Amityville Haunting, The


  • Deutscher Titel: The Amityville Haunting
  • Original-Titel: The Amityville Haunting
  •  
  • Regie: Geoff Meed
  • Land: USA
  • Jahr: 2011
  • Darsteller:

    Jason Williams (Douglas Benson), Amy Van Horne (Virginia Benson), Devin Clark (Tyler), Tyler Shamy (Greg), Gracie Largent (Melanie), Mary LeGault (Ivey), Luke Barnett (Ronald J. Defeo Jr.)


Vorwort:

Das weltberühmte Spukhaus in Amityville, in dem einst Ronald Defeo seine Familie abmurkste und in dem später die Familie Lutz ins Bockshorn gejagt wurde, findet wieder mal neue Besitzer. Die Bensons, für die das Haus offenkundig die Siegprämie der Reality-Show „Amerikas unsympathischte Spacken-Familie“ darstellt, ziehen ein: Papa Douglas ist Ex-Soldat, Kontrollfreak und Egozentriker, Mama Virginia durchsetzungsschwaches Hausweibchen, die ältere Tochter Lori ist eine mit ihrem Smartphone verwachsene Doofzicke, Sohn Tyler hält sich für einen großartigen Dokumentarfilmer und geht mühelos jedem menschlichen Wesen innerhalb von zwei Sekunden mit seiner Videokamera maßlos auf’n Sack, und nur die jüngere Tochter Melanie scheint einigermaßen alle Latten am Zaun zu haben. Bis auf die kleine Melanie wissen alle Bensons um die garstige Vergangenheit des Gemäuers, das deswegen aber eben auch erschwinglich ist. Virginia und speziell Lori sind alles andere als begeistert ob der Historie, aber Melanie ist regelrecht verliebt ins Haus und Tyler wittert vor allem günstige Gelegenheiten, einen großen Dokumentarfilm zu drehen.

Dass sich die Maklerin unmittelbar nach dem Verkaufsgespräch auf der Türschwelle den Hals bricht, wird von allen Beteiligten noch als ziemlich bedauerlicher Unfall angesehen. Etwas schwieriger wird’s für Doug, sein Weib die Contenance wahren zu lassen, als am nächsten Tag einer der gedungenen Möbelpacker die Treppe runterfällt und ebenfalls verscheidet. Doch es sind nicht nur die sich stapelnden Leichen, die zur Beunruhigung des Familienclans beitragen – Türen öffnen sich von selbst, Dinge fallen ohne Fremdeinwirkung runter, Tyler findet ein Handy, das eine heimliche Spukhaus-Party von Jugendlichen mit fatalen Folgen mitgefilmt hat, und, last, but not least, Melanie entwickelt eine besorgniserregende Beziehung mit einem „imaginary friend“. Doug installiert neumodischte Überwachungstechnologie, fängt damit aber erst mal nur Loris heimlichen Freund Greg. Nachdem Paps sich mit Müh und Not dazu durchringen kann, den Töchterschänder lieber nicht zu erschießen, sondern nur achtkantig rauszuwerfen, wird Tyler Augenzeuge, wie Greg von etwas Unbekanntem attackiert wird.

Langsam beginnt auch Doug zu glauben, dass an der ganzen Spukgeschichte was dran ist, doch leider Gottes wirkt sich das ziemlich derangierend auf seinen Geisteszustand aus…

Inhalt:

Asylum und Amityville. Das musste ja irgendwann so kommen – schließlich ist die Spukgeschichte um das Amityville-Haus zumindest, was die elementaren Rahmendaten (also die Defeo-Morde und der Hype um die Lutzes) Allgemeingut; solange man als Filmemacher nicht direkt Charaktere und Ereignisse der Filme und Bücher aufgreift, ist man bei freiem Fabulieren vor Copyright-Anwälten relativ sicher.

Asylum und Found Footage. Das ist ja kein neues Terrain für unsere Lieblingsbilligfilmklitsche. Und eigentlich ist es schon fast verwunderlich, dass es so lange gedauert hat, bis jemand auf die Idee kam, die nicht totzukriegende Legende um das Amityville-Spukhaus und den Found-Footage-Krempel (den ja eigentlich keiner mehr sehen will, wenn man glaubt, was so geschrieben steht. Nur seltsam, warum der Kram immer noch so gut läuft) zu verbinden. Unsere Freunde von Asylum gehen sogar ziemlich weit, was die Aufrechterhaltung des Scheines „alles, was Sie sehen, ist wahr“ angeht – „The Amityville Haunting“ kommt komplett ohne Vor- und Abspann aus, die einzige Credit-Einblendung ist am Ende eine kurze Texttafel, die Geoff Meed und seinen Cutter Cody Peck als zuständig für „Zusammenstellung und Schnitt“ identifizieren. Nun darf man sich – mit Recht – fragen, was, außer der potentiell kassenträchtigen Verbindung eines Trends mit einem etablierten „Franchise“ (auch, wenn man nur an dessen Rockzipfeln hängt), „Amityville Haunting“ erzählen könnte, was nicht die umpfzig Amityville-Filme einerseits oder die nicht minder umpfzigen „Paranormal Activities“ schon aufwendiger, spannender oder effektiver auf die Leinwand bzw. den Bildschirm gebracht haben. Die Antwort ist leider: eigentlich nix. Wer irgendetwas *neues* erwartet, sei es zum Themenkomplex Amityville noch zum technischen Gimmick Found Footage, ist mal wieder sprichwörtlich im falschen Film. „Amityville Haunting“ käut nur reichlich lustlos alle Versatzstücke wieder, die wir eh schon seit ewigen Zeiten leid sein (ich will jetzt nicht wieder das Bonmot „Eine Tür knarzt – Der Film“ anbringen, aber es ist nun mal eine ziemlich inhärente Krankheit des Found-Footage-Spukhaus-Films, dass er nicht wirklich viel zeigen kann).

Wie immer fängt’s schon damit an, dass es keinen rechten Grund dafür gibt, dass jemand, in diesem Falle Tyler, der dreizehnjährige Aushilfs-Michael-Moore, offensichtlich jede Sekunde seines Tagesablaufs mitfilmt (jaja, er dreht eine „Dokumentation“. Dokuschmoku, selbst dann gibt’s ja nicht wirklich eine Rechtfertigung dafür, jedes Frühstück zu filmen), und natürlich auch einiges, was er unmöglich mitfilmen können sollte – und dann trotzdem praktisch immer, wenn mal theoretisch etwas passieren könnte, das, was passiert, nicht im Bild ist. Meed peppt die wackligen Handkameraaufnahmen noch mit statischen Überwachungskamerashots, teilweise in s/w, auf, was zumindest ein bisschen mehr dramaturgische Deckung aufweist als Tylers Perma-Filmerei, aber auch das Mittel wurde ja schon vielfältig in Found-Footage-Heulern verwendet und kann diesem Film daher nicht als Originalitätsmerkmal ausgelegt werden.

Aber damit könnte man leben, das ist nun mal eine Sache, mit der man bei Found Footage leben muss. Schlimmer ist, dass wir es mal wieder mit Charakteren zu tun haben, denen man spätestens nach fünf Minuten die Pest an den Hals wünscht. Der gesamte Benson-Clan, mit Ausnahme von Melanie, die kann ja nicht wirklich was dafür, dass der Spuk sich (öha, SPOILER) zentral um sie rankt, besteht aus unsympathischen, unmögbaren Arschkrampen, die sich stets zuverlässig auf die denkbar dümmste Weise verhalten, sich gegenseitig (und den Zuschauer) ankotzen und mit denen wir trotzdem augenscheinlich mitfiebern sollen. Tut mir leid, aber wenn das meine Verwandten wären, würde ich persönlich mit der Kettensäge mal durchfegen… Nun gut, die dysfunktionale Familie als „Blitzableiter“ für paranormale Geschehnisse ist auch ein Klischee, das der Spukhausfilm im Allgemeinen und der Amityville-Spukhausfilm im Besonderen seit Jahrzehnten mit sich herumschleppt, weil es ein bewährtes plot device ist, innerfamiliäre Konflikte aufzubauen, die dann auf eine oder andere Weise in Verbindung mit dem Spuk stehen, aber meistens versucht man uns als Zuschauer schon irgendwie zu vermitteln, dass die Figuren, die da handeln, nicht ausschließlich hirnamputierte Arschlöcher sind. Found-Footage-Filme haben’s eh schon schwer, vernünftige Charakterisierungen aufzubauen (außer sie lassen ihre Figuren ellenlange Expositions-Monologe aufsagen), dann muss man sich ja nicht unbedingt noch selbst vor Probleme stellen. Das Gimmick der sich uneinigen Familie lebt davon, dass die diversen Familienmitglieder gute Gründe dafür haben, warum sie sich gegenseitig nicht leiden können – bei „Amityville“ (Lutze-Inkarnation) haben wir’s mit einer typischen Patchwork-Familie zu tun, etwas, was auch unter günstigen Umständen eben nicht leicht zusammenwächst, und wenn man sich die einzelnen Familienmitglieder ansieht, kann man (normalerweise) nachvollziehen, aus welcher Richtung ihr Unbill kommt und Verständnis dafür aufbringen, wodurch die Konflikte greifbar werden, emotionale Verbindung hergestellt werden kann und die Eskalation, wenn man sich dann an die jeweiligen Gurgeln geht, wirkt. Hier aber haben wir eine Familie, die von Anfang an aus doofen Hohlbirnen besteht – demzufolge hat das Abgleiten speziell Dougs in den Wahnsinn keinen dramaturgischen Punch, weil wir eigentlich keinen Grund dafür haben, davon ausgehen zu können, dass der Typ nicht SOWIESO schon eine gesunde Vollmeise unter seinem Pony hütet (so ähnlich ist das ja z.B. für viele auch bei Kubricks „Shining“, wo allein schon die Tatsache, dass Jack Nicholson Jack Torrance spielt, den Kniff der literarischen Vorlage konterkariert. Verdammt, jetzt habe ich „Shining“ und „The Amityville Haunting“ bzw. Nicholson und Jason Williams in einem Satz erwähnt und komme in die Hölle. Naja, ein Grund mehr macht das Kraut auch nicht mehr fett).

Nun ist es aber nicht so, als verfehlte „The Amityville Haunting“ sein Thema nur auf diese Weise. Praktisch alle bisherigen Iterationen des „Mythos“ stellen darauf ab, dass das *Haus* die Quelle des Bösen ist – es wird nicht erst durch die Defeo-Morde böse, sondern war das schon vorher (und löste eben die Defeo-Morde aus). Deswegen legten auch alle bisherigen Adaptionen (wenn wir mal die diversen Pseudo-Sequels um besessene Gegenstände aus dem Spukhaus außer Acht lassen) Wert darauf, das Haus selbst als den Antagonisten aufzubauen – mit seinem bedrohlichen Äußeren, den blutenden Wänden, den knarzenden Leitungen etc. – all das fehlt in Asylums Variante. Gut, dass das Haus keine Ähnlichkeit mit dem berühmten ikonischen Amityville-Haus, wie es jeder vor seinem geistigen Auge hat, aufweist (außer auf dem Cover, ähm), das kann man insoweit akzeptieren, als die bisherigen Amityville-Bücher und –Filme in „Haunting“ als solche bekannt sind und damit im Filmkontext semi-fiktionale Werke sind, die nicht notwendigerweise der Film-„Realität“ entsprechen, aber dass die ganze Ursache des Spuks geändert wird, also nicht mehr das Haus selbst als Urheber der paranormalen Vorgänge zu betrachten, sondern es „nur“ als Location für gewöhnlichen Geister-Spuk zu sehen, bricht jede Verbindung mit der Kontinuität der legitimen Filmreihe.

Wir haben also jetzt doofe Charaktere hat, die sich auf erdenklich blöde Weise verhalten (mal ehrlich – wer innerhalb von drei Tagen drei Todesfälle in den eigenen vier Wänden miterlebt, der wird nicht seine Familie mit einem achselzuckenden „Lebbbe gehd weida“ in einer augenscheinlichen Todesfalle weiter wohnen lassen (und wenn doch, dann hat er wohl Hintergedanken – das ist in der Tat einer der angedeuteten, aber nicht weiter verfolgten Einfälle des Films. Doug scheint nicht nur die Historie des Hauses zu kennen, sondern es bewusst ausgesucht zu haben. Warum? Weiß ich doch nicht), zumal Doug einfach nur mal Tyler zuhören müsste, der praktisch eine Stunde nach dem Einzug auf der Lösung sitzt. Strukturell plagt den Film dann auch noch das Problem, dass er einerseits „zu schnell“ und andererseits „zu langsam“ ist. Im Filmsinne ereignen sich alle Vorfälle innerhalb von sechs Tagen – das ist zu wenig, um das totale Abgleiten Dougs in den Wahn plausibel zu machen , und zu lang, um das Verhalten der Familie ob des „Terrors“ glaubhaft zu halten (ereignet sich so eine Bespukung innerhalb einer Nacht, wie z.B. im „St. Francisville Experiment“, eliminiert das zumindest das logistische Problem, warum zumindest Virginia und die Kids nicht spätestens nach dem dritten Abend abhauen).

Filmtechnisch bewegt sich der Streifen auf dem üblichen Niveau von Found-Footage-Heulern. Man kann damit etwas anfangen oder eben nicht, aber „Amityville Haunting“ ist nicht schlechter oder besser als die Konkurrenz (vielleicht ist das Bildmaterial etwas zu klar, zu sauber für „Found Footage“, aber die consumer cameras werden halt auch besser). Wofür Meed verprügelt gehört, ist der Einbau von „ba-ba-ba-BAAAA!!!“-Soundeffekten für Spukerscheinungen. Entweder ich halte mich an das Gimmick, unbearbeitete „echte“ Aufnahmen aneinanderzureihen oder ich mach einen richtigen Spielfilm, in den ich dann auch auf der Tonspur fabulieren kann. In der vorliegenden Form ist das einfach nur idiotisch. Obwohl der Film für einen Found-Footage-Film mit einem recht üppigen Bodycount daher kommt, ist er, und das ist letztendlich seine Kardinalsünde, grottenlangweilig. Zwar müht sich Meed um einen flotten Einstieg, in dem er eine Teasersequenz voranstellt, in der ein paar Teenager in Partylaune vom Hausspuk abgemurkst werden, aber danach tut sich bis zu den sprichwörtlich letzten drei Minuten nichts mehr von Interesse (zumal wir auch von den In-Between-Kills nichts sehen, weil ungünstigerweise da immer grad die Kamera nicht hinkuckt oder ausfällt…). Wenn dann in der hektischen Schlussphase (SPOILER) die nervige Arschloch-Familie aufgerieben wird, verschafft uns das zwar ein wenig innere Befriedigung, entschädigt aber nicht für die 80 Minuten vorhergehende entgangene Lebensfreude…

Liegt natürlich auch daran, dass die Darsteller grottenschlecht sind. Jason Williams (der sich in der Asylum-Hackordnung von „Soldier #1“ im vorhergehenden Found-Footage-Versuch „Monster“ zum lead hochgearbeitet hat) ist offensichtlich unfähig, auch nur die Andeutung einer realistischen menschlichen Emotion zu simulieren, Amy van Horn („Transmorphers: Fall of Men“, „The Beach Boys: An American Family“) beschränkt sich auf doof kucken und Hysterisieren, Devin Clark („Teen Idol: The Chris Coley Diaries“) scheint’s drauf anzulegen, Werbung für postnatale Abtreibung zu machen und den einzigen einigermaßen kompetenten Akteur, „Funny or Die“-Regular Luke Barnett, verschwendet der Streifen in der Defeo-Rolle, in der er ungefähr zweieinhalb Sekunden lang richtig im Bild ist. Über Kinderdarstellerin Gracie Largent breite ich den Mantel der Barmherzigkeit, und wer zum Henker Lori spielt, weiß nicht mal die IMDb. Ist vermutlich eine Maßnahme des Personenschutzes.

Bildqualität: Die unter dem Asylum-Banner vertriebene BluRay bringt den Film in sauberem 1.78:1-Widescreen. Alles sehr klar, sehr scharf, sehr sauber.

Tonqualität: Englisch und Deutsch in DTS 5.1. Passabel.

Extras: Neben einer Trailershow nur eine kurze Featurette, die ebenfalls noch die Illusion aufrechtzuerhalten versucht, es handele sich um „echte“ Aufnahmen und ihre Bearbeitung für die Filmfassung behandelt.

Fazit: Einer der traurigsten Asylum-Schlonzer, die ich je das Missvergnügen hatte ansehen zu müssen. Ich erwarte vom Found-Footage-Genre eh keine Meilensteine, hatte aber gehofft, dass die Querverbindug zum Amityville-Franchise wenigstens ein paar Momente inspirierten Wahnsinns bieten würde. Fehlanzeige – „The Amityville Haunting“ ist einfach nur ein extrem langweiliger, extrem mies gespielter und extrem uninspirierter Haufen Kuhdung, der selbst im vor Qualität nicht unbedingt triefenden Kanon der regulären und in-name-only-Amityville-Filme mit weitem Abstand den letzten Platz einnimmt. Da wünscht man sich glatt einen abgeschmackten TV-Horrormurks wie „Amityville Horror IV“.


mm
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