BEHIND THE VORTEX – EIN INTERVIEW MIT ALEX LEMKE


Vor nicht allzulanger Zeit beschäftigten wir uns an dieser Stelle mit dem bemerkenswerten deutschen SF-Kurzfilm VORTEX von Michael Pohl. Wer sich an das Review erinnert, weiß, daß ich mich dort sehr beeindruckt über die Qualität der Spezialeffekte und Computertricks geäußert habe. Um so mehr habe ich mich darüber gefreut, daß Alex Lemke, der FX-Supervisor bei Vortex und mittlerweile bei Großproduktionen wie „Der Herr der Ringe“ beschäftigte Computertrick-Whizz, auf mich zukam und gerne bereit war, einige Fragen (nicht nur) zu VORTEX zu beantworten…

badmovies.de: Wie kamst Du zum „Vortex“-Projekt? Gab es persönliche Bekanntschaft zu Michael Pohl oder wurde der Kontakt von dritter Seite hergestellt?

Alex:Ich habe den Michael bei der Arbeit an „Ausgestorben“ kennengelernt, Ende ’94 – da hatte ich gerade bei Arri Digital angefangen (als Scanner/Recorder), und wir haben ja einen Effekt für den Film gemacht, das Hochhaus-Matte-Painting/Raumschiff am Schluss. Wir haben uns gleich ganz gut verstanden, und einen ähnlichen Filmgeschmack.
Pohli machte sich schon bald auf die Suche nach einem Stoff für seinen Abschlussfilm, und ich glaube, es war ’97, als er mir das erste Mal von Vortex erzählt hat. (Damals übrigens noch mit F geschrieben, was die „Fortress“ Fans wohl begeistert hätte…) Einerseits fragte er mich nach meiner Meinung zur Story an sich, andererseits war er immer auch neugierig, ob man so etwas auch überhaupt umsetzen könne.
Irgendwann war es dann klar, das ich VFX Supervisor für den Film werden würde.

badmovies.de: Von der technischen Seite her – was habt Ihr hard- und softwaretechnisch an Equipment eingesetzt (Shake und Inferno hab ich noch vom DVD-Material in Erinnerung, wobei ich mich als diesbezüglich vollkommen ahnungsloser Laie oute)?

Alex: Hm… wenn du tatsächlich „vollkommen ahnungsloser Laie“ bist, dann ist eine Antwort darauf schwierig, weil sie recht ausufernd werden könnte… die Effekte kann man ja in 3D und 2D unterteilen – 2D ist Bildbearbeitung, also schon gedrehtes Material wird verändert und/oder ergänzt. 3D dagegen sind im Computer generierte Sachen und Kreaturen (auch wenn diese meist auf reale Quellen basieren). Alle Effekte, bis auf die Sarkophag-Sequenz, wurden bei Arri Digital gefertigt; der Sarkophag samt Tunnel stammt von Upstart! Hier ein kleine Übersicht, was wir benutzt haben:
Upstart:
3D: 3ds Max auf Windows NT
2D: Shake auf Windows NT

Arri:
3D: Maya auf Windows NT
2D: Shake auf Windwos NT
Cineon auf Irix
Flame
Photoshop und After Effects auf Mac

badmovies.de: Wie lange hat die Produktion der Tricks gedauert? Über den Daumen gepeilt, wie viele Effekte mußten bewerkstelligt werden?

Alex: Gedreht wurde im Sommer ’99, und mit FX Layouts wurde schon bald darauf angefangen (für den Schnitt). Die letzten Effekte wurden im Frühjahr 2001 gemacht. Also fast zwei Jahre für knapp 87 Effekte. Klingt lang (ist es auch), aber man muss auch immer bedenken: Vortex war ein sogenanntes Förderprojekt! D.h. Arri stellte jede Menge Dienstleistungen für einen Bruchteil den offiziellen Preises zur Verfügung. Dafür laufen solche Projekte eben auch dann, wenn in einer Firma gerade nichts los ist, und das kann in hektischen Zeiten auch mal seltener vorkommen.
Dazu kam noch, dass ich im Herbst ’99 bei Arri gekündigt habe (aus verschiedenen Gründen) und mich als freier Effektkünstler selbständig gemacht habe.
Ich denke, wenn man sich ausschliesslich auf das Projekt hätte konzentrieren können, hätte es (mit der selben besetzung) wahrscheinlich ein halbes Jahr gedauert.

badmovies.de: Und was hat der Spaß so ungefähr gekostet (falls Du es weißt und ausplaudern darfst, mich würde auch das Gesamtbudget des Films ausgesprochen interessieren)?

Alex: Wie schon gesagt – Förderprojekt, daher lässt sich der Preis nicht genau bestimmen (ist so ähnlich wie bei „El Mariachi“, der ja auch „nur“ 10000 $ gekostet habe soll, aber natülich auch nur, weil er alles umsonst bekommen hat!). Nicht nur für die Effekte, sondern eben auch für die Produktion – die Schauspieler arbeiteten z.B. mit Gagenrückstellung, was heisst, erst wenn der Film Erfolg hat (vielleicht jetzt durch die DVD?) sehen auch sie Geld.

badmovies.de: Was war tricktechnisch die größte Herausforderung (dem DVD-Material entnehme ich, daß der Bukkenkampf wohl das größte Problem war) bzw. gab es und ggf. Schwierigkeiten bei der Umsetzung?

Alex: Die Bukken mit Sicherheit. Arri Digital hatte zwar schon jahrelang Erfahrung mit Effekten (hauptsächlich für TV und Werbung, aber auch mit vielen Filmen), aber sie haben noch nie eine Creature gemacht, und schon gar keine achtbeinige. Es ist wirklich der Verdienst von Michael Grobe und Frank Dürschinger, dass die Dinger so gut aussehen, wie sie aussehen. Ich meine, klar sind sie nicht perfekt – und die Gang-Szenen sind schon… naja – aber wenn man die Umstände bedenkt, unter denen sie entstanden sind, sind sie hervorragend.

badmovies.de: Absolut… wenn man das z.B. mit den metallischen Spinnenmonstern aus „Lost in Space“ vergleicht – die sind wesentlich detailärmer, aber auch nicht flüssiger animiert.
Ihr habt ja so ziemlich jede bekannte Art der Computertricks in „Vortex“ anwenden dürfen/können/müssen… wie siehst Du die Wertigkeit bzw. was ist anspruchsvoller, 2D/3D/Matte-Techniken, oder ist man als Trickkünstler vielleicht am meisten auf die Effekte stolz, die dem Zuschauer überhaupt nicht als solche auffallen (Setvergrößerungen, Hintergründe etc.)?

Alex: Hm, weiss nicht… mein Schwerpunkt ist 2D (ich mache auch hier bei LOTR Compositor/2D Sequence Lead), deshalb wohl eher das. Mein Lieblingseffekt ist natürlich die Ankunft – sie kommen aus dem Aufzug, Boon sagt „Willkommen in Vortex!“ und dann fährt die Kamera im Halbkreis um die beiden herum und enthüllt dabei Vortex. Das war Motion Control gedreht, um am Ende die Strasse mit Leuten (wir hatten nur 30 Komparsen an dem Tag) und Props zu füllen. Das heisst, wir haben erst die vorderste Ebene mit Vince und Boon vor Blau gedreht, dann die Blue Screen nach hinten versetzt und mit Leuten gedreht, dann weiter nach hinten versetzt usw. Das ganze 4-mal.
Am Schluss war es aber immer noch nicht genug und ich habe den kompletten Gang einfach nochmal nach hinten kopiert (klingt jetzt einfacher als es war). Ausserdem musste ja noch die Deckenfläche rein, und… eigentlich hörte am Anfang, wenn wir Boon und Vince im Profil sehen, der Raum direkt hinter den beiden auf! Beim Dreh fiel das nie so auf, aber im Schnitt merkte man schnell, das die Kamerafahrt plötzlich wenig Sinn macht, wenn man nach hinten nicht mehr sehen kann! Also haben Pohli und ich beschlossen, den Raum nach hinten aufzumachen…

badmovies.de: Was ich der DVD auch entnommen habe, ist, daß mindestens ein Mitglied der FX-Abteilung immer am Set war – wie darf man sich die Zusammenarbeit mit dem Kreativteam vorstellen? Kann man sich da als CGI-Techniker auch kreativ einbringen, d.h. Gestaltungsvorschläge machen bzw. dem Regisseur auch mal sagen „nö, das kann man so nicht machen“ und wenn ja, gibt’s da Beispiele?

Alex: Die o.g. Einstellung ist auch hierfür ein gutes Beispiel – Pohli wollte das eigentlich sehr konvetionell über Schuss-Gegenschuss lösen. Ich schlug ihm die Kamerafahrt vor und er fand das klasse, wusste nur nicht, ob man dass wirklich machen kann. Aber es klappte ja ganz gut. 🙂
Ansonsten war ich die meiste Zeit mit am Set (fast die ganzen drei Wochen Dreh), was meistens nur rumhängen heisst und dann irgendwann mal in Aktion kommen. Aber es ist schon wichtig, dabei zu sein, wenn die Beleuchter wissen wollen, ob der Bluescreen hell genug ist oder man mit dem Kameramann (in diesem Fall Frau) die Komposition bespricht, um die Effektarbeit zu erleichtern.

badmovies.de: Weil mir das beim nochmaligen Durchlauf von „Vortex“ auffiel – ich weiß nicht, ob Du Dich daran erinnern kannst oder überhaupt was damit zu tun hattest (ich nehm Dich jetzt einfach mal in Haftung :-))…
Boon bezeichnet in „Vortex“ die Bukken als „genetisch manipulierte Vierfüßler“. Wenn mich mein altes Glasauge nicht trübt, haben die netten Viecher aber acht Beine… hab ich was falsch verstanden, ist da versehentlich ’ne Line aus einer früheren Scriptfassung dringeblieben oder hat der gute Boon sich einfach versprochen?

Alex: Arne hat so eine leicht versoffene Stimme – tatsächlich sagt er VieLfüssler, nur leider geht das im Genuschel unter.

badmovies.de: Ah 🙂 Vielleicht hätte man die Szene untertiteln sollen 😉
Wenn ich noch ein paar Fragen abseits von „Vortex“ loswerden darf… Wie unterscheidet sich z.B. von Deiner Warte aus die Arbeit an einem „kleinen“ Film wie „Vortex“ zu der an einem Megaprojekt wie „LotR“ – kommt man bei einer solchen Großproduktion überhaupt noch mit dem Kreativteam zusammen? (Und wie war allgemein so das Arbeitsfeeling beim „Herrn“ – ja, ich bin neugierig :-)).

Alex: Habe ihn (Peter Jackson) kaum gesehen. Nein ehrlich, von FOTR bis jetzt wurde das ganze immer unpersönlicher, mehr wie eine Fabrik. Am ersten Film haben wir noch persönlich Kommentare von ihm bekommen, jetzt war er kaum anwesend (erst Nachdrehs, dann Tonaufnahmen in London). Naja. Dafür ist es eine Projekt, das wirklich JEDER kennt, sehr gut bezahlt und ich habe meinen ersten Preis gewonnen! (VES Awards – Best compositing)

badmovies.de: Herzliche Gratulation hierzu!
Hast Du als FX-Künstler Vorbilder und, daran anknüpfend, was hat Dich zuletzt tricktechnisch so richtig beeindruckt?

Alex: Ich denke wohl, als Personen Douglas Trumbull („2001“, „Blade Runner“), Dennis Muren und Richard Edlund („Star Wars“ und vieles andere) und natürlich Ray Harryhausen.
Fx-Filme, hmm schwierig … „Matrix“ (der erste!) natürlich, „Starship Troopers“, „Hollow Man“ (nur wegen der Tricks). Sonst hat mir das meiste jüngere Zeug nicht gefallen. (Ich lasse Sachen weg, an denen ich gearbeitet habe, wie LOTR und „Dark City“.)

So, und dann drehte Alex den Spieß ein bissl um, um mein Review noch ein wenig zu kommentieren 🙂

Alex: Du schreibst, dass der Look des Film klasse wäre und dir gut gefallen hat und schwenkst dann gleich auf die Effekte über. Tatsächlich ist der Look zum wahrscheinlich grössten Teil Renate Huber (Ausstattung) und Dixie Schmiedle (Kamere) zu verdanken. Beide haben es geschafft, den Film mit quasi non-existenten Mitteln richtig teuer aussehen zu lassen. Gerade Renates supermodulares Design – viele kleine Elemente, die sich zu neuen Formen zusammenfügen lassen – half ungemein, den Look für die Aufbewahrungshalle festzulegen, oder bei der Willkommen-in-Vortex-Szene den Raum nachträglich zu vergrössern; da alles eh mix-und-match war, konnte man Fotos vom Set ganz einfach Teile herauskopieren.
Und da wir schon bei Danksagungen sind: Michael Grobe und Frank Dürschinger hatte ich ja schon erwähnt, bleiben noch Klaus Wuchta (der für das Holoduell und den verbesserten Mutanten verantwortlich zeichnet) und Mikel Tischner, der den Gerichtssaal und die farbige Titelsequenz gefertigt hat.

badmovies.de: Ja, da muß ich mich schuldig im Sinne der Anklage bekennen… gerade Production Design/Bauten/Ausstattung übersieht man (bzw. moi) gern bzw. es fällt einem eher auf, wenn die Ausstattung und das Set Design billig oder deplaziert wirkt – etwas, was man „Vortex“ mit Sicherheit nicht vorwerfen darf und kann. Das Lob kann ich daher nur ausdrücklich unterstreichen – wenn ich das im Review nicht erwähnt hab, war das keine böse Absicht, sondern nur die Schludrigkeit des Rezensenten. 🙂

Alex: Das Drehbuch fandest du nicht so toll, klingt bei dir aber auch so, als wäre dir der Film einfach zu kurz. Dazu: Pohli wollte eigentlich einen Film in Spielfilmlänge machen, aber dafür fehlte schlicht und einfach das Geld! Irgendwann war es dann wirklich so, dass es hiess: 45 Minuten oder gar nicht, und da hat er sich dann für den Kompromiss entschieden. Eigentlich war die Gerichtsverhandlung länger und der Sprung vom 3. auf den 7. Tag hätte es so auch nicht gegeben.

badmovies.de: Das trifft es eigentlich genau – durch die kurze Laufzeit wirkt das ganze etwas, hm, gedrängt (klingt negativer, als es gemeint ist) und muß sich daher auf die plakativeren Elemente beschränken (ich schätze mal, daß eine abendfüllende Fassung sich sicher mehr mit Vinces Anpassung an Vortex befassen wird und einige Charakterbeziehungen vertiefen dürfte).
Die längere Fassung hätte dem Gesamteindruck sicher nicht geschadet… vielleicht erbarmt sich ja mal ein Produzent und drückt Pohl mal ein Budget für eine Langfassung in die Hand, würde mich sehr interessieren.

Alex: Nebenbei bemerkt gibt es eine noch kürzere fassung; der BR war ja Ko-Produzent, und die zuständige Redakteurin mochte den doppelten Schluss nicht! So gibt es tatsächlich eine Schnittfassung, die mit Vinces freilassung endet.

badmovies.de: (Kopfschüttel) Wir können ja unmöglich was auf dem BR senden, daß kein Happy End hat… (hm, ich dachte, die Zeiten wären vorbei…).

Alex: Die Logiklöcher im Film finde ich wirklich nicht schlimm; im Gegenteil, die Inkonsequenz mancher Regeln passt doch völlig zum System, wie es von Boon präsentiert wird. Da würde ich mal nicht zu hart mit ihm ins Gericht gehen.

badmovies.de: Stimmt, so gesehen. Schließlich zielt das System ja darauf ab, den Willen der Verurteilten zu brechen – und wie macht man das geschickter als mit vermeintlich inkonsistenten Regeln? Ja, damit kann ich mich anfreunden.

Da bleibt mir nur noch, mich nochmals herzlich bei Alex für seine ausführlichen und informativen Statements zu bedanken! Good luck for your further projects (und bleib uns verbunden :-))!

(Das Interview wurde 2005 geführt).

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