Atomik Circus


  • Deutscher Titel: Atomik Circus
  • Original-Titel: Atomik Circus
  •  
  • Regie: Didier Poiraud, Thierry Poiraud
  • Land: Frankreich
  • Jahr: 2004
  • Darsteller:

    Vanessa Paradis (Concia), Jason Flemyng (James Bataille), Benoît Poelvoorde (Allan Chiasse), Jean-Pierre Marielle (Bosco), Venantino Venantini (Matt Kelso), Vincent Tavier (Chief Brody), Bouli Lanners (Chips), Jacky Lambert (Dips)


Vorwort:

Irgendwo in den lateinamerikanischen Backwoods (wo genau die Plotte spielen soll, hab ich bis jetzt noch nicht rausgefunden) veranstaltet Bosco, der Patriarch der Knallkopp-Gemeinde Skotlett alljährlich ein „Rinderpastetenfestival“. Eines Jahres plättet der angeheuerte Stuntman James bei einem mißglückten Stunt Boscos Bar, was dem ganz zupass kommt, weil James sich unerwünschterweise in des lokalen Oberhonchos attraktives und singendes Töchterlein Concia verknallt hat – James wandert für 133 Jahre in den Bau. Doch schon ein Jahr später gelingt ihm der Ausbruch. Liebeshungrig macht er sich auf den Weg nach Skotlett, wo die Wiedereröffnung Boscos Bar mit dem nächsten Festival gefeiert werden soll. Doch es haben sich unerwünschte Gäste eingefunden – der schmierige Plattenproduzent Chiasse, der Coscia gerne mal ins Höschen steigen würde und, noch empfindlich störender – eine Invasion blutrünstiger Tentakelmonster, die von Tönen angelockt werden und allgemein keinen Spaß verstehen. James muss nicht nur Concia und die Dorfbewohner, sondern die ganze Welt retten. Wie in diese Plotte noch singende Hunde, skandinavisch-blonde Mariachis, unterbelichtete Hinterwald-Polizisten und ein schießwütiger Redneck, der seine tote Oma ausgestopft im Schaukelstuhl aufbewahrt, und ein Raketenraumanzug reinpassen… das kann ICH Euch auch nicht erklären…

Inhalt:

Okay, hiermit gebe ich das französische Volk offiziell auf: Ich meine, wegen ihrer kreuzkomplizierten Sprache war mir der gallische Stamm eh schon immer suspekt, aber spätestens mit „Atomik Circus“ sind die Franzmänner jetzt endgültig ausgeklinkt, jenseits von Gut und Böse, nicht mehr zu retten, reif für ’ne große Mauer (ca. 30 Meter hoch, for starters) rund um ihr Land, von außen mit dem Wort „Irrenhaus“ beschriftet. Wer sage und schreibe 14 Millionen Euro verpulvern kann, um einen extrem schlechten LSD-Trip zu verfilmen, vor dem muss man die restliche Menschheit schützen. Alles andere ist nicht zu verantworten, denn eine derart wirre, zusammenhanglose, abstruse, sinn- und verstandesfreie Aneinanderreihung von bewegten Bildern hat sich mir schon länger nicht mehr vorgestellt.

Wobei man, wie sich schon aus obiger Inhaltsangabe entnehmen lässt, dem Debütlangfilm der Gebrüder Poiraud eins mit Sicherheit nicht vorwerfen kann – einen Mangel an Ideen. Unglückseligerweise schütten die Poirauds ausnahmslos jeden Einfall, der ihnen in einer schlaflosen und/oder drogenumnebelten Nacht mal durch den Brägen geschlichen ist, ohne Ansehen seiner Tauglichkeit in ihren Filmpott und geben sich noch nicht mal gesteigerte Mühe, diese Nummernrevue von manchmal pfiffigen, manchmal zumindest witzigen, oft aber einfach nur kopfpatscherregenden Ideen in einen wie-auch-immer-gearteten Kontext zu setzen. Vielmehr setzen sie darauf, dass aus einer ganz offensichtlich nur aus einzelnen Vignetten ohne wirklichen Narrative (sprich: ein zusammenhängendes, nachvollziehbares Drehbuch) automatisch ein Kultfilm ergibt. Nun gut, bei gewissen Audienzen mag sowas ja funktionieren, aber selbst ein nun wirklich beinahe jedem schrägen Werk prinzipiell wohlwollend eingestellter Filmfreak wie meinereiner muss drei- bis fünfmal schlucken und tiiiief durchatmen, wenn ein Film Elemente einer tragischen Liebesgeschichte, den Ansatz einer Parodie auf 50er-Jahre-Monster- und 70er-Jahre-Katastrophenfilme, Holzhammerhumor, Musicaleinlagen, Redneck-Klischees und ein paar derbe Splattereffekte zusammenrührt, ohne diese verschiedenen Sujets miteinander zu verbinden, sondern sie lieber nacheinender herunterzuleiern und abzuhaken – und das alles, weil man ist ja Franzose, durchaus mit den Mitteln des Arthouse-Films, versuchter diplomierter Edeloptik und CGI. Irgendwann gibt da der hartgesottenste Vertreter de „ich-seh-einen-Sinn-dahinter“-Schule auf, versinkt in ein beruhigend-einlullendes delirium tremens und ist reif für die Gummizelle.

Wie gesagt, von einem echten Drehbuch kann nicht die Rede sein. Die eigentliche „Hauptstory“, also die Invasion der Tentakelmonster, übernimmt so ungefähr zur Ein-Stunden-Marke das Kommando, was natürlich auch bedeutet, dass sie in ungefähr 20 Minuten abgefrühstückt sein muss (und bis auf zwei kurze Ausnahmen konzentrieren sich auch die Splattereinlagen auf eine etwa drei-vierminütige Tour de Force in diesem Segment). Bis dahin darf man sich mit mehr oder weniger lustigen Episoden aus der Hinterwäldler-Mottenkiste, dem ein oder anderen depperten in-joke (Chief Brody, anyone?) und einer Vielzahl von Mrs. Johnny Depp geträllerten (und meist eher, ähm, avantgardistischen) Songs erfreuen. Okay, ein paar nette Dialoge gibt’s noch, aber insgesamt schleppt sich der Film in dieser Phase eher mühselig von Gag zu Gag.

Die Regie schließt sich dem Drehbuch nahtlos an – sie ist konfus, wild umherspringend, krampfhaft bemüht, den sich abspulenden Schmarrn einerseits todernst abzufilmen und gleichzeitig „SCHAUT HER! SCHRÄGER KULT! SIND WIR NICHT TOLL?“ zu brüllen. Kann natürlich nicht funktionieren und tut’s auch nicht – obwohl in einigen wenigen Momenten (so z.B. die seltsame Begegnung, die James mit dem Redneck mit Norman-Bates-Tick erlebt) skurriler Humor, der auch wirklich *lustig* ist, durchschimmert und aufzeigt, was möglich gewesen wäre, wenn die Regisseure auf ihre „mei, sind wir cool“-Attitüde verzichtet hätten und sich primär darauf konzentriert hätten, eine bizarre Horror-Komödie zu drehen (hätt‘ ja noch nicht mal Horror sein können) – schräge Charaktere, aus denen sich was machen liesse, gibt’s zuhauf. Alas, statt dessen erdreisten sich die Macher sogar im Showdown noch darauf (SPOILER-WARNUNG), die tentakelbewehrten Invasoren als „Shub-Niggurat“ zu bezeichnen (und der Lovecrafts Hape rotiert im Grab) (SPOILER-ENDE). Tempo kommt erst in der Schlussphase auf – in den letzten 20 Minuten beginnt „Atomik Circus“ tatsächlich Spaß zu machen, aber das ist dann „too little, too late“.

Technisch-handwerklich setzen die Poirauds zweifellos auf einen durchschaubar-artifiziellen Look, um die Arthouse-Crowd zufriedenzustellen. Das fängt von offenkundig beabsichtigt erkennbaren Rückprojektionsshots an, setzt sich über den vermutlich (und ebenso vermutlich absichtlich) primitivsten Animatronic-Hund, seit Muffett über die Gänge der Original-Galactica krauchte, und bestenfalls auf 70er-Jahre-Niveau stehenden Matte Paintings bis hin zu alles andere als perfekten Monster-CGI fort. Okay, vielleicht sind die Effekte auch für das Geld nicht besser hinzukommen gewesen, aber irgendwie gehe ich einfach davon aus, dass die Regisseure das so, wie’s jetzt aussieht, ganz töfte finden. Es gibt dem Film jedenfalls eine surreale Note, und die hat er durchaus nötig.

Die Splattereffekte sind nicht ganz ohne, aber auch nicht aufregend für Genre-Vielseher – hauptsächlich regieren mal wieder Köpfungen. Wie gesagt konzentriert sich der Blutgehalt des Films im wesentlichen auf eine amtliche Massakerszene.

Für den Schmu haben sich erstaunlich namhafte Schauspieler hergegeben. Vanessa Paradis, die einst als Teenager-Sängerin mit „Joe le Taxi“ die Charts stürmte, sich mit Johnny Depp den wahrscheinlich besten Schauspieler der Gegenwart als Ehemann angelte und gelegentlich selbst die Leinwände beackert, darf in „Atomik Circus“ hauptsächlich singen (was ihr entgegenkommt) und sexy aussehen (was auch nicht das schlechteste ist). Vor schauspielerische Herausforderungen wird sie nicht gestellt. Jason Fleymng („Bube Dame König GrAs“, „Snatch“, „Bruiser“, „Octalus“) hat ein Problem – das Script hält ihn für sicherlich zwei Drittel der Filmlaufzeit von echter Interaktion mit dem „Restfilm“ ab. Sein Flucht-Subplot hat mit der eigentlichen Story nicht viel zu tun und verlangt von ihm eh nicht viel mehr, als mit gehetztem Blick durch die tropischen Wälder zu türmen. Dialoge hat er kaum (allerdings könnte ich den Schluss-„Gag“ des Films *fast* als Hommage an „Octalus“ sehen, wo er ja auch mitwirkte). Mit Jean-Pierre Marielle als Bosco verdingt sich ein echter französischer Kino-Veteran, der schon 1971 mit Dario Argento filmte, ansonsten aber zumeist im heimischen Film und ohne überragende internationale Erfolge agierte. Mit Venantino Venantini stellt sich ein echter Grützefilm-Haudege des klassischen italienischen Schundfilms in den Dienst der Sache – Brescia, D’Amato, Fulci, Lado, Margheriti – mit allen hat er gefilmt. Und Benoît Poelvoorde, der hier mit Gusto den widerlich-unsympathisch sexistischen Produzenten gibt, kennen wir alle aus dem legendären „Mann beißt Hund“.

Bildqualität: „Atomik Circus“ läuft gerade auf dem Fantasy Film Fest – wer den Film fürs heimische Pantoffelkino braucht, kann z.B. nach Thailand ausweichen, wo die Firma J-Bics den Streifen für verhältnismässig kleines Geld anbietet. Für den Obolus erwartet den Kunden ein Slimpak. Der Film selbst wird in soliden, allerdings auch nicht wirklich überwältigendem anamorphen 2.35:1-Widescreen dargeboten. Könnte ’nen deutlichen Tacken schärfer sein, die Farben sind okay, der Kontrast ist befriedigend. Kompressionsfehler fallen nicht auf, ebenso ist der verwendete Print sauber und defektfrei.

Tonqualität: Die Scheibe bietet französischen O-Ton und thailändische Synchro jeweils in Dolby 5.1, dazu englische und Thai-Untertitel. Da’s mit meinem Thailändisch nicht so weit hier ist, empfiehlt sich die französische Sprachfassung mit den annehmbar übersetzten englischen Untertiteln. Der Thai-Markt scheint akustisch keine hohen Ansprüche zu haben, denn die französische Tonspur ist matschig, leidet unter einigen Lautstärkeschwankungen (das merkt man besonders im Nachspann) und ist allgemein sehr drucklos und ohne große Aufgaben für die Surround-Spur. Naja, man darf da wohl nicht mehr erwarten.

Extras: Außer einigen Zwangstrailern vor dem Menü (das in beinahe schon deutscher Tradition den entscheidenden Plotpunkt des Films verrät) nichts.

Fazit: Muwa-ha-haa… „Atomik Circus“ ist vermutlich am ehesten mit einer Überdosis ungesunder Psychopharmaka zu goutieren – dann ergibt das wilde Panoptikum aus zusammenhanglosen und oft einfach auch nur unpassenden Ideen vielleicht sogar einen, ähem, Sinn. Theoretisch könnte man den Film als einen perfekten Vertreter des „psychotronischen“ Entertainment ja loben und preisen, aber – da sind mir die Filme, die das für weniger Geld und nicht auf Teufel komm raus absichtlich bewerkstelligen, erheblich sympathischer. „Atomik Circus“ ist ein Anschlag auf die geistige Gesundheit – wenn das tatsächlich „Kult“ wird, ist’s ein trauriger Tag für die Filmwelt…

2/5
(c) 2006 Dr. Acula


mm
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