- Deutscher Titel: Verführung aus dem Internet
- Original-Titel: Cyber Seduction: His Secret Life
- Regie: Tom McLoughlin
- Land: USA
- Jahr: 2005
- Darsteller:
Jeremy Sumpter (Justin), Kelly Lynch (Di), Lyndsy Fonseca (Amy), Nicole Dicker (Monica), John Robinson (Steve), Jake Scott (Alex), Kyle Schmid (Timmy), James A. Woods (Dooley), Briony Glassco (Beth), Benz Antoine (Coach), Alison Sealy-Smith (Dis Kollegin Emma) u.a.
Vorwort
Dass das Internet von bösen, es nicht wohl meinenden Menschen bevölkert wird, hatte ja bereits der deutsche TV-Psychothriller „Online – Meine Tochter in Gefahr“ aufgezeigt, den ich hier vor einigen Jahren besprochen hatte: Darin wurde Annette Frier mit einem besonders gemeinen Hacker konfrontiert, der ihr teuer erspartes Geld für billige Vasen auf einer Pseudo-Ebay-Plattform ausgab und über ihren Firmen-E-Mail-Account kompromittierende Nachrichten verschickte, in denen die Affäre ihres Vorgesetzten mit ihrer Arbeitskollegin an die gesamte Belegschaft ausgeplaudert wurde, was schließlich neben der Kündigung einiger Freundschaften auch zu einer Kündigung in ihrem Job führte. Gleichzeitig machte er sich unter dem Vorwand, ein junges Mädchen zu sein, digital an ihre Teenagertochter heran – nicht weil er pädophil war, wie man eingangs vermuten konnte, sondern weil er in ihr seine kleine Schwester gefunden zu haben glaubte, die in Wirklichkeit bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Ja, es war abstrus. Am Ende war die Welt zwar um einen psychopathischen (und – wenn wir uns an den Film erinnern – völlig verblödeten) Unhold ärmer, weil Johannes Brandrup rechtzeitig den Todesschuss auf ihn abfeuern konnte, aber Unholde sprießen wie Unkraut nach – und deshalb steckt das Internet auch 2026 noch voller Gefahren.
Das war aber – wem erzähle ich da was Neues? – nicht erst 2013 und nicht allein in Deutschland so, als „Online – Meine Tochter in Gefahr“ erstmals ausgestrahlt wurde. Unsere heutige Geschichte spielt bereits acht Jahre vorher in einem kleinen Städtchen in den USA: In jener Zeit steckte das Internet vielleicht nicht mehr in den Kinderschuhen, befand sich aber gerade in der Übergangsphase zwischen dem frühen Web („Web 1.0“) und dem sozialen interaktiven Web („Web 2.0“). Es war also noch neu genug, um Eltern zu ängstigen, die vielfach nicht nachvollziehen konnten, was ihre Kinder dort so trieben. Deshalb warnten sie sie eindringlich, vorsichtig zu sein. Viren und Trojaner waren ähnlich gefürchtet wie die Tatsache, dass Söhne und Töchter nur noch vor dem Computer sitzen und sich in die soziale Isolation verabschieden.
Es gab also damals schon viel zu warnen. Dachte sich auch Lifetime Movie Network, ein Pay-TV-Netzwerk, das vor allem Fernsehfilme ins Leben rief, die sich vorrangig an Frauen richteten. Diese Zielgruppe soll sich folglich auch in „Cyber Seduction: His Secret Life“ wiederfinden, wie unser heutiger Film reißerisch, wenn auch eher generisch im Original heißt (er lief übrigens auch bereits auf RTL II als „Verführung aus dem Internet“). Andererseits erscheint der Titel doch spannend: Das Wort „Cyber“ verströmte den nötigen Hauch von gefährlichem Futurismus, „Seduction“ hat was Verruchtes – und „His Secret Life“? Hui, da stellen sich die Härchen an den Armen auf, weil das alles so furchtbar mysteriös klingt.
Diese Vagheit im Titel mache ich mir doch gleich mal zunutze und halte die Spannung noch ein Stück aufrecht, worum es hier und heute überhaupt geht. Nur schon mal so viel: Ja, das Thema, das vor uns ausgebreitet wird, ist ein wirklich ernstes – beziehungsweise wäre es das zumindest theoretisch, wenn man sich denn nicht am laufenden Band totlachen müsste …
Inhalt
Aber ich habe einiges vorweggenommen: Schlucken wir daher zunächst das hämische Grinsen herunter und tun wir so, als würde uns wirklich ein herzzerreißendes Drama erwarten, denn das ist der Film auf dem Papier: ein Drama. Dunkel ist’s und vermutlich kalt, als eine Gestalt verloren durch die Gegend streunert und sich schließlich an den Fenstern eines Gebäudes zu schaffen macht, um dort widerrechtlich einzubrechen. Einen Schnitt weiter ist sie auch schon drin und marschiert zielsicher um einen Indoor-Pool herum. Bald erhaschen wir einen ersten genaueren Blick auf jene Gestalt: Sie ist ein vielleicht 16-jähriger Junge, der, sobald er sein Gesicht in Richtung Kamera bewegt, ein blaues Auge spazieren trägt und zugleich blutigen angetrockneten Rotz unterhalb der Nase kleben hat. Mit ausgebreiteten Armen stellt er sich an den Beckenrand und lässt sich wie ein nasser Sack ins Wasser fallen. Die Vermutung liegt nahe: Da will sich jemand umbringen…
Ob ihm das gelingt, erfahren wir bis auf Weiteres nicht, weil wir uns – juhuu! – in einem Flashback-Film befinden, der uns erzählen wird, wie es zu der verzweifelten Notlage dieses Jungen kommen konnte. Also drei Monate zurück: Zu jener Zeit findet gerade ein Schwimmwettbewerb statt, angetrieben von einer Horde frenetisch jubelnder Zuschauer. Besonderen Eindruck hinterlässt dabei eben dieser Junge, der sich nach dem Sieg gleich einen anerkennenden Kuss von seiner Freundin Amy abholt und von seiner ebenfalls anwesenden Familie – Mutter, Vater, Bruder – gefeiert wird. Ja, Justin Petersen ist unser Mann der Stunde, und der Gewinn dieses Rennens führt ihn geradewegs ins All-State-Schwimmteam, wie ihm sein (natürlich schwarzer) Trainer freudig verkündet. Es ist also nicht untertrieben, wenn seine Mutter ihm ein stolzes „You rock!“ entgegenschleudert.
Erfolg macht sexy – wir wissen das. Justin macht diese Erfahrung ebenfalls und wird auf dem Schulhof gleich mal von den coolen Kids Timmy und Dooley, die ihn wahrscheinlich bislang nicht mal mit dem Arsch angeguckt haben, angesprochen. Woran man erkennt, dass das die coolen Kids sind? Der eine hat ein blondes williges Chick auf dem Schoß sitzen, und hätte er das, wenn er nicht cool wäre? Eben. Timmy drückt seine neu gewonnene Wertschätzung dadurch aus, dass er Justin ungefragt (und unwidersprochen) einen Spitznamen verpasst (er lautet tatsächlich – „Stroke Man“?!) und die Absicht unterbreitet, zukünftig Zeit mit ihm verbringen zu wollen: „Yo, give me a call sometime. We should hang out.“ Aber auch die Damenwelt entdeckt, dass Justin durch den Sieg eindeutig männlicher geworden ist: Dooleys Ische Monica wirft ihm unverhohlen und kaum noch heimlich halb laszive Blicke zu und geht schließlich mit einem sanften Anstupser beim Davongehen auf Tuchfühlung. Das reicht bereits aus, um den Hormonhaushalt unseres Helden in Schwung zu bringen und ihn seine eigentliche Freundin Amy kurzzeitig vergessen zu lassen – dem Blick nach zu urteilen.
Theoretisch würde ich ja jetzt sagen: Ja, ich hab’s kapiert, Justin ist jetzt beliebt. Für den Fall, dass das eben zu viel der Zwischen-den-Zeilen-Leserei war, holt Justins Mama aber gleich auch noch ihn und seinen Bruder von der Schule ab und erwähnt dabei die vielen Telefonnummern, die sie als Haar- und Make-up-Artistin von ganz vielen älteren Schülerinnen bekommen hätte. „Fish Boy’s saving his spit for Amy“, neckt ihn sein Bruder, damit wir dummen Zuschauer auch wirklich verstehen, dass Amy eben nach dem Schwimmerfolg nicht aus Jux und Dollerei ihre Lippen über seine gestülpt hat, sondern seine Freundin ist. Justin reagiert ungehalten und zieht seinem Bruder mädchenhaft an den Haaren.
Später verabschiedet sich Justin von einem gemeinsamen Nachmittag/Abend mit Amy und knutscht eine Runde mit ihr. Wenn es nach ihm ginge, würde er nun auch ganz gern den nächsten Schritt beschreiten wollen, der vermutlich eher in Richtung Petting oder noch mehr geht, aber seine Freundin ziert sich entschlossen, bis er kleinlaut nachgibt: „Well, you’re right. I’m being a total jerk.“ Am Ende gehen sie harmonisch auseinander, auch wenn wir schon ahnen: Hier möchte jemand seine Hörner abstoßen. Stattdessen wird er aber nur gepiesackt: Monica provoziert ihn mit schmachtenden Blicken, Amy will nur langweiligen Speichelaustausch.
Wenn man so im Internet liest, genießen Lifetime-Filmproduktionen keinen allzu hohen Stellenwert beim Publikum. Zu übertrieben die Dramatik, zu reißerisch die Story – das sind gern verwendete Attribute. Nach den bisherigen Minuten würde ich noch ergänzen wollen: zu plump das Skript. Offensichtlichste Dinge werden mit enormer Lautstärke antelegrafiert, damit sie auch der Letzte versteht. Das geht nahtlos von Szene zu Szene weiter und spiegelt sich sogar im Set-Aufbau wider: Justin sitzt zu Hause an seinem Computer. Hinter ihm an den Regalen hängen neben einem Plüschschwertfisch (??) auch etliche Medaillen, wo immer Platz ist – nicht fein säuberlich sortiert aufgereiht, nein, sie füllen breitgefächert von links nach rechts das Szenenbild, als wolle man sichergehen, dass auch keiner verpasst: Hier sitzt ein absoluter Schwimmkünstler seines Fachs!! Sind wir deutlich genug??
Und noch etwas zeichnet Lifetime-Filmproduktionen aus – oder zumindest die beiden Drehbuchautoren von „Cyber Seduction“, Wesley Bishop und Richard Kletter: ihre Weltfremdheit. Offenbar hat man ihnen ein Thema auf den Tisch gelegt und gesagt: Nun macht mal – ohne sie zu fragen, ob sie eine Ahnung haben, was sie damit anfangen sollen. Wie tickt die Jugend? Wie funktioniert das Internet? Sie wissen es nicht, müssen für ihr TV-Drama der Woche aber trotzdem irgendwie was zusammenstricken. Deshalb sitzen die Miezen bei den coolen Kids auf dem Schoß. Deshalb kriegt Justin Kosenamen wie Stroke Man und Fish Boy. Und deshalb nennt er sich in sozialen Medien auch nicht „Spider-Man“ oder „Keyser Soze“, sondern „swimmer“. Sein neuer Kumpel Timmy, den wir ja vorhin auf dem Schulhof kennengelernt haben, ist allerdings noch einfallsloser unterwegs und heißt schlicht: „Timmy“. Unter diesem Namen schreibt er unserem Schwimm-Ass im Chat eine Nachricht: „Stroke Man! Check this out @Monicas page“.
Tja, heutzutage wissen wir, dass wir nicht auf dubiose Links klicken sollten, schon gar nicht auf die von Schwachmaten, die sich Spitznamen wie Stroke Man ausdenken. Justin ist da etwas unbedarfter und klickt – und begeht damit den schlimmsten Fehler seines noch jungen Lebens. Was wir noch nicht wissen: Von jetzt an geht es nur noch in eine Richtung mit ihm, und zwar bergab. Hinter dem Link verbirgt sich – ein Foto von Monica in bauchnabelfreiem Top auf einem Bett sitzend und direkt in die Kamera schauend! Justin starrt es an, als hätte er noch nie den Bauchnabel eines anderen Mädchens gesehen und als würde ihm daher gerade der Schwanz in seiner Hose ersteifen. Vielleicht versucht er aber auch die Worte zu verstehen, die neben Monicas Foto in der Beschreibung ihrer Person stehen: zum einen „Lookin for Lov In“ (??), zum anderen „I like men who know how to ‚tickle my fancy‘“!
Das wäre jetzt fast ein Foto, das ich mir als Jugendlicher bedenkenlos angesehen hätte, wenn meine Eltern im selben Raum mit mir gewesen wären. Nicht so Justin, dem es sehr unangenehm ist, als sein Vater unangemeldet durch die offene Zimmertür geht. Darum drückt er die schmutzige Website schnell hektisch mit ein paar Klicks weg. Daddy kriegt nichts von dem Treiben seines Sohns mit und gibt ihm enthusiastisch weitere Spitznamen: „Mr. All-State, High School Hero!“ All diese Kosenamen wären mir an Justins Stelle ja peinlicher als Monicas begutachtetes Web-Foto, doch er ist stolz: „You know, everyone was pretty stoked about it.” Ach, sag an. Das wäre mir nicht aufgefallen, nachdem es so ungefähr jeder Mensch, dem du begegnet bist, dir gegenüber erwähnt hat, Captain Obvious! Er ist aber noch aus einem weiteren Grund stolz: weil sein Name nun in derselben Vitrine steht wie der seiner Mutter, die in frischeren Zeiten wohl eine ähnlich tolle Schwimmerin war. „Man, we rule“, freut sich Daddy einen Ast ab und hampelt dabei so dämlich herum, dass ich eher rot anlaufen würde wegen seines peinlichen Gehabes, als ihm auch noch zuzulächeln wie Justin, als wäre sein Dad lustig. Und nein, Papa, du rulst ganz bestimmt nicht.
Bei so vielen Erfolgsnachrichten auf einen Haufen kommt die Mutter auf ungewöhnliche Ideen: nämlich dass sie und ihr Gatte doch auch mal etwas Us-Time in Form eines sündhaft teuren Urlaubs verdient hätten. Daddy wirkt überrumpelt und äußert gerade vor dem Hintergrund des finanziellen Aspekts Zweifel, aber seine Frau hat die besseren Argumente, als sie ihm verführerisch ins Ohr haucht: „I’ll make it worth your while.“
Wenn sie doch nur wüssten, in welchen Abgründen Justin sich gerade bewegt, dann würden sie das Turteln sein lassen. Noch immer lungert er auf Monicas Website herum und glotzt das Mädchen an, als hätte er erst jetzt von der Existenz des anderen Geschlechts erfahren. Inzwischen hat er sich zu einem weiteren Foto von Monica durchgearbeitet. Darauf trägt sie ein Top mit einem etwas tieferen Ausschnitt. Da „Idiot Man“ (viel passender Spitzname für ihn als alle bisher genannten) es immer noch nicht für nötig gehalten hat, seine Zimmertür zu schließen, muss er, weil seine Mutter ins Zimmer kommt, um ihm tadelnd seine im Flur rumliegende Stinkesocke auf den Schoß zu werfen, erneut in aller Schnelle die Beweise seines schändlichen Tuns mit Tastendruck wegdrücken. Kaum dass sie wieder geht, glotzt er weiter – ohne die Tür zuzumachen! Er legt es echt darauf an. Da taucht eine erneute Nachricht von Timmy auf: „Stroke Man?… after game party. My house. Everybody’s commin‘. Monica too. Be thier.” So schrieb die Jugend anno 2005.
Monica war wahrscheinlich das schlagende Argument für Justin, das ihn überzeugte, die Party tatsächlich zu besuchen. Da er aber (noch) nicht so schamlos ist, hinter dem Rücken seiner Freundin Monica anzugeiern, nimmt er seine Freundin fürs Angeiern kurzerhand mit. Beide lehnen bei ihrer Ankunft artig das angebotene Bier ab (richtig so – Alkohol ist böse!) und betreten das Wohnzimmer, in dem sich eine Gruppe von Teenagern (darunter die uns bereits vertrauten Timmy, Dooley und Monica) auf Couch und Sessel lümmelt, denn auf einem großen Bildschirm läuft gerade der geilste Scheiß. Der geilste Scheiß beinhaltet viel Gestöhne, das ich einem Porno zuordnen würde, aber was wir auf dem Bildschirm davon sehen, ist der sekundenkurze Blick auf undefinierbare Körperteile unterschiedlicher Hautfarbe. Ich meine zwei Arme zu erkennen, die aber auch Schenkel sein könnten. Dooley kann sich offenbar auch keinen Reim darauf machen, was das genau ist, und fordert den Gastgeber auf: „Hey dude, type up ‚naked college babes‘.“ Eines der anwesenden Mädchen kriegt ob der Äußerung beinahe Brechreiz: „You guys are such losers! How’d you like it if we watched naked guys?“ Nun, namenloses Mädchen, zum einen glaube ich, dass uns Männern es wenig ausmacht, wenn unsere Partnerinnen nackte Typen angaffen. Und zum anderen: Bis eben hat’s dich doch auch nicht gestört, dass die Kerle mit euch Frauen einen Porno geguckt haben. Ich präzisiere: vermeintliche Pornos. Arme oder Schenkel zu lautem Gestöhne ersetzen schließlich keine erigierten Penisse und/oder geweiteten Schamlippen.
Nach der einfallsreichen Sucheingabe „naked college babes“ ploppen auf jeden Fall drei Pop-ups auf, die Pop-ups für Schweinkram sein könnten, wenn denn die bekleideten Frauen darauf deutlich weniger tragen würden. Über das Gesehene amüsieren sich vor allem die Herren der Schöpfung gewohnt pubertär, als wären Pop-ups von halb bekleideten Frauen die Wichsvorlage schlechthin.
Nicht an dem Gekichere und Rumpubertiere beteiligen sich Justin und Amy, die noch immer im Wohnzimmer rumstehen wie bestellt und nicht abgeholt – zumindest Amy, die damit so überhaupt nichts anfangen kann. Ihr toller Freund indes steigt voll auf den „Hör auf mich, vertraue mir“-Kaa-Hypnose-Blick ein, den Monica ihm geradezu unverschämt offensichtlich in Anwesenheit von Amy und ihrem eigenen Freund zuwirft. Unmöglich, dass das im wirklichen Leben keiner merken würde, aber im Leben des Films merkt es keiner.
Timmy stuft in der Zwischenzeit die Bekleidete-Frauen-Pop-ups als „boring“ ein (was ich SEHR GUT verstehen kann – wenn ich „naked college babes“ eingebe, erwarte ich gefälligst nackte College-Babes und keine nervigen Pop-ups, in denen nicht mal eine nackte Titte aufblitzt). Da gibt ein Partygast Timmy über sein Walkie-Talkie einen wichtigen Hinweis: Daddy ist im Anmarsch – wiederhole: Daddy ist im Anmarsch. Die Warnung kommt rechtzeitig genug, dass Sohnemann schnell auf das Alternativprogramm – von „Online-,Porno‘“ auf „altes Footballspiel in Schwarz-Weiß“ – umschalten kann. Die heutige Elterngeneration wird auch immer blöder: Als würden Kinder im Teenageralter mit Alkoholika auf Partys abhängen und sich dabei jahrzehntealte Aufnahmen von Footballspielen im Fernsehen anschauen. Timmys Vater schluckt dennoch die Kröte und kann seinen Blick nicht vom Bildschirm abwenden, weil bei ihm nostalgische Erinnerungen an dieses Spiel aufflimmern. In einem Anflug von beabsichtigter Komik, die aber sehr nach hinten losgeht, muss Timmy seinem Alten begreiflich machen, dass es stört, wenn Eltern die Partys ihrer Kinder crashen. Der Abgang des Vaters ist auch DIE Gelegenheit für Amy, Justin zum Aufbruch zu bewegen. Ich kann sie verstehen: selten eine langweiligere Party mit unsympathischeren Arschgeigen erlebt. Justin hat da mehr Spaß, weil er ja mit Monica eine Person gefunden hat, die ihn immer noch beharrlich niederstiert, aber letztlich hat er keine Chance: Wenn die Freundin die Party scheiße findet, haben wir Männer zu spuren, wenn wir später keinen Ärger wollen.
Auf dem Heimweg ist Amy angesichts des soeben Erlebten nachdenklich. „I don’t get the whole porn thing“, sagt sie und angesichts der Fehlmenge an eben gesehenen pornografischen Szenen verstehe ich sie, dass sie nicht versteht. Sind Pornos nicht eigentlich Filme, in denen Menschen echten Geschlechtsverkehr haben? Amy meint es natürlich anders, denn sie hat eben echten Geschlechtsverkehr gesehen und wir nur undefinierbare Körperteile, die womöglich aufeinander rumrutschen. „I mean the way they do it: it’s so mechanical. Animal Channel shows better relationships”, sagt sie und lässt erkennen, dass sie durchaus weiß, wovon sie spricht. (Oder auch nicht.) Langsam glaube ich übrigens auch, dass es für alle Seiten besser gewesen wäre, wenn die Autoren lieber Drehbücher für Tierdokumentationen geschrieben hätten, wenn am Ende dabei solche Dialogsätze rauskommen. Justin findet Amys Bemerkung etwas weird: „Ah, didn’t know you were into watching animals do it.” Seine Freundin möchte wissen, ob Justin Pornos geil finde, aber der redet sich etwas kompliziert heraus: „Not at all. I mean, nothing compared to you.“ Amy stellt klar: Wenn sie und Justin irgendwann mal Sex haben sollten, müsse es aus ihren Herzen kommen. Dieser sehr konservativen Ansicht begegnet der in der Hinsicht merklich ungeduldigere Justin mit einem lapidaren „I know“. An der Reaktion merkt Amy, dass ihr Freund sie wohl für eine verklemmte Spießerin hält, aber er versichert ihr (die Einschätzung, ob glaubhaft oder nicht, überlasse ich euch): „I think it’s cool.“ Amy ist beruhigt und versichert hoch und heilig: Ihr gemeinsames erstes Mal werde bestimmt magisch und den notgedrungenen Samenstau in Justins Hoden wert sein (also, Letzteres sagt sie nicht ganz in diesen Worten).
Letztendlich ist es aber so: Auch die seiner Freundin noch so überzeugend vorgetragene Vergewisserung, dass er warten könne, kann die stetig wachsende Geilheit unseres längst angefixten Hauptprotagonisten nicht mehr zügeln. Zu Hause am Computer wird er mal wieder von Timmy angechattet, der es äußerst uncool fand, dass Justin einfach von seiner heißen „Porno“-Pop-up-Party abgehauen ist. Gleichzeitig will er aber mal nicht so sein und schreibt: „check this out…u won’t believe the Monster tits @Big Breasted World“. Es ist amüsant, dass der Film selbst bei einem Alltagswort wie „Titten“ seine Prüderie nicht aufgibt und das „i“ in „tits“ mit dem Cursor verdeckt: also „t*ts“ quasi.
Natürlich kann Justin in seiner mächtig angegeilten Lage auch diesmal nicht davon lassen, den Link anzuklicken – und wird mit diversen Pop-ups zugeschissen, die Überschriften liefern wie „A Lust for Bust“ und eine (natürlich angezogene) Blondine mit – nun ja – großen Brüsten zeigen. Wieder kriegt er dabei Stielaugen, die vermuten lassen, er hätte erst jetzt von der Existenz von D-plus-Körbchengrößen erfahren.
Justins Mama wird mitten in der Nacht wach und spitzt die Ohren, als sie Tastaturtippen hört. Da will sie doch lieber mal nachschauen – und weil Justin immer noch nicht gelernt hat, wie man eine Tür schließt, ertappt sie ihn auf frischer Tat beim Sichten verbotener Nicht-Titten-Bildchen auf einer dubiosen Website. Nebentitel des Films: „His Secret Life“. Ha, jetzt wohl nicht mehr… Sie, die immer an das Gute im Menschen und insbesondere in ihrem so sanftmütigen Schwimmgottsohn glaubte, ist unübersehbar schockiert und kommt nicht umhin, ihren verkommenen Sohn auch gleich noch darauf aufmerksam zu machen, dass sie alles gesehen hat, damit die peinliche Situation noch peinlicher wird. Zu spät schließt er die verräterischen Bilder und verspricht kleinlaut, jetzt schlafen zu gehen.
Mama ist aber derart aufgekratzt über die Tatsache, dass sie sich so in ihrem braven Sohn getäuscht hat, dass sie sofort ihren Ehemann weckt!! Kann ja nicht sein, dass ein pubertierender Jugendlicher mit keuscher Freundin in der Nacht Frauen anstarrt, die was anhaben!
Sie (völlig aufgelöst): Steven! Steven! Wake up!
Er (total verschlafen): What?
Sie: Justin’s looking at porn!
Er (verständnislos grummelnd): Oh okay. Good night, hon!
Sie (insistierend): Steven! He’s looking at naked girls on his computer!
Er (immer noch verständnislos): And?
Sie: And you think that’s normal?
Er (keine Lust auf Diskussionen): Well, pretty much. That’s what teenage boys do. They look at pictures of girls with big boobs.
Sie (unschlüssig): Should we talk to him?
Er: About what? Naked women?
Sie: I don’t want him seeing girls like that.
Er (will endlich seine Ruhe haben): Okay, I’ll talk to him. Good night!
Sie (wütend, dass er nicht wütend ist): I never said they had big boobs!
Er (ins Kopfkissen murmelnd): They always do.
Man weiß nicht, wo man anfangen soll. Vielleicht mit dem Schönen zuerst: Die Szene ist brüllend komisch – schlichtweg die schönste Art unfreiwilligen Humors, die man sich nur vorstellen kann, völlig ernst gemeint, aber in der Reaktion so übertrieben, dass man der Mutter eine runterhauen will. Außerdem: Justin mag sich „girls“ auf seinem Computer angesehen haben, aber nein – wenn sie eins waren, dann nicht „naked“. Es wäre ja schön, wenn es mal irgendwas zu sehen gäbe, was nach weiblichen Rundungen aussieht, aber Fehlanzeige.
Es ist offensichtlich, was die Macher hier bezwecken: Wir sollen Partei ergreifen für die entsetzte Mutter des notgeilen Rabauken und den Kopf schütteln über den gedankenlosen Vater, der verbal mit den Schultern zuckt und weiterschlafen will. Stattdessen ergreifen wir Partei für den in der Sache völlig richtig liegenden Vater, der genau weiß, wie älter werdende Jungs ticken, und lachen seine Frau aus, weil die wegen einer absoluten Lappalie (wie gesagt: das „nackt“, was sie unter „nackt“ versteht, verstehe ich als „angezogen“) ausflippt und somit den Eindruck erweckt, sie hätte gerade gesehen, wie Justin Heroin schnupft. „I don’t want him seeing girls like that“, sagt sie oben zu ihrem Mann. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass „angezogen“ „nackt“ ist – soll der arme Kerl sein Leben lang enthaltsam leben?
Und last but not least: Die Rolle der Mutter spielt fuckin‘ Kelly Lynch – eine Schauspielerin, die in „Road House“ für leidenschaftlichen Sex mit Patrick Swayze blankzog und in „Warm Summer Rain“ sogar gänzlich schamlos im Evakostüm herumlief. Insofern ist die Hysterie dieses Moralapostels vielleicht doch wieder verständlich: Was ist, wenn Justin ihren Namen googelt und von der düsteren (sehr nackten) Vergangenheit der Mutter erfährt?
Weil Justin ein Lausebengel ist und gerade wir Männer stets und ständig triebgesteuert unterwegs sind, steht er trotz des Bekundens gegenüber seiner Mutter, schlafen gehen zu wollen, in derselben Nacht doch nochmal auf und geht an seinen Computer. Die Quittung folgt auf dem Fuße: Beim nächsten Schwimmtraining kriegt er einen Einlauf von seinem Coach verpasst, der sich gewaschen hat: „That is a sorry excuse for a swim, and you know it.“ Offenbar haben ihm die unnackten Mädchen so sehr eingeheizt, dass er mittlerweile nur noch mit Dauerlatte schwimmt.
Justins um sein Seelenheil besorgte Mama lässt die schockierende nächtliche Entdeckung keine Ruhe. Deshalb fragt sie ihre kundigere Kollegin um Rat: Wie könne man denn überprüfen, auf welchen Websites eine bestimmte Person – nennen wir sie Justin – so unterwegs ist? Die Kollegin ist gleich in zweierlei Hinsicht hilfreich: Erstens spricht sie die bisher so namenlos gebliebene Mom mit Di an. Ich verbeuge mich höflich und bedanke mich. Zweitens zeigt sie der sich erbärmlich rechtfertigen wollenden Ahnungslosen („I don’t want to be that kind of mom but …“) mit wenigen Klicks die Funktion „Browserverlauf“. Gleichzeitig stellt sie aber klar, dass der gerade angewandte Trick 17 (Verlauf checken) im Prinzip nutzlos ist, weil jeder Mensch – also jeder Mensch außer Di – weiß, wie man den Verlauf löscht. Di pustet durch: „Man, this internet is getting scarier!” Mann, und dieser Film wird immer dümmer!
Das trifft auch auf Justin zu, denn der behandelt seine Amy bereits seit geraumer Zeit bemerkenswert unsensibel. So auch jetzt, als er ihr auf dem Schulflur den Kopfhörer abnimmt und mal hören will, was sie hört. „Switchfoot again?“, seufzt er und beteuert, Green Day jederzeit dieser „für ihre spirituell aufrüttelnden und sozial bewussten Liedtexte“ (danke, Wikipedia!) bekannten Band vorzuziehen. Er holt sich die selbstverständlich völlig objektive Richtigkeit seiner Annahme gleich noch von der vorbeikommenden Monica ein, die die Entweder-Oder-Frage deutlich beantwortet: „Switchfoot’s for altar boys. Got to go with Green.“ Dann macht er sich weiter über den fragwürdigen Musikgeschmack seiner sogenannten Liebsten lustig: „Yeah, yeah, praise the Lord.” Allmählich outet er sich als Kandidat für einen Platz in der ersten Arschloch-Reihe – und das alles nur wegen dieser „Pornos“!
Dad Steve kommt nach einem harten Arbeitstag nach Hause und lässt sich erschöpft aufs Bett plumpsen, in dem Di bereits sitzt. Er hat tolle Neuigkeiten: Der geplante teure Sex-Urlaub zu zweit mit der geliebten Gattin nach San Francisco ist gebongt! Di kann ihr Glück kaum fassen und offenbart damit ihren miesen Charakter: Für Mom und Dad ist es nämlich okay, die Hotelbetten unsicher zu machen, aber Justin, der hat gefälligst seinen Keuschheitsgürtel zu tragen – und wehe, er schaut sich harmlose Bildchen von angezogenen jungen Frauen an. Wie nennt man das: Doppelmoral?
Und die Drecksarbeit lässt sie auch lieber den Mann machen. Er solle doch mal bitte wegen der schlimmen Sache mit Justin reden. Mit seiner Aussage „He’s not a pervert just because he looks at pictures with naked women” zeigt er allerdings, dass er eigentlich auf der Seite seines Sohns steht. Er ist wahrscheinlich ganz kurz davor zu sagen: „Hätte ich früher schon Internet gehabt, hätte ich es genauso gemacht.“ Allerdings fürchtet er wohl Sexentzug bis zum Ende des Monats, wenn er noch länger versucht, Justins krankes Verhalten zu normalisieren.
Trotz dieser schlechten Voraussetzungen sucht der Pantoffelheld das Gespräch mit Justin und fängt eigentlich ganz gut an: „Umm… your mom was up late a couple of nights ago, and she saw some pictures on your computer…“ Justin ist sofort einsichtig – Leugnen wäre eh zwecklos, weil er in jener Nacht ja eindeutig erwischt wurde – und verspricht, es nie wieder zu tun. Wäre Steve ein klügerer Mann, hätte er das jetzt so im Raum stehen lassen und seiner Frau sagen können: „Ich habe mit ihm gesprochen. Er macht das nie wieder.“ Stattdessen macht er den schwerwiegenden Fehler zuzugeben, Justin im Grunde zu verstehen, denn er sei auch mal jung gewesen und habe früher Playboys unterm Bett versteckt. Steve erkennt seine eigene Dummheit, schafft es aber nicht mehr, sie einzufangen: „A relationship’s about more than just sex. Your mom was beautiful when I met her. I mean, she still is. But what we share is, you know, it’s not just physical. You know, we … uh… we just enjoy each other’s company.” Zu spät: Justin merkt schnell, dass sein Vater von seiner Mutter geschickt wurde und nimmt resümierend vor allem diese Sache aus dem Männergespräch mit: „Jeez, there’s no problem. I mean you said yourself: All guys do it.“
Steve kennt seine Frau lang genug, um zu wissen, was ihm blüht, sobald er Di irgendwie gestehen muss, dass er zwar mit Justin gesprochen hat, der Gesprächsverlauf aber letztendlich nicht so war, wie er nach Dis Ansicht hätte sein sollen, ja sein müssen. Als sie ihn dafür tadelt, sollen wir weiterhin (was heißt „weiterhin“?) fest an der Seite der Frau stehen. Allerdings ertappe ich mich auch diesmal wieder beim Kopfnicken, als Steve klarstellt: „Di, I know you’re concerned. But he’s a regular teenage boy. He’s got to look at this stuff. Then he moves on. It’s normal.” Wäre Lifetime Movie Netwerk eine Produktionsfirma für Männerfilme, könnte „Cyber Seduction“ mit dieser Aussage sofort enden und das Publikum würde verständnisvoll nicken und sagen: „Richtig so, Steve, der hast du’s gegeben“ (und sich im gleichen Atemzug angesichts des Themas über die fehlenden Brüste mokieren), aber Lifetime Movie Network ist nun mal eine Produktionsfirma für Frauenfilme und erwartet vom Publikum Anteilnahme für Di („Das kannst du doch nicht von deinem Mann so stehen lassen, Di! Keine Macht dem Porno!“), und deshalb geht das hier noch eine gute Stunde weiter …
… und deshalb geht der schlaflose Justin um 2 Uhr nachts doch wieder an den Computer. Ich musste sehr schmunzeln, denn diesmal geht er zur Zimmertür und schließt sie hinter sich zu. Das soll uns wohl sagen: „Schaut, jetzt macht der böse Justin es NOCH heimlicher!“ (Auch wenn in Justins Welt „heimlich“ „so auffällig wie möglich“ heißt.)
Und damit ist es nicht getan: Justin beschränkt sein verachtenswertes Hobby nicht mehr nur auf sein Zuhause. In der nächsten Szene versucht der Coach seine Schwimmmannschaft mit verbalem „Einer für alle, alle für einen“-Gefasele zu einer Einheit zu formen – doch Justin sitzt weit abseits davon in den Zuschauerreihen und hört ihm dabei überhaupt nicht zu. Dafür hält er umso konzentrierter einen PDA in seiner Hand. PDA? Kennt ihr das noch? Den Personal Digital Assistant? Ein tragbarer Kleincomputer, der in den 90ern entwickelt wurde und nach kurzlebiger Nutzung schnell von modernen Handys abgelöst wurde. Darüber surft er im Internet und glotzt völlig ungeniert weitere Frauen an. Dass sie bekleidet sind, brauche ich dabei sicherlich nicht zu erwähnen. Trotzdem findet er die so scharf, dass er sich die Bilder an seine E-Mail-Adresse schickt, um daheim einen genaueren Blick darauf zu werfen. Weil die Drehbuchautoren nichts von der Materie verstehen, über die sie schreiben, lautet die Adresse allen Ernstes: Justin@e-mail!! Und weil Justin durch jeden noch so einfachen Intelligenztest fallen würde, nennt er den Betreff: „good stuff“!!
Er kann seine perversen Aktivitäten gerade noch rechtzeitig vor Amy verbergen, die nämlich um die Ecke kommt und ihn fragt, was er mit ihrem PDA will. Bitte?! Das ist Amys PDA?! Und auf dem browst du wie selbstverständlich herum?! Dass es mit Justin bergab geht, wussten wir bereits ab dem Moment, in dem er sich damals (also vor einigen Tagen wohl) dieses eine schreckliche Foto von Monica mit bauchnabelfreiem Top angesehen hatte, aber dass das so schnell geht? Wow, die Abwärtsspirale strudelt und strudelt und strudelt. Für Justin kommt Amys Anwesenheit so unerwartet, dass ihm nicht mal eine vernünftige Ausrede einfällt: „Um… just sending myself an e-mail so I don’t forget […] how beautiful you are.“ Da beißt der kleine Notfallschleimer bei Amy jedoch verständlicherweise auf Granit, weshalb kurzerhand eine zweite Ausrede hermuss. Diesmal: Er hat ein Online-Spiel gespielt! Schon besser, Justin. Amy schaut ihm trotzdem skeptisch hinterher (und würde, wenn wir in der Realität wären, nun doch mal genauer schauen, was der Kerl da eben auf ihrem PDA getrieben hat – fürs Löschen des Verlaufs hat’s auf die Schnelle bestimmt nicht gereicht).
Zu Hause widmet sich Justin wieder seinem Computer. Um zu zeigen, wie schlecht es um ihn steht –, trinkt er sogar einen von diesen widerlichen Energy Drinks. Er legt eine CD ein und schaut sich „Free Porn Videos“ an, die dafür, dass die Videos mit „Free Porn“ überschrieben sind, erstaunlich wenig „Porn“ zeigen, genau genommen gar keinen. Andererseits: Wer würde schon auf eine Website gehen, die „Free Un-Porn Videos“ heißt? Geschicktes Clickbait. Leider hat Justin zwar gelernt, seine Tür brav zu schließen, sobald er Schelmisches tut, aber einen Schlüssel für sein Zimmer hat er offenbar nicht, denn just in diesem Moment stürmt sein kleiner Bruder rein. Folglich kann er nicht mehr rechtzeitig Herr der ganzen Sexy-Teens-Pop-ups werden, die selbst dann noch aufploppen, als er hektisch diverse Tasten drückt. Nun wurde er schon zum zweiten Mal auf frischer Tat ertappt und zusätzlich nur durch großes Glück nicht noch weitere drei Male! „His Secret Life“? Am Arsch! Justins präpubertärer Bruder kann das Gesehene nicht so recht einordnen (vielleicht kam er für genaue Details auch den entscheidenden Moment zu spät, weil bekanntlich alles in diesem Film vage bleibt, bleiben muss). Dass Justin aber hektisch auf der Tastatur herumgeklickt hat, das hat er mitbekommen und deshalb besteht er darauf, genauer zu gucken. Justin lehnt zunächst ab, aber die Drohung, es sonst an Mama zu petzen, zieht.
Schnitt an den Esstisch. Es gilt einiges zu verarbeiten für den vielleicht zehnjährigen Knirps Alex (den Namen erfahren wir jetzt). Ich möchte echt wissen, was mit den Jungs passiert, wenn sie irgendwann erfahren, dass sich Frauen sogar GANZ ausziehen können. Beim gemeinsamen Abendessen sieht Alex folglich auch so traumatisiert aus, als hätte er gerade „Cannibal Holocaust“ gesehen. Seine gedankliche Entrücktheit fällt auch Di auf. Bevor Alex den Mund aufmachen und vielleicht doch vom Schmutz berichten kann, den ihm Justin soeben gezeigt hat, antwortet der für seinen Bruder und berichtet vom just erlebten Glücksmoment, bei „Grand Theft Auto“ den Drogendealer besiegt zu haben. Weil es weniger schlimm ist, in Alex‘ jungem Alter gewalttätige Spiele zu spielen, als bekleidete Frauen anzugaffen, nickt Di nur missbilligend – und gibt sich allem Anschein damit zufrieden?! Kann es sein, dass bei dieser Frau die Maßstäbe völlig verrutscht sind? Gewalt okay, „Nacktheit“ pfui? Hallo?!
Später telefoniert Justin mit Amy. Dass sie religiös ist, ließ sich ja bereits anhand ihrer zurückhaltenden Haltung zum Thema Geschlechtsverkehr und ihrer Vorliebe für Switchfoot, die ja voll christlich unterwegs sind, erahnen. Dies kommt nun auch in diesem Dialog weiter heraus. Justin lobt einerseits seine Freundin, wie offen sie mit ihrem Glauben umgeht und betont, dass er ihn respektiert (wenn es nicht gerade um Switchfoot geht, nicht wahr, Scheinheili?), mag ihr aber andererseits auch keine Zusage geben, sie bei einem ihrer regelmäßigen sonntäglichen Kirchenbesuche zu begleiten. Er tut auch so, als wäre er voll interessiert und fragt daher, was sie so toll an der Kirche finde. „I guess it puts things in perspective. It comforts me, makes all the stupid stuff we obsess about seem stupid”, erklärt sie, und ich bezweifle, dass Justin den letzten Teil noch richtig mitkriegt, denn der „stupid stuff he obsesses about“ ist nun mal neuerdings der ganz harte Porn-Stuff, weshalb er während des Telefonats gierig mit dem Cursor über ein neuerliches Foto von Monica fährt, in dem die kleine Schlampe – hört auf zu sabbern! – erneut Bauchnabel zeigt.
Zum Glück aber hat er ja nicht nur eine langweilige Freundin, die Tierdokus jederzeit einem Porno vorziehen würde, sondern auch in Timmy einen neuen Kumpel, der anregt, er solle sich umorientieren. Was Justin bräuchte, ist genau das, was auch Lou Bega in seinem Leben benötigte: „A little bit of Monica.“ Um Justin einzuheizen, präsentiert er ihm auf seinem Handy das neueste Foto von Monica, auf dem sie in die Kamera guckt UND ihren Zeigefinger an die Lippe hält! Laszives Luder, kann man da nur sagen. Bevor wir uns fragen können, warum Timmy sich nicht einfach selbst an Monica ranmacht, wenn er offenbar selbst spitz wie Lumpi auf sie ist, sondern sie Justin wie Sauerbier anpreist, berichtet er, dass das etwas zu „weird“ wegen Dooley sei. Hä? Du meinst, weil du mit ihm befreundet bist und ihm nicht die Freundin ausspannen willst – und es besser ist, dass ein anderer ihm die Freundin ausspannt?! Hä? Warum willst du überhaupt, dass Monica sich einem anderen an den Hals wirft? Weil Stroke Man als Mr. All-State jetzt cooler ist als Dooley? Weil du, indem du andere dazu verleitest, an der Freundin deines offenbar besten Kumpels herumzugraben, von Dooley ein paar in die Fresse haben willst? Es ergibt KEINEN Sinn.
Doch nicht nur Justin ist vom Gemeinen „Porno“-Virus befallen. Auch sein Bruder Alex hat es inzwischen. Der zerballert gerade mit seinem Schulfreund an Justins Computer, dem vermutlich einzigen Computer im gesamten Haushalt der Familie Petersen, eine ganze Menge Nazis, was immer für Frohsinn sorgt, auf Dauer jedoch etwas eintönig ist. Daher zeigt er ihm nun „something really gross“. Es ist wie eine Epidemie – morgen zeigt Alex‘ Kumpel dann weiteren Kumpels „Pornos“ und die weiteren Kumpels zeigen diese „Pornos“ dann auch weiteren Leuten, die dann diese „Pornos“ auch anderen zeigen, und so weiter und so fort… Irgendwann geht die Welt zugrunde und alle Menschen (oder zumindest alle Männer) sind nur noch sabbernde Bildschirmgucker, die sich an angezogenen Frauen ergötzen.
Auch Justin ist mit Computerspielen bei seinem neuen Buddy Timmy zu Hause beschäftigt. Den beiden Drehbuchautoren ist bei der Frage, was 16-jährige Jungs in ihrer Freizeit machen, offenkundig nur „Hausaufgaben/Schwimmen, Computerspiele und ‚Pornos‘“ eingefallen. Deshalb haben sie es auch ins Skript geschrieben. Timmy hat allerdings gar keine so rechte Lust auf Computerspiele und bringt Freizeitbeschäftigung Porno ins Spiel. „Hey, I found this pretty extreme website last night“, sagt er deshalb. Da geht Timmy im wahrsten Sinne des Wortes die Hose auf und will sehen. Als Justin jedoch in SnoopEZ (in diesem Filmuniversum das Google-Äquivalent) die Begriffe „leather bondage“ eingibt und daraufhin vier primitive Bilder von bis auf Augenpartie und Mund gänzlich in Latex gehüllten Menschen – überschrieben: „LATEX BONDAGE“ – aufploppen (eins davon zeigt eine Frau, die „lasziv“ die Zunge rausstreckt), ist Timmy sofort entsetzt – weniger wegen dieser lächerlichen Bildchen, sondern: „I’m gonna get spam forever!“ (Und wenn du deine lächerlichen „Porno“seiten ansteuerst, nicht, oder was?) Trotzdem klickt Justin weiter, denn da wäre ja noch das Babe mit den großen … – „That stuff’s way too twisted“, lehnt Timmy das alles resolut ab: „Dude, you’re getting scuzzy.“ Sein Endgegner: Leather Bondage. Immerhin: Die nur millisekundenkurz gezeigte Frau in Leder mit den großen „Ohren“ auf dem Bild hat abgeklebte Nippel – also das, was man im Rahmen dieses Films noch am ehesten als Pornografie bezeichnen könnte. (Oder wir lassen es.) Justin hatte sich offenbar ein paar anerkennende Worte von Timmy erhofft oder auf etwas Doppelwichsen spekuliert, ist nun aber enttäuscht, dass sein neuer Kumpel so negativ ist. Er ist doch kein Perverser!
Vielleicht ist er es aber doch? In der nächsten Szene geht er gedankenversunken durch die Schulflure zur Schwimmhalle, wo aus irgendwelchen Gründen mutterseelenallein seine Mutter herumschwimmt. Muss sie nicht arbeiten? Kommt sie immer für eine Runde Schwimmen in der Schule vorbei? Man weiß es nicht. Während er Di dort so schwimmen sieht, geht die Fantasie mit ihm durch – und er sieht sich mit seiner Mutter gemeinsam im Becken herumtollen und lachen. Dem äußerst verklemmten Umgang mit einem an sich ernsten Thema ist es zu verdanken, dass man diese Szene nun für die Inzestvorstellung eines sexuell unerfüllten Jungen halten könnte, der mit seiner Mutter rumvögeln will, zumal Kelly Lynch im Badeanzug freizügiger herumstolziert als fast alle bisher im Film auf sogenannten Porno-Websites gezeigten Mädchen und Frauen. Das wird auch nicht besser, als Di ihren Sohn schließlich nicht mehr in seiner Fantasie fragt: „You want to join me?“ Ich sage euch: So haben schon langwierige Pornoszenen begonnen. Er lehnt aber ab (womöglich, weil die Angst mitschwingt, dabei am Ende tatsächlich seine eigene Mutter zu bespringen) und schiebt seinen auch auf Di desolat wirkenden Zustand auf fiese Kopfschmerzen infolge fehlenden Mittagessens.
Darauf folgt ein besonders missglückter, da plumper Moment innerer Zerrissenheit, denn es mag unglaublich klingen, aber noch steckt in Justin ein Junge, der gegen seine inneren Dämonen ankämpft und sich selbst noch nicht aufgegeben hat. Dementsprechend tigert er unruhig in seinem Zimmer umher, wechselt von Computermonitor zurück zu seinen Medaillen, von denen er auch mal eine anfasst. Schwimmsport oder „Pornos“? „Pornos“ oder Schwimmsport? Er hadert – und trifft die falsche Entscheidung: Mit dem Öffnen einer Schublade seines Schreibtischs, in der gleich mehrere Energy-Drink-Dosen verstaut sind, ist er unrettbar im Sumpf versackt, da bereits an früherer Stelle etabliert wurde: Wer „Pornos“ schaut, trinkt auch Energy Drinks. Er nimmt also eine Dose heraus – tja: next „porn“ session incoming. Justin steuert direkt Monicas Website an und hinterlässt im Kontaktformular eine Nachricht, die das Flittchen bestimmt mächtig beeindrucken wird: „You’r soooo amazing!“ (Orthografiefehler aus dem Film übernommen.) Wie alt ist Justin? Sechs? Gleichzeitig sieht er Bewegtbilder von seiner neuen Traumfrau: wie sie etwas die Hüften wiegt und einen Handkuss in die Kamera schickt. Oh, Justin, was tust du nur? (Schmierige Handkuss-Videos ansehen, das tut er.)
Somit ist klar, wohin die Reise geht: Schwimmen für Justin ist endgültig nur noch lästige Pflicht. Das äußert sich darin, dass ein Schwimmwettbewerb ansteht – so richtig mit Zuschauern und so –, Justin aber kurz vor seinem eigenen Lauf im Startbereich sitzt und sich auf Amys PDA durch Bilder bekleideter Frauen klickt (Betreff: „good stuff“, Mail: Justin@e-mail – wie gehabt). Er hat sich nicht mal mehr im Angesicht eines Wettkampfs im Griff – es ist traurig, das zu sehen. Ich verstehe übrigens nicht, warum Justin das, was er da macht, überhaupt macht (habe ich vorhin schon nicht, als er den PDA nutzte): Warum schickt er sich ständig Bilder an seine Mailadresse? Sind die Internetbilder auf dem PDA andere als die Internetbilder, die er bei sich zu Hause aufruft? Vermutlich ja nicht, aber warum dann dieser Aufwand? Warum sich nicht die Namen der Websites merken (oder notieren) und die Bilder einfach später im stillen Kämmerlein ansteuern und meinetwegen ansabbern? Stattdessen geht er das Risiko ein, dass Amy auf ihrem PDA Spuren seines Suchverlaufs findet. Einmal mehr äußere ich den Eindruck, dass das Wissen der Drehbuchautoren über das Internet zu rudimentär war, als dass sie erklären könnten, warum Justin so handelt, wie er handelt.
Wieder bringt Justin es fertig, sich von Amy bei der Nutzung ihres PDA erwischen zu lassen (wenn auch wieder nicht rechtzeitig, um herauszufinden, was er schon wieder damit gemacht hat) – diesmal, weil sie im Gegensatz zu ihm aufgepasst hat und daher weiß, dass er jetzt schwimmen muss. Verspätet, aber noch nicht zu spät erreicht er seinen Startblock, und das Rennen kann beginnen. Di, die mit Steve ebenfalls unter den Zuschauern ist und schon von ihrem Platz aus gesehen hat, dass Justin mehr mit dem PDA beschäftigt war als mit der Schwimmvorbereitung, feuert ihn lautstark an. Dafür, dass er im wahrsten Sinne des Wortes ins kalte Wasser geworfen wurde, macht sich der kleine Perversling eigentlich gar nicht so schlecht – und beendet das Rennen äußerst knapp auf dem dritten Platz. Man könnte das als gutes Ergebnis betrachten, zumal die beiden Erstplatzierten wirklich nur einen Wimpernschlag schneller waren – oder man sieht das als größte Katastrophe seit 9/11, wie es hier alle tun: Justin selbst, Amy, Steve und natürlich vor allem Di, die ihm, weil sie nun mal zu den schlechten Müttern dieser Welt gehört, nur noch einen enttäuschten „Du Versager“-Blick zuwirft und dann wortlos abhaut. Zuspruch oder Trost? Hat die olle Drecksau nicht verdient.
Im strömenden Regen – unser Regisseur ist ein Meister der Symbolik – geht Justin mit Amy und einem der beiden Sieger durch die abendlichen Straßen. Zwei der drei wollen noch was trinken, aber Justin hat keinen Bock und redet seiner Freundin zu, den Abend mit dem anderen zu verbringen. Vielleicht hofft er, Amy so loszuwerden: Mädchen stehen schließlich auf Gewinner, folglich könnte sie sich in ihn verlieben. Das würde ihm im Idealfall auch die Verkündung des Beziehungsaus ersparen, denn dass er ihr mittlerweile Monica und auch quasi jedes auf einer angeblichen Pornoseite stehende Frauenfoto vorziehen würde, liegt ja auf der Hand. Nur leider ist Amy – sicherlich auch wegen ihrer konservativen Ansicht zu Liebe und Sex – anhänglich und will ihn nach Hause begleiten. Das will Justin aber auch nicht und lässt sie stehen. Allmählich würde ich der armen Amy auch ohne potenziellen neuen Partner an ihrer Seite dazu raten, die Volltröte abzuschießen.
Da Justin wie gesagt wohl der Einzige im Haus ist, der über einen eigenen Computer verfügt, nutzt Alex, der offenbar Besseres zu tun hatte, als Justin beim Versagen zuzusehen, die Abwesenheit seines älteren Bruders und der Eltern, um sich diverse Websites anzusehen, die mit „SEXY TEENS“ und Ähnlichem überschrieben sind. Auch er begnügt sich dabei mit angezogenen jungen Frauen mit etwas Dekolleté und Bauchnabel. Internetpornografie ist 2005 echt langweilig gewesen.
In einem weiteren besonders anschaulichen Beispiel der kompletten Ahnungslosigkeit der Skriptschreiber schickt Alex sich die Bilder per Mail selbst zu (Mailadresse: Alex@e-mail (!!) – der Betreff aber deutlich besser gewählt als der von Justin: „a note to myself“). Das wirft natürlich die Frage auf, wieso er sich Bilder zuschickt, die er sich nur an dem Computer ansehen kann, an dem er gerade sitzt. Hä?! Nachts heimlich unter der Decke wichsen ist da nicht, es sei denn, er macht das mit seinem Bruder zusammen in dessen Zimmer. Außerdem steckt er sich einen Haufen CDs ein. Auch hier: Warum das, wenn er doch eh nur den Computer nutzen kann, an dem er gerade sitzt? Oder will er jetzt Porno-Dealer werden und den Schulhof mit gebrannten CDs beschmutzen?
Di kommt mit Steve nach Hause und ist immer noch sauer über die Performance ihres peinlichen Verlierersohns. Hängt auch damit zusammen, dass sie glaubt, Justin hätte nur eine einzige Chance auf ein gutes College, wenn er gut schwimmt, und ich werde ihr da, so wie ich den Lappen inzwischen kenne, nicht widersprechen. Sie schätzt da seine eingeschränkten Kapazitäten schon recht treffsicher ein. Steve vertritt wie gehabt den rational-ruhigen Part des Ehepaars und nennt unmenschlichen Druck durch Di auf Justin als möglichen Grund für die heutige Schwimmschande (okay, „unmenschlich“ habe ich hinzugedichtet; so negativ sieht Steve seine Frau nämlich auch nicht – sollte er aber). Di beklagt sich, dass sie nicht mit Justin reden könne, was die billige Ausrede aller miesen Mütter ist. Genau einmal hat sie es seit Filmbeginn versucht – vorhin, als sie im Schwimmbecken ihre Runde drehte. Und da lief das Gespräch eher so: „Alles in Ordnung?“ – „Ja.“ – „Wirklich?“ – „Nur Kopfschmerzen, weil ich mittags nichts gegessen habe. – „Na toll.“ Beim wichtigen „Nackte Frauen sind Sünde“-Gespräch hat sie hingegen lieber Papa vorgeschickt.
Wie schlimm die Lage ist – wir erinnern uns: ein haarscharfer dritter Platz –, macht Di deutlich, indem sie den geplanten Sex-Urlaub mit Steve nach San Francisco ausfallen lässt: „We can’t afford it. And now’s not the time to go away.“ Ich wiederhole: wegen eines haarscharfen dritten Platzes. Bei Olympia wäre das eine Bronzemedaille gewesen. Die Reaktion ist auch deshalb hoffnungslos übertrieben, weil sie den Eindruck vermittelt, Justin müsse eine schwere Krankheit auskurieren, die nur durch ihre Anwesenheit geheilt werden könnte. Stattdessen hat sie ihn einmal beim Heiße-Girls-Angucken ertappt, er wirkt aktuell ihr gegenüber vielleicht weniger zugänglich als zuvor und ist nicht immer ganz ehrlich (das wäre für Teenager nun aber auch nicht so ungewöhnlich) – und er hat beim Schwimmen „versagt“! Ist da auch nur ein plausibler Grund dabei, um die Kinder nicht mal für ein Wochenende allein zu Hause zu lassen?
Vorhin, als Justin sich von Amy verabschiedete, ging ich noch davon aus, er wolle den Abend lieber zu Hause vor seinem Monitor verbringen und ein paar schlüpfrige Websites besuchen. Dass er es doch nicht tut, ist allerdings logisch, wenn wir die aktuell dicke Luft im Hause Petersen berücksichtigen. Stattdessen zeigt er, dass immer noch der alte Justin in ihm steckt, weil er das schulische Schwimmbecken aufsucht (offenbar widerrechtlich, denn es ist dunkel und verlassen) und sich den Frust über den schmählichen dritten Platz wegschwimmen will. Genau, nicht aufgeben, Junge! Du kannst deine Dauergeilheit überwinden! Oder auch nicht: In der bislang bizarrsten Wendung ereilt ihn eine Vision, in der er den Verlockungen einer Gruppe leicht geschürzter Nixen (oder meinetwegen Schülerinnen) ausgesetzt ist, die um ihn herumschwimmen und fröhlich anlächeln. Nirgends ist er sicher: Sogar in seinen Tagträumen wird er vom Schwimmen abgelenkt. Die Frage also: Karriere oder Nixen vögeln? Justin: „NIXEN!!!“
Wenn ich vorhin Alex gewesen wäre und gebrannte „Porno“-CDs, die ich meinem Bruder aus der Schublade entwendet habe, im Eigentum hätte, die meine Eltern aber aus naheliegenden Gründen auf gar keinen Fall entdecken dürfen, würde ich erfinderisch werden. Wie wäre es, sie in einen Zeitschriftenstapel zu schieben, wo sie nicht auffallen? Oder hinter den Kleiderschrank zu klemmen? Oder unter die Matratze zu legen? Alex fand die Wäschekommode eine Spitzenidee, in die Di regelmäßig die saubere Wäsche einräumt. Folglich hat Di die CDs schnell gefunden. Das allein wäre womöglich noch nicht schlimm, wenn die CDs nicht beschriftet wären. Zumindest eine ist das aber. Trotzdem eigentlich alles halb so wild, hätte Justin diese CD getarnt, indem er einfach mit einem Marker „Green Day“ oder sowas raufschreibt. Dann hätte sie es vielleicht mit einem verächtlichen Schnauben zur Kenntnis genommen, da ich glaube, dass Di zu der Kategorie Mütter gehört, die das Brennen von CDs wegen akuter Illegalitätsgefahr zutiefst verabscheuen. Hat Justin aber nicht gemacht. Er hat dies hier auf die CD geschrieben: „Virgin Vaginas“!
Kein Wunder, dass Mutter Petersen diese Angelegenheit in ihrem fortgeschrittenen Hysteriemodus an die große Glocke hängt. Im Wohnzimmer sitzt sie gemeinsam mit Alex und Steve und wartet zwecks Krisengespräch auf die Heimkehr des verlorenen – oder vielmehr: versauten – Sohns. Auch Steve ist merklich angefasst: „Nackte“ Mädchen im Internet anzusehen, ist okay für ihn, aber „nackte“ Mädchen (oder gar jungfräuliche Vaginen) auf CD? Da hört der Spaß auf, und jeder lockere Männer-Talk ist vergessen. Nun sieht auch er ein: Dieser Junge hat ein ernstes Problem und ist schlimmer als Hitler. Kaum dass Justin zur Tür rein ist, wedelt Daddy schon wütend mit der CD. Justin ist trotz der peinlichen Situation erstaunlich schlagfertig und schiebt die Schuld ein paar bösen Jungs in der Schule in die Schuhe, die ihn mit den CDs ein wenig wegen seiner und Amys konservativer Haltung zu „sex and stuff“ aufziehen wollten. Steve kann das alles nicht lustig finden: „You think sending porn is a joke?” Und Di findet’s noch schlimmer: „It’s garbage, Justin! And I don’t want it in my house – ever!” Denn Pornografie ist eine Krankheit, gegen die dringend mal eine Impfung erfunden werden muss. Oder man sieht es so: Sie überdramatisiert mal wieder schamlos, und auch Steve tut das inzwischen: Hör auf, mit diesen Leuten, die dir diese CDs überlassen haben, befreundet zu sein! Im Gegensatz zu Di glaubt er den Schmarrn, den Justin ihnen da gerade hingekotzt hat. Männer halt.
Für Di ist nach der „Virgin Vaginas“-Eskapade die Zeit gekommen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dies hat das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht. Zum Glück hat sie eine Bekannte, die all das, was sie gerade durchmacht, auch schon durchmachen musste – eine Lehrerin, die ihr in einem Gespräch zwischen Tür und Angel Auskunft über ihr Leid gibt: „My marriage was destroyed because of his addiction to internet porn.“ Nun packt auch Di aus, dass bei ihr der Haussegen schief hängt: nicht wegen Steve, aber wegen Justin. „I’m sure this is some silly teenage stuff“, spielt sie die Angelegenheit ganz schön runter dafür, dass sie Justin am liebsten auf die Psycho-Couch verfrachten möchte. Die aus Erfahrung sprechende Lehrerin ahnt aber, dass da mehr ist (laut Film ist ein einziger Blick auf eine bekleidete Titte ja schon ein Anzeichen für tiefergehende Probleme) und würde darüber in Kürze gern detaillierter mit ihr sprechen. Bis dahin: „You have got to monitor his computer.“ Kontrollsüchtige Frauen – eine schlimmer als die andere.
Gesagt, getan: Als Di zu Hause vorfährt, hat sie ein ganzes Bündel an Pappkartons mit Installations-CDs auf dem Rücksitz liegen, die so schöne Namen wie „Parental Control“ und „Bloxxx“ (klingt selbst wie ein Pornofilmtitel) tragen. Als Technik-Analphabetin, die sie ist, scheitert sie beim Versuch der Installation auf Justins Computer bereits an der Gebrauchsanweisung. Da Steve wohl nicht greifbar ist, soll ihr – ausgerechnet! – Alex dabei helfen, der bestimmt Stillschweigen gegenüber Justin bewahren dürfte, dass seine Mutter ihn dazu genötigt hat, Kontroll-Software auf seinen Rechner einzuspielen. Alex schleimt sich allerdings ordentlich ein und installiert den Bumms – und baut gleich Scheiße, nicht weil er zu wenig Nerd wäre, um den Wunsch seiner Mutter erfüllen zu können, sondern weil er offen zugibt, dass all die Mühen, die sie gerade in die Installation gesteckt haben, im Prinzip für die Katz gewesen wären, weil er und Justin pfiffig genug seien, um die Software locker zu umgehen. Man merkt: Wer Vollidioten als Eltern hat, hat gar keine Chance, nicht auch ein Vollidiot zu werden. „What do you mean? It doesn’t work?“, fragt Di verwirrt, aber was will man auch von einer Frau erwarten, für die der Begriff „Browserverlauf“ bis vor Kurzem ein Fremdwort war? Deshalb holt sie schnell Plan B hervor: Okay, wenn das so ist, zieht Justins Computer halt ins Wohnzimmer um. Ha! Wer ist jetzt der Angearschte? Da Alex aber offenbar jede potenzielle Heimlichkeit, die er und Justin hinter ihrem Rücken begehen wollen, vorher mit ihr absprechen will (ich wiederhole: Dummheit ist vererbbar), fragt er sie, wie sie denn die Nutzung des PCs im Wohnzimmer verhindern will, wenn sie nicht zu Hause ist. Auch dafür hat Di spontan eine Lösung: „Well, I guess the power cord goes with me!“ Doppel-Ha! Dem Klugscheißer hast du es aber gegeben! (Was Justin und Alex davon abhalten sollte, einen passenden Stecker aufzutreiben, erklärt sie nicht. Vermutlich geht sie davon aus, dass jeder Computer einen anderen Anschluss hat. Und was dagegen spräche, den Computer ganz wegzusperren, wenn er eh nicht genutzt werden soll, verrät hier auch keiner.)
Dass es gar nicht den heimischen Computer braucht, um sich in den unendlichen Porno-Weiten zu bewegen, weiß natürlich auch Justin. Mangels PDA von Amy, auf den er offenbar nicht ein drittes Mal zurückgreifen will, was gut ist, weil er dann nicht ein drittes Mal von ihr dabei ertappt werden kann, treibt er sich nun auch tagsüber in den hintersten schmuddeligen Ecken eines Tante-Emma-Ladens herum, wo er unbehelligt ins Internet gehen kann. Dort tippt er auf einer Tastatur herum, die so versifft und befingert aussieht, dass der Penis sofort verätzen würde, wenn er sich mit seinen Fingern da anfasst. Soll aber vermutlich anzeigen, dass Justin inzwischen alles egal ist – verstärkt noch dadurch, dass er eine weitere Dose Energy-Drink inhaliert.
Justin steuert zielsicher Monicas Website an und hinterlässt mit seinem einfallsreichen Nickname „swimmer“ darauf eine weitere Nachricht übers Kontaktformular – von ähnlich pubertärer Debilität wie sein damaliges „You’r soooo amazing!“. Diesmal lautet sie: „When can we get togather?“ (Auch hier: Schreibfehler aus dem Film übernommen.) Währenddessen erhält er einen Anruf von Amy, die mal wieder was mit ihm unternehmen möchte. Allerdings muss er schon wieder absagen – beziehungsweise auf unbestimmte Zeit verschieben: „Um, can I call you later?“ Erstmals drückt sie ihre Verwunderung über seinen neuerlichen Charakterwandel offen und ehrlich aus: „Why are you being so weird to me?“ Doch selbst diese Nachfrage bürstet er harsch fürs Erste ab, denn es gibt aktuell Wichtigeres, zum Beispiel ein neues Monica-Video, in dem sie auf einer Couch liegt und ihre Webcam ein wenig über ihren Bauchnabel und ihr nacktes Bein gleiten lässt. Ihr merkt: immer noch der ganz harte Stoff. Außer Kontrolle geraten schreibt er Monica ein weiteres Mal wie ein liebeskranker Teenager (naja, Teenager ist er ja auch, aber eher „porno“- als liebeskrank): „I really need to see you.“ Und diesmal antwortet Monica prompt: „Can’t wait.“ Und er mit einem Lächeln: „That’s cool.“
Beim abendlichen Familienessen schlägt Di vor, endlich mal wieder einen Videoabend mit der ganzen Familie zu machen. (Leider schlägt sie dabei als kleinen In-Joke nicht „Road House“ als Film vor – das wäre DER Lacher gewesen.) Justin markiert wie gewohnt den Spielverderber: Mathe und Amy warten. Dem schiebt Di sofort aufgrund seiner unentschuldbaren Eskapaden einen Riegel vor, doch mit dem Argument, Gleichungen schlecht übers Telefon besprechen zu können, zieht er zumindest seinen Vater auf seine Seite, der ihm seine Bitte gewährt – unter der Prämisse, um 21 Uhr wieder zu Hause zu sein. Wollen wir wetten, wer um 21 Uhr garantiert nicht zu Hause sein wird?
Dass die Mathehausaufgaben mit Amy nur ein Vorwand für ein Treffen mit Monica waren, wussten wir sofort, oder? Folglich betritt Justin das örtliche Szenelokal, wo Monica bereits auf ihn wartet. Bevor er zu ihr geht, bestellt er noch zwei männliche Sodas. Und wer Geld darauf gesetzt hat, dass seine Lüge umgehend auffliegen wird, darf sich auch freuen: Amy ruft nämlich bei Justin zu Hause an, hat aber nur Di an der Strippe, die sich in ihrem grundsätzlichen Misstrauen umgehend bestätigt fühlen darf.
Vor der nächsten Standpauke steht aber wie gesagt erst einmal das Treffen von Justin und Monica. Die Dialoge bewegen sich auf einer erschütternden Ebene, wie sie nur entstehen können, wenn die verantwortlichen Schreiberlinge keine Ahnung davon haben, wie Jugendliche miteinander sprechen.
Sie: You know, I’ve been thinking about you. Have you been thinking about me?
Er: Oh yeah.
Sie: You’re so cute.
Mir ist übrigens schleierhaft, was Monica an diesem Drömel findet. Er beherrscht keine Rechtschreibung. Er stammelt. Er hat keinen Charme. Er hat keinen Witz. Er kriegt kein Kompliment hin (außer: „You’r soooo amazing!“ – fehlte eigentlich nur das Herz-Emoji, und die Peinlichkeit wäre komplett gewesen). Nun ja, offenbar reicht es ihr, dass er ein All-State-Schwimmer ist (der allerdings zuletzt schwächelte), und sportliche Aktivitäten haben ja schon immer auch die größten Arschlöcher (und in gewisser Weise ist Justin das inzwischen ja auch selbst) die schärfsten Bräute kriegen lassen. „You know, I’d like to come watch you swim sometime”, säuselt Monica und biegt direkt in verachtenswerteste Pornogefilde ab: „I bet you look incredibly hot in one of those tiny bathing suits.” Das ist vom Dialog her tatsächlich schon das Provokativste an Dialog, was „Cyber Seduction“ bisher zu bieten hatte – und was die Frauenzielgruppe des Films hoffentlich gleich Justin anfeuern lässt: „Lass dich nicht drauf ein, Justin! Sie will nur deinen Schwanz!“ Na gut, sowas Dreckiges wie „Schwanz“ sagt die von Lifetime avisierte Zielgruppe bestimmt nicht.
Monica geht aufs Ganze und setzt sich vom Platz gegenüber direkt neben Justin und becirct ihn weiter: „It’s, uh, pretty cool, huh? A sophomore boy hooking up with a senior girl.“ Davon abgesehen, dass ich es ja gut finde, dass der Film an dieser Stelle klarmacht, dass Monica einen Tick älter ist, habe ich so langsam ein wenig den Eindruck, dass das Webcam-Luder ebenfalls der eine oder andere Pixel zu viel aus der Auflösung gefallen ist, wenn ihr versteht, was ich meine. „It’s pretty cool, yeah“, antwortet Justin. Monica nimmt daraufhin seine Hand und führt sie an ihre linke Brust: „Yeah? How cool is, uh, this?“ Bevor jetzt jemand vor Empörung aufschreit: Nein, dies bleibt ein sauberer Film. Justin krallt sich nur sekundenkurz an ihrem Oberteil in Brusthöhe fest, mehr ist da nicht. Wirklich nicht. Das soll aber laut Monica eh nur ein kleiner Vorgeschmack für mehr sein, denn ihre Eltern sind nicht zu Hause, da könnte man doch… Bereits das ist allerdings viel zu viel für die vermeintlich unschuldige Seele Justin. Er unterbricht abrupt das Gespräch und entschuldigt sich: Er hätte da irgendwie noch was für Geschichte zu tun. Prompt steht er auf und flieht. Monica lässt ihn ohne jeden Widerstand gehen, offenbar genau wissend, dass er früher oder später schwach werden wird. Ich an ihrer Stelle wäre ja eher sauer, für ein fünfminütiges Date meine ganze ursprüngliche Abendplanung über den Haufen geworfen zu haben. Beim Rausgehen trifft Justin auch ein bekanntes Gesicht aus der Schule, und ich komme nicht umhin festzustellen, dass hier alle hirnamputiert sind: Justin hat eine Freundin, Monica hat einen Freund. Und da trifft man sich ausgerechnet an einem Ort, an dem man ihnen beim Fremdgehen zugucken kann?! In diesem Fall hat er mehr Glück als Verstand, dass sie nicht zusammen gesehen wurden.
Ich hatte die Standpauke bereits angeteasert, und Di sitzt bereits wie ein Wolf, der auf seine Beute lauert, im Wohnzimmer bereit, sich auf Justin zu stürzen, sobald er leise ins Haus schleicht, was in solchen Filmen noch nie gutgegangen ist. Eigentlich müssten noch alle wach sein, da das Date zwischen ihm und Monica ja keine fünf Minuten gedauert hat, aber vielleicht hat er sich für den restlichen Abend auch wieder in einem düsteren Internetcafé herumgetrieben UND es dann auch noch fertiggebracht, nach 21 Uhr nach Hause zu kommen. Justin muss sich ganz spontan eine neue Ausrede einfallen lassen, und man muss ihm echt lassen, dass er in der Walter-White-Lügenschule gut aufgepasst hat: Eigentlich wollte er zu Amy, aber dann hat er festgestellt, dass er Bücher brauchte, die er nicht hatte, und deshalb ist er in die Bücherei gegangen, und in der Bücherei hatte sein Handy doch kein Empfang, und deshalb konnte er nicht anrufen. Di möchte die ausgeliehenen Bücher sehen, doch gerade als Justin seinen Rucksack öffnen will (während er wahrscheinlich im Kopf die nächste Improvisation durchgeht, die in die Richtung „Oh, ich habe die Bücher wohl in der Bibliothek vergessen“ geht), sieht sie wohl ein, dass ihre Kontrollsucht ähnlich schlimm ist wie Justins Angezogene-Frauen-Angaff-Sucht und belässt es bei einem enttäuschten Schweigen. Sie ist wie Skyler White – irgendwann waren es der nämlich auch ein paar Lügen zu viel, um sie noch zu glauben.
Am nächsten Morgen muss Di ihren missratenen Sohn wecken, weil er sonst zu spät zum Training kommt. Justins kompletter Schulalltag scheint irgendwie lediglich aus Schwimmen zu bestehen. Kein Wunder, dass er so dumm ist. Schlaftrunken erwacht er und stellt fest, dass sein Computer nicht mehr im Zimmer steht. Man könnte erste Anzeichen der Besserung annehmen, dass es ihm erst jetzt auffällt und er offensichtlich gestern Abend sofort ins Bett gegangen ist, anstatt noch seiner Sucht zu frönen. Die Tatsache, dass seine Mutter den Computer im Wohnzimmer verstaut hat, nimmt er locker hin. Auch das könnte man als positives Zeichen sehen, aber der Glaube, alles werde gut werden, verfliegt schon im nächsten Moment. Da greift er nämlich zum Energy Drink, und da hier Energy Drinks bekanntlich stets mit Internetsurferei gekoppelt werden, kann das nichts Gutes bedeuten – zumal die Kamera bedeutungsschwanger die nur noch drei verbliebenen Dosen in seiner Schreibtischschublade einfängt.
Ich glaube, es ist an der Zeit, die Symbolik der Energy Drinks näher unter die Lupe zu nehmen. Im Gegensatz zu den Machern des Films glaube ich – und das mag überraschen – nicht, dass Energy-Drink-Abhängigkeit und „Porno“sucht Hand in Hand gehen. Meine These: Die Dosen stehen für die Taschentücher, die Justin zum Wichsen verbraucht. Zu Beginn seiner Sucht war die Schublade noch prall gefüllt, nun ist der Bestand drastisch geschrumpft, sprich: Der Taschentuchvorrat wird immer weniger. Diese Lesart würde auch deshalb passen, weil wir Justin bislang nicht ein einziges Mal haben masturbieren sehen – nicht einmal andeutungsweise. Alles, was er getan hat, war, Bilder und Videos von angezogenen Frauen wie Heiligtümer zu beglotzen und dabei, wenn überhaupt, einen Schluck aus der Energy-Drink-Dose zu nehmen. „Cyber Seduction“ ist so sehr darauf bedacht, bloß nichts Anstößiges zu zeigen, das das (weibliche) Publikum schockieren könnte, und vergisst dabei glatt, dass das Thema Pornoabhängigkeit viel zu heikel ist, um es im Rahmen eines züchtigen banalen TV-Eventfilms, in dem nicht ein Fitzelchen nackter Haut gezeigt werden darf, zu verwursten. Das wirkt alles derart halbherzig, dass es zugegebenermaßen auch den halben Spaß ausmacht. Also: Energy Drink = Wichstaschentücher. Geht ihr mit?
Das Treffen mit Monica gestern Abend hat Justin allerdings wohl trotzdem etwas die Augen geöffnet. Er spricht Amy in der Schule an, um sich zu entschuldigen, dass er sie zuletzt so vernachlässigt hat. Doch selbst dabei ist er nicht ehrlich, sondern redet sich damit heraus, dass seine Mutter ihn wegen seines Schwimmstipendiums gerade besonders hart rannehmen würde. Amy wird zwar nicht sofort weich, aber lässt sich dann doch so weit einwickeln, dass sie seinem Vorschlag zustimmt, dass er abends bei ihr vorbeikommt. Kaum den gemeinsamen Abend in trockene Tücher gebracht, nähert sich Monica Justin und flötet ihm ein liebliches „Last night was sweet“ ins Ohr. Die Frau hat eindeutig eine andere Vorstellung von „sweet“ als ich. Ein weiteres Treffen, das Monica gern anleiern möchte, steht zunächst nicht zur Debatte. Er verspricht aber, ihr später eine E-Mail zu schicken.
Dann gibt es endlich eine ganze Reihe nackter Oberkörper – es sind aber leider nur die von männlichen Schülern. Mehr Sex is‘ nicht. Justin wird dabei von Dooley verächtlich sowohl als „Leather Boy“ als auch als „Kinky the Clown“ angesprochen. Huch, warum das? Für Timmy war sein kürzliches Aufeinandertreffen mit Justin so traumatisierend, dass er es erstmal in der gesamten Schülerschaft rumerzählen musste. Justin redet sich raus: „Well, I like to watch a bit of porn before swim practice. It kind of jacks me up a bit, you know?” Doch auch andere, darunter Timmy selbst, stellen Justin als dreckigste Drecksau von allen hin, weil er auf die ganz perversen Sachen wie „leather bondage“ steht, und auf solche Dinge hat man gefälligst nicht zu stehen, wobei Timmy eher sauer auf Justin ist, weil mit ihm der Schmutz in seinen Internetbrowser Einzug gehalten hat: „I’m still getting perverted spam on account of you.” Mir scheint, der Stern des einst so hoffnungsvollen Schwimmstars ist nun auch bei den coolen Jungs am Sinken, wobei ich mich eigentlich weigere, die noch länger als „cool“ zu bezeichnen. Bei einem kleinen Lack-und-Leder-Fetisch rumzuheulen wie kleine Mädchen, ist extrem albern.
Di besucht indes die Lehrerin, die sich von ihrem der Internetpornografie verfallenen Mann trennen musste. Die scheint geradezu froh zu sein, endlich einmal darüber reden zu können: Sie und ihr Gatte hätten irgendwann aufgehört, Sex zu haben. Deshalb wollte sie eines Tages ihr Liebesleben mal wieder aufpeppen – nur um festzustellen, dass er um 4 Uhr morgens Sonderschichten im World Wide Web schiebt. Ihr sei das Thema viel zu unangenehm gewesen, um mit ihm darüber zu reden. Mit der Einstellung kann sich Di sicherlich gut identifizieren, denn die hat es ja bislang abgesehen von einigen „Pornos sind die Saat des Teufels“-Wütereien genauso wenig geschafft, mit ihrem Sohn über seine Sucht zu reden – weshalb der sich jetzt auch immer häufiger in finsteren Ecken der Stadt herumtreibt und eklige Tastaturen anfasst. Die Freundin sieht die Sache bei Justin allerdings anders gelagert als bei ihrem Mann. Ob nicht alle Teenager irgendwie auf Pornos stehen, will sie wissen – und Di seufzt: „I don’t know.“ Ich gebe dir einen exklusiven Tipp, Di: Mach dich schlau. Google. Oder SnoopEZe (wie Google hier heißt). Lies Erfahrungsberichte. Und hör endlich auf zu hyperventilieren, weil dein Sohn Möpse mag (vielmehr verhüllte Möpse – und, okay, jungfräuliche Vaginen).
Erstaunlich, dass Justins Sucht noch nicht so ausgeprägt ist, dass er diesmal Amy versetzt hätte: Beide machen abends in ihrem Zimmer gemeinsam Hausaufgaben, denn, wie ich schon oben sagte, gibt es in diesem Film nur drei Dinge, die Jugendliche tun: Computerspiele, „Pornos“, Hausaufgaben. Damit wir uns erinnern, dass Amy gläubig ist, hat der schlaue Requisiteur Amy noch ein Jesus-Buch hochkant auf den Nachttisch gestellt – nicht quer, wie es Menschen normalerweise tun würden, sondern hochkant, um zu sagen: „Hier! Schaut! Amy! Jesus! Gott! Kirche!“ Wenn sie ihn schon mal da hat, kann Amy ja gleich mal ein paar Infos zu seinem neuen Freundeskreis aus Justin herauskitzeln. So erfährt sie, dass er an einer Art Stockholm-Syndrom leidet, denn er mag mit Dooley vielleicht nicht so warm werden, aber Timmy, den findet er ganz nett (obwohl der ihn erst all dem Mobbing von wegen „Leather Boy“ ausgesetzt hat).
Dann aber beschreitet sie heikleres Terrain: „What about Monica?“ Sie hätte nämlich mitbekommen, dass er sich vorhin mit ihr unterhalten hätte (was ja nicht sein darf – so weit kommt es noch, dass sich ein Junge im Schulalltag mit anderen Mädchen abgibt!). Außerdem gäbe es da doch diese Website, auf der sie sich vor der Kamera ausziehen würde. Das halte ich für ein Gerücht, denn Monica mag lasziv in die Kamera geblickt und etwas Bauchnabel und nacktes Bein gezeigt haben. Das qualifiziert sich jedoch noch nicht für etwas, das ich Entkleiden nennen würde. Justin vermeidet Blickkontakt und tut so, als hätte er noch nie etwas davon gehört. Amy lässt nicht locker, zumal sie vom Interesse Monicas an ihm weiß (woher auch immer).
Gar nicht mal so unklug ist die Taktik, die Justin daraufhin anwendet: Er verneint jegliches Interesse an Monica, weil er doch Amy liebe. Zur Unterstreichung dieser Behauptung krabbelt er zu ihr aufs Bett und küsst sie leidenschaftlich. Pech nur, dass Justin in den vergangenen Wochen zu einem schwanzgesteuerten Monstrum mutiert ist und Amy die strikte Sex-erst-wenn-es-sich-richtig-anfühlt-Politik vertritt, sodass Justins unwirscher Versuch, ihr das Oberteil über den Kopf zu ziehen, nicht so wirklich gut ankommt. Justin platzt die Hutschnur: „You know what? This is so stupid! Why do we have to be the last people to do everything?” Amy bleibt ihrer Einstellung treu und daher stur: Soll er sich doch eine andere suchen, wenn er nur eine Freundin mit gewissen Vorzügen will. „Maybe I should“, erwidert Justin und haut wutentbrannt ab. Könnte dramatisch sein, aber ich lache, weil im nächsten Moment Amys Mutter entgeistert durch die GEÖFFNETE Zimmertür guckt, was nur bedeuten kann, dass Justin allen Ernstes versucht hat, mit Amy zu schlafen – WÄHREND DIE GOTTVERDAMMTE ZIMMERTÜR OFFENSTEHT!! Scheint ein Kink bei ihm zu sein, stets und ständig auf frischer Tat bei den peinlichsten Dingen (Pornos und Sex) von den eigenen Eltern (oder in diesem Fall eben Amys Eltern) ertappt werden zu wollen.
Di versucht, wieder mehr Zugriff zu ihren Söhnen zu bekommen, indem sie mit ihnen in einer Gärtnerei einkaufen geht. Der Film suggeriert also, die Familie Petersen hätte einen Garten, auch wenn wir von dem noch nicht einen Grashalm gesehen haben. Scheiß-Budgetbeschränkungen aber auch! Alex ist genervt: „All this family time! We don’t need to bond! Mom, we’re cool!“ Justin hingegen sieht es eher locker (vielleicht auch, weil jetzt nach dem Streit mit Amy der Weg für Monica frei ist). Das wird sich aber sehr schnell ändern, denn Di bekommt einen erschütternden Anruf von der Schule: Alex‘ Schulfreund hat ein pornografisches Foto herumgezeigt – und das Foto hat ihm Alex per Mail geschickt! Ihr könnte euch vorstellen, dass das die von notgeilen Rabenkindern gebeutelte Mutter in Sekundenschnelle von 0 auf 180 bringt. Alex könne froh sein, nicht suspendiert worden zu sein. Ist das so in den Vereinigten Staaten? Ein pornografisches Bild zeigen – zack, Suspendierung? Kein Gespräch mit den Schülern suchen? Maßnahmen ergreifen, dass das nicht wieder vorkommt? Es ist so lächerlich, wie hier wegen jeder noch so kleinen Anstößigkeit herumgeheult wird, als würde die Welt deswegen zugrunde gehen. Außerdem: Ich möchte wetten, dass es sich bei dem pornografischen Bild maximal um das Bild einer jungen Frau handelt, die die Lippen spitzt und ein tiefes Dekolleté hat.
Dis Wut verlagert sich schnell von Alex auf Justin, was der ungerecht findet, aber er kriegt die Schuld trotzdem zugeschustert: „because you allowed this pornography into our house!“ (Und hast damit die Seuche über die ganze Stadt gebracht.) Erstmal in Form ergänzt sie: „You have a problem with pornography!“ Man merkt ihre Verklemmtheit allein schon daran, dass sie die ganze Zeit von „pornography“ spricht, anstatt die gängige Kurzform „porn“ zu verwenden. Das klingt so fürchterlich gestelzt. Di erklärt, dass ihre Freundin Beth (die Lehrerin) ihr Einblicke in ihre Ehe gewährt hätte. Jene Ehe sei an der Pornosucht ihres Mannes gescheitert. Durch dieses Gespräch ist sie folglich fortan anerkannte Expertin für diese Art Problem. Weil sich Justin uneinsichtig zeigt, greift sie zu massiven Maßnahmen: Sie streicht das Internet! Justin begehrt laut auf und bringt das Argument hervor, dass er das aber für die Schule und generell E-Mails benötige, doch die schrille Kreische bleibt unerbittlich: „Use the library computers at school!“ Man kann sich jetzt schon denken, wozu das führen wird.
Abends legt sich Di nachdenklich zu Steve ins Bett und zwingt ihm ein Gespräch auf, denn Kelly Lynch ist 46 Jahre alt und somit steht auch Di – die Frauenrolle, die sie spielt – an der Schwelle zur alten Frau. Jedenfalls klingt es so, als hätte sie ein paar ernsthafte Komplexe. Ob er sich manchmal vorstelle, mit anderen Frauen zu schlafen? Da kann Steve beruhigen: „I married my fantasy.“ Das beruhigt sie nicht wirklich, schließlich werde sie jedes Jahr etwas älter (streng genommen sogar jeden Tag, jede Minute und jede Sekunde, Di!) und weniger sexy (man kann auch sagen: schrumpelig, Di!). Steve aber lässt sie gar nicht weiter ausreden, weil er sich dieselbe Leier wahrscheinlich 500 Mal im Jahr anhören muss, und sagt ihr das, was sie hören will: „You fulfill all my fantasies, not just the sexual ones. My problem is: I don’t tell you that enough.“ Und ein Kuss. Kleiner willkommener Schlenker für die seufzende Lifetime-Zielgruppe, die sich aus Frauen in den Mittvierzigern zusammensetzt.
Ich weiß nicht, ob Amy und Justin sich mit dem bitterlichen Streit von eben offiziell getrennt haben. Was ich aber weiß: Jetzt ist auch für Amy die Stunde der Wahrheit gekommen, da sie im Zusammenhang mit irgendeiner diffusen Sache ihren PDA benötigt. Man sollte annehmen, dass ihr schon mehr als einmal der Gedanke gekommen sein sollte zu prüfen, was Justin immer an ihrem PDA wollte, aber erst jetzt klickt sie sich (versehentlich?) durch den Browserverlauf – und der outet Justin auch für sie als das Ferkel, das er ist: „hot girls“, „big breasted beauties“, „hot babes“, „collage hotties“, „best legs ever“, „super shuts“, „tender toes“, „3 D babes“, „colossal cleavage“, „sexy girls“. Mehr noch: Dann erscheint da auch noch eine freizügige Frau in Leder auf dem kleinen Bildschirm! So sehr ich zu schätzen weiß, dass die Drehbuchautoren sogar beim Suchverlauf Justins eklatante Rechtschreibschwäche berücksichtigen, liest sich das für mich eher so, als hätten sie die Aufgabe bekommen, sich aus dem Stand zehn Suchbegriffe auszudenken – und das war dann das Ergebnis. Schon „colossal cleavage“ ist doch ein Begriff, der zwar eine schöne Alliteration ist, aber wohl kaum gegoogelt werden würde (benutzte man 2005 generell überhaupt das Wort „kolossal“ noch?). Und „tender toes“? Justin scheint schlicht auf alles zu stehen: große Titten, Füße, Lack und Leder, Animes (wegen „3 D babes“). Denn ist ja alles eine Schose: Wer pornosüchtig ist, steht auf ALLES. Willkommen in der Welt von Wesley Bishop und Richard Kletter!
Bei dem ganzen Schweinkram, den Justin da auf Amys PDA hinterlassen hat, wie ein Hund seinen Hundehaufen, kann Amy nicht anders, als ihn damit zu konfrontieren – vor aller Augen und – natürlich! – während des Schwimmtrainings. „I don’t know how that got there“, spielt er selbst jetzt noch scheinheilig das Unschuldslamm und steht damit vor versammelter Mannschaft blöd da. Als sie wieder abrauscht und einer seiner Schwimmkollegen fragt, was los sei, blökt Justin ihn an und kriegt dafür gleich den Anblöker von seinem Coach: „Justin, that’s no way to speak to your teammate!“ Doch Justin ist nicht zu beruhigen: „Screw all you guys!“ – und dampft ab.
Verdammt, seine Hausaufgaben auf immer und ewig in der Schulbibliothek zu machen, weil er nur noch von dort aus seine Mails lesen und verschicken kann, tummelt Justin sich gerade eben dort herum und plagt sich mit dem Fach Geschichte herum. Woher ich das weiß? Weil ein Text zu Joseph Chamberlain mit „History Paper“ überschrieben ist. Auf jeden Tiefpunkt folgt bei Justin ein noch tieferer Tiefpunkt (ähnlich wie bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft), indem er einen Stick in den Computer steckt – und weiter „Porno“bilder und -videos gucken kann. Funktioniert das Internet in der Bücherei nur mit diesem Stick? Hat er auf diesen Stick zu Hause Bilder gezogen, um sie sich extra hier angucken zu können? Wie hat er das gemacht, wenn der Computer tabu ist und kein Internet hat? Fragen über Fragen…
Eine Schulbibliothek hat den Nachteil, dass man ständig den Blicken anderer Schüler ausgesetzt sein kann, vor allem, wenn es eine Schulbibliothek wie diese ist, in der sich Justin noch nicht mal unbehelligt in eine stille Ecke zurückziehen kann, sondern die Tische in Reih und Glied nebeneinander aufgestellt sind. Das hat zur Folge, dass der arme Justin, wann immer er aus den Augenwinkeln sieht, dass jemand hinter ihm vorbeigeht, er das Video von der freizügiger gekleideten Frau, das er sich gerade ansieht, schließen oder minimieren muss.
Besonders schräg wird es aber jetzt: Monica beehrt die Bibliothek mit ihrer Anwesenheit. Sie nimmt Justin gar nicht wahr, aber er sie, weil sie sich an einen Quertisch zu seiner Linken setzt. Es gibt nun mehrere Möglichkeiten, wenn er Kontakt mit ihr aufnehmen möchte. Zwei davon: Er sucht Blickkontakt mit ihr – oder er spricht sie sogar an. Doch was tut er? Er surft auf Monicas Website?! Hä? Da sitzt sie live in Person zum Greifen nah neben ihm in der Bibliothek – und er steuert ihre Website an?! Er könnte sie in echt haben, greift aber lieber auf alte Videos von ihrer Website zurück, um monicaförmige Pixel anzugaffen?! Der Junge ist völlig kaputt. Ich könnte ihn ja vielleicht verstehen, wenn das aktuell von ihm begutachtete Video denn wenigstens endlich Titten beinhalten würde, aber nein: Züchtig wie eh und je macht Monica zwar lächelnd ein paar Posen auf einem Bett und spielt etwas mit den Knöpfen an ihrem Top herum, um anzudeuten, dass sie die gleich öffnen wird – tut es aber nicht. Das mag Justin die pure Erfüllung bringen, aber jeder andere Zuschauer fragt sich eher, wieso verdammt nochmal er nicht einfach zu ihr geht und sie fragt, ob er später mit ihr schlafen kann?! Sie ist fünf Meter weg!!
Der direkte Weg zu Monica wäre in dieser Situation generell der bessere Weg gewesen, wie wir gleich sehen werden, denn Di und ihr Mann werden von der Rektorin in die Schule bestellt, weil aufgeflogen ist, dass Justin die Firewall der Schulbibliothek gehackt hat. Äh, war das am Ende der Grund, warum er eben den Stick in den Computer gesteckt hat? Stick rein – Firewall besiegt? In der Fantasie der Drehbuchautoren geht das wahrscheinlich so einfach. Diese Aktion bringt Justin keinen Verweis ein; jedoch steht er bis Ende des Schuljahres unter Bewährung und muss vier Samstage nachsitzen. „I think that’s more than fair“, stimmt Steve der Angemessenheit der Strafe zu. Bei dieser unschönen Gelegenheit kriegen sie auch gleich sein Zwischenzeugnis in die Hand gedrückt, und das sieht den Reaktionen nach zu urteilen eher verheerend aus. Steve fragt sich, warum sie davon erst jetzt erfahren, aber die Rektorin meint, sie müssten eine Kopie dieses Berichts postalisch und per E-Mail erhalten haben. Hm? Soll das bedeuten, dass Justin inzwischen nicht mehr davor zurückschreckt, nicht nur seine düsteren Internetmachenschaften durch permanentes Lügen zu verbergen, sondern seinen Eltern sogar wichtige Schulbriefe vorzuenthalten? Was ist er bloß für ein Mensch geworden? Vom Traumsohn jeder Mutter zum Satansbraten direkt aus der Hölle.
Den großen Knall hebt sich die Rektorin aber bis ganz zum Schluss auf: „Have either of you ever caught Justin visiting porn sites?“ Steve zeigt, wen sich Justin offenbar als Vorbild genommen hat, was das Aussprechen von Unwahrheiten ausgeht, indem er zunächst verneint, aber Di fällt ihm ins Wort und gesteht. Wie die Rektorin durch EINMALIGES Firewall-Hacken in der Bücherei und den EINMALIGEN Besuch dreckiger „Pornos“ darauf schließen will, dass Justin generell ein ernsthaftes Suchtproblem hat, erschließt sich mir nicht, aber sie händigt den entsetzten Eltern zum Abschluss des Gesprächs eine ausgedruckte Liste mit vorzüglichen Therapeuten aus. Der Junge braucht Hilfe – sieht man doch.
Justin hat mit bebendem Herzen bei dem Rektorengespräch vor dem Zimmer gewartet, weil er natürlich weiß, was ihn jetzt schon wieder erwartet. Deshalb würde er sich gern auch gleich wieder Richtung Schwimmtraining verabschieden, doch Di wurde noch vor ihrem Sohn eine entscheidende Info gesteckt, mit der sie jetzt um die Ecke kommen kann: Justin wurde vom Schwimmteam ausgeschlossen! Der Grund wird nicht genannt: vielleicht wegen fortgesetzter Unkonzentriert- und Undiszipliniertheiten oder wegen des lautstarken „Screw all you guys!“-Abgangs – oder einer Kombination aus allem. Nochmals mit allem konfrontiert, was die Eltern eben durch die Rektorin erfahren haben, gibt er kleinlaut zu, ein kleiner „Pornografie“-Liebhaber geworden zu sein (was er nach allem, was wir im Film gesehen haben, schlichtweg nicht ist – Bekleidete-Frauen-Liebhaber vielleicht). Diese Erkenntnis kommt Di und Steve zu halbherzig rüber, weshalb Justin es ihnen mit steigender Wut und Lautstärke durch die Schulflure entgegenschmettert, als wäre er Luciano Pavarotti in einer Oper, sodass jetzt die Schüler- und Lehrerschaft in den anliegenden Klassenzimmern endgültig wissen, dass in dieser Schule ein gefährlicher „Porno“süchtiger herumläuft, vor dem sich alle hüten sollten. Ich als Kinderloser habe nicht das Recht, mich in die Erziehung von Eltern einzumischen, aber trotzdem behaupte ich: Di und Steve täten gut daran, ihre Methoden von Grund auf zu überarbeiten. So kriegen sie Justin nie mehr auf ihre Seite gezogen.
Nachdem sich die dicke Luft ein wenig verzogen hat, versucht es Justin zu Hause dann doch wieder in deutlich leiserem Ton, seinen Eltern weiszumachen, dass er jederzeit damit aufhören könne. Di besteht auf einen Therapeuten, was er aber resolut ablehnt. Da die bisherigen Erziehungsmaßnahmen – vom ins Wohnzimmer umgezogenen Computer über die abendliche Ausgangssperre bis hin zur Komplettausschaltung des Internets – ja bisher so wunderbar funktioniert haben, kann die nächste Eskalationsstufe gezündet werden: Hausarrest bis zum Ende des Schuljahres! So kriegt man Kinder gezüchtigt – und bricht ihren Willen gänzlich. Ich will damit nicht sagen, dass Strafe nicht sein muss. Mittlerweile habe ich allerdings das Gefühl, dass Justin geradezu zum totalen Untergang getrieben wird – weil Mama früh aus einer Mücke einen Elefanten machte und, anstatt ernsthaft, wirklich ernsthaft den Dialog zu suchen, sich im Gegenzug immer härtere Strafen ausdenkt. Als Nächstes muss er wahrscheinlich auf dem Fußboden schlafen, danach wird er ans Heizungsrohr gekettet – und wenn selbst das nichts hilft, muss er sich wie ein Hund auf allen Vieren fortbewegen.
Es wundert mich unter diesen Bedingungen nicht im Geringsten, dass Justin sich in der folgenden Nacht schlaflos in seinem Bett wälzt und schließlich, als er doch einschläft, von relativ dürftig bekleideten Frauen (nach Maßstab dieses Films sind sie also nackt) träumt, die sich vor ihm räkeln und ihm beschwörend zuzischen: „Hey baby! I’m waiting for you! I want you so bad!“ Irritierenderweise taucht im Traum auch ein muskulöser Schwarzer auf, der mit einer Schönheit kuschelt, und all das ergibt eher das Bild einer Swinger-Party. Angeheizt von diesem Traum, den ich glatt als FSK-12 freigeben würde, schleicht Justin aus seinem Zimmer und greift in die Handtasche seiner Mutter. Darin findet er eine Kreditkarte. Mit der in der Hand setzt er sich an den Computer im Wohnzimmer und gibt die Daten der Kreditkarte ein – mit der Folge, dass er wieder ins Internet kommt?! Hä? Hat er sich durch Nutzung der Karte jetzt Internet gekauft? Wie aber, wenn das Internet doch gar nicht geht und die Daten, die er zu dieser Karte eingibt, irgendwie im Internet verarbeitet werden müssen? Ich fürchte ja Folgendes: Die Drehbuchautoren haben mal wieder die Realität gebeugt und eine technische Unmöglichkeit herbeigetrickst – in der Hoffnung, es würde keinem auffallen. Oder aber: Sie wissen immer noch nicht, worüber sie schreiben.
Aufgrund des wirren Drehbuchs weiß ich nicht mal, ob das, was Justin jetzt tut, seine Form eines Rachefeldzugs gegen seine Mutter ist oder sein verwirrter Geisteszustand ihm zu schaffen macht: Er kauft sich mithilfe der Kreditkartendaten auf „Porno“seiten ein – und das scheinen so ziemlich alle zu sein, die das Internet anno 2005 hergibt. Halb bekleidete Frauen über halb bekleidete Frauen erblicken sein Auge, und auch wenn an einer Stelle das Gestöhne Expliziteres vermuten lässt, bieten die Bilder wie schon damals auf Timmys Party nur irgendwelche undefinierbaren Körperteile, die ganz bestimmt weder Schwanz noch Vagina sind. Dazu trinkt er einen Energy Drink, und da Energy Drink, wie vorhin schon rausgearbeitet, ja synonym steht für Taschentuch, rubbelt er sich wohl gerade seinen Pimmel. Einen Augenblick später sitzt Justin bereits mit nacktem Oberkörper am Schreibtisch. Wow – er trinkt Energy Drinks UND ist nun mindestens halbnackt. Obwohl Handbewegungen, die Obszönes andeuten, nach wie vor fehlen, müsste das, was er da tut, im Rahmen dieses Films jetzt eigentlich schon völlig hemmungsloses Rumgewichse sein. In seiner Besessenheit, die übrigens von keinem Elternteil gestört wird, obwohl der Computer ja jetzt im Wohnzimmer steht, landet er auch wieder auf Monicas Website und entdeckt dort brandneues Material: Monica im Cowgirl-Outfit – und mit etwas Dekolleté. Justin zerreißt es bei so viel Sexyness regelrecht: Er schreibt Monica…
In der Schule. Die Glocke läutet – da alle in eine Richtung gehen und Justin genau entgegengesetzt unterwegs ist, liegt die Vermutung nahe, dass er nun auch noch zum Schulschwänzer degeneriert ist. Sein Ziel: Monica. Er klingelt an der Haustür, und Monica öffnet in einem für ihre Verhältnisse extrem züchtigen Outfit. Dafür, dass das hier vermutlich sehr schnell zum Sex-Date ausarten soll, ist das aber verdammt wenig Schlampe. Justin blickt sich zunächst im Haus um und staunt über die Größe. Monica zieht ihn deshalb ein wenig auf: „Don’t sound so surprised. I might get the wrong impression […] that you think I’m a cheap slut from a low-rent family.” Justin möchte sich bereits entschuldigen, aber Monica greift seine Hand und führt ihn nach oben – allerdings nicht in ihr eigenes Zimmer, sondern in das Zimmer ihrer Eltern, in dem auch großformatige Fotos ihrer Großeltern hängen. Madame mag’s offenbar weird, und wo einige zur Stimulierung Reizwäsche tragen und/oder sich bei sexuellen Aktivitäten filmen, brauchen einige halt die Blicke von Oma und Opa.
Nun kann es direkt ans Eingemachte gehen: Monica macht ihre üblichen kleinen Spielchen (die so groß nicht sein müssen, weil Justin ja bereits der Schwanz in der Hose aufgeht, wenn er nur einen Bauchnabel sieht) und in Windeseile sind sie bereits beim Knutschen angekommen. Der ganze Film schien darauf hinzuarbeiten, dieser eine reale Sex, mit dem sich Jungfrau Justin zurück ins echte Leben vögeln kann mit einer geilen erfahrenen Sirene, die ihm schon zeigen wird, wie ihre Brüste gewachsen sind. Justin versucht sich an dezentem Brustgeknete (alles ziemlich verkrampft, aber mehr ließ Lifetime nicht zu), ehe Monica die Führung übernehmen will und darum plötzlich auf ihm sitzt.
Sie: You know, I’m not like little sweet What’s-her-name?
Er: Amy?
Sie: What?
Er: That’s her name: Amy.
Sie: Whatever.
Bei Monicas Griff an seinen Gürtel wird Justin dann aber doch etwas blümerant zumute, und er bittet darum, vom Gaspedal zu gehen. Monica geht zum Schein darauf ein, macht sich dann aber daran, ihr Oberteil auszuziehen. Ein entblößter nackter Bauch ist aber bereits zu viel für den zartbesaiteten Schwachkopf: „No, stop! […] This isn’t how I pictured it would be.“ Stimmt, du magst es lieber angezogener, was? Mehr als Bauchnabel, und du kollabierst auf der Stelle.
Und tatsächlich – es passt zu diesem in seiner Moral erzkonservativen Film – war es das auch schon wieder. Justin steht auf und macht sich den Gürtel zu. „I don’t feel like it anymore“, sagt er, woraufhin Monica die Zuschauerreaktion darauf laut ausformuliert: „Are you kidding?“ Und ich stimme mit ein: Ist das dein Ernst, Film? Internet„pornografie“ macht impotent, und Leute, die sich so etwas ansehen, wollen nur noch klicken und nicht mehr mit Schulschlampen ficken – soll das die Aussage sein? Zum Bauchnabelansehen auf Ewigkeit verdammt – armer Justin.
Monica macht die Zurückweisung schwer zu schaffen, denn dass ihre körperlichen Reize ausnahmsweise nicht funktionieren, kennt sie so nicht. Folglich fällt sie dem Wahnsinn anheim und jagt ihn im wahrsten Sinne des Wortes vom Hof: Justin muss geradezu panisch die Flucht ergreifen, weil ihm Monica im schrillsten Psychopathenmodus hinterherläuft. Es fehlt wirklich nur das Messer in ihrer Hand, und man könnte sie für Glenn Close halten, die Michael Douglas beim Sex mit seiner Ehefrau erwischt hat. „You cannot blow me off like this! Get out of here! Get out!”, brüllt sie, und wäre er auch nur ein wenig langsamer, würde er es nicht mehr rechtzeitig aus dem Haus schaffen und von Monicas spitzen Fingernägeln auf grausamste Weise zerfleischt werden. Nach seiner erfolgreichen Flucht rennt die in der Ehre gekränkte Monica ins Badezimmer und starrt mit gefletschten Zähnen in ihr Spiegelbild – ehe sie vor seelischem Schmerz mit Wucht ihren Kopf aufs Waschbecken hämmert und eine blutige Platzwunde an der Stirn davonträgt!! Allmählich glaube ich, dass „Cyber Seduction“ in Wirklichkeit eine verkappte Komödie ist. Mein Gott, sind die alle durch.
Die nächste Eskalation folgt auf dem Fuße, denn als Di mit ihrem Mann nach Hause kommt, wartet eine Hiobsbotschaft auf dem Anrufbeantworter: Die First Monument Bank hat angerufen und ungewöhnliche Aktivitäten bei der Nutzung ihrer Kreditkarte festgestellt. Wir ahnen, was nun ans Licht kommt: Justins ungezügelte „Porno“-Einkäufe. Umgehend wirft das Ehepaar den Computer an, und wie in einem Science-fiction-Film ploppen unaufhörlich Pop-ups auf: Hot College Babes, Hot Punk Girls, Cool Girls, ja sogar ein spärlich bekleidetes Anime-Babe. Bei einer Frau auf diesen Pop-ups kann man sogar den Ansatz ihres unteren Brustbereichs erahnen. Das ist ja schon fast Pornografie! Ich sagte es gerade: Eigentlich muss „Cyber Seduction“ als Komödie gedacht sein, denn die apokalyptisch-panische Grundstimmung von Di und Steve, die völlig planlos diverse Tasten drücken, um der ganzen schlimmen Pop-ups Herr zu werden, als könnten sie dadurch in letzter Sekunde eine Kernschmelze oder den Ausbruch eines Virus verhindern, muss man gesehen haben, wenn der Tag schlecht war und man einmal richtig befreit lachen will.
Genau in diesem Moment kommt Justin nach Hause und sieht seine Eltern an den Tücken der Technik verzweifeln. Da das auch für ihn eine äußerst peinliche Angelegenheit ist, greift er umgehend zu drastischen Maßnahmen – und zieht den Stecker! Das hat nun wirklich „Frank Drebin entschärft die Bombe, indem er über den Stecker stolpert“-Vibes, ist hier aber völlig ernst gemeint. Durch sein selbstloses Handeln hat er nun zwar sich und seine Familie vor Schlimmerem bewahrt (mindestens vor dem Weltuntergang), aber das macht seine Missetat mit der Kreditkarte, mit der er heute Nacht vermutlich das gesamte Porn-Web gekauft hat, nicht ungeschehen. Sogleich spürt er den wütenden Atem seiner Mutter in seinem Gesicht, als sie ihn wegen des erneuten Vertrauensbruchs ausschimpft (wobei man mittlerweile ja schon gar nicht mehr von „Vertrauensbruch“, sondern eher von „Misstrauensbestätigung“ reden kann, weil kein Vertrauen mehr da ist, das gebrochen werden kann). „Justin! You’re addicted! You can’t stop!“, schreit sie in ihrer Verzweiflung heraus (an dem Punkt waren wir vorhin nach dem Rektorengespräch schon mal), doch weil Justin das immer noch nicht zugeben will, mischt sich sein Vater ein und versucht offenbar, den Bengel aufgrund der fortgesetzten Lügen zur Vernunft zu rangeln. Ähnlich bemerkenswert wie Justins in Sekundenbruchteilen über ihn hereinbrechende Sucht ist Steves Wandel vom „Chill mal“-Kumpel-Daddy zum gewaltbereiten Schläger. „What do you want to do, Dad, huh? You want to hit me, Dad?”, versucht sich Justin äußerst jämmerlich an der Darstellung eines zweitklassigen provozierenden „Schlag mich doch, wenn du dich traust“-Pausenhofprüglers, aber Di verhindert wirkliche Handgreiflichkeiten mit ihrem verzweifelten Gewinsel und kriegt so die Streithähne auseinander, die dann in ihr jeweiliges Gehege zurückkehren.
Wie es ja sooft ist, sind es die Kinder, die am Ende ganz kleinlaut wieder bei ihren Eltern angekrochen kommen, auch wenn es in diesem Fall der Vater war, der handgreiflich werden wollte – und sich dafür entschuldigen müsste. Aber gut – die heimliche Nutzung von Mamas Kreditkarte für diverse Internetschweinereien ist ein letztlich schlimmeres Vergehen als häusliche Gewalt, und so versucht Justin beim Abendessen die Gunst der Eltern durch Schleimereien zurückzugewinnen, indem er den Tisch abdeckt. Das hat auch einen Grund, denn er möchte eine Ausnahme vom Hausarrest erwirken (es ist alles eine Frage des Timings – besser als jetzt gerade geht nicht). Diesmal ist es Steve, der ihm das nicht genehmigen will. Da Justin aber als Grund Amy angibt, bei der er sich für all das Leid, das er über sie gebracht hat, entschuldigen will, ist es Di, die ihm die Erlaubnis erteilt – unter der gar nicht mal so unklugen Bedingung, dass sie ihn dorthin fährt.
Vor dem Gespräch mit Amy führen Mutter und Sohn noch ein ernstes Gespräch im Wagen. Da wir schon verdächtig nah am Ende des Films sind, hat aus nicht weiter erklärten Gründen die fatale Kreditkartennutzung bei Justin ein grundlegendes Umdenken bewirkt: Er gesteht sich endlich ein, sein Problem nur mithilfe psychologischer Unterstützung in den Griff bekommen zu können. Ein erster zaghafter Schritt in die richtige Richtung, auch wenn Di zugibt, dass es für sie noch ein langer Weg zurück ist, um wieder Vertrauen zu ihm fassen zu können. Eine feste Umarmung und Liebesbekundungen deuten aber an, dass die Zukunft nicht mehr ganz aussichtslos ist. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, warum ich annehmen sollte, dass Justin es diesmal ernst meint – ich meine, vielleicht hat er auch die Taktik geändert und denkt, dass auf längere Sicht ein Einschleimen bei Mama seiner heimlichen Sucht eher zugutekommt als ständige Uneinsichtigkeit.
So oder so trägt die Taktik Früchte: Dachte ich eben noch, Di hätte ihn deshalb zu Amy gefahren, um auf seine nächsten Schritte aufzupassen und bis zum Ende der Aussprache mit Amy im Wagen zu warten, stelle ich fest, dass dem gar nicht so ist. „So you give me a call when you want me to pick you up, okay?”, fragt sie, und weg ist sie. Äh. Und wenn Justin nur vorgibt, mit Amy reden zu wollen und in Wirklichkeit nun heimlich in ein Internetcafé schleicht und da Energy Drinks trinkt?! Ist ja nicht so, als hätte er in der Vergangenheit nicht schon einmal Amy vorgeschoben, als er in Wirklichkeit auf finsteren Internetpfaden wandelte. Aber gut, vielleicht weiß Di auch, dass der Film gleich um ist und so furchtbar viel nicht mehr passieren kann.
Aber weil Justin nun tatsächlich geläutert ist (die Kreditkartenplünderung war also tatsächlich laut Film der tiefste Tiefpunkt – kein „Ich werde selbst Internet-Pornostar“, kein „Ich schnupfe jetzt auch Koks“ und auch kein Amoklauf, bei dem er alle mit einem Maschinengewehr niedermäht und Di anschließend sogar zerteilt und isst), führt er mit Amy das große Entschuldigungsgespräch. Die ist verständlicherweise eher defensiv: Weder bittet sie ihn ins Haus noch bejaht sie Justins Vorschlag für einen Spaziergang. Sie reden einfach vor der Haustür. Justin gesteht all das, was er eben schon seiner Mutter gestanden hat. Amy anerkennt seine Ehrlichkeit, verneint aber Justins Wunsch, sich irgendwann mal wiederzusehen: „Not yet, anyway.“ Ich würde ja stark vermuten, dass sich das nicht verhindern lassen wird, wenn man tagtäglich zur selben Schule (und vielleicht sogar in dieselbe Klasse?) geht. Justin zieht aber noch seinen Joker: „I was actually thinking about going to church with you.” Der Schlawiner weiß nämlich: Wenn nichts mehr hilft, hilft Gott – vor allem, wenn das Gegenüber eine fromme Bibelleserin ist.
Sie: Wow, that’s pretty radical!
Er: Yeah, I need to get radical!
Sie: I’ll be here for you if you need to talk. I’ll always be there for you.
Bitte?! Von „Not yet, anyway“ zu „I’ll always be there for you” in zehn Sekunden?! Justins Absichtserklärung, mit Amy in die Kirche zu gehen, sorgt also für ein gefühltes Happy End für Justin und Amy?! Mehr noch: Sie sorgt dafür, dass sie ihm einen zärtlichen Kuss auf den Mund gibt?! Ich kann mich nur wiederholen: Was laufen hier bloß für Idioten rum? Damit ist die Aussprache beendet, und nun könnte es heißen: „Mom, ich bin fertig! Kannst du mich abholen?“ Und diese zwei Minuten wollte Di nicht abwarten?
Aber Justin ruft seine Mutter NICHT an und wandert stattdessen ein wenig durch die Nacht – nicht auf der Suche nach dem nächsten Bekleidete-Frauen-Anstier-Schuss, sondern gedankenversunken. Damit könnte nun das Ende kommen, wenn wir uns nicht daran erinnern würden, dass die Eingangsszene jene Szene war, in der sich der schwer verprügelt aussehende Justin im Schwimmbecken ertränken wollte. Tja, und der Auslöser kommt jetzt: Bei seinem Spaziergang wird er nämlich zufällig von einem Halbstarken entdeckt, der ihn kennt. Der braust sofort mit seinem Wagen los, um diese Entdeckung Dooley mitzuteilen – eine Info wiederum, die ihn sofort aufspringen und aufbrechen lässt. Will er der perversen Drecksau also ordentlich einheizen und ihm nun auch mit Faustschlägen mitteilen, was er von Justins Bondage-Tick hält? Nein, der Grund für den Aufbruch ist ein anderer. Er sitzt nämlich unter anderem mit Monica im Lokal, und Monica trägt neben ihrer durch die Waschbecken-Kopfnuss zugefügten Wunde auf der Stirn (die allerdings seit vorhin merklich nach unten gerutscht ist) auch ein violettes Veilchen (das nach ihrer Waschbecken-Kopfnuss noch nicht da war) auf dem einen Auge.
Hat Monica sich also vorhin mit Absicht verletzt – um die Sache Justin anzuhängen und ihren Freund Dooley gegen ihn aufzuhetzen?! Ich würde sagen: Die manipulative Bitch ist noch durchgeknallter drauf, als ich es bisher gedacht hatte – und setzt sogar noch einen drauf, als Monica, sobald Dooley aufspringt, um Justin die unverdiente Abreibung zu verpassen, diesen am Arm festhält und fleht: „Baby, don’t, baby!“ Hä?! Der Monica-Charakter ist nicht nur extrem rätselhaft, sondern auch sehr, sehr schlecht geschrieben. Was will Monica? Konnte ihr Ego es nicht ertragen, dass Justin sie zurückgewiesen hat? Ist sie in Justin verliebt? Ist sie in Dooley verliebt? Will sie, dass Dooley Justin mit Gewalt zu einem Dreier prügelt? Wieso erzählt sie Dooley, dass Justin sie verprügelt hat? Doch wohl aus dem Grund, damit er ihm die Fresse poliert. Was hätte sie sonst davon? Warum sonst der perfide Aufwand, sich selbst zu verletzten? Und jetzt will sie doch nicht? Hä? Ich sage es ja: Die ist völlig durch – und braucht dringender psychologische Hilfe als Justin.
Justin wandert von den neuerlichen Entwicklungen nichtsahnend umher, und da die Stadt, in der er lebt, klein genug ist, haben ihn Dooley und seine Gang auch alsbald ausfindig gemacht. Schnell haben sie ihn in den Wagen gezerrt und entführt. Justin, auf sich allein gestellt, kann nicht viel gegen die Übermacht ausrichten und muss bereits während der Autofahrt erste Schläge von Dooley einstecken. Seine Unschuldsbeteuerungen, Monica nicht geschlagen zu haben, bleiben ungehört. Nach der Tracht Prügel werfen sie ihn wie Müll an einer Straßenecke raus. Dooley würde dem bereits hilflos auf dem Boden Liegenden heldenhaft gern noch den einen oder anderen Tritt verpassen, aber einer von seinen Begleitern hält ihn bereits nach dem ersten Tritt ins Gesicht zurück: „Don’t go psycho on him.“ Damit ist Justin zwar böse verprügelt und kann sich nur unter Schmerzen aufrichten, aber wenigstens lebt er.
Somit wären wir wieder bei der bekannten Anfangsszene – Justin auf dem Weg, sich im Schwimmbecken zu ersäufen. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber Justins Selbstmordgedanken zu diesem Zeitpunkt sind schon absurd forciert, um eine knallige Eingangssequenz haben zu können. Erste Schritte sind doch gemacht: Er hatte eine Aussprache mit seiner Mutter, die ihm trotz des Vertrauensverlusts ihre Liebe bescheinigte. Er hatte eine Aussprache mit Amy, die ihn, sollte er zum Kirchengänger konvertieren, eventuell sogar wieder zurückhaben will (drei, vier Gebete, und er hat sie soweit). Klar, er wurde nun noch einmal heftig verprügelt, aber dies könnte man als Schlusspunkt für sein altes Leben bezeichnen, ein letztes Überbleibsel seiner Suchtvergangenheit. Und doch steht er nun da, breitet seine Arme aus und wirft sich ins Schwimmbecken.
Wenn wir schon alles mit dem Vorschlaghammer vor den Latz geknallt bekommen haben, muss uns nun natürlich auch noch eins mit der dicken Kitschkelle übergebraten werden: Während Justin die Luft anhält und im Wasser vor sich hertreibt, tauchen Bilder vor seinem geistigen Auge auf: Amy, die ihm zujubelt; seine Familie, die ihm zujubelt; sein Schwimmcoach, der ihm zujubelt; kumpelhaftes Abklatschen mit seinem Vater; liebevolle Neckereien mit seinem Bruder; Amy, die einen Kussmund formt; Amy, die mit ihm kuschelt; Amy, die ihn küsst; Di, die mit ihm kuschelt – mit einem Mal erkennt Justin, dass all diese Erinnerungen doch viel zu schön zum Sterben sind. Justin hat noch was vor in seinem Leben – und so taucht er wieder lächelnd auf, um freudestrahlend zurück an den rettenden Beckenrand zu schwimmen, ebenfalls zu einer Parallelmontage vergangener Erinnerungen, wie der, in der er und seine Mutter gemeinsam schwimmen, in ähnlichen Bildern wie vorhin, als vage Inzestfantasien durch sein Hirn donnerten.
Tja, und jetzt, da der Film interessant zu werden droht und zu dem vielschichtigen Porträt eines Jungen, der in Therapie geht, um seine „Porno“sucht zu besiegen, werden könnte, ist er auch schon zu Ende. Eine Fortsetzung wurde nie gedreht, aber es steht zu vermuten, dass es im zweiten Teil nicht um ebenjene Therapie gehen würde, sondern Alex im Mittelpunkt stünde, der nach den Schrecken dieses Films ja bereits „pornografisch“ infiziert war und nun die Saat des Bösen über die Stadt, das Land und später dann die ganze Erde bringen wird…
Als ich vor einigen Wochen auf der Suche nach abseitigen Filmen in einer Letterboxd-Liste auf „Cyber Seduction“ stieß, glaubte ich zuerst, einen Erotikfilm mit Cybersex-Thematik vor mir zu haben, wie sie früher auch auf VOX im Samstagnachtprogramm liefen (bevorzugt aus Frankreich). Dass dem nicht so war, ließ sich natürlich schnell durch das Lesen der Inhaltsangabe bestätigen, und bei meiner weiteren Recherche fand ich dann auch schnell mehrfach den schrägen Vergleich mit einem wesentlich bekannteren Film, der in Trashfilmrunden seit jeher hohes Ansehen genießt, eben weil er so schlecht ist. Wer den obigen Inhalt tatsächlich ganz gelesen hat, ahnt vielleicht, dass ich damit „Reefer Madness“ meine, einen der ersten „anerkannten“ Exploitation-Filme aus dem Jahr 1936, der sich mit dem schädlichen Einfluss von Drogen auf das Bewusstsein des Konsumenten auseinandersetzt. Das sind aber nicht harte Drogen wie Heroin oder Kokain. Der Genuss einer einzelnen Marihuana-Zigarette lässt hier bisher arglose High-School-Schüler zu unkontrollierbaren Bestien werden, die nicht nur von Halluzinationen geplagt werden, sondern Depressionen erleiden und dem Wahnsinn anheimfallen, zu Mördern werden und Selbstmord begehen.
Tja, und dann schauen wir uns mal „Cyber Seduction“ an und tauschen die Marihuana-Zigarette gegen verführerische Webcam-Videos und Porno-Pop-ups aus und rufen uns in Erinnerung, was mit Hauptfigur Justin hier passiert: Er wird vielleicht nicht gerade zu einer Bestie, aber er entwickelt das unkontrollierbare Verlangen nach mehr und mehr Pornos, durchlebt mehrfach Halluzinationen und wirbelt das Leben seiner Familie (im Negativen) völlig durcheinander. Das mag in seiner Konsequenz nicht ganz so weitreichend sein – es stirbt keiner und Suizid wird lediglich angedacht, nicht vollzogen –, aber in seiner reißerischen Machart und den verheerenden Folgen, die ein einzelnes Video bei Justin auslöst, bewegt er sich klar auf den Slogan „Das ‚Reefer Madness‘ des 21. Jahrhunderts“ zu – und obwohl es sich auf den ersten Blick lediglich um einen wenig bemerkenswerten, ziemlich gering budgetierten TV-Film handelt, erreicht „Cyber Seduction“ so einen ähnlich hohen Unterhaltungswert wie das ungewollte Vorbild.
Hier ist alles übertrieben: die Einleitung, die die blütenweiße Harmonie der Familie Petersen nachzeichnet, mit Justin als kommendem Schwimmstar mit toller Freundin, der aufgrund seines Erfolgs auch die Achtung von Schülern gewinnt, die bisher in einer ganz anderen Liga spielten; der Link zu einem unpornografischen, ja nicht einmal erotischen Webcam-Foto, das Justins Niedergang initiiert und ihn zu einem Süchtigen werden lässt, der fortan bei jeder Gelegenheit, egal ob es passt oder überhaupt nicht (gleich zweimal sitzt er völlig schambefreit an Amys PDA, während Schwimmtraining und später sogar ein wichtiger Schwimmwettbewerb stattfinden), nach dem neuesten Internetstoff geiert und zunächst von seiner Mutter, später auch von seinem Vater, anderen Schülern und Lehrern als perverses Schwein behandelt wird, das kuriert werden muss; und schließlich das Hauruck-Happy-End, bei dem es nicht mal ein besonders hervorstechendes konkretes Ereignis gibt, das die Wende herbeiführt. Die Eltern erfahren, dass Justin mit der Kreditkarte der Mutter Porno-Einkäufe getätigt hat, Mommy kreischt verzweifelt, Daddy wird (nicht mal richtig) handgreiflich – und das lässt ihn erkennen, dass er es zu weit getrieben hat und Hilfe braucht. Es gibt kein großes Unglück wie einen Schulfreund, der sich zu Tode wichst, oder keinen, der vor Verzückung über eine besonders große Silikontitte rückwärts aus dem offenen Fenster in den Tod fällt, sodass Justin zum Umdenken gezwungen ist – es ist die Kreditkarte seiner Mutter, mit der er heimlich Geld ausgibt. Als Dank für seine Einsicht kriegt er die Liebe seiner Mutter und – jedenfalls wird das angedeutet – auch die seiner Ex-Freundin zurück.
Besonders erheiternd ist dabei die geradezu groteske Prüderie, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. Man will uns hier eine moralische Geschichte erzählen, die so etwas aussagen soll wie „Internetpornografie ist böse und macht aus dem Stand süchtig“, und dann gibt sich der Film aber so zugeknöpft, dass man bildlich nicht mal versteht, was überhaupt das Problem sein soll. Klar, man musste der Tatsache Rechnung tragen, dass „Cyber Seduction“ ein TV-Film für ein weibliches Publikum ist, das irgendwie auch unterhalten werden will und vermeintlich nicht empfänglich für derbe Nacktheit ist, aber der Film geht nicht mal den verschämten Weg, die nackten Tatsachen zu verpixeln, sondern zeigt ständig angezogene junge Frauen, die – und das ist das Höchste der Gefühle – einen lasziven Gesichtsausdruck an den Tag legen. Ein Bauchnabel hier, eine Frau in Reizwäsche da – mehr ist da nicht. Justin masturbiert nicht einmal. Er gafft nur und tut nichts – keine Handbewegungen, die Onanie andeuten, kein Stöhnen. Einmal sitzt er sinnfrei mit nacktem Oberkörper vom Monitor, und sonst säuft er Energy Drinks, die die Kamera ständig bedeutungsschwanger einfängt, als würde Pornosucht auch gleichzeitig zu Koffeinsucht führen – oder man liest es wie gesagt so, dass die Dosen Taschentücher sind und, um züchtig zu bleiben, zeigt Masturbation nur zwischen den Zeilen in Form von Energy-Drink-Konsum. Dieses ständige Andeuten-aber-nichts-Zeigen macht bereits den ersten Schockmoment, den Di erleidet, sobald sie ihren Sohn einmal auf frischer Tat ertappt hat, umso lachhafter. Gleichzeitig scheint der Film zu insinuieren, dass keine normale sexuelle Beziehung mehr möglich ist, wenn man heimlich Pornos schaut. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass Justin sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, mit Monica zu schlafen, sobald sie auf ihm sitzt, obwohl er eigentlich genau das kriegen kann, was er die ganze Zeit will?
Alles, schlichtweg alles, was sich um die Hauptthematik dreht, ist lächerlich: Wer Pornos guckt, ist offenbar sofort süchtig und muss in Therapie. Pornos zerstören Ehen. Pornos funktionieren wie Erkältungsviren und sind daher übertragbar: Timmy zeigt Justin „pornografische“ Inhalte, woraufhin Justin Alex „pornografische“ Inhalte zeigt, woraufhin Alex seinem Schulfreund „pornografische“ Inhalte zeigt – und so geht das weiter, bis irgendwann die ganze Stadt betroffen sein wird und von der Außenwelt abgeschirmt werden muss, damit das Virus sich nicht übers ganze Land ausbreitet. So in der Art kommt es rüber – Porno ist ein Virus, das bekämpft gehört. So setzt sich dann letztlich auch diejenige Gruppe durch, die diesen Schmutz anprangert – oder zumindest erkennt, dass Pornos Schmutz sind: Justin besinnt sich nach seinem Selbstmordversuch und wird keusch bleiben, bis seine Sicherlich-bald-wieder-Freundin Amy den Zeitpunkt für gekommen hält (vielleicht in der Hochzeitsnacht?), und Di wird voraussichtlich ihre glückliche Familie zurückbekommen, weil sie immer wieder auf Justin eingeredet hat, bis der sich in Therapie begibt. Dahingegen bleibt Monica als durchgeknallte Bitch, die sich im Internet auf äußerst dezente Weise exhibitioniert, am Ende als gebrochenes heulendes Etwas zurück, das in der vermutlich toxischen Beziehung mit Schläger Dooley, der sicherlich weiterhin Pornos schauen wird (wenn es nicht gerade Bondage-Pornos sind), gefangen bleiben und ihm irgendwann zwei ungeliebte Kinder gebären wird, ehe sie als mit ihrem Leben unzufriedene Säuferin zugrunde geht. Ich will das Thema nicht kleinreden: Pornosucht ist sicherlich nichts Lächerliches und es spricht nichts dagegen, sie in einem Film anzusprechen, aber dann doch nicht auf so unendlich plump-dümmliche Weise wie hier, geschrieben von Drehbuchautoren, die permanent beweisen, dass sie nicht mal wissen, worüber sie schreiben.
Darunter leiden dann eben auch die Figuren: Die oftmals schrillen Verhaltensweisen sind nicht nachvollziehbar und teilweise so ruckhaft und irrational, dass wir Fantasy-Gefilde betreten:
– Justin ist von jetzt auf gleich ein sabbernder Gierlappen, dem von der Sekunde an, in dem er Monicas Foto sieht, Amy völlig egal wird und jegliche Freizeitbeschäftigungen, die sie vorher teilten, sausen lässt. Das Schwimmtraining wird mit einem Mal nebensächlich. Er ist nicht mehr konzentriert und steht offenbar sofort auf alle Arten von Pornografie, die es so gibt: Lack und Leder, Füße, Animes.
– Di schiebt gleich Panik, als sie erfährt, was Justin macht, und rüttelt dafür sogar spät in der Nacht ihren Mann wach, um ihm die Ohren vollzuquatschen. Meine Güte, als hätte er gerade Heroin geschnieft! Mit ihrer Paranoia, ihrem Klammern, ihrem Kontrollwahn treibt sie ihren Sohn geradewegs dazu, dass er nicht mehr ehrlich zu ihr ist und lieber lügt, als offen mit ihr zu reden.
– Steve wird vom „Ist doch gar nicht schlimm, wenn du Pornos guckst“-Verfechter zum „Ich schäme mich für dich, Sohn!“-Wüterich, sobald er erfährt, dass Justin CDs mit pornografischen Inhalten brennt?! Und er wird sogar fast handgreiflich, nachdem er eigentlich sonst mehr so der Kumpel-Dad war?!
– Amy will sich den Sex noch etwas aufheben, macht Justin allerdings permanent mit Küssen heiß, um sich dann zu wundern, dass er mehr will als etwas Gebussel und Schmuserei – und am Ende empfängt sie ihn nach klarer Abneigung plötzlich doch mit offenen Augen, nur weil er bekundet, irgendwann mal mit ihr in die Kirche zu gehen.
– Timmy bringt Justin erst ins „Pornogeschäft“, versucht sogar, ihm Monica schmackhaft zu machen, und ist dann so angewidert, dass er ihn bei anderen verpetzt, weil der einen Bondage-Fimmel entwickelt hat – und wendet sich sofort von ihm ab, weil er ein Perverser ist, mit dem man nicht gesehen werden will.
– Tja, und Monica? Ich verstehe sie nicht. Kein bisschen. Geile Männerfresserin und Exhibitionistin? Manipulative Bitch, im Inneren aber doch die sanfte Verliebte, die gekränkt ist, wenn sie nicht kriegt, was sie will, und die deshalb zu drastischen Maßnahmen greift? Durchgeknallte Psychopathin? Vielleicht alles zusammen? Ich habe Angst vor dieser Frau!
Keine einzige Charakterzeichnung ist konsistent oder logisch entwickelt. Dadurch wird „Cyber Seduction“ jedoch eben auch zu einem Fest: Ständig muss man irgendetwas hämisch kommentieren, wenn mal wieder eine der Figuren völlig wider die menschliche Natur handelt, und im Idealfall entstehen Szenen, die so daneben sind, dass man eigentlich permanent durchlachen könnte, weil man nicht glauben kann, dass sie ernst gemeint sind: Dis nächtliche Auseinandersetzung mit ihrem da noch hinter Justin stehenden Mann, als sie ihm ein Gespräch aufdrängen will, weil ihr ältester Sohn Pornos schaut, obwohl er doch einfach nur schlafen will; Justins Träume von Nixen und willigen Frauen auf einer Art Swinger-Party beziehungsweise der Tagtraum, in dem er sich ins Schwimmbecken zu seiner Mutter fantasiert, während er sie dabei beobachtet, wie sie ihre Runden dreht; der Dialog im Szenelokal zwischen Justin und Monica, der wie kaum ein anderer zeigt, dass die Drehbuchautoren keine Ahnung haben, wie sie einen Dialog zwischen schüchternem Jugendlichen und draufgängerischer Schulschlampe gestalten sollen; Dis Gespräch mit der Kollegin, bei dem sie lernt, was ein Web-Verlauf ist und wie leicht man ihn umgehen kann; Dis Gespräch mit Alex, der ihr erst hilft, eine Überwachungs-Software auf dem Computer zu installieren, um dann sofort zu erfahren, dass alle Mühen umsonst waren, weil Alex und Justin sie sowieso umgehen können; E-Mail-Adressen nur mit Vornamen und auf @e-mail statt .com endend; Justins Suchbegriffe auf Amys PDA (über „colossal cleavage“ bin ich bis heute nicht hinweg) – und natürlich der Running Gag, der auch zum Trinkspiel ausgeweitet werden kann, wenn Tollpatsch Justin mal wieder hektisch ein Pop-up-Fenster schließen muss oder sogar auf frischer Tat ertappt wird. Es ist beeindruckend, mit welcher Zuverlässigkeit er sich JEDES MAL erwischen lässt – insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Nebentitel des Films „His Secret Life“ heißt. „His Wide-Open Life“ wäre da passender.
Das Bemerkenswerteste bei all dem ist: Dieser Film braucht keine Schauwerte. Er ist bieder inszeniert, optisch durchschnittlich und sticht daher oberflächlich nie aus dem üblichen Einheitsbrei heraus, den US-amerikanische Kabelsender wöchentlich im Abendprogramm zeigen. Es ist fast ausschließlich dem idiotischen Drehbuch von Wesley Bishop und Richard Kletter zu verdanken, dass ich einen Heidenspaß mit diesem Film hatte. Sicherlich – bekloppte Verfolgungsjagden, scheußliche Gore-Effekte, handwerkliche Inkompetenz mit sich in Fensterscheiben spiegelnden Crewmitgliedern oder sichtbaren Mikrofonen, die oben ins Bild hängen, und völlig unpassendes Stock Footage können Garanten für eine amüsante Anderthalbstunde sein, doch manchmal reicht schon ein restlos beschissenes Skript, um für Frohsinn zu sorgen. Bishop hat unter anderem Titel wie „The Christmas Shoes“, „The Christmas Blessing”, „The Christmas Hope” und „The Christmas Note” in seiner Vita stehen. Kein Wunder also, dass bei so viel seichter Kost, bei der Anfang, Mitte und Ende des Films schon feststehen, bevor überhaupt ein Wort für ihn geschrieben wurde, ein Skript, das mit moralischen Zeigefingern arbeitet, vielleicht nicht unbedingt die ganz feine Klinge sein kann. Richard Kletter hätte mit seiner TV-Erfahrung sicherlich regulierend einwirken können, denn er war auch in anderen Genres zu Hause, wozu sogar Science-fiction gehörte („Der Mann, der auf die Erde fiel“, „The Tower“, „The Android Affair“), aber die Bewertungen in der IMDb sind so durchwachsen, dass er aller Voraussicht nach auch einfach kein guter Autor war.
Wenn ich übrigens schreibe, „Cyber Seduction“ sei fast ausschließlich wegen seines idiotischen Drehbuchs so spaßig, schließt das „fast“ natürlich mit ein, dass das nicht der alleinige Grund ist. Ein weiterer Grund wäre Kelly Lynch, die mit dieser peinlichen Over-the-Top-Performance wohl ihren Karrieretiefpunkt erreicht haben dürfte. Das Drehbuch fordert kein nuanciertes Spiel, sondern das ganz große Drama – und sie liefert. Einem breiteren Publikum wurde sie 1989 durch „Drugstore Cowboy“ von Gus Van Sant bekannt, in dem sie an der Seite von Matt Dillon die Hauptrolle einnimmt – als Anführerin einer vierköpfigen Gruppe von Drogenabhängigen! Sie weiß also ganz genau, wie schwer es ist, von einer Droge loszukommen. Sie heimste dafür viel Lob ein und landete im selben Jahr wie bereits oben aufgeführt im Haudrauf-Trash-Knaller „Road House“, wo sie als Unfallärztin mit Patrick Swayze rummacht. Ich weiß nicht, wie es euch geht: Wenn ich einen Film über Internetpornografie drehe und die Figur einer besorgten Mutter habe, die es schon unentschuldbar findet, wenn der Sohn sich angezogene Frauen ansieht, besetze ich dann wirklich diese Rolle mit Kelly Lynch, die durch ihre Bereitschaft, sich freizügig zu zeigen, bekannt geworden ist? Sie kann sicherlich nichts für ihre Vergangenheit – und sich für die Kamera auszuziehen, ist ja auch nichts ansatzweise Verwerfliches –, aber sie schwingte bei mir ständig amüsiert im Hinterkopf mit in einem so hochmoralischen Film, wie es „Cyber Seduction“ ist.
Als Satansbraten Justin gibt sich Jeremy Sumpter die Ehre – und das größte Rätsel ist, wie er in diesem Film landen konnte, denn er war in „Dämonisch“, dem vielbeachteten Regiedebüt von Bill Paxton, als junge Ausgabe von Matthew McConaughey und in dem sehr gelungenen 2003er-„Peter Pan“ sogar in der Titelrolle zu sehen. Als Peter Pan durfte er nicht erwachsen werden – und fast scheint es, als dürfe er es hier auch nicht, weil vor allem die Mutter ihm die natürlichen Bedürfnisse eines Teenagers versagt. Wieso er sich zwei Jahre später nach diesen Kinorollen plötzlich im Fernsehen wiederfand? Keine Ahnung. Seine Rolle und auch seine Leistung hier sind seltsam tranig – er entwickelt zwar eine merkliche Arschlochattitüde mit beachtlichem Pinocchio-Syndrom, die sich aber nie in entscheidend veränderten Verhaltensweisen oder einem verlotterten Erscheinungsbild äußert, auch wenn er am Ende laut Drehbuch kurz vor Straßenstrich stehen müsste. Stattdessen bleibt er im Herzen immer ein Sohn, der gut sein will und nicht wirklich aufbegehrt. Er lügt halt – mehr nicht. Wenn alle Süchte so wenig ernste Probleme verursachen würden, wäre die Welt ein besserer Ort.
Lyndsy Fonseca (Amy) begann ihre Karriere in beliebten Serien wie „Boston Public“ (4 Folgen) und „Malcolm mittendrin“ (1 Folge) – und vor allem als Teds Tochter Penny in „How I Met Your Mother“ (65 Folgen) – und arbeitete sich von diesem Film aus mitunter auch in Kinofilme wie „Kick-Ass“ und „The Ward“, ehe sie inzwischen verstärkt in Hallmark-Filmen auftaucht. Sie bleibt relativ blaß in ihrer biederen Rolle als gottesgläubige Schülerin, ist aber schnuckelig anzusehen. Demgegenüber steht Nicole Dicker als Monica, die am Ende richtig aufdrehen darf. Übers Fernsehen ist sie nie hinausgekommen (ihr letzter Auftritt fand im Jahr 2009 statt), aber hier bleibt sie zumindest in Erinnerung als die wohl rätselhafteste weibliche Schülerinnenfigur, die es je in einem Film gegeben hat.
Bemerkenswert noch John Robinson als anfangs arg sorgloser Vater Steve, der zunächst so gemütlich gegen Lynchs hysterisches Schauspiel anspielt, dass einige witzige Szenen entstehen. Ich wiederhole nochmals: Der „Justin guckt Pornos!“-Dialog ist zum Einrahmen. Jake Scott als Alex macht auch keine großen Punkte, aber gut, es hat auch schon schlechtere und nervigere Kinderdarstellungen gegeben. In Erinnerung bleiben da eher noch Briony Glassco als Lehrerin Beth, die einige idiotische Dinge zu sprechen hat („My marriage was destroyed because of his addiction to internet porn.“), Alison Sealy-Smith als Dis internetweise Arbeitskollegin und natürlich Kyle Schmid als Timmy, der voll ausflippt, als Justin mit seinem Bondage-Fimmel um die Ecke kommt (und der Spam!!!).
„Cyber Seduction“ ist somit alles in allem der schreiend komische Versuch, im Gewand eines Fernsehfilms auf ein durchaus wichtiges Thema aufmerksam zu machen, das bis heute aktuell ist und es sicherlich auch bleiben wird: Internetpornografie kann süchtig machen und Jugendliche negativ beeinflussen, völlig klar, aber die Art und Weise, WIE dieser Film das darstellt, so übertrieben, geradezu krawallartig, sorgt dafür, dass das ernste Anliegen völlig in unfreiwillige Komik umkippt. Der rasante Fall innerhalb von drei Monaten vom Schwimmstar zum selbstmordgefährdeten Pornoabhängigen entbehrt jeder Realität, die einfache Ursache-Wirkungs-Kette, die den Eindruck vermittelt, dass Pornokonsum nahezu zwangsläufig zu Sucht, Beziehungsproblemen und psychischer Krise führen, die fehlende Differenzierung zwischen gelegentlichen und problematischem Konsum, der moralisierende Ton mit blinkender Warnbotschaft, die einseitige Sicht auf Justin, der ausschließlich über seine Suchtentwicklung definiert wird, ohne persönliche, familiäre oder gesellschaftlich Faktoren miteinzubeziehen – all das ist so schlecht gemacht, dass man „Cyber Seduction“ locker als frühen Trash-Höhepunkt der „Das Internet als Gefahr“-Welle betrachten kann, die in den ersten Jahren von besorgten Menschen losgetreten wurde. Ein echtes Fest, das zu pausenlosem hämischen Kommentieren einlädt – unfassbar, dass so eine Moralkeule noch im 21. Jahrhundert möglich ist.
BOMBEN-Skala: 8
BIER-Skala: 7
Review verfasst am: 03.07.2026