Brigadoon


  • Deutscher Titel: Brigadoon
  • Original-Titel: Brigadoon
  •  
  • Regie: Vincente Minelli
  • Land: USA
  • Jahr: 1954
  • Darsteller:

    Gene Kelly (Tommy Albright), Van Johnson (Jeff Douglas), Cyd Charisse (Fiona Campbell), Elaine Stewart (Jane Ashton), Barry Jones (Mr. Lundie), Hugh Laing (Harry Beaton), Albert Sharpe (Andrew Campbell), Virginia Bosler (Jean Campbell), Jimmy Thompson (Charlie Dalrymple)


Vorwort:

Brigadoon, ein malerisches Dorf inmitten der schottischen Highlands… die Dorfbewohner freuen sich auf die anstehende Hochzeit (nebst feucht-fröhlicher Feier derselben) von Jean Campbell mit Charlie Darymple. Alle? Naja, fast alle. Jeans ältere Schwester Fiona sollte eigentlich auch schon längst unter der Haube sein, aber sie hat sich vorgenommen, auf den Richtigen zu warten, und wenn der Richtige eben nicht kommt, dann wird sie als alte Jungfer enden. Harry Beaton hingegen ist säuerlich, weil er eigentlich der sein wollte, der mit Jean den Bund für’s Leben eingehen will und schiebt einen allgemein ziemlich gefrustet-dicken Hals. In die trotzdem ausgelassene Atmosphäre platzen zwei Fremde – die Amerikaner Tommy (Gefühlsmensch, und sich absolut nicht sicher, ob er seine Verlobte Jane tatsächlich zum Altar schleifen soll) und Jeff (rationaler Skeptiker, der nichts glaubt, was sich nicht anfassen, riechen oder schmecken lässt), die sich auf der Jagd ordnungsgemäß verfranzt haben und mächtig staunen, über ein in der Karte nicht eingezeichnetes Dorf zu stolpern. Freibier wird aber dennoch dankbar angenommen.
Wie nicht anders zu erwarten, identifiziert Fiona Tommy ohne weiteres als „den Richtigen“. Auch Tommy wird von Amors Pfeil direkt zwischen die Augen getroffen, doch irgendetwas scheint in Brigadoon nicht zu stimmen. Als Tommy und Jeff zufällig herausfinden, dass die Eintragungen in der Campbell-Familienbibel 1754 enden, sind Erklärungen fällig. Mr. Lundie, der Dorflehrer, liefert die auch – in eben diesem Jahre 1754 schloss der Pastor der Gemeinde einen Vertag mit Gott: damit fremde Einflüsse aus dem Dorf ferngehalten werden und niemand die traute Idylle von außen zerstören kann, verschwindet Brigadoon jede Nacht für einhundert Jahre im Nebel der Highlands – für die Dorfbewohner sind seit Beginn dieses Vertrages (für den sich der Priester als aufrechter motherf**kin‘ servant of God geopfert hat, bzw. Brigadoon und seine Gemeinde verlassen musste) gerade mal zwei Tage vergangen! Der Haken: niemand darf den Ort verlassen, sonst ist Essig mit dem Pakt und Brigadoon verschwindet für immer. Ein Fremder, dessen Liebe zu einem Dorfbewohner (bzw. einer -in) so groß ist, dass er alles andere aufzugeben bereit ist, kann allerdings bleiben…

Bei der abendlichen Hochzeitsparty kommt es zum Eklat – Harry schmeißt sich illegitimerweise an Jean ran und schwört, nachdem er von ihr subtrahiert wurde, Brigadoons Ende herbeizuführen – er will das Dorf verlassen. This we cannot have! Die nachfolgende Hetzjagd, an der sich auch Tommy beteiligt, endet tödlich. Harry beißt, unbeabsichtigt verursacht von Jeff, ins kalte Highlandgras. Jeffs Verzweiflung über den Unfall bringt Tommy zum Nachdenken – kann er wirklich sein Leben aufgeben, um an Fionas Seite zu bleiben? Er entscheidet sich dagegen…

Inhalt:

Musicals. Ich liebe Musicals, beinahe in jeder Form. Kann daran liegen, dass es für jemanden wie mich, der Musik UND Film liebt, eigentlich keine maßgenauer zugeschnittene Form des Entertainments gibt. Anyway, eins der ersten Musicals, das auf mich, damals noch im zarten Kindesalter, mächtig Eindruck gemacht hat, war „Brigadoon“, das neben der bloßen Musicaleigenschaft auch noch den Bonus hat, fantastische Elemente aufzuweisen (und sogar in gewisser Weise so prägend war, dass im englischen Sprachraum „Brigadoon“ als Synonym für „verwunschene Orte, die nur alle XXX Jahre auftauchen“ verwendet werden kann). Dass mit Gene Kelly einer der absoluten Top-Stars des Musical-„Golden Age“ (second only to Fred Astaire) die Hauptrolle spielt, war mir damals ziemlich wurst…

Sei’s drum – ich hab‘ den Film lange nicht mehr gesehen, wollte aber unbedingt wieder, spätestens seit mir klar wurde, dass Herschell Gordon Lewis‘ Splatterfrühwerk Two Thousand Maniacs! entstand, weil der gute Mann am Broadway eine „Brigadoon“-Aufführung gesehen hatte und auf den Trichter kam, dass eine Gore-Variante davon doch ’ne schicke Idee wäre. Aber es geht hier nicht um Lewis, sondern um „Brigadoon“, die erste Verfilmung (es gab in den 60ern noch eine dem Vernehmen nach gute TV-Version mit Robert Goulet und Peter Falk -!- in den Rollen von Tommy und Jeff, die mehrere Emmys gewann, aber seit 40 Jahren nicht mehr gezeigt wurde und einer Home-Video-Auswertung noch harrt).

„Brigadoon“, eines von zahlreichen erfolgreichen Musicals aus der Werkstatt von Alan Jay Lerner und Frederick Loewe (die auch „Gigi“, „Paint Your Wagon“ und „My Fair Lady“ auf die Bühne brachten), basiert überraschenderweise auf einer deutschen Geschichte von Friedrich Gerstäcker – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man dem Broadway-Publikum aber nichts Deutsches zumuten und verlegte die Story daher kurzerhand in die schottischen Highlands. Das Stück lief erfolgreich am Broadway und noch erfolgreicher in London und bot sich daher für eine Verfilmung an. Musical-Spezialist Vincente Minelli (Papa von Liza), nebenher noch ausgewiesener Experte für Technicolor-Spektakel, nahm sich der Sache an, Howard Keel und Jane Powell sollten die Hauptrollen spielen. Beide waren aber unabkömmlich und so wurden Gene Kelly und Cyd Charisse angeheuert, was den Fokus der Produktion verschob – mit Kelly und Charisse wurde das Schwergewicht von Gesang in Richtung Tanz gelegt.

Oberflächlich sieht „Brigadoon“ nach typischer eskapistischer 50er-Jahre-Heile-Welt-Kost aus und sicherlich war das auch so intendiert (zumal der „böse Fluch“, wie ihn die Gemeinde in der ursprünglichen deutschen Geschichte zu erdulden hatte, in der Hollywood-Version zum „Vertrag mit Gott“ wird) – die, wenn man so will, „Botschaften“ des Films sind simpel – man braucht etwas, woran man „glauben“ kann (was exemplarisch an Tommy und Jeff festgemacht wird – Jeff ist der reine Verstandesmensch, aber dafür – und da können wir schon den ersten leichten reaktionären Unterton feststellen – dem bösen Alkohol sehr zugeneigt, Tommy *würde* gern an etwas glauben, weiß aber nicht, an was, bis er nach Brigadoon kommt“) und „Liebe macht alles möglich“. Das war vermutlich genau das, was man so kurze Zeit nachdem Krieg bringen musste und es ist auch das, was man von einem leichtgewichtigen Musical, das speziell eben in dieser Dekade nicht die Aufgabe hatte, tiefschürfende Betrachtungen anzustellen, erwarten konnte. Im Rahmen dieser Grundvoraussetzungen entwickelt sich „Brigadoon“ durchaus vorhersehbar – natürlich sind Tommy und Fiona die zwei Seelenverwandten, die nur aufeinander gewartet haben und ebenso natürlich entflammen sie ob erster gegenseitiger Begegnung in unsterblicher Liebe, und noch natürlicher sind bis zum Happy End (huch?) die üblichen Verwicklungen (und Musiknummern) zu durchstehen, von Harmlosigkeiten wie „Tommy verwechselt Fiona mit Jean und ist daher bitter enttäuscht, als er von der anstheenden Hochzeit erfährt“ bis hin zur grundsätzlichen Frage, ob Tommy bereit ist, sein komplettes bisheriges Leben für ein solches an Fionas Seite in den Wind zu schieben, was Jeff, Vertreter der Ratio, versucht, ihm immer wieder auszureden).

Und doch – speziell freilich, wenn man sich die Sache schlappe 54 Jahre später betrachtet und ein verbitterter Zyniker ist, kommt man nicht umhin, „Brigadoon“ einen wohl vollkommen unbeabsichtigten, aber kaum zu übersehenden „dunklen“ Unterton zuzubilligen, der die intendierte Aussage geradezu ins Gegenteil verkehrt und es, wenn man so will, möglich macht, von diesem flockigen Fantasy-Unterhaltungsmusical eine direkte Linie z.B. zu Shalaymans paranoidem „The Village“ zu ziehen. Think about it – wir haben in beiden Fällen eine von der Außenwelt abgeschnittene Gemeinschaft, die unter einem festen Satz Regeln lebt und bewusst so eingerichtet wurde, um ihre Bewohner von schädlichen Einflüssen von Außen abzuschotten (in „Brigadoon“ ist der vorgebliche „Sündenbock“ eine Landplage von Hexen und Zauberern, die die aufrechten Bewohner des Orts von dazu bringen könnten, ihren Glauben an Gott zu verlieren, in „The Village“ Gewalt und Verbrechen der „realen“ Welt; es ist aber eine nicht zu unterschätzende „Moral“ beider Filme, dass die jungen Bewohner auch und vor allem vor Bildung „geschützt“ werden), in beiden Fällen wurde die Entscheidung von oben herab getroffen (in „Brigadoon“ ist es sogar die Entscheidung eines einzelnen Mannes, der sich dafür nicht etwa den Segen seiner Schützlinge geholt hat, und nicht einmal die Konsequenzen selbst mit ausbaden muss, alldieweil er ja „draußen“ blieb und sein normales Leben weiterführen konnte), in beiden Fällen besteht die Opposition aus einem rebellischen Youngster (in „Brigadoon“ Henry Beaton, der sich explizit beklagt, dass ihm verwehrt wurde, in Edinburgh zur Schule zu gehen, und sich „wie in einem Gefängnis“ fühlt), und letztlich besetzen beide Filme diese radikale Maßnahme positiv! Es sind beinahe ein paar Parallelen zu viel, um an einen reinen Zufall zu glauben. Betrachtet man „Brigadoon“ aus dieser Perspektive, kann man sich ein leichtes Unwohlsein kaum verkneifen, wenn z.B. Fiona und Mr. Lundie sich gegenseitig versichern, Mr. Forsythe wäre „the kindest man of all“ gewesen und fragt sich, ob sie das tatsächlich auch so fühlen oder nur Tommy etwas vorgaukeln, um ihm das Bleiben schmackhaft zu machen. Dass das vermeintlich paradiesische Utopia Brigadoon ein Platz ist, in dem man als „moderner Mensch“ wahrscheinlich nach einer Woche versucht wäre, sich die Pulsadern aufzuschneiden, dürfte auf der Hand liegen (auch wenn der Film durch seine einzige New-York-Szene schon einiges an Gründen aufführt, warum man sich auch in der modernen Welt erschießen sollte…) und wenn Tommy Fiona zum Happy End in die Arme läuft, stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob Tommy wirklich realisiert, worauf er sich einlässt und möchte ihm zurufen, dass er die falsche Entscheidung trifft (obschon es in der Filmlogik natürlich die „richtige“ ist). Ironischerweise macht die einzige gravierende inhaltliche Abweichung des Films im Vergeich zur Bühnenfassung den Stoff sogar noch „härter“ – im Gegensatz zur Bühnenversion entscheiden sich die Dorfältesten im Film dafür, den Umstand, dass Henry bei seinem Fluchtversuch zu Tode gekommen ist (wobei der Film es bemüht vage offen lässt, ob Jeff Henry nun versehentlich erschossen hat oder Henry nur erschrocken ist, den Halt im Baum verlor und sich beim Absturz tödlich verletzte), aktiv zu vertuschen, damit das Utopia ungestört und unbeeinträchtigt bleibt, d.h. wo der Bühnenstoff noch mit offenen Karten spielte und dem schockierten Dorfsvolk die Leiche präsentierte, wird im Film bösmeinend manipuliert und das auch noch als moralisch richtig hingestellt. Wie gesagt – diese Interpretation ist vom Film in keiner Weise so beabsichtigt und wurde sicher auch 1954 nicht so verstanden, drängt sich aber in filmhistorischer Betrachtung auf.

Die Idee des Drehbuchs bedingt allerdings einige schwer verdauliche Klimmzüge – nach Filmlogik sind in Brigadoon seit „Vertragsbeginn“ ja gerade einmal zwei Tage vergangen, so dass es schon sehr verwegen erscheint, dass Tommy und Jeff (auch ihre moderen Kleidung eingerechnet) bei ihrem Eintreffen in Brigadoon angeglotzt werden wie Außerirdische und alles darauf herumreitet, dass man „nur sehr selten Fremde“ sehe; mal rational betrachtet, müsste ja spätestens, sagen wir mal „letzte Woche Brigadoon-Zeit“ noch Besucher aus den Nachbargemeinden, fahrende Händler etc. gang und gäbe gewesen sein, ansonsten wäre der Pakt mit Gott ja völlig unnötig gewesen. Ebenso kommt es ein wenig gedrängt vor, dass Henry schon nach objektiv zwei Tagen einen soliden Dorf-Koller entwickelt hat und sich „gefangen“ fühlt – wird ja auch früher nicht unüblich gewesen sein, dass man mal ein paar Tage im Dorf geblieben ist, ohne gleich Wahnvorstellungen zu bekommen. Aber es ist schwer anders hinzudeichseln – eine knappere Zeitspanne zwischen den Brigadoon-Erscheinungen würde Forsysthes Intention, seine Gemeinde vor den schädlichen Einflüssen zu bewahren, zuwiderlaufen, ein weiteres Zurückversetzen der „Eigenzeit“ des Orts andererseits würde eine vernünftige Interaktion der Dörfler und der Neuankömmlinge praktisch unmöglich machen.

Von diesen grundsätzlich bedingten logischen Problemen (aber wir reden hier auch über ein Fantasy-Musical, nicht über eine Doku) und der unfreiwillig reaktionär erscheinenden Moral gibt’s aber natürlich auch einiges an Positivem über „Brigadoon“ zu berichten. Zu aller Erst müssen die Dialoge genannt werden, die oft unerwartet scharfzüngig und witzig sind (speziell Jeffs Lines sind immer wieder echte Brüller – man muss bedauern, dass ein Subplot der Bühnenfassung, in dem Jeff von einer heiratswütigen Dorfbewohnerin förmlich gestalked wird, auf eine – immens lustige – Szene zusammengestaucht wurde), zum zweiten die wundervolle Atmosphäre des Films, die wir einer Kostenentscheidung der MGM-Produzenten verdanken. Vincente Minelli und Gene Kelly wollten unbedingt on location in den schottischen Highlands drehen, aber dem schob MGM einen finanziellen Riegel vor (mit 2,3 Mio $ Budget war der Streifen für anno 1954 eh nicht gerade preiswert) und schrieb einen reinen Studio-Dreh vor. Und wie so manchmal, wenn eine unwirkliche, leicht surreale Atmosphäre einem Film dienlich ist, so bringen auch hier die elaboraten und enorm aufwendigen Sets, bei denen man schon darüber grübeln kann, ob es wirklich *billiger* gewesen sein kann, das alles aufzubauen anstatt die ganze Produktion nach Schottland zu verfrachten, die bei allem Aufwand eben doch unnatürlich wirken, den genau richtigen Ton einer traumwandlerischen, märchenhaften Stimmung ins Prozedere.

Wie in seinen anderen Werken erweist sich Minelli, der wegen seiner Fixierung auf Musicals historisch gerne ein wenig unterschätzt wird, als versierter Künstler in Sachen Farbgebung und Cinemascope-Fotografie. Minelli nutzt das Breitwandformat weidlich aus, benutzt unüblich für die Zeitspanne sehr lange Einstellungen (Menschen, die erheblich zu viel Zeit haben, haben ausgerechnet, dass die durchschnittliche Shot-Länge 32 Sekunden beträgt und damit doppelt so lang ist wie 1954 üblich) mit sehr gepflegten Tracking- und Dollyshots und verleiht der Studioproduktion, die in den Händen eines minderbegabten Regisseurs klaustrophobisch hätte wirken können, den nötigen „scope“ eines GROSSEN Films. In Sachen Kostüme und Ausstattung gibt’s kein Vertun, da liessen sich die entsprechenden MGM-Departmens nicht lumpen (mehr authentisch wirkende Kilts dürfte es außerhalb der Highland Games nicht zu sehen geben) – Ausstattung und Kostüme wurden schon fast folgerichtig Oscar-nominiert (verloren aber gegen „20000 Meilen unter dem Meer“ respektive den japanischen Historien-Schinken „Jigokumon“; die dritte Oscar-Nominierung erhielt der Ton, aber auch hier ging „Brigadoon“ gegen „The Glenn Miller Story“ leer aus; ein schwacher Trost war der Golden Globe für die – nicht einmal oscar-nominierte – Kameraarbeit von Veteran Joseph Ruttenberg [„Gaslicht“, „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“, „Der Schwan“, „Telefon Butterfield 8“]).

Die Musiknummern verteilen sich großflächig auf die ersten beiden Akte und sind gut in die Story integriert – fast alle Songs tragen zur Handlung bei, erläutern die Situation oder die Charaktere; der Schlussakt kommt allerdings ohne Musik (bis auf einige off-screen-Reprisen) aus, nach dem „Chase Song“ während Henrys Flucht ist schluss mit lustig bzw. Gesang und Tanz. Leider ist die Musik überwiegend nicht denkwürdig – spätere Lerner/Loewe-Musicals wie „Gigi“, „Paint your Wagon“ oder natürlich „My Fair Lady“ hatten memorablere Songs zu bieten. In „Brigadoon“ sind die Lieder nicht schlecht, aber Frederick Loewe verschwendet für meine Begriffe das Potential, mehr authentisches keltisch-schottisches Flair in die Musik zu legen, so dass sich die Songs letztlich kaum von denen eines beliebigen Esther-Williams-B-Musicals unterscheiden. Ausnahmen sind die große Auftaktnummer „Down on MacConnachy Square“, das schöne Liebeslied „The Heather on the Hill“ und vor allem der einzige echte Ohrwurm „I’ll go home with Bonnie Jean“. Letztere Nummer beinhaltet auch (zum storyline-mäßigen bewilderment der Schotten) auch die vorgeschriebene große Steptanz-Nummer, in der Van Johnson erstaunlich gut mit Gene Kelly mithält (auch Johnson hatte Musical-Erfahrung, ist aber eher allround-Akteur als Kelly). Einige bereits abgedrehte Musicalnummern schafften es (einer aus Pacing-Gründen, die beiden anderen, weil die leicht anzüglichen Lyrics von den Zensurbehörden als zu offensiv erachtet wurden) nicht in den Endschnitt, eine Nummer wurde von Kelly nur eingesungen, aber im Film nicht verwendet, weil die Produzenten mit Kellys Sangesleistung nicht hundertprozentig zufrieden waren (was man damals höflich so ausdrückte: „it did not show his voice to its best advantage“). Das Material ist glücklicherweise aber erhalten geblieben und als Bonusfeature auf der DVD zu finden.

Zeitgenössische Kritiker bemängelten Gene Kellys Performance als nicht seinem üblichen Standard entsprechend – in der Tat wirkt Kelly nicht immer glücklich mit seinem Dialog-Material und nicht immer voll motiviert, außer in seinen Tanznummern (es mag sein, dass die Beziehungen zwischen Kelly und MGM hier bereits brüchig wurden, wenig später beendete Kelly auch seinen Vertrag mit dem Studio). Schauspielerisch hat Kelly keine Chance gegen Van Johnson (der etwa zur selben Zeit auch in „The Caine Mutiny“ Erfolge feierte), der den Film (obwohl er „nur“ eine Musicalnummer hat) den Film förmlich an sich reißt; er hat den Vorteil, dass seine Figur die wesentlich besseren Dialoge hat als der eigentliche, weinerlich wirkende Protagonist Tommy/Kelly, und Johnsons Fähigkeit, diese Dialoge so trocken und pointiert zu bringen, ist bemerkenswert – der große Gewinner des Films, eindeutig. Cyd Charisse („Singin‘ in the Rain“, „Silk Stockings“, „It’s Always Fair Weather“) hielt „Brigadoon“ für ihre beste Zusammenarbeit mit Kelly; ihre Rolle ist nicht sonderlich anspruchsvoll, aber im Vergleich zu vielen anderen ihrer Filme, in denen sie rein auf ihre tänzerischen Fähigkeiten beschränkt wurde, hat sie hier tatsächlich gelegentlich etwas zu spielen. Barry Jones („Krieg und Frieden“, „Die 39 Stufen“, „Prinz Eisenherz“) überzeugt als väterlicher Mr. Lundie, Balletttänzer Hugh Laing macht eine gute Figur als rebellischer Henry, Jimmy Thompson („Alarm im Weltall“) ist ein sympathisch-lebensfreudiger Charlie Dalrymple. In einer kleinen Rolle als Tommys „real life“-Verlobte amtiert Playboy-Model Elaine Stewart (die später Gameshow-Hostess werden sollte).

Bildqualität: Warner Home Video spendierte „Brigadoon“ eine bildschöne DVD-Umsetzung mit einem schlichtweg makellosen (die Anglophilen haben dafür das schöne Wort „stunning“) anamorphen 2.35:1-Transfer. Das ist vom Feinsten, besser kann man einen über 50 Jahre alten Film kaum präsentieren – keine Verschmutzungen, Störungen oder Defekte, gestochen scharf, wunderschöne Farben, ausgezeichnete Kompression.

Tonqualität: Der deutsche Ton hält dank eines deutlichen Grundrauschens und leichten Knarzens in den Dialogen nicht mit, aber man sollte sowieso schon allein der herrlichen schottischen Akzente wegen die Originalfassung (zur Not mit den mitgelieferten Untertiteln in aller Herren Länder Sprachen) bevorzugen. Für den DVD-Release hat Warner dem Film einen neuen 6-Kanal-Surround-Mix spendiert, der mit absoluter Rauschfreiheit und kristallklaren Dialogen brilliert; in den Songs wird’s gelegentlich ein wenig, aber kaum wirklich störend dumpfer.

Extras: Erfreulicherweise legt Warner die drei gestrichenen, aber gedrehten Musiknummern bei (allerdings gibt’s hier ab und an leichte Tonprobleme, so dass man diese Szenen wirklich nur als Zugabe sehen sollte – um den „Schwertertanz“ ist es echt schade, der wäre im Film sehr gut gekommen) sowie den von Gene Kelly aufgenommen, aber nicht gedrehten Song „The Love of My Life“.

Fazit: „Brigadoon“ markiert, mal ganz nüchtern betrachtet, den Übergang von der großen Hoch-Zeit der amerikanischen Filmmusicals in die jahrzehntelange „Diaspora“ des Genres. Keine Location-Shoots mehr, keine Überlänge und verhältnismäßig simple Choreographien der großen Tanzszenen – es deutet sich bereits an, dass die Epoche der Fred Astaires und Gene Kellys als größte Box-Office-Zugpferde sich ihrem Ende zuneigte. Ein knappes Jahrzehnt nach Kriegsende war das breite Publikum wieder reif für „realistischere“ Filme, weniger blanken Eskapismus – spätere Hits wie „My Fair Lady“ entsprangen nicht mehr in erster Linie diesem Boom an Muscials, wie er seit Mitte der 40er geherrscht hatte, sondern waren trotz ihres Erfolges eher Ausnahmen. Qualitativ kann man „Brigadoon“ keinen Vorwurf machen – dass das Songmaterial vergleichsweise durchschnittlich ist, liegt an der Bühnenvorlage, Vincente Minelli und Joseph Ruttenberg beweisen, was man in einem Studioset filmemacherisch alles machen kann, Van Johnson stiehlt Gene Kelly die Show… und über all dem schwebt die von mir oben ausschweifend interpretierte unbeabsichtigte Düsternis des Films. Das alles macht „Brigadoon“ zu einem auch nach über 50 Jahren noch sehenswerten Film – aus anderen Gründen, als es Minelli und die MGM-Produzenten beabsichtigt hatten, aber nichtsdestoweniger denkwürdig – es lohnt sich, dem Streifen speziell unter den geschilderten Gesichtspunkten auf de Zahn zu fühlen…

4/5
(c) 2009 Dr. Acula


mm
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