Buried – Lebend begraben


  • Deutscher Titel: Buried - Lebend begraben
  • Original-Titel: Buried
  • Alternative Titel: Živ zakopan
  • Regie: Rodrigo Cortés
  • Land: Spanien/USA/Frankreich
  • Jahr: 2010
  • Darsteller:

    Ryan Reynolds (Paul Conroy), José Luis Garcia Perez (Jabir/voice), Robert Paterson (Dan Brenner/voice), Stephen Tobolowsky (Alan Davenport/voice), Samantha Mattis (Linda Conroy/voice), Ivana Mino (Pamela Lutti/voice), Erik Palladino (Special Agent Harris/voice), Tess Harper (Maryanne/voice)


Vorwort:

Paul Conroy, ziviler Truckdriver im Irak, hat ein Problem – das Problem ist ungefähr zweieinhalb Meter lang, ’nen dreiviertel Meter breit und auch ungefähr so hoch. Fachleute nennen es „Sarg“, wenn auch einen der eher rustikal zusammengeklöppelten Sorte, und der besonders problematische Part an der Sache ist, dass Paul drin liegt und nicht tot ist. Sein Konvoi war in einen Angriff von Aufständischen geraten und dabei bekam unser Fahrer eins auf die Rübe. Sein Angreifer wollte ihn aber nicht nur einfach vorzeitig verbuddeln, sondern hat ihm mitfühlenderweise ein Handy, ’ne Taschenlampe und zwei Knicklichter ins Grab gelegt. Nach erster Panik versucht Paul, mit seiner Familie (erfolglos), seinem Arbeitgeber (erfolg-, aber nicht hilfreich) und dem FBI, die ihn wenigstens an den im Irak zuständigen Entführungsspezialisten Dan Brenner verweisen, Kontkat aufzunehmen. Und dann meldet sich auch schon der Entführer – der ist keiner von der „tötet-alle-Ungläubigen“-Al-Kaida-Schule, sondern kapitalistich orientiert. Paul möge sich bitte fernofonisch um die Aushändigung eines schlappen Sümmchens von 5 Millionen Dollar (oder „five million money“, wie sich der Herr Iraker auszudrücken beliebt) bemühen, ansonsten kann er in seinem Erdmöbel verrotten. Dem stehen nur zwei bescheidene Hindernisse im Weg – die USA verhandeln bekanntlich grundsätzlich nicht mit Terroristen, und in diese Schublade sortieren die Autoritäten Pauls Grabschaufler unbürokratisch ein, und er selbst hat nunmal nicht die Kohle. Von seinem Arbeitgeber ist keine Hilfe zu erwarten – da gibt’s nicht mal moralischen Support, sondern nur die telefonisch ausgerichtete fristlose Kündigung aufgrund eines kleinen unangemessenen Techtelmechtels unter Kollegen. Dieweil sein Entführer von Paul verlangt, mit der Handykamera ein kleines Entführungsvideo für Al-Jazeera und YouTube zu drehen, hofft der Vergrabene auf Brenner…

Inhalt:

Das „lebendig begraben“-Motiv ist eins, das Schriftsteller praktisch seit Anbeginn der Zeit beschäftigt und dürfte zwanglos zu den Urängsten der Menschheit zu zählen sein – irgendwo verständlich, denn eine schöne Aussicht ist’s nicht, im Sarg zu sich zu kommen und dann verzweifelt am Deckel zu kratzen (weswegen sich paranoide Leut‘ ja auch schon Sender in die Kiste einbauen lassen können, um im Fall des Falls den Ausgrabdienst herbeirufen zu können). Nicht zuletzt Edgar Allen Poe hat die Thematik mehrfach verarbeitet, und selbst außerhalb des Horror-Genres hat das Motiv seine Spuren hinterlassen, zuletzt u.a. bei der Tarantino-gescripteten Doppelfolge von „CSI“.

„Buried“ von Rodrigo Cortes geht die Angelegenheit „realistisch“, nicht im Kontext eines Gruselstücks, sondern eines reinrassigen, extrem minimalistischen Thrillers an. Es war selbstredend gerade der unique selling point des Streifens, die komplette Geschichte über *im Sarg* zu bleiben und mit nur einem wirklich agierenden Schauspieler (für die Rolle war von Anfang an „Green Lantern“ Ryan Reynolds vorgesehen) zu bleiben (und das in epischem 2.35:1-Widescreen, was zurecht als Zeichen nicht gerade unterdimensionierten Selbstbewusstseins des Regisseurs gedeutet wurde); wenn man so will, geht es eigentlich nicht „unkinematischer“, es sei denn, man verzichtet vollständig auf Bild und Ton… Chris Sparling, Autor der Plotte, scheint klaustrophobische Settings zu schätzen – sein nächstes verfilmtes Buch ist „ATM“, das eine Geiselnahme in einem Geldautomatenkabuff schildert, in Produktion befindet sich darüber hinaus „Falling Slowly“, das offensichtlich überwiegend in einem Apartment zu spielen scheint. Nun, für einen alten Storyfuchs wie mich ist das natürlich schon mal ein Pluspunkt – wer sein Setting bewusst limitiert, hat zumindest mal großes Vertrauen in die Qualität seines Scripts (gut, das haben auch die Konsorten Ittenbach, Rose & Co., aber wir sind hier ja doch in einer anderen Liga, hoffe ich zumindest).

Sparling mixt den psychologischen Horror, der sich naturgemäß bei dieser Prämisse einstellt, mit zeitgeschichtlich aktuellen Polit-Elementen – wen wundert’s, wer seine Plotte im Irak ansiedelt, kommt schlechterdings nicht umhin, dies auch zumindest andeutungsweise zu thematisieren. Das Script kommt dabei ohne plakatives Bush-ist-doof-Gedöns aus und hat auch überhaupt nicht das „Große und Ganze“ des Konflikts im Blickfeld, lässt also auch die Finger vom Islamismus als Thema, sondern interessiert sich eher für im wahrsten Sinne des Worte „Nebenkriegsschauplätze“. Conroy ist kein Soldat, sondern Zivilist, für den der Ausflug in die Wüste weder Lebenstraum noch Vaterlandspflicht ist, sondern schlicht und ergreifend ein (vermutlich nicht ganz schlecht bezahlter) Job, sein Entführer ist gleichfalls nicht „Kriegspartei“, sondern jemand, der mit unlauteren Mitteln versucht, ein besseres Leben für sich herauszuschlagen (und nebenbei darauf hinweist, als Conroy mit der „ich-hab-Familie“-Karte durchzudringen versucht, selbst fünf Kinder im Krieg verloren zu haben, demzufolge sich seine Empathie in überschaubarem Rahmen hält). Letztlich geht es hier aber nicht um ein klassisches Gut-gegen-Böse-Stück, sondern um schlichten Überlebenskampf in einer Situation, in der dem Opfer wahrlich nicht viele Optionen offen stehen und ein Großteil des Kampfes und der spärlichen Ressourcen dafür verwendet werden müssen, überhaupt erst einen „Verbündeten“ zu finden, der die wilde Geschichte vom „im Sarg in der Wüste liegen“ glaubt und gewillt ist, Conroy tatsächlich zu helfen. Und tatsächlich entfaltet dieser Kampf und seine begleitenden Phasen Verzweiflung, Kampfgeist, Resignation und Hoffnungsschimmer, eine enorme Sogwirkung – es fällt schwer, von Conroys höchst fatalem Dilemma, das wir quasi in Echtzeit begleiten, nicht mitgerissen zu werden, auch wenn manch einer sagt, „Buried“ sollte eigentlich „How to do EVERYTHING wrong – The Movie“ heißen.

Denn das verkennt einen entscheidenden Punkt – Paul Conroy ist kein „Filmheld“ und „alles richtig“ bzw.“ vernünftig“ zu machen, ist von einer Figur, die in der Realität verhaftet sein soll, nicht zu verlangen. Die Wenigsten von uns dürften sich auf die Problematik „was tun, wenn mich ein Irrer in der Wüste im Sand vergräbt“ mental vorbereitet und sich eine Checkliste zurechtgelegt haben. Ja, als Außenstehender rollt man manchmal mit den Augen, wenn Conroy mit seinem Zippo wertvollen Sauerstoff oder den Akku des ihm überlassenen Handys für vermeintlich sinnlose Gespräche verschwendet. Doch zeige mir einer denjenigen, der behauptet, sich in dieser Lage streng rational zu verhalten und ich zeige Euch einen selbstgefälligen Lügner. Im Endeffekt störte mich nur eine Szene wirklich und riß mich aus der Story heraus – die in den Sarg eindringende Schlange, die erstens ersichtlich nur Mittel zum Zweck ist, um in den an der Stelle – weil’s da grad für Conroy nichts zu tun gibt außer zu warten – auf Teufel komm raus eine Spannungsszene einzubauen, und zum zweiten, weil Conroys Gegenmaßnahme hier mal wirklich extrem dämlich und auch kaum mehr mit meinem oben gemachten Argument verteidigen lässt (SPOILER: im Sarg ein Feuer zu entzünden, um die Schlange wahlweise abzufackeln oder zu vertreiben, halte ich bei aller Freundschaft, Verständnis für Panik und möglicherweise unzureichende Sauerstoffversorgung des Brägens, für eine ausgesprochen suboptimale Idee. SPOILERENDE). Das ist nicht genug, um mir den Film per se zu verleiden, aber ein ziemliches Manko in einer Geschichte, die ansonsten trotz ihrer Prämisse ausgesprochen glaubhaft bleibt. Vielleicht wird da und dort etwas dick aufgetragen (SPOILER: Conroy ein Verhältnis mit einer Arbeitskollegin anzuhängen, nur damit sein Vorgesetzter ihn kaltherzig via Telefon *im Sarg* feuern kann, ist zwar etwas, was ich prinzipiell auch bereit bin zu glauben, aber auch einfach ein bissl „too much“ Ungemach für den armen Protagonisten. SPOILERENDE).

Summa summarum zur Story – sie ist spannend, sie wirkt glaubhaft und nachvollziehbar und sie schafft es tatsächlich, den Zuschauer zu emotionalem Investment zu bewegen, so er nicht die Gefühlsbandbreite einer toten Seegurke sein Eigen nennt.

Nun ist ein gutes Script zwar bei einem Konzept wie diesem mindestens die halbe Miete, das entbindet einen Regisseur aber nicht von der Verpflichtung, ein solches auch visuell ansprechend umzusetzen, sonst könnten wir uns ja gleich ein Hörspiel zu Gemüte führen oder das Drehbuch lesen. Rodrigo Cortés, der mit „Buried“ seinen zweiten Langfilm nach der schwarzen Komödie „Concursante“ (in der es darum geht, wie das Leben eines vermeintlich glücklichen Game-Show-Gewinners nach dem Millionenpreis in aller Form vor die Hunde geht) vorlegt, bewältigt die Aufgabe mit Bravour (und kongenialer Unterstützung seines Kameramanns Eduard Grau [„A Single Man“]. Es besteht ja immer die Gefahr, wenn man sich an eine Location kettet, optisch langweilig zu werden – und die im Vorfeld kolportierte „Drohung“, „Buried“ würde mit 20 Minuten schwarzer Leinwand beginnen, konnte einem schon den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Nun, „Buried“ beginnt mit schwarzer Leinwand, aber nur für etwa zwei Minuten, dann hat Conroy sein Feuerzeug gefunden und leuchtet sein Gefängnis aus – es gibt immer wieder Phasen kompletter Dunkelheit, wenn eine Lichtquelle leuchtet, fallen Cortés und Grau immer wieder neue Winkel, neue Einstellungsmöglichkeiten, neue Perspektiven ein, um eine hastig zusammennagelte Holzkiste visuell interessant zu halten. Die musikalische Untermalung des routinierten TV-Komponisten Victor Reyes wandelt auf dem Grat zwischen Spannungserzeugung und einfühlsamer Emotionalität und bewältigt diesen Seiltanz mit Bravour.

Bleibt noch die schauspielerische Leistung von Ryan Reynolds. Ich muss zugeben, ich hielt Reynolds nicht wirklich für eine große darstellerische (grüne) Leuchte, aber ich komme nicht umhin, das vermeintliche Thespis-Leichtgewicht (bekannt und beliebt aus „Van Wilder“, „Amityville Horror“, „Smokin‘ Aces“, „X-Men Origins: Wolverine“ oder „Selbst ist die Braut“) zu loben. Die schwierige Aufgabe, nur gegen sein Gefängnis und Stimmen aus dem Telefon anzuspielen, löst er hervorragend und macht mit einer intensiven Performance aus einer Figur, von der wir nichts wissen (außer dem, was am Telefon gesagt wird), einen dreidimensionalen, (ich reite drauf rum, ich weiß) glaubhaften Charakter. Chapeau.

Bildqualität: Die BluRay von Ascot Elite präsentiert den Streifen in feinem 2.35:1-Widescreen. Man möchte meinen, dass die Präsentation bei einem Film dieser Manier eher zweitrangig ist, aber die BR macht es eben auch möglich, die ausgezeichnete Kameraarbeit angemessen zu würdigen.

Tonqualität: Deutscher und englischer Ton jeweils in DTS-HD 5.1. Die Originalfassung, die ich wie meist bevorzugt habe, ist exzellent abgemischt und überzeugt sowohl in den leiseren als auch den lauteren Tönen.

Extras: Audiokommentar, Trailer, Interviews mit Reynolds und Cortés sowie diverse Making-of-Featuretten. Rundes Paket.

Fazit: „Buried“ mag manchen Zuschauer abschrecken – sein Konzept ist, wie gesagt, so minimalistisch wie nur irgend möglich, seine Hauptfigur ist kein großer Held, sondern ein normaler Mensch, der auf die auf ihn hereinprasselnde Situation so reagiert, wie es wohl alle tun würden – mit Panik, mit Fehlern, mit Verzweiflung. Abgesehen von der erwähnten einen Episode schafft der Film ein überzeugendes, mitreißendes und nervenstrapazierend-spannendes Szenario – eins muss allerdings festgestellt werden – „rewatchable“ ist „Buried“ nicht, es ist ein one-trick-pony, jedoch eines, das seinen einen Trick meisterhaft beherrscht.


mm
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