Uzumaki


  • Deutscher Titel: Uzumaki
  • Original-Titel: Uzumaki
  •  
  • Regie: Higuchinsky
  • Land: Japan
  • Jahr: 2000
  • Darsteller:

    Eriko Hatsune (Kirie), Fhi Fan (Suichi), Eun-Kyung Shin, Keiko Takahashi, Ren Osugi, Denden


Vorwort:

Seltsame Dinge gehen vor sich in der japanischen Kleinstadt, in der die Zehntklässlerin Kirie aufwächst. Wie die berühmten Kreuzberger Nächte fängt aber auch dort alles ganz langsam an. Der erste, der merkt, dass was nicht stimmt, ist Kiries Sandkastenfreund Shuichi, dessen Vater eine seltsam bis ungesunde Obsession auf Spiralen entwickelt, was das Familienleben doch merklich beeinträchtigt (z.B. weil Shuichis Dad alles an Spiralen einsammelt, was ihm vor die Griffel kommt, inklusive Neonleuchtschildern und Fischröllchen). Shuichi spekuliert, dass hinter dieser neuen Leidenschaft mehr steckt als nur ein harmloses Hobby oder eine mittelschwere Wahnvorstellung – was seinem Dad passiert, dürfte seiner bescheidenen Einschätzung nach um sich greifen. Und es sieht so aus, als sollte er Recht behalten: nach dem einfallsreichen Selbstmord seines Vaters (und einigen anderen mysteriösen spiralenbeeinflußten Ereignissen) greift der Wahn um sich. Shuichis Mutter entwickelt eine Spiralen-Paranoia und fräst sich sogar die Fingerkuppen ab. Ein Reporter, der versucht, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, kommt bei einem bizarren Unfall ums Leben. Was immer „es“ auch ist, das über den Bewohner der Stadt lauert, es bereitet sich auf seinen Generalangriff vor…
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Inhalt:

Wieder mal Abt. neuer Horror aus Fernost. Ja, ich weiß, „neu“ ist relativ, der Film ist von 2000, aber auf DVD ist er doch erst recht kürzlich erschienen (und beim Doc dauert’s immer etwas länger, bis er Filme, die nicht eindeutig als Grütze zu identifizieren sind, vor die Glubscher bekommt).

„Uzumaki“ kommt, haha, welch Überraschung, aus Japan, auch wenn der Herr Regisseur, wenn ich der IMDB glaube, ein gebürtiger Ukrainer ist (wo überall Filmemacher herkommen… staun). Nun wissen wir hier ja alle, dass meinereiner oft und gern mosert, dass die Asiaten (und das schließt die Japaner aber sowas von ein, soweit’s um Horror geht) scheinbar auf ihrem ganzen gigantischen Kontinent kein Drehbuch finden, um’s zu verfilmen, und uns daher mit visuell beeindruckenden inhaltlichen Unsinnigkeiten auf den Keks gehen. Vielleicht sollte ich meine Einschätzung revidieren und dafür dankbar sein, denn das Script von „Uzumaki“, der tatsächlich so etwas wie eine neue, originelle Storyidee hat, sieht ungefähr so aus, als hätten David Lynch und David Cronenberg gemeinschaftlich drei bis vier Nasen Koks genommen und den sich einstellenden Trip mitstenografiert. Zwar ist der Streifen hilfreicherweise in vier „Kapitel“ eingeteilt, die das, was sich abspielt, zumindest in einen gewissen Kontext setzen, aber in irgendeinerweise in sich halbwegs logisch ist die Geschichte nicht – warum auch, ist ja die Adaption eines Mangas, und bei den japanischen Comics sind Sinn und Verstand optional (und selten) eingesetzte Stilmittel.

Ist einerseits schade, weil die Idee an sich faszinierend ist (dummerweise kann man sich nicht großartig drüber auslassen, ohne praktisch alles an dem Film zu spoilern, was es zu spoilern gibt, und das ist schon nicht viel) und mich schon eine gewisse Erklärung für die Ereginisse interessiert hätte (es gibt ja auch den passenden Charakter in Form des Journalisten, der auch etwas herausfindet, was aber keiner, einschließlich des Zuschauers, abgesehen von ein paar mythisch-mystischen Andeutungen) erfährt, andererseits verleiht es dem ganzen Film eine gewisse alptraumhaft-surreale Atmosphäre, die dann und wann tatsächlich in ihrer unerklärlichen Rätselhaftigkeit (konsequent – spoiler ahead – bietet der Film dann auch keine Begründung und, wenn man so will, nicht mal ein richtiges Ende) an die undurchschaubareren Werke der oben genannten Regisseure erinnert. Der letzte Akt des Films gibt sowieso alles auf, was eventuell mal an nachvollziehbarer Plotte vorhanden gewesen sein könnte und wirft nur noch mit bizarrer Imagery um sich. Wirkungsvoll? Schon irgendwo. Verständlich? Allenfalls nach acht Joints und drei Acid-Trips, weil ich glaube, dann sieht man solche Bilder ständig…

Was mich an der Geschichte bzw. ihrer Umsetzung wirklich stört und verhindert, dass sie mich, wie die Werke von Lynch und Cronenberg, wirklich involvieren, wirklich mitreißen, ist das seltsam distanzierte Verhältnis der Hauptfiguren zum Geschehen. Sowohl Kirie als auch eingeschränkt Suichi sind hauptsächlich Beobachter der Ereignisse, haben mit dem, was im Film eigentlich passiert, nicht wirklich viel zu tun, sind eigentlich eher Randfiguren. Das ist ein Mißverhältnis, weil es den eh schon nur schwer durchschaubaren Film nicht zugänglicher macht. Ich weiß nicht, ob mich richtig bzw. verständlich ausdrücke – es wirkt halt über weite Strecken so, als würde speziell Kirie, die nominelle Hauptcharakterin, nicht wirklich interessieren, was an mysteriösen Dingen um sie herum geschieht – es fehlt also an „klassischen Heldengestalten“, um die herum sich die Geschichte entspinnt. Ich gehe mal stark davon aus, dass das in gewissen Rahmen gewollt ist und künstlerische, kulturelle, soziologische oder was-weiß-ich-denn-für-eine Aussage ist, aber es lässt den Film letztlich bei mir nicht wirklich „klicken“ (einige offenbar nicht zentral zum Plot gehörende, dennoch unaufgeklärt bleibende Nebenereignisse wie der „wütende Cop“, der was dagegen hat, wenn ein Fahrrad von mehr als einer Person beradelt wird, helfen auch nicht weiter; andere, scheinbar zusammenhanglose Elemente allerdings faszinieren mich ungemein – so z.B. eine ebenfalls völlig vom Film „unbeachtete“ Szene, in der Kirie nebst Freundin durch die Gänge ihrer Schule laufen und quasi durch ein Spalier unbeweglich-eingefrorener Mitschüler gehen).

Visuell gibt’s, wie eigentlich schon gewohnt bei den Japanern, auch wenn Regisseur „Higuchinsky“ kein echter Sohn Nippons ist, nichts auszusetzen. Die Kameraführung lotet alle erdenlichen Tricks, Gimmicks und Spielereien aus, die man sich nur vorstellen kann (surreale Kamerazooms, ungewöhnliche Perspektiven, Farbfilterung, digitale Nachbearbeitung, name it – you’ll find it here), auch der Schnitt ist formidabel – es ist aber auch nötig, weil der Film insgesamt ein traumwandlerisch langsames Tempo auffährt und da so arg viel in den ersten 60 Minuten des Films nicht passiert (ich weiß, jetzt werfen mir die üblichen Verdächtigen wieder ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom vor), braucht es auch die technischen Spielereien, um den Zuschauer (zumindest dem, der nicht an abgedrehte Szenarien wie diese gewöhnt ist) bei Laune zu halten.

Im Gegensatz zu manch anderem Vertreter fernöstlich-asiatischen Gruselkinos (wie z.B. die „Ringu“-Trilogie) drückt sich „Uzumaki“ nicht um Spezialeffekte, wobei auch einige (FSK-16-taugliche, dennoch recht krude) Splattereffekte aufgefahren werden. Insgesamt wirkt die Effektarbeit weniger erschreckend denn grotesk (was auch Sinn der Übung gewesen sein dürfte) – vom Stil her erinnert’s mich manchmal an den (vermutlich beim Jungvolk längst vergessenen) legendären FX-Guru Screaming Mad George. Technisch gibt’s an den FX nicht wirklich viel auszusetzen (manche FX wirken sicher billiger als als andere) – sie sollen natürlich auch nicht ultra-krass-realistisch wirken, sondern bizarr-seltsam-merkwürdig, und das gelingt den FX-Künstlern durchaus.

Schauspielerisch werde ich mit dem Film auch nicht richtig warm – Eriko Hatsone ist zwar irgendwo das quintessentielle japanische Schulmädchen, hat aber nicht die Ausstrahlung und die Screenpräsenz von vergleichbaren Genre-Gören wie „Azumi“Aya Ueta oder „GoGo Yubari“Chiaki Kuriyama – allerdings gelingt ihr gelegentlich die angemessene „Entrücktheit“ von Welt & Story ganz gut. Entweder ein ziemlicher Totalausfall oder die perfekte Verkörperung des Willens des Regisseurs (so ganz einig bin ich mir da nicht) ist Fhi Fan als Suichi, der immer, wenn er längere Monologpassagen hat (und er hat einige) so aussieht, als würde er einfach stehen bleiben, wo er gerade steht, jegliche Schauspielerei einstellen, konzentriert nachdenken und dann heftigst, wie einst in der Schule, auswendig gelernte Passagen rezitieren. Das ist SO auffällig – ich kann mir kaum vorstellen, dass er wirklich so schlecht spielt, sondern da auch irgendwo ein tieferer Sinn, der sich mir nicht erschließt, drin stecken muss. Ren Osugi als erstes „besessenes“ Spiralen-Opfer und seine in die Paranoia getriebene Film-Frau Keiko Takahashi erledigen ihren Job recht gut, sind aber nicht die Hauptfiguren. Der Rest des Ensembles ist nicht der Rede wert.

Bildqualität: Man hatte mich gewarnt, die Disc aus dem Hause Rapid Eye Movies wäre ziemliche Katastrophe. In der Tat ist’s nicht gerade großes Tennis, was hier rein bildmäßig aufs Bild geklatscht wurde. Zunächst fehlt’s an einer anamorphen Abtastung, dann ist das Bild ziemlich verrauscht, weist doch einige Farbschwankungen auf und ist insgesamt eine deutliche Ecke zu dunkel. Detail- und Kantenschärfe bewegen sich im durchschnittlichen Bereich, dunklen Szenen hätte mehr Kontrast nicht geschadet. Die Kompression lässt gelegentlich Nachzieheffekte zu.

Tonqualität: REM liefert deutschen und japanischen Ton (schlagt mich, aber ich hab vergessen, auf der Hülle nachzusehen, welche Formate, dürfte aber jeweils 5.1 sein). Ich hab mir den Film auf deutsch angesehen (diesen Film auch noch mitlesen zu müssen, ist zu viel des Guten, weil dann kriegt man ja wirklich gar nix mehr von den Bildern mit – da würd ich noch lieber japanisch ohne UT sehen, dann könnten mich die Dialoge nicht mehr ablenken). Die Synchronisation ist nicht die allerbeste, die Sprachqualität ist aber ausgezeichnet. Während die Musik etwas zu leise für meinen Geschmack in den Hintergrund gedrängt wird, kommen die schön schleimig-ekligen Soundeffekte (ja, das ist mal wieder ein Film, der ein ziemlich ausgefuchstes Sound Design zur Unterstützung der Effekte einsetzt) bestens rüber.

Extras: Mit denen hab ich mich, zugegeben, nicht weiter beschäftigt. Wenn ich’s richtig überblicke, findet sich ein Making- of sowie „Toshios Videotape“ auf der Disc, letzteres, ähnlich wie Sadakos Video aus „Ringu“ ein im Film vorkommendes Plot Device, das man sich noch mal komplett und am Stück ansehen kann.

Fazit: Ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich von „Uzumaki“ halten soll. Der Film punktet einerseits durch seine prima unwirklich-alptraumhaft Atmosphäre und seine teilweise wirklich atemberaubenden und verstörenden Bilder, aber selbst wenn ich mal die Story als solche ungelöst so akzeptiere (tu ich ja bei Lynch auch) bleibt mein Hauptproblem, dass die Hauptcharaktere nicht interessant genug sind und sich mit dem Film selbst und seiner Geschichte nicht recht verbinden mögen. Ich schätze mal stark, dass ich noch ein-zwei Durchläufe brauchen würde, um mich wirklich mit dem Film anzufreunden. Versuchen wir’s also mit folgendem Schlußwort: „Uzumaki“ hat eine wirklich gelungene Idee, einen tollen visuellen Style und Atmosphäre to boot, hätte aber auch noch den ein oder anderen kleinen Rewrite vertragen können (immerhin ist der Streifen aber deutlich besser konsumierbar als der vergleichbar visuell überbordende und inhaltlich dafür um so idiotischere J.Lo-Schmarrn „The Cell“) – dennoch einer der interessantesten Vertreter des neuen japanischen Horrorkinos, auf einer vor allem bildtechnisch verbesserungswürdigen DVD unters Volk gebracht…

3,5/5
(c) 2004 Dr. Acula


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