Broken Rage – Gebrochene Wut

 
  • Deutscher Titel: Broken Rage - Gebrochene Wut
  • Original-Titel: Broken Rage
  •  
  • Regie: Takeshi Kitano
  • Land: Japan
  • Jahr: 2024
  • Darsteller:

    Takeshi Kitano (Nezumi/Takahashi), Tadanobu Asano (Detective Inoue), Nao Ōmori (Detective Fukuda), Hakuryu (Tomita), Nakamura Shidō II (Kaneshiro), Takashi Nishina (Yoshida), Shohei Uno (Tamura), Shoken Kunimoto (Drug Dealer), Masato Yano (Takaaki Oguro), Shiro Maeda (Man in Bag / Police Captain), Jun Akiyama (Undercover Investigator at the Bar), Gekidan Hitori (Game Presenter), Masanori Hasegawa (Yasuo Mogi), Azusa Babazono (Bar Hostess), Mogura Suzuki (Optometrist)


Vorwort

Abt. Alter schützt vor Torheit (oder nicht?) – Amazon Streaming Bit

Takeshi Kitano dürfte auf diesen Seiten nun kein Unbekannter mehr sein. Das Multitalent – Komiker, Showmaster, Schauspieler, Filmemacher, Autor und Maler – hat sich in den letzten 30 Jahren auch international, spätestens seit seinem preisgekrönten HANA-BI – FEUERBLUME, einen mehr als respektablem Ruf erarbeitet. Zu recht. Und wie der Doc schon einmal im Falle von BROTHER seine liebe Mühe hatte, dem Film in seinem Review gerecht zu werden, habe ich diese nun mit seinem neuesten Werk BROKEN RAGE. Allerdings liegt es hier nicht daran, dass mir nur eine übelst geschnittene Version (beim erwähnten BROTHER fehlten unglaubliche 25 Minuten) vorlag, sondern eben darin begründet, dass es wirklich schwer ist, über den Film und seine Vorzüge zu sprechen, ohne jemanden, der ihn noch nicht gesehen hat, dieses Vergnügen, das ich dabei hatte, vielleicht zu vermiesen. Es wird also ein eher kurzes Review, und selbst dabei noch eine gewisse Gradwanderung, um zumindest nicht noch mehr zu spoilern, als es andere Ankündigungen und Besprechungen zum Film bereits getan haben. Ich werde hier mein Bestes geben, und ich schicke einfach mal voraus, dass jeder, der Kitano mag und den Film auch unbedingt sehen möchte, weil er sich unbändig darauf freut, eventuell von folgender Lektüre doch absehen sollte.


Inhalt

Nezumi (Takeshi Kitano) ist ein alternder Auftragskiller, der seine Ziele, wie auch die anschließende Bezahlung, per Briefumschlag in seinem Stamm-Restaurant entgegennimmt. Dieses Mal soll er einen Yakuza-Boss aus dem Weg räumen. Als Hausmeister getarnt, lauert er ihm im abgesperrten Bereich eines öffentlichen Badehauses auf. Doch es kommt zu Komplikationen, als ein weiterer Yakuza Zeuge des Mordes wird, weswegen sich Nezumi nun auch seiner annimmt. Dieser Zwischenfall schlägt hohe Wellen, wodurch der Killer ins Visier der Polizei und seiner Auftraggeber gerät…
Takahashi (auch Kitano) ist ein leicht seniler Rentner, dem beim Besuch in einem Restaurant ein Briefumschlag zugesteckt wird…

Besprechung:

Wie schon eingangs erwähnt, ist es nicht leicht, über BROKEN RAGE zu sprechen, ohne zu viel zu verraten. Ich werde die Besprechung dahingehend sehr allgemein halten und es zumeist bei Andeutungen belassen. Ich kann schon einmal vorausschicken, dass wir es mit einer Parodie zu tun haben. Ungewöhnlich dabei ist ihr Aufbau, da Kitano hier die durch den Kakao zu ziehende Vorlage quasi gleich mitliefert. Der japanische Ausnahmekünstler hat es ja schon lange nicht mehr nötig, irgendjemanden irgendetwas zu beweisen. Das gibt ihm dann auch die Möglichkeit, ein wenig mit dem Medium Film und den etablierten Erzählstrukturen herumzuspielen, letztere auch einfach mal aufzubrechen, was eben in diesem Fall geschieht. Er nimmt sich selbst und vor allem sein, durch Filme wie OUTRAGE und dessen Sequels gefestigte Image in BROKEN RAGE kongenial auf die Schippe. Er praktiziert hier einfach eine Gegenüberstellung der filmischen Realität mit einer überhöhten Darstellung unter „realistischen“ Bedingungen, bezogen auf ihn und sein Alter, und auch darauf, wie alte Menschen in der japanischen Gesellschaft wahrgenommen und behandelt werden. Der Komödiant Kitano hält nicht nur dem Yakuza Kitano den Spiegel vor, sondern eben auch seinen Mitmenschen.

Das mag auf den ersten Blick ein wenig klamaukig erscheinen, funktioniert aber auch auf allen anvisierten Ebenen wunderbar. Takeshi Kitano weiß eben, wie er sich und seine Geschichten in Szene setzen muss, kennt jeden Kniff. In Broken Rage nimmt er sich vornehm zurück, verzichtet auf jegliche inszenatorische Mätzchen und über weite Strecken auch auf Musik. Dadurch lässt er den Geschehnissen und Dialogen, und eben auch deren Pointen, Raum. Ein guter Entschluss war es auch, nicht unbedingt auf normale Spielfilmlänge zu gehen. Mit knapp einer Stunde läuft BROKEN RAGE genau so lange, wie er muss, um seinen Witz nicht zu überstrapazieren, aber trotzdem alles zu erzählen, was er zu erzählen hat. Zudem kann er auf das Talent erstklassiger Darsteller wie Tadanobu Asano (ICHI – THE KILLER, MORTAL KOMBAT), Nao Ōmori (DEMONLOVER, VIBRATOR) oder Teiichi Takayam (VIOLENT COP, THE GOOD – THE BAD – THE WEIRD) zurückgreifen.

Kitano, oder Beat Takeshi, wie er in seinem Heimatland eher genannt wird, ist einen weiten Weg gegangen. Angefangen hat er als Stand-up Comedian, arbeitete dann aufgrund seiner Popularität dann als Showmaster (Takeshi’s Castle), trat ab den 80ern als Gelegenheitsschauspieler auf (u.a. MERRY CHRISTMAS, MR. LAWRENCE mit David Bowie) und ging dann selbst unter die Filmemacher. Waren erste Werke wie VIOLENT COP (1989) oder BOILING POINT (1990) noch recht ungeschliffen, entwickelte er seine Handschrift stetig weiter. Der internationale Durchbruch gelang ihm dann mit HANA-BI (1998), das Cop-Drama wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen als bester Film ausgezeichnet.

Im Westen ist er sicherlich am ehesten für seine Yakuza-Filme bekannt, die zwar einer romantisierenden Note nicht entbehrten, aber immer auch kritische Einschübe enthielten, bis er den Status der Yakuza, seine Vorstellung von Ehre und seine Verwurzelung in der japanischen Gesellschaft in der OUTRAGE-Reihe endgültig sezierte, entmystifizierte und schließlich ad absurdum führte. Weniger bekannt sind seine komödiantischen Stoffe (u.a. GETTING ANY?, TAKESHIS‘ oder RYUZO AND THE SEVEN HENCHMEN), die erstmalig als Bonusfilme der Veröffentlichungen in der Kitano-Reihe von Capelight Pictures beilagen und damit auch von hiesigen Fans entdeckt werden konnten. Das Road Movie KIKUJIROS SOMMER (1999) über die Freundschaft zwischen Masao, der bei seiner Großmutter lebt, und dem Taugenichts Kikujiro, die sich gemeinsam auf den Weg zur Mutter des Jungen machen, und der Episodenfilm DOLLS (2002), der von der Liebe handelt und wie sie scheinbar Menschen zu ihrem Spielzeug macht. Nebenher betätigt sich Kitano auch als Autor und Maler.

Fassung:

Zu sehen gibt es BROKEN RAGE – GEBROCHENE WUT auf Amazon Prime Video (für Prime-Abonnenten natürlich in der Flatrate enthalten) als HD-Stream im O-Ton mit optionalen deutschen Untertiteln. Über eine etwaige physische Veröffentlichung ist mir leider nichts bekannt (aber wir hoffen mal, dass da noch was kommt, gelle).

Fazit:

Nach 35 Jahren und 20 Filmen vermag es der inzwischen 78-jährige Kitano immer noch, sein Publikum zu überraschen und selbst mit einem solch kurzen Vergnügen wie BROKEN RAGE einen Yakuza-Thriller und seine Screen-Persona nicht nur zu parodieren, sondern genauso soziale Missstände in den Fokus zu rücken. Das bricht nicht nur mal eben mit etablierten Erzählstrukturen, sondern auch Sehgewohnheiten, sodass anzuraten ist, sich voll und ganz auf dieses Filmexperiment einzulassen. Das wird nicht jedem möglich sein, und deswegen wird der Film sicherlich auch nicht jedem gefallen. Das ist okay. Fans werden dieses Spätwerk aber ganz sicher zu schätzen wissen.


BOMBEN-Skala: 1

BIER-Skala: 8


mm
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