A Film With Me In It


  • Deutscher Titel: A Film With Me In It
  • Original-Titel: A Film With Me In It
  •  
  • Regie: Ian Fitzgibbon
  • Land: Irland
  • Jahr: 2008
  • Darsteller:

    Mark Doherty (Mark), Dylan Moran (Pierce), Keith Allen (Jack), Amy Huberman (Sally), Aisling O’Sullivan (Polizistin), David O’Doherty (David), Neil Jordan (Regisseur), Hugh O’Conor (Detective), Jonathan Rhys Meyers (Pierce II)


Vorwort:

-SPOILER-Warnung-

Mark ist arbeitsloser Schauspieler in Dublin – und wirklich ganz unten angekommen. Bei Vorsprechterminen wird er quasi schon rausgeworfen, wenn er zur Tür reinkommt, er wohnt mit seiner Freundin Sally, seinem Hund und seinem behinderten (totalgelähmten) Bruder David in einer heruntergekommenen Souterrain-Wohnung und ist auch dafür schon seit Monaten die Miete schuldig geblieben. Mit seinem Freund Pierce, einem trockengelegten Alki und mindestens genauso erfolglosem Drehbuchautor (der aber wenigstens ab und zu beim Pferderennen gewinnt, obwohl er nur spielt, um das Mädel, das beim Buchmacher die Wettscheine entgegennimmt, [erfolglos] anzubaggern), fantasiert er über gemeinsame Projekte. Wegen fortgeschrittener Perspektivlosigkeit lässt ihn auch noch Sally sitzen, aber das ist erst der Auftakt zum schlimmsten Abend seines Lebens. Erst fällt ein Regal von der Wand und plättet den Hund, dann besiegt die Schwerkraft den Kronleuchter im Wohnzimmer und killt David, und nur Minuten später fällt Hausbesitzer Jack beim Versuch, die Küchenlampe zu reparieren, vom Hocker und rammt sich fatal einen Schraubenzieher durch die Gurgel. Mark ruft Pierce zu Hilfe, doch noch bevor der sich von seinem Schock erholt hat, platzt Sally in die Stube, um ein paar Sachen abzuholen, entdeckt den verunglückten David, fällt erstens in Ohnmacht und zweitens recht unglücklich auf Marks Klarinettenständer. Abgang Sally. Da Pierce die nicht ganz unbegründete Rechnung aufmacht, niemand, und ganz speziell nicht die eher humorlosen Uniformträger, würden Mark die Geschichte von drei tödlichen Unfällen innerhalb einer knappen halben Stunde glauben, müssen Mark und Pierce versuchen, zumindest ein paar der Leichen unauffällig loszuwerden. Das ist nur alles andere als einfach…

Inhalt:

Ein weiterer Fall von „Karte gekauft, bis zum FFF längst vergessen, was für’n Film das ist“ – von „A Film with Me In It“ wusste ich, als ich mich in den Kinosessel sinken ließ, wirklich nur noch den Titel (und den auch nur, weil er auf’m Ticket stand); der Fluch meiner FFF-Policy, im Programmheft frühestens nach dem jeweiligen Film zu blättern.

Nach einer guten Viertelstunde war ich bereit, mich rituell zu entleiben – die Auftaktphase von Ian Fitzgibbons Werk ist die perfekte audiovisuelle Untermalung zum Pulsadernaufschneiden, wer mit einer solide ausgebrüteten Depression ins Kino geht (bzw. später mal die DVD einschiebt), der hat klar verloren und wird vermutlich bedauern, dass die wenigsten Kinos über günstig angebracht Balken zum Aufhängen verfügen. So radikal hat man einem Protagonisten schon lange nicht mehr in so kurzer Zeit eine hoffnungs- und trostlose Existenz vom Feinsten hinkonstruiert. Geld ist Mangelware, die Freundin verständnislos (auch darüber, dass Mark die von ihr verdiente Kohle nicht zur Mietzahlung verwendet hat, sondern Lächerlichkeiten wie *ihre* Telefonrechnung oder Lebensmittel bezahlt hat), hat ihn auch schon längst aus dem Schlafzimmer auf eine Matratze in der Kammer des behinderten Bruders verbannt, sein einziger Kumpel ist ein fast ebenso großer Loser wie er selbst – was beiden ziemlich klar ist – und trotzdem sind die Luftschlösser, die Mark und Pierce bauen, wenn sie uninspiriert auf einer Parkbank sitzen und auf den Fluss starren, noch die Höhepunkte seines Lebens.

Was könnte dann auch schöner sein, als einem, der eh schon so dolle am Boden liegt, dass er eigentlich schon unter der Erdoberfläche vor sich hin vegetiert, dann total – und völlig unverschuldet – fertigzumachen? Eben. Aus der zugrundeliegenden Depri-Situation zimmern Ian Fitzgibbon und der irische Comedian Mark Doherty, der sich also die Verlierer-Rolle selbst auf den Leib schneiderte, eine der witzigsten und fiesesten schwarzen Komödien seit einiger Zeit. Mit welcher Wonne Fitzgibbon und Doherty ihre Protagonisten durch eine wahre Höllennacht schicken und noch eine Katastrophe und noch eine drauf setzen, ist einfach hochgradig lustig mitanzusehen, zumal bei aller Schadenfreude, die das Script über sie – durchaus boshaft – auskübelt, die Charaktere stets menschlich behandelt werden. Logisch, es entspinnt sich eine gewisse Erwartungshaltung, dass man sich als Zuschauer fragt, welches Desaster die Filmemacher noch für ihre Figuren in Petto haben, aber es bleibt erkennbar – der Film ist auf der Seite seiner Charaktere, man wünscht ihnen das Davonkommen, natürlich auch, weil der Großteil ihres Kummers, wie gesagt, nicht selbst verschuldet ist. Marks einziger Fehler ist es, anstatt die Polizei zu rufen und zu versuchen, sich zu erklären (was natürlich schwierig wäre, aber ’ne gute forensische Abteilung könnte sicher aufklären, dass kein Todesfall auf Marks Mist gewachsen ist), Pierce zu Hilfe ruft – und das Problem bei Pierce ist, dass er die ganze Angelegenheit aus der Sicht eines Drehbuchautors sieht, der bei allem Schock und allem echten, ehrlichen Willen, Mark zu helfen (und, nachdem die Sache leicht außer Kontrolle gerät, natürlich auch die eigene Haut zu retten), nicht aus der Denkschablone des Autors ausbrechen kann und daher mit seinen Vorschlägen und Plänen (die zumeist unwidersprochen bleiben, da Mark nicht zu gewinnbringenden sachlichen Beiträgen in der Lage ist) vieles verschlimmert (SPOILER: so z.B. verursacht er das einzige „Unglück“, das tatsächlich auf schuldhaftes Verhalten eines der Protagonisten zurückzuführen ist. Er schlägt eine Polizistin nieder, die wegen völlig anderweitiger Lärmbeschwerden zu Mark geschickt wurde, ohne zu realisieren, dass Mark die Situation mit Engelszungen bereits in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Resultat: eine renitente Geisel und in der Folge ein weiterer bedauerlicher Todesfall… SPOILERENDE).

Sobald das Szenario bereitet ist und der Streifen beginnt, in Marks Bude die Leichen zu stapeln, legt Fitzgibbon ein ordentliches Tempo vor – “ A Film with Me In It“ (den Titel verdankt der Film selbstredend Pierces Ambition, die Problemlösung als „Drehbuch“ zu behandeln) ist in erster Linie eine (staubtrockene) Komödie und kein nonstop-Thrillride, dennoch wird durch die zunehmend auswegloser erscheinende Situation bemerkenswerter Druck aufgebaut, Spannung erzeugt – bis hin zu einem vielleicht unspektakulär erscheinenden, aber ausgesprochen befriedigenden Ende. Handwerklich-erzählerisch ist „A Film with Me In It“ beinahe ein Kammerspiel, da sich die Geschehnisse fast ausschließlich in Marks Wohnung (mit nur gelegentlichen Ausflügen nach „draußen“, und das auch hauptsächlich in der Auftaktphase, bevor der eigentliche Plot startet) ereignen – die maroden Dreizimmerküchebad kennt der Zuschauer nach den 90 Minuten beinahe so gut wie seine eigene Bleibe. Macht nix, da die Ausstattung liebevoll-schrecklich gestaltet wurde und darüber hinaus die Story mit genügend Gags aufwartet, um davon abzulenken, dass Fitzgibbon technisch einen sehr konservativen Weg geht und den Streifen zweckmäßig, ohne jegliche überkandidelte „auteur“-Attitüde, als Vehikel für Geschichte und Schauspieler versteht und inszeniert. D.h. Kamera und Schnitt zeigen, was gezeiegt werden soll (wobei der Film „unfair“ genug ist, uns keinen der Unfälle explizit im Bild zu zeigen), die Musik unterstützt das Geschehen pointiert, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

In erster Linie ist „A Film with Me In It“ ein Showcase für zwei begabte Komödianten – Mark Doherty (u.a. Schreiberling für die BBC-Sketchshow „Time Trumpet“) spielt Mark (ah-haa!) mit der Überzeugungskraft eines Akteurs, dem die Situation seines Charakters (also jetzt nicht unbedingt die aufgestapelten Leichen in der Bude, aber Arbeitslosigkeit und Geldnot) persönlich bekannt zu sein scheint, und spielt sich mit Dylan Moran (Shaun of the Dead, „Run Fatboy Run“) blendend die Bälle zu (wobei die Dialoge aber nicht im screwball-Tempo serviert werden, sondern eher lakonisch, dafür aber eben trocken). Moran und Doherty tragen den Film, übertreiben nicht, sondern lassen bei aller Absurdität der Geschichte immer genügend echte Emotion in ihrem Spiel. Die Nebendarsteller sind adäquat: Keith Allen („The Others“, „24 Hour Party People“) ist ein angemessen fieser Hausbesitzer, Amy Huberman („Bad Karma“) ist ein wenig farblos als Sally, Aisling O’Sullivan („The Butcher Boy“, Cast-Kollegin von Huberman in der britischen Krankenhausserie „The Clinic“) in einer weitgehend auf Mimik abstellenden Rolle als gebeutelte Polizistin durchaus sympathisch. Ziemlich schräg finde ich, dass man für die wirklich, äh, anspruchsvolle Rolle des gelähmten David (der nun wirklich nichts machen muss als im Rollstuhl sitzen und trübe vor sich hin zu starren) ebenfalls einen in Irland wohlbekannten Comedian, David O’Doherty, anheuerte. Ist ungefähr so, als würde man in einem etwaigen deutschen Remake Ralf Schmitz o.ä. in eine stumme, mimik- und gestikfreie Rolle stecken. In Cameo-Auftritten geben sich Neil Jordan (zusammen mit Jim Sheridan wohl der zur Zeit bedeutendste irische Regisseur, Macher von „Zeit der Wölfe“, „The Crying Game“, „Interview mit einem Vampir“ oder „Michael Collins“) als, was wohl, bornierter Regisseur und Jonathan Rhys Meyers (einer der aktuell „heißesten“ irischen Film- und TV-Stars, „Velvet Goldmine“, „Alexander“, „Match Point“, „Mission Impossible III“) als, was wohl, schnöseliger Jungstar die Ehre.

Fazit: Ich liebe schwarze Komödien, seit „Arsen und Spitzenhäubchen“ selig. „A Film with Me In It“ ist ein würdiger Vertreter des Genres, ein Film, der, obwohl er irisch ist, irgendwie typisch „britisch“ ist – die Jungs von der Grünen Insel haben wohl doch (auch wenn sie’s nicht zugeben würden) das Faible für einen entspannt-humoristischen Umgang mit dem Thema unnatürlicher Tod von ihren ehemaligen Besatzern abgekuckt. Der Streifen überzeugt vor allem durch seinen ausdrücklichen Willen, mit seinen Figuren zu fraternisieren, sie zwar nach Kräften in die Bredouille zu bringen, aber nicht vorzuführen, und den Verzicht darauf, im letzten Akt am Ende noch „ernsthaft“ werden zu wollen (was eine andere irische schwarze Komödie, Dead Bodies, erfolgreich versenkte). Bestens aufgelegte Darsteller, ein hinreißend morbides Script, und eine Menge trocken-böser Gags machen „A Film with Me In It“ zu einem weiteren klaren Gewinner des Festivals und einem definitiven DVD-Kauftipp (meine FFF-Glückssträhne von vier exzellenten Filmen am Stück sollte mit diesem Streifen aber ein Ende finden…).

4/5
(c) 2009 Dr. Acula


mm
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