) als Mary Valley (und auch das wiederhole ich gerne: wer mich als Kinderdarsteller nicht nervt, macht vieles richtig).
Auf den ersten Blick mag ebenso wie ein klar definierter Held ein apostrophierter Antagonist fehlen, die Struktur der Geschichte und ihre Pointe macht dies allerdings schlicht unvermeidbar.

Bildqualität: MiB hat einen ganz hübschen Print ausgegraben (und wenn MiB einen älteren Film veröffentlicht, muss man zunächst mal skeptisch sein) – abgesehen von gelegentlichen leichten Farbschwankungen macht der Transfer einen soliden Eindruck, was Schärfe und Kontrast angeht, leider nicht im korrekten 1.85:1-Bildformat, sondern in 4:3-Vollbild.

Tonqualität: Neben einer verdächtig neu klingenden deutschen Sprachfassung in Dolby 2.0 (sie klingt sehr steril, ist aber okay besetzt) wird erfreulicherweise der englische O-Ton (ebenfalls Dolby 2.0) mitgeliefert. Bei Cushing und Lee im Cast sollte man nicht überlegen, welche Spur man wählt, sofern man dem englischen Idiom einigermaßen mächtig ist (mit Akzenten wird nicht übertrieben).

Extras: Nur eine Bildergalerie.

Fazit: Ich hatte mir „Das Dunkel der Nacht“ mal für wenig Geld auf Verdacht aus’m Laden mitgenommen, ohne klare Erwartungen. Letztlich war ich positiv überrascht – hinter dem klischeehaften Cover und dem nichtssagenden Titel verbirgt sich ein effektiver kleiner Mysterythriller, der sicherlich die Welt nicht aus den Angeln reißt, aber als das, was er sein will, prächtig funktioniert, sofern man sich auf die nüchterne, unspekulative und dialoglastige, trotzdem aber erstaunlich schnelle und zupackende Inszenierung einlassen kann. Sicherlich etwas völlig anderes, als man gemeinhin mit Cushing und Lee in Verbindung bringt, aber sehr sehenswert und eine echte Entdeckung für die Freunde des eher subtilen Thrills – massiv unterbewertet!

4/5
(c) 2011 Dr. Acula

  • So sehr ich den genervten Blick des Fahrers verstehen kann, so wenig wird er ihm bekommen...

  • Bei "Was bin ich" wäre das sicher Cushings typische Handbewegung gewesen. Jedenfalls das oder pfählen.

  • "Vielen Dank für Ihr Vorsprechen für die Marilyn-Monroe-Rolle. Rufen Sie nicht an, wir rufen Sie an!" *vor-den-Bus-schubs*

  • "Stimmt, Kleine, ich wusste auch nicht, das wir auch Neger einstellen". Hey, es ist 1972. Da darf man das noch sagen...

  • Brrr... you'd have to be awfully drunk to hit that.

  • Christopher Lee and his mighty moustache do not approve of your opinion.

  • "Und da hinten steht mein Lieferwagen mit Gratis-Süßigkeiten!"

  • Im Hantieren mit Leichenteilen hat Herr Cushing ja Erfahrung.

  • Has Dracula met his match?


mm
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