Blutspur


  • Deutscher Titel: Blutspur
  • Original-Titel: Bloodline
  • Alternative Titel: Sidney Sheldon's Bloodline
  • Regie: Terence Young
  • Land: USA/Deutschland
  • Jahr: 1979
  • Darsteller:

    Audrey Hepburn (Elizabeth Roffe), Ben Gazarra (Rhys Williams), Gert Fröbe (Inspektor Max Hornung), James Mason (Sir Alec Nichols), Maurice Ronet (Charles Martin), Romy Schneider (Hélène Roffe-Martin), Omar Sharif (Ivo Palazzi), Irene Papas (Simonetta Palazzi), Claudia Mori (Donatella), Beatrice Straight (Kate Erling), Michelle Phillips (Vivian Nichols), Maurice Colbourne (Jon Swinton), Wolfgang Preiss (Julius Prager), Vadim Glowna (Dr. Emile Joeppli) u.a.


Vorwort:

And now for something completely different …

Manch einer wird sich vermutlich verwundert die Augen reiben und mit Blick auf die obigen Stabangaben fragen, ob die von Badmovies.de denn endgültig den Verstand verloren haben, dass ein solcher Film auf dieser Seite auftaucht. Und ja, ich gebe zu, so kann und darf derjenige auch denken – und nebenbei bemerkt bin ich auch der Meinung, dass dieser Fall in vermutlich gar nicht mehr so langer Zukunft bei mir eintreten wird, sollte ich weiterhin im Akkord im Bodensatz der Filmgeschichte wildern –, denn was sich da in der Darstellerliste von „Blutspur“ (Original: „Bloodline“) tummelt, ist ein geradezu unglaubliches internationales Staraufgebot. Einige Filmproduktionen wären begeistert gewesen, wenn sie nur einen von denen für ihr Projekt hätten gewinnen können.

An vorderster Stelle wäre da selbstverständlich Audrey Hepburn zu nennen, die mit ihren Rehaugen und ihrem bezaubernden Strahlen ganze Eisberge zum Schmelzen bringen konnte (oder auch Käsesandwichs von Frank Drebin). Als ihr großer Fan stelle ich fest: So viel Glanz gab es davor und danach bis heute vermutlich nie mehr auf der Leinwand. 1953 heimste sie im zarten Alter von 24 Jahren ihren ersten und einzigen Oscar für „Ein Herz und eine Krone“ ein, sollte aber bis einschließlich „Warte, bis es dunkel ist“ (1967) noch vier weitere Male nominiert werden. Danach zog sie sich fast eine Dekade vom Filmgeschäft zurück, um sich ganz ihrem Familienleben zu widmen, und war danach erstmals wieder in „Robin und Marian“ (1976) an der Seite von Sean Connery vor der Kamera zu sehen. Danach sollte sie bis zu ihrem zu frühen Tod im Jahr 1993 auch nur noch vier weitere Rollen annehmen – eine davon war die in diesem Film.

Lässt ihr Name auch am meisten aufhorchen, kann sich der Rest vom Fest aber auch mehr als sehen lassen. Da wäre der dreifach Golden-Globe-nominierte Ben Gazzara („Anatomie eines Mordes“). Da wäre Romy Schneider, die sich längst von ihrem Durchbruch als zarte Kaiserin „Sissi“ freigeschwommen und sich in den 70ern zur erfolgreichsten Schauspielerin des französischen Films entwickelt hatte. Da wäre der bis dato zweimal für den Oscar nominierte James Mason („Der unsichtbare Dritte“). Da wäre Gert „Goldfinger“ Fröbe, der bis heute für viele immer noch den besten Bond-Bösewicht verkörperte. Da wäre Omar Sharif, bekannt aus „Lawrence von Arabien“ (Golden Globe als Bester Nebendarsteller und Bester Nachwuchsdarsteller) und „Doktor Schiwago“ (Golden Globe als Bester Hauptdarsteller).

Und das sind nur die Hauptrollen. Auch die Nebenrollen sind bis in die kleinste Nebenrolle erlesen: die Italienerin Claudia Mori (auch als Sängerin und Frau von Adriano Celentano bekannt), die Griechin Irene Papas, der Deutsche Wolfgang Preiss, der Franzose Maurice Ronet, Michelle Phillips (bekannt als Gründungsmitglied bei „The Mamas and the Papas“) und nicht zuletzt Beatrice Straight, die für „Network“ den Oscar als beste Nebendarstellerin erhielt (und Horror-Fans vermutlich vor allem als Parapsychologin Dr. Lesh in „Poltergeist“ ein Begriff ist). Selbst in Minirollen findet man Namen wie Vadim Glowna und Hans von Borsody.

Hinter der Kamera konnten die Produzenten David V. Picker und Sidney Beckerman ebenfalls eine schlagkräftige Truppe versammeln. Auf dem Regiestuhl nahm Terence Young Platz, der die Bond-Filme 1, 2 und 4 inszenierte („Dr. No“, „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Feuerball“) und auch schon mit Hepburn zusammenarbeitete – in „Warte, bis es dunkel ist“. Für die Musik zeichnet kein Geringerer als der Maestro persönlich, Ennio Morricone, verantwortlich. Die Kamera hielt hauptverantwortlich Freddie Young in der Hand, der zeitlebens fünfmal für den Oscar nominiert wurde und ihn immerhin dreimal gewann („Lawrence von Arabien“, „Doktor Schiwago“ und „Ryans Tochter“).

So viele kompetente Köpfe auf einen Haufen bürgen doch für Qualität – sollte man meinen, doch man könnte nicht falscher meinen. Es ist ja nun auch nicht so, dass diese These nicht bereits andere Filme vor 1979 bewiesen hätten. Gerade in den 70ern kollidierte das alte Hollywood-Studiosystem mit den jungen Filmemachern in Folge der 68er-Bewegung, die ganz andere Visionen mitbrachte als die, die schon ewig dabei waren. Jahrzehntelange Erzählkonventionen wurden aufgehoben, frischer Wind hineingeblasen. Vom Teufel besessene Mädchen, die mit Kruzifixen masturbieren und auf den Teppich pinkeln, und unzählige Pornofilme nach dem Hype um „Deep Throat“ (1972) machten es denjenigen, die das gute alte Kino wiederhaben wollten, immer schwerer. In der zweiten Hälfte der 70er kam zur Nacktheit in den USA auch verstärkt blutige und sexualisierte Gewalt in den Mainstream. Brian de Palma brachte mit „Dressed to Kill“ auch einen astreinen Giallo in die Vereinigten Staaten.

Diesem Trend konnten sich auch Filmstudios, die noch dem guten alten Hollywood von vor 1968 nachhingen, nicht länger verschließen – und so kam es im Verlauf dieses Jahrzehnts immer häufiger dazu, dass sie auch Altstars, die in den 40ern und 50ern für Furore gesorgt hatten, in seinerzeit nicht selten als blutrünstig und/oder geschmacklos abgelehnten Filmen einsetzten. Die Altstars – froh, überhaupt noch Rollen angeboten zu bekommen und etwas Geld verdienen zu können – nahmen oft an, und sei es auch nur in Nebenrollen. Somit sind die 70er für filmhistorisch Interessierte eine sehr spannende Phase – und in die passt auch „Blutspur“ ganz wunderbar hinein. Weltstars wie Audrey Hepburn, James Mason oder auch Ben Gazzara und Omar Sharif, die zwar noch nicht so alt waren, aber für ein Prä-1968-Hollywood stehen, strampeln hier quasi gegen die Einflüsse des modernen Kinos an. Und offenbar dachte man, so viel Glamour in der Besetzungsreihe würde automatisch den Erfolg garantieren. Tatsache ist: Die Produktion kostete satte 12 Millionen Dollar, die Einnahmen betrugen rund 5,4 Millionen Dollar in den USA.

Gründe für den Misserfolg liefert dieser Film im Minutentakt – einer Verfilmung übrigens des Drehbuchautors und „Bezaubernde Jeannie“-Mitentwicklers Sidney Sheldon, der sich mit 52 Jahren vorrangig auf das Schreiben von Frauenromanen verlegte. Bis ins hohe Alter war der „Prince of Potboilers“, wie ihn die Los Angeles Times in einem Artikel nannte, in der Form tätig. Ich glaube, damit hätten wir bereits den ersten Grund für den Misserfolg. Seine Bücher mögen Stoff für TV-Mini-Serien gewesen sein, aber kein Kinoformat besessen haben, auch wenn noch ganz andere Produzenten als die von „Blutspur“ das anders gesehen haben – siehe „Jenseits von Mitternacht“ (1977), siehe „Zorn der Engel“ (1983), siehe „Das nackte Gesicht“ (1984) und und und. Es werden sich aber noch ein paar mehr Gründe finden lassen.

Aber schauen wir uns dieses schräge Relikt einmal im Detail an …

Inhalt:

Starten wir doch gleich mal rein in das absolute Highlight dieses Films – und das ist der durchaus hübsch aufbereitete Vorspann. Die Eröffnungstitel beginnen auf dem Foto eines Frauenhalses, um den ein rotes Band gewickelt ist. Ganz langsam fährt die Kamera zurück und zeigt nun auch den Kopf der Frau, nach hinten gelehnt mit offenem Mund: Es ist das Bild einer offenbar strangulierten Frau. Dazu ertönt einschmeichelnde Musik von Maestro Morricone in Form des Love Themes, das wir in der Folge noch häufiger hören werden. Plötzlich stoppt die schöne Melodie und kippt um in ein ansehnliches Suspense-Theme. Wie immer im Leben finden aber auch die schönsten Momente stets ein Ende – das „directed by TERENCE YOUNG“ droht unheilvoll die eigentliche Filmhandlung an, und da ist sie auch schon. Bedauerlich.

Noch unterlegt vom Suspense-Theme sehen wir Bilder von schneebedeckten Bergen. Eine unbekannte Person beobachtet mittels Münzfernrohr zwei Bergsteiger aus gewisser Distanz. Einen der beiden Bergsteiger hielt ich in seiner blau-roten Kleidung zunächst für Spiderman, aber wenn er es wäre, würde er 1. nicht so unbeholfen den Berg hochkraxeln, sondern seine Spinnenkräfte einsetzen, und 2. ganz bestimmt nicht widerstandslos in die Tiefe stürzen, wie es unser Protagonist hier macht. Oder vielmehr ein offensichtlicher Dummy, den das Filmteam runtergeworfen hat.

Zürich. Dieser mysteriöse Vorfall führt uns abrupt ins Büro von Ben Gazzara, wo uns gleich mal das künstliche Panorama hinter den Bürofenstern auffällt, wie es Alfred Hitchcock 15 Jahre zuvor in seinem Drama „Marnie“, in dem er einfach einen gemalten Hafenhintergrund vom Szenenbildner einsetzen ließ, um einen echten Hafen zu simulieren, nicht scheußlicher hinbekommen hatte. Und wohlgemerkt: Das war 1964. „Blutspur“ ist von 1979. Frühzeitig sehen wir, wofür die 12 Millionen NICHT ausgegeben wurden. Ich nehme an, nach der Verpflichtung so vieler hochkarätiger Stars (vor allem der Hepburn) war eh nur noch Geld für die Bezahlung einer oder zweier nächstbester Kunstschulklassen drin.

Die ganze Szene ist ein Kaltstart sondergleichen, bombardieren uns Gazzara, seine Sekretärin und ein Notar doch mit so vielen Informationen, dass man sich gleich fragt, ob man das nicht doch etwas subtiler im Verlauf des Films hätte unterbringen können. Wir erfahren, dass a) die Sekretärin die Presse zumindest für 24 Stunden nicht über den Tod des Bergsteigers unterrichten solle, b) dass Gazzara hier „Mr. Williams“ heißt, c) dass die Bank in New York auch nichts erfahren dürfe, solange er nicht mit ihr geredet habe, d) dass der Tod des Bergsteigers ein schwerer Schock für seine Tochter sein werde, e) dass der Tote nicht so früh mit seinem Tod gerechnet hätte, weil er sonst die Verantwortung für seinen Konzern in erfahrene Hände gelegt hätte, f) dass sich die Familie des Toten morgen in Zürich einfinden solle. Punkt a) ist von keinerlei Belang, die Punkte c) bis f) werden wir noch früh genug auch in Bildform erfahren. Einzig für Punkt b) bin ich dankbar. Ich vermute allerdings sowieso, das hier soll nur die große „Wir lernen Ben Gazzaras Charakter kennen“-Szene sein, und man wusste einfach nicht, wie man das eleganter hinkriegt.

London. Ein weiterer Mitspieler kommt ins Spiel: ein in Würde ergrauter James Mason in einem Casino, der mit Unbehagen beobachtet, wie seine wesentlich jüngere weibliche Begleitung Vivian am Roulettetisch einem jungen Mann schöne Augen macht und dabei auch noch verliert. Oben im Büro der Spielbank warten zwei finstere Männer, die freundlich, aber bestimmt 200.000 Pfund von ihm fordern. Das sei doch ein Klacks als Sprößling der reichen Roffe-Familie. Mason aka Sir Alec wiegelt aber ab: Er besitze zwar Roffe-Aktien, könne die aber weder übertragen noch verkaufen – jedenfalls so lange nicht, bis die Firma eine offene Aktiengesellschaft sei. Mit dieser Erklärung geben sich die Gläubiger nur vorerst zufrieden, und einer von beiden unterstreicht die Dringlichkeit seines Anliegen beim Rausgehen damit, dass er eine angezündete Zigarre in Alecs halb gefülltes Weinglas tunkt. Der arme Alec – wo soll er nur so viel Geld auftreiben? Da erhält er ein Telegramm: Sam Roffe ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, also bitte schnell nach Zürich.

Aber erst einmal nach Frankreich. Die nächste Figur will vorgestellt werden. Sie sitzt in einem Formel-1-Wagen und trägt einen roten Helm mit der Aufschrift Roffe-Martin. Laut Drehbuch soll sie sich gerade mitten im Renngetümmel befinden. Laut Film sieht die Sache schon anders aus: Da sitzt der Schauspieler vor einer deutlich verbesserungswürdigen Rückprojektion, die in weiteren Einstellungen abgelöst wird durch Archivmaterial eines echten Rennens, das das Filmteam der grobkörnigen Bildqualität nach zu urteilen vermutlich in der hintersten Kellerecke eines US-Nachrichtensenders gefunden hat. Es ist schon fast eine Frechheit, wie wenig der Film den Anschein erwecken möchte, Archivmaterial und Schauspieler im Cockpit würden aus derselben Quelle stammen. Der Rothelm fährt mit seinem Wagen über die Ziellinie und hat damit wohl gewonnen. Die Bilder selbst geben das nicht her, wir können das nur anhand der strahlenden Reaktion des Fahrers erahnen … äh … der Fahrerin?! Ja genau. Zu meiner eigenen Überraschung entpuppt sich die Person unter dem Helm als Romy Schneider. Ein Mixed-Formel-1-Rennen, was für ein progressiver Film!

In der Boxengasse laufen eine Menge grobkörnige Stock-Footage-Menschen auf Romy zu, um sich ein Autogramm zu holen. Bevor aber mühsam altes und neues Material zusammengefügt werden müssen, wird sie von einem Mann angestupst. „Hélène!“, sagt der. „Hey, George!“, sagt die. Eine wahre Freude, dass dieser Film die Vornamen so schnell bei der Hand hat. Hélène stellt sich frühzeitig weniger als Kaiserin Sissi als vielmehr als eine eiskalte Bitch heraus, die auf den Crash eines kurz vor der Ziellinie tödlich verunglückten Fahrers – Archivmaterial eines brennenden Rennwagens – nur mit einem lapidaren „Er ist jetzt ein toter Fahrer und hat Ruhe“ reagiert. Auch für Georges Hiobsbotschaft vom Tod ihres Cousins Sam Roffe hat sie keine Gefühlsregung übrig: „Na schön, mit 64 hat er endlich eingesehen, wo er hingehört.“ Nach dem Rennen bleibt in ihrem Hotelzimmer noch Zeit für etwas Matratzenakrobatik mit George, doch gerade als sie ihm sein Hemd auszieht …

… geht es nach Rom in ein anderes Bett, wo Claudia Mori mit ihren spitzen Fingernägeln gerade Omar Sharif den Rücken zerkratzt. Ein genialer Übergang. Die Frau, Donatella, ist nämlich sauer und erzählt uns auch gleich, warum: „Deine ach so wundervolle Frau und eure drei hässlichen dürren Töchter sind mindestens einmal pro Monat irgendwo auf der Titelseite … Und ich mit deinen drei bildhübschen Söhnen, ich muss mich verstecken!“ Es ist auffällig, wie unelegant das Skript schon jetzt die groben Rohdaten der einzelnen Figuren in den Film prügelt. Ein einleitender Voice-over oder Steckbrief-Texttafeln für jede Figur gleich zu Beginn des Films wären auch nicht ungeschickter gewesen. Außerdem ist Donatella unglücklich darüber, dass ihr Bettgefährte Ivo ihr ständig Geld verspricht, um sie dann immer wieder auf später zu vertrösten. Seine Liebesschwüre helfen da auch nicht weiter: Donatella droht damit, seine Frau aufzusuchen und ihr von den drei unehelichen Kindern zu berichten. Okay, Ivo hat also auch Geldsorgen. Check. Was könnte da helfen? Ein prompter Anruf, der ihm vom Tod von Sam Roffe berichtet. Check. Ivo jubelt über sein baldiges Erbe, das ihn reich machen wird.

In einem weiteren großartigen Szenenübergang küsst Ivo jeden von Donatellas Söhnen zum Abschied – um nur eine Szene weiter die Töchter seiner Ehefrau Simonetta zu küssen, die ihn daraufhin erst einmal ins Schlafzimmer des prächtigen Anwesens zerrt, wo sie ihn verführen möchte, aber seine ablehnende Haltung in Kombination mit seinem schmerzverzerrten Gesicht in Folge des zerkratzten Rückens lässt sie erst stutzig und dann hysterisch werden. Simonetta stellt klar, wer hier im Haus die Roffe sei, bevor Ivo vom Tod von Sam Roffe berichtet. Da wird sie plötzlich ganz ruhig.

Damit haben wir die Familiensippe des toten Bergsteigers ja weitgehend etabliert, wenn wir auch vom eigentlichen Star noch nicht eine Hautschuppe gesehen haben. Nun aber ist erst mal wieder Williams dran, der in New York landet und von dort in einen Hubschrauber umsteigt, um auf einem Hochhausdach zu landen. Ich kündige an dieser Stelle schon mal an: Regisseur Young liebt Flughäfen und nutzt in diesem Film jede Gelegenheit, seine Figuren von A nach B fliegen zu lassen, um auf Start- und Landebahnen filmen zu können. Das bringt weniger die Handlung voran, aber wenn ich Tarantino seinen Fußfetisch lasse, lasse ich Young auch seinen Flughafenfetisch. Williams ist hier, um Punkt c) aus seiner Eingangsszene durchzuführen: das Gespräch mit der Bank. Die beiden anwesenden Gläubiger sind unglücklich über den Tod des Konzerninhabers, weil der Verpflichtungen von 500 Millionen Dollar eingegangen sei. Hinzu kämen mehrere Fälle von Sabotage. Keine rosigen Zeiten also für die Bank – und mit dem Hammer rückt Williams jetzt erst raus: Laut Testament soll auch noch Joffes Tochter Elizabeth die neue Präsidentin der Firma werden. „Auch das noch“, stöhnen die Männer, die offensichtlich der altmodischen Meinung anhängen, dass eine Frau so eine tragende Funktion unmöglich ausführen kann. Für die Bankleute steht fest: Nur wenn der Joffe-Konzern eine offene Aktiengesellschaft werden würde, wäre er in der Lage, die Darlehen zurückzuzahlen. Ben Gazzara reagiert darauf mit einem selbstzufriedenen Lächeln. Das scheint sowieso seine einzige Drehbuchanweisung gewesen zu sein: keine Szene verstreichen zu lassen, ohne seine Lippen zu einem Lächeln zu verformen. Das tut er mit bemerkenswerter Konsequenz. Also auch jetzt. Und auch noch, als er sich bei den Herren verabschiedet, um die neue Präsidentin der Firma zu treffen.

Williams besucht Elizabeth, während sie dabei ist, an dem Knochengerippe eines Dinosauriers für eine Ausstellung zu arbeiten. Zunächst ist sie ganz in ihre Arbeit vertieft, doch kaum erblickt sie Williams, ist es da – das unvergleichlich bezaubernde Audrey-Hepburn-Strahlen, das die Schauspielerin wie keine andere Person drauf hat. Schrieb ich vorhin, James Mason sei in Würde gealtert, dann gilt das für Hepburn erst recht. Auch mit 50 Jahren versprüht diese bildschöne Frau noch genügend majestätische Ausstrahlung, und da ist es nur folgerichtig, dass auch Morricone nicht umhin kommt, gleich mal das Love Theme auf volle Pulle zu drehen. Irritierend finde ich allerdings ihren Lockenkopf, den auch Dustin Hoffman als verkleidete Frau in „Tootsie“ nicht besser getragen hat.

Der traurige Anlass für Williams‘ Besuch ist natürlich der Tod von Sam Roffe, über den sie sich erst einmal bei einem gemeinsamen Spaziergang am Wasser austauschen. Liz erzählt Rhys (so Williams‘ Vorname, den ich der Einfachheit halber mal beibehalte) einen Schwank aus ihrem Leben und berichtet von ihrem eher distanzierten Verhältnis zu ihrem Vater, den sie immer nur „Sam“ nannte und der doch eigentlich viel lieber einen Sohn gehabt hätte und ihren Ex-Mann nicht leiden konnte. Die typische Herzschmerz-Story also, bei der vermutlich auch Inga-Lindström-Leser in Tränen ausbrechen würden. Auch Liz fällt Rhys am Ende der Szene weinend in die Arme.

Ein Flughafen. Diesmal in Zürich. Aus dem Flugzeug entsteigen Rhys und Liz, belagert von einer wilden Pressemeute, der die beiden aber in einer Limousine entkommen können. Im Roffe-Hauptsitz findet sich neben Liz die gesamte Familie Roffe nebst den bereits kennengelernten Lebenspartnern ein (und eben Vorstandsmitglied Rhys, dem einzigen Familienexternen in der Runde) und diskutiert über die Frage, wie es mit der Firma weitergehen soll. Alec platzt gleich mit der Tür ins Haus und fordert von der neuen Präsidentin eine offene Aktiengesellschaft, um die Außenstände begleichen zu können, und die gesamte Blutsauger-Verwandtschaft stimmt in diese Forderung nur allzu gern mit ein, zum großen Teil natürlich nicht ganz uneigennützig. Liz bleibt skeptisch, zumal herauskommt, dass Sam gerade erst im vergangenen Jahr denselben Vorschlag bereits abgelehnt hatte. Alec drückt ihr schon den Stift zur Unterschrift auf dem vorbereiteten Papier in die Hand, doch sie lehnt ab. Zunächst möchte sie sich über die ganzen Konsequenzen informieren, die eine solch schwerwiegende Entscheidung nach sich ziehen würde. Rhys soll sie deshalb mit allen Einzelheiten vertraut machen, denn offenbar hat sie nicht den Hauch eines Schimmers, was ihr Papa beruflich so gemacht hat.

An sich finde ich es gut, dass der Film jetzt mal Butter bei die Fische gibt, was dieses ominöse Roffe-Unternehmen, das ja offensichtlich in ganz Europa Standorte hat, wenn man sich die doch sehr internationale Familientruppe ansieht, überhaupt macht, aber SO ausführlich, wie er es tut, hätte das nun doch nicht sein müssen. Mir hätte schon gereicht zu wissen, dass Roffe ein Pharmakonzern ist. Punkt. Stattdessen verwandelt sich „Blutspur“ über mehrere Minuten in einen Industriefilm, in dem Rhys mit der wissbegierigen Liz eine Produktionsfirma aufsucht, wo er ihr über die Abläufe von der Herstellung im Chemielabor bis hin zum Verpacken der Tabletten in Plastikröllchen alle wesentlichen Schritte nahebringt. Untermalt wird das von überhaupt nicht zum Stil der Musik im restlichen Film passenden Technobeats, während Produktionsprozesse im Maschineninneren gezeigt werden. Danach besuchen sie kurz auch Hunde im Hundezwinger, die zwecks Experimenten benötigt werden. Dies sind natürlich die Schattenseiten der sonst so opulenten Firma, aber sie müssen gemacht werden. Sauberfrau Liz ruft deshalb auch gar nicht erst zu einem Boykott von Tierversuchen auf, aber streichelt immerhin zwei der süßen plüschigen Hunde. Laut Rhys sind die millionenfachen Verluste, die Roffe einfährt, der Tatsache geschuldet, dass beispielsweise auch ein Serum gegen Fleischvergiftung auf Halde gehalten und bei Bedarf an Krankenhäuser ausgeliefert werden müssen, obwohl es jährlich nur 25 Fälle in den Vereinigten Staaten gäbe. Ich sage mal, wie es ist: Das ist hochgradig uninteressant. Und dauert. Und dauert. Und dauert. Fokus ist wahrlich nicht die Stärke des Films, und so langsam wüsste ich aber schon ganz gern, wo er mit mir hin will.

Und als wollte der Drehbuchautor mich nach dieser Feststellung einer ausgeprägten Unfokussiertheit, die der Film mit sich herumschleppt, schon aus Prinzip einfach weiterärgern, verlagert er den Fokus gleich noch mal ganz woanders hin, weit weg vom – ja, wovon eigentlich? –, vielleicht vom Mysterium und den Folgen rund um den Tod von Sam Roffe und wird – zum Historienfilm?! Damit Liz einen noch besseren Überblick über die Firmengeschichte erhält, drückt Rhys ihr nämlich – zurück im Züricher Büro mit altbekannt schäbigen Panorama-Hintergründen – einen seit mehreren Roffe-Generationen weitergereichten steinalten Schmöker in die Hand, in dem sie noch am selben Abend zu lesen beginnt. „Die früheste Erinnerung von Samuel Roffe war, wie seine Mutter im Jahre 1855 einem Pogrom zum Opfer fiel“, beginnt ein Voice-over. Wir sehen im Buch eingeklebte Fotos von Menschen, die dann ebenfalls mittels Voice-over akustisch zum Leben erweckt werden. Die Fotos zeigen eben jenen Samuel Roffe – wohlgemerkt nicht den toten Sam Roffe, sondern einen Urahn, denn das käme ja sonst rechnerisch alles nicht hin –, eine Frau namens Terenia und ihren Vater, die nun Dialoge aus dem 19. Jahrhundert zu uns sprechen: Samuel möchte Terenia heiraten, Terenia möchte Samuel heiraten, aber ihr Vater will eine bessere Partie für sie, einen Rabbi. Allerdings handelt Samuel die Bedingung bei ihrem Vater aus, ihm sechs Monate Zeit zu geben. Wenn er dann nicht im Stande wäre, Terenia das Leben zu bieten, was ihr zusteht, werde er für immer gehen.

Mal eine Frage an die Leser und eine ganz ehrliche Antwort bitte: Interessiert euch das auch so wenig wie mich?

Am nächsten Tag bittet Liz ihre Sekretärin Kate, vor der nächsten Vorstandssitzung morgen mit ihr doch noch eine kurze Stippvisite nach Krakau zu unternehmen, wo jener Samuel Roffe und seine Geliebte Terenia seinerzeit lebten. Klar, der Film springt ja ohnehin seit Filmbeginn fast von Szene zu Szene immer wieder von Land zu Land und hin und her und hin und her. Wir hatten Garmisch-Partenkirchen (in der Eröffnungsszene, wo das Unglück geschah), wir hatten Zürich, wir hatten London, wir hatten Frankreich, wir hatten New York, wir hatten Rom – warum also nicht auch noch Krakau? Da man aber nicht in Krakau selbst drehen konnte, entschieden sich die Filmemacher für Burghausen. Und wie sich die US-Amerikaner ihr fiktiv aufgebautes Krakau halt so vorstellen, ist es dort natürlich kalt, und es liegt Schnee.

Dort angekommen sieht Liz sich mit Kate um und verharrt an einem schlossartigen Anwesen – um sich dann in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückzudenken, wo an diesem Ort die entscheidende Grundsteinlegung für den Reichtum der Familie Roffe gelegt wurde. In der Folge wird ein künstliches Krakauer Ghetto des 19. Jahrhunderts zum Leben erweckt und die aufregende Geschichte des jungen Samuel Roffe und seiner so geliebten Terenia rekonstruiert, die dann immer wieder äußerst penetrant durch kurze, harte und, wenn man mich fragt, äußerst unelegante Schnitte aus der Gegenwart auf die nachdenkliche Liz unterbrochen werden. Also zurück in eine Zeit, in der es noch keine Autos gab und Kutschen über die steinigen Wege rollten. Wir sehen Samuel und Terenia nun nicht mehr nur als Fotos wie in dem Buch, sondern als Charaktere aus Fleisch und Blut. Samuel betont immer noch, wie sehr er seine Herzallerliebste heiraten wolle, aber die ist wenig optimistisch mit ihrem ablehnenden Vater im Rücken. Dann funkt ihm aber das Schicksal dazwischen, und Terenias Vater wird todkrank. Samuel bittet Terenia, ihm vorsichtig ein vollgerotztes Taschentuch von ihrem Papa zu bringen, woraus er dann ein Serum entwickelt, das nach der Probe an einem Pferd für gut genug gehalten wird, um es auch dem kranken Mann zu verabreichen – und hoppla, ruckzuck ist Papa wieder gesund und hält zum Dank einen auf dem Nachttisch liegenden offenen Medizinkasten für ihn bereit. Willkommen in der Familie, Sohn! Samuel eröffnete seine eigene Apotheke und schließlich eine ganze Ladenkette mit seinen Brüdern – und so entstand der Pharmazie-Gigant, der Roffe heute ist.

Es ist herzergreifend. Beziehungsweise könnte es herzergreifend sein, wenn man diese für den eigentlichen Plot – Plot? Welchen Plot? – völlig irrelevante Episode nicht auf fünf Minuten eingedampft, sondern daraus einen eigenen Film gemacht hätte. Oder wenigstens ein ganzes Kapitel, anstatt es hier mal eben so zwischen Tür und Angel abzuhandeln.

Leute, wir haben jetzt über ein Viertel des Films rum. Langsam könnt ihr mir mal sagen, was ihr mir eigentlich erzählen wollt.

Nach dem kurzen Abstecher nach Krakau geht es für Liz und ihre Sekretärin auch gleich wieder nach Zürich zur nächsten Vorstandssitzung. Der Kurztrip hat Liz in ihrem Beschluss bestärkt: Sie wird den Roffe-Konzern selbstverständlich nicht verkaufen. Ivo muss auf den Schreck erst einmal eine der familieneigenen Joffe-Tabletten schlucken. Ich möchte betonen, dass offensichtlich wenigstens Omar Sharif kapiert hat, in was für einem Kuhdung er hier mitspielt, weshalb er sich auch gar nicht großartig bemüht zu schauspielern, sondern lieber den wild grimassierenden Clown markiert. Das ist durchaus wohltuend bei all dem Bierernst aller anderen Beteiligten. Diese Entscheidung stößt aber nicht nur bei ihm auf keinerlei Gegenliebe. Wild reden alle auf Liz ein: Sie solle sich lieber einen Mann angeln und Ferien auf den griechischen Inseln machen (sagt Simonetta) – oder ganz direkt: Sie habe doch gar nicht die Kompetenz für so ein Unternehmen (sagt Hélène). Einzig Rhys lächelt dabei sein widerliches Grinsen.

Plötzlich platzt Gert Fröbe in die Versammlung, von Young nicht etwa als Kindermörder oder größenwahnsinniger Erzschurke besetzt, sondern als Inspektor Max Hornung von Interpol. Seine Exzentrik – oder das, was der Skriptmann dafür hält – äußert sich darin, dass er wortlos eine Plastiktüte auf den Konferenztisch knallt, in dem sich das Seil befindet, mit dem Sam Roffe abgestürzt ist. „Was ist mit der Leiche?“, fragt Rhys. Na, was soll schon sein? Sie wird wohl tot sein. Ich verstehe, dass Hornung dabei bloß den Kopf schüttelt. „Aber er war doch nicht allein?“, fragt Charles. Wieder schüttelt Hornung den Kopf. Sind das ernsthaft eure ersten Fragen, die euch einfallen? Ivo betrachtet das Seil aus nächster Nähe und grabbelt es an wie ein lang ersehntes Weihnachtsgeschenk, das ihm seine Eltern vor die Nase geworfen haben. „Dieses Seil ist doch am Felsen zerrissen, oder nicht?“, fragt er. Immerhin – eine vernünftige Frage, die dann auch Hornung zu seinen ersten Worten veranlasst: „Nein, das war nicht der Fels. Das war eine Kugel.“ BADAMM! Blitz und Donner müssten folgen, um diese dramatische Wendung, die den Film unversehens zu einer Kriminalgeschichte macht, angemessen zu unterstreichen. Nur springt keiner aus der Verwandtschaft wirklich drauf an, nicht einmal Liz. Die sitzen einfach da. Sekretärin Kate wird schnell klar, was Hornung da gesagt hat: „Dann war es ja …“ „Mord!“, ergänzt der Inspektor. Ja doch, das liegt nahe. Danke fürs Ausbuchstabieren! Aber der Film hält sein Publikum ja eh für reichlich blöd.

Nur eine Szene später machen sich Liz und Rhys auf zum Tatort nach Garmisch-Partenkirchen in die Berge, um die schwerwiegende Aussage des Inspektors auf eigene Faust zu untersuchen. Äh, Entschuldigung, wenn ich frage, aber habt ihr eigentlich nichts für den Roffe-Konzern zu tun, gerade in so ungewissen Zeiten nach dem Tod des Firmenpräsidenten? Diese reichen Vorstandsbonzen eines Multimillionenunternehmens bestätigen echt jedes Vorurteil, das man von ihnen haben könnte. Gestern Polen, dann die Schweiz, jetzt Deutschland – bestimmt unternimmt Liz diese Reisen auch noch auf Firmenkosten. Rhys zweifelt sogleich die Auffassungsgabe des Inspektors an: „Wie hat er den Kratzer einer Kugel am Felsen entdecken können?“ Hä? Wann hat Hornung das denn gesagt? Und was interessiert überhaupt der Kratzer einer Kugel am Felsen, wenn eine Kugel das Seil zerfetzt hat? Liz schlägt vor, den örtlichen Bergführer zu fragen, und gerade als sie durch den Schnee stapfen, schießt unmittelbar vor Liz von rechts ein Schneemobil ins Bild – und wirft sie um! Wenn ich sehr, sehr großzügig wäre, könnte ich das nach 37 von 112 Minuten als den ersten Spannungsmoment nach der Exposition bezeichnen. Das werde ich aber nicht tun. „Willst du sie umbringen, du Idiot?“, ruft Rhys dem Fahrer hinterher. Das würde ich auch gern wissen. Ich kann aber schon jetzt sagen: Wir werden es nie erfahren, weil dieses Ereignis fortan nie mehr erwähnt wird.

Liz und Rhys finden sich im örtlichen „Bräustüberl“ ein und setzen dort ihre Detektivarbeit fort. Hier hat nämlich Sam während seines Aufenthalts übernachtet. Das alte Besitzerehepaar der Pension gibt an, dass die Polizei all die Habseligkeiten des Opfers mitgenommen hätte, worüber der Mann, den Liz geschickt hätte, ziemlich enttäuscht gewesen wäre. Liz und Rhys gucken sich fragend an. Liz hat doch gar keinen Mann geschickt. BADAMM! Sie fragen nach dem Bergführer. Ach, der Bergführer, sagt der Befragte, der hätte die Berge seiner Meinung nach gar nicht gekannt. BADAMM! Ja sorry, ich hör‘ ja schon auf. Ich muss hier doch künstlich die Spannung etwas aufrechterhalten, wenn es sonst keiner tut. Das Ehepaar gibt den Hobby-Detektiven den Namen des Bergführers, und der heißt – Achtung, festhalten! –: Hans Bergmann! BERGmann! Haha. Ha. Ha.

Ihre intensive Suche nach Bergführer Bergmann führt die beiden im Anschluss doch immerhin zu EINEM ansässigen älteren Ehepaar, das sie nach dem Mann fragen. Nee, kennen sie nicht. Womit das Kapitel Garmisch-Partenkirchen auch schon wieder beendet wäre – und wir zurück in Zürich wären. Mir ist echt schwindelig – mittlerweile nicht mehr nur wegen der ständigen Schauplatzwechsel im Drei-Minuten-Takt, sondern auch wegen der Zeitabläufe in diesem Film. Wie viele Tage sind überhaupt seit dem Mord vergangen? Zwei? Drei? Eine Woche? Fünf Wochen?

In Zürich haben Liz und ihre treue Sekretärin Kate Besuch von Inspektor Hornung, der ihnen mitteilt, dass er Sams Koffer aus dem „Bräustüberl“ mitgenommen hätte. Das beruhigt Liz, die schon dachte, jemand anderes hätte das getan. Hornung präsentiert eben diesen Koffer und kramt daraus eine Kassette hervor. Darauf hätte Sam kurz vor seinem Tod eine verschlüsselte Botschaft hinterlassen. Kein Problem, findet Kate, da ja der Rekorder, der die Kassette entschlüsseln könne, bei ihr im Büro stehe. Äh, was? Gehören Entschlüsselungsrekorder neuerdings zum Inventar einer jeden guten Sekretärin? Auch Hornung erwähnt, er hätte sich das Band schon angehört, und macht sich einen Spaß daraus, es Liz erst nach kurzem Zögern auszuhändigen. Nachdem Hornung gegangen ist, fragt Kate ihre Chefin, ob sie sich das Band jetzt anhören wolle, aber die verneint: Das schaffe sie noch nicht, sie wolle jetzt erst mal eine Runde in Sardinien ausspannen!!

Ist das dein Ernst, Liz? Und vor allem: Ist das dein Ernst, Film? Können wir vielleicht einmal für mehr als zwei Minuten an EINEM Schauplatz bleiben? Ist das denn zu viel verlangt?

Ich sollte echt aufhören, den Film zu provozieren. Der schlägt dann nämlich eiskalt zurück. Die nächste Szene nämlich führt uns nicht etwa nach Sardinien, sondern – in ein Rotlichtviertel, von dem nie zuvor die Rede war, wo ein Glatzkopf, den wir nie zuvor gesehen haben, eine Prostituierte, die wir nie zuvor gesehen haben, zwecks Schäferstündchen in ein Hotelzimmer abschleppt. Huch, und ihre blanken Titten zeigt sie auch. Äh, wurde auf die DVD versehentlich ein zweiter Film gepresst? Würdet ihr, liebe Publisher, den dann bitte, wenn ihr schon einen Bonus-Film auf die DVD packt, nicht mitten in den eigentlichen Hauptfilm reinschneiden? Was hat dann aber der Morricone-Score in dieser Szene zu suchen? Ich schaue dem Glatzkopf dabei zu, wie er der Frau ein rotes Bändchen um den Hals bindet, mit ihr ins Bett steigt und ihre Brüste liebkost. Äh, was ist hier los? Versteckte Kamera, oder was? Um sie herum wirbelt ein Kameramann, der das Liebesspiel filmt. Erst reitet sie den Glatzkopf, dann liegt sie, dann reitet sie ihn wieder. Konfus geschnitten ist das Ganze ja schon. Dann drückt der Glatzkopf der Frau plötzlich die Kehle zu, sie japst nach Luft und fällt tot auf die Matratze. Ein sekundenkurzer Schnitt auf einen schwarzen Schuh deutet die Präsenz einer vierten Person an.

Okay. Audrey Hepburn – Titten – Snuff. Das ist ein Dreiklang, der so eigentlich nie existieren dürfte.

Dann doch schon eher ein Gert Fröbe, der sich gerade offenbar im Computerraum der Schweizer Kriminalpolizei befindet, obwohl ich zugeben muss, dass das ebenfalls nicht unbedingt ein Bild ist, das sich mir unbedingt aufdrängen würde. Wirklich befremdlich finde ich allerdings den Computer, vor dem Hornung sitzt. Das ist nämlich ein Sprachcomputer, der mit roboterhafter Stimme vor sich hinbrabbelt und dem Mann gerade verrät, dass er und die anderen Rechner noch mit weiteren Geschäftsaktivitäten gefüttert werden müssten, damit der Inspektor weitere Informationen über die Roffe-Verwandtschaft erhalten könne. Das reicht Hornung fürs Erste, und er geht – allerdings nicht ohne sich von der Computer-Rasselbande zu verabschieden: „Gute Nacht, Jungs!“ Und ja, nur für den Fall der Fälle: Ich habe noch nicht den Verstand verloren. Ich denke mir das auch nicht aus. Ich gebe nur wieder. Mit dieser Szene sind wir auch im Science-fiction-Genre angekommen.

Jetzt sind wir aber wirklich auf Sardinien. Dieser Schauplatzwechsel rechtfertigt auch eine weitere Flughafenszene. Liz hat wie üblich Kate mit im Gepäck, die einen gleichermaßen stressigen wie coolen Job hat, wie ich finde. In einem gelben Jeep lassen sie sich ins Ferienhaus bringen. Der Flug hat hungrig gemacht, weshalb es zur Frage, was man essen könne, kein weiter Weg mehr ist. Das Problem ist: Beide können nicht kochen. Kate meint, bei ihr würden das immer die Männer machen. „Männer sind die geborenen Hausfrauen“, erwidert Emanze Liz. Hat da gerade etwa jemand gegähnt?

Ich hatte Liz vorhin zwar so verstanden, dass sie etwas ausruhen wollte, bevor sie bereit ist, sich die Kassette anzuhören, aber im nächsten Moment ist sie dann unversehens doch bereit für die vermutlich letzte Nachricht, die ihr Vater auf Kassette hinterlassen hat. Vielleicht ist auch der Drehbuchautor ein wenig durcheinandergekommen, immerhin liegt Liz‘ Absichtserklärung auch schon fast wieder fünf Minuten zurück. Nun könnte man meinen, der Film würde uns etwas Neues bescheren und dem Plot – welcher Plot? –, der ja noch nicht mal mit angezogener Handbremse läuft, einen entscheidenen Dreh geben, aber das, was er da auf Band gelabert hat, ist nun wirklich nicht der Rede wert, zumal wir spätestens nach Hornungs Meldung, der Unfall sei in Wirklichkeit Mord gewesen, ja wissen, dass es auch einen Mörder geben muss: Sam vermutet, einer oder mehrere seiner Mitarbeiter würden bewusst Forschungsmaterial an Konkurrenzfirmen verkaufen, um dem Roffe-Konzern zu schaden oder ihn gar zu zerstören, damit die Firma in eine offene Aktiengesellschaft umgewandelt wird. Er schließt mit den Worten, er könne niemandem trauen, nicht mal der eigenen Familie, und er glaubt, er wisse auch, wer der Schurke sei – aber er spricht den Namen natürlich nicht aus, damit auch wir Zuschauer noch raten dürfen. Nur wie soll man raten, wenn man nicht mal irgendwelche Anhaltspunkte zum Raten hingeworfen bekommt? Das hier ist kein Whodunit. Das ist ein Krimi-Science-fiction-Historien-Irgendwas-Drama. Schnarch.

Zum passendsten Zeitpunkt, nämlich unmittelbar nach Abhören der Kassette, klingelt Hornung durch, dem Liz wohl vorsichtshalber von der Kamera unbemerkt ihre Telefonnummer auf Sardinien gesteckt hat. Gefragt nach dem Tonband lügt sie, ohne rot zu werden: „Es ist wirklich sehr interessant.“ Schön wär’s, Liz, schön wär’s! Hornung sitzt mal wieder vor seinem Sprachcomputer, der seiner Meinung nach schon bald verraten werde, wer Sam Roffe ermordet haben werde. „Es war also wirklich Mord?“, fragt Liz vorsichtshalber noch mal nach, weil die Indizien ja noch nicht eindeutig genug sind. Wo er sie schon mal am Apparat hat, führt Hornung ihr auch gleich die Superman-Fähigkeiten seines Sprachcomputers vor, der bereitwillig ein paar Informationen zu Sir Alec in den Telefonhörer quatscht, wofür Hornung dankbar den Monitor tätschelt: „Brav, mein Junge!“ Dann möchte der Inspektor noch wissen, was mit diesem Spielklub in London los ist. Was für ein Spielklub denn? Den, in dem James Mason seinen ersten Auftritt hatte? Wo sieht er da einen Zusammenhang? Der Computer spuckt den Besitzer dieses Spielklubs aus: „Jon Swinton, drei Vorstrafen.“ Ich kann gar nicht beschreiben, wie unfassbar albern das alles ist.

Und weil beim Schnitt des Films echte Meister am Werk sind, schalten wir auch gleich um in eben diesen Spielklub, wo Sir Erics Frau Vivian (jedenfalls gehe ich davon aus, dass das seine Frau ist, auch wenn das bei den zehn Sekunden, die wir sie gesehen haben zu Beginn, nicht ganz klar geworden ist) sich mit eben diesem Jon Swinton und einem anderen Kerl auseinandersetzt. Swinton und der andere Kerl sind die beiden Gläubiger, die in Alecs erster Szene die 200.000 Pfund von ihm eingefordert hatten. Ich muss das so ausführlich erklären, weil hier ja sonst keiner mehr mitkommt. Auch Vivian kann nur das beteuern, was Alec schon das letzte Mal beteuert hat: Momentan ist schlichtweg kein Geld da. Als der andere Kerl wegen eines streitsüchtigen Arabers an einen Spieltisch gerufen wird, setzt Vivian ihre körperlichen Reize ein, um Swinton davon zu überzeugen, ihrem Göttergatten wenigstens einen Teil der Schulden zu erlassen.

So hat sie sich das jedenfalls schön ausgemalt. Einen Schnitt später ist der Sex auch schon vorbei, und Vivian will mit mit den Schuldscheinen stiften gehen, aber nicht mit Swinton: „Oh nein, Herzchen, dafür musst du noch eine Klasse besser werden.“ Wenn er das Geld schon nicht kriegen kann trotz mehrfacher Ermahnungen, haben Roffe als internationaler Pharmaziekonzern und somit auch Alec doch sicherlich legale Möglichkeiten, an Morphium zu kommen – und dieses Morphium doch ganz eventuell zumindest zum Teil an ihn abzuführen. Vivian ist sich sicher, dass Alec das niemals machen könnte, doch Swinton stellt klar, wie ernst er es meint: „Wer bei mir nicht bezahlt, wird mit den Knien an den Boden genagelt.“

Eine Szene weiter empfängt Vivian ihren Mann in seinem prunkvollen Anwesen, als wäre nichts gewesen. Er beklagt sich über seine unkonzentriert vorgetragene Rede im Parlament, die auch von seiner Frau gemachten Schulden und die bösen Männer, die ihm auf die Pelle rücken. Es ist alles so uninteressant und so redundant. Wir wissen doch schon längst, dass er bei Swinton und seinem Partner in der Kreide steht. Das war schon Inhalt zweier Szenen zuvor. Warum also noch diese dritte? Inwiefern bringt das den Plot – welchen Plot? – auch nur einen halben Millimeter vorwärts? Warum nicht endlich mal auf den Mordfall Sam Joffe konzentrieren? Ich dachte, darum geht das hier. Obwohl – nein, darum geht es eben nicht. Es geht hier um gar nichts.

Und schon sehen wir wieder Hornung an seinem Supercomputer – und zwar machen wir genau an der Stelle weiter, wo wir vorhin stehen geblieben waren, während des Telefonats mit Liz, als er den Computer nach Sir Alec befragte. Die Montage dieses Streifens gehört echt in die Tonne getreten. Da wird mal eben das Vivian-Swinton- und im Anschluss das Vivian-Alec-Intermezzo einfach mal mitten in das Telefonat geschnitten, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob das zeitlich alles überhaupt hinkommt. Liz kann froh sein, dass Hornung voll in seinem Beruf aufgeht: Nicht nur verspricht er ihr, den Mörder ihres Vaters zu kriegen, er wird sogar morgen direkt nach Sardinien fliegen und ihr den Rest über ihre Sippschaft erzählen. Wenn das mal nicht Arbeitseifer ist.

Hornung quetscht seinen Supercomputer aus, der sich weiter an den Verdächtigen der Roffe-Familie abarbeitet. Nun gerät Ivo ins Visier, dessen Vergangenheit auch nicht gerade rosig aussieht. Der Computer verrät, dass er schon einmal mit 28 im Gefängnis saß, doch seine Haft aufgrund guten Betragens und Familienvermögens verkürzen konnte. Außerdem würde er Schulgeld für sechs Schulkinder bezahlen. Dieser allwissende Sabbel-und-Brabbel-Computer ist wirklich der lächerlichste Einfall des Skriptes. Es kann doch nicht sein, dass ich der Einzige bin, der das so sieht. Warum hat keiner der vielen Menschen am Filmset da interveniert und gesagt: Du, Terence, den Quatsch kannst du nicht im Film lassen.

Und da wir gerade von Ivo sprechen, muss er natürlich auch die folgende Szene kriegen – und wie auch schon Vivian, Alec und Swinton kurz zuvor kriegt er mal wieder eine besonders überflüssige, weil sie nur längst Etabliertes noch einmal durchkaut, denn seine Geliebte Donatella fährt mit ihren drei Söhnen vor, um Simonetta endlich reinen Wein über ihren untreuen Ehemann einzuschenken. Zum Glück für Ivo kann er sie dank der Überwachungskamera vor einer Hausstürmung bewahren, muss sich aber gleichzeitig wieder rauswinden und ihr eine Million Dollar innerhalb der nächsten vier Tage versprechen. Der Film geht jetzt über 50 (50!) Minuten, und er hat immer noch keinen Plot. Wann kommt der endlich? WANN?

Stattdessen: wieder Hornung, wieder dieser endbekloppte Sprachcomputer. Jetzt hat er Hélène auf dem Kieker: acht Jahre verheiratet, Kinder keine, dreimal geschieden, Privatbank Julius Prager, Zürich. „Prager! Ausgezeichnet!“, freut Hornung sich. Jaaa! Ausgezeichnet! Wunderbar! Ich könnte heulen vor Glück! Einfach nur klasse, klasse, klasse! „Und jetzt noch mal zu Charles Martin und seinem geheimnisvollen Partner“, macht Hornung weiter. Welcher geheimnisvolle Partner? „Hat der Partner noch dieselbe Versicherungsnummer wie Martin?“ Noch mal: welcher Partner?! Antwort: „Positiv!“ Der Inspektor freut sich ein Loch ins Knie: „Gratuliere! Du bist großartig heute Morgen! Doppelte Sozialversicherungsnummer, das ist strafbar, sogar bei denen in Frankreich!“ Ich wiederhole mich: Welcher hinterletzte Vollidiot hat sich bloß dieses Scheißding von einem neunmalklugen Sprachkasten ausgedacht? Sidney Sheldon selbst? Der Drehbuchautor dieses Films? So einen hundserbärmlichen Quatsch würde ich vielleicht einem Kinderfilm durchgehen lassen, aber doch nicht einem sogenannten Thriller.

Ihr kennt das Spiel. Wir sprachen zuletzt von Charles, also kriegen wir auch Charles. Der sitzt in seinem Büro und beobachtet mit einer Lupe einen aufgespießten, aber noch zappelnden Käfer (Tiersnuff!). Jeder braucht sein Hobby. Und wir haben in diesem Film schon wahrlich Unverständlicheres gesehen. Er bekommt Besuch von einem Anwalt, der für einen Klienten (welchen Klienten?) Geld eintreiben will. Da ist er bei Charles an der falschen Adresse, denn der ist arm wie eine Kirchenmaus, solange Liz sich querstellt und die Sache mit den Roffe-Aktien nicht geregelt ist. Ach, auch Charles ist verschuldet? Es sind bahnbrechende Neuigkeiten, die mich vom Hocker hauen und ganz bestimmt eine ganze Szene verdient haben. Nicht.

Abends liegt er im Bett mit der bereits schlafenden Hélène. Darauf hat er nur gewartet. Heimlich steht er auf, nimmt sich ein auf einem Pokal ruhendes Armband und tauscht es gegen ein im Safe deponiertes Imitat aus. Ich bin schon gespannt, wohin uns diese Szene noch führen wird. Nicht.

Wohin uns die nächste Szene führen wird, ist hingegen klar. Oder? Genau – zu Hornung und seinem Sprachcomputer. Waggawagga. Der Inspektor möchte nun eine Rechnung prüfen lassen, „die aus dem Pariser Sportgeschäft“. Ach, die. Computer: „Bergstiefel, Größe 36.“ „Eine Damengröße?“, fragt Hornung. „Positiv. Oder die eines kleines Mannes“, antwortet der Computer. In Hornungs Recherchearbeit platzt Rhys Williams, den wir ja auch immerhin schon seit ein paar Szenen nicht mehr gesehen haben und der aus irgendwelchen Gründen auch mal nach dem Rechten sehen will, was der Herr Inspektor den lieben langen Tag so treibt. Der Computer knöpft sich in Rhys‘ Anwesenheit auch mal gleich ihn vor: „41, unverheiratet, leitender Angestellter der Roffe-Pharmaziewerke, Sparkonto in London, Kontostand: 25 Pfund, Girokonto mit einem Durchschnittssaldo von 800 Pfund, ein Schließfach in Zürich, Inhalt unbekannt.“ Ob Young und sein Filmteam seinerzeit dachten, das Publikum würde beim Anblick dieses Supercomputers, der sprechen kann, Bauklötze staunen und gar nicht genug von ihm kriegen wollen?

Zurück zu unserer eigentlichen Hauptfigur Liz. Die ist – Überraschung, Überraschung – tatsächlich noch auf Sardinien und nicht etwa in Ägypten oder auf Sylt unterwegs. Mittlerweile scheint ein Tag vergangen, sie möchte nämlich Hornung, der ja seine Ankunft angekündigt hatte, vom Flughafen abholen. Dafür schnappt sie sich den gelben Jeep und fährt los. Ihr werdet es nicht glauben, aber es folgt – die erste Spannungsszene. Jedenfalls glaube ich, dass es eine sein soll, denn ihr Versuch, auf die Bremse zu treten, scheitert mehrfach, die Kupplung gibt auch den Geist auf, und sie brettert mit hoher Geschwindigkeit eine Bergstraße entlang, unfähig, stehen zu bleiben. Schließlich tut sich vor ihr ein querstehender Trecker auf, der sie zum Ausweichen zwingt. Sie kracht in eine Böschung am Straßenrand und kippt mit dem Wagen um.

Glück im Unglück für Liz – im Krankenhausbett kommt sie noch schwer benommen wieder zu sich, aber schon klar genug, um den Unfall als Mordanschlag einzuordnen, und zwar Alec gegenüber, der den kurzen Weg von London nach Sardinien vermutlich mal eben mit dem Fahrrad zurückgelegt hat. Passend zu ihrem Erwachen findet sich auch schon Rhys ein, der aufgrund des unerwarteten Besuchs von Alec doch ein wenig erstaunt ist: „Sie waren aber schnell.“ Der sieht schnell ein, dass er hier offenbar unerwünscht ist und verabschiedet sich von Liz. Für die eine Minute Wachzustand, in dem er Liz erlebt hat, hat sich die Reise von England nach Italien auf jeden Fall gelohnt. Viel Spaß bei der Rückreise, Alec. Auch für Rhys stellt sie noch einmal unzweifelhaft klar, dass der Autounfall ein Mordversuch gewesen sei …

… womit wir das zweiminütige Krankenhaus-Kapitel auch schon wieder hinter uns hätten und zurück in Zürich wären, wo Liz mit ihrer Sekretärin Kate bereits wieder putzmunter ihrem Geschäft nachgeht, als wäre nie was gewesen. Der Film hat nicht den Hauch eines Interesses daran, Zusammenhänge zwischen den einzelnen Szenen herzustellen. Liz macht sich Sorgen über die Zukunft der Firma, benötigt sie doch dringend eine Erfolgsmeldung, um die auf ihr Geld bestehende Bank ruhigzustellen. „Ich hätte da eine Idee, die gar nicht so schlecht ist“, lobt sich Kate selbst und fügt an: „Kennen Sie Dr. Joeppli?“ Wat? Wer? Liz macht ähnlich große Augen wie ich, weshalb Kate sich bemüßigt fühlt nachzulegen: „Emile Joeppli, Nobelpreisträger!“ Nee, kenn‘ ich nicht, aber meinetwegen.

Ab der nächsten Szene kennen wir ihn. Liz besucht nämlich Joeppli. Ist ja nicht so, als hätten wir nicht schon genug Figuren, mit denen das Drehbuch nichts anzufangen wüsste. Also, los – her mit einer weiteren. Joeppli ist bei Roffe angestellter Chemiker, der ein Präparat entwickelt hat, das den Alterungsprozess des Menschen verzögert und ihm eine Lebenserwartung von 100 bis 150 Jahren bescheren könnte. Außer ihm, dem toten Sam Roffe und neuerdings Liz weiß nur eine weitere Person davon – Rhys Williams! Liz wittert eine Chance, die Bankleute noch etwas hinzuhalten und fordert ihn auf, das Mittel innerhalb der nächsten zwölf Monate auf den Markt zu bringen – „es ist sehr, sehr wichtig.“ Joeppli verspricht, sein Bestes zu geben und verabschiedet sich von ihr. Als Liz das Labor verlässt, erinnert uns Morricones Spannungs-Score daran, dass wir hier laut Etikett eigentlich einen Thriller vor uns haben. Etwas ängstlich blickt sich Liz um und erschrickt vor einer laut zuknallenden Tür. Na, sag mal, kriegen wir jetzt hier eine Katz-und-Maus-Szene aus heiterem Himmel? Meine Aufmerksamkeit ist schlagartig geweckt. Liz will eine Straße überqueren – da wird sie (bzw. eher ihr offensichtliches Stunt-Double) fast von einem lautlos wie Michael Myers heranrasenden Lastwagen überfahren. Aber nur fast. Ende der Szene. Keine Verfolgung. Ich schlafe weiter.

Verfolgen wir lieber Inspektor Hornung bei seinen Recherchen weiter. Der sitzt wider Erwarten diesmal aber gar nicht hinter seinem Supercomputer, sondern befindet sich in einer Leichenhalle, wo seine Hilfe benötigt wird. Ein Mädchen sei von der Wasserschutzpolizei aus dem Fluss gefischt worden, das er sich bitte mal ansehen möge. Klar, das macht Hornung doch glatt. Er hebt das weiße Laken über der Leiche kurz an – ist das die Prostituierte, die vom Glatzkopf erwürgt wurde? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Stehen Nutten-Mord und Roffe-Mord doch in irgendeinem Zusammenhang? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. 63 Minuten sind rum, und ich suche den roten Faden immer noch. Vergeblich.

Am nächsten Tag (oder in der nächsten Woche … oder im nächsten Monat …vielleicht … vielleicht auch nicht) findet mal wieder ein Treffen im Züricher Roffe-Konzern statt, wo die ganze Familie versammelt ist. Mittlerweile glaube ich, dass der Roffe-Clan bei dem ganzen Hin-und-Her-Gefliege fast allein für die Klimakrise verantwortlich ist, mit der wir heute zu kämpfen haben. Der Anlass ist ein Besuch der Bankleute, die, wie sich die ganze Verwandtschaft sicher ist, den Kredit nicht verlängern werden, sodass Liz gezwungen sein wird, die Firma zu verkaufen, womit ewiger Reichtum garantiert wäre. Zu aller Entsetzen unterbreitet Liz allerdings den vier anwesenden Herren die Bitte, sämtliche Kredite um ein Jahr zu verlängern. Dank Nobelpreisträgergenie Joeppli hat sie schließlich ein auf der Welt ganz und gar einzigartiges Präparat in der Hinterhand.

Da muss Bankchef Prager doch gleich mal ein Gespräch unter vier Augen mit Liz führen. Er hält das Ganze nämlich für einen Bluff, um weiter Zeit zu schinden, zumal sie sich weigert, nähere Details über das Präparat preiszugeben, aber dafür hat sie noch Plan B in der Hinterhand: Rhys Williams soll neuer Präsident werden, und die Hürde, dass er kein Familienmitglied ist, will sie dadurch umgehen, indem sie ihn kurzerhand heiratet. Ich tue es wirklich ungern, das so deutlich zu einer Figur zu sagen, die von Audrey Hepburn gespielt wird: So eine Vollblinse, ey! Und inwiefern sollte gerade dieser Vorschlag Prager umstimmen? Dadurch werden doch die Schulden nicht weniger. Wie ihr euch denken könnt, springt Prager trotzdem begeistert darauf an: „Tun Sie das, aber schnell!“ Hauptsache keine Frau mehr am Steuer, was? Folglich verkündet Prager eine Verlängerung des Kredites – zwar nicht um ein Jahr, aber immerhin um 90 Tage. Die Verwandtschaft ist fassungslos, nur Rhys klatscht leise – und grinst sein Arschlochgrinsen, das ihn normalerweise alle Zähne kosten müsste.

Rhys weiß allerdings noch gar nichts von seinem Glück. Erst in der nächsten Szene stellt Liz ihn vor vollendete Tatsachen: Ja, ich möchte dich heiraten, und nein, es muss keine richtige Ehe sein. Ja, du wirst Präsident der Gesellschaft, und nein, die Kontrolle über die Aktien behalte aber ich. Rhys ist gleichsam überrascht wie erfreut – und grinst sein Arschlochgrinsen, während Liz ihr Audrey-Hepburn-Strahlen strahlt. Damit wäre das also auch geklärt. Rhys zu heiraten, wäre auch genau das, woran ich an Liz‘ Stelle denken würde, wenn ich wüsste, dass es irgendjemand aus der Firma auf mein Leben abgesehen hätte.

Ähnlich wie Rhys eben bin ich ebenfalls gleichsam überrascht wie erfreut – und zwar darüber, dass in der kommenden Szene im Kreise der Familie die Hochzeit stattfindet, denn das bedeutet glatt drei Szenen hintereinander, die logisch aufeinander aufbauen. Es kann allerdings bei dem CO2-Fußabdruck, den die rücksichtslose Familie auf diesem Erdball hinterlässt, nicht verwundern, dass die Feier nicht im trüben Zürich, sondern lieber im sonnigen Sizilien begangen wird, wo dann auch gleich ein paar italienische Berghüttenmusiker für die musikalische Untermalung zuständig sind. Zu diesem Anlass hat sich auch Hornung eingefunden, jedoch natürlich rein beruflich, denn er hätte gern die Kassette zurück, die sich Liz ja nun mittlerweile auch angehört hat. Liz fasst freundlicherweise noch einmal die einzige Erkenntnis zusammen, die wir in Bezug auf den Mord an ihrem Vater gewonnen haben: Jemand aus ihrer Familie wolle den Konzern ruinieren, und weil ihr Vater dahintergekommen sei, wurde er ermordet und habe dieser Jemand auch sie umzubringen versucht. Im Schlafzimmer, wo sie das Band in einem Pokal versteckt hält, macht sie eine grausige Entdeckung: Es ist weg!

Gut, ich schrieb es ja gerade: drei Szenen hintereinander, die aufeinander aufbauen. Das kann der Film natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Deshalb zieht sich der ach so liebe und gute Grinsekasper Rhys auch in der nächsten Szene sein Hemd an – nachdem er zuvor gemeinsam mit Hélène die Laken zerwühlte?! Äh, was? Ist die Hochzeit jetzt vorbei? Wo sind die da gerade? Wieder zurück in Zürich? In Paris? New York? Das kommt hier alles wieder so unvermittelt und selbstverständlich, dass Kopfkratzen noch das Wenigste ist, was man hier tun kann. Rhys scheint wirklich gut im Bett zu sein, hätte sie doch nichts dagegen, wenn man das auch weiterhin wiederholen würde. Rhys aber will nicht mehr, weil sein Junggesellendasein nun mal vorbei ist. Trotzdem versucht Hélène ihn davon zu überzeugen, in seiner Rolle als Ehemann doch entsprechend auf Liz einzuwirken – und wenn es nur ein kleiner Unfall ist, denn „sie ist eine schlechte Fahrerin“. Hohoho, Kriminal-Drehbuch-Regel Nummer 1 für Anfänger: Lass deine Figuren Andeutungen machen, damit sie schön verdächtig werden. Davon abgesehen: Hätte diese Szene nicht doch besser VOR Liz‘ Autounfall platziert werden müssen?

Liz, die mit Kate auf jeden Fall wieder in der Schweiz ist, hat sich in der Zwischenzeit in ein schickes schwarzes Spitzenkleid geworfen, um einen Termin mit den Banausen von der Bank wahrzunehmen. Aus welchen Gründen auch immer, denn eigentlich hatte sie doch gerade erst eine Fristverlängerung erhalten. Wie dem auch sei – für diesen Termin hat sie sogar ihre Hochzeitsfeier vorzeitig verlassen, womit wir die vorige Szene mit Hélène und Rhys in Sardinien verorten könnten, wenn wir nicht schon erlebt hätten, wie der Film munter die gewohnten Zeitabläufe durcheinanderwirbelt. Die Frauen verlassen gemeinsam das Büro und gehen zum Fahrstuhl, als sich in den folgenden Sekunden nacheinander Folgendes ereignet:

– In der Kommandozentrale beobachtet ein Sicherheitsbeamter die leuchtenden Lämpchen des Fahrstuhlsystems. „Ich glaube, der Boss kommt“, sagt er zu seinem zeitungslesenden Kollegen.
– Liz und Kate stehen vor dem Fahrstuhl.
– Eine Außenaufnahme des beleuchteten Roffe-Hochhauses und ein Schwenk die Fassade hinab.
– Von der Kommandozentrale aus hört man ein Rumpeln. „Um Gottes willen“, sagt der eine. „Was ist los?“, fragt der andere. „Der Fahrstuhl“, antwortet der eine.
– Die Kamera fährt auf dem Fahrstuhldach den Schacht hinab, dann wackelt sie.
– Großaufnahme eines lötenden Schweißbrenners.
– Liz sitzt in einem Sessel in ihrem Büro, trinkt was und schluchzt.

Äh. Mal kurz zurückspulen. Kommandozentrale – Liz und Kate vorm Fahrstuhl – Außenaufnahme Hochhaus – Kommandozentrale – Fahrstuhlschacht – Schweißbrenner – schluchzende Liz im Büro. Nee, ich habe nichts verpasst. Waren hier die türkischen Schneidemeister aus „Turkish Star Wars“ am Werk?

„Erst mein Vater und jetzt Kate an meiner Stelle“, weint Liz und fügt an: „Wenn ich die hier nicht vergessen hätte …“, während sie Ohrringe in der Hand hält. Ja genau, diese rumpelige Schnittfolge will uns weismachen, dass soeben Kate tödlich mit dem Fahrstuhl abgestürzt ist. Leute, so geht’s ja nun nicht. Da passiert mal was, und dann passiert das offscreen. Unfähige Pfeifen.

Liz heult sich bei Hornung aus, der selbstverständlich nach diesem tragischen Vorfall sofort zugegen ist, sich aber in seinen üblichen leeren Versprechungen und Durchhalteparolen verliert: „Die Computer sind im Moment sehr aufschlussreich. Der Täter steht unter Druck. Noch ein, zwei Tage, dann wissen wir, wer der Mörder ist.“ Also, erstens: Ist ja schön, Hornung, dass hier wenigstens einer was tut, und wenn es halt dein doller Sprachcomputer ist. Doch zweitens: Entschuldige, wenn ich nachhake, aber ein, zwei Tage? Hat dir das dein Computer gesagt? Vielleicht so was wie: „Ich weiß, wer der Täter ist, sag dir das aber erst in ein oder zwei Tagen“? Ist doch alles Bullshit.

Wechseln wir doch mal wieder zu unseren Verdächtigen. Einer davon ist Charles, der gerade seine Wohnung betritt und am liebsten gleich wieder abhauen will, weil er dort Hélène mit einem Mann sitzen sieht – nicht irgendeinen Mann, einen Juwelier. Nach Hélènes Aufforderung gesellt er sich dazu und muss mitanhören, dass seine Frau herausgefunden hat, dass er gemeinsame Sache mit jenem Juwelier gemacht und ihr wertvolles Armband gegen eine dreiste Fälschung ausgetauscht hat. Verständlich, dass ihr das nicht gefallen kann, aber Charles sofort an die Polizei auszuliefern, das widerspricht ihrem Bitch-Naturell. Dann doch lieber eine nette Erpressung: entweder 20 Jahre Gefängnis – oder „[du] wirst […] genau das tun, was ich dir sage, wenn ich es dir sage“. Charles bejaht.

„Unser Freund Charles steckt also in großen Schwierigkeiten“, hören wir Hornung als Voice-over sagen, als hätte er Liz und somit auch uns die Erpressungs-Episode eben selbst erzählt. Er leitet gleich über in die nächste Szene zum nächsten Sorgenkind, in der Ivo mit seiner Frau Simonetta und den drei Töchtern in einem Park spazieren geht. An dieser Stelle frage ich euch: Was fehlte diesem Film bisher ganz entscheidend? Sagt jetzt nicht Logik, das meine ich nicht. Wer hat da „Slapstick“ gerufen? Sehr gut, Note eins, setzen. Genau, es braucht Slapstick. Ivo entdeckt nämlich in diesem Park auch seine Geliebte Donatella mit ihren drei Söhnen – und die entdeckt ihn. Das kann nur eine ulkige Verfolgungsjagd zur Folge haben. Omar Sharif ist ganz in seinem Element, wie er in seiner Rolle als oller Schwerenöter Simonetta verzweifelt davon abzubringen versucht, auf seine Geliebte aufmerksam zu werden und sie und die Kinder deshalb die Treppen hochtreibt, vorgebend, mit ihnen ein Wettrennen zu veranstalten, Donatella natürlich wie eine Furie hinterher. Oben angekommen schickt er Frau und Töchter schon mal zur Eisbar, er selbst werde gleich nachkommen. Schwer nach Luft japsend, aber immerhin Ivo eingeholt habend droht Donatella mit sofortiger Petzaktion, doch Ivo zieht ganz andere Saiten auf und packt sie grob am Arm: „In 24 Stunden hast du dein verdammtes Geld. Treib mich nicht zu weit, Donatella!“ Und da er jetzt wirklich böse guckt und beide auch in einer gewissen Höhe sind, zieht sie ihren nicht vorhandenen Schwanz ein und trollt sich.

(Tut mir leid, wenn ich jetzt vorgreife, aber da ja ohnehin nie so etwas wie typisches Agatha-Christie-Whodunit-Feeling aufgekommen ist, kann ich bedenkenlos auch gleich mit der Tür ins Haus fallen: Schockiert es euch sehr, wenn ich nun schreibe, dass das Ivos letzte Szene war? Und auch die von Simonetta? Und die von Donatella erst recht? Das glaubt ihr nicht? Dann hättet ihr mal mich nach Filmende erleben sollen.)

Die Wasserschutzpolizei, die eine weitere nackte Frauenleiche aus dem Wasser fischt, und Morricones Spannungsmusik erinnern uns daran, dass wir es eigentlich mit einem Thriller zu tun haben. Es könnte sonst vergessen werden. Wer würde es uns verdenken?

Noch einer, der schon länger nicht an dem Plot – Plot? Welcher Plot? – teilgenommen hat, ist Sir Alec. Deshalb ist er auch mal wieder da. Er dreht gerade in seinem Schwimmbecken eine Runde, da steht schon wieder sein Gläubiger, der finstere Jon Swinton, vor ihm, der offenbar auch Hausbesuche macht. Glaubt es oder nicht, aber der kommt schon wieder mit seiner Forderung des Aktienverkaufs zwecks Schuldentilgung um die Ecke und unterbreitet auch ihm – wie vorhin schon Alecs Gemahlin Vivian – das unmoralische Angebot, dass er auch Morphium statt Knete nehmen würde. Alec guckt ihn mit großen Augen an und lehnt diese Alternative aus Gründen der Unmöglichkeit ab.

Da die Kamera grundsätzlich ihren Einsatz verschläft, wenn sie etwas potenziell Filmenswertes vor die Linse bekommen könnte, liegt als Nächstes eine kreidebleiche und offenkundig traumatisierte Vivian auf einer Trage und wird in einen Krankenwagen geschoben. Alec stürzt just in diesem Moment in die Szenerie und erfährt, was vorgefallen ist: Jemand hat ihre Knie in den Fußboden genagelt. Ich denke, da wollte wohl jemand die Ernsthaftigkeit seines Anliegens besonders deutlich unterstreichen. Alec ahnt das garantiert auch, hat aber für etwaige Rachegedanken zumindest vorerst keine Zeit, sondern kraucht sorgenvoll in den Krankenwagen und schmiegt sich an seine Vivian.

Hornung klärt Liz auf: „Jeder von ihnen ist verdächtig.“ Ach was? Echt? Er bringt allerdings auch einen weiteren Verdächtigen mit ins Spiel, an den Liz bis zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht eine Sekunde gedacht hat, ihrer Reaktion nach zu urteilen – und das ist ihr frischgebackener Ehemann. Sie ist ja so naiv! Ich bin geradezu erschrocken, als Hornung dann doch mit einer Info rausrückt, die er in der Zwischenzeit herausgefunden hat (oder sein Supercomputer – wir kriegen das halt immer erst nachträglich in Dialogform geliefert): Ihr Schnuckiputz war beim Bergsteiger-Urlaub ihres Vaters mit Todesfolge ebenfalls anwesend.

Abends liegt die misstrauisch gewordene Liz in ihrem Bett und überlegt, ob sie ihren abwesenden Herrn Gemahl anrufen soll oder nicht. Rhys nimmt ihr die Wahl ab, indem er kurzerhand selbst anruft. Er braucht nur das Wort „Paris“ in den Mund nehmen, da hat Liz auch schon alle Zweifel vergessen. Oooh, Paris. Schööön. Sie strahlt: Natürlich möchte sie nach Paris. Mir ist unklar, was die beiden eigentlich für eine Beziehung führen. Als Liz Rhys ihren Vorschlag unterbreitete, sie zu heiraten, um das Roffe-Imperium an ihn abgeben zu können, schien dies hauptsächlich geschäftliche Gründe zu haben. Das Love Theme deutete zwar immer wieder an, dass zumindest von ihrer Seite Gefühle im Spiel sein könnten – ehrlich gesagt finde ich das sogar sehr offensichtlich –, aber gerade unser Obergrinser hat ja gerade erst in Sizilien bei seinem Fremdfick mit Hélène ganz frisch gezeigt, wie er zum Thema Monogamie steht.

Egal. Schon sind wir in Paris, der Stadt der Liebe. Der Film hat sich schließlich schon wieder viel zu lang in Zürich aufgehalten (ungefähr drei Minuten). Liz und Rhys richten sich in ihrem Hotelzimmer ein. Sie liegt im Bett, und ihr Grinse-Charmeur schenkt ihr Champagner ein. Das ist allerdings seine letzte ehefrauenbezogene Amtshandlung für heute, er geht nämlich noch einmal aus. „Geschäftlich?“, fragt sie. „Ich habe dir sehr viel zu sagen“, antwortet er ausweichend. Als er geht, schaut sie ihm unglücklich hinterher.

Ein neues Paar Titten schiebt sich ins Bild, genauer genommen eine bis auf den Slip nackte Frau, die aus der Vogelperspektive von einem Kameramann gefilmt wird. Ah, und da ist auch schon unser bereits wohlbekannter Glatzkopf mit dem Würge-Faible. Er ist selbst splitternackt und präsentiert uns seinen blanken Arsch. Dann wieder das volle Programm wie vorhin: küssen, Brustwarzen lecken und so weiter. Wie wenig erotische Stimmung hier aufkommen soll, erkennen wir schon daran, dass Morricone uns wieder gewaltig mit seinem Suspense-Theme einheizen darf. Und auch die in der Szene vorhin nur mit einem schwarzen Schuh angedeutete vierte Person ist wieder da, diesmal etwas prominenter: der große Unbekannte mit schwarzer Jacke und schwarzem Hut, das Gesicht von der Seitenlehne des Sessels verdeckt, auf dem er sitzt. Nach etwas Fummelei geht Glatze seiner eigentlichen Arbeit nach und erwürgt die Frau. Der Kameramann schaut den schwarzen Mann fragend an. Dessen Hut nickt anerkennend. Ja, habt ihr toll gemacht, Jungs.

Am nächsten Tag gehen Liz und Rhys an der Seine spazieren. Sie reden über die verdorbene Roffe-Familie, und es kommen nostalgische Erinnerungen an den Stanley-Donen-Klassiker – und einen meiner persönlichen Lieblingsfilme – „Charade“ in mir hoch, wo Audrey Hepburn mit Cary Grant ebenfalls in Paris am Wasser spazieren ging. Das waren noch Zeiten. Da sprühten die Funken. Und nun muss ich mit Grinse-Fresse Gazzara vorlieb nehmen. Liz konfrontiert Rhys mit ihrem von Hornung gewonnenen Wissen, dass ihr lieber Gatte gemeinsam mit ihrem Papa in Garmisch-Partenkirchen rumlungerte. Rhys gibt das offen zu, aber er sei einen Tag vor der tödlichen Bergtour wieder weggefahren. „Warum hast du mir nichts davon gesagt?“, deuten sich erste Risse in der bisher doch so harmonischen Ehe an. Angeblich habe er geschwiegen, weil ihm Beweismaterial für Sabotage vorgelegen habe, das aber mittlerweile verschwunden sei. So viel (vermeintliche?) Ehrlichkeit belohnt Liz dann gleich mal mit der Preisgabe ihres Wissens um die Kassette mit der letzten Aufnahme ihres Vaters, die ebenfalls gestohlen worden sei. „Davon hast du mir nichts gesagt“, nörgelt Rhys. Tja, wie du mir, so ich dir. Wer im Glashaus sitzt … Jedenfalls fordert Rhys von nun an Zusammenarbeit und Vertrauen von seiner Frau, gerade deshalb, weil sie sich ja selbst in Lebensgefahr befinde. Gut, dass er das noch mal sagt – und das meine ich diesmal auch ganz Ironie. Man könnte es aufgrund des relaxten Verhaltens aller Beteiligten glatt vergessen.

Die Kamera schwenkt daraufhin von den beiden auf einen am Ufer stehenden Krankenwagen und eine weitere Wasserleiche, die aus dem Wasser gefischt wird. Äh, Moment. Ich dachte, die Frauenmorde finden in Zürich statt. Ich meine, schließlich durfte ja auch Hornung schon eine Leiche beschauen. Und jetzt auch noch in Paris? Wenn man die Puzzleteile sinnvoll zusammensetzen würde, käme ja eigentlich nur noch Rhys als Täter infrage, denn kaum sind wir in Paris, gibt es auch gleich hier eine Tote. Andererseits: Wie passt das dann mit dem Glatzkopf und dem Kameramann zusammen? Die hätten dann ja für ihren neuen Snuff-Film mit nach Paris kommen müssen. Das funktioniert doch alles hinten und vorn nicht. Hätte der Film mich nicht schon vorher abgehängt – ehrlich gesagt hatte er mich von Anfang an abgehängt –, jetzt wäre es endgültig soweit.

Wenn das Paar schon mal in Paris ist, kann es ja auch gleich Charles, der das französische Roffe-Unternehmen leitet, einen Besuch abstatten. Dies ist aber kein reiner Freundschaftsbesuch, wie Rhys gleich mal klarmacht: Ihm liegen Telefonate auf Tonband, Quittungsbelege und die Zeugenaussage eines Regierungsbeamten vor, die Charles belasten, Bestechungsgelder angenommen zu haben. Der kommt ganz gewaltig ins Schwitzen, erst recht, als ihm Rhys auch lediglich zwei Möglichkeiten lässt: Entweder verlässt er den Konzern freiwillig oder seine Machenschaften werden an die amerikanische Regierung weitergegeben. Würde der Film uns nicht ständig Szenen zeigen, in denen nichts Handlungsrelevantes geschieht, sondern lieber Szenen, in denen Handlungsrelevantes geschieht, würde ich dem Film viel besser folgen können. In diesem Fall stehe ich nämlich mal wieder auf dem Schlauch, wie Rhys denn herausgefunden hat, dass Charles sich der Korruption schuldig gemacht hat. Anstatt mir viermal dieselbe Geschichte vom schuldenreichen Alec zu erzählen, der von bösen Menschen erpresst wird, hätte der Drehbuchautor doch einmal zeigen können, wie Rhys ihm auf die Schliche gekommen ist.

Dann fährt Hélène mit einem Ferrari vor und betritt eilig ihr Haus, um ihren Mann wegen irgendetwas zu sprechen. Offenbar hat sie mal wieder was Handlungsrelevantes erfahren, was der Film uns aber nicht zeigen wollte. Ist ja auch egal, der Butler lässt ihr von Charles ausrichten, dass er nicht wiederkommen werde und es zwecklos sei, ihn zu suchen. Kurz stockt sie, aber dann schreitet sie entschlossen zum hinter einem Tresor versteckten Safe, nur um festzustellen, dass sämtliche darin aufbewahrten Schmuckschatullen ohne Inhalt sind. Nur einen an sie adressierten Brief hat ihr Mann zurückgelassen. Sie öffnet ihn – und ein Käfer krabbelt heraus, woraufhin sie ihn angewidert fallen lässt. Oder nicht angewidert. Oder sagt man, wenn man angewidert ist, „ach“?

(Und auch hier: Schockiert es euch sehr, wenn ich nun schreibe, dass sich auch Hélène und Charles damit auf Nimmerwiedersehen aus dem Film verabschiedet haben?)

Zur Feier des Tages, weil man ja nun endlich den bestechlichen Franzosen losgeworden ist, gehen Rhys und Liz schick im Maxim’s essen. Dort wird Rhys gefühlt von der halben und vorzugsweise auch noch jungen Damenwelt überschwenglich begrüßt, Küsschen hier, Küsschen da. Liz‘ Blicke sagen mehr als tausend Worte. Die Eifersucht trieft ihr regelrecht aus ihren hübschen Rehaugen, was auch Rhys bemerkt, weshalb er seinen ganzen Charme spielen lässt und sie als die schönste Frau bezeichnet, die er je in seinem Leben gesehen hätte. Fast könnte er damit Erfolg haben, wenn nicht im nächsten Moment eine weitere junge Frau das „Kuckuck, wer bin ich?“-Spiel mit ihm spielen würde. Das bringt das Fass zum Überlaufen, und Liz stürzt verletzt aus dem Restaurant. Rhys läuft ihr hinterher.

Schnellen Schrittes, aber nicht schnellen Schrittes genug, weil Rhys sie bald eingeholt hat, möchte Liz kein weiteres Wort mehr mit dem Womanizer reden, was ihn richtig wütend macht: „Ich gebe zu, ich habe mein Leben gelebt, aber ich habe keine Lust, mein neues Leben mit einer hysterischen Ziege zu verbringen!“ (Du verbesserst deine Chancen auf eine Aussprache damit nicht gerade, Idiot.) Er packt sie grob am Arm. (Junge, du machst es immer schlimmer… Oder, äh, doch nicht? Liz, du wirst doch wohl nicht … nein, bitte nicht …) „Siehst du das nicht? Sogar ein Blinder sieht doch, wie sehr ich in dich verliebt bin.“ Das Love Theme von Morricone setzt ein. Dagegen hat nun wirklich keine Frau eine Chance – und so mündet das Ganze in einem der unerfreulichsten Küsse der Filmgeschichte, eben weil er ihn einfach nicht verdient hat. Leider sind wir ja auch noch im Jahre 1979, da ist das schon etwas mehr Kuss als die obligatorischen Lippenpresser vergangener Tage. „Als du gestern weggegangen bist, dachte ich, ich sterbe“, jault die hysterische Ziege – und ich finde keine Worte mehr. Manchmal, aber nur manchmal haben Frauen ein kleines Bisschen (verbale) Haue gern. Es ist wohl doch was dran.

Nur fürs Protokoll, damit es nicht vergessen wird: „Blutspur“ soll eigentlich ein Thriller sein.

Derweil in Zürich. Inspektor Hornung bespricht sich mit seinen beiden Vorgesetzten, die ihn dazu auserkoren haben, die Frauenmorde aufzuklären. Nun hat der ja eigentlich mit dem Mord an Sam Roffe genug zu tun, wie man meinen sollte, aber Obacht: Die Polizei hat mittlerweile einige Snuff-Filme ausfindig gemacht – und das Filmnegativ stammt von der Firma Roffe aus Belgien! Ich glaube es nicht. Es hat nur fast 90 Minuten gedauert, bis die scheinbar völlig unabhängig voneinander laufenden Handlungsstränge endlich miteinander verknotet werden. Im Vorführraum ziehen sich Hornung und seine Vorgesetzten zur gepflegten Abendunterhaltung mal einen dieser netten kleinen Snuff-Filme rein. „’n ganz normaler Pornofilm“, zieht der Inspektor ein enttäuschtes Zwischenfazit, aber nur wenige Augenblicke später geht der Würger endlich ans Werk. Um mit dem Fall voranzukommen, schlägt Hornung vor: „Am besten, ich werde meine Freunde fragen.“ „Freunde?“, fragt einer seiner Vorgesetzten. „Ja, meine allerbesten Freunde.“

Na, und wer könnten diese allerbesten Freunde sein? Natürlich seine Computer, die er dann auch gleich auf die ganze Geschichte ansetzt. Der Sprachcomputer findet heraus (ihr glaubt gar nicht, wie lächerlich es sich anfühlt, das so zu schreiben), dass der Einkäufer des Rohfilmmaterials nicht mehr bei der Gesellschaft und dass dasselbe Filmmaterial auch nach Portugal, Rom, Hamburg und Paris gegangen sei. Ich bin ja ein wenig ernüchtert, dass der Computer zwar die Städte Rom, Hamburg und Paris benennen kann, nicht aber die entsprechende Stadt in Portugal. Hornung ist trotzdem zufrieden: „Danke!“ „Gern geschehen!“, erwidert der Computer. Ich kann mich einfach nur im Namen von Terence Young für diesen Film entschuldigen.

Erinnert ihr euch noch an Nobelpreisträger Joeppli? Auf den kommen wir tatsächlich noch einmal zurück, wenn auch nicht sehr lange. Streng genommen nicht mal eine Minute, denn er mag zwar ein echter Held in seinem Fachgebiet sein. In Sachen Menschenkenntnis ist der Nerd eine absolute Null. Er lässt nämlich den großen Unbekannten in sein Labor: „Ah, Sie sind es! Kommen Sie rein! Mrs. Williams hat mich zwar darum gebeten, es geheimzuhalten, aber das gilt natürlich nicht für Sie.“ Und zack, haut ihm der große Unbekannte auch schon mit einer Eisenstange auf den Kopf. Damit aber auch die Herzkranken im Publikum nicht zu viel Aufregung haben, soll es das auch schon wieder gewesen sein.

Stattdessen sind wir plötzlich bei Liz, die durch einen lauten Knall mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wird. Hinter dem zugezogenen Vorgang flimmert es orange. Liz reißt die Vorhänge zur Seite, und der Anblick lässt ihr das Blut in den Adern gefrieren: Vor ihren Augen sind zwei Gebäude in Flammen aufgegangen, und aus dem Roffe-Gebäude steigt Qualm hoch. Mir gefriert auch das Blut in den Adern, was aber so rein absolut gar nichts mit dem Inhalt der Szene zu tun hat, sondern allein mit dem Set-Design, wenn man es denn überhaupt Set nennen will. Das, was wir hier sehen, ist offensichtlich nichts anderes als hastig in Gebäudeform zurechtgeschnittene Pappe, die man vor einem blauen Stück Papier, das den Nachthimmel darstellen soll, deponiert und im Anschluss an zwei Stellen mit einem Streichholz angezündet hat. Herzallerliebst vor allem der ROFFE-Schriftzug in Großbuchstaben, den vermutlich ein Erstklässler mit seiner Bastelschere liebevoll und mit viel Mühe ausgeschnitten hat. Ed Wood lebt. In der darauffolgenden Einstellung von Audrey Hepburn ist das orangefarbene Flimmern über Audrey Hepburns Gesicht auch nichts anderes als das in die Gesichter der Darsteller in „Plan 9 from Outer Space“ geworfene Scheinwerferlicht, das den Überflug eines UFOs symbolisieren sollte. Und vergessen wir bitte die Rauchwolken nicht, die noch nachträglich in das Filmmaterial reinkopiert wurden. Wer sich in diese Szene nicht verliebt, hat nie geliebt. Es ist S-A-G-E-N-H-A-F-T.

Liz ist folglich am nächsten Tag völlig durch den Wind, Joeppli tot, sein Forschungslabor in Brand gesetzt – und dann weiß sie auch nicht, wo ihr Mann schon wieder steckt, der irgendwo durch die Weltgeschichte reist. In ihrem Büro in Zürich – vielleicht sollte ich das an dieser Stelle herausstellen, weil sie ja eigentlich in der Feuerszene eben wieder sehr unvermittelt von ihrer Auslandsreise aus Paris zurückgekehrt war – macht sie einen ihrer Untergebenen zur Schnecke und fordert umgehende Entlassung sämtlicher Mitarbeiter aus der Sicherheitsabteilung. In der Tat habe ich in keinem anderen ihrer Filme jemals einen derart scharfen audrey-hepburnschen Wutausbruch miterleben dürfen. Inspektor Hornung – immer da, wenn’s brennt (oder gebrannt hat) – macht Liz erneut mit brandneuen News vertraut: „Es gibt mindestens fünf Leute in Ihrer Familie, die für alles Bisherige infrage kommen, und ich kann leider Ihren Mann … Ich kann Mr. Williams nicht ausschließen.“ Ja gut, ich setze „brandneue News“ mal lieber in Anführungszeichen. Für wie blöd muss uns der Drehbuchautor eigentlich halten, dass er uns alle paar Minuten an Sachen erinnern muss, die spätestens seit dem ersten Auftritt Hornungs vor über einer Stunde klar sind? Eigentlich auch fast das einzig Klare in diesem inkohärenten Scheißdreck von einem Drehbuch, möchte ich mal so deutlich hervorheben. Damit ist Hornungs Schuldigkeit getan: „Tja, also, ich muss los, ich muss nach Rom.“ „Ivo?“, hakt Liz vorsichtshalber Nach. „Ja.“ Und nein, wir sehen Ivo trotzdem nicht wieder. Es ist eine Bemerkung ins Nichts. Sie ist vermutlich nur deshalb nicht geschnitten worden, weil Hornung ihr auch noch mitteilt, dass sie ab sofort rund um die Uhr unter Polizeischutz steht und das tatsächlich im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen wird.

Hornung packt in Liz‘ Büro gerade seine Siebensachen, als Alec atemlos hinzustößt. Die Nachrichten haben ihn sofort nach Zürich reisen lassen: „Der übliche Nebel in London. Ich bin mit dem Zug gekommen.“ Vorbildlich, die Natur dankt. Liz begrüßt ihn überschwenglich, ist er für sie doch der einzige Vernünftige aus dem verkommenen Roffe-Clan. In Alecs Augen ist die Reise des Inspektors nach Rom völlig überflüssig, weil Ivo bestimmt unschuldig ist. Er sei der Erste gewesen, den Alec und Sam überprüft hätten. Da wird Liz hellhörig: Ja, auch Alec hatte ähnlich wie Rhys Kenntnisse über diverse illegale Vorkommnisse rund um den Roffe-Konzern, und deshalb hätte Sam einen Detektiv engagiert. „Ich weiß nichts mehr. Ich will weg von hier, weg!“, jammert Liz. Ich auch, Liz, ich auch. Alec kann das gut verstehen und schlägt ihr vor, doch ein paar Tage nach Sardinien zu fahren. Er selbst werde vielleicht auch nachkommen. Das ist eine ausgezeichnete Idee! Wir haben schon wieder viel zu lange in diesem tristen Zürich ausgeharrt (drei Minuten), und Liz hat ja immerhin auch schon wieder 30 Minuten für die Firma gearbeitet. James Mason sieht in dieser Szene wirklich schlecht aus, ganz so, als hätte ihm doch schließlich und endlich gedämmert, für was für einen Mistdreck er hier unterschrieben hat. Liz muss sich erst einmal sammeln und stürmt weinend aus ihrem Büro.

Das spurlose Verschwinden ihres Mannes macht Liz gewaltig zu schaffen und macht sie nervös. Deshalb entscheidet sie sich aus dem Affekt heraus für eine hektische Durchsuchung von Rhys‘ Büro. Morricone dreht sein Suspense-Theme dabei auf Anschlag. Nach erfolglosem Wühlen im Kleiderschrank öffnet sie mit einem Brieföffner gewaltsam die abgeschlossene Schreibtischschublade und findet darin inmitten jeder Menge Papiere auch einen Brief: „Mein Liebling Rhys, es ist sehr wichtig, dass wir uns bald sehen, um unsere Pläne zu schmieden. In Liebe, Hélène.“ Dieser Brief, dazu noch ein Revolver und schließlich die verloren geglaubte Tonbandkassette sorgen bei ihr beinahe für einen Nervenzusammenbruch, aber sie hat sich noch so sehr im Griff, um in die Bürosprechanlage zu betätigen: „Rufen Sie Inspektor Hornung in Rom an, und sagen Sie ihm, Mrs. Williams erwartet ihn in Sardinien.“ Das ist besonders deshalb absolut hirnrissig, weil es noch keine fünf Minuten her ist, dass Hornung ihr Büro verlassen hat. Würde sie sich etwas sputen, könnte sie ihm vermutlich noch hinterherlaufen und ihn abfangen, anstatt den armen Inspektor erst die Reise nach Rom anzutreten zu lassen und selbst nach Sardinien zu reisen, wo sie ihn dann wiederum in Empfang nehmen kann. Die Bräsigkeit des Skripts schafft es auch zu diesem Zeitpunkt noch, mich immer wieder aufs Neue zu überraschen.

Liz erhält daraufhin vom Sicherheitsdienst die Mitteilung, dass Mr. Williams bereits im Gebäude und auf dem Weg zu ihr ist. Alec wiederum hat gerade das Haus verlassen, wofür ich größtes Verständnis habe, so abrupt, wie sie ihn eben einfach in ihrem Büro zurückgelassen hat. Liz schnappt sich Jacke und Handtasche und rennt zum Fahrstuhl, nur um dort festzustellen, dass jemand nach oben fährt. Vielleicht Rhys? Schnell versteckt sie sich im Treppenhaus hinter einer Wand und schielt um die Ecke, als sich die Fahrstuhltür öffnet. Tatsächlich ist es Rhys, der nichts ahnend gen Büroräume schlendert, während Liz den Weg nach unten übers Treppenhaus wählt. Puh, das war aber knapp. Suspense vom Feinsten. Nicht.

Ein Flugplatz! Das kann nur einen Schauplatzwechsel bedeuten. Liz entsteigt einer Maschine. „Willkommen auf Sardinien, Mrs. Williams“, macht ein lokaler Polizist klar, wo wir uns befinden. Der Mann stellt sich als einer der persönlichen Aufpasser von Liz vor und führt sie als Kavalier direkt zum Polizeiwagen, von wo aus sie gemeinsam mit dem Fahrer zu ihrem Haus aufbrechen. „Sieht nach schlechtem Wetter aus“, probiert sich der Polizist an etwas Smalltalk, aber Liz ist wenig redselig. Oder sie fragt sich innerlich ähnlich wie ich, was der da eigentlich redet, weil die Sonne und ein leicht bewölkter Himmel wahrlich kein schlechtes Wetter vermuten lassen. Aber gut, er ist der Ortskenner, nicht ich. Bei der Ankunft an ihrem Ferienhaus bläst die Windmaschine aber immerhin alibihalber ein paar Blätter von rechts nach links durchs Bild, in der nächsten Einstellung wölbt sich auch leicht ein Busch.

Nach arg halbherziger Überprüfung des Hauses durch den Polizisten tritt auch Liz ein in die gute Stube. Sie weiß sich in sicheren Händen: Drinnen wird er die Stellung halten, draußen im Polizeiwagen Fahrer Vittorio die Augen offenhalten und jedes mysteriöse Vorkommnis melden. Die ihr entgegengebrachte Fürsorglichkeit kann Liz gar nicht so recht schätzen, weil sie sichtlich schwächelt. Ihr überfreundlicher Aufpasser reicht ihr eine Kaffeetasse voller Brandy und schlägt ihr meiner Meinung nach schon fast zu beharrlich vor, sich doch eine Runde aufs Ohr zu hauen: „Ich schlage vor, Sie gehen jetzt schlafen … Es wird höchste Zeit, dass Sie sich ausruhen … Danach geht es Ihnen besser … Sie werden gut schlafen.“ Will der wirklich nur das Beste für sie?

In der nächsten Szene ist es bereits Nacht – und es stürmt tatsächlich. Ich werde nie wieder die Fachkenntnis eines Sarden anzweifeln. Rabiat wird Liz von lautem Gepoltere geweckt – es sind die gegen das Fenster schlagenden Fensterläden. Die Vorhänge wehen. Die 08/15-School of Spannungs-Filmmaking, schätze ich. Aber ich bin mittlerweile so weit, dass ich auch plumpeste Effekthascherei nehme. Nach ein paar tiefen Atemzügen auf dem anliegenden Balkon schließt Liz die Fenster und läuft die Treppe herunter, um nach dem Rechten zu sehen. Sie ruft nach ihrem Beschützer, der ja eigentlich aufpassen wollte, aber der meldet sich auch auf mehrfachen Zuruf nicht. Sie wirft einen Blick in den Eingangsbereich: auch von Fahrer Vittorio weit und breit nichts zu sehen. Ihre Aufmerksamkeit fällt auf die Kaffeetasse, aus der sie vorhin noch getrunken hatte. Da dämmert es ihr: Jemand muss ihr Schlafmittel verabreicht haben. Den Sinn und Zweck habe ich jetzt zwar nicht ganz verstanden, denn wofür ein Schlafmittel anwenden, wenn es gar nicht gewinnbringend eingesetzt wird? Ich meine, die Zeit hätte man doch glatt mal dafür verwenden können, irgendwas mit ihr anzustellen, oder? Zwecks höherer Dramatik zerdeppert sie jedenfalls die Tasse und rennt wieder ins Schlafzimmer, um sofort die Polizei zu verständigen. Doch die Leitung ist tot. BADAMM! Und dann fällt das Licht aus. BADAMM!

Woanders an einem Flugplatz – vermutlich Rom – versucht Inspektor Hornung vergeblich, Liz anzurufen, doch der tosende Sturm hat auch diese Leitung zusammenbrechen lassen. Er geht auf einen Piloten zu und fragt ihn, ob er der Mann sei, der ihn nach Sardinien bringen solle. Ja, ist er, und er hat noch andere Nachrichten für ihn parat: „Ich habe gerade jemanden hingeflogen. In dem Sturm war das kein Spaß.“ Das möchte Hornung doch gern etwas genauer wissen: „Was für ein Passagier war denn das?“ „Ein Amerikaner. Williams, er hieß Williams!“ BADAMM! Leute, die Lage spitzt sich zu, ich halte das ja kaum mehr aus hier vor Spannung.

Liz begegnet dem Stromausfall im Haus mit dem Anzünden einer Kerze und wagt sich abermals aus ihrem Bett, um einmal kurz durch die Tür zu lugen. Sie hört nicht nur Schritte, der große Unbekannte leuchtet auch bereits im Flur mit einer Taschenlampe herum. Schnell schließt sie die Tür wieder und beginnt, in ihrem Schlafzimmer wie wild herumzurandalieren, wirft Kommode und Stuhl um, reißt Gardinen runter und zerbricht einen Spiegel – aber nicht etwa, weil sie komplett den Verstand verloren hat, sondern aus taktischen Gründen. „Als Unfall kannst du es jetzt nicht mehr hinstellen“, ruft sie, und ich meine einen leichten Ätsch-bätsch-Unterton wahrzunehmen. Den kann ich mir aber auch eingebildet haben. Vielleicht will der große Unbekannte es aber auch gar nicht wie einen Unfall aussehen lassen. Im nächsten Moment dringt nämlich Rauch durch den unteren Türspalt, und hinter einem Fenster erscheinen bereits Flammen. Nur wenige Augenblicke später brennt auch schon die robuste, aber garantiert nicht feuerabweisende Holztür. Liz muss sich also etwas einfallen lassen, und der einzige Weg, nicht bei lebendigem Leibe zu verbrennen, ist eine Kletterpartie auf dem Dach. Erschwert wird die Kraxelei durch zu locker sitzende Dachpfannen, die sie mehrfach fast abstürzen lassen.

Da hört sie eine Stimme: „Elizabeth, du schaffst es! Kleine, du kannst es schaffen!“ Es ist – Alec, der vom Balkon zu ihr hochruft. Da hört sie eine andere Stimme: „Hör nicht auf ihn!“ Es ist – Rhys, der vom direkt angrenzenden Nebenbalkon zu ihr hochruft. Unser Dank darf übrigens wieder dem unfähigen Amateur im Schnittraum gelten, der sich für folgende Schnittfolge entscheidet: Außenaufnahme vom brennenden Haus mit geschlossener Balkontür und ohne Rhys – Nahaufnahme von Liz auf dem Dach – Rhys auf dem Balkon. Der ist also einfach ganz plötzlich da, obwohl er eine Sekunde vorher noch gar nicht zu sehen war. „Er bringt dich um!“, ruft Rhys. „Die Mordanschläge gehen alle auf sein Konto! Er ist es! Er will dich umbringen!“, ruft Alec. Nein, ist das spannend. Rhys oder Alec? Alec oder Rhys? Brite oder Ami? Ami oder Brite? Wem kann sie trauen?

„Bleiben Sie, wo Sie sind! Die Feuerwehr ist unterwegs!“, ruft noch eine ganz andere Stimme durch ein Megaphon. Es ist Hornung, der sich unbemerkt von allen mit Hubschrauber in den Garten des Anwesens teleportiert hat. Neben ihm steht ein Scharfschütze, der unschlüssig ist, auf wen er denn nun sein Gewehr mit Zielfernrohr richten soll. Hornung ist mit dieser Frage ebenfalls überfordert. Rhys und Alec machen weiter jeweils Werbung für sich. Liz solle doch bitte wieder vom Dach auf den Balkon herunterklettern – je nach Sichtweite entweder in Rhys‘ oder in Alecs Arme. Rhys spielt die Alec-hat-mir-die-Kassette-zugespielt-, Alec die Wir-sind-Blutsverwandte-Karte. Am meisten an dieser Szene gefällt mir, dass Rhys endlich sein dämliches Grinsen vergangen ist – und es wird noch weniger, als Liz sich dafür entscheidet, sich in Alecs Arme gleiten zu lassen. Hornung macht das Gewehr zur Chefsache und entreißt es dem Scharfschützen – freilich ohne nach wie vor selbst die Peilung zu haben, wen er ins Visier nehmen soll. Durchs Zielfernrohr sieht er einerseits, wie Rhys eine Waffe zückt, und andererseits, wie Alec Liz fest in seinen Armen hält und – für den Fall, dass er der Mörder ist – strategisch klug ihren Körper als Schutzwall verwenden kann, falls Hornung abdrücken sollte.

Doch wer ist denn jetzt der Täter? Ich bin mir sicher, ihr seid gespannt wie die Flitzebögen. Dann bitte jetzt nicht blinzeln, denn plötzlich sehen wir, wie Alec ein rotes Band in seinen Händen hält, das man mit etwas Phantasie mit den roten Bändern assoziieren könnte, die der Glatzkopf seinen Opfern um den Hals band, bevor er sie mit bloßen Händen erwürgte. Und da das, was sich da aus dem Blickwinkel des Zielfernrohrs und somit auch für uns zwischen Liz und Alec abspielt, vom Balztanz über eine innige Umarmung bis hin zum Todeskampf alles sein könnte, ist es an Liz, uns zu verdeutlichen, dass ihr nicht gefällt, was der Mann in ihren Armen da tut: „Alec! Alec! Hör auf!“

Deshalb hören wir im nächsten Moment auch einen Schuss, der als Volltreffer just in dem Moment in Alecs Rücken landet, als der sich wohl mal für wenige Augenblicke günstig für Hornung ins Fadenkreuz des Gewehrs gedreht hat. Alec sackt daraufhin schwer verletzt zusammen und stammelt: „Ich konnte nicht anders. Ich … ich … ich … habe das alles nicht gewollt, aber … aber Vivian.“ Das tut Liz fast schon wieder leid: „Oh, Alec!“ „Ein Unfall … du wärst gefunden worden. Vivian … Vivian …“ Dann stirbt er, und es hätte mich auch schwer gewundert, wenn er mit seinen letzten Worten noch etwas halbwegs Befriedigendes von sich gegeben hätte. Will er damit sagen, dass er Liz ermorden wollte, weil er sie für Vivians kaputte Knie verantwortlich macht? Weil er seine Schulden ihretwegen nicht begleichen konnte? Oder was genau war das Motiv? Und warum ließ er Prostituierte vor laufender Kamera ermorden? Was haben die mit Liz zu tun? Gab es doch einen zweiten Täter, von dem wir nie erfahren werden? Und überhaupt und wie und was? Ich habe stechende Kopfschmerzen.

Wie dem auch sei: Die Zeit drängt für Liz. Bevor das Haus noch bis auf die Grundfesten niederbrennt, sollte sie schon langsam mal raus da, wenn ihr ihr Leben lieb ist. Das fällt ihr immerhin bei aller Trauer um den Mann, der sie vielleicht ermorden wollte – wie gesagt ist ja nicht so ganz klar, ob er das wirklich tun oder nur kräftig mit ihr schmusen wollte –, jetzt auch ein. Rhys auf dem Nebenbalkon feuert sie an, doch bitte vom Geländer ihres Balkons aus direkt in seine Arme zu springen. Das gelingt dem Audrey-Hepburn-Double zwar nicht ganz elegant, aber es gelingt, und das ist doch die Hauptsache. Hornung gibt dem Scharfschützen sein Gewehr zurück, und in Großaufnahme hält sich das Ehepaar Williams im Arm, und Rhys küsst sie. Schatz, du hast mich zwar bis vor einer Minute noch für einen Mörder gehalten, und ich bin ein Arschloch, das am Tag unserer Hochzeit gleich mit Hélène gevögelt hat, und vielleicht werde ich es auch wieder tun, weil ich sehr potent und gutaussehend bin, aber macht nichts, werden wir glücklich bis an unser Lebensende. Schmatz.

THE END.

Das kommt also dabei heraus, wenn man sich eigentlich vornimmt, sich diesmal kürzer zu fassen – man schreibt sogar noch länger. Aber um die geradezu provokant unzusammenhängenden Szenenfolgen, die erstaunlicherweise trotzdem zu einem Film verbunden wurden, in ihrer vollen Pracht nachvollziehen zu können, ist es notwendig, bloß nichts auszulassen.

„Blutspur“ ist eine Herausforderung für jeden Zuschauer, der das, was er sieht, eigentlich auch verstehen möchte – für Zuschauer, die von einem Film erwarten, dass er auch eine Geschichte erzählt, doch fürwahr: Das, was hier erzählt wird, ist bis auf das Grundgerüst um den Mord an Sam Roffe eigentlich keine richtige Geschichte, sondern ein Episodenfilm mit bemüht bunten, meist egoistisch-korrupten (und blutleeren) Figuren, die einfach kommen und gehen, wie sie wollen. Würde der Film nicht in den letzten zehn Minuten doch noch auf die Ausgangslage zurückkommen und aus ziemlich heiterem Himmel eine Auflösung (ob überzeugend, ist eine andere Frage) herbeiführen, hätte er sogar gar keinen Plot. Bis dahin mäandert das Drehbuch ziellos vor sich her und legt Fährten aus, die es, anstatt sie weiter zu verfolgen, einfach auslaufen lässt. Das ist sicherlich auch schon anderen Autoren passiert, aber es ist schon ein Kunststück, wie viele offene Enden Laird Koenig zurücklässt, indem er einzelne Figuren teilweise sogar schon am Anfang des letzten Drittels einfach aus dem Spiel nimmt. Nicht dass deren Schicksale sonderlich von Interesse wären, aber wenn man bedenkt, wie viel Zeit für die Scharmützel draufgeht, die die Charaktere hier auszutragen haben, ist es schon mehr als nur dreist, sie völlig im Sande verlaufen zu lassen. So hängen am Ende zahllose Handlungsfäden einfach so nutzlos in der Luft rum, ohne dass sie jemand abgeschnitten hätte:

– Ivos außereheliche Affäre mit Donatella und deren Drohung, es seiner Frau zu erzählen
– Charles‘ Schmuckdiebstahl und Hélènes Reaktion darauf
– die schwer verletzte Vivian und ihr Schicksal
– Jon Swintons Schicksal
– der Verbleib und die Identität des (falschen?) Bergführers
– die Umstände der Snuff-Filmproduktion und der Zusammenhang mit dem Mord an Roffe

Das sind lediglich die vermeintlich größten Fragen, auf die der Film keinerlei Antworten gibt. Während ich vor allem aber die Nichtklärung der ersten drei Punkte an sich schon happig genug finde, ist die stiefmütterliche Behandlung des Snuff-Film-Angles in der hier präsentierten Form eine absolute Frechheit. Habe ich die Angelegenheit ohnehin frühzeitig als noch größeren Fremdkörper im Vergleich zu all den anderen lächerlichen Geschichtchen der Roffe-Familienmitglieder ausgemacht (inklusive der Krakau-Episode im 19. Jahrhundert) – ehrlich, das erste Auftauchen des Glatzkopfs mit anschließendem Nippelsaugen und finaler Strangulation der Prostituierten provozierte bei mir bei Erstansicht nochmaliges Zurückspulen, um mich selbst zu vergewissern, ob das gerade wirklich passiert ist –, wird dieser zweifellos geschmacklose Nebenstrang auf wundersame Weise in einem Nebensatz mit der eigentlichen sogenannten Handlung verknüpft, um ganz zum Schluss in zwei sekundenkurzen Einstellungen noch einmal aufgegriffen zu werden (das rote Bändchen in den Händen des Mörders, das auch um die Hälse der toten Frauen baumelte) und gleichzeitig doch nichts zu erklären – und noch mehr Fragen nach sich zu ziehen, die ich ja oben bei der Enthüllung des Killers bereits gestellt habe.

Trotzdem will ich noch einmal kurz darauf eingehen: Die letzten gestammelten Worte des Killers lassen vermuten, dass er der neuen Präsidentin des Roffe-Konzerns die Verletzung seiner Frau (oder gar deren Ermordung – wir erfahren es ja nicht) übelnimmt, die aus seiner Sicht nur daraus resultieren kann, dass sie die Firma nicht in eine offene Aktiengesellschaft verwandelt. Ob das wirklich der Grund ist oder letztlich doch nur die rasende Wut auf sie, weil er seine Schulden nicht bezahlen kann, lässt sich nicht hundertprozentig klären. Allerdings habe ich bei meinen Recherchen zu diesem Film erfahren, dass im US-amerikanischen Fernsehen auch einmal eine erweiterte Version gelaufen sein soll, die mit 155 Minuten nicht nur über 40 Minuten länger geht als die Kinofassung, sondern auch Sir Alec und seine Hintergründe näher beleuchtet. Darüber hinaus sind darin dem Vernehmen nach ausgedehnte Sexszenen und weitere Snuff-Morde zu sehen. So wurde in der Kinofassung auch ein Mord am deutschen Fotomodell Ursula Buschfellner herausgeschnitten.

An anderer Stelle – allerdings nur an der Stelle – las ich auch, dass Sidney Sheldon, dessen Vorlage ich wie gesagt nicht kenne, dem Mörder eine Motivation selbst für die Snuff-Filmproduktion mit auf den Weg gegeben hat: Darin ist Alec impotent und Vivian ihm untreu, indem sie sich mit anderen Männern vergnügt. Entsprechend manifestiert sich in ihm ein Hass auf die untreue Ehefrau, und um diesen auszuleben, engagiert er einen Psychopathen, der Frauen erwürgt, die vorher wie seine Frau zurechtgemacht sind, und einen Kameramann, der diese Taten filmt. Das rote Band tragen die Frauen deshalb, weil Vivian ein solches bei der ersten Liebesnacht mit Alec um ihren Hals getragen hat. Dies würde dann sogar so etwas wie Sinn machen, und wenn es noch so abstrus ist. Vielleicht können das ja Sheldon-Leser bestätigen. Jedenfalls hat man nichts davon in die letztendliche Fassung übernommen – eben nur die beiden Szenen mit dem Glatzkopf, und die hätte man bedenkenlos ersatzlos streichen können, ohne dass dem Film etwas Entscheidendes verloren gegangen wäre. Offenkundig gingen die Produzenten aber davon aus, dass die neue Lust des Publikums an Sex- und Gewaltdarstellungen auch die jüngere Zielgruppe in den Film locken könnte und ließen sie wenigstens rudimentär drin. Dass aber wohl keiner der zahlreichen Fans von Audrey Hepburn so etwas in einem Film mit Audrey Hepburn sehen wollte, wollte ihnen dabei nicht in den Kopf.

Doch auch von diesen schwachsinnigen Snuff-Sequenzen abgesehen spart „Blutspur“ bekanntlich nicht mit Idiotien: Es reicht nicht, dass das Drehbuch nicht eine vernünftige Sache mit seinen Figuren anzufangen weiß, es müssen auch noch unbedingt Science-fiction-Elemente in Form des obergenialen Sprachcomputers mit rein, die nun wirklich der absolute Gipfel sind – und ein Meisterwerk der Einfallslosigkeit obendrein. Auch wenn es sich hierbei um keinen HAL 9000 handelt, ist er doch verdammt nah dran. Welcher Autor wirklich der Meinung ist, einen fast wie ein Mensch brabbelnden Sprachcomputer einzubauen, der einem ermittelnden Inspektor bei seinen Recherchen helfen muss, sollte schon aus Prinzip für keine weiteren Drehbücher mehr gebucht oder wenigstens in die Kinderfilmabteilung zwangsverfrachtet werden. Und ganz und gar Berufsverbot im Bereich Film sollte er erhalten, wenn der Sprachcomputer dann ohnehin nur reichlich Zeit totschlägt – und gleichzeitig so absolut gar nichts mit der Aufklärung des Falls zu tun hat. Vielmehr wird er abgesehen noch von einem kurzen entsetzlich sinnlosen Zwischenspiel (was bringt den Polizisten eigentlich die vom Computer ausgegebene Info, dass die Snuff-Filme nicht nur in der Schweiz kursieren, sondern in ganz Europa?) ebenso vergessen wie die Hälfte der Figuren auch. Aber der Film hatte einen futuristischen riesigen Sprachcomputer! Toll!

Am unglaublichsten aber ist ohnehin diese Ansammlung an internationalen Top-Stars. Ich meine, zwei oder drei, da wäre ich noch mitgegangen, zumal auch ein James Mason – er war ein Jahr zuvor in dem doch schon reichlich trash-behafteten „The Boys from Brazil“ zu sehen – oder ein Omar Sharif seinerzeit nicht immer so wählerisch war, aber dass sich die komplette Riege wie ein Who-is-Who des Weltkinos liest und das Drehbuch offensichtlich so akzeptiert hat, als sie ihre Unterschrift unter den Vertrag setzte, ist das eigentliche achte Weltwunder.

Audrey Hepburn wollte dem Vernehmen nach aussteigen, als ihr klar wurde, dass in dem Film nackte Frauen umgebracht werden – und man muss ihr schon eine für ihre 50 Jahre erstaunliche Naivität bescheinigen, wenn ihr erst im Nachhinein aufgefallen ist, was bereits Sidney Sheldon als Vorlage abgeliefert hat. Durch ihre Mitwirkung fühlt man sich in einigen Momenten auch unweigerlich an vorherige Werke von ihr erinnert: Das Finale ist eindeutig eine eigentlich nur leicht abgewandelte Form von „Warte, bis es dunkel ist“, nur ohne jede Klasse, was umso trauriger ist, weil der Regisseur hier wie dort ja Terence Young war. Die Verdachtsmomente, die ihre Liz gegen ihren neuen Gatten Rhys hegt, wiederum sind „Charade“ entlehnt, in der sie es auch mit einem zwielichtigen, nach außen hin hilfsbereiten Mann zu tun bekam.

Hepburn spielt ihre Rolle in „Blutspur“ gewohnt professionell runter, auch wenn ihr Wutausbruch nach dem Brand im Roffe-Konzern befremdlich wirkt, doch es ist schon frustrierend, dass sie in ihrem Alter immer noch die beschützenswerte zarte Frau geben muss. Hier ist sie zwar eine entscheidungsfreudige Frau, die auch vor unpopulären Entscheidungen nicht zurückschreckt, aber im Finale ist sie dann doch wieder die Hilflosigkeit in Person, die ohne männliche Hilfe das Filmende nicht erlebt hätte. Bei Sheldon ist die Hauptfigur Liz übrigens in den Zwanzigern, aber weil man Hepburn für die Rolle gewinnen konnte, hat man sie im Drehbuch dann doch etwas älter gemacht (da ihr Filmvater Sam Roffe 64 Jahre alt, muss das Drehbuch sie eigentlich eher in den Dreißigern verorten als als 50-jährige). Dies ist folglich auch der hauptsächliche Grund, warum man Hepburn hier nur als fehlbesetzt bezeichnen kann.

An ihrer Seite grient sich Ben Gazzara wie schon betont quasi mit einem Gesichtsausdruck durch den Film und strahlt dabei stets eine gewisse Von-oben-herab-Attitüde aus, die ihn doch eher wie das Arschloch vom Dienst denn als Love Interest für eine Frau wie Audrey Hepburn infrage kommen lässt, in seiner unsensiblen Aktion im Pariser Restaurant mündend, mit jeder attraktiven und ungefähr halb so alten Frau zu turteln, sich dann hinterher darüber aufzuregen und seine Gemahlin als hysterische Ziege abzukanzeln. Gazarras Dauergrinsen ist allerdings – und so fair müssen wir sein – von seiner Warte aus verständlich: Audrey Hepburns Ehe mit ihrem zweiten Ehemann Andrea Dotti war am Ende, und so durfte er sich für einige Zeit mit ihr in eine Affäre stürzen. Die beiden spielten auch unter der Regie von Peter Bogdanovich 1981 in dessen New-York-Liebeserklärung „Sie haben alle gelacht“ mit.

James Mason versucht mit altbritischem Understatement einigermaßen ordentlich aus der Nummer herauszukommen – und das, obwohl er ja drehbuchgemäß Killer und perverser Auftraggeber von Snuff-Filmen und Live-Beobachter beim Nuttenstrangulieren ist. Zum Glück bringt das Skript – ich betonte es mehrfach – den Snuff-Film-Aspekt so ungeschickt, uneindeutig und vage rüber, da wir ihn auch bei den Morden nie selbst in Aktion sehen, dass ihm sein Vorhaben auch gelingt. Unser Teutonen-Export Gert Fröbe wiederum scheint an seiner Rolle als schrulliger Inspektor, dessen einzige Freunde seine Computer sind, durchaus Gefallen gefunden zu haben und bringt sogar trotz seiner ja wie eh und je kräftigen Struktur eine gewisse Lebendigkeit mit, die der überwiegenden Mehrheit seiner Schauspielkollegen völlig abgeht. Und er rettet als großer Held am Ende sogar den Tag. Ist doch auch mal was Feines.

Omar Sharif hatte sich beim Dreh längst damit abgefunden, sein Leben lang für alle nur Dr. Schiwago zu sein, und hat dementsprechend auch nicht viel zu verlieren. Auch hier kann ich mich nur wiederholen: Er ist unter den Roffe-Angehörigen der Einzige, der ordentlich Leben in die Bude bringt, und den Film von vornherein so angeht, wie ihn jeder hätte angehen sollen: als nicht ernst zu nehmende Komödie. Offensichtlich soll er sogar das Comic Relief sein, wie auch seine letzte Szene zeigt, in der er ja mit Frau und Kindern vor seiner Geliebten durch den Park flieht. An seiner Seite agieren Irene Papas als seine Frau Simonetta und Claudia Mori als seine Geliebte Donatella, die man gerechterweise auch noch zu den aktiveren Darstellern im Cast zählen kann.

Eher dröge Maurice Ronet (Charles), dessen prägnanter Schnäuzer das Einzige ist, was richtig auffällt, und auch seine Filmehefrau Romy Schneider ist eher zurückhaltend unterwegs. Dann sei auch noch Beatrice Straight erwähnt, die als Sekretärin und Freundin unserer weiblichen Hauptfigur in der Filmmitte schon etwas sehr würdelos entsorgt wird, dafür, dass sie erst zwei Jahre vorher den Oscar eingesackt hatte. Ach ja, und Michelle Phillips (Vivian) war schon ein echt heißer Feger (kein Wunder, dass auch Jack Nicholson und Warren Beatty sich in die Reihe ihrer Liebschaften einreihen wollten). Viel zu tun hat sie hier in gerade mal drei längeren Szenen ja nicht.

Die 12 Millionen Dollar sind vermutlich samt und sonders für die Stars drauf gegangen, denn wenn die nicht wären, würde man sich echt fragen, wo denn nur das ganze Geld hineingesteckt wurde. Am ehesten vielleicht noch in die Kleidungsstücke – vor allem die Damenwelt, allen voran natürlich Audrey Hepburn, trägt doch recht exquisite und hübsche Sachen, wenn ich das als jemand, der eigentlich ein absoluter Laie auf dem Gebiet der Kostüme ist, mal so am Rande sagen darf. Auch Ennio Morricone ist offenbar gut genug bezahlt worden, um einen seiner patentierten erlesenen Scores auf die Beine zu stellen. Seine Musik ist eigentlich viel zu schade für diesen Film; in einem besseren Werk hätte sie durchaus ihre Wirkung in den Bereichen der Romantik und Spannung einbringen können. So wirkt sie eindeutig vergeudet, wenn sie für geschmacklose Morde an nackten Frauen eingesetzt wird.

Andere wichtige Produktionsbausteine mussten dann folglich mit dem kläglichen Rest finanziert werden. Dann darf man sich aber eben auch nicht wundern, dass in den Bereichen zusätzlich an Qualität gespart werden musste, aber das lässt dann ja auch gern mal das Herz von Trash-Connaisseuren umso höher schlagen – und da gibt es in „Blutspur“ reichlich zu entdecken. Eine besondere Freude sind die scheußlichen Kulissen, allen voran die herrlich billigen Rückprojektionen und Stadtpanoramen, die eher halbherzig als Hintergründe in die Sets gepflanzt wurden und uns mal eben wieder rund 20 Jahre in der Zeit zurückkatapultieren, in der es noch nicht so peinlich war wie 1979, auf gemalte Hintergrundbilder zu setzen. Absolutes Highlight ist der oben ausführlich angesprochene Firmenbrand, in der gebastelte Miniaturbauten von Hausfassaden angezündet werden. Ist ja auch viel günstiger, als echte Gebäude brennen zu lassen. Auch das nachgebaute Krakauer Ghetto und nicht zuletzt das Fantasy-Rotlichtmilieu (ich glaube, keiner, der das gebaut und gedreht hat, war je in den Kreisen unterwegs), in dem sich der glatzköpfige Psychopath in einer Szene herumtreibt, dürfen nicht vergessen werden.

Hach ja, und dann noch ein Absatz über den Schnitt. Ich kann mich nicht entsinnen, in einem Film dieser Preisklasse schon einmal nachlässigere Montagearbeit erlebt zu haben. Ein paar besonders furchtbare Beispiele habe ich bereits genannt. Der Fahrstuhlabsturz thront meiner Ansicht nach aber ganz oben auf der Inkompetenzskala. Manchmal verliert man als Betrachter auch jegliches Gefühl für Ort und Zeit. Klar, das ist natürlich auch auf das konfuse Drehbuch zurückzuführen, weil die Geschichte bekanntlich von Ort zu Ort holpert und im Prinzip nie richtig zur Ruhe kommt, aber es ist dennoch bemerkenswert, mit welcher Konsequenz die Schauplatzwechsel bis zum Finale durchgezogen werden: Zwei Szenen nacheinander am selben Ort sind schon die Ausnahme, lieber wird alle drei bis fünf Minuten nicht nur die Stadt, sondern auch das Land gewechselt. Dabei geraten die Zeitabläufe nicht selten durcheinander, wenn hier Figuren von Punkt A losfliegen, um noch am selben Tag an Punkt B zu sein, um dann am nächsten Tag wieder pünktlich zum Meeting an Punkt A einzutreffen. Ein Trip von Zürich nach Krakau ist ebenso schnell drin wie von Rom nach Zürich oder London nach Zürich. In der einen Szene ist eine Figur in Paris, zwei Sekunden später wieder in der Schweiz. Wie ich schon schrieb: Vermutlich hat sich niemand in dieser Welt so sehr an der Umwelt vergangen wie die Schlingel aus der Roffe-Familie mit ihrem immensen Flugmeilenverbrauch. Ich erhebe mein Glas auf Editor Bud Molin. Danke, hat Spaß gemacht.

Das quietschblöde Drehbuch, die billigen Kulissen und der katastrophale Schnitt sind dann auch schon die größten Peinlichkeiten, die „Blutspur“ aufbieten kann. Ansonsten würde ich behaupten, daß der Film vor allem eines ist: Trash für Fortgeschrittene. Objektiv gesehen ist er nicht nur in wesentlichen Aspekten erschreckend schwach, er ist zudem zugegebenermaßen stinköde, weiß nie, in welche Richtung er gehen will, kommt nie zu Potte und irrt viel zu ziellos im luftleeren Raum umher. Nur zwei Szenen können letztlich die Aufmerksamkeit erhöhen, eben weil sie wie der Blitz aus heiterem Himmel kommen, und das sind die Ausflüge auf die Exploitation-Schiene. Als Thriller ist er ein Rohrkrepierer und bewegt sich permanent an der Nulllinie entlang, kurz vor Herzstillstand. Und obwohl er spektakuläre Sequenzen meidet wie der Teufel das Weihwasser, funktioniert dieser Stinker auf seine Weise ganz ausgezeichnet: Die Fallhöhe ist durch Namen wie allen voran Audrey Hepburn, James Mason und Romy Schneider enorm – und tatsächlich ist es ein nicht ganz unbeträchtliches Vergnügen, den Film fallen zu sehen und fallen zu sehen und fallen zu sehen. Tut mir leid um Audrey Hepburn, aber edler Big-Budget-Trash.


BOMBEN-Skala: 7

BIER-Skala: 6


mm
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