Aladin


  • Deutscher Titel: Aladin
  • Original-Titel: Aladin
  • Alternative Titel: Aladin und die Wunderlampe
  • Regie: Roswitha Haas
  • Land: Deutschland
  • Jahr: 1993
  • Darsteller:

    keine, aber es gibt Sprecher:
    Armin Drogat
    Rainer Maria Ehrhardt
    Georg Feils
    Christoph Fellehner
    Mareile
    Bernd Moehrle
    Klaus Mueller
    Dirk Regenbogen
    Viola Seiffe


Vorwort:

Es waren einmal eine Buchautorin und ein Musiker im hessischen Friedrichsdorf, die liebten Sagen und Kindergeschichten. Ganz besonders waren sie von all den Filmen angetan, die seit über 50 Jahren in unregelmäßigen Abständen von den Disney-Studios in die Kinos gebracht wurden – und das von der einen oder anderen längeren Durststrecke mal abgesehen sehr erfolgreich. Was konnte es Schöneres geben als strahlende, lachende und weinende Kinderaugen, die sich an „Bambi“ ergötzten, an „101 Dalmatiner“ oder auch an „Bernard und Bianca“? So dachten sich die beiden, Roswitha Haas und Ludwig Ickert genannt: Machen wir so was doch auch mal in Deutschland. Und so versuchten sie es.

1992 ward der Name für ihr ganz persönliches Animationsunternehmen geboren: Media Concept. Ein schöner Name, fanden sie und standen damit vermutlich ziemlich allein da. Aber wichtiger als dieser Name waren ja schließlich die Inhalte. Sie brachten einige Bilderbuchfilme heraus, also Filme mit nacheinander abgefilmten gemalten Bildern, zu denen eine Erzählerin oder ein Erzähler eine passende Geschichte erzählte, wie zum Beispiel „Die Nibelungen-Sage: Siegfried“ oder „Die schönsten Geschichten vom Osterhasen“. Doch mit „Griechische Sagen: Perseus“ erschien auch ihr erster Film mit animierten Bildern. Während sie also erste Gehversuche auf dem Animationssektor unternahmen, brachten die Disney-Studios unter tosendem Applaus von Publikum und Kritik ihren 31. abendfüllenden Film heraus: „Aladdin“ (1992).

Das blieb auch Roswitha Haas und Ludwig Ickert nicht verborgen, und sie dachten sich: Machen wir den doch auch mal in Deutschland. Und so versuchten sie auch das. Das Ergebnis war „Aladin“ (1993). Dies war der Startschuss für eine ganze Reihe von weiteren Mockbustern: Auf Disneys „Der König der Löwen“ (1994) folgte in diesem Lande „Der König der Tiere“ (1994), auf Disneys „Pocahontas“ (1995) „Pocahontas“ (1995), auf Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“ (1996) „Der Glöckner von Notre Dame“ (1996), auf Disneys „Hercules“ (1997) „Hercules“ (1997). Zwischendrin nahm sich das Studio auch alter Disney-Klassiker an: „Aristocats“ (1970) dort, „Artige Katzen“ (1995) hier, „Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei“ (1977) und „Bernard und Bianca im Känguruhland“ (1990) dort, „Ein Fall für die Mäusepolizei“ (1995) hier; „101 Dalmatiner“ (1961) dort, „Auf der Suche nach den Dalmatinern“ (1997) hier. Es ist nur eine logische Folge, dass aus Media Concept schon bald in Anlehnung an Disney Pictures Dingo Pictures wurde.

Auch mit Disney konkurrierende und/oder zusammenarbeitende US-Animationsstudios wie Pixar und 20th Century Fox waren nicht sicher: „Toy Story“ (1995) dort, „Toys: Das Geburtstagsgeschenk“ (1996) hier; „Anastasia“ (1997) dort, „Anastasia“ (1998) hier und so weiter und so fort. Hinzu kamen auch einige selbst ersonnene, aber garantiert von anderen Filmen inspirierte Geschichten. Ab 1994 wurden in Form von Midas Interactive und Phoenix Games sogar Videospiel-Publisher(!) auf Dingo Pictures aufmerksam und vertrieben deren Filme in weiteren Sprachen auf PlayStation, PlayStation 2, Nintendo DS und Nintendo Wii, wodurch sich Dingo Pictures im Laufe der Jahre vor allem in den USA einen Namen machte – im englischsprachigen Raum vermutlich sogar einen größeren als in Deutschland.

2005 war dann nach rund 35 Filmen plötzlich Schluss: „Die kleine Hexe Arischa“ ist der letzte veröffentliche Dingo-Film. Geblieben ist die sehr schlichte Website www.dingo-pictures.de, auf der sich seit fast 15 Jahren nichts mehr getan hat. 2015 starb mit Roswitha Haas die Mitgründerin, doch ihr Schaffen lebt weiter – und zwar vornehmlich auf YouTube. Dort sind die Filme nicht nur dutzendweise zu finden, Video-Kritiker widmen sich ihnen ausführlich, an vorderster Front wahrscheinlich der Kanadier Phelan „Phelous“ Porteous.

Man könnte dieses Märchen also mit einem zufriedenen „Und wenn Roswitha Haas auch gestorben ist, so lebt ihr Werk noch heute“ schließen, aber diese Einleitung stünde ja wohl kaum auf dieser Website, wenn da nicht ein Haken wäre, oder? Ein entscheidendes Detail habe ich bislang ausgelassen. Die Filme haben deshalb einen so großen Bekanntheitsstatus erreicht, weil – und ich entschuldige mich für etwaige Schimpfworte, die nun folgen werden – Dingo Pictures das wohl oberbeschissenste Animationsstudio ist, das je existiert hat. Selbst Zeichentrickfilme um 1900 weisen eine höhere Eleganz auf als dieser hinterletzte lieblose Rotz, den Dingo Pictures (bzw. in diesem Fall sein Vorläufer Media Concept) 13 lange Jahre ohne Rücksicht auf Verluste in die Welt geschissen hat. Somit haben auch YouTuber wie Phelous stets nur Spott für den Dreck übrig, der seinen Weg aus welchen dubiosen Gründen auch immer sogar auf Spielkonsolen gefunden haben.

Das Fazit sogleich vorausgeschickt, damit bei unbedarften Lesern, die sich vielleicht nur zufällig hierher verirrt haben, beim Lesen des Inhalts und bei Sichtung der beigefügten Bilder nicht schon frühzeitig eine Hirnschmelze einsetzt (trotzdem die Warnung: die wird kommen, ohne Frage), kann ich mich ja nun endlich um unser heutiges Objekt „Aladin“ kümmern, einen der ersten Filme des Duos Haas/Ickert und zugleich das erste Rip-Off eines Disney-Streifens. Ich hätte mir ein leichteres Beispiel aus der Dingo-Schmiede aussuchen können, ist dies doch zum einen der längste Dingo-Film überhaupt (knapp über eine Stunde, während die meisten anderen Werke nur in seltenen Fällen die Halbe-Stunde-Marke überschreiten), und zum anderen – und ich weiß nicht, ob das nicht sogar noch schwerer wiegt – enthält er im Gegensatz zu den meisten anderen Dingos einige Songs, vor denen man zu Recht Angst haben kann.

„Aladin“ ist selbst im Rahmen der konsequent absolut minderwertigen Dingo-Filme im fremdsprachigen Ausland ganz besonders gefürchtet. Passend zur miserabel hingeklatschten Zeichenqualität haben sie nämlich auch die miesesten Synchronisationen verliehen bekommen, die man sich nur denken kann. Die Lieder blieben unangetastet, weil die wohl niemand in die jeweilige Sprache zu übersetzen wagte (oder weil es schlichtweg niemand konnte, was keinem zu verdenken wäre), aber sowohl die englisch- als auch die französischsprachige Version haben jeweils zwei – allerdings unterschiedliche – Tonfehler, indem im Hintergrund ununterbrochen in vielleicht fünfsekündigen Abständen die immergleichen Loops laufen: im Französischen eine „Hurra“ rufende Menschenmenge von einer späteren Szene im Film, im Englischen das Aladin-Main-Theme, mit dem der Film reinstartet. Eine volle Stunde lang! Ohne Pause!

Damit nicht genug haben die Synchro-Verbrecher ihre Sprecher offenbar nach drei Kriterien ausgesucht. Erstens: Sie müssen unfähig sein. Zweitens: Sie dürfen stimmlich nicht zu den Figuren passen, die sie sprechen. Drittens: Sie dürfen nicht verstehen, was sie sagen, idealerweise auch nicht richtig lesen können. Das Resultat ist schier unfassbar, also komplett unfassbar, am unfassbarsten quasi. Die englischen und französischen Sprecher verpassen regelmäßig den Einsatz, was regelmäßig dazu führt, dass gerade eine Figur im Bild zu sehen ist, die ihre Lippen nicht bewegt, aber redet, oder eben anders herum. Manchmal sind ganze Szenen stumm, während zwei Figuren gerade eine Unterhaltung führen. Männerrollen werden von Frauen gesprochen (im Französischen). Sprecher verhaspeln sich und/oder kommen mit ihrem Text nicht hinterher. Manchmal spricht ein und derselbe Sprecher zwei verschiedene Personen in ein und derselben Szene, und man weiß gar nicht genau, wer da gerade redet. An einer Stelle hört man die Drehbuchseiten knistern, an anderer Stelle liest einer die Drehbuchanweisung „Exit Scene“ tatsächlich laut vor – und keiner schneidet das raus.

Die englischsprachige Fassung allein würde schon eine ausführliche Auseinandersetzung lohnen, wenn man denn zum Ziel hätte, jeden einzelnen Fehler aufzuführen, aber ursprünglich ist „Aladin“ nun einmal eine deutsche Produktion. Also sollten wir auch das Original nehmen. Es ist ja nicht so, als würde die nicht trotzdem genug hergeben. Damit ich gleich nicht ständig die wunderschön durchdachte Handlung dieses ultrapeinlichen Rip-Offs für meine schriftlichen Entsetzensschreie unterbrechen muss, werde ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit bereits vorab ein paar grundsätzliche Dinge zum Zeichnerischen loswerden und mich im Anschluss dann ganz in den Inhalt werfen. Anders ist diesem Film einfach nicht beizukommen.

Wenn man die Animationen in einem Wort zusammenfassen müsste, würde ich das Wort „hässlich“ wählen und trotzdem noch daneben liegen. Fangen wir mit den von einem Michael Drexler kreierten Backgrounds an. Die Figuren agieren in „Kulissen“, wie wir sie früher zu Schulzeiten im Kunstunterricht tuschen durften. Sehe ich die ganzen Gebäudefassaden, die Interieurs der Häuser, die Bäume und den blauen Himmel mit gelegentlichen Wolken in „Aladin“, so habe ich geradezu meinen damaligen Kunstlehrer im Ohr: „Tut mir leid, aber mehr als eine Vier kann ich dir dafür nicht geben. Du hättest ja wenigstens ein paar Details mit einzeichnen können. Und das soll eine Höhle sein? Fast das ganze Bild schwarz und in der Mitte dann ein grob oval gekrakelter Kreis? Ich bitte dich. Das kannst du doch besser.“ Der ganze Film besteht aus derart schmucklos und mit einfachsten Mitteln gestalteten Hintergründen. Wurde der Disney-„Aladdin“ wegen seiner vielen Details am Rande gelobt, so ist das hier ein Rückfall in die Steinzeit der Steinzeit.

Das wäre ja an sich schon schlimm genug, aber das Design der in der Geschichte vorkommenden Menschen und Tiere schlägt dem Fass den Boden aus: Eine Figur ist hässlicher und furchteinflößender als die andere. Hätte ich Kinder, hätte ich Angst davor, dass sie diesen Film nicht verarbeiten könnten bei so viel Lieblosigkeit. Man kann froh sein, dass Ludwig Ickert, dem die Animation zugeschrieben wird, Augen, Nase, Mund und Ohren an die richtigen Stellen im Gesicht gemalt hat, doch schon an den Händen und Füßen scheitert es mitunter. Da fehlen dann in einer Einstellung auch mal Finger, und die Füße sind Klumpen ohne Zehen. Eine Figur hat mal eine Nase, dann wieder nur Nasenlöcher, die Physiognomie ändert sich nicht nur von Szene zu Szene, sondern von Bild zu Bild. Flaschengeist Dschinni wurde offenbar als Vorlage aus dem Disney-Film entnommen und entsprechend simplifiziert nachgezeichnet. Genügend Beweise für die erbärmliche Gestaltung liefern die Screenshots anbei.

Die Bewegungsabläufe sind ein schlechter Witz. Ständig stehen hier selbst die sprechenden Figuren nur stocksteif in der Gegend rum, bewegen zumeist fast nur Augenpartie und Mund, weil die zeichnerischen Fähigkeiten der Zeichner offenbar nicht einmal dazu reichten, so etwas wie Gestik angemessen in Bildform darzustellen. Wenn der Film sich doch einmal dazu durchringt, die Figuren gehen zu lassen, sehen selbst normale Schritte überaus eckig und unnatürlich aus. Hier wird nicht ein Fuß vor den anderen gesetzt, hier sieht es stets so aus, als würden die Figuren den einen Fuß immer nachziehen. Deshalb verzichtet „Aladin“ am liebsten gleich ganz auf jedwede Bewegung. Warum sollte man den Sprung von einer Mauer oder den Wechsel von der Steh- in die Sitzposition fließend darstellen, wenn man genauso gut auf die Schnittfolge „Figur steht – Figur sitzt“ zurückgreifen kann?

Ein weiteres Kennzeichen nicht nur dieser Dingo-Produktion: die zwei-, drei-, vier- oder gar fünf- oder sechsfache Wiederholung ein und derselben Einstellung vor höchstens variierenden Hintergründen – sei es ein trauriger Elefant, ein grimmig kauendes Kamel oder der sich aus seiner Lampe bewegende Dschinni, nur der Abwechslung halber dann vielleicht auch mal spiegelverkehrt rechts anstatt links im Bild. Das geschieht dann übrigens auch meist völlig willkürlich, ob es gerade passt oder nicht. Das kauende Kamel etwa ist sowohl in der Anfangsszene zu sehen als auch später in einem ganz anderen Umfeld – immer gleich aussehend, ohne Variation, ganz so, als hatten die Zeichner keinen Bock, sich was Neues auszudenken. Tatsächlich gehen die Dingo-Filme noch weiter und machen sich gar nicht erst die Mühe, ständig neue Figuren zu kreieren. Viele Menschen und auch Tiere sollen auch noch mit exakt demselben Design in späteren Dingo-Filmen auftauchen.

Diese Lieblosig- und Schlampigkeit wird schließlich gekrönt von den nachlässig bis unfähig vor die getuschten Hintergründe geklatschten Menschen- und Tierfiguren, bei der je nach Bildformat (die deutsche und die internationalen Fassungen unterscheiden sich anscheinend in Höhe und Breite), wenn sie sich am Bildrand befinden, mal mehr und mal weniger Teile ihres Körpers fehlen. Das heißt beispielsweise: Ist Aladins Gesicht am rechten Bildrand platziert, fehlt mitunter der ganz rechte Teil seines Gesichts, und stattdessen sehen wir den Hintergrund, der eigentlich von eben diesem Gesicht verdeckt sein müsste. Dies kommt – übrigens auch in anderen Dingo-Produktionen – in so einer eklatanten Häufigkeit vor, dass es den Film noch peinlicher macht, als er eh schon ist (siehe auch die Screenshots). Und offenbar ist bei der Nachbearbeitung auch niemandem aufgefallen, dass der obere Teil des Federschopfes des ätzenden Papageis, über den ich gleich noch sprechen werde, ständig einige Zentimeter links frei neben seinem Kopf in der Luft schwebt, wenn er in Großaufnahme zu sehen ist.

Also, es kann nur schlimm werden. Und mit diesem Beipackzettel in der Hand geht’s nun auch endlich, endlich auf ins Gefecht …

Inhalt:

Arabische Nääächte
Sind genau wie der Tag
Oft heißer als heiß,
Was jeder hier weiß,
Aber dennoch gern mag …

Oh sorry, das war der falsche „Aladin“. Da kann man ja schon mal durcheinander kommen. Noch schwieriger ist die Unterscheidung beider zeitnah erschienenen Filme allein schon deshalb, weil sich auch Roswitha Haas und ihr Team nicht lumpen lassen wollen und sich ebenfalls an einer Komposition versuchen, die dem Vorbild musikalisch wie textlich mindestens ebenbürtig ist. Na gut, wir räuspern uns kurz und stellen fest: Ja, die Musik klingt orientalisch. Nicht pompös, nicht gut, sehr schlicht, aber eindeutig orientalisch (und wie gesagt genau der Loop, den sich das französische Publikum die kommende Stunde dauerhaft immer und immer wieder anhören darf). Nur dieser Sänger? Ich möchte mir umgehend das Trommelfell auskratzen, um diesen schauerlichen jammernden Singsang, den sich der alte vollbärtige Zausel inmitten eines Marktplatzes auf dem Boden sitzend für eine mehr oder meist weniger interessierte Zuhörerschaft zurechtkrächzt, nicht länger anhören zu müssen:

Kommt, Gläubiger,
Lasst euch nieder,
Vergesst des Tages Plagerei,
Heut‘ Nacht erzähl‘ ich wieder,
Geschichten sind wie Arzenei,
Ich erzähl‘ von einem Knaben,
der eine Zauberlampe fand,
Wollt‘ des Sultans Tochter haben,
Aladin ward er genannt.

Zu den Zuhörern gehören neben ein paar Tieren wie dem grimmig kauenden Kamel, von dem ich oben schon schrieb, einem hier noch lächelnden Elefanten (der zu anderen Anlässen aber auch noch mehrfach auftauchen wird, dann aber meist traurig) und einem staksig tanzenden Affen (wohl so was wie Abu aus dem Disney-„Aladdin“), den wir garantiert auch nicht das letzte Mal gesehen haben, ein Knabe mit Holzbein, ein Fakir auf einem Nagelbett, der mit seinem Blasinstrument offenbar der musikalische Begleiter unseres jammerigen Sängers sein soll, auch eine Kobra aus einer Vase hervorlockt – und Helmut Kohl! Ja, wirklich, DER Helmut Kohl, 1993 noch unser Bundeskanzler, der wie die meisten Anwesenden aber einen schwer genervten Gesichtsausdruck spazieren trägt.

Was wir jetzt noch nicht wissen, aber in wenigen Augenblicken, ist, dass irritierenderweise auch Held Aladin und unser Antagonist, der eindeutig Dschafar aus dem Disney-„Aladdin“ nachempfunden ist, hier aber offenkundig kein Großwesir ist, weil das Amt nämlich jemand anderes bekleidet, in der Menschenmenge sind: Aladin schaut gelangweilt, was ich verstehen kann, weil er die Geschichte dann ja schon kennt, und wie der Schurke guckt, kann ich nicht sagen. Dessen Kopf und dessen Papagei auf der Schulter (Jago aus dem Disney-„Aladdin“ lässt grüßen) sind nämlich komplett mit Spinnweben (???) eingehüllt. Die einzige Erklärung für mich ist, dass einem der Zeichner im Nachgang aufgefallen ist, dass damit die Logik (hüstel) des Films untergraben werden würde, da die Geschichte, die der alte Sänger jetzt erzählen will, sich wohl in der Vergangenheit abgespielt hat und – Spoiler voraus – eigentlich ein Schicksal für „Dschafar“ vorsieht, das ihn da nie und nimmer unter all den Zuhörern stehen lassen darf. So viel Sorgfalt überrascht – und beeindruckt doch zugleich, weil der Film sich doch auch sonst so absolut gar nicht um Kontinuität schert.

Wir blenden von dem Song über in die Geschichte von Aladin, wo uns das örtliche Markttreiben vorgeführt wird, bei dem doch immerhin fünf Menschen stocksteif im Hintergrund rumstehen, während vorn Aladin und seine beiden Freunde von rechts nach links durchs Bild „gehen“. Sie setzen sich auf eine Mauer (bzw. sie sitzen nach einem Zwischenschnitt auf ein sinnlos lachendes Pferd und einen ebenso sinnlos lachenden Esel bereits, weil Bewegungen wie gesagt schwer zu illustrieren waren für die überforderten Zeichner). In Zeiten, in denen Fernseher und Handys noch nicht erfunden waren, sind auch die Gesprächsthemen extrem eingeschränkt. Die drei Tunichtgute unterhalten sich über die neu angekommene Karavane, die Gewürze aus Indien mitgebracht hat, und angeblich ist sogar ein Schlangenbeschwörer dabei.

Schon früh stellt sich heraus, dass wir Teutonen uns zwar glücklich schätzen mögen, um eine grauenvolle Synchronisation in eine andere Sprache und einen andauernden Musik-Loop herumzukommen, dass aber auch die deutsche Tonspur aggressiv schlecht ist: Erwachsene Sprecher, die Kinderstimmen imitieren, sind schon immer eher anstrengend gewesen – erwachsene schlechte Sprecher, die Kinderstimmen imitieren, noch umso mehr. Der Abspann nennt insgesamt neun Sprecher (sieben männliche, zwei weibliche), was zudem die Vermutung zulässt, dass so mancher Sprecher gleich mehrere Sprechrollen übernommen hat (und eben diese Vermutung habe ich bereits in dieser Szene). Eine Sprecherin ist sogar lediglich mit ihrem Vornamen Mareile kreditiert. Weise Entscheidung. Unnötig zu erwähnen, dass die Zeichner durchaus auf Lippenbewegungen geachtet haben, beim Besprechen der Tonspur aber so unnötige Sachen wie Lippensychronizität für überflüssig erachtet wurden. Die haut nämlich hinten und vorn nicht hin – nicht so schlimm wie in den Synchronisationen, da man immer weiß, wer gerade redet, aber extrem nachlässig.

Da entdeckt einer der drei Deppen unten unseren heutigen Dschafar-Verschnitt. Woran wir das erkennen? Er ist ganz in Schwarz gekleidet, hat wie gesagt einen Papagei auf der Schulter und ist selbst im Rahmen dieses Primitivitäten-Kabinetts noch hässlicher als alle anderen Figuren. „Hey! Guckt doch mal! Da! Der Alte mit dem Papagei!“, brüllt der Depp. Dschafar macht gleich angeberisch von seinen Zauberkünsten Gebrauch, indem er sich kurz unsichtbar macht und dann wieder auftaucht. Mit dieser kleinen Verschwindibus-Einlage macht er mächtig Eindruck bei Aladin: „Merkwürdig. Kommt und verschwindet.“ Der sehr konservativ eingestellte Papagei des Zauberers schimpft im Hinblick auf die Jugend von heute: „Sind alle gleich. Straßenräuber! Nichtsnutze! Herumtreiber!“ Erschreckenderweise ist der Papagei – ich nenne ihn ab sofort Jago – als lustiger Sidekick gedacht und plärrt in praktisch jeden finster gemurmelten Satz von Dschafar nervtötend hinein: „Dreckspatz! Dreckspatz!“ Oder noch mal: „Straßenräuber! Nichtsnutz! Herumtreiber!“ Glaubt mir – er wird nicht damit aufhören. NIE. Zugleich erweist sich Dschafar als Pantoffelheld, wie er im Buche steht, denn obwohl auch er von dessen Gebrabbel wenig begeistert ist, unterbindet er es nicht. Ein bisschen drohen hier, ein bisschen „pscht“ da – das war’s. Ich würde ja sagen: Abknallen, den Papagei, dann ist Ruhe im Karton.

Dschafar ist auf der Suche nach Aladin und bittet einen der Jungs, der nicht Aladin ist, zu sich. Er zieht ihm ein paar Infos zu Aladins Familienhintergrund aus der Nase (toter Vater, arm wie eine Kirchenmaus usw.), ehe er ihn zu Aladin schickt, damit der wiederum zu Dschafar geht. Etwas umständlich, aber nun ja, er ist der Schurke. „Ich wusste gar nicht, dass du so feine Bekannte hast“, ist Aladins Deppen-Kumpel von dem freundlichen Fremden angetan, der ehrlich gesagt gar nicht zu verbergen versucht, nicht wie ein Bösewicht zu wirken, und mit einer flüsternden Stimme spricht, als wolle er die Jungs an Ort und Stelle in seinen privaten Folterkeller führen, um ihnen dort „was“ zu zeigen. Aladin kennt den komischen Kauz mitsamt seinem Vogel allerdings gar nicht und stutzt nur kurz, als sich Dschafar als der lange verschollene Bruder seines toten Vaters ausgibt (obwohl er aussieht, als hätte er schon in drei Jahrhunderten gelebt). Er lässt sich nicht einmal von dem „Lügenmaul! Lügenmaul!“-Gekrächze von Jago beeindrucken. Dschafar lädt sich kurzerhand selbst zum Abendessen bei Aladin und seiner Mutter ein und hält dem Jungen zwei Goldmünzen hin, mit denen der sofort aufgeregt nach Hause eilt. Die Versuche, Laufen zu simulieren, spotten wie üblich jeder Beschreibung.

Schlimmer ist nur, dass es nach Sicht von Drehbuchautorin Roswitha Haas mit Plapper-Papagei Jago nicht als Comic Relief getan ist. Mit dem Pferd und dem Esel, die wir vorhin schon ganz kurz sinnlos lachen sahen, kommen noch zwei weitere sogenannte Spaßvögel hinzu, die sich ob des folgenden Dialogs gar nicht mehr einkriegen:

Pferd: Hüüü-hüüü, Aladin rennt! Das gibt’s doch nicht!
Esel: Iaaa-iaaa, wahrscheinlich hat er wieder was ausgefressen und muss sich bei seiner Mutter verstecken.
Pferd (lacht): Hüüü-hüüü!
Esel (lacht): Iaaa-iaaa!

… … Okay. … … Ja.

Daheim ist Mama Aladin gerade am Fegen (bisher der vermutlich beste visualisierte Bewegungsablauf in diesem Film) und beklagt sich bei sich selbst lautstark über ihren missratenen Sohn, der sich auch mit 15 Jahren immer noch lieber auf der Straße herumtreibt, als auch nur einen Pfennig zu verdienen. Da kommen die beiden Goldstücke, die Aladin mit nach Hause bringt, eigentlich gerade recht, auch wenn er die nur von einem mysteriösen Alten geschenkt bekommen hat, der behauptet ein Onkel zu sein, von dem Papa Aladin nie berichtet hat. Die Mutter verhehlt ihre Skepsis nicht: „Merkwürdig. Mein Mann soll einen Bruder gehabt haben? Glaub‘ ich nicht.“ Aber: „Sei’s drum: Solange ein Gast bezahlt, soll er mir willkommen sein.“ Eine bestechende Logik. „Endlich passiert mal was“, freut sich Aladin ein Loch ins Knie. Wie gesagt: Das Leben im Orient scheint seinerzeit sehr langweilig gewesen zu sein.

Dann macht sich Dschafar auch schon zu Fuß auf den Weg zum Abendessen. Eigentlich bleibt er dabei auf der Stelle stehen, aber Bewegung wird simuliert, indem die Kamera zu Beginn das gemalte Hintergrundbild in Großaufnahme zeigt und dann langsam zurückzoomt. Der wirklich widerlich anzusehende Zauberer – ich muss es noch mal so deutlich sagen – kabbelt sich mit Jago. Da Jago immer so vorlaut ist, droht Dschafar damit, ihn nicht mitzunehmen, worauf der aber erst einmal zeigt, wer hier die Hosen anhat, und das ist gewiss nicht der, der eine tragen könnte, wenn er nicht einen Kaftan tragen würde: „Du willst ein Zauberer sein, aber brauchst diesen Herumtreiber Aladin, um den Schatz zu heben, hihihi! […] Von einem Zauberer, der nicht alleine zaubern kann, lass‘ ich mir nichts befehlen, hihihi!“

Wir sind fünf Minuten im Film, und jemand, der den Disney-„Aladdin“ gesehen hat, kann der Geschichte vielleicht noch folgen, denn sie hält sich noch grob an das Vorbild. Erschwert wird das Verständnis allerdings dadurch, dass die ganze Vorgeschichte rund um Dschafar komplett ausgespart wurde. Warum nimmt er nun gerade Kontakt mit Aladin auf? Warum braucht er Aladin für die Hebung eines Schatzes? Um was für einen Schatz geht es überhaupt?

Tja, und so nimmt Dschafar seinen dämlich plappernden Papagei dann doch mit. Schnell schleimt er sich bei Aladin und vor allem seiner Mutter ein, die ihr Misstrauen noch nicht losgeworden ist, es aber sogleich abbügelt: „Bislang wusste ich nichts von der Existenz eines Bruders, doch setzt euch, die Gesetze der Gastfreundschaft sind heilig.“ „Misstrauische Alte“, zischt der Zauberer, und der Papagei ergänzt: „Recht hat sie.“ Interessiert keinen. Der Zauberer erkundigt sich nach ihren finanziellen Möglichkeiten, woraufhin die Mutter im Beisein von Aladin dem Fremden zeigt, was sie von ihrem Sohn hält: „Mein Mann war nur ein armer Schneider, und Aladin ist ein Taugenichts von Kindesbeinen an und treibt sich am liebsten auf der Straße rum. Ich muss für uns beide arbeiten, und es reicht hinten und vorn nicht.“ Man kann sie nur ins Herz schließen. Der Papagei reagiert hämisch: „Sagt‘ ich doch. Faulpelz! Faulpelz!“ Keiner reagiert. Dschafar möchte da Abhilfe schaffen und Aladin zum Kaufmann ausbilden – vorausgesetzt natürlich, seine Mutter stimmt zu. Die kann gar nicht so schnell Ja sagen, wie sie denken kann: „Natürlich bin ich einverstanden! Ihr müsst tatsächlich der Bruder meines Mannes sein. Ein Fremder würde nie so etwas für uns tun.“ Oder er ist eben ein böser Fremder, der hier das Blaue vom Himmel verspricht, aber Arglistiges im Schilde führt. So weit recht der Horizont der Dame aber nicht. Ohne auch nur einen Happen gegessen zu haben, verabschiedet sich Dschafar auch schon wieder: „Dann bis morgen früh! Sei pünktlich! Hähähä!“ Fraglos – Dschafar muss tatsächlich Aladins Onkel sein. Ein Fremder würde nie so herzerwärmend lachen.

Am nächsten Tag zeigt der Zauberer, dass er auch anders kann. Er droht dem naseweisen Jago damit, ihn in einen grauen Spatz zu verwandeln, wenn er sich nicht ausnahmsweise mal zusammenreißt. Die Drohung zieht, und Jago zittert. Hau doch ab zu deinen norwegischen Fjorden, wenn’s dir bei deinem Herrn und Gebieter nicht gefällt, du Federvieh! Dschafar bittet Aladin darum, bevor es zum Basar geht, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden soll, ihm, dem weit gereisten Onkel, doch erst einmal die berühmten Gärten des Sultans zu zeigen. Das macht Aladin eine Zeit lang mit, wird dann aber doch ungeduldig. Mit Dschafars Versprechen, ihn zum reichsten und mächtigsten Mann des ganzen Orients zu machen, kann er ruhig gestellt werden: „Ich werde alles tun, was du von mir verlangst.“ Für ein Alter von 15 Jahren ist Aladin echt naiv. Und dumm. Jago findet die Unterwürfigkeit wahnsinnig komisch: „Hihihi, wenn dich das mal nicht reut.“ Dschafar markiert den harten Max mit seinem üblichen „Pscht“ und befiehlt Aladin, etwas Holz zu sammeln und ein kleines Feuer zu machen.

Aladin tut, wie ihm geheißen, worüber sich wiederum Dschafar scheckig lacht, denn das Feuerchen braucht Dschafar nämlich nur, um einen unerverständlichen Zauberspruch mit vielen „ch“-Lauten zu sprechen („chabek-chalacha“ oder so was). Dingo Pictures gibt alles, was das Budget hergibt und lässt erst Dschafars Augen in schneller Folge grün und violett erleuchten, dann sogar sein ganzes Gesicht, das sich zu einer – man will es nicht glauben – NOCH hässlicheren Fratze verzerrt. Er breitet die Arme aus, und hinter ihm ist alles abwechselnd violett und schwarz – und plötzlich steht er mit Aladin vor einer Höhle.

„Du Feigling! Wirst du wohl hier bleiben“, schimpft Dschafar mit Aladin, der eigentlich nur blöd rumsteht und keine Anstalten macht, fliehen zu wollen. Nicht zum ersten Mal fällt mir an dieser Stelle übrigens auf, dass Papagei Jaro seine Zähne (!) bleckt. Aladin fühlt sich zu Unrecht angegangen, und der Zauberer kehrt umgehend in den Lieber-Netter-Onkel-Modus zurück, der ja mit seiner bedrohlichen Stimme so überzeugend nicht ist. Er bittet ihn, in die Höhle zu gehen und dort den größten Schatz der Welt zu heben, denn das könne nur er. Aladin fürchtet sich, die Treppen in die dunkle Höhle hinabzusteigen, aber Dschafar gibt ihm einen Ring mit, mit dem er keine Angst empfinden werde, solange er ihn trägt.

Unten angekommen ist Aladin begeistert, was sich vor seinem Auge auftut: „Beim Barte des Propheten!“ Wäre sicherlich auch für uns beeindruckender, wenn die Kamera daraufhin nicht ein Bild mit schlampig getuschten Goldmünzen und Schatztruhen abfahren würde. Dschafar ruft seinem „Neffen“ von oben die Anweisung runter, bloß keinen der Schätze zu berühren, um nicht in einen schwarzen Stein verwandelt zu werden. Er soll sein Augenmerk lieber auf eine kleine Lampe richten, die hinter den Bäumen mit den glänzenden Früchten zu finden sein soll. Mit sehr viel Fantasie könnte man die Bäume sogar als Bäume anerkennen. Das ist halt das Problem, wenn man ausschließlich Zugriff auf gemalte Bilder aus dem Kindergarten hat.

Im Disney-„Aladdin“ ist es nun so, dass die Titelfigur die Lampe findet, aber sein treuer Begleiter Abu, der Affe, fahrlässigerweise einen der Schätze berührt und die Höhle einstürzen lässt, woraufhin Dschafar in letzter Sekunde Aladdin vermeintlich die Lampe entreißen und ihn in die Höhle zurückstoßen kann, bevor klar wird, dass Abu ihm die Lampe unbemerkt zurückgeklaut hat. Der Dingo-„Aladin“ entscheidet sich für einen wesentlich idiotischeren inhaltlichen Kniff: Hier findet Aladin (bekanntlich ohne Abu) ebenfalls die Lampe, aber Dschafar erlaubt ihm, ein paar glänzende Kugeln von den Bäumen zu pflücken (mit der Lampe in seinem Besitz kann Aladin nämlich nichts passieren). Das hat zur Folge, dass Aladin auf Aufforderung von Dschafar die Lampe nicht rausrücken kann, weil die nämlich unter all den Kugeln in seinen Händen verborgen ist. Völlig außer sich schimpft Dschafar: „Dann lass [die Kugeln] fallen! Was meinst du, warum ich die weite Reise gemacht habe? Ich will die Lampe, ich, der Zauberer!“ Endlich fällt bei Aladin der Groschen, dass Dschafar weder sein Onkel noch wohltätig ist, sondern seinen Tod will, und er weigert sich, ihm die Lampe zu geben. Dann spricht der Zauberer einen weiteren Zauberspruch: „Ach-begele-begele, Aladin muss sterben.“ Eine Tür schiebt sich vor die Höhle, Aladin bleibt mit der Lampe zurück, Dschafar ist ohne Lampe weg. Häää, bitte was?!

Von diesem Zeitpunkt an geht der Dingo-„Aladin“ eigene Wege und weicht komplett vom Disney-„Aladdin“ ab. Und man merkt es. Glaubt mir, es wird alles noch viel, viel bekloppter!

Aladin findet sich bereits damit ab, in der Höhle elendig zu verrecken, als er mal einfach so probehalber an seinem Ring dreht, den ihm Dschafar zur Angstbewältigung ja gegeben hat – womit er einen fetten Geist beschwört, der Jabba the Hutt erschreckend ähnlich sieht! „Keine Angst, Aladin! Ich bin der Geist des Rings und der Diener dessen, der ihn an seiner Hand trägt. Was kann ich für dich tun?“, beschwichtigt er den erschrockenen Aladin. Der hat nur einen Wunsch: schnell auf die Erde zurück. Moment, wo waren wir denn hier? „Du befiehlst, und ich gehorche“, erwidert der Geist des Rings. Ich würde dieser fetten Kröte, dem schlechten Scherz eines wunscherfüllenden Geistes ja kein Stück weit über den Weg trauen, aber Aladins Gutgläubigkeit macht sich bezahlt: Der Geist bugsiert ihn tatsächlich – mitsamt der glänzenden Kugeln und der Lampe sogar (auch wenn die Lampe nicht mit im Bild ist) – zurück in die Gartenanlagen des Sultans, wo die Reise begonnen hatte.

Daheim lässt Aladins feinfühlige Mutter auch weiterhin keine Gelegenheit aus, ihren Sohn schlecht zu machen, wird aber gleichzeitig von Gewissensbissen geplagt: „Oh Allah, Aladin ist zwar ein Taugenichts, aber was würde ich nur ohne ihn machen? Wo bleibt er nur so lange? Hätte ich ihn doch nur nicht mit dem Fremden gehen lassen.“ Aufs Stichwort kommt er ins Haus gestürmt und berichtet aufgeregt vom falschen Onkel und seiner Odyssee, deren Lohn jetzt aber immerhin diese glänzenden Kugeln und die scheinbar nichtsnutzige Lampe sind. „Ach, Verehrungswürdigste aller Mütter, von nun an will ich dir ein gehorsamer Sohn sein“, ist er wohl geläutert. Nur wovon? Letztlich ist es ja wohl seine Mutter gewesen, die ihn direkt in die Arme des bösen Zauberers getrieben hat. Gleich darauf verflucht die Mama wieder ihre Armut, aber Aladin beruhigt sie: Er wird einfach die Lampe auf dem Basar verkaufen. Ich würde eher die ja wohl so wertvollen Kugeln anbieten, aber wer bin ich, einem ahnungslosen Vollidioten wie Aladin zu widersprechen? Seine Mutter ist einverstanden. Vorher soll er aber noch die Lampe reinigen. Sogleich macht er sich pfeifend ans Werk.

Tja, und was passiert? Nun erscheint laut lachend nach fast 15 Minuten endlich der eigentliche Geist, auf den wir so lange gewartet haben (na ja), und die Wucht des miesen Effekts, wie er sich sogleich aus der Lampe schält, lässt die Mutter schon einmal vorsorglich von der einen auf die andere Sekunde bewusstlos an der Hauswand sitzen. Auch schön: Aladin wirft die Lampe vor Schreck direkt vor seine Füße, aber im nächsten Moment liegt sie einige Meter links von ihm entfernt.

Dschinni: Hahahaha! Ich bin Dschinni, der Geist der Lampe, und Sklave dessen, der sie besitzt! Sag, was willst du von mir? Hohohoho!
Aladin: Noch ein Geist!
Dschinni: Hahahaha!
Aladin: Kannst du mir auch jeden Wunsch erfüllen, so wie der Geist des Rings?
Dschinni: Hahahaha! Noch viel mehr! Hahahaha!

Mein erster und einziger Wunsch wäre, dass der völlig wahnsinnige Dschinni bitte SOFORT wieder in seine Flasche zurückkehren soll, aber Aladin wünscht sich erstmal was zu essen: Couscous mit Hammelfleisch und Kichererbsen. Dschinni kriecht kurz zurück in die Lampe, kommt aber sofort wieder mit dem Wunschgericht heraus: „Ich wünsche, wohl zu speisen. Hohoho!“ Aladin weckt aufgeregt seine Mutter auf, die zuerst lieber wissen will, wo der Geist abgeblieben ist. Sie war zwar, rechtzeitig bevor Dschinni erschienen ist, lieber in Ohnmacht gefallen, aber gut, vielleicht hat sie das alles unterbewusst mitbekommen. Aladin ist sich sicher, dass Dschinni ein guter Geist ist, weil er ja schließlich Essen gebracht hat, aber seine Mama ist ehrfürchtig: „Trotzdem, Aladin. Allah warnte uns vor solchen Geistern. Nimm die Lampe und gib sie weg!“ Auf den Hinweis hin, dass die Lampe in falsche Hände geraten könnte wie eben in die von dem bösen Zauberer, geht sie damit konform, dass Aladin die Lampe behält, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie den Geist nie wiedersehen muss. Dafür wäre ich auch. Aladin verspricht es, zumal sie ihn ja erst mal sowieso nicht mehr brauchen. Recht nüchtern, der Junge. Für mich hätte es in dem Alter nichts Aufregenderes gegeben, als Dschinni immer und immer wieder zu rufen – zumindest wenn es nicht so ein schaurig animierter Lachsack wie dieser Geist gewesen wäre. Aladin schlägt vor, statt der Lampe dann einfach die heimischen Platten und Schüsseln zu verkaufen, die sie noch haben, dann könnten sie wochenlang davon leben. Äh, ich wiederhole mich: Und was ist mit diesen funkelnden Kugeln, die du eben mitgebracht hast?

Am nächsten Tag besucht Aladin gleich einen Händler, dessen wesentliche Merkmale sind, dass sich sein Kopf beim Reden oftmals einem Flummi gleich leicht auf- und abbewegt und dass er fast jeden Satz mit einem „oioioi“ beginnt. Für eine von Mamas Platten will der zuerst 150 Goldstücke haben, merkt dann aber, dass er bei so einem Volldeppen wie Aladin locker auf 100 runtergehen kann, ohne dass er es merken würde. Er hat recht und würde ihm sogar noch mehr abkaufen: „Wenn du noch hast mehr so schöne Dinge, bring zu mir. Ich mache dir gute Preis.“ Ah, einer von den Klischee-Ausländern, die zwar die Landessprache können, nicht aber die richtige Syntax drauf haben. Idiot Aladin ist wie immer leicht zu begeistern: „Jetzt werd‘ ich doch noch Kaufmann! Ich werde in Saus und Braus leben!“ Klar, eine Platte verkaufen und sich dabei über den Tisch ziehen lassen – er hat allen Grund, enthusiastisch zu sein.

Unterbrochen wird das Verkaufsgespräch durch eine wichtige Durchsage irgendeines bestimmt ebenso wichtigen Menschen per Megafon oder so. Ich bleibe so unpräzise, weil wir den nicht im Bild sehen, sondern lediglich den bereits mehrfach zuvor gesehenen Elefanten, der abwechselnd glücklich und traurig guckt, weil ein auf seinem Rücken sitzender Mann nach jedem der folgenden Sätze auf eine Trommel haut, die den ganzen Elefantenkörper vibrieren lässt: „Die Schönste aller Frauen, die Tochter des Sultans, wird heute zum Bade gehen. Geht in eure Geschäfte und geht in eure Häuser! Keiner darf die Tochter des Sultans sehen! Wer auf der Straße angetroffen wird, wird mit dem Tode bestraft.“ Klingt nach einem hammerharten Schreckensregime. Kein Wunder, dass hier alle plemplem sind. Das weckt trotzdem die Neugierde unseres pubertierenden Titelhelden, der dem Händler unmissverständlich zu verstehen gibt, sich über diese Anordnung hinwegsetzen zu wollen. „Aladin, dachte, du wärst geworden vernünftig. Ist verboten nachzuspüren Tochter von Sultan“, radebricht der Händler, aber Aladin ist sich sicher: „Ich werd‘ mich verstecken. Es wird schon nichts passieren.“ Klar, es sei denn, der Händler verpetzt dich. „Oy vey, oy vey!“, fällt dem dazu nur ein, denn er ahnt wohl, was unmittelbar bevorsteht – ein neues Lied!

Aladin schleicht sich ins lokale Bad und versteckt sich hinter einer mannshohen Vase, wo der Spanner Prinzessin Soraya – na ja – beim Singen in all ihren Textilien zusieht:

Ich bin des Sultans Tochter,
Und wenn ich frech bin, kocht er.
Bin ich brav, dann ist er still.
Doch das ist nicht,
Doch das ist nicht,
Doch das ist nicht das, was ich will.

(…) Sultan Job,
Ich sag‘ gleich, das ist echt bekloppt,
Immer nur regier’n, regier’n
Und nichts and’res im Gehirn,
Und du darfst im Palaste schmachten,
Musst auf tausend Regeln achten,
Und willst du raus,
Dann darfst du nicht,
Und musst du raus,
Dann willst du nicht.

Refrain: Ich bin des Sultans Tochter …

Die Performance des Songs ist sowohl stimmlich (die Sängerin kommt deutlich an ihre gesanglichen Grenzen und ist teilweise kaum bis gar nicht zu verstehen – siehe oben) als auch tänzerisch durchaus verbesserungswürdig – in einem besonders schlimmen Anfall von Einfallslosigkeit haben die Zeichner neben tanzenden Mäusen, um sich beim Charakterdesign bloß nicht zu sehr zu überfordern, nach dem Motto „einmal gezeichnet, in dreifacher Anfertigung identisch kopiert“ Soraya noch weibliche Drillings-Bedienstete an den Beckenrand gezeichnet, die vermutlich ob des nörgelnden Liedinhalts drohend mit ihrem Zeigefinger wedeln –, aber Aladin ist trotzdem auf der Stelle verliebt und kann nur noch „Oh, Soraya!“ seufzen.

Überraschenderweise schafft es Aladin, unbeobachtet wieder die Badanlage zu verlassen, denn sonst würde er in der nächsten Szene wohl kaum nachdenklich daheim auf dem Bett sitzen. Seine Mutter hält ihn verständlicherweise für krank, weil Denken ja nun was ganz Ungewohntes für ihn ist. „Ach, Mutter, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass die Tochter des Sultans meine Frau wird“, klagt er möglicherweise leicht überstürzend, woraufhin seine Mutter mit ihrer ganz eigenen Einfühlsamkeit kontert: „Ach sooo. Verliebt bist du. Nun ja, Liebesleid dauert keine Ewigkeit.“ Ich würde mir an ihrer Stelle trotzdem mal Gedanken über meine Erziehung machen, möchte ihr Sohn doch eine junge Frau heiraten, mit der er noch nicht ein Wort gewechselt hat – und dann auch noch eine, die er eigentlich nie hätte ansehen dürfen, weil er doch sonst mit dem Tode bestraft wird. Aladin verbittet sich solch unsensiblen Einschübe: „Ich liebe Soraya.“ Doch Mama stochert weiter munter in der Wunde: „Aladin, so überleg doch, du bist nur der Sohn eines armen Schneiders. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass der Sultan jemandem wie dir seine Tochter zur Frau gibt!“

Doch da kommt dem Verliebten die rettende Idee: Er hat doch kürzlich diese tollen Kugeln mitgebracht, „die reinsten Diamanten“, die könne doch seine Mutter mal dem Sultan mitbringen und bei der Gelegenheit gleich den Heiratswunsch ihres Sohns an ihn herantragen. Seine Mama blockt zunächst in bewährter Manier ab, lässt sich dann aber breitschlagen – nur um ihm dann in bewährter Manier den nächsten verbalen Tiefschlag zu verpassen: „Ich sage dir schon jetzt, viel Glück werde ich nicht haben.“

Und so macht sich Mama Aladin auf den Weg zum Sultan. Ehe sie dran ist, hat der Sultan aber noch mit zwei Streithähnen zu tun, die ihn mit Lappalien belästigen, um die er sich in seinem mickrigen Thronsessel ohne jegliche Verzierungen eigentlich gar nicht kümmern mag, aber als Herrscher muss. Ihm zur Seite steht der Großwesir, der wie gesagt im Vergleich zum Disney-„Aladdin“ nicht Dschafar ist, sondern eine ganz andere, bisher noch nicht aufgetauchte Person, die aber gewisse Ähnlichkeiten mit ihm hat, ebenfalls so 200 Jahre alt ist und mit einer unglaublich hohen Piepsstimme redet, als hätte der Sprecher vorher Helium eingeatmet. Die zwei Streithähne sind entsetzlicherweise nach Papagei Jago und dem Pferd und dem Esel zwei weitere Comic Reliefs: Der eine ist dick und hat einen Affen mitgebracht (denselben, der schon in der Eingangsszene tanzte und wie der minderwertige Bruder vom „Aladdin“-Abu aussieht), der andere dünn mit einer Schlange, die er PETA-unkonform die ganze Zeit am Hals packt und so würgt, dass sie nach Luft japst.

Der Auslöser des Streits: Die Schlange des Dünnen hat den Affen des Dicken gebissen, weil der Dünne beweisen wollte, dass seine Schlange sehr wohl Zähne hätte. Der Sultan nimmt mir das Wort aus dem Mund: „Hä?“ Und das Problem wird nicht weniger kompliziert, denn Dünn legt nach und sagt, Dick hätte behauptet, die Schlange sei nicht gefährlich, da Dünn ihr alle Zähne gezogen hätte, worauf Dick sagt, er hätte nur behauptet, Dünn hätte ihr den GIFTzahn gezogen. Alles klar? Auf Nachfrage des Sultans, ob er den Giftzahn gezogen hätte, gibt Dünn auch an, ja klar hätte er das gemacht, sonst wäre der Affe ja jetzt tot. „Ist das nicht Gerechtigkeit genug? Du hast den Streit angefangen, dafür hat die Schlange deinen Affen ohne Giftzahn gebissen. Was willst du mehr?“, resümiert der Sultan schließlich und ordnet für beide fünf Stockschläge an. Bitte für mich auch – genau auf den Hinterkopf.

Dann können wir ja mit der Aladin-Story weitermachen, nicht? Mama Aladin kriecht rückgratlos zu Kreuze und ringt dem Sultan vorab das Versprechen ab, sie wegen ihrer folgenden Bitte nicht zu bestrafen. „Dann höre, Sultan! Eines Tages sah mein Sohn Aladin deine Tochter Soraya und verliebte sich aufs Heftigste in sie.“ Nicht etwa der Sultan, sondern der beistehende Großwesir schreit Zeter und Mordio: „Er hat es gewagt, Soraya anzuschauen! Er muss auf der Stelle getötet werden!“ Die Mutter versucht zu beschwichtigen (tja, hätte sie mal auch gleich noch das Versprechen des Sultans eingeholt, auch ihren Sohn nicht zu bestrafen): „Oh, gütiger Herrscher, sei nicht so streng mit meinem Sohn Aladin! Er ist jung und dumm.“ Sie nutzt wirklich jede Gelegenheit, Aladin in die Pfanne zu hauen. Dann rückt sie raus mit der Sprache: Ihr Sohn ist nicht nur verliebt, er will Soraya auch noch heiraten!

Ehe Protest erhoben werden kann, kramt sie auch schon als Brautgabe die wunderbaren Kugeln hervor (also, sie kramt nicht, sondern hat sie einfach im nächsten Moment in der Hand, aber das habt ihr euch ja schon gedacht). Da bleibt dem Sultan glatt die Spucke weg: Das ist ja wohl wertvoller als alles, was er in seinen eigenen Schatzkammern hat. Eine mögliche Strafe für Aladin ist also umgehend vergessen. Der Großwesir kocht vor Wut, und wir erfahren auch gleich, warum: Eigentlich hatte der Sultan Soraya bereits dem Sohn des Großwesirs, Hussein, versprochen. Der Sultan gibt sich ganz als Fähnchen im Wind: „Nun ja, die Zeiten ändern sich, Großwesir! Dein Sohn kann wohl kaum solche Schätze aufbieten.“ Trotzdem handelt der Großwesir wenigstens noch eine Galgenfrist von drei Monaten aus: Sollte Hussein bis dahin nichts Ebenbürtiges aufweisen können, dann darf Aladin Soraya heiraten. Danach versucht er es doch noch mal kurz mit der Aladin-hat-deine-Tochter-angeschaut-er-muss-sterben-Tour, aber der Sultan ist der Meinung, dass das warten kann. Mich würde das an der Stelle von Aladins Mutter ja nicht unbedingt beruhigen.

Bis zu ihrer Heimkehr kann uns das Skript doch noch mit einem Schlagabtausch mit den Stand-up-Comedians Herrn Pferd und Herrn Esel die Zeit vertreiben, oder?

Pferd: Hüüü-hüüü, warst du schon mal verliebt?
Esel: Iaaa-iaaa, nöö. Du?
Pferd: Damit ich mich genauso zum Esel mache wie Aladin?
Esel: Hä?
Pferd (lacht): Hüüü-hüüü!

Aladin empfängt seine Mutter überschwänglich – und hebt sie bei der Begrüßung erst einmal hoch, während sie in der Luft mit den Füßen wackelt?! Puh, die Zeichner unterbieten sich bei jeder Darstellung einer Bewegung selbst. Als seine Mama ihm von der Dreimonatsfrist berichtet, kann er seine Enttäuschung nur schwer zurückhalten: „Noch drei Monate? Sie werden mir vorkommen wie eine Ewigkeit.“ Undankbarer Bengel. Die Mutter äußert außerdem ihre Bedenken (negative Stimmung verbreiten, das kann sie schließlich gut), dass der Großwesir die Hochzeit noch verhindern könne. Aber Aladin versucht es dann doch gefasst zu nehmen: „Ach Mutter, sieh doch nicht immer so schwarz! Freu dich lieber mit mir, nur noch drei Monate!“ Und nach kurzem Überlegen: „Oh je, noch drei lange Monate!“ Wankelmut tut selten gut.

Ich kann es zwar nicht so wirklich begreifen, warum Aladin Trübsal bläst, zumal er ja nun wirklich allerbeste Chancen hat, die Prinzessin zu ehelichen, und das auch noch mit Dschinni und notfalls sogar dem Geist des Rings in der Hinterhand (an die sich aber merkwürdigerweise derzeit niemand von den beiden zu erinnern scheint), aber er ist halt eine verwöhnte Memme und muss uns das gleich mit einem gar schauderhaften geträllerten Liedchen beweisen, das selbst die bisherigen zwei Songs in Sachen Debilität in den Schatten stellt – gesanglich, textlich und musikalisch, in wirklich jeder Beziehung:

Ach, wo steht mir bloß der Kopf?
Ich schau‘ auf einen Suppentopf,
Auf eine Kanne für Kaffee,
Doch ganz egal, wohin ich seh’,
Ist immer nur die eine da,
Soraya, oh Soraya.

Fünf mal fünfzehn, das macht sieben,
Käse wird mit V geschrieben,
Achtzehn Beine hat das Pferd,
Das Wasser brennt im Küchenherd,
Alles falsch, nur eines wahr,
Soraya, oh Soraya.

Im Kopfe ist mir ganz benommen
Alles ist total verschwommen,
Im Nebel selbst das Sonnenlicht,
Ich sehe meine Zehe nicht,
Alles trüb, nur eines klar,
Soraya, oh Soraya.

Alle Freude in der Gasse,
Auch die Brühe in der Tasse,
Da die Lampe, hier die Butter,
Selbst der Rock von meiner Mutter,
Alles fern, nur eines nah,
Soraya, oh Soraya.

Boah.

Weil das alles ganz traurig ist, sehen wir auch ein paar Tiere, die vermutlich eher deshalb Tränen vergießen, weil der Gesang so schmerzt – egal ob eine Maus, drei Enten, das sonst so grimmige Kamel, der ohnehin traurige Elefant sowie Esel und Pferd. Auch der in sein Instrument blasende Fakir mit seiner Kobra ist wieder da, drei Tukane und auch ein Pelikan (der offensichtlich von Pelle aus den Petzi-Büchern inspiriert ist), der mitgackert und ausgerechnet Nervensäge Nummer eins, den Papagei Jago, daran verzweifeln lässt. Dass Jago ausnahmsweise mal nicht bei Dschafar auf der Schulter hockt, zeigt nur den nachlässigen Umgang mit den Animationen, die einfach nach dem Random-Prinzip eingebaut werden, ohne dass es jemanden interessieren würde, ob das logisch gerade passt.

Nach diesem Alptraum von einem Lied wiederholen wir mal wieder die Szene mit dem Elefanten, der den Mann mit Trommel auf seinem Rücken sitzen hat, was seinen Kopf vibrieren lässt. Es wird per Megafon eine Hochzeitsfeier angekündigt. Ich will schon aufschreien, dass die drei Monate aber verdammt schnell vergangen sind, doch da Aladins Mutter, die hier aus irgendwelchen Gründen – und das auch nicht zum letzten Mal – mit einem gerupften Huhn in der Hand rumläuft (???) und durch die Durchsage ähnlich verwirrt ist, handelt es sich wohl nicht um die von Aladin und Soraya. Sie ist gerade auf dem Basar und fragt einen Händler, wer denn da heiratet. Na, Soraya heiratet – und zwar den Sohn des Großwesirs! Äh, bitte? Wie das? Was ist passiert? Fehlt hier eine Szene?

Aladins Mutter kehrt nach Hause zurück und überbringt ihrem Sohn die Hiobsbotschaft. Zum Glück versinkt er daraufhin nicht sofort wieder in Selbstmitleid, um – diesmal begründet – ein paar weitere Strophen von „Soraya, oh Soraya“ zu singen, sondern ist sauer: „Dieser Schuft, dieser elende…“ Ich weiß nur nicht ganz, auf wen. Auf Hussein? Auf den Großwesir? Auf den Sultan? Doch dann fällt ihm plötzlich ein, dass es da ja noch jemanden gibt, der helfen könnte: „Dschinni!“ Also, ich sage es noch mal: Ihr könnt euch sicher sein, hätte ich einen Flaschengeist, der mir all meine Wünsche erfüllt (und dann in diesem Film offenbar nicht nur drei, es sei denn, Dschinni hätte diese Klausel absichtlich verschwiegen), ich würde dessen Dienste täglich in Anspruch nehmen, solange ich nicht mehrfacher Trilliardär bin und alle Filme der Welt in meinem Besitz habe. Ach ja, und übrigens, Aladin: Du hast auch immer noch den Ringgeist, aber gut, der war ein noch schlimmerer Anblick als der übel nachgemalte Dschinni.

Aladin reibt die Lampe – und da ist Dschinni auch schon. Seinen Humor hat er nicht vergessen, denn das Erste, was er tut, ist wieder dämlich lachen: „Hahaha!“ Sein Besitzer hat Rache fürs Brautwegschnappen im Sinn: Da der Sultan und der Großwesir ihn betrogen haben (wenn hier jemand mal ganz ruhig sein sollte, dann Aladin und seine Mutter, die mit den komischen Glitzerkugeln gegenüber dem Sultan ja wohl Reichtum statt Bettelarmut vorgetäuscht haben), will er für eine Hochzeit sorgen, die Hussein nie vergessen wird. „Gerne, Aladin! Hahaha!“, erwidert der lustige Geist. Tja, und was soll Dschinni tun? Aladin bittet ihn, Soraya und Hussein hierher zu zaubern. „Es wird mir ein Vergnügen sein, hahaha!“, lacht Dschinni, kehrt in seine Lampe zurück, kommt wieder raus und kramt Soraya und Hussein hervor, die in seinen großen Händen gerade eher wie das neueste Spielzeug von Mattel aussehen. Und nun der nächste Wunsch: „Nimm Hussein und sperr ihn in den Ziegenstall, aber ganz nah zum Bock, damit er morgen früh auch schön duftet.“ „Hahaha!“, lacht Dschinni wieder und zaubert ihn wie gewünscht zum Ziegenbock. Soraya ist ob der rätselhaften Vorgänge mit dem durchgeknallten blauen Lachriesen etwas verwirrt und kann auch nichts mit Aladin anfangen, von dem ihr Papa ihr wohl nichts erzählt hat. Aladin stellt sich kurz vor und fleht sie an, Hussein nicht zu heiraten, denn: „Soraya, ich … ich liebe dich!“ Womit Soraya sich ebenfalls unsterblich in ihn verliebt hat und mit ihm – bitte, nein! – in ein Duett ausbricht!

Aladin:
Ach, was wir für’n tolles Pärchen wären,
Du und ich, das wär’ doch famos.

Soraya:
Den Zofen würden wir das Fürchten lehren,
Bei dir und mir wär’ immer was los.
Und den Sohn vom Großwesir?

Aladin:
Pöh, soll’n ihn die Wanzen beißen.

Soraya:
Den lass ich steh’n und komm‘ mit dir.

Aladin:
Den lässt du steh’n und kommst mit mir.

Beide:
Und wir feiern, dass die Fetzen fliegen,
Keiner darf uns sagen, was wir soll’n,
Wir werden 17 wilde Kinder kriegen,
Die dürfen toben, wie sie woll’n.

Aladin:
Und der Diener und der Tim(?)?

Soraya:
Schreibt ganz groß ans Klingelschild

Beide:
Soraya und Aladin.

Mit einem peinlich animierten Kuss besiegeln sie ihre unsterbliche Liebe. Ja, das ging schnell, was? Während des Liedes werden der Elefant und die Maus, die vorhin noch weinte und jetzt vor Verzückung ein Herz fliegen lässt, eingeblendet – und sogar Depp 1 und Depp 2, Aladins Freunde aus der ersten Szene, die durchs Fenster spannen. Einer der Komiker macht sogar einen Kussmund und entsprechende Schmatzgeräusche dazu. Dschinni unterbricht die Turteltauben nur ungern, aber weil der Morgen graut, sollen Hussein und Soraya bitte umgehend zurück in den Palast gezaubert werden. Ja, auch das Morgengrauen kam schnell, was? „Hohoho!“, freut sich der lustige Geist, als er sich Hussein schnappt und reagiert gelassen auf Husseins Einwand, alles seinem Papa zu petzen: „Na, dann komm! Hohohoho!“ Dschinni braucht ganz dringend was auf die Fresse, wenn ich das mal so deutlich sagen darf. „Hohohoho! Na, duftet er nicht herrlich?“, fragt er Soraya und Aladin, als er aus dem Stall mit Hussein zurückkehrt. Seine eigentliche Braut steigt ins Mobbing voll ein: „Iiih, wie der stinkt!“ Aladin verspricht ihr, in Kürze erneut beim Sultan vorzusprechen, sobald die drei Monate vorbei sind. „Erneut“ ist gut. Deine Mutter hast du vorgeschickt, du Spinner! Wie soll die Beziehung je gut ausgehen, wenn die Basis bereits eine Lüge ist?

Wieder daheim wird der Sultan, der offenbar sogar in seinem Thron nächtigt, von Soraya geweckt – und empört sich über den fürchterlichen Gestank. Soraya findet das eher lustig und petzt, dass der neben ihr stehende Hussein dieses Stinktier ist. „Ungewaschen wagst du es, dich meiner Tochter zu nähern“, schimpft der Sultan und ruft sogleich seinen Großwesir zu sich, der von jetzt auf gleich da ist: „Erkläre mir auf der Stelle, warum dein Sohn mit seinem Gestank meine Tochter beleidigt. Kannst du es nicht, so werdet ihr beide den Abend nicht mehr erleben.“ Der Großwesir kann sich das alles nicht erklären: „Aber ich hab’ ihn doch selbst zum Bad begleitet.“ Eine sehr enge Vater-Sohn-Beziehung, wie es scheint. Das wollte ich aber doch gar nicht wissen. Soraya kichert im Angesicht des Todes zweier Unschuldiger weiter albern vor sich hin. Hussein erzählt, was vorgefallen ist. Soraya will mal nicht so sein und bestätigt seine Geschichte, gibt aber an, dass ihr nichts geschehen sei: „Im Gegenteil: Ich wurde aufs Angenehmste unterhalten.“

Doch auch wenn das jetzt geklärt wäre, reicht der stinkende Hussein aus, um den Sultan davon zu überzeugen, dass ein Fluch über der Verbindung der beiden liegt: „Allah will nicht, dass sie ein Paar werden. Ich erkläre die Verlobung für ungültig.“ Ich würde überhaupt zu gern wissen, was den Sinneswandel des Sultans bewirkt hat, der sich doch aufgrund des prächtigen Kugelgeschenks von Aladins Mutter ohnehin mit einem anderen Schwiegersohn arrangiert hatte. Der Großwesir ist so richtig stinkig auf seinen übelriechenden Sohn: „Lässt sich einfach in einen Ziegenstall sperren. Und du willst mein Sohn sein! Geh mir aus den Augen, du Unwürdiger!“ Der Sultan tröstet Soraya, die ja nun wirklich einen sehr traurigen Eindruck gemacht hat in den letzten Minuten: Man werde schon einen anderen Bräutigam für sie finden. „Bestimmt“, schmunzelt sie.

Und plötzlich, rund 35 Minuten im Film, fällt Autorin Haas ein, sie könne ja mal einen Erzähler einsetzen. Der hat zwar bisher mit Abwesenheit geglänzt, aber wenn sie eh von der ersten Minuten an auf Kontinuität pfeift, kann sie ja genauso gut weitermachen. Warum also nicht auch jetzt? Mir wäre es ja lieber gewesen, der hätte von Anfang an erzählt. Dann würden die Szenenfolgen vielleicht verständlicher werden. Vermutlich aber auch nicht. Jedenfalls berichtet der Erzähler, dass nun die drei Monate um sind und sich Mama Aladin erneut auf den Weg zum Sultan macht, während wir sehen, wie sich Mama Aladin erneut auf den Weg zum Sultan macht. Schickt Aladin also doch wieder Mama vor, das feige Arschloch!

Da Ökonomie das Steckenpferd von Dingo Pictures ist, wird dem Vorsprechen der Mutter beim Sultan auch diesmal wieder das schräge Pärchen Dick (der mit dem Affen) und Dünn (der mit der Schlange) vorangestellt – mit größtenteils identischen Zeichnungen im Vergleich zu vorhin, versteht sich. Nur der Dialog ist anders. Der Sultan wie üblich auf seinem Thron sitzend ist genervt. Diesmal hat Dicks Affe die Schlange gebissen, weil Dünn behauptet hat, sein Affe würde nur deshalb so viele Bananen essen, weil er schon zu alt sei, was zu zerbeißen. Da der Affe aber nur noch einen wackligen Vorder- und einen verfaulten Backenzahn habe, sei der Schlange nichts Schlimmeres passiert. „Allah, was habe ich getan, dass ich über solche Schwachköpfe richten muss?“, seufzt der Sultan und spricht mir damit aus der Seele. Was habe ich getan, dass ich mir einen solch dampfenden Schwachsinn ansehen muss? Er befiehlt diesmal anstatt fünf gleich zehn Stockhiebe für Dick und Dünn.

Nun ist Mama Aladin an der Reihe und fragt den Sultan gleich mal gerade heraus, ob er sie wiedererkennt. Offenbar nicht: „Hä?“ Sie stellt ihn zur Rede, weil er ihrem Sohn doch immerhin vor drei Monaten die Hand seiner Tochter versprochen hätte. Ganz genau! Das ist die richtige Frage! Raus mit der Sprache, Sultan, was ist passiert? „Bei Allah, das hab’ ich ganz vergessen.“ Vergessen?! Das Thema Schwiegersohn ist ja auch eher unwichtig, nicht wahr? Volltröte. Sogleich raunt er dem ebenfalls wieder anwesenden Großwesir zu: „Mir scheint, die Frau ist recht arm und ihrem Sohn wird es nicht besser gehen. Wer weiß, wo sie die Juwelen her hatte?“ Der Großwesir nimmt die Zügel in die Hand und schlägt vor, Aladin eine Aufgabe zu stellen, die er nie und nimmer wird erfüllen können. Der begriffsstutzige Sultan versteht wieder nur Bahnhof: „Hä?“ Also, folgende Hausaufgabe: Aladin soll bitte 40 Schüsseln mit Juwelen als Brautgabe vorbeibringen. Gelingt ihm das, soll die Hochzeit stattfinden. „Das wird er nie schaffen“, ist sich der Sultan sicher. „Und falls doch, auch gut.“ Genau, reine Win-Win-Situation: Gibt es keine Juwelen, dann bleibt Soraya von Taugenichts Aladin verschont. Gibt es Juwelen, ist der Sultan noch reicher und kann auch einen Taugenichts als Schwiegersohn ertragen.

Wie können wir uns die Zeit bis zur Heimkehr der Mutter vertreiben? Machen wir’s doch wie vorhin und setzen wir wieder Pferd und Esel für einen weiteren lustigen Dialog ein.

Pferd: Hüüü-hüüü, sie kommt!
Esel: Iaaa-Iaaa, sie kommt!
Pferd: Sagte ich doch schon!
Esel (lacht): Iaaa-iaaa!
Pferd (lacht): Hüüü-hüüü!

Aladin wartet wieder ungeduldig, als seine Mutter nach Hause kommt, hebt sie diesmal aber immerhin nicht hoch. „Ach, mein Sohn, es ist nicht Allahs Wille! Schlag dir Soraya aus dem Kopf!“, verbreitet sie wieder schlechte Stimmung – oder versucht es zumindest, denn diesmal hat zumindest Aladin nicht vergessen, dass es ja noch Dschinni gibt, der bei der anstehenden Aufgabe locker helfen kann. Warum aber die Mutter das immer wieder vergisst, ist eigentlich nur noch mit Desinteresse oder – schlimmer – mit einsetzender Demenz zu erklären. Aladin reibt die Lampe, und Dschinni erscheint (natürlich exakt so wie die letzten Male auch, denn Variation in den Animationen brauchen wir nicht). Dafür lacht er diesmal gar nicht. Was ist los, Dschinni? Nervt dich deine stupide Arbeit langsam? Naja, auch ein Flaschengeist darf mal seine Tage haben. Diesmal also 40 Schüsseln mit Edelsteinen – nichts leichter als das. Der Flaschengeist verschwindet kurz und taucht dann vorm Fenster wieder auf: Da steht der schon x-mal gezeigte und vermutlich einzige Elefant vor Ort und ist mit etlichen Beuteln voller Edelsteine beladen (also diesen ominösen Kugeln, die Aladin aus der Höhle mitgebracht hat), bereit, sie sofort zum Palast zu bringen. „Dschinni, du bist der Größte!“, jubelt Aladin. Da findet sogar sein Diener das Lachen wieder: „Hahahaha, nicht doch!“

Fast 30 Sekunden sehen wir dem Elefanten nun dabei zu, wie er langsam in des Sultans Gärten trottet. Die Bewegungseffekte sind und bleiben gewohnt erbärmlich. Dem Sultan, ausnahmsweise mal nicht im Thron sitzend, fallen fast die Augen raus, und der Großwesir platzt vor Wut: „Verflucht sei dieser Hundesohn!“ Aladin ist wieder nicht selbst gekommen, sondern hat seine Mutter vorgeschickt. Was ist das bloß für ein Mensch? Ob anwesend oder nicht, der Sultan ist begeistert. Damit ist es amtlich: Aladin darf Soraya heiraten, aber vorher möchte der Sultan dann Aladin endlich doch mal ganz gern kennenlernen. Sehr gute Idee. Ich verstehe sowieso nicht, wieso die feige Socke diesmal bei seinem Triumphmarsch nicht selbst vorbeigekommen ist. Der Großwesir tobt weiter: „Es ist … es ist Zauberei! Dafür wird Aladin büßen!“ Jaja, red nur, Opa!

Der Sultan geht ins Schlafzimmer seiner Tochter. „Soraya, du Schönste aller Wüstentöchter“, sagt er und überbringt ihr die frohe Kunde, nun doch schon in Kürze einen neuen Bräutigam zu haben und heiraten zu dürfen. Soraya tut ganz neugierig. Ihr Vater fordert sie auf, ihre schönsten Kleider anzuziehen, aber in weiser Voraussicht trägt sie die schon. Der Sultan wundert sich: „Sie kennt ihn doch gar nicht.“ Wäre ja auch zu einfach für ihn gewesen, Hussein seinerzeit noch weiter zu verhören und ihn zu dessen abenteuerlicher Geistergeschichte auszuquetschen, die ja erst der Grund war, dass der so stank. Dann hätte er herausfinden können, dass der Geist zu Aladin gehörte und dass Soraya ihren Zukünftigen sehr wohl kennt. Aber nun ja, ich denke wieder viel weiter als die Verantwortlichen dieses Desasters.

Im nächsten Moment kommen Aladin und seine Mutter auch schon auf dem Elefanten langsam angeritten und werden dabei von einer begeisterten Menschenmenge bejubelt. „Hurra! Hurra! Hurra!“, ruft sie unentwegt, und ich stelle fest, dass die Leute von Dingo Pictures nicht mal in der Lage waren, eine jubelnde Menschenmenge akustisch glaubwürdig hinzubekommen. Ich hatte früher mal ein Spielzeugklavier. Damit konnte man gesprochene Wörter wie „Hurra“ aufnehmen, und wenn man dann auf mehrere Tasten gleichzeitig drückte, wurde dieses „Hurra“ genauso häufig reproduziert, wie viele Tasten gerade gedrückt wurden. Viel anders kann das hier auch nicht gelaufen sein.

Der Sultan und selbstverständlich Soraya nehmen Aladin begeistert in Empfang. Nur der Großwesir knurrt vor sich hin. Da ich den Sultan bisher ja eher für einen missgelaunten Gewaltherrscher gehalten habe, sooft, wie er hier schon mit Todesdrohungen um sich geworfen hat oder hat werfen lassen, bin ich etwas überrascht, dass er ganz entgegen seiner tyrannischen Ader seiner Tochter die Entscheidung überlasst, ob sie Aladin als ihren zukünftigen Gatten akzeptieren möchte oder nicht. „Mein Vater, wenn du es wünschst, werde ich dir gehorchen“, erwidert sie.

Nun könnte also alles zum Happy End kommen, aber da wir noch ein paar – ein paar ist gut: viel zu viele – Minuten auf dem Konto haben, hat Aladin noch eine Bitte: Er möchte die Hochzeit noch um einen Tag verschieben. „Hä?“, fällt dem Sultan da nur ein. Ja, der Sultan hat richtig gehört. Aladin möchte seiner Zukünftigen nämlich noch heute Nacht einen eigenen Palast erbauen. Nur das Beste für die Beste. Ich muss sagen, mit Dschinni im Rücken wird der Gute doch etwas größenwahnsinnig. Ich hätte an seiner Stelle dann doch lieber erst die Hochzeit genommen und danach den Palast bauen lassen – nur für den Fall, dass Dschinni mal einfach keinen Bock mehr auf seine ganzen Wünsche hat. Das strengt doch auch an. „In nur einer Nacht?“, hakt der Sultan nach, sieht das aber ganz entspannt: „Na, wir werden sehen. Gut, du kannst direkt den freien Platz neben meinem Palast haben.“ Spätestens jetzt ist dem Großwesir klar: „Er ist mit den Mächten des Bösen verbündet.“

Also reibt Aladin noch am selben Tag den Flaschengeist herbei, der heute mal wieder einen Clown gefrühstückt hat: „Hahahaha, stimmt was nicht?“ Aladin kommt mit seinem Palast-Wunsch um die Ecke, und Dschinni gehorcht. Muss er ja. „Hahahaha!“, verliert die Frohnatur auch dann den Spaß an seiner Arbeit nicht, obwohl der Wunsch von Aladin dann doch etwas harsch formuliert ist: „Los! Dann mach dich an die Arbeit!“ Er und Manieren – das wird in diesem Leben eh nichts mehr.

Am nächsten Tag ist der Sultan ganz aus dem Häuschen und ruft nach seinem Großwesir. Vor seinem Palast steht ein weiterer Palast – genauso, wie es Aladin vorausgesagt hatte. Für den Großwesir ist das nur ein weiterer Grund, mit den Zähnen zu knirschen und auf Aladin, den Zauberer, zu schimpfen. Dem Sultan sind die Worte seines Gesprächspartners ein Dorn im Auge, aber er meint auch den Grund zu wissen, warum der so geknickt ist: „Du bist ja nur wütend, weil dein Sohn versagt hat. Wer in der Lage ist, mir solche Juwelen zu schenken wie Aladin, der kann auch einen solchen Palast bauen. Also schweig!“ Der Großwesir knurrt unverdrossen weiter und stößt Drohungen aus, die die steinalte Mumie sowieso nicht wahrmachen wird: „Ich werd’s ihm zeigen!“ Wollen wir wetten?

Ach, da ist der Erzähler wieder – und er holt eine Figur zurück ins Geschehen, die ihr doch ganz bestimmt ebenso vergessen habt wie ich: „Der Zauberer aber saß in seinem Palast in Afrika und grübelte unentwegt über seine Niederlage nach. Eines Tages hielt er es nicht mehr aus.“ Ach ja, Dschafar! Mensch, altes Haus, ewig nicht gesehen! Alles klar bei dir? Dschafar hat in der Zwischenzeit wohl im Exil gelebt (zu Recht nach seiner hochnotpeinlichen Aktion) oder zumindest ein Sabbatjahr eingelegt, denn nun erst möchte er sich Klarheit darüber verschaffen, ob Aladin damals in der Höhle umgekommen ist. Wenn ja, wird er sich einen anderen Jungen suchen, der ihm die Lampe beschaffen wird. Er murmelt einen Zauberspruch, und plötzlich schiebt sich auf die primitivst denkbare Weise ein kreisrunder Ausschnitt, der dann wohl so was wie eine Zauberkugel sein soll, direkt über große Teile seines Gesichts. Er ist entsetzt, weil er in dieser Kugel Aladin gerade seelenruhig durch die Stadt laufen sieht. „Er lebt! Der Elende ist am Leben!“, flucht Dschafar, und Papagei Jaro, bei dem ich mich gefreut hätte, wenn das Skript ihn ganz vergessen hätte, findet das sogar ausdrücklich gut: „Er lebt! Hurra, Aladin lebt!“ Als Stiefellecker kann man den Vogel wirklich nicht bezeichnen. Dschafar aber ist mächtig angefressen, zumal Aladin zu allem Überfluss auch noch die Tochter des Sultans geheiratet hat, reich ist – und als Sahnehäubchen auch noch die Macht der Lampe entdeckt hat. „Durch deine Hilfe, hihihi“, kichert Jaro. Doch der böse Zauberer kennt nur noch eins: „Ich muss zurück! Aladin muss sterben!“

Dschafar zaubert sich umgehend direkt vor den von Dschinni neu errichteten Palast, wo er gleich noch mal seine primitive Zauberkugel direkt vor sein Gesicht zaubert und feststellt, dass Aladin aktuell nicht zu Hause ist, während die Lampe aber gemütlich auf einem Tisch in eben diesem Palast ruht. „Jetzt steht mir nichts mehr im Wege“, lacht der Zauberer vorfreudig – und er hat auch schon einen Plan, wie er an das Objekt seiner Begierde kommen kann. Er weckt einen Händler auf und befiehlt ihm, ihm alle Lampen zu überlassen, die er hat. „Wir wollen alle Lampen! Wir wollen alle Lampen!“, erinnert Jaro mich daran, dass ich ihn doch eigentlich schon nach wenigen Minuten tot sehen wollte. Der Händler wundert sich und fragt mal nach, wofür sein Kunde so viele Lampen braucht, aber Dschafar gibt sich bedeckt, kauft die Lampen und schaufelt sie auf einem Holzkarren zusammen.

Mit diesem Holzkarren stellt er sich vor den Palast der Prinzessin und ruft mit – keine Ahnung, warum – verstellter Stimme: „Tausche alte Lampen gegen neue Lampen, tausche alte gegen neue Lampen!“ Soraya hört das und hält das Angebot für einen schlechten Scherz: „Der muss ja ganz schön verrückt sein oder er lügt. Ich werde ihn auf die Probe stellen. Warte, alter Mann! Ich bringe dir gleich eine alte Lampe!“ Dschafar wittert bereits seine große Chance und sieht sich im Reichtum baden – und tatsächlich ist Soraya, die ja um den Wert der Lampe weiß, seitdem Dschinni sie und Hussein in Aladins Wohnstatt verschleppt hat, so dumm und tauscht die Zauberlampe gegen eine neue ein! Es ist unglaublich. Dabei ist Soraya nicht mal blond. Dschafar kann so viel Blödheit auf einen Haufen gar nicht fassen: „Sie ist es! Sie ist es! Hahahaha!“

Damit ist der Weg frei für Dschafar, um die Welt ins Verderben zu stürzen: „Jetzt ist Schluss mit Liebesgeplänkel und Ähnlichem! Jetzt geht’s zur Sache!“ Dschinni ist gar nicht mal so gut gestimmt und setzt sein verärgertstes Gesicht auf, muss nun aber seinem neuen Herrn zu Diensten sein und ihm bei dessen blutiger Rache an Aladin behilflich sein. Der Teufel wünscht sich, dass der Flaschengeist den Palast mitsamt Soraya hochhebt und neben Dschafars Schloss in Afrika stellt. Präziser als Afrika wird er nicht, ist ja auch nur so ein kleiner Dorfkontinent. „Befehl ist Befehl, hihihi!“, gackert Jaro, jetzt augenscheinlich wieder ganz auf der Seite des Bösen.

Beim täglichen morgendlichen Blick aus seinem Fenster trifft den Sultan folglich fast der Schlag, als ihm die Fehlmenge an Prinzessinnen-Palästen auffällt. Sofort ruft er seinen engsten Vertrauten, den Großwesir, herbei, der aber eher die Ätschbätsch-selber-schuld-Karte spielt, immerhin hat er den Befehlshaber vor Aladin und seinen schändlichen Zaubertaten gewarnt. Der Sultan erbittet umgehendes Antanzen seines frischgebackenen Schwiegersohns. Das befiehlt er lieber von seinem Bett aus, nachdem ihn das einminütige Stehen doch sehr geschlaucht hat. „Er hat die Nacht bei Freunden verbracht. Ich schicke die Wachen los“, sagt der Großwesir. Oha, die Nacht bei Freunden verbracht? So früh schon hält er es nicht mehr bei sich zu Hause aus? Die erste Ehekrise? Das hat man nun davon, wenn man unbedingt Hals über Kopf heiraten muss, obwohl man noch keine drei Worte miteinander gewechselt hat. Der Sultan offenbart ob der Entführung seiner Tochter kinderfreundliche Gewaltfantasien: „Ich werde ihn vierteilen lassen! Oder … oder nein, ich lasse ihn lebendig begraben!“

Im nächsten Moment steht Aladin auch schon wie bestellt neben einem finster schauenden Wachposten, der fast wie der Zwillingsbruder von Super Mario aussieht. Aladin ahnt noch nichts und fragt nach dem Grund für sein Vorsprechen-Müssen. Sofort bekommt er den ganzen Zorn des Sultans ins Gesicht geblasen: „Elender! Ich verfluche den Tag, an dem ich dich zu meinem Schwiegersohn machte! Mit deinem Tod sollst du mir dafür büßen!“ Der Großwesir freut sich, auch wenn ich nicht weiß, was ihm persönlich ein toter Aladin bringen würde. Sein Sohn Hussein ist schließlich ebenfalls aus dem Spiel. Will er jetzt sein Leben lang – gut, das eine Jahr, das der Tattergreis noch hat – mit jedem neuen Mann an Sorayas Seite hadern? Aladin ahnt nur zu gut, wer bei der Entführung seine Finger im Spiel haben wird: Das kann nur der verfluchte Zauberer sein! Oder halt ein amoklaufender Dschinni, der langsam die Schnauze voll hat.

In seiner Not macht Aladin einen Vorschlag: „Gib mir eine Woche Zeit! Wenn ich Soraya bis dahin nicht gefunden habe, kannst du mich gerne töten, denn ohne Soraya will ich sowieso nicht weiterleben.“ Okay, vielleicht etwas melodramatisch, unser kleiner Romeo, aber es zeigt eben, dass ihm offensichtlich an den permanent negativen Schwingungen seiner Mutter so viel nicht liegt. Lieber tot, als wieder ein Leben ohne Soraya und mit Mama leben zu müssen. Wo ist die überhaupt? Darf die immer noch in ärmsten Verhältnissen Ziegen hüten, während ihr Sohn so richtig auf die Kacke haut? Der Großwesir will Aladin lieber gestern als heute tot sehen, aber der Sultan lässt sich drauf ein, weil er darin die einzige Möglichkeit sieht, Soraya wiederzusehen. Warum auch immer. Wachen hin, Wachen her – theoretisch könnte Aladin jetzt auch einfach in den Untergrund abhauen und unter neuem Namen irgendwo mit seiner Soraya untertauchen. Und anders herum gedacht: Was hätte der Sultan von Aladins Tod? Danach weiß er doch noch immer nicht, wo Soraya abgeblieben ist. „Hat er es wieder geschafft zu entkommen“, nörgelt der Großwesir über die Gutmütigkeit seines Chefs.

Aladin ist zwar mit seinem Leben davongekommen, hat aber sonst so gar keinen Plan, wie er seine Frau wiederfinden soll. Deshalb hockt er sich irgendwo in der Wüste auf einen Stein und tut das, was er am besten kann: jammern. Und um Dschinni weint er auch, weil der nicht da ist und ihm nicht helfen kann. Auf die Tatsache, dass der Blödian die ganze Zeit etwas an seinem Finger trägt, mit dem er einen weiteren Geist beschwören könnte, muss ihn erst eine Maus mit piepsiger Stimme hinweisen: „Der Ring! Der Ring!“ Nun gut, streng genommen hat er den Ring in keiner einzigen Szene an seinem Finger getragen, weil die Zeichner ihn offensichtlich selbst vergessen haben. Ohne der Maus ein Wort des Danks zuteil werden zu lassen, dreht er an dem Schmuckstück – und tatsächlich erscheint der schwabbelige Jabba-the-Hutt-Geist, um die beleidigte Leberwurst zu spielen: immer nur Dschinni, Dschinni, Dschinni, aber dass er es war, der ihn aus der Höhle vor dem sicheren Tod befreite, das ignoriert Aladin glatt.

Auf Aladins Entschuldigung hin will der schmollende Geist aber mal nicht weiter schmollen und dem Jungen einen Wunsch erfüllen. Muss er ja auch, immerhin ist Aladin sein Herr und Meister. Der Geist weiß auf Nachfrage sofort, wo Soraya gerade steckt: „Deine Prinzessin befindet sich mitsamt deinem Palast in Afrika, und dein so über alles geliebter Dschinni hat ihn dorthin gebracht.“ Okay, so ganz kann er die Sticheleien nicht lassen. Aladin bittet ihn, den Palast zurückzubringen, aber da muss der Geist ihn enttäuschen: „Solche Kunststücke kann leider nur Dschinni.“ Sich dann aber beschweren, dass Aladin dann doch lieber Dschinni bevorzugt – das haben wir gern! Alternativ schlägt der Fettsack vor, ihn dorthin zu bringen, nur um einen Satz später zugeben zu müssen, dass er das selbst gar nicht kann – aber er kann einen fliegenden Teppich zaubern: „Wenn du dich auf diesen Teppich setzt und sagst, wohin du willst, wirst du schneller als der schnellste Vogel an deinem Ziel sein.“ Schon etwas enttäuschend, wenn man bedenkt, was Dschinni alles machen kann, aber nun gut, meinetwegen. „Aladin fliegt, hihihi“, freut sich die Maus. Aladin setzt sich drauf, und schon geht’s los – leider auch mit einem weiteren Song:

Teppich fliegen,
Das ist, logisch,
Hochprozentig ökologisch,
Macht nicht Lärm und nicht Gestank
Braucht nicht Motor oder Tank,
Auch nicht Funkgerät und Tower,
Wer Teppich fliegt, ist einfach schlauer.

Mein Teppich fliegt gut hundert Sachen,
Kann Kurven und auch Loopings machen,
Braucht keine Hupe, braucht kein Licht,
Auch eine Bremse braucht er nicht.

Refrain: Teppich fliegen …

Heißa, durch die Wolken rauschen,
Mit keinem Flugzeug würd’ ich tauschen,
Bringt mich zu meiner Soraya,
Dann bis bald, ich bin schon da.

Ich heule. Und weil jetzt ja eh schon alles egal ist, fliegen plötzlich auch ein zum Techno-Beat des Liedes headbangender Affe (also der Abu-Affe, den wir schon mehrfach gesehen haben), der traurige Elefant mit seinen Füßen aufstampfend und eine headbangende Giraffe auf ihren jeweiligen Teppichen durch die Luft. Ich sag’s noch mal: Ist doch eh alles egal. Auch andere Tiere werden gezeigt, die Aladin beim Fliegen zusehen: Kamele, Enten und Tukane (der mittlere Tukan leckt sich mit seiner Zunge(!) den Schnabel – na gut, in einem Universum, wo Papageien Zähne haben, vielleicht nicht so ungewöhnlich). In einer Einstellung fliegt sogar Jaro miserabelst animiert durch die Gegend, obwohl der doch eigentlich bei Dschafar sein müsste.

In Raketengeschwindigkeit hat Aladin jedenfalls „Afrika“ und die bereits vor Verzweiflung weinende Soraya in ihrem Palast erreicht. Umso größer ist die Wiedersehensfreude. „Ich dachte schon, du kämst überhaupt nicht mehr“, sagt Soraya, nur um daraufhin zu sagen: „Der Zauberer erzählte mir, mein Vater hätte dich getötet.“ Ja, aber wenn er ihn getötet hat – warum hast du dann auf ihn gewartet? Gaga. „War auch gar nicht so einfach, dich zu finden“, sagt Aladin. Ja, hat doch immerhin 100 Sekunden Lied gedauert. Sorayas Stimmung ist schon wieder so gut, dass sie lachen kann: „[Der Zauberer] will, dass ich seine Frau werde.“ Ja, echt lustig. Aladin möchte lieber wissen, wo Dschafar, der wohl gerade den Wochenendeinkauf erledigt oder so, die Lampe versteckt hat. „Er hat sie immer bei sich“, antwortet Soraya, und ich bin erstaunt, dass hier jemand mal was nicht ganz Grenzdebiles tut. Das hat sich Aladin leichter vorgestellt, aber er schüttelt gleich einen weiteren Plan aus dem Ärmel, rückt aber noch nicht raus mit der Sprache. Was auch immer sein eigentlicher Plan war: zum Palast fliegen, Lampe und Soraya holen und weg, oder was? Aladin verabschiedet sich kurz, setzt sich auf seinen Teppich und sagt: „Zum Basar.“

Obwohl das eine ähnlich unspezifische Wegangabe ist wie „Afrika“, bringt der Teppich Aladin zu einem solchen. Ist er dafür jetzt extra wieder zurück nach Hause geflogen, um dann wieder zurück nach „Afrika“ zu fliegen? Umstandskrämer. Der Händler, dessen Laden er betritt, bietet ihm sofort Kopfschmerzmittel und Liebestrank an, aber das will Aladin nicht: „Ich brauche ein starkes Schlafmittel. Mein Großvater leidet an Schlaflosigkeit und hat schon sieben Nächte nicht mehr geschlafen.“ Ob Lügen von Allah gewollt ist? Ich weiß ja nicht. Der Händler glaubt ihm und überreicht ihm das Schlafmittel, und Aladin macht sich wieder auf nach Afrika zu seiner Liebsten.

Zurück im Palast kann Aladin seine Soraya, die ihn in den vergangenen zwei, drei Minuten während seines Fluges zum Basar und wieder zurück sehr vermisst hat, endlich in seinen großartig ersonnenen Plan einweihen: „Hör zu! Wenn der Zauberer heute Abend zurückkommt, bist du sehr nett zu ihm und bittest ihn, ein Glas Wein mit dir zu trinken. Und wenn er dann nicht aufpasst, kippst du ihm dieses Pulver in sein Glas, und er wird in einen langen tiefen Schlaf versinken.“ Fantastisch, Aladin! Nur echte Meister hätten auf so eine Idee kommen können. Allerdings muss ich eins dazu sagen: Allein die Vorstellung, dass eine vermutlich minderjährige Prinzessin einem 200-jährigen alten Sack schöne Augen macht, dreht mir den Magen um. Soraya jedoch ist stärker als ich: „Ich werd’ ihn so verliebt machen, dass ihm Hören und Sehen vergeht.“

Aladin sagte: „Wenn der Zauberer heute Abend zurückkommt.“ Da hätte ich jetzt schon noch mit der einen oder anderen Stunde gerechnet, stattdessen steht er nicht einmal eine Minute nach Aladins Planverkündung auf der Matte. Aladin kann sich gerade noch irgendwo verstecken. Das heißt im Rahmen dieses Films natürlich, er ist einen Schnitt später einfach nicht mehr im Bild ist, während Dschafar einen Schnitt später einfach im Bild ist. Völlig zusammenhanglos werden auch noch kurz Affe Abu und die aus der Vase kommende Kobra, die wir bisher nur gemeinsam mit dem Fakir gesehen haben, eingeschnitten. Offensichtlich sollen sie sich auch in diesem Raum aufhalten, sind aber in der nächsten Sekunde nicht mehr da. „Oh, mein Gebieter, sehnsüchtig erwarte ich deine Rückkehr“, trägt Soraya auffällig dick auf. Kurz ist auch Dschafar skeptisch und fragt, was denn mit ihr los ist, aber mit dem „Ich habe eingesehen, dass ich mein Leben vertue, wenn ich auf Aladin warte, der ja, wie du sagst, tot ist“ hat sie ihn auch schon um den Finger gewickelt und schlägt ihm vor, ein Gläschen Wein mit ihr zu trinken.

Drehte sich mir eben schon bei dem Gedanken an das Verführungsschauspiel zwischen Soraya und dem potthässlichen Uralt-Zauberer der Magen um, so wird es nun erst recht unangenehm, weil Dschafar vor alter Geilheit wegen der vermeintlich anstehenden Liebesnacht das Sabbern anfängt und grunzende Laute von sich gibt. Im nächsten Augenblick sitzt er auch schon, weil die Animatoren nach wie vor nicht in der Lage sind, den Bewegungsablauf vom Stehen zum Sitzen darzustellen. Damit Spannung auch gar nicht erst aufkommt – die gruselige Animation mit ihren abgrundtief hässlichen Gestalten ist ja eigentlich auch Horror genug –, trinkt Dschafar auch gleich aus seinem Kelch und macht ein paar Würgelaute. Seine Augen werden starr und sein Gesicht wackelt. Dann sehen wir kurz Jaro auf der Stelle fliegen – ja, der ist auch noch da -, wir hören ein Poltern, und Dschafar liegt mit aufgerissenen Augen und aufgerissenem Mund leblos am Boden. „Tot?“, krächzt da Jaro durchaus zu Recht. Sieht ganz so aus. Eine Einstellung später sitzt plötzlich Abu auf dem Bauch des Zauberers. Hä? Ja, von jetzt auf gleich sitzt Abu einfach da. Was wundere ich mich überhaupt? Ich sagte oben doch schon, dass die Animatoren gerade die Tiere hier überall in ihre Szenen einbauen. Einfach so. Ohne Sinn. Ohne Verstand. „Der kann uns nichts mehr anhaben“, sagt Aladin. „Hihihihi“, freut sich da das Fähnchen im Wind, der opportunistische Papagei.

Dem Happy End steht damit nichts mehr im Wege. Aladin holt vorsichtshalber noch einmal Dschinni aus der Lampe, um sich nach dessen Wohlbefinden zu erkunden. Der Flaschengeist ist froh, Aladin zu sehen und lässt sich von Dschafars Schicksal berichten: „Du lernst schnell, mein Junge! Sehr gut, hahahaha!“ Ja, ein Musterschüler. Hat er einfach einen Schlaftrunk gekauft, um an die Lampe zu kommen. Da war schon mehr als ein Geistesblitz nötig. Da Dschinni nun schon aus der Lampe ist, hätte Aladin da doch mal wieder einen Wunsch: Dschinni soll den bösen und trotz seines Aussehens doch noch nicht toten Zauberer irgendwohin bringen, wo er kein Unheil mehr anrichten kann. „Mit dem größten Vergnügen, hahahaha!“, lacht der Blaue, nimmt ihn in seine großen Pranken – und zaubert ihn nicht etwa in die Zauberlampe wie im Disney-“Aladdin“. Viel besser: Er zaubert ihn auf einen riesigen Baumstumpf, wo er nun bis an sein Lebensende breitbeinig auf dem Rücken einer auf der Stelle hüpfenden Ziege sitzend verbringen darf?! Äh, was? Ja genau, ich habe keine Ahnung, was die Verantwortlichen dieses Films geraucht haben. Es war wahlweise sehr gut oder sehr schlecht. Seltsam, aber so steht es geschrieben … oder vielmehr: gezeichnet. „Hahahaha, schrei du nur ruhig! Hier wird dir keiner helfen, hahahaha!“, freut sich der sadistisch veranlagte Dschinni, und Dschafar kann nur noch jammern: „Zu Hilfe! Zu Hilfe!“

Wieder im Palast bei Prinzessin Soraya und Prinz Aladin schwant Jaro, dass auf Zusammenarbeit mit bösartigen Zauberern, die aus der Schreckensherrschaft in der Heimatstadt des Sultans eine noch schrecklichere Schreckensherrschaft errichten wollen, die Todesstrafe stehen könnte und stellt daher lieber klar: „Ich bleib’ bei euch!“ Soraya nimmt ihm seine Vergangenheit nicht weiter krumm. Darüber kann sich der Papagei natürlich nur freuen: „Hihihihi!“ Dschinni kehrt von seinem Trip zum Land der großen Baumstämme und hüpfenden Ziegen zurück und erfüllt gleich noch Aladins nächsten Wunsch: den Palast schnell nach Hause zu bringen. Der Geist wundert sich: „Nur den Palast?“ Ja, da hat er richtig gehört, denn: „Wir fliegen!“, antwortet Soraya – womit wir den Refrain des Teppich-Songs diesmal im Soraya-Aladin-Duett noch mal hören dürfen (warum nur?):

Teppich fliegen,
Das ist, logisch,
Hochprozentig ökologisch,
Macht nicht Lärm und nicht Gestank,
Braucht nicht Motor oder Tank,
Auch nicht Funkgerät und Tower,
Wer Teppich fliegt, ist einfach schlauer.

Wer hoffte, damit wäre der Schrott nun endlich beendet, irrt. Der ja sehr stiefmütterlich behandelte Erzähler schaltet sich zum dritten und letzten Mal ein: „Wie jeden Morgen ging der Sultan nach dem Aufwachen zum Fenster, um zu sehen, ob der Palast nicht wieder da sei.“ Ganz ehrlich: Wenn es ihn für solche Banalitäten braucht, hätte man gleich ganz auf den Erzähler verzichten können. Egal – beim Blick aus dem Fenster stellt der Sultan fest: Der Palast ist wieder da! Er kann es nicht fassen. Und sogar Soraya ist wieder da. Er verlangt – eben noch in seinem Palast stehend, nun plötzlich draußen vor dem Palast – von Aladin eine Erklärung. Soraya übernimmt für ihn. „Wenn das so ist, Aladin, bitte ich dich um Entschuldigung, dass die Sorge um meine Tochter mich ungerecht gegen dich werden ließ“, sagt der Sultan. Ja klar, bis zu deinem nächsten Wutausbruch, in dem du dann Frikadellen aus Aladin machen möchtest, die du dann den Schweinen zum Fraß vorwerfen kannst. Der Sultan Musikanten und Tänzerinnen für ein Fest herbei, die Menschenmenge schreit „Hurra! Hurra! Hurra!“, und der Großwesir grummelt, weil Aladin immer noch lebt. Ich glaube, morgen liegt die Kündigung beim Sultan auf dem Tisch. Papagei Jaro wiederum putzt dem Sultan mit einem Flügel seine Ohren. Ein völlig normaler Vorgang in dieser Horrorshow. Lassen wir die Szene einfach so stehen.

In den Gärten des Sultans findet Aladin die Zeit, noch mal nach Dschinni zu reiben. „Hahaha, was kann ich für dich tun, Aladin?“, fragt er. Der Film verzichtet diesmal lieber ganz auf den schon ungefähr fünfmal verwendeten billigen Geist-kommt-aus-der-Lampe-Effekt. Dschinni ist plötzlich einfach sofort da. Tatsächlich aber hat sich Aladin von einem egoistischen Vollidioten zu einem gutherzigen Vollidioten verwandelt und entscheidet, dass sich diesmal Dschinni etwas wünschen darf. Der Flaschengeist hat nur einen einzigen Wunsch. Er möchte nicht länger in dieser Lampe eingesperrt sein (verständlich) und draußen bleiben: „Ich mache mich unsichtbar, und wenn du mich rufst, bin ich sofort bei dir.“ Na, das ist doch ein Deal. Aladin erfüllt ihm den Wunsch und lädt ihn ein, doch gleich mitzukommen und an dem Fest teilzunehmen. „Gerne, Aladin, hahahaha!“, sagt er.

Dieses Fest – ihr habt es euch sicherlich schon gedacht – wäre zeichnerisch zu aufwändig gewesen, wenn man es in all seiner Pracht hätte darstellen wollen. Deshalb stehen hier einfach der traurige Elefant, das grimmige Kamel und zwölf Menschen (darunter unter anderem Aladin, Soraya und Mama Aladin) zur Salzsäule erstarrt in der Gegend rum. Da kommt Stimmung auf. So darf das Ganze aber nicht ausklingen – das wäre dann ja doch zu deprimierend -, und so macht sich der unsichtbare Dschinni einen Spaß, indem er einem von Aladins Deppen-Freunden eine Hühnerkeule aus der Hand stibitzt und gleich im Anschluss noch eine weitere Keule auf einem Teller abnagt, wozu er sein herzerfrischendes „Hahaha“-Gelache vom Stapel lässt. Da geht einem echt das Herz auf. Die letzten Worte müssen aber Aladin gehören. Er küsst seine Soraya und sagt: „Ich liebe dich!“ Ooooh, sind sie nicht süß?

Und damit wäre die Geschichte von Aladin beendet, nicht aber die Rahmenhandlung auf dem Marktplatz, wo der alte weißbärtige Mann zum Abschluss zur Melodie des Eingangs schiefer noch als je zuvor teilweise fast gänzlich unverständliches Kauderwelsch singt (selbstverständlich begleitet von exakt denselben Bildern wie zu Beginn, sodass wir auch noch mal einen zweiten Blick auf die bedauernswerte, da so jämmerlich gezeichnete Tierwelt und einige ganz grauenvolle Animationen von Menschen, inklusive Helmut Kohl, werfen müssen):

So endet die Geschichte, Brüder,
Von Aladin und Soraya,
Wollt’ ihr mehr, kommt morgen wieder,
Ich bin morgen wieder da.

Für Dicke, Dünne, Groß’ und Kleine
Erzähl’ ich, zückt den Beutel schon,
Münzen nehm’, ich nehm’ auch Scheine,
Alles Dank sei euer Lohn.

ENDE.

Eieieieiei … Da ich ja oben bereits entscheidende Teile meines Fazits vorweggenommen habe, kann ich mich heute an dieser Stelle ausnahmsweise sehr kurz fassen. Es ist eigentlich auch alles gesagt und gezeigt. Der Inhalt und vor allem natürlich die Screenshots sprechen eine so deutliche Sprache, dass eine noch detailliertere Abhandlung völlig überflüssig ist.

Ich möchte nur noch einmal meiner Fassungslosigkeit Ausdruck verleihen, dass eine derartige Bankrotterklärung im Bereich des Animationsfilms im Jahre 1993 möglich war und von Dingo Pictures noch zwölf lange Jahre ohne entscheidende Qualitätssteigerung einfach weiter so durchgezogen wurde – bis 2005 wohlgemerkt, zu einer Zeit, in der neben den farbenprächtigen Disney-Produktionen andere Studios wie Pixar aufgrund ihrer Detailfülle und eines irrsinnigen Einfallsreichtums zu immer ernsthafteren Konkurrenten heranwuchsen und sie sogar überflügelten. Bei allem Verständnis für Low-Budget und sogar Ultra-Low-Budget – das, was Roswitha Haas und ihr vermeintlicher Partner Ludwig Ickert ihrem Publikum dort teilweise mehrmals im Jahr (wie gesagt: insgesamt 35 Mal!) zumuteten, ist eine Unverschämtheit sondergleichen und sollte einer Gruppe ganz bestimmt niemals zugeführt werden, nämlich Kindern.

Ich möchte gar nicht wissen, wie groß der Schock für die kleinen Zuschauer gewesen sein muss, als der unbedarfte Papa auf dem Flohmarkt eine dieser VHS-Kassetten abgegriffen hat – in der Hoffnung, der Tochter damit etwas Gutes zu tun. Wie viele traumatische Erlebnisse gehen allein auf das Konto dieser abscheulichen Schnellschüsse von Dingo Pictures, in denen Eiseskälte statt Wärme, Gleichgültigkeit statt Liebe und Schlampigkeit statt Akribie regieren? Wer diese Filme – und dann auch noch in der Häufigkeit – animiert hat, muss Kinder gehasst haben.

Auch Trash-Gourmets wird es nicht leicht gemacht: Dingo-Filme tragen allgemein eine so abstoßende Aura an sich, dass man sie niemals in sein Herz schließen könnte. Hinzu kommt, dass hier die „Kennst du einen, kennst du alle“-Regel greift: Wer sich nur einen dieser widerwärtigen Filme angesehen hat, hat im Prinzip schon alle gesehen, ob es nun ein 20-Minüter, ein 40-Minüter oder ein 60-Minüter ist. Die selbst ausgedachten Geschichten verfügen über eine ebenso katastrophale Storyline wie die Geschichten, die sich die Macher von Disney & Co. direkt ausgeborgt haben, weil man sich sicher sein kann, dass sie ihre eigenen Ideen einbringen werden, die in jedem Fall überhaupt keinen Sinn ergeben. „Aladin“ ist ein Paradebeispiel dafür: Zehn Minuten lang hält sich der Film an das grobe Handlungsgerüst des höchst erfolgreichen Disney-Werks, um dann doch lieber was ganz Neues erzählen zu wollen, was dann gewaltig nach hinten losgeht, weil aus Idioten noch größere Idioten gemacht werden.

Trotzdem: Würde ich einen einzigen Dingo-Film empfehlen, was ich guten Gewissens eigentlich nicht machen kann, dann wäre es dieser hier. Zum einen – das kann für euch zugegebenermaßen natürlich nicht wirklich ein Grund sein, ihn deswegen anzusehen – war dies mein ganz persönlicher Dingo-Erstling, der mich aufgrund seiner Schlechtigkeit so überrumpelte, dass ich aus dem fassungslosen Gelächter nicht mehr herauskam. Zum anderen enthält „Aladin“ eine Handvoll erschütterndster Lieder, die man gehört haben muss, um sie zu glauben – besonders die von Aladin gesungenen. Die Texte allein können gar nicht das vollumfängliche Grauen präsentieren, das diese Songs ausstrahlen. Roswitha Haas und ihr Team haben das gleich ausgenutzt und noch eine Kompilation zusammengestellt, die sie als „Sing mit Aladin“ auf den Markt geschmissen haben.

Auch andere Dingo-Filme sollten den einen oder anderen Song enthalten (ganz besonders schlimm: „Schubdidabdidu, ich bin der Wabuu, streif’ kreuz und quer im Wald umher und brauche keine Schuh …“ aus „Wabuu, der freche Waschbär“ (1996) – bitte nicht anhören, ihr werdet das Lied nie mehr los!), aber nicht in der Hülle und Fülle wie in diesem Mockbuster.

Und jetzt alle: „Teppichfliegen, das ist, logisch, …“


BOMBEN-Skala: 10

BIER-Skala: 6


mm
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DasPechbärchi
DasPechbärchi
18. Januar 2021 3:43

Sieh es mal positiv. Gegenüber einem Review des Originals konntest Du hier zumindest viele D sparen.