Cat Run


  • Deutscher Titel: Cat Run
  • Original-Titel: Cat Run
  • Alternative Titel: Roadkill Sexy. Silly? Slayer!
  • Regie: John Stockwell
  • Land: USA
  • Jahr: 2011
  • Darsteller:

    Paz Vega (Cat), Janet McTeer (Helen Bingham), Scott Mechlowiz (Anthony), Alphonso McAuley (Julian), Christopher McDonald (Krebb), Karel Roden (Daniel Carver), D. J. Hughley (Dexter), Tony Curran (Sean Moody)


Vorwort:

Edelnutte Cat nebst Kollegin gehören zum erlesenen Kreis Prostituierter, die der montenegrinischer Waffenhändler Rankovic eingekauft hat, um eine Party für US-Politiker Krebb anregend zu gestalten. Weil Krebb nicht an sich halten kann und im Rausch der Libido seine Sexpartnerin erwürgt, richten Rankovic‘ Leute zur Vertuschung ein Massaker an – nur Cat entkommt, im Gepäck eine Festplatte mit inkriminierendem Material. Rankovic‘ rechte Hand Carver setzt die eiskalte Profikillerin Helen Bingham auf Cat an. Die stolpert in das mehr schlecht als recht laufende Restaurant des amerikanischen Auswanderers Anthony, einem hochintelligenten Sohn reicheren Hauses, der sich’s in den Kopf gesetzt hat, Koch zu werden, doch seine Haute Cuisine kommt weder bei Einheimischen, Touristen noch seinem besten Freund Julian an. Cat klaut Julians Handy und Anthonys Auto – letzterer ist darüber gar nicht mal SO traurig, handelt’s sich doch erstens beim Auto um eine Schrottmöhre und ist er doch zweitens auf Sicht unsterblich in Cat verliebt. Als Julian vorschlägt, das Duo könnte doch unter die Privatdetektive gehen (ein Büro über einem Pornokino ist schnell gefunden und mit Dexter, dem einarmigen und beinlosen Kriegsveteranen, ist auch rasch ein Sekretär eingestellt) und Anthony in der Zeitung liest, dass Cat vermisst wird, beschließt er, sein erster eigener Klient zu werden. Während Cat noch mehr oder weniger erfolgreich versucht, aus Montenegro herauszukommen, tingeln Tony und Julian schon quer durch Europa – nach Andorra, wo Cats Familie lebt, und Luxemburg, dem Hauptquartier ihres Zuhälters. Blöderweise stolpern sie zumeist nur noch über Leichen, denn Helen Bingham hat ungefähr den selben Reiseplan, ist unseren Möchtegerndetektiven aber immer einen Schritt voraus. Beide Parteien kommen zu der Erkenntnis, dass der Schlüssel zu Cats Versteck bei Gruschenka zu finden ist, Cats bester Freundin und Babysitterin für deren kleinen Sohn Alex…

Inhalt:

Das Wunderbare am FFF ist, dass ich zwischen Filmaussuchen, Kartenkauf und tatsächlich ins Kino pilgern mit schöner Regelmäßigkeit vergessen habe, worum’s in den ausgekuckten Filmen eigentlich geht (und da ich zumindest versuche, grundsätzlich keine Reviews von Filmen zu lesen, die ich selbst sehen und besprechen will, besteht auch wenig Gefahr, dass mich irgendjemand daran erinnert). Als ich also zur unchristlichen Stunde um 13.00 Uhr im Kinosaal saß und auf „Cat Run“ wartete, war ich angenehm ratlos, was auf mich einprasseln würde. Und das ist möglicherweise die ideale Voraussetzung, um an einen Streifen wie „Cat Run“ heranzugehen, bei dem „expect the unexpected“ quasi die Tagline sein könnte.

Was John Stockwell nach einem Script der Newcomer Nick Ball und John Niven auf die Beine gestellt hat, ist schierer Wahnsinn auf Zelluloid – und vor allen Dingen schierer Wahnsinn, den ich John Stockwell (mediokrer Schauspieler aus „Fackeln im Sturm“ oder Firehawk und Regisseur geschniegelter Kommerzware wie „Blue Crush“ oder Into the Blue [immerhin aber auch „Turistas“]) nicht zugetraut hätte. Was sich in der Inhaltsangabe oben nach einem relativ straight erzählten Thriller anhört, entpuppt sich bei Betrachtung als hyperenergetischer, mit der Sprungfeder aufgezogener, bunter, lauter und in jeder Hinsicht hysterischer Action-Comic, der keine Sekunde lang still steht und scheinbar mühelos immer noch ’ne Überraschung, noch ’ne bizarre Idee aus dem Ärmel schüttelt und sich dafür begeistert selbst auf die Schulter klopft – und ist man als Zuschauer in der geeigneten Stimmung, klopft man freudestrahlend mit.

Die Story ist dabei sicherlich der am wenigsten denkwürdigste Aspekt des Films – sie ist, wie man so schön sagt, „serviceable“ und gibt allen Charakteren das nötige Gerüst, an dem sich entlanghangeln können; eine vergleichsweise „normale“ „vertusch-das-Verbrechen-und-beseitige-den-Zeugen“-Nummer (wobei man sich bemüht, das zu vertuschende Verbrechen erst relativ spät zu enthüllen, andererseits ist es nicht sonderlich schwierig, sich das schon von Anfang an zusammenzureimen; in der entsprechenden Szene blendet Stockwell etwas zu spät weg, um noch ein großes Mystery draus machen zu können), verbunden mit politischen Implikationen (die letztlich auch dafür verantwortlich sind, dass sich die Position des Ober-Erzbösewichts im Finale noch mal verschiebt). Das ist nicht neu, aber es ist, wie gesagt, brauchbar und wenn der Film in seinem Schlussakt quasi alles bisher Gesehene auf den Kopf stellt und völlig neue Allianzen schmiedet, erweist sich die Formel auch als eine solche, die sich ideal brechen lässt.

Wichtiger als das Storykonstrukt sind allerdings die Charaktere – Cat selbst ist dabei noch die unwichtigste Figur, sie ist eigentlich nur ein personifizierter MacGuffin, im Gegensatz zu Tony und Julian, die als Comedy-Duo besser funktionieren, als sie eigentlich dürften. Julian ist der jive-talkin‘-sprücheklopfende Chris-Rock-Imitator, der mit Fug und Recht eigentlich überhaput nicht lustig sein *dürfte*, Tony als sein klassischer straight man, Helen Bingham die eiskalte, dabei aber stets britisch-höflich-distinguierte Killerin, die ihren Job leidenschafts-, gnaden- und skrupellos erledigt; mit Nebenfiguren wie dem menschlichen Torso Dexter (der, logisch, seine letzte vorhandene Extremität auch noch verliert), dem rivalisierenden Killer Sean Moody (Schotte, der aufgrund seines Akzents das Problem hat, das keiner seine wüsten Drohungen versteht), dem schleimig-schmierigen Politiker Krebb und Carver, dem leutseligen, aber ebenso skrupellosen Sicherheitschef Rakovic‘, das sind Figuren, die sicherlich auf Klischees aufbauen, aber auf 110 % gedreht werden und deswegen einfach Spaß machen – auch, weil das Script jedem Charakter Platz für seine spezifischen Eigenschaften lässt. „Cat Run“ pendelt unbefangen zwischen Zoten, die die Grenzen des guten Geschmacks mit Anlauf überspringen (inkl. Dödel), Slapstick, shoot-outs, brutalen Foltersequenzen, Splatter, Wortwitz – alles, was das Herz begehren könnte…

… und John Stockwell inszeniert das derartig aufgedreht, als ob es um sein Leben ginge. Das beginnt bei „character sheets“ mit den wichtigsten „fun facts“ für jede wichtige Figur, die eingeblendet werden, x-fach-Splitscreen-Sequenzen, visuell kommentierten Flashbacks – ich würde das normalerweise „überinszeniert“ nennen, aber bei „Cat Run“ trifft das einfach den Ton, da fügt sich der überdrehte Inhalt mit der überdrehten Inszenierung zu einem runden, überdrehten Gesamtkunstwerk zusammen. Stockwell nutzt den hyperstylischen „CSI: Miami“-Stil als Leitlinie, von den bildschönen, überrealistischen Landschaftsaufnahmen über den schnellen Schnitt, die Splitscreens etc. etc. – was mir in einer, hüstel, „ernstgemeinten“ Krimiserie schwer auf den Senkel geht, passt hier wie die Faust aufs Auge – „Cat Run“ will keinen Anspruch erfüllen, außer den, rasant, fetzig, comic-artig zu unterhalte, da geht dann eben auch alles, sowohl was Inhalt als auch Form angeht. Herausragende Szene ist sicherlich der Zweikampf zwischen Bingham und Carver, den Stockwell als leichtfüßig-brutalen Gewalt-Tango inszeniert. Stockwell vergisst auch nicht, knackige Härten einzubauen – teils mit Funsplatter-Attitüde, wenn Köpfe weggeschossen werden oder Extremitäten fliegen, teils als knallharte Foltereinlagen, die beim Zuschauen richtig weh tun und die FX-technisch auch technisch angemessen gelöst werden (Abstriche gibt’s für die CG- und Greenscreen-Arbeit speziell im Zusammenhang mit Human Torso Dexter, aber da die Szenen komisch gemeint sind, macht mir das nicht so viel aus).

Die Schauspieler lassen sich nicht lumpen – während Paz Vega („Not Forgotten“, „Spanglish“) sicherlich hauptsächlich aufgrund ihrer anatomischen Eigenschaften in den Cast geholt wurde und darstellerisch nicht gerade überzeugt (aber das auch nicht tun muss, da, as mentioned above, ihr Charakter zwar Katalysator für alles ist, aber nicht im Mittelpunkt steht), wissen Scott Mechlowiz („Eurotrip“, „Gone – Lauf um dein Leben“) und Alphonso McAuley („Fat Albert“, „Spiel auf Sieg“) als hervorragend aufeinander eingestimmtes Comedy-Doppel voll und ganz zu überzeugen – McAuley ist, auch das erwähnte ich schon ansatzweise, erheblich witziger als der „lustige Neger“-shtick, den er zu spielen hat, und Mechlowiz, der komische Fähigkeiten schon unter Beweis gestellt hat, ist die ideale Wand, an die McAuley seine Bälle spielen kann. Routinier Christopher McDonald („Faculty“, „Happy Gilmore“, „Thelma & Louise“) hat an seinem fiesen Politiker sichtlich Spaß (zumal er auch mit attraktiven Damen rummachen darf, ähem), Karel Roden („15 Minuten Ruhm“, „Blade II“, „Bulletproof Monk“, „Hellboy“) ist als schuftiger Schurke eine sichere Bank, Tony Curran („Shuttle“, „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“) hat als durchgeknallter schottischer Killer eine großartige Szene, aber den Vogel ab schießt eindeutig Janet McTeer („Stürmische Leidenschaft“, „Tideland“) in einer schlichtweg sensationellen Vorstellung – würde das FFF Darstellerpreise verleihen, meine Stimme wäre ihr sowas von sicher; die britische Charaktermimin legt hier eine minimalistische Glanzleistung vor.

Fazit: Schade, dass die Festivalleitung „Cat Run“ zumindest hier auf einen undankbaren 13.00 Uhr-Slot programmierte – der Film hätte das Zeug zum crowd pleaser in einer Abendvorstellung gehabt. Ja, nicht jeder kann mit einem derart mutwillig überdrehten Stück Action-Comedy-Splatter etwas anfangen, und sicher hat „Cat Run“ nicht einen Meta-Ansatz wie der letztjährige closing-night-Streifen Rubber, aber dieser Film hätte einfach ein größeres Publikum verdient als die Handvoll Aufrechten, die am Freitag mittag ins Kino krauchen. Ein echter Schlager, der hoffentlich auf dem DVD-Markt abräumen wird; ein Feuerwerk der guten Laune, rasant, hart und irrsinnig witzig!

tl-dr-Version: „CSI-Miami“-Style on crack!

Update (BluRay-Review): Universal hat sich des Films zwecks Veröffentlichung angenommen. Mir lag zur Rezension die BluRay-Fassung vor, die den Film in schickem 2.35:1-Widescreen präsentiert und dem geneigten Kunden sogar die Wahl lässt, ob man ein englisch- oder ein deutschsprachiges Bildmaster (für die diversen Einblendungen) bevorzugt. Die Bildqualität ist ausgezeichnet, dito der Ton, wobei die deutsche Sprachfassung erfreulicherweise sowohl von der Sprecherwahl als auch der tatsächlichen Synchron-Qualität durchaus überzeugen kann. Als Bonusmaterial bringt Universal einen Audiokommentar mit Regisseur John Stockwell und Produzent Bill Perkins (soweit ich das überblickt habe, ohne Untertitel), ein ca. 15-minütiges Making-of mit einigen Interviewschnippseln mit den wesentlichen Darstellern, Stockwell und Perkins, eine weitere gute Viertelstunde deleted scenes, den Trailer sowie eine Trailershow. Nicht gerade ein elefantöses Riesen-Extra-Paket, aber zumindest die Standard-Goodies, die man bei einer Major-Veröffentlichung durchaus erwarten kann. Die 18er-Freigabe ist aufgrund des wie oben geschildert sehr entspannten Umgangs mit dem Thema Blutverlust zu erwarten gewesen. Jedenfalls macht „Cat Run“ auch im Heimkino ’nen guten Eindruck und viel Spaß – also kaufen, den Kram, und zwar pronto!


mm
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