Brainstorming

 
  • Deutscher Titel: Brainstorming
  • Original-Titel: Brainstorming
  •  
  • Regie: Thomas Böhm
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 2010
  • Darsteller:

    Lutz Reupke (Jean-Claude van Dudikoff), Vera Reupke (Meike Meiers), Mira Teuber (Elli Roth), Tobias Grethe (Lazarus Stiggler), Phil Marx (Peter Selters), Jörn Hen.-X (Darwin Maria Fassbinder), Frank Lehmann (Frederik Rüger), Svenja Strohmeier (Maus), Saskia Lietzau (Schlüsselkind), Sebastian Rostalski (Michael Friedrich Wilhelm Krüger), Heiko Engel (Andrei Arsenjewitsch Tarkowskishvili)


Vorwort

Der ambitionierte Amateurfilmer hat’s bekanntlich schwer – so mit ohne Budget, ein paar hergelaufenen Pappnasen als Darstellern und Storyideen, die man im Suff mal knorke gefunden hat, geht man hoffnungsfroh ans Rumfilmen, bis die üblichen Gesetzmäßigkeiten der unabhängigen Filmemacherei über einen hereinbrechen: irgendwann haben die ersten Darsteller keine Lust mehr, dann bekommt man nix mehr gebacken, mehr Darsteller steigen aus, die Crew gibt auf und irgendwann steht der eben noch so von seiner Kunst überzeugte Regisseur allein da und kuckt doof in den Aldi-Camcorder.
Eine solche Erfahrung steht auch Jean-Claude van Dudikoff bevor, der mit seinen Kumpeln Lazarus Stiggler (Drehbuch), Elli Roth (Make-up) und Meike Meiers (Continuity) einen Zombiereißer drehen will. Nachdem Jean-Claudes erste Idee um Nazizombies in völliger Verkennung der allgemeinen Sach- und Rechtslage für Tinnef gehalten wird, entscheidet man sich für „Brackwasserzombies“, die einem Rudel von Geocachern auf den Zahn (bzw. eher auf die Eingeweide) fühlen soll. Die passende Location, ein verlassener Bahnhof, ist schnell ausgekuckt. Schon ernüchternder ist das veranstaltete Casting für die Zombie-Akteure, das vom verhinderten Weltstar über den alle-Zombiefilme-auswendig-Kenner bis hin zur Möchtegern-Scream-Queen die komplette Bandbreite an Talentbefreitheit zum Vorschein bringt. Aber man muss nehmen, was man kriegt…

Der erste Drehtag ist dann angemessen chaotisch – Elli ist stinkig, weil Jean-Claude ihr für die Zombie-Masken nur ein Kinder-Schminkset besorgt hat, einer der Zombie-Akteure will unbedingt seine Frankenstein-Faschingsmaske aufsetzen und wer hat eigentlich der ganz besonders untalentierten Trulla, die schon beim Casting aussortiert wurde, verraten, wo gedreht wird? Das ist aber noch nicht Jean-Claudes größtes Problem – mehr schon die Frage, wieso Frankenstein-Nebendarsteller dem Herren Drehbuchautor einen Finger abbeißt. Das tapfere Filmteam wird gehörig dezimiert – und findet heraus, dass es nicht die erste hoffnungsfrohe Amateurcrew ist, die an Ort und Stelle dem Verderben anheim fiel…


Inhalt

Ich weiß, Eure erste Reaktion wird sein – nicht NOCH ein Independent-Film, in dem ein Independent-Filmteam einen Horrorfilm dreht und dabei garstig Ungemach der blutigen Art erleidet… es *ist* ein abgegriffenes Plotgimmick und da’s zumeist von ganz besonders talentlosen Talentloslingen verwendet wird, um die eigene Anti-Kreativität gar künstlerisch „ironisch“ zu brechen („das is voll Meta, was wir hier machen, Alder!“), eins, bei dem man wirklich mittlerweile Pickel und Fußfäule bekommen kann. Schön, dass „Brainstorming“ da sich doch einer völlig anderen Herangehensweise befleißigt – wie schon der Untertitel „Ein Film über das Amateurfilmemachen“ beweist, nutzen Thomas Böhm und seine Spießgesellen den Dreh nicht als bloßen Backdrop für einen 08/15-Indieschmodderstreifen (alldieweil der Streifen stark von Erlebnissen bei der Realisierung von „Graveyard of the Living Dead“ – den mir auch zugesandt wurde, aber Chaot, der ich bin, hab ich die DVD irgendwo in einem meiner zahlreichen to-do-Stapel vergraben und find sie nicht wieder – beeinflusst wurde), sondern thematisiert eben die Entstehung (bzw. den Kampf um eine solche) eines typischen 08/15-Indieschmodderstreifens an sich; dass die ganze Angelegenheit in den letzten 20 Minuten einen nicht ungeschickt gemachten Schlenker zum „richtigen“ Schmodderfilm schlägt, ist erstens vermutlich der besseren Vermarktbarkeit geschuldet (mit selbstironischen und -kritischen Reflektionen hat’s die Indie-Fanszene ja eher nicht so) und tut zweitens dem Vergnügen kaum Abbruch.

Natürlich ist „Brainstorming“ (dessen Macher übrigens frank und frei zugeben, dass ihr Film kein Drehbuch im Wortsinne hatte) satirisch überhöht, aber die der Übertreibung zugrundeliegenden Situationen dürften dem geneigten Indie-Filmemacher von Welt wohl ausgesprochen bekannt vorkommen – die Ideenfindung, bei der man mit Geistesblitzen jongliert, die man, wenn sie von einer anderen Person (und sei’s Uwe Boll, der übrigens in Gestalt des „zweiten“ Filmteamchefs, Uwe Bollhaus, sein Fett abkriegt) hören würde, nur mit einem mitleidigen Kopfschütteln quittieren würde; potentielle Komparsen, die bei der ersten Casting-Besprechung gleich mal einen kompletten character arc zum Besten geben (und nach der höflichen Absage dann ungefragt am Set auftauchen), ganz zu Schweigen von den kompletten Freaks (hier symbolisiert durch einen Typen, der in Freddy-vs-Jason-in-Personalunion-Outfit auftaucht und einen noch bizarreren Vogel, der gerne einen Zombie-Osterhasen spielen würde), und dann natürlich der vorhersehbar im Chaos verlaufende Dreh mit Ego-Streitereien, Selbstüberschätzungsgehabe und schlichter Realitätsverweigerung (wenn der Herr Regisseur nach einem Blick in die „Fangoria“ Zombie-make-up wie in „Zombieland“ haben will, aber eben nur das Familienschminkset für den Kindergeburtstag zur Verfügung stellt). Das ist alles natürlich *leicht* satirisch überhöht und wird von einem hämisch-sarkastischen voice-over-Kommentar fachkundig begleitet, doch, die gewisse dramaturgische Übertreibung abgerechnet, durchaus glaubhaft (nur dass halt der Großteil der Szene nicht von dieser sympathischen Fähigkeit zur launigen Selbstkritik in der Lage ist wie die hiesigen Macher) – wobei die größtenteils ungekünstelt, natürlich wirkenden Dialoge durchaus hervorzuheben sind.

Garniert wird der Spaß durch lustige Ideen wie das „Lehrvideo“ zum Thema Geocaching, das eingespielt wird, als eine der Figuren mit dem Begriff, den ihre Mitstreiter als setup für’s Prozedere für gangbar erachten, nichts anzufangen weiß, und das beinahe ein „Staplerfahrer Klaus“-Feeling aufkommen lässt (minus des Gesplatters) und auch technisch bemerkenswerten Scherzen wie der flott geschnittenen und teilweise mit Splitscreens veredelten Casting-Sequenz.

Nach einer guten Stunde hat dann aber der Spaß ein Ende und wir wechseln – wie gesagt, durchaus ansprechend umgesetzt, in den Horror-Part, wenn unsere Filmemacher dann doch auf leibhaftige Zombies (SPOILER: wenn auch eben Ex-Filmemacher-Zombies…) treffen und dezimiert werden – da gibt’s dann auch ein bisschen Gore und Gedärm, was wiederum durch die Videobotschaften von „Uwe Bollhaus“, der als Expositions-Ausplauderer dient, aufgelockert wird. Nicht gar so glücklich bin ich mit dem etwas abgegriffenen, aber durchaus vorbereiteten Schlusstwist, der mich etwas zu sehr an Ripper 2: Letters from Within erinnert, aber da ich mal annehme, dass *den* weniger Leute gesehen haben als man denkt, verzeiche ich auch wieder.

Filmisch ist die ganze Angelegenheit für Indie-Verhältnisse durchaus ansprechend ausgefallen – die „Mischform“ aus Spielfilm und quasi simuliertem unkommentiertem „making-of“ mag Puristen ein wenig verstören, erweist sich aber als der durchaus treffende Weg, die Geschichte umzusetzen; bei einem reinen mockumentary-Ansatz wäre die Sache vielleicht etwas dröge geworden, der Einbau von „reinrassigen“ Spielfilmelementen bricht das Format angenehm auf und erlaubt verschiedentliche launige Spielereien wie die angesprochenen Splitscreens, den voice-over oder das Geocaching-Video. Dem geneigten Konsumenten muss klar sein, dass in den ersten 60 Minuten nicht furchtbar viel im kinematischen Sinne „passiert“; bis der Horrorpart beginnt, bleibt’s eben bei den ironischen Betrachtungen zur Filmerei an sich – mir persönlich hätt’s durchaus auch getaugt, wenn der Streifen die Schiene konsequent weitergefahren wäre und den Zombie-Horror Zombie-Horror hätte sein lassen, aber, ich deutete es schon an, dann wäre der Hobel vermutlich unvermarktbar, und das wäre ja auch wieder irgendwie doof.

Kameraführung und Schnitt bewegen sich auf solidem Independent-Niveau, der Score von Sebastian Rostalski weiß auch zu gefallen. Die Splatter- und Goreeinlagen im Finale sind technisch einfach gehalten (und profitieren davon, dass die entsprechenden Szenen dunkel gehalten sind) und dürften, so die FSK jemals ein Auge drauf wirft, einer 16er-Freigabe nicht im Wege stehen.

Die schauspielerischen Leistungen sind auch nicht übel – besonders Lutz Reupke als geplagter Regisseur weiß zu gefallen, richtig nach unten fällt niemand aus dem Rahmen.

Bild und Ton: Die Promo-Scheibe, die mir vorliegt, zeigt den Film in nicht spektakulärer, aber absolut brauchbarer Bild- und Tonqualität, wobei ich gerne darauf hinweise, dass die alte Amateur-/Indie-Krankheit des unverständlichen Dialog-Tons hier absolut kein Thema ist. Als Extras gibt’s Outtakes und den Trailer.

Fazit: „Brainstorming“ ist ’ne ausgesprochen spaßige Angelegenheit – die Idee, das Amateur-Filmemachen mit all seinen in der Natur der Sache liegenden Problemen und Katastrophen satirisch auf die Schippe zu nehmen, zeugt von, ich sagte es schon, sympathischer Selbstironie, wie sie der Szene öfter gut zu Gesicht stünde. Technisch solide gewerkelt und annehmbar gespielt, mit einigen wirklich witzigen Einfällen, sollte „Brainstorming“ dem Amateur-/Independent-Fan, für den sich das Interesse nicht bei Ketchup-Blut (in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, wie der Film verrät) und Gore erschöpft, einen vergnüglichen Abend bereiten. Ich hätte, wie auch schon erwähnt, ohne den finalen Schlenker in „richtigen“ Horror leben können, aber auch so verbleibe ich mit einer freundlichen Empfehlung und drei dicke verdienten Silberscheiben am oberen Ende der Skala.

3/5
(c) 2011 Dr. Acula


mm
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