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MATCHPOINT USA/GB 2005 Regie: Woody Allen Ein schönes, alljährliches Ritual für den geneigten Woody-Allen-Fan ist der Besuch im Programmkino seines Vertrauens, um sich das neueste Werk des verehrten Meisters anzusehen, der trotz seiner nun schon siebzig Lenze immer noch eine bewunderungswürdige Produktivität an den Tag legt. In den letzten Jahren war dieses Ritual allerdings ein eher einsames Vergnügen, denn obwohl zumindest mir auch die neueren Filme des Königs aller Neurotiker durchaus gut gefielen (z.B. ‚Schmalspurganoven' oder ‚Enything Else') waren sie doch alles andere als Publikumsmagneten, so daß man ein ganzes Kino beinahe für sich alleine hatte. Auch die Kulturspalten der gehobenen Tages- und Wochenpresse, bislang Allen in Treue verbunden, kamen nicht umhin, bei aller Sympathie, ein Nachlassen der Qualität seiner Schaffenskraft festzustellen (ich sagte ja schon, ich sehe das eher anders). Um so erstaunter waren denn auch Kritik und Publikum, als Allen sein 2005er-Opus ‚Matchpoint' vorlegte, den er, dem Vernehmen nach, allein deshalb in England drehte, weil er im heimischen New York keine Geldgeber mehr gefunden haben soll. So sprang ein Tochterunternehmen der BBC helfend ein. Nun, der Tapetenwechsel scheint dem Maître gut getan zu haben, denn daß er mit ‚Matchpoint', einem veritablen, in der englischen Upper-Class angesiedelter Thriller vorlegen würde, hatte wohl niemand erwartet. Selbst der geneigte Fan, der, wie ich, die meisten der Allen´schen Musenkinder streckenweise mitsprechen kann, dürfte einige Überraschungen erleben.
Zwar hat Allen, einigen anders lautenden Kritiken zum Trotz, nicht gleich seinen ganzen Stil vollständig umgekrempelt. Die originellen ‚Einzeiler' sind, obwohl stark zurückgedrängt, immer noch stellenweise vorhanden. Auch die Thematik des Films überrascht nicht völlig, zumindest wenn man - wer ist eigentlich für den dämlichen deutschen Titel verantwortlich? - ‚Verbrechen und andere Kleinigkeiten' gesehen hat. Die Intensität, mit der in ‚Match-Point' die Handlung bis zur bitteren Katastrophe vorangetrieben wird, übertrifft dann aber doch die des Vorgängers, der eher ein philosophischer Krimi denn ein Thriller war und sich in lange, aber durchaus sehenswerte Abhandlungen über Gut und Böse erging und ob das Leben, in Anbetracht aller Schlechtigkeit dieser Welt und dem Umstand, daß es offensichtlich keinen Gott zu geben scheint (auch das sehe ich anders – nur mal so angemerkt), überhaupt einen Sinn hat. ‚Verbrechen' sollte ursprünglich ja auch ‚The Eyes of God' heißen. Auch in ‚Match-Point' werden diese Frage angesprochen, allerdings längst nicht so ausführlich und offensichtlich. Vielmehr ist die Handlung des Filmes selbst hierzu eine exemplarische Abhandlung. Worum geht es? Nachdem Chris Wilton sich als professioneller Tennisspieler einen guten Ruf erworben und aus der Armut emporgearbeitet hat, nimmt er an einem Londoner Nobelclub eine Stelle als Tennislehrer an. Schnell verschafft sich der bildungsbeflissene, Opern liebende Chris Zugang zur Upper-Class und dem Herzen von Chloe, der Tochter eines reichen Geschäftsmannes. Er wird in Chloes Familie auch herzlich aufgenommen, erhält einen gut dotierten Posten im elterlichen Großbetrieb und den nämlichen Segen zur Hochzeit mit Chloe. Alles wäre wunderbar, gäbe es da nicht die sinnliche Nola Rice, die Verlobte von Chloes Bruder Tom. Nola, nicht gerade die Wunschschwiegertochter von Toms und Chloens Mutter, versucht erfolglos als Schauspielerin zu reüssieren, vergeigt aber ein Vorsprechen nach dem anderen. Darüber hinaus leidet sie sichtlich unter der Ablehnung, die sie von Toms Eltern, insbesondere seiner Mutter, erfährt. Chris fühlt sich zu Nola hingezogen und beginnt, obwohl Nola ihn warnt und ihn zuerst auf Abstand hält, mit dem Feuer zu spielen. Noch vor seiner Hochzeit mit Chloe, die ihm im Gegensatz zu der sich als Femme Fatale gerierenden Nola immer weniger begehrenswert erscheint, schläft er mit Nola bei strömenden Regen in einem Maisfeld. Dennoch geht er, trotz aller Zweifel bezüglich seiner Gefühle für die nichtsahnende Chloe die Hochzeit mit ihr ein - immerhin ist sie für ihn die Eintrittskarte in die höhere Londoner Gesellschaft. Seine Stunde sieht Chris gekommen, als sich Tom überraschend von Nola trennt und eine ‚angemessene' Partie ehelicht. Er verführt die zuerst noch widerstrebende Nola, die sich nicht in seine Ehe drängen möchte und stürzt sich mit ihr in eine wilde Affaire, während Chloe, immer noch nichts böses ahnend, verzweifelt versucht, schwanger zu werden und sich über die geringe Koitusfrequenz mit Chris von nur einmal die Woche wundert. Der schiebt beruflichen Streß vor – daß er sich bereits nachmittäglich regelmäßig bei Nola verausgabt, kann er Chloe ja denn auch schlechterdings nicht offenbaren. Die Situation spitzt sich zu, als Nola sich ernstlich in Chris verliebt und ihr dann auch noch ungeplant spielend gelingt, was für Chloe ein wahres Lebensprojekt geworden ist: sie wird von Chris schwanger. Nun verlangt sie von ihm den Mut, sich zu ihr zu bekennen und Chloe, die er ja angeblich eh nicht liebt, für sie und das Kind zu verlassen. Die von Chris lapidar vorgeschlagene Abtreibung lehnt sie entschieden ab. Seine Gefühle für Chloe halten sich zwar tatsächlich nur noch in überschaubaren Grenzen („Sie ist nett"), das Gefallen, daß er, der Emporkömmling aus einem irischen Armenviertel, an dem ‚angenehmen Leben' gefunden hat, ist dafür um so größer. Ihm dämmert, daß die Scheidung von Chloe für ihn den Verlust der erreichten Privilegien bedeutet. Die Aussicht auf ein einfacheres, aber glücklicheres Leben als Tennislehrer und Familienvater an Seiten Nolas lockt ihn nicht. Also faßt er einen recht diabolischen Plan... ‚Match-Point' zerfällt, trotz der bewunderungswürdig klar und schnörkellos erzählten Handlung, in zwei ziemlich gleiche Hälften. Die erste ist eine Gesellschaftssatire, die den Aufstieg des attraktiven und ambitionierten Chris erzählt. Nach etwa einer Stunde ändert sich das Timbre des Films und verwandelt sich, dabei dann ganz logisch und folgerichtig auf der ersten Hälfte aufbauend, in einen zynischen und intensiven Thriller, den Alfred Hitchcock beinahe nicht besser hätte machen können. Die zweite Stunde des Films strotzt geradezu von Suspense und unerwarteten Wendungen, so daß der Zuschauer kaum noch zu Atem kommt. Dies allerdings hätte man von Woody Allen, trotz eines Vorgängers wie ‚Verbrechen und Kleinigkeiten', so nicht erwartet. Einige Szenen, obwohl völlig unblutig inszeniert, gehören zu dem Schockierendsten, was man in den letzten Jahren im Kino zu sehen bekam, wozu sicher auch die ungewöhnliche Musikuntermalung einen Beitrag leisten dürfte. Die Musik zu ‚Matchpoint' rekuriert sich nämlich ausschließlich aus historischen Opernaufnahmen, was sich als äußerst wirkungsvoll und eindringlich erweist. Dabei verliert Allen seine Charaktere nicht aus den Augen. Wandelt sich Chris, von Jonathan Rhys-Meyer eindringlich dargestellt, vom karrierebewußten, aber noch etwas linkischen Emporkömmling in einen geradezu erschreckend skrupellosen Zyniker, dem es zu Gunsten des Wohllebens gelingt, die letzten Reste seines Gewissens niederzuknüppeln, so ist die Änderung, die Nola durchmacht, noch beeindruckender. Wird sie zu Beginn als mit ihrer erotischen Anziehungskraft spielenden Femme fatale eingeführt, so daß man sich als Zuschauer um den in Liebesdingen noch recht naiven Chris regelrecht zu sorgen beginnt, so erweist sich Nolas offensives Auftreten recht schnell als Fassade - als Fassade einer zerbrechlichen und vom Unglück verfolgten jungen Frau, die ihren Lebenstraum von der Schauspielerei auf Grund psychischer Blockaden nicht umsetzten kann und die geradezu verzweifelt das einzige einsetzt, das ihr an ihr selber wertvoll erscheint, ihre sexuelle Anziehungskraft. Mit fortschreitender Handlung und wachsender Skrupellosigkeit von Chris zerbröselt dieses angebliche Selbstbewußtsein jedoch immer mehr und spätestens als Tom die Verlobung mit ihr auflöst, sehen wir Nola als das, was sie wirklich ist: ein kleines, hilfloses, aber im Grunde äußerst sympathisches, liebenswertes Mädchen, das der Zuschauer am liebsten in den Arm nehmen würde um ihm zu sagen, daß nicht ihr Körper sie begehrenswert macht, sondern ihr Wesen. Als Nola im zweiten Teil des Films in die Fänge Chris' gerät, wird sie vollends zur Sympathieträgerin und zur tragischen Gestalt des Films. Ihr Kampf um den geliebten Mann, den sie doch von vorne herein auf verlorenen Posten kämpft, da sie nicht über Chloes materiellen Ressourcen verfügt, hat etwas unendlich rührendes. Das, was die 21-jährige Scarlett Johansson an schauspielerischer Leistung, Ausdruckskraft und Wandlungsfähigkeit in dieser Rolle abliefert, ist bewunderungswürdig. Allen Respekt! Auch die Inszenierung Allens unterstreicht die Wandlung. Tritt Scarlett Johannson in ihren ersten Szenen noch stark geschminkt und offensiv gekleidet auf werden Makeup und Extravagnz der Kleidung im Laufe des Films immer weiter zurückgefahren. Im letzten Viertel sieht man sie fast nur noch in Jeans, T-Shirts, weiter Kleidung und beinah völlig ungeschminkt. Eben ein kleines, hilfloses und liebenswertes Mädchen, keine männerverzehrende Bestie. SPOILERALARM!!! Das, was ‚Match-Point' denn auch so schockierend macht und den Zuschauer aus dem Film in Schweiß gebadet entläßt, ist der finale Mord an Nola, den Chris rücksichtslos auf sein Gewissen nimmt, nur um seinen Wohlstand zu sichern. Dem Zuschauer ist Nola bis an dieser Stelle derart ans Herz gewachsen, daß ihn der Mord schockiert wie der Duschenmord in Hitchcocks ‚Psycho'. Gerade in seinen letzten Teil erreicht Allens Film eine Intensität, die sich vor Old-Alfreds Meisterwerken nicht mehr zu verstecken braucht. Daß Chris am Ende des Films dank einiger geradezu aberwitzigen Handlungswendungen mit seinem Verbrechen durchkommt und nicht etwa zur Rechenschaft gezogen wird, auch wenn ihn manches mal noch das Gewissen drückt, verstärkt die Intensität des Filmes noch einmal. Hier läßt Woody Allens pessimistische Weltsicht vielmals grüßen. Zwar teile ich diese Weltsicht keineswegs, aber es ist doch beeindruckend, was der Meister ihr auf seine ‚alten Tage' (siebzig ist heutzutage ja nicht mehr wirklich alt) hier noch einmal gelingt, abzuringen. Pessimismus als kreative Triebfeder --- A propos Hitchcock: Die Atmosphäre in ‚Matchpoint' erinnert streckenweise ein wenig an die aus Hitchcocks Englandausflug ‚Frenzy'. Insbesondere die beiden komischen Komissare, die im letzten Teil des Films den Fall Nolas behandeln scheinen direkt aus der chaotischen Abteilung Scotland Yards zu kommen, die in ‚Frenzy' die Krawattenmorde untersucht. Zumindest weisen beide untersuchende Kommissare in beiden Fällen und beiden Filme eine ziemliche Verwandtschaft auf. SPOILERALARM ENDE !!! Neben Scarlett Johansson und Jonathan Rhys-Meyer macht auch Emily Mortimer als Chloe eine gute Figur. Zwar ist ihre Rolle längst nicht so vielschichtig wie die beiden Hauptrollen, doch verkörpert sie die sympathische, leicht neurotische Chloe mit Bravour und Humor. Sie ist die Figur, die noch am ehesten dem gewohnten Allen´schen Figurenarsenal entspricht, eine sehr weitläufige Verwandte von Annie Hall. Den Vergleich an Vielschichtigkeit und Anziehungskraft weder mit Annie Hall noch mit Nola hält sie keine Minute aus, doch ist sie auch gar keine Gegenspielerin für Nola. Vielmehr entschwindet sie aus dem Film, so wie sie eingeführt wurde: humorvoll, leicht neurotisch, naiv, dabei rührend um Chris und ihre Mitmenschen besorgt, sehr liebenswert und unglaublich ahnungslos. Was darüber hinaus an den guten, alten Woody Allen erinnert, ist, daß die Protagonisten geradezu gehetzt von einem Kulturereignis zum nächsten rennen. Ansonsten hat man aber durchaus den Eindruck, als würde der Stadtneurotiker ein neues Kapitel seines Schaffens öffnen. Nach Jahren nur mittelmäßiger Erfolge staute sich das Publikum vor dem gemütlichen Bonner Programmkino bis weit auf die Straße um ‚Match-Point' zu sehen. Also ganz wie in den Zeiten des ‚Stadtneurotiker', ‚Manhattans' und ‚Hannah und ihre Schwestern'. Mit ‚Match-Point' hat Woody Allen sich lautstark zurückgemeldet und einen schon beinahe unerwarteten Erfolg bei Publikum und Kritik gelandet. Möglicherweise, weil es ihm gelang, den zynischen Zeitgeist der Globalisierung und seines unmenschlichen Wettbewerbscharakters genauso treffsicher einzufangen wie einst den Zeitgeist der späten 70er im ‚Stadtneurotiker' und ‚Manhattan' und den der 80er in ‚Hannah'. NOCHMALS SPOILERALARM!!! Chris ist ein Akteur im Marktgeschehen, wie ihn sich die Wall Street wünschen kann. Ohne größere Gewissensbisse entscheidet er sich nicht etwa für die Liebe, sondern für den Profit und da ha Chloe nun mal, gegenüber Nola, einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil. Ist es so abwegig, nach den Regeln des Marktes, wenn Chris bereit ist Nola in dem Moment, in dem sie seinen Profit gefährdet, auch umzubringen? Immerhin verkünden Manager, deren Firmen Milliarden-Gewinne einfahren, ungerührt Massenentlassungen und zerstören so Existenzen ohne nach den sozialen Folgen zu fragen. In einigen Ländern der dritten Welt oder in Schwellenländern (Lateinamerika!) schrecken dieser Leute nicht einmal vor indirekten oder direkten Mord zurück wenn es ihren Verwertungsinteressen dient (auch eine so geringe Gehaltszahlung, daß sich von ihr keine Medikamente finanzieren lassen wenn es keine öffentliche Krankenversicherung gibt, so daß Menschen deswegen sterben müssen, ist Mord!). Sie hätten, meiner Meinung nach, auch hierzulande damit keine Probleme, nur ist dafür die Presse dafür (noch) zu kritisch. Chris setzt nur das in Europa kühl um, was seine Klassengenossen in anderen Ländern schon ganz selbstverständlich praktizieren. Woody Allen legt mit ‚Matchpoint' seinen Finger in DIE Wunden unserer Zeit, die da heißen Kapitalismus und Wettbewerb! SPOILERALARM ENDE!!! Woody Allen ist wieder voll da und man darf gespannt auf seinen nächsten Streich sein, der sich, wieder mit Scarlett Johansson, ja schon in Produktion befindet. By the way: Bislang hatte Woody Allen immer die Angewohnheit, mit den regelmäßigen Stars seiner Filme ein privates Verhältnis zu unterhalten. Man denke nur an die göttliche Dianne Keaton oder an die leider weniger göttliche Nervensäge Mia Farrow (obwohl sie als ‚Hannah' ja schon großartig war – aber eben keine Dianne Keaton). Haben wir da mit der jetzt 22-jährigen Scarlett und dem 70-jährigen Woody bald ein neues Traumpaar? Zu wünschen wär´s ihm ja (ich konnte seine aktuelle Peking-Ente noch nie leiden). Fazit: Woody allen is rissen from the grave. ‚Match-Point' schauen!!! Ralph Fischer Review diskutieren Andere Meinung? Diskutiere diesen Film im badmovies.de-Forum!
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