Criminally Insane 2

 
  • Deutscher Titel: Criminally Insane 2
  • Original-Titel: Criminally Insane 2
  • Alternative Titel: Crazy Fat Ethel II |
  • Regie: Nick Millard
  • Land: USA
  • Jahr: 1987
  • Darsteller:

    Priscilla Alden (Ethel), Frances Millard (Hope), Albert Eskinazi (Edgar), Nick Millard (Dr. Stevens), Fred Sarra (Lt. Frank Harris), Joe Elliot (Dinner Server), Royal Farros (Dr. Namenlos) – und die Pfeifen aus dem ersten Teil


Vorwort

Crazy Fat Ethel is back… Lang hat es gedauert, genau genommen zwölf Jahre nach Erscheinen des Vorläufers, in dem die korpulente Hauptfigur sogar ihre eigene Oma umbringt, weil die ihr die zwingend notwendigen essbaren Utensilien während einer nächtlichen Heißhungerattacke vorenthält. Später muss dann sogar noch ihre Flittchen-Schwester dran glauben, wenn auch dann nur noch aus Angst vor Entdeckung. Wir haben Ethel als eiskalte und skrupellose Psychopathin kennengelernt, die am Ende auch noch zur Kannibalin wird – ob aus der Not heraus, weil sie nicht weiß, wohin mit den ganzen Leichenbergen, oder weil sie abermals zu hungrig geworden ist, ließ der Film dabei ebenso offen wie die Frage, was mit ihr geschehen würde. Da sie von der Polizei auf frischer Tat beim Naschen an einem menschlichen Arm ertappt wurde, liegt die Vermutung nahe, dass sie anschließend in die Klapse einwanderte.

Aber Regisseur Nick Millard wird es uns mit „Criminally Insane 2“ erzählen, weil er wusste: Crazy Fat Ethel hatte noch so viel Potenzial, dass die Figur sich geradezu für eine ganze Horror-Reihe im Stil der „Freitag der 13.“-Reihe anbot – oder auch nicht, denn mit dem zweiten Teil war die große Saga um die pfundige Irre auch schon wieder beendet. Es mag an den mangelnden Geldmitteln gelegen haben, die den erst Ende Oktober 2022 verstorbenen Millard um den verdienten Ruhm gebracht haben.

Kurz nach dem ersten Teil – nach 1977 – legte er zunächst eine siebenjährige Schaffenspause ein, bis er allmählich wieder begann, Filme zu drehen: „The Gunfather“ – Genrebezeichnung: Action – war der erste davon, ist allerdings so unbekannt, dass nicht einmal die IMDb irgendetwas darüber zu berichten weiß, außer dass das Budget auf 5.000 US-Dollar geschätzt wird. Dem folgte 1985 mit „Mac 10“ ein nur unwesentlich bekannterer Vertreter über einen Verrückten, der Mafiosi killt und ihr Geld einsackt (Budget: 10.000 US-Dollar), und noch ein Jahr später „Gunblast“, in dem eine Frau einen Killer anheuert, um ihren Ex-Freund umzubringen (Budget: unbekannt).

1987 erinnerte sich Millard dann an seinen vermutlich größten „Hit“ und konnte für das große Comeback der Ethel Janowski erneut Priscilla Alden gewinnen – und der Spaß konnte losgehen. Nach „250 pounds of maniacal fury“ musste eine neue Werbezeile her – und diesmal entschied Millard sich für „Fatty, fatty 4×4, can’t get in the kitchen door!“. Auf der „Crazy Fat Ethel II“ betitelten VHS des Labels Video Treasures gibt es auch einen Warning-Disclaimer mit dem Spruch „Never come between Ethel and a well-stocked refrigerator!!“. Wir merken schon: Trotz des längeren Zeitraums zwischen Teil 1 und Teil 2 besinnt sich der Mann ganz seiner Exploitation-Wurzeln (oder hat sich vermutlich nie von ihnen getrennt) und setzt weniger auf ein ausgefeiltes Psychogramm als auf eine geballte Ladung Geschmacklosigkeit. Ob das in den 80ern noch genauso funktioniert wie in dem niederträchtigen, aber auch irgendwie ziemlich unterhaltsamen 70er-Original (zumindest für weniger zimperliche Gemüter, die den Film als typischen Vertreter seiner Zeit begreifen können)?


Inhalt

Den ersten Hammer liefert bereits der Vorspann. Ich hätte ja anhand seiner letzten Filme schon durchaus vermutet, dass Millard mit einem lausigen Budget zwischen 5.000 und 10.000 US-Dollar würde vorlieb nehmen müssen, wo „Criminally Insane“ immerhin noch über ein Budget von rund 30.000 US-Dollar verfügte, aber ich hätte nun nicht gedacht, dass er mit dem Sparen bereits beim Vorspann würde anfangen müssen. Der Vorspann von „Criminally Insane 2“ ist nämlich allen Ernstes der Vorspann von „Criminally Insane“ – unterscheidbar lediglich durch eine lieblos dazwischengeklöppelte Titeleinblendung „Criminally Insane 2“, die für die ursprüngliche Titeleinblendung eingesetzt wurde und sich in Stil und Schriftart vom Rest der Castangaben komplett unterscheidet. Ansonsten aber haben wir bis auf den i-Punkt denselben Cast: Hauptdarsteller, Kameramann, Drehbuch, Regisseur, als visueller Schnickschnack die Bluttropfen, die die Namen „wegspülen“, die dissonante untermalende „Musik“ – alles genauso wie im ersten Teil, in derselben Reihenfolge, ohne Variation. Das bedeutet auch gleichzeitig, dass die neuen Darsteller aus Teil 2 unkreditiert bleiben, während die alten Schauspieler aus Teil 1 einfach noch einmal mitspielen, obwohl ein Großteil der Figuren, die sie verkörpern, von Ethel gemeuchelt wurde – und nach logischen Gesichtspunkten gar nicht mehr mitspielen kann.

Und noch ein Punkt ist bemerkenswert. Stichwort: Sparen. Die verwaschene Bildqualität der weißen Buchstaben und roten Bluttropfen lässt keinen weiteren Schluss zu, als dass Millard den Vorspann seines ersten Teils einfach von einem Fernsehbildschirm abgefilmt hat bzw. hat abfilmen lassen. Ich kann nicht anders, als vor dem Regisseur bereits zu diesem Zeitpunkt, zu dem noch nicht ein einziger Frame Bewegtbild zu sehen war, für seine Chuzpe den Hut zu ziehen.

Dann aber kommt das erste Bewegtbild – und es ist in Analogie zum ersten Teil ebenfalls ein Zoom auf ein mehrstöckiges Gebäude, das in diesem Fall eine Psychiatrie darstellen soll, und zwar die Psychiatrie, in der die inzwischen grau gewordene Ethel mit dem Kopf an einer weißen Wand lehnt und apathisch ins Nichts starrt. Ihr tristes Dasein wird unterbrochen durch Rückblenden aus Teil 1, namentlich den Mord an Jack, dem damaligen Lover von Ethels Schwester Rosalie, der sie wie Dreck behandelte und daher auch völlig berechtigt von Ethel eine Axt in den Kopf gedonnert bekam – mehrere Zehntausend Male.

Danach sehen wir wieder Ethel in der Gegenwart: Kopf an der Wand, diesmal aber von weiter weg aus einer leicht variierten Perspektive aufgenommen. Die Kamera zoomt an ihr Gesicht – und schickt uns zurück in Teil 1, wo Ethel die schmerzhafte Elektroschocktherapie verabreicht bekommt. Anschließend sehen wir Ethel, wie sie apathisch in ihrer Zelle sitzt und die Kamera an ihr Gesicht zoomt – aber lasst euch nicht täuschen, liebe Zuschauer, das ist immer noch das Material aus dem ersten Teil. Die apathisch in ihrer Zelle sitzende Ethel aus der Gegenwart erinnert sich nämlich an die apathisch in ihrer Zelle sitzende Ethel aus Teil 1. Alles klar? Schwarzblende – weil es in Teil 1 an der Stelle auch eine Schwarzblende gab.

Nun ist die Rückblende vorbei, und es wird von einer Nahaufnahme von Ethels Mund zurückgezoomt. Sie ist im Begriff, ein Toastbrot zu verspeisen. Zoom auf ihren Mund, wie sie kaut. Dann die Nahaufnahme eines Schokoladenpuddings im Glas. Ethel isst ihn – und sie isst ihn in Echtzeit. Wir sehen ihr ungelogen ohne Schnitt dabei zu, wie sie mit dem Löffel einen Bissen nach dem anderen nimmt, das Glas auskratzt und so auch noch die letzten Puddingreste vertilgt. Ich habe die Zeit jetzt nicht gestoppt, aber die Szene müsste sich etwa auf zwei Minuten erstrecken, bis Ethel entnervt Glas und Löffel zu Boden schmeißt und die ersten Worte des Films brüllt: „It’s too damn little!“ Danach schickt uns der Film in die allererste Szene von Teil 1 zurück, wo die sich heftig wehrende Ethel von mehreren Ärzten festgehalten werden muss, um ihre Spritze zu kriegen. Schwarzblende – weil es in Teil 1 an der Stelle auch eine Schwarzblende gab. Und schließlich wieder die apathische Ethel, wie sie an der Wand lehnt (also die Gegenwarts-Ethel jetzt, nicht die Vergangenheits-Ethel).

In diesen ersten Szenen, in denen Gegenwart und Rückblenden permanent gegenübergestellt werden, fällt bereits besonders deutlich der Rückschritt auf, den Millard über die vergangenen Jahre gehen musste. Das Kameraequipment ist geradezu lächerlich rückständig, sodass man in jeder einzelnen neu gedrehten Szene den surrenden Ton der Kamera hören kann – ein Problem, wie ich es als ehemaliger Amateur-Filmer während meiner Kindheit auch kannte. Dies steht im krassen Gegensatz zu Teil 1, der zwar auch finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet war und einen sehr billigen Look mit sich herumtrug, aber gegen Teil 2 wie „Citizen Kane“ und „Vertigo“ gleichzeitig aussieht. Nur um das zu verdeutlichen: Wir bewegen uns visuell auf Heiko-Fipper-„Ostermontag“-Terrain.

Und dann – lernen wir Nick Millard höchstpersönlich kennen! Amateurfilmer kennen das Problem: Schauspieler kosten Geld – und das ist eine Hürde, die man gerade nicht gebrauchen kann, wenn man kein Geld hat. Also wechseln Regisseure nicht selten die Seiten und stellen sich vor statt hinter die Kamera, denn so kann man für umme eine Rolle besetzen. In diesem Fall verkörpert Millard einen schnauzbärtigen Arzt. Einen weißen Kittel hat er dafür gerade noch gefunden, aber keine Drehgenehmigung für eine Praxis, weshalb er sich vermutlich hinter den Schreibtisch in seinem eigenen Wohnzimmer setzt und es als Arztbüro ausgibt. Der Arzt wirft äußerst gekünstelt eine Mappe auf den Schreibtisch und beklagt sich über eklatante Budgetkürzungen, die es ihm unmöglich machen, die Klinik in der aktuellen Form weiterzuführen. Gegenschnitt auf einen anderen Schnauzbartträger mit Brille, der ihn, den Schnauzbartarzt ohne Brille, bestätigt: „I know. I’ve gone through it three times already.“ Und Gegenschnitt zurück auf Schnauzbartarzt ohne Brille hinter seinem Schreibtisch: „The bureaucrats and politicians in Sacramento use Prop 13 as an excuse to cut our budget. In the meantime, they increase their own salaries and pension plans.“

Wir merken: Millard ist es offensichtlich ein Herzensanliegen, die unhaltbaren Zustände in den USA anno 1987 anzuprangern und liefert mit diesem Film seinen Beitrag dazu. Und wir merken auch: Die „Unterhaltung“ im Schnitt-Gegenschnitt-Prinzip, die Millard hier zwischen zwei Ärzten simulieren will, ist in Wirklichkeit gar keine. Dafür muss man nicht mal Sherlock Holmes sein, weil das Grundrauschen der Kamera von Einstellung zu Einstellung unterschiedlich stark ist. Hier hat man offensichtlich in zwei verschiedenen Räumen gefilmt und die einzelnen Wortbeiträge so zusammengeschnitten, dass sie wie ein Dialog klingen – oder vielmehr: klingen sollen. Das wurde von Millard charmant tölpelhaft gelöst.

Wie dem auch sei: Schnauzbartarzt ohne Brille kommt zum Schluss, dass nur noch die Entlassung von Ärzten und die Reduzierung der Patientenanzahl vor der Schließung der Psychiatrie helfen können. Sein Kollege – also Schnauzbartarzt mit Brille – hält sich auf hochgradig hölzerne Weise die Hand ans Kinn und nickt wohlwollend. Schnauzbartarzt ohne Brille hat da auch schon eine Idee, unter welch „following criteria“ das gelingen kann: Jeder Patient, der in den vergangenen fünf Jahren weder andere Patienten noch Personal gewaltsam attackiert hat, wird in Resozialisierungseinrichtungen überwiesen. Ja gut, das wäre genau EIN Kriterium, weshalb wohl Kollege Schnauzbartarzt mit Brille auch nachhakt: „Some criteria?“ Ein weiterer Gegenschnitt zeigt Schnauzbartarzt ohne Brille immer noch hinter seinem Schreibtisch und wie er seine Lippen zu einem „yeah“ formt, aber irgendwie hat die Tonspur wohl vergessen, das „yeah“ auch wirklich aufzunehmen. Hä?

Gehen wir doch lieber wieder zu Ethel, die in der Gegenwartshandlung ja noch nichts anderes gemacht hat, als mit dem Kopf an der Wand zu lehnen und apathisch zu gucken. Darum macht sie auch in der nächsten Szene nichts anderes. Wieder zoomt die Kamera an ihr Gesicht – und das bedeutet die erneute Zeitreise zurück in Teil 1, wo der schon brutal bearbeitete, aber immer noch lebende Jack durch den Flur kriecht und sich dafür noch ein paar Axthiebe von der hämisch lachenden Ethel einfängt. Gegenwarts-Ethel muss sich wieder einen Zoom zurück gefallen lassen. Schwarzblende – diesmal in der Gegenwartshandlung. Ich bin beeindruckt: Die aktuelle Kamera hat also doch eine eigene Abblendfunktion.

Und schon lernen wir eine weitere Mitspielerin im zweiten Teil kennen, die dank der sehr ökonomischen geldsparenden Arbeitsweise des Regisseurs, die nicht mal einen eigenen Vorspann mit neuen Namen zulässt, unerkannt bleiben müsste – wenn es denn die IMDb nicht gäbe, die mir verrät, dass die alte grauhaarige Frau, die in der nächsten Szene im Bild ist, Frances Millard heißt und fürderhin die Real-Life-Mama von Nick ist. Ich bin mir sicher, dass sie von ihrem Sohn mit kostenloser Hilfe bei der Hühneraugenentfernung entlohnt wurde. Die alte grauhaarige Frau wird von Schnauzbartarzt ohne Brille, der außerhalb dieses Films also ihr Sohn ist, angerufen. Der Doktor stellt sich endlich als Dr. Stevens vor, und die alte grauhaarige Frau ist Mrs. Bartholomew, die, wie wir dem – im typischen Schuss-Gegenschuss-Verfahren und mit wechselhaftem Hintergrundrauschen gehaltenen – Dialog entnehmen, die Leiterin einer Resozialisierungseinrichtung ist und nun im Zuge besagter Sparmaßnahmen keine Geringere als Ethel Janowski aufnehmen soll. Jene Ethel hätte sich nämlich in der Psychiatrie in den vergangenen 13 Jahren gut gemacht, auch wenn der Grund für ihre Einweisung – eben der Mord an sechs Menschen – ein unerfreulicher gewesen sein mag. Mrs. Bartholomew ist trotz der bedenklichen Vorgeschichte bereit, Ethel bei sich aufzunehmen: „You know my motto: We must never lose hope.“ Ich kann mir nicht helfen, aber die Konversation zwischen Leiterin und Arzt hat in ihrem beidseitigen schauspielerischen Dilettantismus etwas Sympathisches.

Und damit wäre Ethel auch schon entlassen. Eine alte Frau, die ich ebenfalls im Bekannten- bis Verwandtenkreis von Nick Millard verorte, führt Ethel Arm in Arm zum Bartholomew-Anwesen. Warum Arm in Arm, ist nicht ganz klar, denn es ist ja nun nicht so, dass Ethel auf Gehhilfe angewiesen ist. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren hat sie sichtlich an Gewicht verloren: Sie ist zwar noch dick, aber mit einigen Pfunden weniger – und sie passt entgegen der Tagline auch durch jede Tür. Die Hauseigentümerin stellt sich der resozialisierten Frau in einer äußerst schlecht ausgeleuchteten Szene gleich mal als Hope Bartholomew vor – und ich möchte Millard ob der Vornamenswahl Hope beglückwünschend die Hand schütteln, denn sie verleiht dem eben benannten Motto („We must never lose hope“) doch gleich mal total unsubtil einen doppelten Sinn. Und wo wir gerade bei Namen sind: Die alte Frau, die Ethel vorbeigebracht hat, ist „Mrs. Schmidt“ – was wir umgehend wieder vergessen können, weil sie damit auch schon wieder sang- und klanglos aus der Handlung verschwunden wäre. Aber gut, dass sie da war. Bye bye, Mrs. Schmidt.

Kaum wurde Ethel abgeladen, wird sie im Wohnzimmer auch schon von einem auf einer Couch sitzenden Schnauzbartträger angestarrt. Die Schnauzbartträgerquote im Vergleich zu den rasierten Männern steht in diesem Film echt in keinem Verhältnis. Ein Zoom auf Ethels Gesicht leitet rücksichtslos eine weitere Rückblende in Teil 1 ein, sodass wir noch einmal sehen dürfen, wie der damalige Detective Sergeant McDonough die Treppe hinaufgeht, kurz bevor er Ethels grausiges Geheimnis entdeckt. „What’s he doing here?“, plärrt es aus Gegenwarts-Ethel heraus, und sie lässt sich auch nicht von Hopes Hinweis, dass der Schnauzbartträger ebenfalls ein Patient sei, beruhigen: „He’s a cop! He’s the one who put me here!“ Gut, nicht einmal auf sehr schlechten Drogen würde ich in Schnauzbartträger McDonough wiedererkennen, aber Ethel ist aufgrund ihres labilen Gemütszustands entschuldigt. Eine erneute Rückblende in Teil 1 zeigt uns nochmals McDonough, wie er Ethel auf frischer Tat bei ihrer Kannibalenwerdung ertappt. Wieder zurück in der Gegenwart besteht Hope darauf, dass dieser Mann Edgar Stanley heiße und in seinem ganzen Leben noch kein Cop gewesen sei. „He’s the one who put me here!“, übergeht Ethel sie einfach. Schnauzbartträger Edgar nimmt die ganzen Anschuldigungen lediglich mit einem Schweigen hin.

Hilft ja alles nichts: Selbst wenn Stanley McDonough wäre, bliebe Ethel nichts anderes übrig, als sich mit der Situation zu arrangieren. Hope zeigt ihr das Zimmer, in dem sie während ihres Aufenthaltes wohnen wird, und Ethel scheint wenig begeistert – also eigentlich wie den ganzen Film schon, ihre herunterhängenden Mundwinkel wirken bereits wie festgewachsen. Damit sie erst einmal richtig ankommen kann, lässt Hope Ethel allein zurück. Das hätte sie mal sein lassen sollen, denn mittels Zoom auf Ethels Gesicht landen wir einmal mehr in Teil 1 und dürfen noch einmal den gesamten Oma-Mord über uns ergehen lassen – inklusive derselben Geräuschkulisse. Ist ja alles schön und gut, dass eine Fortsetzung auch auf den Kniff der Rückblende zurückgreift, aber es kann doch nicht im Sinne ihres Erfinders gewesen sein, dass dreiste Regisseure fast ausschließlich auf diese Technik zurückgreifen. Ich verstehe Millard ja schon irgendwie: Eine Stunde Lauflänge kann seeehr lang werden, wenn man nur über ein Budget knapp über 0 Dollar verfügt, aber DAS kann’s doch echt nicht sein. Gegenwarts-Ethel jedenfalls ist sich sicher, dass ihre Großmutter in Gestalt von Hope wiederauferstanden ist: „I knew you weren’t really dead, Granny!“ Dabei lächelt sie. So viel also zu meiner These, ihre heruntergezogenen Mundwinkel seien festgewachsen.

Im nächsten Moment hat sich Ethel schlafen gelegt. Weil sich sonst ja nichts tut, überbrückt der Kameramann die Zeit durch sinnloses Vor- und Zurückzoomen auf ihren Kopf. Gleichzeitig gibt die schlafende Ethel Millard aber auch wieder die Möglichkeit, ihre Träume zu visualisieren – und mit „Träume“ meine ich: Rückblenden in Teil 1! Nun also der tropfende Wasserhahn und ein paar Einstellungen von Gemälden mit Menschen, die Ethel dabei anzustarren scheinen, während sie ihre tote Oma wegschleift – die Treppe hoch und durch den Flur und in ihr Zimmer. Logisch, dass Millard uns diese prickelnde Szene wieder in genau der Länge gibt, wie sie auch schon in Teil 1 war.

Zur Abwechslung sehen wir Gegenwarts-Ethel – wie sie immer noch schläft. Die Kamera zoomt zurück und wieder nach vorn – und schon sind wir zurück in Teil 1! Vergangenheits-Ethel ermordet den Grocery Boy. Zuerst gibt es den Schlag mit der Flasche auf seinen Kopf – und schließlich die endgültige Exekution mit den Zersplitterter-Flaschenhals-Hieben in seinen Bauch. Das treibt den Gore-Faktor nach oben, wenn auch bislang ausschließlich dank der Rückblenden.

Dann kommt Gegenwarts-Ethel ins Spiel – die in ihrem Bett schläft. Der Kameramann gerät nun völlig außer Rand und Band und experimentiert mit seinem Arbeitsgerät: Er filmt Gegenwarts-Ethel auf dem Kopf und dreht die Kamera im Uhrzeigersinn, sodass sie plötzlich in die andere Richtung auf dem Kopf steht. Der Zoom darf auch nicht vernachlässigt werden, also Zoom zurück – und ab zu blitzlichtartigen Leichenbildern aus Teil 1. Der Kameramann filmt Gegenwarts-Ethel abermals auf dem Kopf und dreht sein Arbeitsgerät wie wild. Wieder ein Zoom an ihr Gesicht – und damit hinein in Teil 1, wo Vergangenheits-Ethel ihren damaligen Arzt Dr. Gerard erschlägt. Und wieder Zoom zurück auf die schlafende Gegenwarts-Ethel. Wie kriege ich eine Stunde Filmmaterial voll? Lernen bei den Größten. Heute: Nick Millard.

Aber auch die frechste Zeitstreckung hat mal ein Ende, und so ruft Hope ihre Patienten über die Gegensprechanlage zum Mittagessen: „Lunch is now being served! I repeat: Lunch is now being served!“ Da kann die Kamera noch so sehr auf die sogenannte Gegensprechanlage, die wahrscheinlich in Wirklichkeit gar keine ist, an der Tür zoomen – es klingt trotzdem so, als hätte Millard seine Mutter einfach in einen Küchentrichter sprechen lassen.

Ob nun Gegensprechanlage oder doch nur handelsüblicher Trichter – Ethel hat das Wort „lunch“ sehr gut verstanden und springt wie von der Tarantel gestochen aus ihrem Bett auf. Nichts könnte sie flinker auf die Beine bringen als die Aussicht, Essbares zwischen die Kauleisten zu bekommen. Schnell sprintet sie die Treppe runter, bleibt dann aber perplex stehen. Zuerst nahm ich an, sie sei enttäuscht, weil das gesamte Lunch lediglich aus einem Salatblatt besteht, auf dem eine Schnecke krabbelt, aber der Grund ist ein anderer: Ein Patient (OHNE Schnauzbart!) steht an einer weißen Wand und tastet mit seinen Händen daran herum, als würde er versuchen, allein durch Handauflegen daran hochkrabbeln zu können. Ich gebe zu, dass ich da auch erst einmal blöd gucken würde. Millard findet diesen ungewöhnlichen Tick interessant genug, um eine gute Minute mit der Kamera drauf halten zu lassen. Dann holt sich der Patient einen Stuhl und stellt sich darauf – um aus seiner erhöhten Position heraus den ganzen Zirkus noch eine gute Minute länger vorzuführen. Wenn er unbedingt will, soll er das ruhig machen. Man müsste es jetzt nicht zwangsläufig in der Ausführlichkeit filmen, aber alles, was die Zeit streckt, passt Millard bekanntlich gut in den Kram.

Dann teilt Hope das angekündigte Mittagessen aus – eine Suppe mit etwas Brot, was Ethel eigentlich nie zufriedenstellen dürfte. Deshalb guckt sie wohl auch so beleidigt. Oder es liegt an Edgar, der ihr gegenübersitzt und sie wie vorhin schon kritisch beäugend anschweigt. Ich weiß nicht, ob mir Millard was damit sagen will oder ob er keine Ahnung hat, was er den Darsteller sagen lassen soll. Wider Erwarten ist Ethel mit der Suppe einverstanden: „This soup is good, Granny!“ Ich erkenne sie nicht wieder: Die vielen Jahre in der Psychiatrie haben sie zu einem neuen Menschen gemacht. Leider. Hope ermahnt den immer noch an der weißen Leinwand herumspielenden Patienten Greg, sich ebenfalls die Suppe einzuverleiben, aber der reagiert ungehalten: „How many times do I have to tell you I can’t eat that swill?“ Ich bin überrascht, dass Greg reden kann – übrigens genauso wie Edgar, den ich bislang als stumm leidenden Patienten zu identifiziert glaubte. Er reicht dem sich schließlich doch an den Tisch setzenden Greg dessen Suppe, die er freundlicherweise zuvor noch mit vereinzelten toten Fliegen angereichert hat. „How do you like that season, Greg? It brings a little color to your face!“, lacht sich Edgar halb tot und sieht Greg dabei zu, wie er das Mahl trotz der besonderen Würze unenthusiastisch vertilgt. Danach spielt Greg mit seinen Fingern auf der Tischplatte imaginär Klavier. Wir müssen nicht alles verstehen. Das gilt auch für den Ton, der während der einzelnen Einstellungen hin und her von einem mal mehr und mal weniger starken Grundrauschen überlagert wird. Ich will mich ja nicht beschweren, aber allein das macht den Film extrem unattraktiv zu schauen und zu hören.

Die merkwürdige Diskussion am Esstisch hat Ethel ja noch still in sich hineingefressen (hineingefressen, hihi – bitte lasst mich, ich habe mich mit Fett-Jokes bisher doch nun wirklich zurückgehalten!), aber damit ist jetzt Schluss, denn Hope möchte ihr in ihrem Zimmer ihre Medikamente verabreichen. „I don’t want any damn pills! I want a snack, Granny!“, flucht Ethel. Hope muss daraufhin erst einmal klarstellen, dass sie mitnichten ihre Großmutter ist. Die sei nun mal tot. Doch Ethel ignoriert das gekonnt: „You’re trying to starve me to death just like before, Granny!“ Hopes Versuch, sie doch zur Einnahme einer Pille zu bewegen, scheitert kläglich, indem Ethel das Tablett mit der Medizin auf den Boden donnert. „I don’t want any damn pills! I want a snack!“, wiederholt sie ungehalten. Wie es sich für eine professionelle Einrichtungsleiterin gehört, sucht Hope eingeschnappt das Weite und droht an, das alles an Dr. Stevens zu petzen.

Gesagt, getan – ich bin mir ziemlich sicher, dass die letzte und diese Telefon-Szene zwischen Hope und Dr. Stevens back-to-back gedreht wurden. Wie gesagt beklagt sich Hope über ihre widerspenstige Patientin, die sich geweigert hätte, ihre Medikamente einzunehmen. „And there was a terrible scene“, schließt Hope das Telefonat, und ich stimme ihr vollumfänglich zu, würde aber sogar so weit gehen und „And there were exclusively terrible scenes“ sagen.

In der Zwischenzeit hat sich Fliegenesser Greg in den Garten der Resozialisierungsanlage begeben, wo er tänzelnd herumspringt und seine komischen Bewegungen mit den Händen fortsetzt, die er vorhin schon für uns an der weißen Wand vollzog. Das dauert alles etwas. Folglich gibt mir das die Gelegenheit, mir diesen Garten einmal näher anzusehen. Es ist eine sehr kleine Grünfläche, die genauso wie das Innere der Einrichtung so aussieht, als hätte Millard das womöglich sogar alles in und um sein eigenes Haus gedreht. Und ich könnte noch auf weitere Details achten, denn Greg tänzelt, während ich hier so schreibe, immer noch durch den Garten. Da stellt sich mir allmählich doch die Frage: Soll das lustig sein? Und was genau soll dieser Film überhaupt? Was ist mit Ethel los? Ich zähle bisher null Opfer. NULL. Ohne die Rückblenden wäre hier gänzlich tote Hose. Greg tänzelt immer noch. Können wir jetzt weitermachen? Danke.

Stubenhocker Ethel vertreibt sich die Zeit im Wohnzimmer und blättert in einer Zeitschrift. Auch das zieht sich mehr, als es sollte. Wir dürfen ja nicht mal mitlesen. Auch das Cover kann ich identifizieren. Kamerafahrt (ja, ich schreibe „Kamerafahrt“ – hier wurden keine Kosten und Mühen gescheut) auf Greg. Er hat es sich nun auch auf einem Sofa bequem gemacht und macht dort mit seinen rätselhaften Handbewegungen weiter. Zoom zurück, Zoom vor. Ja super, die Zoom-Funktion funktioniert immer noch. Und noch einmal: Soll das lustig sein? Gags auf Kosten eines psychisch Kranken? Hahaha, ich lache – nicht.

Plötzlich – ein neues Gesicht, das weit weniger einprägsam ist als die riesige Lockentolle, die dieses Gesicht auf dem Kopf trägt und mich als fast haarloser Glatzenträger vor Neid erstarren lässt. Lockenkopf – hm, bei näherer Betrachtung sticht mir eine gewisse Ähnlichkeit mit Tim Burton ins Auge – gehört zum Personal und macht den Patienten gleich mal eine klare Ansage: „Okay, you loonies, listen up! Miss Bartholomew had to go into town. That means I’m in charge.“ Mit seiner Respektlosigkeit allein käme Ethel schon klar, denn sie interessiert lediglich eine Frage: „What time is dinner?“ Da hat er schlechte Neuigkeiten: Das Essen kommt heute leider etwas später. Für eine Ethel in Bestform hätte eine solche Nachricht für mindestens einen Axtmord ausgereicht, aber die Ethel in „Criminally Insane 2“ ist lediglich ein schwaches Abziehbild der energischen dicken Frau, die wir seinerzeit kennen und schätzen gelernt haben.

Es ist aber offenkundig: Der namenlose Lockenkopf wurde aus dem einzigen Grund in die Handlung eingeführt, um ein Opfer zu sein. Zwar ist er noch nicht ganz auf Arschloch-John-Level (siehe Teil 1), aber er bewegt sich schnurstracks darauf zu. In der Küche bereitet er den Patienten nämlich das Essen zu – und das Essen ist kein Corned Beef, es ist Hundefutter! Offensichtlich konnte Millard keinen Sponsor wie Nilla Wafers im Vorgängerfilm gewinnen, weshalb die Dosen komplett gelb und mit einem großen Schriftzug „DOG FOOD“ ohne weitere schmückende Details versehen sind. Ich gebe Millard ein Fleißsternchen dafür, dass er sich überhaupt Gedanken über so lästige Dinge wie Schleichwerbung gemacht zu haben scheint. Wir sehen Lockenkopf nun dabei zu, wie er die Hundefutterdosen mit dem Dosenöffner öffnet, das Futter aus den Dosen löffelt und es auf mehrere Teller packt. Und wie wir ihm dabei zusehen: Wir sehen jeden einzelnen gottverdammten Schritt! JEDEN! Hätte es früher bereits das Internet und YouTube gewesen, wäre das das Anleitungsvideo gewesen, das die Welt gebraucht hätte: „How to put dog food on plates“. Der Like-Button würde glühen – und das zu Recht!

Damit wäre das liebevoll angerichtete Dinner auch schon fertig, und die Patienten könnten genüsslich schlemmen. Allerdings äußert Edgar scharfe Kritik: „This is the worst corned beef I’ve ever tasted.“ Greg hingegen findet das aufgetischte Futter gar nicht mal so schlecht, und Ethel enthält sich gleich ganz eines Urteils und fängt irre zu lachen an – und mag gar nicht mehr aufhören. Sie lacht wirklich sehr lange. Ist das nun gut oder schlecht? Man weiß es nicht. Aber hin und wieder zwischen den Zeilen einer Szene zu lesen, ist doch auch nicht unbedingt verkehrt, oder? Es muss einem ja nicht immer alles mit großem Blinklicht erzählt werden.

Auch diese Szene gehört ins Kuriositätenkabinett: Obwohl sich hier drei Personen unterhalten, sieht es so aus, als hätte Millard jede einzelne Dialogzeile und Reaktion auf das Hundefutter mit jedem einzelnen Darsteller separat aufgenommen, während die jeweils beiden anderen gar nicht mit am Tisch sitzen. Wieso? Konnten die Darsteller nur in unterschiedlichen Zeitslots und waren daher nie gleichzeitig verfügbar? Man sollte doch annehmen, dass es leichter wäre, eine solche Szene in einem Rutsch mit allen Beteiligten zu drehen. Das wäre doch viel ökonomischer – und würde damit viel besser zum Husch-husch-schnell-fertig-Stil des Films passen. Eine weitere bizarre Entscheidung, die mich ratlos zurücklässt.

Weiter geht’s. In dieser Resozialisierungseinrichtung gibt es offenbar außer Hope und Lockenkopf kein weiteres Personal – somit auch keins, das das dreckige Geschirr abwaschen könnte, weshalb es die Patienten selbst machen müssen. Vielleicht gehört das aber auch dazu, um die Personen wieder ganz normal in die Gesellschaft zu integrieren. So wäscht Ethel ihren Teller ab und dreht sich dann um, weil sie Lockenkopf hinter sich bemerkt. Der ist offenbar tatsächlich nur auf Streit aus – keine Ahnung, warum dieses Arschloch nun ausgerechnet in dieser Branche arbeiten wollte bzw. überhaupt eingestellt wurde – und kramt provozierend grinsend einen Schokoriegel aus seiner Hemdtasche hervor, um ihn vor ihren Augen genüsslich und langsam zu verspeisen. Und mit „langsam“ meine ich „gaaanz langsam“.

Ähnlich wie Lockenkopf Ethel provoziert, provoziert Millard die Zuschauer mit einer selbst für diesen Film dreisten Zeitschinderei. Im ständigen Wechselspiel sehen wir zum einen Lockenkopf, der den Riegel isst, und zum anderen Ethel, die entgegen ihrer aufbrausenden Natur nur gafft und den Mund vor Verlangen öffnet. Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass die Szene kein Ende zu nehmen scheint und wirklich minutenlang dieses Spiel spielt: essender Lockenkopf – gaffende Ethel – essender Lockenkopf – gaffende Ethel – essender Lockenkopf – gaffende Ethel – essender Lockenkopf – gaffende Ethel – essender Lockenkopf – gaffende Ethel – essender Lockenkopf – gaffende Ethel – essender Lockenkopf – gaffende Ethel – essender Lockenkopf – gaffende Ethel – essender Lockenkopf – gaffende Ethel – essender Lockenkopf – gaffende E- … Sorry, Fehler im System. Man könnte den Film weiterlaufen lassen und in der Zwischenzeit in Ruhe kacken gehen. Man würde immer noch rechtzeitig wiederkommen, um das Ende dieses Wechselspiels zu erleben.

„This candy bar sure tastes good“, unterbricht Lockenkopf die schweigende Idylle, während er noch ein Stück vom Schokoriegel abbeißt, und fügt noch an: „It’s all chocolatey and sweet inside.“ Ethel hat sich langsam nicht mehr im Griff und öffnet den Mund noch weiter. Ich hätte ja so gar nichts dagegen, wenn Ethels Amoklauf endlich starten würde, aber – sie tut einfach nichts. Sie steht da und glotzt. Zu meinem Entsetzen holt Lockenkopf dann auch noch einen zweiten Schokoriegel aus der Hemdtasche. Ich möchte bereits aus purer Angst aus dem Fenster springen, denn das Leben nach dem Tod kann nur besser sein – alles kann nur besser sein! –, als noch einmal dabei zusehen zu müssen, wie Lockenkopf einen verdammten Schokoriegel isst und Ethel schmachtend zusieht! Dann aber steckt sich Lockenkopf den Riegel wieder ein – danke, Gott, wenn es dich gibt! – und kaut noch auf seinem ersten Riegel rum, was Ethel immer noch gierig und grimmig glotzend hinnimmt. Und dann haben wir die Szene doch tatsächlich geschafft. Erleichterter war ich letztmals, als ich meine mündliche Uni-Abschlussprüfung im Fach Allgemeine Sprachwissenschaften überstanden hatte – und die ist ziemlich genau elf Jahre her.

Wir halten fest: In „Criminally Insane“ benötigte Ethel 45 Minuten, um fünf Menschen umzubringen. In „Criminally Insane 2“ hat sie es in immerhin auch schon 30 Minuten nicht geschafft, auch nur einen einzigen zu töten. Was ist das denn bloß für eine Arbeitsmoral? Ich fasse es einfach nicht. Aber das Darben scheint genau jetzt endlich ein Ende zu haben, denn Ethel plant Sinistres. Sie nimmt sich ein an den Gardinenvorhängen hängendes Band und schleicht damit aus ihrem Zimmer. Das eine Ende des Bandes knotet sie zu einer Schlinge zusammen, das andere Ende bindet sie am Treppengeländer im ersten Stock fest. Das Ziel ist klar, auch wenn es außerhalb von miesen Horrorfilmen technisch schlicht unmöglich ist: Sobald Lockenkopf die Treppe hochkommt, wirft sie die Schlinge runter, damit sie sich um seinen Hals wickeln kann. Und wie es ebenfalls außerhalb von miesen Horrorfilmen niemals vorkommen würde, kommt auch rein zufällig Lockenkopf gerade seines Weges, sodass sie ihren Plan umgehend in die Tat umsetzen kann – und er gelingt: Die Schlinge schnappt zu, Ethel hält das Band unter schwerstem Körpereinsatz fest, damit das Geländer nicht bricht, er baumelt in der Luft. Viele hektische Schnitte und extreme Großaufnahmen übertünchen das Offensichtliche – nämlich dass der Darsteller gar nicht richtig hängt –, aber das Resultat ist klar: Lockenkopf bleibt erstickt auf den Treppenstufen liegen, Ethel ist happy. Nur hat sie offenbar einen Zeugen: Edgar schaut heimlich durch einen offenen Türspalt und schließt die Tür dann wieder.

Die in diesem Film bisher schwer enttäuschende Serienmörderin – sie tötet ja nicht mal im Affekt, sondern für ihre Verhältnisse geradezu wohl durchdacht und unblutig (also das eine Mal, das sie zugeschlagen hat) – lässt das Tatwerkzeug nach Vollendung sogleich wieder verschwinden und hängt es zurück an ihre Gardine. Während vermutlich ungeplant just in dieser Szene ein laut dröhnendes Flugzeug am Drehort vorbeifliegt und ohrenbetäubenden Lärm macht, grinst sich Ethel eins und legt sich ins Bett. Sie ist bei Weitem noch nicht wieder die Alte, aber ich habe Hoffnung, dass das noch wird.

Mit dem Mord an diesem absoluten Oberhorst hat Ethel somit ein gutes Werk getan, aber da Tote im Allgemeinen ungern gesehen sind, steht einen holprigen Schnitt später auch schon ein alter (schnauzbärtiger!) und meines Erachtens schon das Rentenalter längst überschritten habender Bulle namens Frank Harris auf der Matte, der der guten Einrichtungsleiterin auf die Pelle rückt. Für Hope ist der Fall klar, dass es nur ein Unfall gewesen sein kann, aber der Polizist ist ihr schon längst einen Schritt voraus: „Lady, that man was hung!“ Und weil es sich so eindeutig um einen Mord handelt, möchte er auch mit jeder Person hier im Haus sprechen. Da trifft es sich gut, dass Ethel in Erwartung eines kräftigen Mahls („It is almost lunchtime yet, Granny!“) die Treppe herunterkommt. Der Anblick des Cops ist für sie sehr unerfreulich, erst recht, als er sogleich mit dem Verhör beginnt. Wie der eifrige McDonough im ersten Teil hat er dabei nur knallharte Fragen parat: Ob sie in der letzten Nacht denn etwas Ungewöhnliches gehört oder gesehen hätte? Nein, hat sie nicht. Aber hat sie vielleicht Kampfgeräusche gehört? Nein, hat sie nicht. Okay, das war’s, Verhör beendet. Es ist großartig, wie in der Crazy-Fat-Ethel-Reihe zwar immer wieder Cops auftauchen, letztlich aber gar nicht erst so getan wird, als würde hier ernsthaft ermittelt werden.

Wie dem auch sei: Das Verhör hat Ethel aus der Ruhe gebracht, und eben diese Ruhe kehrt auch nicht zurück, als sie in die Küche rennt und dort umgehend von Edgar damit konfrontiert wird, dass er sie bei ihrer Untat beobachtet hätte. Ethel verwechselt den Mann gedanklich einmal mehr mit McDonough, aber Edgar macht deutlich, dass ihm nichts ferner läge, als Polizist zu sein: „It reminds me of my first wife. Of course I didn’t hang her. I strangled her! And I was able to collect 84.000 dollars in life insurance. I made it look like a burglary.” Oha, zwei kriminelle und ganz und gar nicht massenkompatible Masterminds unter sich! Er verspricht Ethel aber, kein Sterbenswort zu verraten – allerdings nur unter einer Bedingung, und die ist für Ethel nur schwerlich zu akzeptieren: „You’re going to give me your desserts for the next month.“ Da kann die Kamera nur noch auf das entsetzte Gesicht der Erpressten zoomen.

Unruhige Träume, die vermutlich auf den anstehenden Nachtischentzug zurückzuführen sind, begleiten Ethel in der nächsten Szene in ihrem Bett. Das kann nur eins bedeuten: Rückblenden in Teil 1, yeah! Wir haben viel zu lange darauf verzichten müssen. Das übliche Spiel ist längst bekannt: Rückblende – schlafende Gegenwarts-Ethel – Rückblende – schlafende Gegenwarts-Ethel – Rückblende – schlafende Gegenwarts-Ethel… Zugleich werden uns damit einmal mehr die hoffnungslosen technischen Möglichkeiten des zweiten Teils vor Augen geführt, denn wann immer in den Rückblenden „Musik“ erklingt und zurück auf die schlafende Ethel geschaltet wird, endet die „Musik“ abrupt. Wer Teil 1 noch nicht gesehen hat, kommt voll auf seine Kosten: Wir wohnen nämlich nochmals dem kompletten Mord an Jack (zum zweiten Mal in diesem Film, aber erstmals vollständig!) und an Rosalie bei. Schließlich erwacht Ethel.

Am nächsten Morgen oder so sitzen sich Ethel und Edgar am Esstisch gegenüber. Vor Ethel steht auch ein Glas mit Schokopudding derselben Sorte wie der, den die Schwerverbrecherin bereits ganz zu Filmbeginn detailreich ausgelöffelt hatte. Ökonom Millard hat seine Mama bestimmt gleich zwei Gläser Schokopudding für den Dreh anfertigen lassen, um nicht noch extra zwei oder drei Cent für einen Eisbecher aus dem Supermarkt ausgeben zu müssen. Wer den Cent nicht ehrt… „Let’s have it“, befiehlt Edgar, und Ethel schiebt ihm nach kurzer Bedenkzeit wortlos das Glas rüber. Folglich macht er es fast so provokant wie Lockenkopf vorhin und löffelt den Pudding genussvoll aus. Ethel kontert lediglich mit einem finsteren Blick. Ich kann meiner Enttäuschung einfach nicht genügend Ausdruck verleihen, was für eine weichgespülte Luftpumpe Ethel geworden ist.

Schnitt auf einen pfeifenden Teekessel und Schnitt auf zwei Tassen. Mir stechen dabei besonders die Schweinemotive auf den Tassen ins Auge, die man – wenn man wollte – als Symbolik für die schmutzigen menschlichen Tiere sehen könnte, die diesen Film bevölkern, oder man lässt es und attestiert dem Käufer dieser Tassen – womöglich ja Millard selbst – ausgeprägte Geschmacklosigkeit. Den Tee hat Ethel aufgesetzt, und sie hat vor, ihn noch etwas zu verfeinern – und zwar mit Rattengift. Was halt so für alle Patienten greifbar – wohlgemerkt: in einer Resozialisierungseinrichtung – in der Küche rumsteht. Am meisten erfreut mich wieder die Liebe zum Detail auf dieser Rattengiftdose: Sie ist komplett weiß und trägt die Aufschrift „rat poison“. Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie viele US-Dollar für den Druck dieser Aufschrift draufgegangen ist. Ethel gießt den Tee in die Tassen und gibt das Rattengiftpulver in eine der Tassen. Es ist wichtig, uns auch diesen Vorgang in all seiner Glorie zu zeigen.

Mit eben diesen beiden Tassen in der Hand möchte Ethel angeblich einen Friedenspakt mit Edgar schließen. Sie reicht ihm die Tasse und setzt sich ihm gegenüber auf die Couch, sehnsüchtig darauf wartend, dass er einen Schluck zu sich nimmt und sich ein paar Sekunden später mit weißem Schaum vorm Mund auf dem Boden windet. Doch zunächst steht ihm der Sinn nach etwas Smalltalk.

Edgar: Nice hot tea.
Ethel: Yeah, it’s good and hot.
Edgar: It’s got to be hotter I won’t drink it.
Ethel: Yeah, me too.
Edgar: This tea is good and hot.
Ethel: That’s the way I like it.
Edgar: Well, I guess I better drink it up while it’s hot.
Ethel: Yeah.

Edgar mag aber auch weiterhin nicht mal nippen, weil er sich an ein früheres Ereignis erinnert fühlt: „This reminds me of my third wife. I gave her a cup of coffee with strychnine in it.“ Man möchte Millard applaudieren, weil er so feingeistig ironisch ist: Ein Mörder, der seine Frau mit einer Tasse Kaffee vergiftet hat, trinkt eine Tasse Tee, die vergiftet ist. Allerdings macht Edgar noch immer keine Anstalten: „But I knew you wouldn’t put anything in my tea, Ethel.“ Mit den Worten könnte er jetzt eigentlich nach Ethels Ansicht endlich trinken, aber das wird heute nichts mehr: „Oh, the tea got cold while we were talking. I just can’t drink cold tea.“ Womit er die Tasse Tasse sein lässt und Ethel damit so richtig wütend macht – was aber in diesem Fall immer noch nicht dazu führt, dass sie mit mordender Absicht auf ihn losgeht und ihn mit puren Pranken zerfleischt, sondern lediglich ihre eigene Tasse wuchtig auf den Tisch knallt. Ich kann mich nur immer wieder für Ethels Waschlappigkeit entschuldigen. Mir ist das alles ausgesprochen peinlich.

Im nächsten Moment wäscht Ethel ihren Teller ab. Ich musste kurz zurückspulen, um zu schauen, ob Pfennigfuchser Millard an dieser Stelle einfach nochmal die Szene von vorhin recycelte, wo sie auch schon Geschirr abspülte, aber nichts da: Er drehte sie tatsächlich vollständig neu. Danach passiert wieder etwas, was der Ethel aus dem ersten Teil nie passiert wäre: Sie isst einen Apfel. Einen APFEL. Ethel. Wer kommt bloß auf solche Ideen? Mir scheint, Millard hat seinen Vorgänger selbst nicht verstanden. Kurz darauf kommt auch Edgar in die Küche, um seinen Teller abzuspülen – und das ist jetzt wirklich die Gelegenheit, die sich noch nicht mal DIESE Ethel entgehen lassen kann. Sie öffnet die Besteckschublade und piekst ihm ganz gemächlich ein Messer nach dem anderen in den Rücken (vier insgesamt). Ladies and gentlemen, hier sind sie: die ersten neu verwendeten Tropfen Kunstblut! Man möchte schreien vor Glück. Vorbildlich sind auch die Effekte: Diesmal stecken da tatsächlich Messer im Rücken, auch wenn sie sichtlich nur ans Hemd angeklebt sind und die Haut gar nicht berühren. Ethel ist zufrieden mit sich und lacht sich kaputt. So schmeckt ihr der angefangene Apfel gleich nochmal so gut. Den Abschluss der Szene bildet eine Einstellung auf den laufenden Wasserhahn in der Spüle, die allein schon deshalb total sinnlos ist, weil der Wasserhahn vorher gar nicht lief.

Der zweite Mord ruft einmal mehr Cop Harris auf den Plan. In der nächsten Szene steht er plötzlich da, direkt neben ihm Hope, die beide – in einem Kreativitätsanfall allererster Güte aus der Froschperspektive aufgenommen – fassungslos auf den toten Mann starren, der da in der Küche liegt.

Nun sollte es ja nicht mehr so schwer sein, Ethel zu verhaften. Aber ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass das passiert, oder etwa doch? Wir müssen annehmen, dass die Polizei immer noch nicht die nötigen Beweise beisammen hat (die Fingerabdrücke auf den Messern zu checken, wäre sicherlich zu viel der Polizeiarbeit), weil Ethel in der nächsten Szene auf ihrem Bett den Inhalt einer Brezeltüte leerfuttert. Als es an der Tür klopft, versteckt Ethel die Tüte schnell unter dem Kopfkissen, denn offensichtlich geht es hier noch strenger zu als auf einer Klassenfahrt, wo man die Mädchen im Jungenzimmer unter der Bettdecke verstecken musste, wenn der Lehrer klopfte. In diesem Fall ist die Klopferin aber Hope, die gern mit Ethel sprechen möchte – aber nicht, weil sie verhaftet sei, sondern weil diese ganzen Morde sie doch so unglaublich mitnehmen müssten. „It’s terrible! Just terrible! But you know my motto: We must never lose hope”, sieht die gutgläubige Hope, die aufgrund der kleinen Mordserie immer noch mehr um das Wohl ihrer Patienten als um sich selbst besorgt ist, aber auch schon Licht am Ende des Tunnels.

Mit diesen Worten würde Hope es auch gern belassen und das Zimmer wieder verlassen, aber was sehen da ihre entzündeten Augen? Die Brezeltüte! (Ungeachtet der Tatsache, dass die einen Schnitt vorher noch gut und unsichtbar unter dem Kopfkissen verstaut war.) Dieser Verstoß gegen die strikten Hausregeln („No food is allowed!“) ist für Hope einen gepflegten Aufreger wert: Die Toten stören ohnehin schon, aber heimlich gehortete Snacks – jetzt reicht’s endgültig! Sie greift sich die Tüte – und bringt Ethel, die sich den ganzen Sermon zuvor noch ganz ruhig angehört hatte, gegen sich auf: „You give me those pretzels, Granny!“ Schon zur Tür hinaus muckt Hope auf: „I will not!“ „Give me those pretzels, Granny!“, ermahnt Ethel nochmals, aber weil Hope immer noch nicht hört (und die Tagline „Never come between Ethel and a well-stocked refrigerator!!“ nicht gelesen hat, auch wenn die Brezeln vermutlich nicht aus dem Kühlschrank stammen), knallen bei unserer Titelfigur nun – ENDLICH! – die Sicherungen durch. Sie schnappt sich den griffbereiten Mini-Kerzenhalter (oder was das sein soll) und zieht ihn Hope über den Schädel. Zurück zu alter Form gefunden hält Ethel selbst dann nicht inne, als die Diebin bereits hilflos am Boden liegt, und schlägt noch ein paar Mal mehr zu.

Nur irgendwie hat Ethel über die Jahre entschieden an Kraft eingebüßt. Wo 1975 noch ganze Farbeimer über Ethels Opfer gekippt wurden, klebt an Hopes Schläfe lediglich etwas Lebenssaft, was ich mir nur damit erklären kann, dass Mama Millard gedroht hat, ihren Sohn ohne Abendbrot ins Bett zu schicken, wenn er sie bei den Dreharbeiten zu sehr mit roter Farbe bekleckert (und ihr am Ende noch ihren geliebten Fummel dreckig macht). Ethel ist es egal, wie blutverschmiert ihre Opfer sind, solange sie nur endlich wieder ganz in Ruhe Brezeln mampfen kann. „I guess I just lost hope!“, lacht sie sich in Anspielung an Hopes Motto ins Fäustchen – und tut das völlig zu Recht, denn das ist das gelungenste, weil einzige Wortspiel der gesamten Ethel-Saga.

Bei Zooms auf Ethels Gesicht schwant mir ja immer Fürchterliches – und da genau das jetzt geschieht, passiert es schon wieder: Der Film präsentiert uns Rückblenden aus Teil 1, die nicht nur immer überflüssiger, sondern auch immer kurioser werden, denn jetzt durchlebt Ethel sogar die Visionen von damals noch einmal, weil Millard wenig Interesse daran hatte, noch einmal eine neue zu drehen, namentlich das blutige unter den Wasser gehaltene Beil nebst Außenaufnahmen von einem Friedhof und einer Barre (die wiederum auch schon in Teil 1 Stock Footage waren – wagga). Dann sehen wir plötzlich auch noch einmal Vergangenheits-Ethel im roten Mu’umu’u und die Zeitlupenszene im Park mit den wegfliegenden Vögeln (siehe dort) – und als Gipfel auch noch einmal die lachende Vergangenheits-Ethel im Bett neben Jack, nachdem sie diesen und ihre Schwester kaltgemacht hatte, weil eine lachende Gegenwarts-Ethel nicht reicht.

Ich muss zugeben, dass zu diesem Zeitpunkt meine innere Unruhe kontinuierlich wuchs. Das hängt damit zusammen, dass Millard wie schon in Teil 1 seine kleine Geschichte eigentlich bereits auserzählt hat, weil – bis auf den greisen Polizisten zugegebenermaßen – alle mehr oder weniger gefährlichen Gegenspieler von Ethel (also streng genommen eigentlich nur Edgar und maximal ansatzweise Hope) aus dem Spiel genommen wurden und wir uns schon wieder auf der Schlussstrecke befinden. Ich hätte mir daher gut vorstellen können, dass er sich nun bis zum Ende in Rückblenden verliert, um die Stunde zu schaffen, aber im Gegensatz zu mir hat Millard Patient Greg – der mit den komischen Handbewegungen – noch nicht vergessen und zeigt ihn uns an eine Wand gelehnt. Es gibt mehrere sinnlose Naheinstellungen von verschiedenen Teilen seines Gesichts – und das war es dann auch schon wieder. Schläft der? Ist der tot? Sollte Letzteres der Fall sein, springe ich Millard an die Gurgel, da er uns den Mord dann ja gar nicht gezeigt hätte.

Und noch weitere Mitspieler bringt Millard noch einmal in die Handlung zurück, und zwar sich selbst als Schnauzbartarzt ohne Brille Dr. Stevens und seinen Kollegen, den Schnauzbartarzt mit Brille. Auch diese Szene zeigt die beiden Männer nicht gemeinsam im Bild, sondern wieder separat im Schuss-Gegenschuss-Verfahren aufgenommen und nur einen Dialog vortäuschend. Stevens hinter seinem Schreibtisch (sehr wahrscheinlich hat Millard seine eigenen Szenen am Schreibtisch auch einfach hintereinander weg gedreht) ist besorgt, weil er seit zwei Tagen Hope Bartholomew nicht mehr erreiche. Schnauzbartarzt mit Brille stellt die Theorie auf, dass das Telefon gestört sein könnte, aber das erscheint aus Stevens‘ Sicht unwahrscheinlich: „It sounds like it’s ringing.“ Schnauzbartarzt mit Brille nickt zustimmend und hat auch nichts dagegen, dass Stevens der alten Frau einmal höchstpersönlich einen Besuch abstatten will.

Und Stevens kann gar nicht schnell genug nach dem Rechten sehen. Schon fährt er mit seinem Wagen beim Bartholomew-Anwesen vor. Das ist eine irritierende Szene, weil es eine Szene ist, die an der frischen Luft stattfindet, und von denen hat der Film ja nicht gar so viel auf Lager – und Stevens‘ forscher Gang über die Straße wirkt geradezu dynamisch in einem Film, in dem sich die Darsteller sonst so wenig bewegen und alles so entsetzlich statisch ist. Stevens klopft, aber für ihn überraschend öffnet nicht Hope die Tür, sondern Ethel, die nicht weniger verwundert, ja regelrecht entgeistert ist. Stevens begehrt, Hope zu sprechen, aber weil Ethel in ihrer Perplexität keine Anstalten macht, sie zu rufen, begeht er halt Hausfriedensbruch: „It’s all right, Ethel. I’ll find her myself.“

Nun muss Ethel schnell schalten – und das tut sie. Sie holt sich das lange Michael-Myers-Messer aus der Küche und stürzt sich auf ihn, aber bevor sie Stevens mit der Messerspitze erreichen kann, duckt er sich weg – ein faszinierendes Ballett des unfähigen Timings, denn Stevens geht zu früh in die Hocke und Ethel greift ihn zu spät an. Jemand anderes als Millard hätte wahrscheinlich noch einen zweiten Take gemacht. Anstatt nun die Beine in die Hand zu nehmen und gleich wieder nach draußen zu fliehen, läuft Stevens ins Wohnzimmer, Ethel ihm direkt hinterherjagend, was zu der ulkigen Situation führt, dass beide mehrere Runden im Kreis um zwei Sessel und einen Tisch, auf dem eine Vase steht, „laufen“. Ich setze „laufen“ in Anführungszeichen, weil ich mir unter einem panischen Wettlauf um Leben und Tod etwas anderes vorstelle als entspanntes Joggen. Ich habe an aufregenderen „Reise nach Jerusalem“-Läufen um den letzten verbliebenen Stuhl auf meinen Kindergeburtstagen im Wohnzimmer meiner Eltern teilgenommen. Aber das hat natürlich seinen Grund: Würde man zu schnell laufen, könnte am Ende noch die Vase auf dem Tisch oder gar noch mehr kaputtgehen – und Reparaturarbeiten waren im Budget nun wirklich nicht vorgesehen, denn das würde ja Geld kosten.

Während dieses „Rennens“ bellt im Hintergrund ein Hund – und ich vermute stark, dass der Hund und sein Bellen wie eigentlich alles, was Millard sich hier zusammengedreht hat, vorab nicht geplant waren, aber halt notgedrungen mit in den Film eingeflossen sind. Wahrscheinlich gehörte der Hund, von dem wir bislang nicht mal ein Hundehaar gesehen haben, zum Haus, in dem diese Szene gedreht wurde, und ihm war das Rumgelaufe um den Tisch zu viel der Aufregung, dass er sich zum Bellen provoziert fühlte. Man kennt das ja von den eigenen Hunden: Wenn irgendwo Halligalli ist, wollen die Kläffer mitmachen. Jedenfalls geht das eine kurze Zeit lang im Kreis weiter, bis Stevens eine Fluchtmöglichkeit aus dem Wohnzimmer wittert – und schmählich scheitert, denn Ethel hat keine Mühe, ihn einzuholen und ihm das Messer in den Rücken zu rammen, und das gleich mehrfach (Blut!!). Stevens bleibt tot und aus dem Mund blutend (ich nehme an, der Ketchup war noch das Teuerste für den Dreh) auf dem Boden liegen. Immerhin: Millard war nicht so eitel, um sich selbst als Helden hochzusterilisieren, sondern stirbt einen ziemlich jämmerlichen Tod.

Nun gut, ein Bodycount von vier Leuten (oder fünf, falls Greg tot ist) kann sich nach dem zähen Stotterstart letztlich doch ganz gut sehen lassen. Insofern verstehe ich auch, dass Ethel die Rückkehr zur gefeierten Serienkillerin mit merklicher Freude zelebriert. Noch mit ihrem Messer in der Hand geht sie in den Garten des Anwesens, breitet ihre Arme aus und dreht sich im Kreis. Das hat fast was vom finalen Kettensägentanz von Leatherface. Urplötzlich wuselt auch der zuvor nie gesehene Hund schwanzwedelnd um ihre Beine herum. Wie gesagt: Millard dreht halt, was ihm vor die Kamera kommt, selbst wenn es nicht geplant ist. Hätte die Töle in den Garten geschissen, während dort gedreht wird, hätte er das auch mitgenommen. Der kennt da nichts. Ethel tänzelt mit ausgebreiteten Armen. Und sie tänzelt weiter. Und weiter. Und weiter. Der Hund wuselt. Sie tänzelt. Und tänzelt. Und tänzelt. Wenn man sonst nichts zu filmen hat, kann man auch diese Szene von den USA bis nach Australien strecken. Dann macht Ethel plötzlich was anderes: Sie rammt das Messer in die Blumenerde, wetzt lachend an den Gartenzaun und wetzt lachend wieder zurück. Ein filmisches Spektakel, wie es viel zu wenige gibt.

Ihr denkt, das wäre es nun? The End? Gut, dann kennt ihr Millard aber schlecht – und habt auch mein Review zum ersten Crazy-Fat-Ethel-Abenteuer nicht gelesen. Schon damals wollte Millard seinen Film einfach nicht enden lassen. Keine Ahnung, ob das wirklich damit zu tun hatte, dass er auf mindestens 60 Minuten kommen wollte. Ich hatte es ihm unterstellt, weil ich einfach keinen einzigen anderen Grund sah, den Film um Ende und Ende und Ende zu erweitern. Und ich sehe auch jetzt keinen einzigen anderen Grund, warum das jetzt nicht einfach das Ende sein soll. Aber wie gesagt: Es ist nicht das Ende.

Wir sehen Ethel auf der Couch liegen und schlafen. Noch bevor wir „Nein, bitte nicht!“ sagen können, schiebt sich auch schon die nächste Rückblende aus Teil 1 ins Bild, diesmal der unblutige (und letzte) Mord am Suffkopp, bei dem Ethel nur ihre Würgehände anlegen musste, um ihn umzubringen. Millard zeigt uns das wieder in voller Länge, als hätte es keinen ersten Teil gegeben, in dem wir das alles doch schon gesehen haben. Leute, ich sage es wirklich ungern, aber es sind immer noch fünf Minuten bis zur Stunde…

Dann fährt kurz ein Wagen durchs Bild (?), man hört Glockenläuten (?) – und weiter gehen Gegenwart-Ethels Träume. Jetzt träumt sie davon, wie sie in Teil 1 neben dem toten Mike träumt, wie sie dreimal mit dem Hackebeil auf die Kamera zuläuft. Wir sehen die Schaufensterpuppenvision aus Teil 1, in der Ethel der Puppe den Arm abhackt, und den Friedhof aus Teil 1, der wie gesagt auch schon Stock Footage aus einem anderen Film war. Wir wechseln zurück zur Gegenwarts-Ethel, aber nur kurz, denn dann träumt sie von der Szene aus Teil 1, wie sie Eier und Speck in der Pfanne brät und sich Toast macht. Sie träumt also jetzt, nachdem Millard im Verlauf des Films alle Morde aus Teil 1 „frühzeitig“ verbraten hat, Szenen aus dem Alltagsleben von Ethel aus Teil 1, in denen nichts passiert?! Ich kann nicht glauben, dass das sein Ernst ist. Und schon sind wir wieder in der Gegenwart bei der schlafenden Ethel, und schon sind wir wieder in Teil 1, denn nun sehen wir die Szene kurz nach dem Mord an ihrer Schwester, in der sie bei Rosalie im Zimmer frühstückt, während sie ihre Leiche und die von John anstarrt.

Drei Minuten noch. Gegenwarts-Ethel träumt immer noch – jetzt von der Szene aus Teil 1, in der sie zwecks Leichengeruchsvertuschung Raumspray einsetzt. Wir sehen die Szene aus Teil 1, wie sie sich die Axt holt, um die Leichen zu zerlegen. Wir müssen schon dankbar sein, dass Millard das kurz darauffolgende Verhör von McDonough auslässt und gleich übergeht zu der Szene, in der sie die Leichen „zerlegt“. So muss sich die Ewigkeit anfühlen. Für wenige Augenblicke sehen wir dann auch zwei Ratten in Nahaufnahme aus einem ganz anderen Film. Bitte? Hä? Was? Warum?

Dann – ich erschrecke schon fast – bleibt die Kamera mal länger als fünf Sekunden in der Gegenwart. Ethel erwacht aus ihren finsteren Vergangenheitsträumen und setzt sich auf. Es klopft an der Tür. Wie sich herausstellt, ist es der bereits zweimal zuvor nach den Morden aufgetauchte greise Bulle Harris, der wohl wieder wegen irgendwas Nachforschungen anstellen will, ohne jemanden zu verhaften. Ethel, diesmal, ihrer Reaktion nach zu urteilen, nicht auf dem falschen Fuß erwischt, öffnet die Tür und begrüßt den Ermittler freundlich: „Welcome to Bartholomew House! I’m Hope Bartholomew and I hope you’ll be very happy here.“ Damit erwischt sie wiederum den Cop auf dem falschen Fuß, der daraufhin nur stutzig gucken kann. Ethel begegnet ihm mit einem herzerwärmenden teuflischen Gelächter, und dann folgt tatsächlich ein letzter Zoom auf ihr Gesicht – THE END. Ehrensache, dass es dieselbe THE-END-Schrifttafel ist wie die aus dem Original. Ein passender Abschluss.

Man sollte halt nicht immer gleich mit Superlativen um sich werfen, weshalb ich auch bewusst lediglich neun Bomben für „Criminally Insane“ und nicht das absolute Maximum vergeben habe: Ja, der Film war äußerst billig. Ja, der Film hatte schwache Schauspieler. Ja, der Film war technisch auf ganz schwachem Niveau. Und ja, der Film konnte ja noch nicht mal seine an sich geradlinige Story (wenn man denn von einer richtigen Story reden mag) vernünftig zu Ende erzählen. Aber rückblickend halte ich sogar die neun Bomben für zu hoch angesetzt, denn in der Zwischenzeit habe ich „Criminally Insane 2“ gesehen – und wenn der das Maximum an zehn Bomben erhält, kann der Vorgänger eigentlich nie und nimmer „nur“ eine Bombe besser sein. Mit dieser Fortsetzung unterbietet Nick Millard quasi alles, was vor und nach ihm jemals auf Film gebannt wurde – sämtliche Super-8-Urlaubsvideos mit eingeschlossen: Der Film hat KEIN Budget, der Film hat KEINE Schauspieler, der Film hat KEIN technisches Niveau, und der Film hat letztlich auch KEINE Story. Er ist ein Nichts – und gerade in seiner Verweigerung all dessen, was Film ist, eine hochunterhaltsame Angelegenheit, auch wenn der Film objektiv sterbenslangweilig ist und ohne auch nur einen Schauwert bleibt.

Ich bin nicht gerade freundlich mit „Criminally Insane“ umgegangen, konnte für mich aber durchaus anerkennen, dass er sein Soll als minderwertiger Grindhouse-Vertreter erfüllt: Der Titel verspricht eine verrückte dicke Frau – der Film liefert eine verrückte dicke Frau, und das von Anfang an ohne Umschweife. Es ist zweifelsohne geschmacklos, dann auch noch mit Werbesprüchen wie „250 pounds of maniacal fury“ Kasse machen zu wollen, nur weil im neuen Hollywood irgendwie alles ging, aber als Kind seiner Zeit tut er das, was er tun soll. Auch kann man ihm gerade wegen seiner groben Machart eine gewisse Atmosphäre nicht ganz absprechen. „Criminally Insane“ ist, wie er sein sollte: ungeschliffen und dreckig, abstoßend und blutig – und das fast über seine ganze Länge.

Tja, und nun „Criminally Insane 2“. Wenn man wollte, könnte man den Film als typischen Vertreter der 80er-Jahre bezeichnen, als der Videoboom über die Filmindustrie einfiel und jeder Hinz und Kunz Horrorfilme machen und dann auch noch irgendwie vermarkten konnte, weil jeder sie sehen wollte. Zwar war die Welle zum Ende der Dekade bereits deutlich am Abflauen, aber das hinderte Amateure natürlich trotzdem nicht, unvermittelt weiterzudrehen – und mit „Criminally Insane 2“ beweist Millard nun endgültig, dass er auch nach über 20 Jahren im Geschäft nie über den Status eines Amateurs hinausgekommen ist. Schlimmer noch: Im direkten Vergleich scheint er sich sogar zu einem Amateur-Amateur zurückentwickelt zu haben.

Fangen wir mal gleich mit dem an, was diesem Film mehr noch als seine sonstigen eklatanten Macken vorgeworfen wird: die dreiste Wiederverwurstung aller Höhepunkte und auch zahlreicher Nicht-Höhepunkte des ersten Teils. Böse Zungen behaupten, der Film hätte lediglich 20 bis 30 Minuten neu gedrehtes Material und würde sich ansonsten nur aus eingestreuten Rückblenden des Originals zusammensetzen, aber ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Eher ist das Verhältnis anders herum: 20 Minuten altes Material und 40 Minuten neues Material. Das macht zwar immer noch ein stolzes Drittel der Gesamtlänge aus, bedeutet aber gleichzeitig auch mehr als 50 % Frischfleisch. Dennoch steht außer Frage, dass die Rückblenden, so sinnlos sie auch sein mögen, immer noch die unangefochtenen Highlights sind, was zugegebenermaßen den Grund hat, dass auch die schlechteste Szene aus „Criminally Insane“ noch besser ist als die beste Szene aus „Criminally Insane 2“, was zugegebenermaßen den Grund hat, dass „Criminally Insane 2“ nicht eine Szene hat, die man als die beste bezeichnen könnte.

Visuell war ja bereits das Original augenunfreundlich, aber was dieser Film in Sachen Optik auffährt, sieht teilweise noch schlimmer aus als ein deutscher Amateur-Wald-und-Wiesen-Gore-Streifen. Ich würde ihn tatsächlich – wie bereits oben getan – mit Heiko Fippers „Ostermontag“ vergleichen, nur dass sogar der noch weniger rauschende Störgeräusche hat als der hier. Die Tonsprünge von Stock Footage zu neu gedrehtem Material und zurück erinnern an die springende Platte am Plattenspieler, und selbst bei Einstellungswechseln innerhalb einer Szene kommt es vor, dass ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Grundrauschen zu vernehmen ist, das manchmal so laut ist, dass es schwerfällt, die Dialoge zu verstehen. Das hat hier wirklich was vom Hobby-Schulprojekt eines Kindes, das die Funktionsfähigkeit seiner neuen Kamera austestet. Es ist peinlich, das den Zuschauern als richtigen Film anzubieten. Als Found-Footage-Horror könnte man eine solche Bild- und Tonqualität akzeptieren, aber nicht als ernst gemeinter Horrorfilm.

Wobei „ernst gemeint“ stellenweise anzuzweifeln ist. Manchmal wirkt Ethel wie eine Karikatur ihrer selbst, wenn sie plötzlich wie Freddy Krueger One-Liner raushaut („I guess I just lost hope!“) und den Lockenkopf wegen des Schokoriegels anschmachtet. Das und auch die seltsamen Einlagen durch Patient Greg gehen dann fast in die Richtung einer Horrorkomödie von Jochen Taubert, bei dem wir es ja auch gewohnt sind, dass seine Gags nur bei einem speziellen Publikum zünden, nämlich ausschließlich bei ihm selbst (oder in seltenen Fällen auch bei mir – schäm). Millard scheint sich schon des Kultstatus (na gut, das ist übertrieben – ich glaube nicht, dass eine Ethel Kultstatus erlangt hat, aber sie ist zumindest in Millards Schaffen die Figur, an die man sich am meisten erinnert) ihrer Figur bewusst gewesen zu sein und macht sie deshalb über weite Strecken deutlich „lustiger“, aber zugleich auch handzahmer. Am furchteinflößendsten ist sie immer noch in den Rückblenden.

Das liegt aber auch daran, dass beim Blutfaktor mächtig gespart wird. Vielleicht lag Millard etwas am Schauplatz, denn ich halte es nach wie vor für wahrscheinlich, dass es seine eigene Bude ist, in der er drehte, weshalb es bestimmt Ärger von seiner Frau Irmgard (nicht lachen, seine Frau hieß Irmgard!) gegeben hätte, wenn er für seine kindischen Spielereien den Teppich eingesaut hätte. So bleibt es heuer bei vier (oder fünf) statt sechs Morden, und das Blut wird nicht mehr in Eimern über die Darsteller gekippt, sondern sorgsam über einzelne Körperpartien gestrichen, damit ja nichts dreckig wird, was nicht dreckig werden darf. Auch hier gilt: Die Rückblenden matschen schön und sorgen fast für den alleinigen Härtegrad, wo 1987 Schmalhans Küchenmeister war (Ausnahme ist der Mord am Arzt mit den x-fachen Messerstichen, aber da war es auch vermutlich Millards eigenes Hemd, das er verunreinigen konnte).

Trotzdem – ich deutete es ja bereits an: „Criminally Insane 2“ unterhält weitaus mehr, als es eigentlich sollte. Ich hasse normalerweise Filme mit abgrundtief hässlichen Bildern wie diesen so sehr, dass ich eben auch an deutschem Amateur-Splatter in der Regel so überhaupt gar keinen Spaß habe, selbst wenn ich mich auf die ganzen Unzulänglichkeiten konzentriere. Hier ist das anders: Ich habe mich selbst die etlichen gestreckten Szenen amüsiert. Ob das nun Greg ist, der mit seinen Händen an der Wand herumturnt, oder Lockenkopf, der detailreich Hundefutter portioniert, die zahlreichen Rückblenden, die ich doch längst gesehen habe, oder eben Ethel, die ihren Schokoladenpudding isst oder blöd mit dem Hund durch den Garten tanzt – das würde ich wahrscheinlich jedem anderen Film ankreiden, aber dieser sprüht so sehr von formvollendeter Inkompetenz, dass das Faszinosum über so viel Schlechtigkeit alles andere überwiegt.

Vielleicht erkenne ich aber auch in diesem riesigen Müllhaufen einen Regisseur, der nie ganz erwachsen geworden ist und halt einfach immer wieder Filme drehen wollte, egal ob er die finanziellen Möglichkeiten dafür hatte oder nicht. Deshalb spannte er Verwandte, Bekannte und Freunde mit ein, die ihn bei diesem Projekt einen Nachmittag lang bereitwillig unterstützten, weil er doch so viel Spaß am Filmedrehen hat – und sie selbst womöglich auch. Auch wenn ein Film, in dem eine dicke Frau Menschen meuchelt, nicht gerade danach klingt, als wäre mit dem Mann gut Kirschen essen, hat diese Leidenschaft bei gleichzeitiger vollkommener Unfähigkeit etwas Anrührendes.

Eigentlich hatte mich Millard bereits in den ersten Sekunden mit seiner Entscheidung, bis auf die Titelkarte den gesamten Vorspann des ersten Teils zwölf Jahre später einfach kackdreist inklusive der Musik wiederzuverwenden, obwohl er bis auf seine Hauptdarstellerin Patricia Alden niemanden von damals mehr vor die Kamera bekam. Und letztlich lügt er ja noch nicht einmal, wenn alle Nichtmitwirkenden ebenfalls ihre Credits erhalten, weil sie ja streng genommen durch die Wiederverwendung des alten Films tatsächlich doch irgendwie in dem neuen Film mitspielen – auch wenn sie es vielleicht gar nicht gewollt haben. Dafür finden die Mitwirkenden im neu gedrehten Material keinerlei Erwähnung und bleiben anonym, weil Millard es technisch nicht mal hinbekommen hat, einen neuen Vorspann zurechtzuzimmern. Es ist irgendwie… sympathisch.

Dank IMDb können die meisten der neuen Darsteller (bis auf Greg) dann aber doch noch nachträglich zugeordnet werden. Gut, Priscilla Alden ist über alle Zweifel erhaben. Sie ist und bleibt keine gute Schauspielerin, aber sie ist diejenige, die am meisten Spaß macht. Ihr Auftritt ist auch insgesamt etwas selbstironischer geworden, und sie trägt durch ihre Mimik zum „lustigeren“ Ton des Films bei. Ich nehme ihr ab, dass sie auch richtig Bock darauf hatte, in ihre alte Rolle zurückzukehren.

An zweiter Stelle sollte Frances Millard genannt werden, die von ihrem Sohn dazu überredet werden konnte, als gute Seele des Films (ähem) Hope Bartholomew zu fungieren und sich schließlich von der rasend gewordenen Ethel wegen einer Tüte Brezeln abschlachten zu lassen. Die 72-jährige Frau hatte auch schon ein Cameo als „Lady on Phone“ im ersten Teil und spielte außerdem auch noch in einigen seiner anderen Filme mit (u.a. „Death Nurse“ und „Death Nurse 2“, „Doctor Bloodbath“ und „Dracula in Vegas“ (!)). Generell hatte sie es auch noch im hohen Alter mit über 85 Jahren faustdick hinter den Ohren und entdeckte sich – festhalten! – unter dem Künstlernamen Gigi in Granny-Pornos neu: „The Ultimate Granny Gang Bang“, „92 and Still Banging“ oder „Granny Takes a Tinkle“. Ich habe mich nicht getraut zu überprüfen, ob sie auch in Aktion zu sehen ist, aber ich glaube, dass sich mal jemand schnellstmöglich um eine Biografie über diese Frau, die 2008 im Alter von 93 Jahren starb, kümmern sollte.

Ein anderer Millard-Veteran, der zehn Einträge als Darsteller zählt und dabei zehnmal exklusiv für den guten Nick vor der Kamera stand, ist Albert Eskinazi, der als Patient Edgar mit dunkler Vergangenheit so gar keinen Eindruck hinterlässt. Er wirkt weniger bedrohlich als der Hund, der am Set herumwuselte, und ist geradezu rührend überfordert. Gleiches gilt für Nick Millard, der sich bestimmt mangels anderer Darsteller, die sich für ihn zum Affen machen (und/oder mit Blut bespritzen lassen) wollten, selbst die Rolle des Arztes Dr. Stevens gab. Man darf nun trefflich darüber streiten, ob er als Regisseur oder Darsteller schlechter ist – er zeigt in beiden Bereichen keinerlei Qualitäten. Außerhalb seiner eigenen Filme wurde er verdientermaßen auch nicht besetzt.

Dann hätten wir noch Royal Farros als den namenlosen Arzt, der für zwei Szenen so tun muss, als würde er mit Dr. Stevens einen Dialog führen, und Fred Sarra als Lieutenant Frank Harris, der sich wie Farros – auch das wenig verwunderlich – ausschließlich für Millards Hobby-Projekte hergab, vermutlich im Glauben, dass sie sowieso nie jemand sehen würde. Wer konnte Mitte bis Ende der 80er auch ahnen, dass es da irgendwann mal eine Videoplattform wie YouTube geben würde, die die Erhältlichkeit von dubiosen Filmverbrechen um ein Vielfaches vereinfachen würde?

Derjenige in diesem Haufen, dem man tatsächlich so etwas wie eine Schauspielkarriere bescheinigen könnte, wenn man denn 51 Credits zwischen 1978 und 2000 in durch die Bank unbekannten (Porno-)Filmen gelten lassen möchte (u.a. „Confessions of a Candy Striper“, „Pumping Flesh“, „Robofox“, „Nasty Dancing“), ist ein gewisser Joe Elliot, der den Lockenkopf verkörpert, der Ethel den Schokoriegel vorenthält.

Puh, damit wäre ich auch endlich durch. Es wird vermutlich keinen weiteren Menschen geben, der über 16 DIN-A4-Seiten für einen einstündigen Film namens „Criminally Insane 2“ aufbringen würde, zumal ja frühzeitig klar ist, wie unterirdisch einfach alles an diesem Film ist. „Criminally Insane 2“ ist eine halbe Mogelpackung, die praktisch all seine blutigen Szenen aus dem ersten Teil bezieht, indem er die dortigen Morde einfach noch einmal in seine Fortsetzung integriert – und damit nicht genug, baut er auch gleich noch andere Szenen daraus mit ein, die keine Gewalt zeigen. Der extremst billige Privatvideo-Look, der noch einmal mehrere Stufen unter dem Vorgänger anzusiedeln ist und gerade dann besonders auffällt, wenn Rückblenden und Gegenwart aneinandergereiht werden, disqualifiziert sich eigentlich ganz von selbst und sieht an keiner Stelle so aus, als wäre der Film mit der Absicht gedreht worden, ihn einem größeren Publikum vertraut zu machen. Ein Anschauungsobjekt, wie man es um Gottes willen unter gar keinen Umständen machen sollte, und eine Bankrotterklärung von grenzenlosen Ausmaßen, die man nur glauben kann, wenn man sie mit eigenen Augen gesehen hat. Eigentlich in allen Belangen bodenlos und objektiv auch ganz entsetzlich öde, aber die Faszination des vollumfänglichen Scheiterns kombiniert mit der Frage, was sich Millard dabei bloß gedacht hat, überwiegt – zumindest für mich – vieles.


BOMBEN-Skala: 10

BIER-Skala: 6


mm
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