Blood Quantum


  • Original-Titel: Blood Quantum
  •  
  • Regie: Jeff Barnaby
  • Land: Kanada
  • Jahr: 2019
  • Darsteller:

    Michael Greyeyes (Traylor), Elle-Máijá Tailfeathers (Joss), Forrest Goodluck (Joseph), Kiowa Gordon (Lysol), Olivia Scriven (Charlie), Stonehorse Lone Goeman (Gisigu), Brandon Oakes (Bumper), William Belleau (Shooker), Devery Jacobs (James), Gary Farmer (Moon)


Vorwort:

Traylor (Michael Greyeyes, V-WARS, TRUE DETECTIVE) ist Sheriff des Micmac-Reservats Red Crow und hat mit den üblichen Problemen einer solchen Reservation zu tun – Vandalismus, Alkoholismus, Rassismus und sonstige –ismen. Im Reservat herrschen Arbeits- und allgemeine Perspektivlosigkeit, häusliche Gewalt ist immer wieder ein Thema, und die Leute aus der „Stadt“, der predominant weißen Siedlung auf der anderen Seite des Sees, wollen so wenig wie irgend möglich mit den Rothäuten zu tun haben. Was auch bedeutet, dass Feuerwehr oder Ambulanz sich Zeit lassen, bis sie sich, wenn angefordert, in Red Crow sehen lassen. Auch privat könnte Traylor sich bessere Zeiten wünschen – von seiner Frau Joss (Elle-Máijá Tailfeathers, THE EMBARGO PROJECT), die als Krankenschwester im Stadt-Krankenhaus arbeitet, ist er geschieden, und seine beiden Söhne (von verschiedenen) Frauen sind beides geradezu vorbildliche Problemfälle. Der Ältere, Lysol (Kiowa Gordon, TWILIGHT-Saga), ist ein stadtbekannter Sauf- und Raufbold, und der Jüngere, Joseph (Forrest Goodluck, THE REVENANT, THE MISEDUCATION OF CAMERON POST) scheint seinem Halbbruder in einem fehlgeleiteten Versuch brüderlichen Bondings nachzueifern, obwohl er eigentlich kein übler Kerl ist und eine weiße (und schwangere) Freundin hat, Charlie (Olivia Scriven, DEGRASSI) und so finden sich beide in der Arrestzelle der Stadtpolizei wieder, wo Traylor sie auslösen darf. Sofern er noch dazu kommt, denn es häufen sich rätselhafte Ereignisse.

Frisch gefangene Lachse sind sprichwörtlich nicht totzukriegen, selbst wenn ihr Fischer sie bereits ausgenommen hat, und auch ein erschossener Hund macht keine Anstalten, sich friedlich zur Ruhe zu begeben. Nur die reinigende Kraft des Feuers beendet den Spuk. Der sich aber schon längst ausgebreitet hat – Lysols und Josephs Zellengenosse verwandelt sich, nachdem er ein paar Liter Blut ausgekotzt hat, in ein sabberndes Meuchelmonster, das Joseph beißt, bevor es erlegt werden kann, und auch, als Traylor per Notruf zur hochschwangeren Frau eines ebenfalls allgemein bekannten Alkoholikers und Arschlochs gerufen wird, erweist sich die Holde als aggressiv und stutenbissig. Traylor kann sich nur mit einem Kopfschuss retten.

Nun, Traylor und seinem Vater Gisigu (Stonehorse Lone Goeman) sind schnell zur Überzeugung gekommen, dass sie inmitten einer amtlichen Zombie-Apokalypse hocken…

Sechs Monate später leben die gebissenen Traylor und Joseph aber immer noch – es hat sich herausgestellt, dass die Indianer aus irgendwelchen Gründen zumindest soweit gegen die Seuche immun sind, als dass Zombie-Bisse sie nicht selbst in fleischfressende Untote verwandeln; gegen eine zünftige Ausweidung helfen ihre First-Nation-Gene allerdings nicht. Red Crow ist zur Festung geworden und es ist gut möglich, dass das einstige Reservat der letzte noch nicht zombieversuchte Ort auf Manitous Erdboden ist. Traylor versucht ein fragiles Gleichgewicht zwischen zwei Fraktionen zu halten, die pikanterweise maßgeblich von seinen Söhnen angeführt werden. Während Joseph mit der mittlerweile kurz vor’m Werfen stehenden Charlie es für allgemeine Menschenpflicht hält, ohne Rücksicht auf Hautfarbe und genetische Zusammensetzung Red Crow zu einem „safe haven“ für alle Überlebenden zu machen, hält die Hardliner-Fraktion um Lysol, nicht völlig ohne Berechtigung, dies für ein unkalkulierbares Risiko und plädiert stark dafür, die Tore der Siedlung nur für authentische Rothäute zu öffnen. Bislang haben sich Traylor und Joss, die als 1-Frau-medizinische-Versorgung der Siedlung amtiert, eher auf Josephs Seite geschlagen, aber natürlich stößt die kleine Enklave menschlicher Zivilisation auch langsam an die Grenzen dessen, was sie zu versorgen imstande ist.

Als Joseph mal wieder ein paar nicht-indianische Überlebende anschleppt, eskaliert die Situation. Lysol hat nun langsam endgültig die Nase voll und plant die gewaltsame Machtübernahme, und da Joss – ausgesprochen dämlicherweise – sich hinsichtlich der Antwort auf die Frage, ob Lilith, die jüngste Neuankömmlingen, denn vielleicht schon mal gebissen wurde, auf deren schiere verbale Antwort verlässt (HEY! Die heißt LILITH!), anstatt mal wenigstens einen halben Blick auf deren Astralkörper zu werfen, haben die Micmac die Apokalypse direkt in ihr Wohnzimmer geholt. Dummerweise just in dem Moment, als Traylor, Gisigu und einige der fähigsten Zombiekiller der Micmac unterwegs sind, um aus einer von Zombies besetzten Tankstelle Sprit zu apportieren. Scheinbar also freie Bahn für Lysol, alles umzulegen, was nicht rotpigmentiert ist, ob Zombie oder nicht.

Inhalt:

Another day, another zombie flick. Da ist man eigentlich schon lang beim „been there, done that, bought the T-Shirt“-Schulterzucker angekommen, aber da und dort gibt’s tatsächlich noch vergleichsweise „frische“ Ansatzpunkte für das Untotengenre.

Jeff Barnaby, selbst ein Angehöriger des Stammes der Micmac und in einer Reservation aufgewachsen, kombiniert in seinem zweiten Film nach dem ebenfalls im Red-Crow-Reservat angesiedelten Crime-Drama RHYMES FOR YOUNG GHOULS die Zombie-Apokalypse mit der Leidensgeschichte der indianischen Urbevölkerung Nordamerikas. Dabei nutzt er die Zweiteilung des Films (ein etwa halbstündiger erster Act, in dem er den Ausbruch der Zombieseuche schildert, und den „Rest“ nach dem Zeitsprung, in dem die Welt nun bereits amtlich am Arsch ist und die kleine Indianersiedlung wahrscheinlich die letzte Bastion un-untoten Lebens des Planeten), um zwei der großen Ungerechtigkeiten bzw. Verbrechen, die den First Nation People angetan wurden, quasi getrennt zu thematisieren – denn dass ein von und mit Native Americans (bzw. Canadians) gedrehter Film, der ihr Indianersein zum primären Aufhänger macht, nicht nur ein run-of-the-mill-Zombieschlonzer sein wird, sondern auf jeden Fall mindestens glaubt, etwas zu Geschichte und Befindlichkeiten dieser Völker auszusagen, das dürfte jedem klar sein, der sich BLOOD QUANTUM reinzieht.

Die erste Phase des Films bildet also (minus natürlich gedärmausreißender Untoter) so etwas wie den status quo ab. Selbstverwaltung der Indianer-Gebiete schön und gut, aber was hilft’s im Endeffekt dem Roten Mann, wenn er selbst im Sheriff-Auto durch das Reservat patrouillieren und den Gesetzeshüter spielen darf, wenn diese Autonomie nicht mehr als eine Schein-Autonomie ist. Im Reservat fehlt es an allem: Jobs, vernünftigem Wohnraum, Infrastruktur, Versorgern wie Krankenhaus und „funktionierender“ Polizei, Möglichkeiten zur Ablenkung, schlicht eben jeder Perspektive auf eine Existenz, die über „sich besaufen und vor sich hin vegetieren“ hinausgeht. Da ist es dann schon beinahe zweitrangig, ob die Verachtung, die den Reservat-Bewohnern von Seiten der überwiegend weißen „townies“ entgegenschlägt, auf echtem „ethnischem“ Rassismus basiert oder „nur“ auf der Überzeugung, sozial mehrere Stufen über dem arbeitslosen, versoffenen und gewalttätigen Gesindel am anderen Seeufer angesiedelt zu sein. Eine Gemengelage, in der der arme Sheriff Traylor schon im „Idealzustand“ alle Hände voll zu tun hat, auch ohne einen missratenen Sohn daran zu hindern, den noch nicht missratenen anderen Sohn mit in den Abgrund aus petty crime und Drogen zu reißen, von einer amtlichen Zombiekatastrophe gar nicht erst zu reden.

Ein durchaus spannender – und jedenfalls noch nicht zu Tode gerittener – Backdrop für das pflichtschuldige Eintreffen der Untoten, das nicht von Ungefähr zunächst von den Alteingesessenen unter den Indianern bemerkt wird; denen, die noch mit der Natur im Einklang sind und von ihr leben, fällt logischerweise zuerst auf, dass diese Natur verrückt spielt und zur Bedrohung wird. Dabei verzichtet BLOOD QUANTUM auf einen speziellen, konkreten Auslöser der Misere. Wie auch? Die Micmac, die mehr oder minder als einzige überhaupt Gelegenheit haben, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, sind keine Wissenschaftler und können sich überhaupt nicht auf mehr als „wird wohl an der Umweltverschmutzung“ (die natürlich aufs Kerbholz des weißen Mannes geht) einigen.

Barnabys Kunstgriff mit dem Zeitsprung, bevor wir überhaupt etabliert haben, dass die Indianer immun gegen Zombiefizierung sind (und das Schicksal von Traylor und Joseph ungewiss bleibt), erlaubt ihm, die Perspektive zu wechseln und den Aspekt der aktuellen Diskriminierung hintanzustellen; natürlich wird er darauf zurückkommen, gerade in Form des umgekehrten Rassismus, den Lysol – wie gesagt, aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – hegt, pflegt und zur Eskalation treibt, aber als „big picture“ nutzt Barnaby diese Phase des Films als Metapher auf das kolonialistische Eindringen des weißen Manns in den Lebensraum der amerikanischen Ureinwohner. Wie zu Zeiten der spanischen und englischen Eroberer/Siedler bringt der Weiße das Unglück, die Krankheit in die rote Community (und wie im 16./17. Jahrhundert ist es die im Nachhinein falsche Gastfreundschaft der Indianer, die ja auch im „echten Leben“ zunächst durchaus freundschaftliche Beziehungen zu den Einwanderern pflegten, die zur Katastrophe führt. Lysols ethnisch-isolationistischer Ansatz ist rein faktisch gesehen also völlig richtig, nur die Konsequenzen, die er aus seiner Überzeugung zieht, und die Methoden, mit denen er sie umzusetzen gedenkt, sind ein ganz klein wenig übertrieben rabiat).

Natürlich ist die Moral von der Geschicht, das Weiße und Rote ihre Differenzen überwinden und sich – hier durchaus im wortwörtlichen Sinne – vereinigen müssen, um das Überleben der Menschheit an und für sich zu gewährleisten (oder, da bei aller Freundschaft nicht unbedingt davon auszugehen ist, dass das Überleben der Menschheit gegeben ist, zumindest das Aufrechterhalten der Hoffnung auf das Überleben der Menschheit), ein bisschen simpel und naiv, aber wenn man 90 Minuten verfolgt hat, wie nach und nach alles vor die Hund geht, darf’s am Ende dann auch mal ein bisschen simpel und naiv, dafür aber hoffnungsfroh sein.

Inszeniert ist die ganze Angelegenheit durchaus kompetent. Auch dramaturgisch hilft die Zweiteilung dem Writer/Director Barnaby, das Tempo konsequent hochzuhalten, erzählt er doch quasi zwei Filme in einem (bzw. liefert der Film sein eigenes Sequel mit). Dass der erste Teil, also der Ausbruch der Zombieapokalypse, keinen eigenen dramaturgischen Abschluss hat, sondern mehr oder minder „mittendrin“ im schönsten Trommelfeuer des Untergangs abbricht und in den zweiten Teil überleitet, ist in diesem Fall ein ziemlich gekonnter Bruch mit der Erwartungshaltung des Publkums. Das erlaubt Barnaby auch, die zweite Phase ein wenig ruhiger einzuleiten, da wir zunächst mal die neue Situation etablieren – es wird dabei nicht „langweilig“, weil wir, auch wenn nicht sofort wieder Zombies arglosen Opfern die Organe extrahieren, sofort in den Konflikt zwischen Joseph und Lysol geworfen werden werden (mit Traylor als „Schiedsrichter“, dessen Autorität aber im besten Falle auf wackligen Füßen steht). Dabei macht der Film es, wie gesagt, sich nicht zu einfach mit schwarz-weiß-Malerei. Lysol, obwohl der „Schurke“, ist faktisch ja im Recht, und Joseph, der „Held“ IST derjenige, der, wie Lysol es vorhergesehen hat, die Seuche nach Red Crow bringt (dabei ist Lysol sich aber auch klar, dass er für Joseph weder ein gutes Vorbild ist noch sein will… wie er es selbst ausdrückt: „Ich bin einfach ein Arschloch.“). Auch hier etabliert Barnaby einen Konflikt, ein Drama, das den plakativen Ausbruch der Zombieseuche gar nicht zwingend bräuchte, die Charaktere selbst liefern schon ordentlichen Stoff. Aber natürlich wollen wir in einem Zombie-Film auch die Zombie-Action sehen, und BLOOD QUANTUM ist, für den Gorehound erfreulich, kein Film, der sich auf seiner Message ausruht, sondern auch in Sachen Blood’n’Gore seine goods delivered.

Die Make-ups und zahlreichen (un-)angenehm old-schooligen Prosthetics und Gore-Effekte besorgt Erik Gosselin (BEING HUMAN, CRIMSON PEAK, HUNGRIG), der in der Hinsicht auch keine Fragen offen lässt. Die gelegentlich eingesetzten Digitaleffekte sind nicht immer überzeugend, werden aber auch spärlich genug benutzt, um nicht offensiv negativ aufzufallen.

Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank gut, wobei ich mein Herz insbesondere an Stonehorse Lone Goeman verloren habe, der den alten Vater Traylors als willensstarke und gnadenlose Kampfsau spielt – mit seinem katana meuchelt er Untote, als wäre er die Reinkarnation einer ganzen Horde blutrünstiger Samurai… Respekt. Michael Greyeyes ist souverän als geplagter Traylor, Kiowa Gordon legt vielleicht etwas zu viel Gewicht auf die Arschloch-Seite seines Charakters, dafür ist Forrest Goodluck ein wenig zu zurückhaltend, aber insgesamt ist das alles, speziell im Rahmen eines Zombiefilms, absolut akzeptabel.

Am Ende des Tages erfindet natürlich auch BLOOD QUANTUM das Genre nicht neu, aber dem Film gelingt allemal der Balanceakt zwischen gorehoundbefriedigender Blut- und Splatterorgie und sozialkritischem Message-Movie. Damit kann man leben.

© 2020 Dr. Acula


BOMBEN-Skala: 4

BIER-Skala: 6


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