Black Death


  • Deutscher Titel: Black Death
  • Original-Titel: Black Death
  •  
  • Regie: Christopher Smith
  • Land: Großbritannien/Deutschland
  • Jahr: 2010
  • Darsteller:

    Sean Bean (Ulric), Eddie Redmayne (Osmund), Carice van Houten (Langiva), David Warner (Abt), Kimberley Nixon (Averill), Johnny Harris (Mold), Tim McInnery (Hob), Andy Nyman (Dalywag), John Lynch (Wolfstan), Thorsten Querner (Folterknecht)


Vorwort:

Irgendwo in Europa (angeblich England, aber mich soll der Schlag treffen, wenn der Film das tatsächlich ausspricht), im 14. Jahrhundert – die Pest grassiert und macht schockiernederweise nicht einmal vor Klostermauern halt. Der junge Mönch Osmund, der sich ersichtlich mit dem Zölibat noch nicht so ganz angefreundet hat, schickt seine Freundin Averill fort, um sich in den Wäldern vor der tödliche Seuche in Sicherheit zu bringen. Averill möchte, dass er sie begleitet, doch er ziert sich; immerhin eine Woche will sie auf ihn warten. Wenig später erscheint Ritter Ulric, Abgesandter des Bischofs, im Kloster, in Begleitung einiger Soldaten und einer mobilen Inquisitionseinheit. Man hat gehört, dass in den Sümpfen eine Ortschaft existiert, die von der Pest wundersamerweise nicht betroffen ist. Das kann nur Teufelswerk sein, bzw. auf dem Mist eines staatlich geprüften Nekromanten gewachsen sein, und dagegen hat die Kirche aus eher grundsätzlichen Erwägungen so dies und jenes einzuwenden. Ulric braucht einen ortskundigen Führer, und Osmund, dem nicht entgangen ist, dass das ominöse Dorf ungefähr in der Gegend liegt, in die er Averill geschickt hat, meldet sich freiwillig.

Auf dem Weg stört Osmund eine spontane Hexenverbrennung und muss am vereinbarten Treffpunkt feststellen, dass dort anstelle Averill nur ein paar Fetzen ihres Gepäcks und höchst unerfreuliche Blutspuren auf ihn warten. Dummerweise führt er die ausführenden Banditen noch direkt zum Lager seines Trupps – das anschließende Scharmützel und der Tod eines der Soldaten macht ihn bei Ulrics Leuten nicht beliebter. Dafür erreichen sie aber doch ihr Ziel, ein kleines Dorf in den Sümpfen, und in der Tat sind die Leute dort bei ausnehmend guter Gesundheit. Wie Ulric schon befürchtete, haben die Dörfler dem Christengott abgeschworen und sich in die Hände der Zauberin Langiva begeben. Die möchte speziell Osmund gern zu einem ihrer Gefolgsleute machen und arrangiert nur für ihn die Wiedererweckung der toten Averill…

Inhalt:

Das District 9-Symptom schlägt wieder zu. Nein, nicht das mit dem Hype usw. (schließlich kam „Black Death“ mit dem Vorausgetöse von so ziemlich sheer nothing zum Festival), sondern das mit dem „den-hätte-ich-mir-drei-Tage-später-auch-völlig-regulär-im-Kino-ankucken-können“. Lassen wir mal dahingestellt, dass ich das eh nicht geschafft und auf die DVD hätte warten müssen (und abgesehen davon lief dagegen das Kurzfilmprogramm, und zu dem konnte ich mich noch in keinem Festivaljahr aufraffen)…

Für diese deutsch-britische Produktion taten sich auf kreativer Seite zwei Burschen zusammen, die dem Horror- und Dreiefff-Freund schon mal aufgefallen sein könnten. Screenwriter Dario Poloni verfaßte „Wilderness“, der vor drei Jahren, denke ich, auf dem FFF lief und von mir als ganz patent beurteilt wurde, Regie führte Christopher Smith, dessen Erstling „Creep“ mit Franka Potente vor, na, sechs Jahren in der FFF-Sneak gezeigt wurde und der mit „Severance“ und „Triangle“ zwei ziemlich wohlgelittene Genrebeiträge abgeliefert hatte. Offenbar hatten die beiden Maestros ein ähnliches Bedürfnis wie Kollege Neil Marshall und hielten den Schwenk vom Horror-/Thrillerkram zum Historiendrama für eine kluge Entscheidung.

„Black Death“ hat gegenüber Centurion aber schon mal einen dicken Vorteil – das bessere Setting und das bessere Szenario (also eigentlich schon zwei Vorteile. Hat schon seinen Grund, warum ich nicht Mathematiker geworden bin), denn während Marshall für „Centurion“ nicht mehr einfiel als die üblichen Kriegsfilmklischees um 2000 Jahre in die Vergangenheit zu versetzen (respektabel, aber unoriginell), ist das finstere Mittelalter (und das 14. Jahrhundert mit Pest und Cholera ist ja so ungefähr das, was man meint, wenn man vom „finsteren Mittelalter“ spricht) und ’ne „kleine“ Inquisitions-Expedition (also nicht „Hexen bis aufs Blut gequält“-mäßig) durchaus ein vergleichsweise origineller Background, zumal es nicht wirklich viele Filme gibt (zumindest solche, die mir einfielen), die diese Epoche so dreckig-schmutzig-authentisch zeigen, wie’s zu wünschen ist. Daher rennt „Black Death“ sowieso schon mal offene Türen bei mir an (und das Thema Inquisition, Hexenwahn und verwandte Gebiete ist eins, das mich auch persönlich enorm interessiert).

Es wird ein wenig SPOILERlastig, daher also mal ’ne generelle Warnung.

Smith gestaltet „Black Death“ denn auch hauptsächlich als Drama mit nur gelegentlichen Auflockerungen durch Action- und Horrorversatzstücke (es gibt zwei kurze, dafür aber auch zünftige Kampfszenen und das, was man „echten Horror“ nennen mag, bleibt recht zahm), interessiert sich also weniger für spekulative Gewaltexzesse (der Hexenfolterfreund wendet sich gelangweilt ab), sondern für seine zentralen Charaktere und einige interessante moralische Fragen. An Charakteren hätten wir primär natürlich Osmund, den Novizen, der zwar durchaus fest im Glauben, aber offenkundig noch nicht völlig davon überzeugt ist, dass das Leben im Kloster sein Ding ist (weswegen er sich eine ausgesprochen weltliche Freundin hält und deren Sicherheit nun nicht ausschließlich in Gottes Hände legen möchte) und der demzufolge von Langiva als aussichtsreicher Kandidat für eine symbolträchtige Konvertierung ausgekuckt wird (interessanterweise ist Langiva keine klassische „Teufelsanbeterin“, sondern verehrt eher Naturkräfte an sich, ist also praktisch eine 14th-century-Wicca mit weniger Skrupeln) – als die gefangenen Christensoldaten vor die Wahl „Tod oder Abschwören“ gestellt werden, macht Langivas Verhalten klar, dass es ihr letztlich ausschließlich um Osmund geht; ein anderer Mann aus der Truppe, dem das diesseitige Leben näher liegt als die vage Aussicht auf’s Himmelreich, und der deswegen panisch konvertiert, wird von ihren Schergen pragmatisch am nächsten Baum aufgeknüpft. Praktisch alles, was Langiva tut, ist letztlich eine von ihr inszenierte Show, um Osmund zu beeindrucken (obschon sich der Film da nicht endgültig festlegt, lehne ich mich soweit aus dem Fenster und behaupte, dass Langiva keinerlei „realen“ übernatürliche Kräfte hat).

Ulric dagegen ist zweifellos ein mean mutherfuckin‘ servant of God, aber ohne Absolutheitsanspruch – er steht voll und ganz hinter der Mission, Langiva und ihre Schergen entweder mit oder ohne fairem Prozess permanent aus dem Verkehr zu ziehen, aber er unterstützt den Hexenwahn der einfachen Bevölkerung nicht, kann aber nicht viel dagegen unternehmen (es ist eine der stärksten Szenen des Films – und Sean Beans – als er die „Hexe“, die von ein paar hysterischen Dörflern verbrannt werden sollt, im Gegensatz zu Osmunds Erwartung nicht befreit, sondern mit einem Schwertstreich tötet. Wie er ausführt, hätten die Dörfler sie umgehend verbrannt, sobald die Soldaten außer Sichtweite sind: „I spared her suffering. Sometimes that is all you can do.“ Brr. Gänsehaut.)

Kommen wir zu den moralischen Fragen. Interessanterweise finden sich z.B. in den IMDb-Threads zum Film einige Stimmen, die den Film für Inquisitions-Rechtfertigung und Kirchenpropaganda halten. Das liegt meines Erachtens ziemlich neben den Spur, denn wenn überhaupt, scheint mir der Streifen eine eher atheistische oder meinetwegen agnostische Message zu vertreten; letztlich läuft der Streifen darauf hinaus, dass Religion *jeder* Art (oder zumindest der missionarische Eifer, andere Leute mit der eigenen Glaubensrichtung zwangszubeglücken) gefährlich ist. [Ich wiederhole meine SPOILER-Warnung]. Es *ist* letztlich mit Ulric ein Christ, der die Pest in das bis dahin sichere Dorf bringt (und das kann man schwerlich als Werbung für den christlichen Glauben verstehen; es sei denn, man ist irgendwo in der geistigen Nachbarschaft der „Gods hates fags“-People), genausowenig ist es aber nach meinem Verständnis Langivas Blutkult, der das Dorf schützt (meines Erachtens ist der Grund, warum das Dorf bis dato pestfrei war, einfach die Abgelegenheit und Unzugänglichkeit), dessen barbarische Menschenopfer vielmehr ihr Scherflein zum Untergang der Dorfgemeinschaft beitragen; und von dem ziemlich bösartigen Epilog (den ich auch verschiedentlich heftig kritisiert gesehen habe… dabei halte ich auch den für ein ziemliches Meisterstück des Scripts) will ich gar nicht erst anfangen – wer darin Propaganda für das Christentum sieht, dessen Moralkompass ist für mich ziemlich verschoben…

Anyway, gerade durch die regelrecht fatalistische (und dabei für meine Begriffe ziemlich unparteiische) Beobachtung, dass die gegenseitige Intoleranz von Christen und Naturgottheitanbetern zur totalen Katastrophe führt, macht sich der Film, ohne diese Botschaft mit der Brechstange zu vermitteln, durchaus tages“politisch“ relevant und gibt ein paar Denkanstöße, wohin Fundamentalismus jeder Couleur führen kann und beinahe unausweichlich führt.

Formal macht Smith seine Sache gut – „Black Death“ sieht zwar nicht so aus, als hätte er ein Multimillioneneuro-Budget zu verbraten gehabt, mit großartigen Bauten und Sets hält man sich vornehm zurück; das Sumpfdorf ist aber durchaus hübsch geraten und der Kontrast dieses hellen, sauberen Horts des Friedens mit der düsteren, dreckigen Pestwelt, die wir zu Beginn vorgeführt bekommen, bildet einen netten Kontrapart zur Rollenverteilung der „aufrechten Christen“ und den „bösen Teufelsanbetern“. Kameraführung (von Sebastian Edschmid, der zwischen deutschen TV-Produktionen und europäischen Kinoarbeiten pendelt) und Schnitt sind deutlich über dem Durchschnitt angesiedelt, die Actionszenen ordentlich choreographiert und nicht ganz so dem hektischen HD-Chaos-Stil verfallen wie die in „Centurion“. This being more of a character drama setzt Smith nicht auf rasantes Tempo, sondern behutsame Entwicklung, ruhigen Erzählstil und vordergründig unspektakuläre Bilder, die dennoch ihre Wirksamkeit nicht verfehlen (z.B. das Ritual, das Langiva zur Wiedererweckung Averills veranstaltet; die Entdeckung der verfallenen und geschändeten Kirche im Dorf, oder Osmunds Konfrontation mit der wiedererweckten Averill). Christian Hensons („Severance“, „Triangle“) Score unterstützt die Stimmungen angemessen.

Gore- und Splattereinlagen werden nicht geboten, die meisten „blutigen“ Szenen sind außerhalb des sichtbaren Bildausschnitts, hinter dem Rücken anderer Charaktere oder durch ähnliche Stilmittel verborgen – es ist kein Film für Gorebauern.

Dafür aber einer für Fans von Sean Bean, der hier seinen Boromir aus dem „Herrn der Ringe“ kanalisiert (man könnte echt meinen, er wäre gerade vom „Ringe“-Set rübergewandert), aber hier für eine tiefgründigere, facettenreichere Rolle abwandelt. Ich *bin* Sean-Bean-Fan und attestiere ihm eine großartige Leistung (und eigentlich braucht man keine rosarote Brille, um das zu erkennen). Eddie Redmayne („Die Schwester der Königin“, „The Good Shepherd“) wirkt anfänglich etwas blässlich, was aber auch dem Charakter geschuldet ist, der nunmal jung und unsicher ist. Gen Filmende konstatiert man – das hat er gut gemacht. Carice van Houten („Repo Men“, „Operation Walküre“, „Black Book“) bekommt die notwendige, leicht „außerweltliche“ Präsenz der rätselhaften Langiva hervorragend hin, Johnny Harris (RocknRolla, London to Brighton, „Dorian Gray“), Tim McInnerny („10 1 Dalmatiner“, „Severance“, „Richard III.“) und Andy Nyman (The Tournament, „Severance“) leisten in ihren Nebenrollen adäquate bis wirklich gutklassige Arbeit.

Fazit: „Black Death“ könnte für Smith die Reifeprüfung sein, an der Kollege Marshall unter gleichen Voraussetzungen (vorher einige passable Genrefilme im Köcher) bei „Centurion“ trotz allen Bemühens gescheitert ist – ein Film, der Mainstream genug ist, um das Potential für ein breiteres Publikum als nur die Horrorcrowd zu haben, gleichzeitig die Genre-Roots seiner Macher nicht völlig verleugnet (sie nur reduziert und in einen anderen Kontext setzt) und nebenher auch noch intelligent ist; die oft strapazierte Floskel „kraftvolles Historiendrama“ bietet sich hier ausnahmsweise mal wirklich an. Wenn man da noch die famose Vorstellung von Sean Bean dazu nimmt, bleibt als Resümee eigentlich nur: verdammt guter Film, auch wenn er etwas völlig anderes ist, als man von Smith erwarten konnte/durfte/musste.

4/5
(c) 2010 Dr. Acula


mm
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