Code 8


  • Deutscher Titel: Code 8
  • Original-Titel: Code 8
  •  
  • Regie: Jeff Chan
  • Land: Kanada
  • Jahr: 2019
  • Darsteller:

    Stephen Amell (Garrett), Robbie Amell (Connor Reed), Laysla De Olivera (Maddy), Kari Matchett (Connors Mutter), Greg Byrk (Sutcliffe), Sung Kang (Park), Peter Outerbridge (Cumbo), Natalia Lisinska (Olivia), Kyla Kane (Nia), Shaun Benson (Dixon), Martin Roach (Milltown), Chris Handfield (McAuley), Sarah Hödlmoser (Copperhead)


Vorwort:

Wir befinden uns in einer Welt, in der Superkräfte etwas praktisch alltägliches sind – Menschen mit „Kräften“, Powers genannt, gibt’s wie Sand am Meer (4 Prozent der Weltbevölkerung) und dieweil sie früher ™ als wertvolle Arbeitskräfte durchaus geschätzt waren, können mittlerweile Maschinen all das, was Powers können, auch und das besser, schneller und billiger. Aus den geschätzten Produktionsbeiträgern sind gesellschaftliche Außenseiter geworden, die sich und ihre Kräfte registrieren und ihren Gebrauch strengstens überwachen lassen müssen. Und da der Mensch an und für sich seit jeher gern den, der „anders“ ist, diskriminiert, kann man sich nur beglückwünschen, wenn man power-less geboren wurde. Wer ein Bewerbungsformular ausfüllt und wahrheitsgemäß angibt, Kräfte zu haben, kann glatt vergessen, den Job zu kriegen, und wer schwindelt, nun, dem drohen drastische Konsequenzen für den Entdeckungsfall. Powers, die Geld verdienen wollen, bleibt praktisch nur der Schritt auf den Marktplatz der illegalen Tagelöhner, denn z.B. auf dem Bau werden ihre Fähigkeiten von skrupellosen Unternehmern, die ihre Leihsklaven mit Hungerlöhnen abspeisen, die die schlicht nicht ablehnen können, durchaus noch verwendet – aber wer mit seinen Kräften auffällt und vielleicht noch einen criminal record hat, der wird von den Guardians, Robot-Polizisten, die mit ferngelenkten Drohnen an ihren Einsatzort geschickt werden, gerne mal an Ort + Stelle exekutiert.

Zu diesen geplagten Powers gehört der junge Connor Reed (Robbie Amell, THE HUNTERS, ARROW), seines Zeichens ein „electric“, d.h. er ist unempfindlich gegen jede Art von Elektrizität und kann sie auch selbst erzeugen, der seit Jahren auf der Suche nach einem richtigen Job ist. Und Geld könnte er absolut brauchen, denn es türmen sich die Krankenhaus- und Arztrechnungen seiner schwer krebskranken Mutter (Kari Matchett, CUBE 2, CYPHER), die trotz ihres Leidens für eine Handvoll Dollar in einem Supermarkt schafft. Aufgrund des dringenden Finanzbedarfs lässt sich Connor auf das Angebot von Garrett (Stephen Amell, ARROW, TMNT) ein, für 200 Dollar bei einem höchst illegalen kleinen Einbruch mit dessen superkräftegespickter kleinen Gang mitzuwirken – Connors bzw. die Dienste eines electrics werden zur Überwindung des elektrischen Zauns einer Chemiefabrik benötigt, aus dessen Lager die Bande ein paar Fässer klaut. Nicht zum Spaß, sondern weil Garretts Chef Marcus Sutcliffe (Greg Bryk, SAW V, SHOOT ´EM UP) vor Ort der örtliche Drogenlord ist und das Zeug als Zutaten für die derzeit angesagte Designerdroge Skye benötigt. Der Coup läuft wie am Schnürchen, wenngleich Agent Park (Sung Kang, FAST & FURIOUS 6, SHOOTOUT – KEINE GNADE), dem mit der Aufklärung des Verbrechens beauftragten Cop, durchaus klar ist, dass die Täter mit Kräften ausgestattet sind und auch relativ schnell Connor als einen potentiellen Verdächtigen ausmacht.

Sutcliffe ist selbst in einer ziemlichen Bredouille – er schuldet dem „Trust“, einer Gangster-Organisation, einen erklecklichen Betrag, und der Repräsentant des Trusts macht deutlich, dass eine weitere Verzögerung der Zahlung ausgesprochen unleidlich aufgenommen würde. Momentan hat Sutcliffe aber nicht genug Skye, um einen schnellen Dollar zu verdienen, also müssen Alternativen her. Und so sieht sich Connor, als er sich am nächsten Morgen am Tagelöhner-Treffpunkt erneut von Garrett aufgabeln lässt, auf einmal als Komplize eines schnöden Bankraubs. Trotz eines Feuergefechts mit eintreffenden Guardians, bei dem Connor sich einen Streifschuss einfängt, wäre der Coup prinzipiell erfolgreich, erweist sich aber in der Praxis ein Schuss in den Ofen. Sutcliffe hat leider nicht einkalkuliert, dass der Safe der Bank regelmäßig geleert wird und so wird seine Kriegskasse statt um die erwarteten 500.000 Dollar nur um 50.000 Dollar verstärkt – nicht genug, um den Trust auszuzahlen. Connors Verletzung wird von Maddy (Laysla De Oliveira, GUEST OF HONOR, IM HOHEN GRAS), die der bis dato nur für ein weniger attraktives Mitglied von Sutcliffes umfangreichem Stall ausgesuchter Betthäschen hielt, geheilt. Das bringt Connor auf eine Idee…

Und so schlägt er zur Lösung der unmittelbaren Finanzprobleme seines neuen Arbeitgebers vor, einen der Transporte, mit denen die Cops beschlagnahmte Drogen zur Vernichtung karren, zu überfallen. Mit den damit zu erbeutenden Unmengen an Drogen sollte Sutcliffe in der Lage sein, den Trust zu bezahlen. Als Gegenleistung für die Idee und die Teilnahme an der Operation bedingt sich Connor nichts und niemand geringeres als Maddy aus, auf dass diese die malade Mum von ihrem Krebs befreit. Sutcliffe schlägt ein.

Der Überfall läuft auch ganz prima, bis die von Sutcliffe als zusätzliche Verstärkung mitgeschickten Goons anfangen, auf Garrett und seine Leute zu ballern. Ya see – Garrett wünschte seinerseits als Incentive für seine weitere Mitwirkung ein Upgrade vom bezahlten Angestellten zum vollwertigen Partner, und dieweil Sutcliffe ihm das auch in die hohle Hand versprach, hat der Gangsterboss natürlich keinerlei Interesse an einem aufmüpfigen Teilhaber. Verständlicherweise reagieren sowohl Garrett als auch Connor auf den schändlichen Verrat ausgesprochen angepisst – Sutcliffe hat sich gefährliche Feinde gemacht…

Inhalt:

Es fällt nicht schwer, Fan von Stephen Amell zu werden und zu bleiben. Der Eckpfeiler des DC-Fernseh-Superhelden-Universums ist ein Sympathieträger ersten Ranges und bekannt dafür, sich mit mindestens 110 % Einsatz in alle seine Aktivitäten zu werfen – sei es die Darstellung des Oliver Queen in ARROW, seine bemerkenswerte Fannähe bei Conventions oder seine gelegentlichen Ausflüge in den Wrestling-Ring. Was immer Stephen anpackt, er tut es mit Herzblut und Engagement. So überrascht es auch nicht, dass Amell mit seinem Cousin Robbie 2016 in einem kleinen Kurzfilm namens CODE 8 mitspielte und mit Regisseur Jeff Chan eine Crowdfunding-Kampagne startete, um daraus einen vollständigen Film zu drechseln. Die Kampagne kassierte auf Indiegogo statt der erbetenen 200.000 Dollar satte 1,7 Millionen, und so konnte das Unterfangen in Angriff genommen und umgesetzt werden.

Die Welt, die Chan und sein Co-Autor Chris Pare aufbauen, ist patent – wo Superkräfte verbreitet genug sind, um nicht extrem außergewöhnlich zu sein (und andererseits auch nicht „flashy“ genug sind, um damit richtig Superheld oder –schurke spielen zu können), aber auch nicht SO häufig, um nicht als ausgezeichneter Qualifier für ordentliche Diskriminierung herhalten zu können, macht es vermutlich in der Tat nicht sehr viel Spaß, mit solchen „Powers“ gesegnet zu sein. Wir wissen’s ja leidgeprüft – der Mensch als Masse sucht herzlich gerne nach etwas, womit er „uns“ von „den anderen“ unterscheiden kann, ob es nun Hautfarbe, Religion oder eben Kräfte. CODE 8 etabliert dieses Szenario mit einem Exposition-Dump im Prolog, das ist nicht besonders elegant, aber durchaus effektiv, arbeitet dann aber einige Feinheiten, wie die alltägliche Diskriminierung, die strenge Überwachung und die gnadenlose Einhaltung der Anti-Power-Gesetzgebung im weiteren Filmverlauf ein. Zumindest eine Zeitlang.

CODE 8s grundsätzliches Problem ist es, dass der Streifen zwar plausible Rahmenbedingungen für eine etwas andere Superhelden-Geschichte aufbaut, allerdings dann, wenn seine eigentliche Geschichte ins Laufen kommt, herzlich wenig damit anfängt. Auf seine Essenz heruntergebrochen ist CODE 8 am Ende nämlich nichts anderes als ein völlig gewöhnlicher Krimi, dessen utopische Elemente rein kosmetisch sind und für die *Story* an und für sich nichts zur Sache tun. Skye ist die neue große Designerdroge? Egal, der Plot würde mit Koks oder Heroin exakt gleich funktionieren. Die Guardians als die große Robocop-Bedrohung? Ob nun irgendwer von einem mechanischen Bullen abgeknallt wird oder von einem aus Fleisch und Blut, macht null Unterschied. Connors Fähigkeiten als „electric“? Wäre er ein besonders talentierter Safeknacker oder begnadeter Fluchtwagenfahrer, es machte keinen Unterschied. Und die Diskriminierung der „Powers“ als solche? Meine Güte – es ist eine ziemlich schlicht gestrickte Rassismus-Metapher – macht aus den „Powers“ unterprivilegierte Schwarze, illegale Einwanderer, und alles könnte sich mit den genau gleichen beats und plot points abspielen. Das einzige phantastische Element, das tatsächlich in die Geschichte hineinspielt, ist Maddys Heiler-Fähigkeit (und selbst dafür könnte man sich mühelos einen adäquaten Ersatz ausdenken, wobei man CODE 8 immerhin zubilligen kann, dass er auf eine Liebesgeschichte zwischen Maddy und Connor verzichtet – für Connor ist das Mädchen exakt das, was es auch für Sutcliffe ist, ein Mittel zum Zweck. Sutcliffe hat eine chronische Krankheit, die Maddy ihm erleichtert, und Connor will nichts anderes. Die vorhersehbare Schlusspointe, dass – SPOILER – Connor am Ende darauf verzichten wird, seine Mutter zu heilen, nachdem er realisiert, dass Maddys Fähigkeit nicht bedeutet, Krankheiten/Verletzungen verschwinden zu lassen, sondern auf *sich* zu übertragen, sorgt für einen tränendrüsligen Moment, aber auch nicht viel mehr).

Als Science-fiction-Film ist CODE 8 also ein bisschen eine Mogelpackung, aber das soll uns im Endeffekt nicht zu sehr grämen. Die Story funktioniert als solche durchaus, auch wenn sie, befreit von ihrem SF-Ballast, nicht sonderlich originell ist, und die Umsetzung ist allemal professionell (auch dafür, dass CODE 8 erst Jeff Chans zweiter Spielfilm nach dem mittelprächtig aufgenommen POV-Horrorfilm GRACE und einigen Kurzfilmen ist). Chan findet grundsätzlich ein gutes Gleichgewicht zwischen den dramatischen Charakter-Szenen und der Action, Alex Disenhof (WATCHMEN-TV-Serie) liefert im Rahmen der Möglichkeiten eines kanadischen B-Films gute Bilder, und die FX von William Chang (THE EXPANSE) halten jedem Vergleich stand. Man wünschte sich vielleicht ein-zwei größere Action-Szenen, bei denen die Powers zeigen, was ihre Kräfte wirklich hergeben, mehr, aber gut, wir wissen auch, dass trotz der erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne hier ein Budget verbraten wurde, dass vielleicht zwei Minuten eines Marvel-Films finanzieren könnte.

Ein wenig „schadet“ dem Film auch der Ansatz, dass die Superkräfte, die gezeigt werden (und neben Connors Elektrik-Eigenschaften haben wir mit Garrett einen Telekineten, „Pyros“, die Feuerkräfte besitzen und zwei Fälle von Superstärke), durchaus beabsichtigt eher „down to earth“ sind – nichts, mit dem man bei den Avengers sonderlich angeben könnte (okay, Hawkeye kann man damit wohl beeindrucken…), und eben auch nichts, was automatisch wirklich ganz große spektakuläre Action-Sequenzen ergeben würde. Wenn man den Vergleich zu einem anderen Universum ziehen will, in dem Superkräfte einigermaßen weit verbreitet sind, der völlig unter Wert geschlagenen Sony-Playstation-Network-Show POWERS – dort wurde in Sachen Kräfte-Einfallsreichtum erheblich mehr geboten, aber CODE 8 (der Titel bezieht sich übrigens schlicht auf den Polizei-Code für den Angriff auf den Drogentransporter) will ja von seiner ganzen Anlage und Konzeption das ganze Kräfte-Thema, hümpt-hümpt, „realistisch“ angehen – da ist dann eben ein „menschliches Schweißgerät“ oder ein „menschlicher Elektro-Generator“ kräftetechnisch das höchste der Gefühle. Was auf der einen Seite natürlich einigermaßen erfrischend ist, aber eben andererseits kein GROSSES KINO, zumindest effekttemäßig, ergibt.

So ist alles routiniert auf einem ansprechenden handwerklichen Niveau, aber der allerletzte Funke will, Pyromanen im Ensemble hin oder her, nicht überspringen. Was nicht an den Schauspielern liegt. Die Amell-Cousins legen alle ihren Charme und ihre Likeablility in ihre jeweiligen Rollen, obwohl beide nicht dem klassischen Heldenimage entsprechen – Connor/Robbie ist gewillt, Maddy aus selbstsüchtigen Motiven zu benutzen und Garrett/Stephen bleibt konsequent auf der dunklen Seite der Macht. Laysla De Oliveira bleibt als Maddy selbst ziemlich blass (was natürlich auch ein wenig daran hält, dass ihre Rollengestallt ein einigermaßen verhuschtes, durch den langen Missbrauch ihrer Kräfte durch Sutcliffe heruntergekommenes Mädchen ist), Greg Byrk ein solider Bösewicht, auch wenn am Ende die Stakes nicht elementar hoch sind.

Ein wenig wirkt CODE 8 dann am Ende eben doch wie der Pilotfilm zu einer potentiellen TV-Serie, und, wie der Buschfunk trommelt, sind die Amells und Jeff Chan tatsächlich auch mit Jeffrey Katzenbergs neuem Short-Format-Streamingservice Quibi einig, die Geschichte dort fortzusetzen, und, ja, es ist wohl doch die angemessene Heimat für ein Super-Universum, das gewiss nicht schlecht oder uninteressant ist, sondern einfach ein bisschen zu klein, zu unspektakulär für die große Leinwand.

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 4

BIER-Skala: 6


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