Bauernopfer – Spiel der Könige

 
  • Deutscher Titel: Bauernopfer - Spiel der Könige
  • Original-Titel: Pawn Sacrifice
  •  
  • Regie: Edward Zwick
  • Land: USA
  • Jahr: 2014
  • Darsteller:

    Tobey Maguire (Bobby Fischer), Liev Schreiber (Boris Spassky), Michael Stuhlberg (Paul Marshall), Peter Sarsgard (Father Bill Lombardy), Edward Zinoviev (Efim Geller), Alexander Gorchkov (Iivo Nei), Lily Rabe (Joan Fischer), Robin Weigert (Regina Fischer), Seamus Davey-Fitzpatrick (Bobby als Teenager), Aiden Lovekamp (Bobby als Kind)


Vorwort

1972 – auf Island findet die Schachweltmeisterschaft zwischen dem sowjetischen Champion Boris Spassky und dem jungen Amerikaner Bobby Fischer statt. Zur zweiten Partie erscheint Fischer aber nicht, weil er damit beschäftigt ist, sein Hotelzimmer nach Wanzen (der elektronischen Art) zu durchsuchen…

Wir blenden zurück ins Jahr 1951, der kleine Bobby wächst bei seiner streng kommunistisch eingestellten Mutter auf und findet Freude nur am Schachspiel. In der Hoffnung, ein Match gegen einen richtigen Schachspieler würde Bobby den Spaß am Spiel verderben, schleift Mama Fischer ihn zu einem von New Yorks besten Spielern. Der besiegt Bobby, muss aber einräumen, dass der Kleine mächtig was auf dem Kasten hat. Und für Bobby ist die erste Niederlage nur Ansporn, immer besser zu werden. Mit 12 wird er US-Schachmeister, bald schon der jüngste Großmeister aller Zeiten. Doch er weiß – um der Welt zu zeigen, dass er der Beste ist, muss er die Russen schlagen.

Bobby nimmt an einem internationalen Turnier teil, doch als er sieht, dass die Russen sich untereinander Remis zuschieben, um ihre Kräfte für die Partien gegen die Westler zu schonen und vor allem Bobby am Turniersieg zu hindern, steigt er wütend aus – und zwar aus dem ganzen Sport.

Ein mysteriöser Anwalt namens Paul Marshall überredet ihn, für’s Vaterland bei einem Freundschaftsspiel für die Amerikaner gegen die Sowjets zu spielen. Der Priester und Schachmeister Bill Lombardy, einer von Bobbys wenigen Freunden, erklärt sich bereit, als Chaperone mit nach Kalifornien zu fahren. Zutiefst frustriert von den schlechten Bedingungen, die sich ihm bieten, dieweil die Russen First Class residieren, stellt er Forderungen, für deren Erfüllung Marshall sorgt. Bobby dringt ins Finale vor, wird aber dort von Spassky geschlagen.

Dennoch ist das Comeback einigermaßen gelungen und obwohl Bobby zunehmend irritierendes Verhalten an den Tag legt und eine gesund-ungesunde Paranoia entwickelt, beginnt der Weg zu einem richtigen WM-Kampf. Sowohl auf Fischer als auch auf Spassky lastet der enorme Druck, jeweils der Vertreter nicht nur einer Nation, sondern einer Ideologie zu sein, und ganz besonders die Amerikaner brauchen angesichts des desaströsen Vietnamkriegs und Watergate dringend ein nationales Erfolgserlebnis. Aber kann Bobby, dessen Geisteszustand kaum mehr als nur annähernd normal beschrieben werden kann, und der, obwohl selbst Jude, überall die jüdische Weltverschwörung wittert, dieses liefern? Doch beabsichtigt oder nicht – Bobbys Eskapaden, Forderungen und Durchdreher beginnen bei Spassky Wirkung zu zeigen…


Inhalt

Schach ist nicht gerade ein ausgesprochen kinematischer Sport, ist es doch eine rein intellektuelle Angelegenheit. Ich zweifele nicht an, dass es für Schachfreunde eine wahrer innerer Orgasmus sein muss, zwei Großmeistern bei einer großen Partie zuzusehen, aber für den gemeinen Feld-, Wald- und Wiesenmenschen, der, wie ich, es schon für ein enormes Erfolgserlebnis hält, einem Schachcomputer auf Turnierstufe 40 Züge abzutrotzen, ehe er spektakulär matt gesetzt wird, ist vermutlich selbst die Weltmeisterschaft im Domino telegener.

Edward Zwick, Spezialist für zeitgeschichtliches Kino, nimmt das legendäre WM-Spiel von 1972, als Grundlage für eine Kombination aus packendem Psychodrama und Kalter-Krieg-Metapher. Fischer, alles andere als ein lupenreiner amerikanischer Patriot (wenn auch Kommunistenfresser), wird zur unfreiwilligen Schachfigur im großen Spiel der Weltmächte. Für jemanden, dessen psychische Gesundheit schon von der Jugend her ausgesprochen fragil ist, kann eine solche Drucksituation logischerweise nicht gesund sein – und schon gar nicht, wenn die Atmosphäre *tatsächlich* politisch-paraonid aufgeladen ist, wirklich mit Abhöranlagen operiert wird – wie heißt es so schön: Nur weil du paranoid bis, heißt das noch lang nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.

Zwick legt auf die Eigenheiten des Schachspiels im Allgemeinen und die des WM-Spiels im Besonderen keinen großen Wert. Man muss also kein Schachfan sein, nicht Notierungen auswendig kennen und den Unterschied zwischen einer sizilainischen Verteidigung und einem Damengambit kennen. Sollte das tatsächlich mal dramaturgisch wichtig sein, wird’s erklärt, ansonsten die eigentlichen Spiele keinen besonders großen Raum ein. Zwick interessiert sich stärker für den Menschen Fischer und die verschrobene Art und Weise, auf die er tickte, und die Reaktionen auf sein Umfeld. Nicht wenige zeitgenössische Kommentatoren hielten Fischers irrationales Verhalten für erstklassig ausgeführten Psychokrieg gegen Spassky – insbesondere die „verlorene“ zweite Partie und werten Spasskys Willen, auch unter Fischers Bedingungen weiter zu spielen, als seinen größten Fehler (der Film postuliert, dass Spassky Fischers „Wahn“ als ein bequemes Out zur Vermeidung einer peinlichen Niederlage sieht und deswegen unbedingt spielen will, während Fischer selbst und die meisten Schachgelehrten Spassky als fairen Sportsmann sehen).

Ein paar dramaturgische Freiheiten erlaubt sich Zwick – was im Film das dramatische Finale ist, war in Wahrheit die sechste (von 21!) Partien; sie gilt allerdings als eins der besten Spiele aller Zeiten und das „wahre“ Ende war nicht sehr kinematisch. Die letzte Partie wurde vertagt, über Nacht sinnierte Spassky über die Stellung und ließ dann am Morgen telefonisch mitteilen, dass er nicht weiterspielen werde. Nicht gerade ein gloriöser Moment filmischen Triumphs, also verständlich, dass Zwick sich eine andere Situation aus dem Match als Abschluss aussuchte.

Die darstellerischen Leistungen sind einmal mehr beachtlich. „Spider-Man“ Tobey Maguire ist genau der richtige Typ, um Fischers Mäandern zwischen schüchtern-zurückhaltend, durchgeknallt und arrogant-selbstsicher darzustellen, und Liev Schreiber, der Spassky als eine Art sowjetischen Rockstar mit Sonnenbrille und Entourage, der auch mal seinen Bewachern ausreißt, um Flippern zu gehen, spielt, steht ihm, obwohl er fast alle seine Dialoge auf Russisch zum besten gibt, in nicht viel nach. Michael Stuhlbarg als Anwalt mit mutmaßlichen Geheimdienst-Connections würde mir besser gefallen, wäre er Paul Giamatti, Peter Sarsgard („The Killing“, „Jackie“) überzeugt als Fischers Mentor/Handler Lombardy.

Ebenfalls positiv: der geschmackvoll zusammengestellte Soundtrack (jeder Film, der „White Rabbit“ im Soundtrack hat, ist ein Gewinner).

Ergo: eine packende Psychostudie und ein spannender Schachthriller in einem. I’m on a roll lately 🙂

4/5

(c) 2017 Dr. Acula


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