Chatroom


  • Deutscher Titel: Chatroom
  • Original-Titel: Chatroom
  •  
  • Regie: Hideo Nakata
  • Land: Großbritannien
  • Jahr: 2010
  • Darsteller:

    Aaron Johnson (William), Imogen Poots (Eva), Matthew Beard (Jim), Hannah Murray (Emily), Daniel Kaluuya (Mo), Megan Dodds (Grace), Michelle Fairley (Rosie), Nicholas Gleaves (Paul), Jacob Anderson (Si)


Vorwort:

Der End-Teenager William richtet in den unendlichen Weiten des Cyberspace einen Chatroom ein, „Chelsea Teens“ benannt – in Eva, Jim, Emily und Mo findet er ein Quartett ungefähr gleichaltriger Kids, die sich zunächst zum unverbindlichen virtuellen Ratschen zusammenfinden und beschließen, virtuelle Freunde zu werden. Zunächst ist der Chat wirklich nicht mehr als eine harmlose Quasselrunde, in der die Fünf sich über ihre diversen Befindlichkeiten austauschen, doch schon bald macht sich bemerkbar, dass William sich zum Wort- und Anführer der Gruppe aufschwingt und seine wütenden Teenage-Angst-Manifeste verbreitet. Tatsächlich bringt er Emily, Mo und Jim dazu, ihre intimsten Sorgen und Nöte zu offenbaren: Emily fühlt sich von ihren Eltern ungeliebt, Mo ist verknallt in die zwölfjährige Schwester seines besten Kumpels und Jim ist mal mindestens manisch-depressiv. William beginnt, seine Chatfreunde zu manipulieren – für Eva, gelangweiltes upper-class-Luxus-Girl, ist die Sache faszinierend und harmlos genug, um ihm zur Hand zu gehen; sie bringen Emily dazu, (wirklich harmlose) Gewaltakte zu begehen, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erlangen, William überredet Mo, seinem Kumpel die Gefühle für seine kleine Schwester zu gestehen, aber sein Meisterstück will William, der selbst eine umfangreiche Galerie psychischer Probleme mitbringt (seine Mutter ist Bestsellerautorin einer Kinderbuchserie, die ausgerechnet nach seinem großen Bruder benannt ist) an Jim vollbringen – den will er im Wortsinne zerstören…

Inhalt:

„Chatroom“ war so etwas wie die große Wildcard in meinem FFF-Programm – ich hielt mir die komplette Bandbreite zwischen „potentiell herausragend“ bis „Obergurke des Festivals“ offen. Könnte vor allem am Regisseur liegen – Hideo Nakata. Je länger ich über die japanischen „Ringus“ nachdenke (Teil 1 und 2 hat Nakata auf dem Kerbholz, ebenso Teil 2 des US-Franchise), desto langweiliger finde ich sie. Nakata hat ein Händchen, gelegentlich eine genuin terrifizierende Szene einzustreuen, aber für ’nen bemerkenswerten Storyteller halte ich ihn nicht (er ist besser als manch Kollege, denn Ring 0, das Prequel, und das alternative Sequel „Rasen“, lassen einen schon wehmütig daran denken, was man an einem Nakata hat). Und „Chatroom“ ist Storytelling pur…

Ich war dennoch nicht uninteressiert, wie sich das zentrale Gimmick des Films, die Visualisierung der titelgebenden Chaträume auf absolut un-cyberspace-technische Art, denn so machen würde und komme, um heute mal formale Aspekte zuerst durchzukauen, zu dem Schluss, dass dieses Konzept in der zugrundeliegenden Bühnenfassung (Edna Walsh adaptierte ihr eigenes Theaterstück) besser funktioniert als im Film – während es auf der Bühne nun mal wirklich nicht sonderlich interessant ist, fünf Nasen hinter ihre Keyboards zu setzen und die Texte, die sie in selbige reinhacken, vorlesen zu lassen, hat Film da nun mal ganz andere Möglichkeiten und die konsequente Verweigerung filmischer Mittel ist etwas, was ich dann doch lieber Lars von Trier überlasse, der eindeutig der geeignetere Kandidat ist, um oberflächliche visuelle Filmmittel zu dekonstruieren (siehe „Dogville“). Ach so, ich hab Euch noch nicht erzählt, *was* dieses Gimmick ist? Nun, Nakata bzw. Walsh stellen die virtuellen Chaträume als „echte“ Räume dar, in denen sich die Protagonisten, die in der realen Welt eben an ihren diversen PCs, Laptops oder Eifons hocken, sich quasi in Fleisch und Blut gegenüberstehen und -sitzen und zulabern. Das ist für zehn Minuten ein ganz interessantes Konzept, ist aber dann auch nicht wesentlich aufregender als eben fünf Leute an der Tastatur in Bildschirme starren zu sehen, und, wie sich spätestens zwanzig Minuten später herausstellt, nicht sonderlich durchdacht und als Metapher für die virtuelle Zusammenkunft ungeeignet.

Kann ich anhand zweier Beispiele auch illustrieren: Unsere fünf Teens sitzen sich schon eine Weile lang (ich glaube, drei Chat-Sessions) gegenüber und haben sich zugetextet, als William auf die Idee kommt, er brauche Fotos seiner Compadres (und dass Jim als letzter ein solches Bild rausrückt, ist ein wichtiger Plotpunkt). Das mag „technisch“ richtig sein, da William einen Text-only-Chat betreibt, aber es untergräbt schlicht und ergreifend das Zusammenspiel der Charaktere, die sich *für den Zuschauer* ja ständig sehen können. Etwas später verirrt sich ein Pädophiler in den Chatroom – und DER hat dann auf einmal den Avatar eines zwölfjährigen Mädchens; in der internen Logik des Films müsste er aber im Chatraum in seiner „realen“ Gestalt auftauchen, da die anderen Chatter ihn ja nicht „sehen“ können (noch blöder wird’s dann, als der Avatar zu flackern beginnt und zwischen der Mädchengestalt und dem wirklichen Selbst des Pädos hin- und herwechselt). Hier schießt sich das Konzept, auf diese Art zu visualisieren, von hinten durch die Brust ins Knie – sie ist einfach inkonsistent, damit für den Zuschauer unglaubwürdig und, wie schon gesagt, als Metapher untauglich.

Dadurch, dass sein hauptamtliches Gimmick aber unschlüssig ist, bricht mehr oder weniger der gesamte unique selling point des Films zusammen, der sich dadurch enttarnt und offenbart, dass er letztlich nicht viel mehr als ein beliebiger „Cruel Intentions“-Nachzieher (minus die Liebeleien) ist; als solcher funktioniert er im Großen und Ganzen zwar ganz anständig, macht eben aber auch deutlich, dass es dieses ganze Gewäsch mit der Chatroom-Visualisierung nicht gebraucht hätte, weil das Internet-Mobbing, das letztendlich der casus knacksus der Story ist (und, wie man beinahe täglich lesen kann, nun auch nicht gerade ein völlig aus der Luft gegriffener Aufhänger ist, auch wenn „Chatroom“ sich unbefangen in die „Internet-ist-böse“-Schiene einsortiert) auch ohne diese Abstraktion umsetzbar gewesen wäre. Dieser ganze Gimmick-Kram ist dann im Endeffekt nicht mehr als Basis für ein paar halbseidene Gags (wenn William Mo in einen Sex-Chat schickt, damit der von seinem Pädo-Trip runterkommt und ein sichtlich angeekelter Mo mit einer fetten Nutte rumpussieren muss, Mo im „Sword of Destiny“-Raum [klar, eine World-of-Warcraft-Anspielung] sinnlos rumsteht, während seine Kumpel sich die virtuellen Breitschwerter um die virtuellen Ohren hauen, oder in einem brasilianischen Beleidigungs-Forum [was es nicht alles gibt… ist übrigens auch ein wichtiger Plotpunkt] Dutzende schreiender Arschlöcher einen dreizehn-vierzehnjährigen Jungen zusammenbrüllen und schießlich in den Selbstmord treiben).

Wie gesagt – „Chatroom“ macht durchaus ein paar valide Punkte (wenngleich ich die angeblich massenweise im Internet kursierenden Selbstmord-Videos nicht kaufe, so aber die „Selbstmordberatungsstelle“, zu der William Jim schickt, damit die ihm den Rest gibt – solche Foren gibt’s ja tatsächlich), aber ich muss einiges kritisieren – zum einen wagt „Chatroom“ sich nicht an „mächtige“ Feinde. Twitter wird zumindest mit einem halbseidenen Gag noch in der Pre-Title-Sequenz abgespeist, aber Facebook (oder zumindest ein erkennbares Derivat), nicht nur der größte Chatraum der Welt, sondern auch sicherlich uneingeschränkte Kapitole des virtuellen Cybermobbings, ist völlig ausgespart (dafür wiederum ist mir die schon erwähnte brasilianische Site ein ziemliches Rätsel. Leser?) Wichtiger und „schlimmer“ ist allerdings, dass „Chatroom“ bei seinen Charakteren zu dick aufträgt. William ist nicht nur ein psychotisches Teenage-Wrack, sondern auch noch ein solches aus reicher Familie (dass der Reichtum mehr oder weniger in direktem Zusammenhang mit seiner Psychose steht, ist zwar zumindest in sich konsistent, aber der ganze Bestsellerautorinnen-Brimborium ist mir ein bisschen zu spekulativ). Mo steht nicht nur auf die Schwester seines besten Freundes (sowas sorgt doch schon bei „richtigen“ Altersverhältnissen selten für echten Frohsinn), er muss auch noch pädophil veranlagt sein und auf ’ne Elf- oder Zwölfjährige stehen (immerhin: auch das resultiert in einem recht netten Gag. Nachdem William den oben erwähnten Alt-Pädo aus dem Chatroom geworfen und einen Passwortschutz installiert hat, berichtet Mo Eva stolz, dass „alle Pädos draußen sind“. „Fast alle“, bösgrinst William…), Jim ist nicht nur „normal“ depressiv, er hat ein Trauma, das ganz andere als einen ja per se schon labilen Teeanger aus der Bahn werfen würde (er fühlt sich verantwortlich dafür, dass sein Vater abgehauen ist, noch dazu in der Form, dass er Jim im Alter von ca. 6 Jahren allein im Zoo hat stehen lassen). Es ist mir schon klar, dass ein Film verhältnismäßig „deutlich“ werden muss, aber wenn das Ziel des Films schon zu sein scheint, Teens vor den Gefahren des Cybermobbings zu warnen, hätte man auch Fälle heranziehen können, die, ich will nicht „realistischer“ sagen, hm, sagen wir, die häufiger vorkommen und mit denen sich 08/15-Teenager, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihres Gewichts oder ihrer Hautfarbe diskreditiert und gemobbt werden, eher identifizieren können als mit solchen Extremfällen.

Gut, was das Script mit Mo, Jim und William übertreibt, gleicht er mit den Mädels aus – Emily hat zwar diese „realistischeren“ Probleme, ist aber eine weitgehende Plot-Non-Entität (ihr persönlicher Subplot plätschert denn auch einfach aus… einmal die Tür beschmiert und einmal die Familienkutsche mit Fäkalien dekoriert, und die Chose ist wieder in Butter) und Eva… tja, die ist irgendwie, obwohl sie ein ausgesprochen wichtiger Charakter ist, völlig undefiniert. Mehr, als das ihr langweilig ist und Williams Psychospielchen ihr eine Zeitlang recht witzig vorkommen, gibt ihr das Buch nicht mit auf den Weg und ihr Turn zum „Guten“ hin ist ausgesprochen schlapp geschrieben (zudem noch mit schauerlichem Dialog – im Streit mit ihrer besten Freundin stellt sie fest, „what awful people we are“. Irgendwie glaub ich nicht, dass ein Teeniegirl so denkt und redet).

Wie aber schon bei „Ringu“ gelingt Nakata auch bei „Chatroom“, einem insgesamt jenseits seines Gimmicks (das, wie gesagt, auch optisch nicht so interessant ist, um den ganzen Film zu tragen), eine kleine Handvoll wirklich gelungener Szenen: die Schlüsselszene, in der die Katastrophe aufgehalten werden könnte (SPOILER: William durchlebt einen Glücksmoment mit seiner Familie, versöhnt sich mit seiner Mutter und will Jim per schnell auf dem Handy getippter Mail vom Selbstmord abhalten – dummerweise hat Herr Papa sämtliche Computer, Iphones etc. konfisziert und reagiert… ungehalten), ist verdammt gut, und ja, es wird zum Finale hin durchaus richtig spannend, aber es gibt auch Leerlauf (weil Nakata die Chat-Sessions relativ uninspiriert mit Gruppentherapiesitzungen gleichsetzt) und unfreiwillig komische Ideen (Mo, der sich ein „THIS IS MO“-Plakat über den Kopf hält, damit Eva ihn in der Fußgängerzone finden kann; Mos Kumpel, der die Vorstellung als Computer-Nerd mit dem LL+P-Gruß aus „Star Trek“ quittiert); und eins darf man nicht vergessen – Cyber-Thriller spielen normalerweise eben bewusst mit der „klassischen“ virtual reality, weil man sie visuell cool gestalten kann. Wer einem „VR“-Thriller den „VR“ wegnimmt, landet halt bei einem schnöden, gewöhnlichen High-School-Teeniethrill.

Die Darsteller rangieren sich zwischen „nicht schlecht“ und „sehr gut“ ein. Aaron Johnson ist sicherlich das schauspielerische Highlight, der junge Brite, zu sehen u.a. in „Herr der Diebe“, „Frontalknutschen“ und „Kick-Ass“, überzeugt in der nicht ganz einfach zu spielenden Hauptrolle, die ihm eine enorme Bandbreite zwischen verzweifeltem Teen und durchgeknalltem Psycho abverlangt. Imogen Poots, die mir in Centurion nicht so dolle gefallen hat (ihr fehlte dort die Ausstrahlung, die Präsenz für eine vergleichsweise reife, leidgeprüfte Frau), fährt als oberflächliche Teenieschlampe etwas besser, drängt sich aber auch nicht für höhere Weihen auf. Jim Beard („“Der Preis des Verbrechens“ und in der ärgerlicherweise an mir völlig vorbeigelaufenen TV-Pratchett-Verfilmung „Johnny and the Bomb“) ist mir als Jim etwas ZU weinerlich, zu schwach, zu fragil – klar, es ist der Punkt, dass Jim ein leicht zu manipulierendes Weichei ist, aber Sympathien für ihn aufzubauen, fällt schwer. Hannah Murray („Skins – Hautnah“) hat praktisch nichts zu tun, Daniel Kaluuya (ebenfalls aus „Skins – Hautnah“, zu sehen auch in „Cass“ und im anstehenden „Johnny English“-Sequel) verkörpert den auch nicht ganz einfachen Pädo-Mo durchaus überzeugend. Megan Doods („Spooks – Im Visier des MI5“) ist in ihren knappen Auftritten als Williams Mutter (ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob der Charaktere eine Rowling-Anspielung sein soll) durchaus prägnant.

Fazit: Wie ich oben schrieb, war ich bei „Chatroom“ auf jedes mögliche Extrem vorbereitet; der Film vermeidet aber sowohl die „Ereignis!“- als auch die „Gurken“-Kategorie; im Tiefsten seines Herzens ist „Chatroom“ ein gut gemeinter, aber nicht sonderlich aufsehenerregender Teenie-Thrillodram, der vermutlich am ehesten nicht-computeraffine Eltern erschrecken kann, und neben ein paar Schwächen im Charakterbereich vor allem darunter leidet, dass sein Kniff, eben die Chatroom-Visualisierung, einfach nicht funktioniert. Unmittelbar nach Filmende hatte ich mich zumindest leidlich unterhalten gefühlt, aber nach zwei- bis dreimaligem Drübernachdenken muss ich mich doch für eine unterdurchschnittliche Bewertung entscheiden; trotz teilweise guter schauspielerischer Leistungen ist mir die ganze Sache – tut mir leid, wieder dieses Wort verwenden zu müssen – einfach zu banal.

2/5
(c) 2010 Dr. Acula


mm
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